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Full text of "Jahrbücher Für Psychiatrie Und Neurolo 1896 14"

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Jahrbücher für Psychiatrie 
und Neurologie 
















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JAHRBÜCHER 

für 

PSYCHIATRIE 

und 

NEUROLOGIE. 

HERAUSGEGEBEN 

vom 

Vereine für Psychiatrie und Neurologie 

in Wien. 

REDIGIRT 

▼Oll 

Dr. J. Fritsch, Dr. v. Kram-Ebing, Er. H. Obersteiler, 

Professor ln Wien. Professor in Wien. Professor in Wien. 

Dr. A. Pick, Dr. I. Wagner i. Janregg, 

Professor in Prag. Professor in Wien. 

Unter Verantwortung von 

Dr. J. Fritsch. 

VIERZEHNTER BAND. 


LEIPZIG UND WIEN. 
FRANZ DEUTICKE. 
1896. 


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Die Heiren Mitglieder erhalten von ihren Artikeln 50 Separat- 
Abdrücke imberechnet, eine grössere Anzahl auf Wunsch gegen Erstattung der 
Herstellungskosten, 

Beiträge fiir das nächste Heft werden bis Ende März an Herrn 
Prof. Dr. J. Fritsch in Wien, I. Habsburgergasse 1, erbeten. 


Yerlaas-Nr. 421. 

Alle Rechte Vorbehalten. 

K. u. k. Hofbttchdruckerei Carl Fromme in Wien. 


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Inhalt. 


Seite 

Nachruf: Moriz Gauster • ..I—V 

Krayatsch, Dr. Josef, Reisebericht über den Besuch einiger deutschen 

Idiotenanstalten . 1 

Mayer, Prof. Dr. Carl, Antrittsvorlesung, gehalten anlässlich der Ueber- 

nahme der Innsbrucker psychiatrischen und Nervenklinik ...... 81 

Hlawaczek, Dr., Ein Fall von Myotonia congenita combinirt mit Para¬ 
myotonie . 92 

Schlöss, Dr. Heinrich, Ueber die Beziehungen zwischen Melancholie und 

Verrücktheit.114 

Anton, Prof. G., Zur Balkendegeneration im menschlichen Grosshirn. 

Mit Tafel I.182 

Anton, Prof. G., Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehimganglien 
bei Bewegungsstörungen und insbesondere bei Chorea. Mit Tafel II 

und III.141 

Scarpatetti, Dr. J. v., Ein Fall von Sarcom der Vierhügel imd des linken 

Thalamus opticus. Mit Tafel IV.182 

Boeck, Dr. Emst, Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten 

Fiebers bei Psychosen.199 

Referate.269 

Starlinger, Dr. Josef, Ein Fall von miliarer Embolie des Gehirnes mit 

Degeneration des Markes bei einer Geisteskranken.275 

Pick, Prof. A., Ueber pathologische Träumerei und ihre Beziehungen zur 

Hysterie.• . . 280 

Krayatsch, Dr. Josef, Zur Bettbehandlung chronisch Geistesgestörter . 302 

KrafTt-Ebing, R. v-, Unzucht wider die Natur. Psychische Hermaphrodisie. 
Fragliche Anfälle krankhafter Bewusstlosigkeit epileptoider Art tem¬ 
pore delicti .312 

Hirschl, Dr. Josef Adolf, Die Aetiologie der progressiven Paralyse . . 321 

Jahresbericht 1894/96 . 542 

Wanderversammlung des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Prag 

am 4. und 5. October 1895 545 

Referate.574 

Einladung.577 


175529 


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Moriz Gauster f. 

Im März starb in Wien Dr. Moriz Gauster, k. k. 
Regierungsrath und Director der niederösterreichischen 
Landesirrenanstalt in seinem 68. Lebensjahre. Nicht 
bloss seine Stellung und seine Verdienste um die 
Psychiatrie überhaupt, sondern auch seine langjährige 
Mitgliedschaft im Vereine für Psychiatrie, dessen Vor¬ 
standstellvertreter er seit vielen Jahren war, sichern 
ihm den Anspruch, dass seiner an dieser Stelle mit 
einigen Worten gedacht werde. 

Gauster wurde am 19. Februar 1828 in Wien als 
Sohn eines k. k. Hoftaxators geboren. Er absolvirte die 
philosophischen, sowie die medicinisck-chirurgischen 
Stadien in Wien und wurde daselbst am 16. April 1851 
zum Doctor medicinae promovirt. Er trat hierauf zu¬ 
nächst als Präparand in den alten Irrenthurm ein, wurde 
1852 zum provisorischen Secundararzte im Irrenlazarethe 
und im Januar 1853 zum definitiven Secundararzte in 
der neuerbauten Irrenanstalt am Bründlfelde ernannt. 
Im Jahre 1855 sagte er vorläufig der Psychiatrie Valet 
und ging als Choleraarzt nach Krain. Ein Jahr darauf 
wurde er Bezirksarzt in Stein in Krain. Im Jahre 1864 
wurde er zum Mitglied der Krainer Landesmediciual- 


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II 


Moriz Gauster +. 


commission und im selben Jahre zum Ehrenbürger der 
Stadt Stein ernannt. Im Jahre 1866 erhielt er das 
goldene Verdienstkreuz mit der Krone „in Anerkennung 
des verdienstlichen Wirkens während der Kriegsereig¬ 
nisse” und 1870 wurde er zum Mitglied des krainerischen 
Landessanitätsrathes ernannt. Im Mai 1871 wurde er als 
Bezirksarzt nach der Landeshauptstadt Laibach versetzt. 
Im Herbst desselben Jahres endlich wurde Gauster 
dem Fache seiner Neigung, der Psychiatrie, wieder¬ 
gegeben, indem ihn der niederösterreichische Landes¬ 
ausschuss als Primararzt an die Landesirrenanstalt in 
Wien berief. Dort wirkte er im Vereine mit Spurzheim, 
Meynert, Leidesdorf, Schlager, Kraflt-Ebing und Anderen 
durch 24 Jahre, bis der Tod seinem Wirken ein Ende 
setzte. 1872 wurde er in den niederösterreichischen 
Landessanitätsrath als Beisitzer berufen, welche Function 
er bis zum Tode versah. 

Nach dem Tode Schlager’s, 1885, wurde er zum 
Director der Landesirrenanstalt in Wien ernannt und 
1887 erhielt er „in Anerkennung seines erspriesslichen 
Wirkens auf dem Gebiete der Psychiatrie und öffent¬ 
lichen Gesundheitspflege” den Titel eines Regierungs- 
rathes. 

Gauster hat die psychiatrische Literatur durch eine 
Reihe von kleineren Arbeiten und grösseren Abhand¬ 
lungen bereichert. Schon als junger Secundararzt 
arbeitete er an dem Bericht der Wiener Irrenanstalt für 
die Jahre 1853 und 1854 und bekundete besonders in 
dem, was er über die Bedeutung der pathologisch¬ 
anatomischen und pathologisch-chemischen Forschungen 
für die Psychiatrie sagte, ein tiefes Verständnis und 
einen weit ausschauenden Blick. Von seinen psychiatrisch¬ 
klinischen Aufsätzen ist der umfangreichste die Mono¬ 
graphie über „Psychische Entartungen” aus Maschka's 
Sammelwerk über gerichtliche Medicin (1882). Ausser¬ 
dem wären zu erwähnen eine Monographie über „Morali- 


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Moriz Gauster f. 


in 


sches Irresein” (1879); „die Heilung allgemeiner pro¬ 
gressiver Paralyse” (Jahrbuch für Psychiatrie 1879); „die 
Bromtherapie bei Epilepsie” (Wiener medicinische Presse 
1889) und „die Influenzaepidemie 1889 bis 1890 in der 
Landesirrenanstalt in Wien und ihre Einwirkung auf 
die Psychopathien” (Wiener medicinische Presse 1891). 

Zahlreiche Abhandlungen Gauster’s behandeln ferner 
die Capitel der Irrenstatistik, des Irren- und Anstalts¬ 
wesens und der Irrengesetzgebung. In Bezug auf Irren- 
und Anstaltswesen war Gauster gleich seinem Vorgänger 
Schlager eine Autorität und wnrde sein massgebendes 
Urtheil nicht bloss von seiner Vorgesetzten Behörde, 
dem niederösterreichischen Landesausschusse, sondern 
auch von anderen Behörden eingeholt, so oft es sich 
um den Nenbau einer Irrenanstalt oder die Einführung 
von Reformen an einer bereits bestehenden handelte. 
So wendeten sich nach der Reihe derkärntnerische, der 
böhmische, mährische und galizische Landesausschuss an 
ihn am Rath. 

Die Ausgestaltung der niederösterreichischen Irren¬ 
anstalt in Eierling-Gngging wurde nach seinen Plänen 
durchgefiihrt. 

Man würde aber zu einer ganz unrichtigen Beur- 
theilung Gauster’s kommen, wollte man nnr seine psych¬ 
iatrische Thätigkeit würdigen. Gauster war lange Zeit 
Bezirksarzt gewesen und es entsprach seiner actuellen, 
thatkräftigen Natur, dass er sich auch den Aufgaben 
und Problemen, die in dieser Stellung an ihn heran¬ 
traten, mit allem Feuereifer widmete. Er war dazu von 
Natur aus prädestinirt, denn in ihm steckte neben dem 
Mediciner ein Jurist, und zwar ein Jurist von eminent 
praktischer Begabung, von administrativem Talente. 
Medicinalstatistik und -Gesetzgebung, Sanitätsverwal¬ 
tungskunde, öffentliche Gesundheitspflege, das waren 
seine eigentlichen Domänen. Auf diesen Gebieten war 
er eine unbestrittene Autorität, und wo eine diesbezüg- 


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IV 


Moriz Gauster ■(■. 


liehe Frage zur legislatorischen Entscheidung kommen 
sollte, wurde er als Experte beigezogen. 

Ein Verdienst Gauster’s war die Einführung des 
hygienischen Unterrichtes an den Lehrerbildungsanstalten. 

Er hielt durch mehr als zwölf Jahre unentgeltliche Vor¬ 
träge über allgemeine und Schulhygiene am Wiener 
städtischen Pädagogium und verfasste nach diesen Vor¬ 
trägen ein Lehrbuch der Hygiene für die Lehrerbildungs- * 
anstalten. 

Dass Gauster das ärztliche Vereinswesen und die 
ärztlichen Standesinteressen durch seine Thätigkeit in 
hohem Grade förderte, ist bekannt. Die Errichtung von 
Aerztekammern ist zum grossen Theile sein Verdienst 
und in Anerkennung dessen wählte ihn auch die Wiener 
Aerztekammer zu ihrem ersten Präsidenten. 

Auch in der Geschichte des Wiener psychiatrischen 
Vereines füllt der Name Gauster’s manches Blatt aus. 

Er gehörte dem Vereine seit 1871 an und die Protokolle 
der Vereinssitzungen sind seines Namens voll, sei es 
dass er theils psychiatrisch-klinische Vorträge, theils 
solche über Irrenwesen, Irrengesetzgebung, Statistik etc. 
hielt, sei es dass er anregend und belehrend in die Dis- 
cussionen eingriff. Von 1875—1882 und von 1887 bis zu 
seinem Tode war er Vicepräsident des Vereines, während 
derselben Zeit war er auch Mitherausgeber des Vereins¬ 
organes, zuerst des psychiatrischen Centralblattes und 
dann der psychiatrischen Jahrbücher. Die im Jahre 1887 
angenommenen neuen Statuten des Vereines waren 
Gauster's Werk. 

Gauster war bis ins Innerste durchdrungen von deu 
Grundsätzen der Liberalität und Humanität; er war 
daher ein begeisterter Anhänger der freien Behandlung 
der Irren, zu deren Durchführung er besonders geeignet 
war, da ihn eine tiefe Menschenkenntniss vor Ueber- 
treibüngen und Missgriffen schützte. Gauster’s Arbeits¬ 
kraft und Fleiss war enorm und nur so war es möglich, 


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Moriz Gauster f. 


V 


dass er den vielen Anforderungen gerecht werden konnte, 
welche an ihn gestellt waren, als Director einer grossen 
Irrenanstalt, als Sanitätsrath, als thätiges Mitglied und 
Functionär zahlreicher humanitärer und wissenschaft¬ 
licher Vereine, dass er Zeit fand zur Abhaltung zahl¬ 
loser wissenschaftlicher und populärer Vorträge aus 
allen Capiteln der von ihm beherrschten Gebiete, und 
dass er dabei noch einer umfangreichen Privatpraxis 
genügen konnte. Strenge, wie er gegen sich selbst war, 
war er auch in den Anforderungen, die er an seine 
Untergebenen stellte, aber nie hart; dabei war er 
frei von jedem Autoritätsdünkel, wie es bei Männern in 
seiner Stellung so häufig gefunden wird; er war voll 
Achtung vor der Ueberzeugung jedes Andersdenkenden 
und war gerne bereit, einen Irrthum einzusehen und sich 
von Anderen belehren zu lassen. 

Die wenige Zeit, die ihm seine aufreibende Thätig- 
keit übrig liess, um Mensch zu sein, widmete er als 
zärtlicher Gatte und Vater ausschliesslich seiner Familie. 

Er starb unerschrocken dem Tode ins Antlitz sehend, 
der ihn, bei voller körperlicher und geistiger Frische, 
mitten aus der Arbeit hinwegholte, an einer tückischen 
Influenza-Pneumonie. Friede seiner Asche! 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idioten- 

anstalten. 

Von 

Dr. Josef Krayatsch, 

dirigirender Primararzt der mederösterreichischen Landesirrenanstalt Kierling- 

Gngging. 

Vom hohen niederösterreichischen Landesausschass mit 
der ehrenvollen Sendung betraut, die zur Errichtung einer Anstalt 
für schwachsinnige Kinder als Annex der niederösterreichischen 
Landes-Irrenanstalt Kierling-Gngging nöthigen Erfahrungen zur 
baulichen Anlage und Einrichtung durch Besuch ähnlicher An¬ 
stalten Deutschlands zu sammeln, hatte ich Gelegenheit, eine 
Reihe derselben kennen zu lernen. 

Es liegt auf der Hand, dass bei dem Studium dieser An¬ 
stalten das Hauptgewicht mehr auf die Bauart, praktische 
Gruppirung der Räumlichkeiten, Einrichtung derselben, und auf 
die Erfahrungen ihrer oft langjährigen Vorstände gelegt wurde, 
als auf das Studium des pädagogischen Vorganges, welches 
fachmännisches Wissen voraussetzt. 

Ein Fragebogen, welcher an der Hand einschlägiger Ar¬ 
beiten von Dr. Gustav Brandes: Idiotismus und die Idioten¬ 
anstalten; von Dr. Albrecht Erlenmeyer: Uebersicht der 
schweizerischen Irren- und Idiotenanstalten; von Dr. B. Knapp: 
Besuch von Idiotenanstalten; Bericht über den Besuch von 
Idioten- und Taubstummenanstalten, und schliesslich von Dr. 
Ludwig Pfleger: über Idiotismus und Idiotenanstalten verfasst 
wurde, erleichterte die Aufgabe wesentlich und vermied Fehler, 
welche durch Ausserachtlassung wesentlicher Momente ent¬ 
stehen können. 

JahrMckar f. Psychiatrie n. Mervenh. XIY. Bd. X 


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Dr. Josef Krayatsch. 


Bevor ich zur Wiedergabe der gewonnenen Eindrücke über 
die einzelnen Anstalten schreite, ist es meine Pflicht, den Leitern 
derselben für das der guten Sache gewidmete Entgegenkommen 
bestens zu danken. 

Der Reihe nach wurden besucht: 

1. Die königlich sächsische Landesanstalt für schwach¬ 
sinnige Mädchen in Nossen. 

2. Die königlich sächsische Landesanstalt für schwach¬ 
sinnige Knaben in Gross-Hennersdorf. 

3. Die städtische Idiotenanstalt in Dalldorf bei Berlin. 

4. Die städtische Epileptikeranstalt in Biesdorf bei Berlin. 

5. Die Erziehungsanstalt für blödsinnige Kinder „Wilhelm¬ 
stift” in Potsdam. 

6. Die Anstalt für Epileptische in Potsdam. 

7. Erziehungs- und Pflegeanstalt für schwachsinnige Kinder 
in Langenhagen bei Hannover. 

8. „Hephata”, Erziehungs- und Pflegeanstalt für schwach¬ 
sinnige Kinder in Gladpach, Rheinprovinz. 

9. Erziehungs- und Pflegeanstalt für Schwachsinnige in 
Scheuern, Nassau. 

10. „Alicestift”, Staatsanstalt für blödsinnige Kinder in 
Darmstadt. 

11. Anstalt für Schwachsinnige und Epileptische in Stetten, 
Württemberg. 

12. Schweizerische Anstalt für Epileptische in Zürich- 
Riesbach. 

13. Cretinenanstalt Glött, Station Dillingen in Bayern. 

14. Cretinenanstalt Ecksberg bei Mühldorf in Bayern. 

Ausserdem wurden besucht die Privat-Irren-, Heil- und 

Pflegeanstalt zu Ilten in Hannover, die neue Beobachtungsstation 
der Stadt Stuttgart und die cantonale Irren-Heilanstalt Burg- 
hölzli bei Zürich. 

In Deutschland entwickelte sich die Idiotenfürsorge zu¬ 
nächst aus kleinen Anfängen, indem jugendliche Idioten meist 
unter dem Einflüsse der katholischen und protestantischen Geist¬ 
lichkeit in von Wohlthätern errichteten Anstalten von Geist¬ 
lichen undLehrern erzogen wurden. Einzelne Fälle ausgenommen, 
verblieben auch die heranwachsenden Pfleglinge in der Anstalt, 
theils deswegen, weil sie Zahlpfleglinge waren, theils weil man 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 


3 


sie in Folge ihrer gewerbsmässigen Ausbildung gut verwenden 
konnte, endlich weil man sie ihrer entschiedenen Pflegebedürftig¬ 
keit wegen nicht aus der Anstalt entfernen durfte. 

Diese Gründe und die sich steigernde Nachfrage nach 
einer geordneten Pflege förderten unter Zuhilfenahme von Stif¬ 
tungen und Sammlungen die Entwickelung der jetzt bestehenden 
grossen Anstalten und deren Gliederung in Abtheilungen für 
idiotische Kinder und Erwachsene. 

Die Idiotenanstalt Scheuern bei Nassau ist ein Beispiel der 
angedeuteten Entwickelung, in welcher ein Lehrer (Oester¬ 
reicher von Geburt) vor circa 33 Jahren in einem bescheidenen 
Herrenhause die ersten zwei Kinder aufnahm, zu denen sich 
noch im Laufe der ersten Verpflegsjahre 31 Kinder gesellten. 

Heute verpflegt die Anstalt unter durchgeführter Gruppirung 
nach Geschlecht, Alter, Krankheitsform und Bildungsfähigkeit 
circa 250 Pfleglinge in verschiedenen Gebäuden und colonisirt 
50 Pfleglinge in Langau in einer Mahlmühle. 

Aus den in den Privatanstalten gewonnenen Erfahrungen 
und in Folge des preussischen Gesetzes vom 11. Juli 1891, 
welches allen bedürftigen Idioten und Epileptikern, gleich den 
Blinden und Taubstummen, die Anstaltspflege zuspricht, ergab 
sich die Nothwendigkeit der Errichtung von Anstalten, in welchen 
Idioten ohne Unterschied des Alters und der Krankheitsform zu¬ 
nächst verpflegt oder unterrichtet und die älteren zu einem ihrem 
Intelligenzgrade zusagenden Gewerbe erzogen werden. Früher 
wurden nur die gemeingefährlichen Idioten und Epileptiker in 
den Irrenanstalten verpflegt. 

Die Motive, welche zur Errichtung der ersten Idioten¬ 
anstalten führten, waren zunächst sittlich-religiöser und päda¬ 
gogischer Natur. 

Die Ziele, die sie im Allgemeinen zu erreichen suchten, waren: 

a) Die idiotischen Kinder zur Confirmation vorzubereiten; 

b) sie an Ordnung, Sitte und Reinlichkeit zu gewöhnen; 

c) die vorhandenen Fähigkeiten für ein Gewerbe unter 
Heranziehung eines entsprechenden Schulunterrichtes zu er¬ 
wecken; 

d) endlich die samaritanische Pflege der Vollidioten. . . 

Wenn ferner auch Versuche gemacht wurden, Idioten mit 

religiös-pädagogischen Mitteln zu heilen, sa .beweist dies nur 


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Dr. Josef Krayatsch. 


4'- 

die Nothwendigkeit, die Leitung der Idiotenanstalten Aerzten 
zu äberlassen, welche auf Grund ihrer Studien allein im Stande 
sind, die verschiedenen Formen der Idiotie und ihre mannigfachen 
Ursachen zu erkennen und zu erforschen. 

Das wichtigste Motiv ist nebst der Verpflegung und Er¬ 
ziehung auch die Absperrung der geistig defecten oder mit 
schweren Nervenanfällen behafteten Individuen von der Gesell¬ 
schaft, theils um diese vor den sich oft selbst überlassenen und 
dadurch gemeingefährlichen Geschöpfen zu bewahren, theils um 
der Menschheit deren Nachkommenschaft zu ersparen. 

Mehr noch als der Vollidiot ist es der neuropathisch Ver¬ 
anlagte und moralisch Defecte, welcher, leider nur zu oft 
mit der Diagnose Blödsinn oder Schwachsinn abgefertigt, 
mit seinen rücksichtslosen Ansprüchen an die Gesellschaft 
herantritt und durch seine frühzeitige unbeugsame Genusssucht 
zum Verbrecher und dadurch zur Qual für die Familie, Gesell¬ 
schaft, endlich für die Irrenanstalt wird. 

Aus der Reihe der letzteren stammt das Material unserer 
Säufer mit pathologischen Rauschzuständen und viele Ver¬ 
brecher. 

Wenn rechtzeitig erkannt, gehören sie als Jugendformen in 
eine Abtheilung der Idiotenanstalt, in welcher sie eine strenge, mit 
Disciplinarmitteln ausgestattete Erziehung, eine einfache kräftige 
Kost erhalten und zu einer Beschäftigung angehalten werden. 

Im Königreiche Sachsen sind die beiden bestehenden An¬ 
stalten für bildungsfähige blödsinnige Kinder aus der bereits 
im Jahre 1846 zu demselben Zwecke in Hubertusburg gegrün¬ 
deten Anstalt hervorgegangen, und zwar wurden am 1. Mai 1889 
die für Knaben in Gross-Hennersdorf, am 1. Juni 1889 die für 
Mädchen in Nossen eröffnet. 

Diese beiden Staatsanstalten haben den Zweck, die obli¬ 
gatorische Schulbildung auch auf die Idioten auszudehnen, wo¬ 
durch es den Eltern, Vormündern und Armenverbänden möglich 
wird, ihrer gesetzlichen Erziehungspflicht für die schwach¬ 
sinnigen Kinder, beziehungsweise Pflegebefohlenen nachzukommen. 

Es liegt auf der Hand, dass sich in diesen Anstalten ein 
bildungsfähigeres Material anhäuft, als in Idiotenanstalten anderer 
Staaten und Provinzen des Deutschen Reiches, wo keine obli¬ 
gatorische Erziehungspflicht für Schwachsinnige besteht, da 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 


5 


auch Minderbefähigte ans den Volksschulen seitens der Lehrer 
abgegeben werden dürfen. 

Für Prenssen hat der obligatorische Schulzwang für 
Schwachsinnige keine Giltigkeit, dessenungeachtet liegt das 
Bestreben zu Tage, auch hier die geistesschwachen schulpflichtigen 
Kinder zu erziehen, beziehungsweise zu pflegen und deshalb hat 
Berlin in nachahmenswerther und munificenter Weise zwei 
öffentliche Erziehungsanstalten für Geistes- und Nervenkranke 
errichtet; eine Idiotenerziehungsanstalt in Dalldorf als Anhang 
zur Irrenanstalt und eine Erziehungsanstalt für Epileptiker als 
Anhang zur Epileptikeranstalt in Biesdorf. 

Durch das preussische Gesetz vom 11. Juli 1891 wurde 
den Landes-Armenverbänden die Pflege der bedürftigen Idioten 
und Epileptiker, gleich den der Blinden und Taubstummen, zur 
Pflicht gemacht. In Folge dessen steht die öffentliche Idioten¬ 
fürsorge in Preussen dermalen vor einer staatlich angebahnten 
Reform, da die Errichtung separater Idiotenanstalten geplant, 
einzelne aus der inneren Mission hervorgegangene Anstalten 
verstaatlicht, d. h. in die Provinzialverwaltung übernommen 
werden oder unter Aufsicht und Mitverwaltung der Provinz 
gestellt werden. Zur Unterbringung der Idioten und Epileptiker 
in Anstalten haben nun auch die Irrenärzte in Preussen behufs 
Organisation der provinzialen Fürsorge für Idioten und Epilep¬ 
tiker Stellung genommen und in öffentlichen Versammlungen 
ihre Wünsche klar besprochen. 1 ) 

Zuerst wurde die Wichtigkeit der Idiotenstatistik betont 
und bei dem Mangel einer solchen für Preussen die gewonnenen 
Ziffern in Württemberg, Canton Zürich und in Dänemark zur 
Vergleichung herangezogen. 

Diesen Berechnungen zufolge kam ein Schwachsinniger auf 
500 Einwohner, von den Schwachsinnigen ist der sechste Theil 
anstaltsbedürftig. 

Die Idioten und Epileptiker gemeinsam zu verpflegen kann 
in kleineren Bezirken durchgeführt werden, für grosse Bezirke 
jedoch ist die Trennung angezeigt, wiewohl dieselbe bei dem öfteren 
Bestehen der Epilepsie neben der Idiotie nicht immer strenge 
durcbgeführt werden kann. 


') Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie, Bd. XLIX. 


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6 


Dr. Josef Krayatsch. 


Die weitere Entwickelung der Idiotenförsorge erheischt 
naturgemäss eine Idiotenbildungsanstalt oder eine Erziehungs¬ 
anstalt für schwachsinnige Kinder. An diese reiht sich die Für¬ 
sorge für erwachsene Idioten, die, wenn gemeingefährlich oder 
sonst anstaltsbedürftig, in Pflegeabtheilungen der Irren- oder 
Irrensiechenanstalten abgegeben werden können. 

Die Idioten-Bildnngsanstalt oder Erziehungsanstalt für 
schwachsinnige Kinder ist nur unter einer ärztlichen Leitung 
möglich, indem die Erziehung nnd Bildung der Idioten nur auf 
Grundlage der Erkenntniss des Krankheitsprocesses, auf welchem 
eben die Idiotie besteht, erfolgen kann. 

Auch fordert die Behandlung der zahlreichen Leiden, welche 
die Hirn- und Nervenkrankheiten des Idioten veranlassen und 
begleiten, die dauernde Anwesenheit eines Arztes, abgesehen 
davon, dass das Studium der Idiotie für die Fortentwickelung 
der Hirnpathologie von grösster Wichtigkeit ist. 

Hinsichtlich der Unterbringung der Idioten gingen die 
Anschauungen auseinander. Die Einen erklärten die Gründung 
besonderer für sich bestehender Idiotenanstalten als nicht er¬ 
forderlich, da eine Idiotenerziehungsanstalt von bescheidenem 
Umfange an die eine oder andere öffentliche Irrenanstalt ange¬ 
schlossen werden kann, wie in Berlin und Paris; die Anderen 
verlangten eine Vereinigung aller Kategorien idiotischer und 
epileptischer Kranker in grossen gemeinsamen Anstalten und 
eine ärztlich und pädagogisch gut ausgestattete Erziehungs¬ 
abtheilung für idiotische nnd epileptische Kinder. 

Einstimmig wurde betont, dass der Schwerpunkt der Idioten¬ 
anstaltsfürsorge in der Erziehung liegen müsse, insofern dadurch 
manche Idioten der Anstaltspflege später nicht mehr bedürftig 
werden. 

Vor allem ist es nothwendig, die bildungsfähigen Idioten 
erwerbsfähig zu machen; es ist daher mehr auf die Erziehung, 
als auf den Unterricht Werth zu legen. 

Anch wurde der Begriff der Idiotie festgesetzt und die 
Idioten als Geisteskranke bezeichnet, welche von Geburt oder 
früher Jugend an dauernd schwach- oder blödsinnig sind. 

Hierzu werden gerechnet: 

a) Idiotie bei Hydrocephalus; 

b) Idiotie in Folge regelwidriger Kleinheit des Gehirnes; 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 


7 


c) Idiotie in Folge von Missbildung und EntwickelungS' 
hemmung des Gehirnes; 

d) Idiotie in Folge von Hirnsclerose; 

e) Idiotie nach Meningitis und 

f) Idiotie bei Myxödem. 


1. Nossen (Königreich Sachsen). 

Landesanstalt für schwachsinnige Mädchen im Alter von 
5 bis 15 Jahren, mit Ausschluss der Epileptischen, welche in 
Hochweitschen verpflegt werden, unter der Leitung des Ober¬ 
lehrers Reichelt. Sitz der Direction in Dresden, Director Hof¬ 
rath Bittner, Chef der Blindenanstalt. 

Die Anstalt besteht seit 1. Juni 1889, nachdem die im 
Jahre 1845 zu Hubertusburg gegründete staatliche Erziehungs¬ 
anstalt für blödsinnige Bänder geschlossen wurde. 

Am 21. Juni v. J. war der Verpflegsstand 160 Mädchen. 
Dieselben werden eingetheilt in Zöglinge und Pfleglinge. Zu den 
ersteren gehören 80 bildungsfähige und 40 beschäftigungsfähige; 
zu den letzteren gehören 40 unbildungsfähige Schwachsinnige, 
welche in den Pflegeabtheilungen untergebracht sind. 

Die Anstalt befindet sich in einem alten Schlosse, welches 
aus dem Jahre 1626 stammt und früher als Gefangniss verwendet 
wurde. Ein Flügel des Schlosses beherbergt noch heute das 
Amtsgericht. 

Im Erdgeschosse befinden sich die Küche und der Betsaal, 
in den nächsten Stockwerken sind die Abtheilungen für Pflege¬ 
bedürftige und die Schulzimmer. 

Die Pflegeabtheilungen bestehen aus Gruppen von 12 bis 14 
Pfleglingen unter der Aufsicht von zwei Pflegerinnen, und befinden 
sich die Pfleglinge tagsüber in einem entsprechend grossen Tag¬ 
raume, in welchem sie auch ausgespeist werden. 

Als Schlafsäle für die Zöglinge dient der verschalte und 
abgetheilte Dachboden bis zu 20 Betten in einem Raume. Die 
Einrichtung der Schlafzimmer ist eine höchst einfache. Das Bett, 
aus weichem Holze und lackirt, enthält einen Strohsack und Feder¬ 
betten. Am Fussende des Bettes befindet sich ein im Charnier 
bewegliches und aufstellbares Tischchen zum Aufbewahren der 
Kleider. Neben den Schlafsälen sind grosse Waschräume, in 


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8 


Dr. Josef Krayatsch. 


welchen für jeden Pflegling ein Waschbecken sammt Handtuch, 
Eeiblappen, sowie ein Glas zum Ausspülen des Mundes auf einem 
Gestell zur Verfügung steht. 

Die äusserst bescheidene Badeabtheilung besitzt zehn Zink¬ 
wannen, welche Zahl als ungenügend bezeichnet wird. 

Die Zöglinge erhalten wöchentlich ein Reinigungsbad, die 
Pfleglinge je nach Bedarf und wöchentlich zwei Seesalzbäder. 

Die Abortanlagen sind mit Rücksicht auf die alte Bauanlage 
des Schlosses zu einer anderen Verwendung recht ungelegen. 
Viele Abortspiegel werden verlangt, weil die Pfleglinge in Gruppen 
zur Befriedigung des Bedürfnisses öfters im Tage geführt werden 
müssen. Auf der Pflegeabtheilung stehen Torfmullleibstühle mit 
Selbststreuung in Verwendung. 

Die breiten, gewölbten Corridore werden als Spielräume 
und zu Spaziergängen bei schlechtem Wetter, theilweise auch 
als Tagräume verwendet. 

Den Zöglingen steht ein gemeinsamer Speisesaal zur Ver¬ 
fügung und gruppiren sich dieselben zu 20 Köpfen mit zwei 
Pflegerinnen an den einzelnen Tischen. Die Eintheilung muss 
zufolge der Gruppenerziehung auch beim Schlafen, Spielen, beim 
Schulbesuche und bei der Arbeit ein gehalten werden. 

Die Ausspeisung der Zöglinge und Pfleglinge erfolgt ent¬ 
weder nach der Normalkost oder nach der Krankenkost. Das 
Fleisch wird derart berechnet, dass am Sonntage auf zehn Köpfe 
2-50 Kilogramm, am Wochentage 0 75 Kilogramm Rindfleisch 
kommen. 

Die Kinder erhalten ausserdem die im angefügten Speise¬ 
zettel verzeichneten Speisen zu verschiedenen Mahlzeiten. 

Zum zweiten Frühstück und zur Jause erhalten sie Brot 
mitButter, Schweinschmalz oderObst. Die Milchportion ist 0 5 Liter. 

Die Wäschereinigung erfolgt ausserhalb der Anstalt in der 
Weiberstrafanstalt Waldheim. 

Die schönsten Räumlichkeiten des Schlosses werden zu 
Schulzimmern verwendet Die Kinder sitzen in gewöhnlichen 
Schulbänken, die Einrichtung ist die einer reichlich ausgestatteten 
Schule mit Karten, Bildern und Kästen mit Gegenständen zum 
Anschauungsunterrichte. 

Dem angescblossenen Stundenpläne zufolge werden die 
bildungsfähigen Zöglinge in acht Classen unterrichtet, und zwar 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 


9 


Classe acht, sieben und sechs Kindergarten, fünf Uebungsschule, 
vier, drei, zwei und eins Volksschule. 

Zu den im Stundenpläne angeführten Beschäftigungen werden 
die Zöglinge der Beschäftigungsabtheilung herangezogen. 

Der Lehrkörper besteht aus einem Oberlehrer, einem Lehrer 
und fünf geprüften Kindergärtnerinnen, und ausserdem 24 Pflege¬ 
rinnen, welche im Pflegerhause zu Hubertusburg erzogen wurden. 

Die Pflegerinnen beziehen einen monatlichen Gehalt von 
27 bis 35 Mark nebst Verköstigung, welche mit 270 Mark pro 
Jahr berechnet wird. 

Sie schlafen mit den Zöglingen in demselben Schlafraume, 
nur ist das Bett mit Vorhängen abgetheilt, speisen mit ihrer 
Gruppe Zöglinge bei Tisch im grossen Speisesaal und haben ein 
separates gemeinsames Zimmer zur Aufbewahrung ihrer Kleider. 

Die Erziehungsanstalt hat die Aufgabe, die Zöglinge dem 
vorgeschriebenen Lehrplan einer Volksschule entsprechend aus¬ 
zubilden. Ebenso wird der Religionsunterricht von den Lehrern 
bis zur Conflrmation geleitet, zu welcher die Zöglinge nach 
abgelegter Prüfung und Zustimmung seitens des Pastors zu¬ 
gelassen werden. 

In die eigentliche Schule gelangen die Kinder nach Passirung 
des Kindergartens und der Uebergangsclasse, und werden bei 
nachgewiesener Bildungsfähigkeit jedoch bei bestehender Be¬ 
schäftigungsfähigkeit der Beschäftigungsabtheilung zugewiesen. 

Im Kindergarten werden die Zöglinge nach dem Fröbel- 
System beschäftigt, jedoch schon auch mit Lesen und Schreiben 
Versuche gemacht. 

Die Beschäftigung der Mädchen bezweckt ausschliesslich 
die Verwendung derselben in den weiblichen Handarbeiten, in 
der Küche und im Gemüsegarten. 

Den Zöglingen werden Vergnügungen verschiedener Art 
zutheil, und besonders nationale und Schulfeste gefeiert und 
Ausflüge in die Umgebung unternommen. 

Die Entlassung erfolgt wenn möglich nach der Confirmation 
und Ausbildung entweder ins Elternhaus oder nach Auswahl 
durch die Direction zu Pflegeeltern, wo sie als Mägde Ver¬ 
wendung finden. 

Von den im Laufe der Jahre aus den staatlichen Anstalten 
Sachsens 300 Entlassenen sind etwa die Hälfte erwerbsfähig. 


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10 


Dr. Josef Kray ätsch. 


In Sachsen wird die Errichtung einer reinen Erziehungs¬ 
anstalt mit Ausschluss der Pflegeabtheilung angestrebt. Die 
Bildungsunfähigen jeglichen Alters gehen an die Irrenanstalten ab. 

Die Prüfungsdauer behufs Bildungsfähigkeit währt 1 bis 
2 Jahre. 

Die Anstalt wird täglich von einem ausserhalb der Anstalt 
wohnenden Arzte besucht. Ein Normale für denselben existirt 
nicht; dagegen ist er verpflichtet, sämmtliche Abtheilungen zu 
begehen, die Zöglinge und besonders die Pfleglinge auf etwa 
bestehende Krankheiten zu mustern und die Behandlung der 
Pfleglinge am Lazareth zu führen. 

Erziehungs- oder Krankengeschichten werden nicht geführt. 

Alle Zöglinge werden im 12. Lebensjahre revaccinirt. 

Trachom vorhanden. 

Isolirräume oder Epidemiezimmer bestehen nicht. 

Beheizung mittelst gewöhnlicher Oefen, Beleuchtung mit 
Petroleumlampen. 


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Hausordnung. 


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Hausordnung der Anstalt Nossen (Sommerhalbjahr). 


12 


Dr. Josef Krayatseh 



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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten 


13 


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14 


Dr. Josef Krayatsch. 


Stunden- 

der Anstalt zu 


Zeit 

Montag 

... 

Dienstag 

Mittwoch 

8-’/ 4 9 

I. Bibi. Gescb. 

II. * * 

III. Gesch. n. Bild. 

IV. Schreiblesen 

V. Ausschneiden 

VI. Erbsenarbeiten 
VH.lAnsch. -Unterr. 
VHI.J u. Sprachübg. 

1. Katechismus 

II. Bibi. G.m. Kat. 

III. An sch.-Unterr. 

IV. Themen für die 
Anschauung 

V. Zählübungen 

VI. Ansch.-Uebgn. 

VII. \ 

VIII i Selbstbedienen 

I. Bibi. Gesch. 

II. Bibi. G. m.Kat. 
HI. Bibi. Gesch. 

IV. Tuchleistenfl. 

V.) Themen für die 

VI. / Anschauung 

VII. ) Anschauungs- 
VTII./ und Sprachüb. 

3 /«9—9 

I. und VIII. 
Freiübungen 

I—VIII. 
Freiübungen 

I.—VHI. 
Freiübungen 

V. 10—>/ 4 U 

I. Schreib, u. Les. 
II. n n n 

ID. Schreiblesen 

IV. Ausnähen 

V.) Heiraat- 
VI./ künde 

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I. 1 Schreiben und 

II. J Lesen 

III. Schreiblesen 

IV. Zählübungen 

V. Stricken 

VT. Zählübungen 

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I.) Schreiben und 
n.J Lesen 

III. Schreiblesen 

IV. Auswendig! 

V. Flechten nach 

Fröbel 

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Freiübungen 

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Freiübungen 

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Freiübungen 

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II ? Heimatkunde 

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IV. Stricken 

V.) Auswendig- 
VI.J lernen 

VII. 1 Flechten nach 
VHI.J Fröbel 

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II ? Rechnen 

III. ) 

IV. Ausnähen 

V. Bauen 

VT. Stricken 

VH.) „ , 

VTH.J ^ a Hcn 

I. Formenlehre 

II. Naturgesch. 

Hl. Auswendig! 

IV. Stricken 

V. Schreiblesen 

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I.—H. Turnen 
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I.—H. Turnen 

IH.—VIH. Freiübgn. 


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Reisebericht (über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 15 


plan 

Nossen (Vormittags). 


Donnerstag 

Freitag 

Sonnabend 

1 

1 I. 

II- 

III. 

IV. 
VA 

I VL 

VII. 

1 VIII. 

1 

Katechismus 

Bibi. G. m. Kat. 

Naturgeschichte 

Schreiblesen 

Erbsenarbeiteil 

I. Bibi. Geschichte 

H. „ 

HI. Bibi. G. n. Büd. 
IV. Thein, f. d. Naturg. 
V. Schreiblesen 

VI. Ansch.-Unterr. 

viia 

Vinj Selbstbedienen 

I. Katechismus 

II. Formenlehre 
in. Ansch.-Unterr. 

IV. Tuchleistenflecht 

V. Stricken 

VI. Them. f. d. Naturg. 
VTCA Anschauungs- u. 
VIII. J Sprachübung 

I. -VTH. Freiübungen 

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I.—VIII. Freiübungen I.—VIÜ. Freiübungen 

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Schreiben und 
Lesen 

Schreiblesen 

> Zählungen 

Stäbchenlegen 

IA Schreiben und 

U.J Lesen 

IH. Schreiblesen 

IV. Stricken 

VA Ausnähen für den 
VI.J Schulunterricht 

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ym | Kettenreihen 

l.y Schreiben und 

II.J Lesen 

IU. Schreiblesen 

IV. Auswendiglernen 

VA Flechten nach 

VI.J Fröbel 

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I. —VIII. Freiübungen 

I. — VIII. Freiübungen 

I.-VIH. Freiübungen 

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VI. Auswendiglernen 
VII. \ Flechten nach 
Vm.J Fröbel 

L l 

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IV. Stricken 

VA 

yj > Selbstbedienen 
VIIA 

VIII 1 Auswendiglernen 

I. Naturgeschichte 

jjj J Schuhereinigen 

IV. Stricken 

VA 

yj } Schreiblesen 

vn.i 4 

VIII 1 Ausnähen 

I.—II. Turnen 

LH.—VIII. Freiübungen 

I.—11. Turnen 

III.—VIII. Freiübungen 

I.—II. Turnen 
in.—VUI. Freiübungen 


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16 


Dr. Josef Krayatsch. 


Stunden- 

der Anstalt zu 


Zeit 

Montag 

Dienstag 

Mittwoch 

2— 3 /«3 

I. Rohrstuhlflecht. 
II. Nähen 

UI. Tuchleistenfl. 

IV I 

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YI.J 

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1. Nähen 

II. Stricken 

III. Rohrstuhlfl. 

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II. 

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I. Rohrstuhlfl. 

II. Nähen 

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VI. Bauen 

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1. Nähen 

II. Stricken 

III. Rohrstuhlfl. 

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VI. Stricken 

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I. 

II. 

III. 

IV. 
V. 

VI. 

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Freiübungen 

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Freiübungen 

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VI. 1 

VII. I 

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VI. 1 

VII. I 

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| Stricken 

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Hausarbeit 

III.-IV. 

Turnen 

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Freizeit 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 17 


plan 

Nossen (Nachmittags). 


Donnerstag 


I. Rohrstuhlflechten 
III} ^ ä ^en 

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Thonen 

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Schreiblesen 


Freitag 


Sonnabend 


f. Nähen 

II. Rohrstuhlflechten 

III. Tuchleistenflecht. 

IV I 

^ •/ Schreiblesen 
VI.) 

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VIII I Sortiren 


Gesang 


I. —VIII. Freiübungen I.—VIII. Freiübungen ; 1.—VIII. Freiübungen 



VIII. 


I. Rohrstuhlflechten 

HI J Nähen 

IV.) 

y j Naturgeschichte 
VI. Ansch.-Unterricht 

VIII} ^ usn ^ben 


I.—VIII. Freiübungen 


I. 

II. 

III. 

IV. 
V. 

VI. 

VII. 

VIII. 


Nähen 

Rohrstuhlflechten 
Auönähen für die 
Heimatkunde 

1 Ansch.-Unterr. 
Stricken 
k Ausnähen 


I. 

II. 

III. 

IV. 

V. 

VI. 

VII. 

VIII. 


I - VIII. Freiübungen I.—VIII. Freiübungen 


n j Modelliren 

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III. 

Stricken 

III. > Hausarbeit 

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1. — II. Hausarbeit 

III.—IV. Turnen 

V.—VIII. Freizeit 


Jahrbücher f. PeycMntrle u. Nerven!*. XIV. Hd. 


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Speisezettel der Landesanstalt Nossen 
auf die Woche vom 1. bis 7. April 1894.' 


18 


Dr. Josef Krayatsoh. 



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III. Classe Rindfleisch fleisch ß^ utwurst Rindfleisch Salzkartoffeln Rindfleisch Schweine 

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Reisebericht über den Besuch einiger dentscher Idiotenanstalten. 19 


2. Gross-Hennersdorf (Königreich Sachsen). 

Königliche Landesanstalt für schwachsinnige Knaben im 
Alter von 5 bis 15 Jahren mit Ausschluss der Epileptiker. 

Pädagogischer Leiter Oberlehrer Nietsche. 

Nach Aufhebung der staatlichen Erziehungsanstalt für 
bildungsfähige blödsinnige Kinder in Hubertusburg wurde die 
Landesanstalt für schwachsinnige Knaben am 18. Juni 1889 in 
Gross-Hennersdorf bei Herrnhut eröffnet. Diese und die vorher¬ 
gehende Anstalt stehen unter pädagogischer Leitung und unter 
gemeinsamer Direction mit dem Sitze in Dresden, welche dem 
Ministerium verantwortlich ist. Ein vom Ministerium genehmigtes 
Regulativ, welches im Anhänge auszugsweise angeschlossen 
wird, sichert ein einheitliches Vorgehen in den getrennten 
Anstalten. 

In der Anstalt, welche sich in einem drei Stock hohen 
Gebäude einer ehemaligen Correctionsanstalt befindet, wurden 
am 23. Juni 1894 243 Knaben verpflegt. 

Dieses Gebäude und die zur Wirtschaft gehörigen Objecte 
umgrenzen einen geräumigen Wirthschaftshof, welcher gleich¬ 
zeitig einen Spiel- und Tummelplatz für die Knaben abgibt und 
auch Turngeräte enthält. 

Zur Anstalt gehören 21 Hektar Felder und Gemüseacker, 
welche von den Zöglingen bewirtschaftet werden. 

Die Wohn- und Schulräume, Krankenzimmer etc. münden 
seitlich in einen schlecht beleuchteten, jedoch sehr breiten 
Corridor. An Unterkunftsräumen sind vorhanden: Für die Pflege¬ 
abtheilung 2 Tagräume für je 20 unreine, tief verblödete Knaben; 
ausserdem 1 Zimmer für 10 bettlägerige Pfleglinge, gleich an- 
stossend 1 Badezimmer. 

Die Bäume für die Bildungsfähigen sind: 3 grosse Schlaf¬ 
zimmer k 60 Betten, 1 Zimmer mit 40 und 1 mit 30 Betten 
am Dachboden in verschalten Räumen, 1 grosser Speisesaal, 
in welchem 160 Knaben an langen Tischen in Gruppen zu 
12 bis 16 Personen unter Aufsicht von je 2 Pflegern (Helfern) 
ihre Mahlzeiten einnehmen. 

Ausser den Schulzimmern und Werkstätten befinden sich 
Tagräume, welche zugleich als Beschäftigungsräume dienen. Für 
die Unreinen genügt der Tagraum gleich als Speisesaal. 

2 * 


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20 


Dr. Josef Krayatsch. 


Die Einrichtung der genannten Säle ist einfach, die Wände 
mit Oel gestrichen. Alle Fenster sind mit Schlüssel abzusperren 
und die Fenster der Corridore theilweise mit Drahtnetz ge¬ 
schützt, die Fussböden tlieils aus Brettern, theils aus Asphalt. 
Die Betten sind Holzbetten, die Seitentheile im Charnier be¬ 
weglich und aufzuklappen, am Fussende ein im Charnier beweg¬ 
liches Bänkchen zum Niedersetzen beim Auskleiden und Auf¬ 
bewahren der Kleider während der Schlafenszeit. 

Die Betten sind in 3 Grössen vorhanden, uud zwar: 
Grösse I 60/125, II 65/145, III 80/185. 

Die Betten enthalten: 1 Brettereinsatz, Polster aus Holz¬ 
faser oder Strohsack, Federkopfpolster und Oberbett. 

Sämmtliche Zöglinge haben Nachtjacken, die unreinen 
werden ausserdem in Windeln in der Grösse von 1 Quadrat¬ 
meter eingeschlagen. 

Vor der Errichtung von Sälen mit grosser Bettenzahl 
wird wegen der grossen Unruhe gewarnt, dagegen kleine Schlaf¬ 
zimmer zur Unterbringung von 14 bis 16 Pfleglingen und 
2 Pflegern empfohlen. 

Die Waschräume für die Zöglinge sind gross, da ein jeder 
seine eigene Waschstelle besitzt. Das Metallbecken besitzt am 
Grunde einen Ablauf, welcher bei der Benützung verstopft wird. 
Ueber jedem Becken befindet sich eine Kalt- und Warmwasser¬ 
leitung. Die Badezimmer sind im Erdgeschosse untergebracht 
und enthalten so viel Badewannen, dass immer eine Erziehungs¬ 
gruppe unter der Aufsicht ihres Helfers zu gleicher Zeit gebadet 
werden kann. Die unreinen hilflosen Pfleglinge werden täglich 
gebadet. Die Zahnpflege vor dem Schlafen ist obligat. Jeder 
Pflegling erhält eine aufseine Nummer im Hauptstandesprotokolle 
gemärkte Garnitur Kleider aus blauem, waschbaren Drilch, 
Wäsche, Handtuch, Reiblappen und Zahnbürste. 

Die Aborte sind einfach, ohne Wasserabschluss und zeigen 
keine bemerkenswerthen Anlagen. Eine Forderung geht dahin, 
recht viel Abortspiegel zur Verfügung zu haben (1:10), weil die 
Kinder gruppenweise mehrmals des Tages und zwar nach Schul¬ 
schluss, nach der Arbeit und jeder Mahlzeit auf die Aborte 
geführt werden müssen. 

In den Schlafzimmern und in den Abtheilungen sind Zimmer¬ 
aborte mit Torfstreu. 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 21 

Die Rumpelkammern enthalten die Schmutzwäsche in Körben, 
daselbst wird auch die Schuhreinigung vorgenommen; die gesammte 
Wäsche wird ausserhalb der Anstalt gewaschen. 

Die Verköstigung der Zöglinge und Pfleglinge ist gleich 
der in Nossen. Die Zeit der Ausspeisung und die Art der Speisen 
ist im Speisezettel und in der Hausordnung ersichtlich. 

Vor dem Essen versammeln sich die Knaben zugsweise 
unter Führung ihres Pflegers, der mit ihnen schläft, isst, spielt 
und arbeitet, und begeben sich zu ihren Tischen, legen das Ober¬ 
kleid ab, gehen in die Waschzimmer und reinigen sich Hände, 
Gesicht, dann gehen sie neuerdings zu Tisch und beten unter 
Leitung des diensthabenden Lehrers ihr vorgeschriebenes Tisch¬ 
gebet vor dem Essen. Auf das Commando „nieder” setzen sie 
sich und erhalten alle eine gleiche Portion Normalkost. 

Am Besuchstage erhielten die Knaben Fische in Sauce 
mit Kartoffeln, dem Maasse nach erhielt jeder nahezu 1 Liter 
zugemessen. Die Suppe entfällt Mittags als nicht landesüblich. 
Der Wärter erhält dieselbe Kost und eine Ration Bier. 

Nach dem Essen erheben sich die Knaben auf das Commando 
„auf’ zum Dankgebet, um dann abtheilungsweise die Spielplätze 
aufzusuchen. 

Für die Beköstigung der III. Classe werden 24 Pfennige 
ausgelegt, die Kost ist äusserst einfach, jedoch nahrhaft. 

Das gesammte Essgeschirr wird in der Küche gescheuert. 

Die Zöglinge werden vorwaltend bei der Landwirtschaft 
beschäftigt. 

Daneben sind Werkstätten für Korb- und Strohflechterei. 
Eine ziemlich einträgliche Beschäftigung dieser Anstalt ist das 
Verfertigen von Rohrgeweben aus Schilfrohr, welches von den 
Maurern zur Herstellung von Plafonds verwendet wird. 

Bei Handwerksarbeiten, welche eine grössere Intelligenz 
voraussetzen, werden sie nur selten verwendet, da grundsätzlich 
in dieser Anstalt nebst der Erziehung und Unterricht darauf 
Werth gelegt wird, landwirtschaftliche Arbeiter zu erziehen, 
die mit Rücksicht auf die heutige Strömung unter den 
Arbeitern in der dortigen Gegend als billige Arbeitskraft ge¬ 
sucht werden. 

Der Lehrkörper und die ärztliche Stellung entsprechen der 
Einrichtung in Nossen. 


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22 


Dr. Josef Krayatsch. 


Die am Besuchstage Verpflegten gruppiren sich in 50 Pfleg¬ 
linge, 80 Schaler und 113 Arbeiter. 

Durch Tod gingen im Jahre 1893 ab 5 von 230. Die 
hygienischen Verhältnisse dieser genannten Anstalt sind dennoch 
nicht mustergiltig zu nennen, da die gründliche Separation z. B. 
von Trachomfällen flicht vorgenommen werden kann. 

Ganz unglaublich klingt die Bestimmung, dass ein Stroh - 
sack sammt Füllung eine festgesetzte Benützungsdauer hat and 
dass die mit Eoth und Urin durchtränkten Strohsäcke, nachdem 
sie oberflächlich abgewaschen werden, in einer zu diesem Zwecke 
errichteten Trockenstnbe auf Latten getrocknet werden. 

Die Entlassungsart ist gleich der in Nossen und erfolgt 
nach Ablauf des 15., ausnahmsweise auch nach dem 18. Lebens¬ 
jahre. Es bängt dies vorzugsweise von der Geschlechtsent¬ 
wickelung ab. 

Den Fremden werden sie gegen Revers einer guten Ver¬ 
pflegung und Behandlung übergeben, nach Thunlichkeit in der 
Nähe der Anstalt behufs Ueberwachung. 

Den Versuch, eine Gruppe von 14 Zöglingen als Taglöbner 
in einer Fabrik unter Aufsicht eines Pflegers gegen Entlohnung 
und Verköstigung zu beschäftigen, bezeichnet der Anstaltsleiter 
als sehr gelungen. 


Die wichtigsten Bestimmungen des Regulativs 

für die Unterbringung in die Anstalten Gross-Hennersdorf und Nossen. 

Anstaltszweck. 

1. Im Allgemeinen. 

Die Anstalt Gross-Hennersdorf ist bestimmt, schwachsinnige 
Knaben, die Anstalt Nossen schwachsinnige Mädchen zu erziehen 
und möglichst zur Erwerbsfähigkeit heranzubilden, nicht bildungs¬ 
fähigen dergleichen Kindern aber angemessene Pflege zutheil 
werden zu lassen. 

2. Erleichterung von Erziehungspflichten. 

Durch die Anstaltseinrichtungen soll zugleich Eltern, Vor¬ 
mündern und Armenverbänden die Möglichkeit geboten werden, 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 23 


ihren bezüglichen Erziehungspflichten zu genügen, wenn sie dazu 
sonst nicht in der Lage sind. 

3. Ausschliessungsgründe. 

Ausgeschlossen sind von der Aufnahme: 

a) Mit einer ansteckenden Krankheit Behaftete; 

b) Epileptische, dafern sie in einer Anstalt für Epileptische 
Aufnahme finden können; 

c) Blinde, Taubstumme oder sonst mit einem schweren 
körperlichen Gebrechen Behaftete; 

d) Kinder unter 6 Jahren; 

e) Personen, welche in der Entwickelung so weit vor¬ 
geschritten sind, dass sie sich für die Anstalt nicht mehr eignen. 

4. Anstaltsleistungen. 

Den AnstaltszGglingen wird gewährt: Die nOthige Ver¬ 
pflegung, ferner Erziehung, Unterricht, Unterweisung und Uebung 
in nützlichen Arbeiten, sowie im Bedarfsfälle die nOthige Kranken¬ 
pflege, ärztliche Behandlung nebst den erforderlichen Heilmitteln. 

5. Aufnahmeantrag. 

Behördliche Vermittlung. Die Vermittlung der Aufnahme 
ist in der Regel bei der Gemeinde des Aufenthaltsortes des 
Aufzunehmenden nachzusuchen. 

Diese Behörde hat, die Unterbringung mag auf Antrag der 
Betheiligten oder auf Verlangen der Vormundschafts- oder der 
Schulbehörde oder aus polizeilichen Gründen in Frage kommen, 
wegen Auswirkung der Aufnahmegenehmigung das Weitere 
einzuleiten. 

Der Aufnahmeantrag ist in allen Fällen an die Anstalt 
zu richten. 

6. Unterlagen. 

a) Aerztliches Zeugniss; 

b) Verbindlichkeitserklärung wegen der Kosten; 

e) obrigkeitliche Bescheinigung der Staatsangehörigkeit und 
des Unterstützungswohnsitzes; 

d) Taufzeugniss; bei Nichtchristen Geburtsscheine; 


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24 


Dr. Josef Krayatsch. 


' e) eingehende Darstellung der Erziehung, Schulbildung, 
geistigen Entwickelung und des Betragens des Aufzunehmenden. 

7. Persönliche Vorstellung des Unterzubringenden. 

Ist es zweifelhaft, ob der Unterzubringende sich zur Auf¬ 
nahme eignet, so kann persönliche Vorstellung desselben ver¬ 
langt oder nach Umständen eine Untersuchung und Prüfung des 
Unterzubringenden an seinem Aufenthaltsorte seitens des Anstalts¬ 
vorstandes oder eines Beauftragten desselben vorgenommen werden. 

Eignet sich der Unterzubringende nicht für die Anstalt 
oder bestehen sonst Bedenken gegen die Aufnahme, so ist die¬ 
selbe unter Angabe der Gründe abzulehnen. 

8. Bescheinigung betreffs ansteckender Krankheiten. 

Die Annahme kann verweigert werden, wenn nicht eine 
Bescheinigung der Ortsobrigkeit darüber mitgebracht wird, dass 
seit 6 Wochen in der Familie, dem Hause und der sonstigen 
Umgebung des Aufzunehmenden eine ansteckende Krankheit nicht 
wahrzunehmen gewesen ist. 

9. Kleidung. 

Die Kleidungsstücke, in welchen die Aufzunehmenden in 
die Anstalt gelangen, werden alsbald nach erfolgter Aufnahme 
an die Angehörigen oder Behörden zurückgegeben. 

10. Höhe der Verpflegsbeiträge, 

Der Verpflegsbeitrag belauft sich zur Zeit und bis auf 
Weiteres: 

a) Nach dem regelmässigen Satze für Sachsen auf 288 Mark 
jährlich; 

b) für Ortsarmenverbände des Königreiches Sachsen auf 
144 Mark jährlich; 

c) für den Landarmenverband des Königreiches Sachsen auf 
288 Mark jährlich; 

d) nach dem Satze für Nichtsachsen 1080 Mark jährlich. 

11. Entlassung. 

Entlassung auf Entschliessung des Anstaltsvorstandes. 

Auf Entschliessung des Anstaltsvorstandes erfolgt die Ent¬ 
lassung eines Zöglings: 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 25 

a) Wenn der Zögling diejenige Ausbildung erlangt hat, zu 
der er vermöge seiner Beanlagung fähig ist; 

bj wenn der Zögling nach seinem Alter, beziehungsweise 
seiner körperlichen Entwickelung der Anstalt entwachsen ist 

12. Beurlaubung als Vorstufe der Entlassung. 

In geeigneten Fällen gebt der Entlassung ein Versuch 
mittelst Beurlaubung voran, um zu prüfen, ob die in der Anstalt 
erzielten Ergebnisse der Erziehung, beziehungsweise Ausbildung 
sich auch in den mannigfachen Berührungen ausserhalb der 
Anstalt bewähren. 


Fragebogen 

als Grundlage zur ärztlichen Begutachtung blöd¬ 
sinniger Kinder bei ihrer Aufnahme in Nossen und 
Gross-Hennersdorf. 

1. Vor- undZunahme des Kindes nebst Wohn- und Heimatsort? 

2. Wie alt ist es? 

3. Wer sind die Eltern des Kindes? In welchem Alter 
stehen dieselben? Welches ist ihr Stand? Sind sie miteinander 
blutsverwandt? Sind sie dem Trünke ergeben? 

4. Sind in der Familie des Kindes Fälle von Geisteskrank¬ 
heiten oder von Epilepsie und von anderen schweren Nerven¬ 
krankheiten vorgekommen? 

5. Sind in dem Wohnort des Kindes bereits Fälle von Blöd¬ 
sinn, beziehungsweise Cretinismus vorgekommen? 

6. Ist die Lage und Beschaffenheit der Wohnung des frag¬ 
lichen Kindes eine gesunde? 

7. Wie war der Verlauf der Schwangerschaft mit dem Kinde? 

8. Wie verlief die Geburt? Fanden während derselben und 
durch dieselbe irgend welche Verletzungen auf das Kind statt? 

9. Ist das Kind gestillt worden und wie lange? 

10. Wie war die sonstige Pflege des Kindes in den ersten 
Lebensmonaten? 

11. Ist das Kind vaccinirt worden? In welchem Lebens¬ 
monate, beziehungsweise Lebensjahre wurde die Vaccination vor¬ 
genommen und wie war ihr Erfolg? 

12. Wie verlief die Periode des Zahnens? War sie mit 
krankhaften Vorgängen verbunden? 


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26 


Dt. Josef Krayatsch. 


13. Wann lernte das Kind geben? 

14. Hat das Kind an folgenden Krankheiten gelitten: Hirn¬ 
haut* nnd Hirncongestionen, Hirnentzündung, Wasserkopf, Hirn¬ 
erschütterung,Kopfverletzungen,Hirnkrämpfe,Lähmungen, Schlag- 
fluss, Rhachitismus, Scrophulosis, Ohrenkrankheiten, Kopfaus¬ 
schläge, Masern, Scharlach, Variolen, Typhus, constitutioneile, 
respective hereditäre Syphilis? 

15. Wie war die Erziehung des Kindes? Fand eine offen¬ 
bare Vernachlässigung und Verwahrlosung desselben statt? 

16. Zu welcher Zeit zeigten sich die ersten Spuren des 
Blödsinns und worin bestanden diese Spuren? 

17. Wie ist der Körperbau, die Körperlänge und die Haltung 
des Kindes? 

18. Welche ist die Form und die Grösse des Kopfes? 

19. Wie ist das Kopfhaar beschaffen? 

20. Welches ist die Beschaffenheit des Halses? Ist Kropf 
vorhanden? 

21. Wie ist der Bau des Brustkorbes? 

22. Wie ist die Form und der Umfang des Unterleibes? 

23. Wie ist die Entwickelung der Genitalien? 

24. Wie ist die Beschaffenheit der Haut? 

25. Wie ist die Beschaffenheit und Entwickelung der Muskeln? 

26. Ist Deformität des Rückgrates oder einzelner Glieder 
vorhanden? 

27. Hat das Kind von Frost geschädigte Extremitäten? 

28. Wie ist der Zustand der Organe der Athmung, des 
Kreislaufes und der Verdauung? Wie sind die Zähne beschaffen? 

29. Wie ist der Ausdruck der Gesichtszüge? 

30. Wie ist der Zustand der Sinnesorgane? Welche ist die 
Stellung derAugen? Ist Lähmung des oberen Augenlides vorhanden? 

31. Geifert das Kind? 

32. Wie sind die Bewegungen des Kindes? Bestehen Anomalien 
derselben, Krämpfe, Contracturen, Lähmungen? Wie ist der 
Gang, wie das Stehen? 

33. Wie sind die Hände beschaffen? Fühlen sie sich warm 
oder kalt und schlaff an? Sind beide Hände gleichmässig aus¬ 
gebildet? Greift das Kind mit der rechten oder mit der linken 
Hand? Kann es die Finger willkürlich spreizen und beugen? 
Kann es allein essen? Kann es sich allein an- und auskleiden! 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 


27 


34. Hält das Kind sich reinlich? 

35. Wie ist der Schlaf und das Verhalten in der Nacht 
überhaupt? 

36. Wie ist die Sprache des Kindes beschaffen? Vermag 
es überhaupt articulirte Laute hervorzubringen? Spricht es 
deutlich und zusammenhängend? oder viel und verworren, 
stammelnd und stotternd? Worin haben diese Mängel ihren Grund? 
Wie ist die Beschaffenheit und Beweglichkeit der Zunge? 

37. Wie sind die geistigen Anlagen des Kindes beschaffen? 
Zeigt es Aufmerksamkeit, Gedächtniss, Nachahmungstrieb, Auf- 
fassungs- und Unterscheidungsvermögen, Urtheil? Unterscheidet 
es die Einheit von der Mehrheit? Kann es Gegenstände und 
Bilder unterscheiden und benennen und über Abwesendes Aus¬ 
kunft geben? 

38. Wie ist die Gemüthsart und das Temperament des 
Kindes? Ist es willig oder störrisch und eigensinnig, weich oder 
heftig, gutmüthig oder boshaft, still oder lebhaft, gesellig oder 
Abgeschlossen? 

39. Hat das Kind sich Fertigkeiten und Schulkenntnisse 
•erworben? Beschäftigt es sich und spielt es gern? 

40. Ist es anstellig im Hause? 

41. Ist es sich oder Anderen gefährlich? 

42. Hat es auffallende Gewohnheiten, Sonderbarkeiten und 
Albernheiten an sich? 

a) Aeussert das Kind Vernichtungstrieb? 

b) Aeussert es Sammel-(Stehl-)sucht? 

e) Aeussert es unnatürliche Essgier? 

d) Aeussert es Neigung zum Umherirren, Entweichen? 

43. Ist es der Onanie verdächtig? 

44. Können über die Ursachen des vorhandenen Blödsinnes 
besondere Angaben gemacht werden? 

45. Ist das Kind bildungsfähig und eignet es sich zur Unter¬ 
bringung in die Erziehungsanstalt oder ist es nicht als bildungs¬ 
fähig zu betrachten, und ist der Unterbringung in der Ver¬ 
sorgungsanstalt bedürftig? 

Ist ausser dem Vorhandenen zur Begründung des Urtbeiles 
noch etwas hinzuzufügen? 


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Dr. Josef Krayatsch. 


3. Städtische Idiotenanstalt als Annex der Berliner Irren¬ 
anstalt zu Dalldorf. 

Unter Leitung des Erziehungsinspectors Pieper, welcher dem. 

Director der Irrenanstalt untergeordnet ist. 

Die Idiotenanstalt untersteht dem Curatorium der Irrenanstalt. 

Am Besuchstage (24. Juni 1894) beherbergte die Anstalt 
133 Knaben und 76 Mädchen. 

Die beiden Gebäude, welche die Trennung der Geschlechter 
ermöglichen, sind zu dem Zwecke einer Idiotenanstalt erbaut. 
Sie sind miteinander durch gedeckte Hallen und eine grosse 
stattliche Turnhalle verbunden. Neben den gedeckten Hallen sind 
die Spielplätze der Zöglinge. 

Die Unterkunftsräume der Abtheilungen für Knaben und 
Mädchen sind nach einem einheitlichen Plane entworfen und 
münden, entsprechend dem Corridorsysteme, in einen breiten 
lichten Gang. 

Die Schlafzimmer, 5 Meter breit, 12 Meter lang und 4 Meter 
hoch, enthalten je 14 Betten und es schlafen nebst den Zöglingen 
ein Pfleger und ein Lehrer in denselben. Die Schlafstelle des 
Lehrers ist durch eine spanische Wand von den übrigen getrennt. 

Die Betten im Eisengestell, Kopf- und Küssenden und die 
im Charnier beweglichen Seitentheile aus Holz, natur lackirt, am 
Fussende ein bewegliches Tischchen für die Kleider, Rosshaar¬ 
kopfpolster, Rosshaarmatratze und Schafwolldecke. 

Die Fussböden und die Wände sind mit Oel gestrichen, 
letztere ausserdem mit Bildern geschmückt. 

Der Wasch- und Baderaum, an den Schlafraum anstossend, 
enthält auf jeder Seite 6 Waschbecken und 1 Wanne mit Brause¬ 
vorrichtung. Die Zöglinge benützen ein Vollbad, welches in einem 
gedeckten heizbaren Raume im Gebiete der Irrenanstalt 
errichtet ist. 

Der Speisesaal, 15 Meter lang, 10 Meter breit, 4 Meter 
hoch, durch 5 grosse Fenster beleuchtet, ermöglicht, dass sämmt- 
liche Zöglinge zu gleicher Zeit ihre Mahlzeiten einnehmen können. 
Je eins..Erziehungsgruppe sitzt mit ihrem Pfleger an einem Tisch, 
der diensthabende Lehrer gibt das Zeichen zum Gebet vor und 
nach dem Essen. Derselbe Saal wird auch als Andachtssaal ver¬ 
wendet. 


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Heisebericht iiber den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 29 


Die Pfleglinge der schwachen Station (Pflegeabtheilung) 
werden im Tagraum ihrer Abtheilung ausgespeist. 

Die bauliche Anlage einer Pflegeabtheilung ist besonders 
zu erwähnen. An das Schlafzimmer für 14 Pfleglinge stosst, un¬ 
mittelbar der Tagraum, an diesen sofort ein hellbeleuchteter 
Raum, welcher eine Abortanlage mit 5 Spiegeln, eine Wanne 
und eine Waschstelle enthält. 

Das Lazareth ist eine vollständig geschlossene Abtheilung 
im zweiten Stockwerke und fasst je ein Krankenzimmer für 
10 Betten für Knaben und Mädchen, welche in ein gemeinsames 
Zimmer münden, welches die Pflegerinnen bewohnen. 

In den breiten Corridor münden eine Badstube sammt. 
Closet, eine Theeküche und zwei Isolirzimmer. Am 24. Juni 1894 
befanden sich im Lazareth 11 Knaben und 6 Mädchen. An 
Infectionskrankbeiten Leidende werden anfänglich separirt und 
nach Feststellung der Krankheit in das städtische Krankenhaus 
überführt. 

Der Arzt wird von der Irrenanstalt beigestellt und vom 
Director bestimmt. Er muss täglich das Lazareth besuchen. Die 
pflegebedürftigen und unreinen Idioten befinden sich zum Theile 
auch in der Irrensiechenanstalt. 

Die Schulzimmer sind grosse helle Räume, mit allen Behelfen 
ausgestattet, durchschnittlich das Licht links einfallend. 

Jeder Zögling hat ein seiner Körpergrösse entsprechendes 
Pult, welches in der Anstaltstischlerei hergestellt wird, mit einem 
verschliessbaren Kasten zur Unterbringung der Effecten. Die 
Schulräume sind ausserdem mit Bildern freundlich ausgestattet. 

Sechs Classen ermöglichen die schulplanmässige Erziehung, 
und zwar: 

Classe VI Vorschule, Kindergarten; 

„ V Beginn mit Lesen und Schreiben, Versuchsclasse; 

,. IV Beginn des Religionsunterrichtes und eigent¬ 
liche Schule; 

„ III Formenlehre; 

„ II und I Fortsetzung und Beendigung der Erziehung. 

Ausserdem werden die Knaben in Handwerken, als Buch¬ 
binderei, Tischlerei, Schneiderei, Schusterei, Korbflechterei, sowie 
auch in Haus- und Gartenarbeiten, und die Mädchen in weib¬ 
lichen Arbeiten unterrichtet. 


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30 


Dr. Josef Krayatsoh. 


Die Arbeitsräume befinden sich im Keller. 

Das Gartenerträgniss beläuft sich im Jahre auf circa 700 Mark. 

In der Anstalt ist kein vollwerthig entwickelter Schwach¬ 
sinniger bekannt oder vorgemerkt Alle nach Beendigung de9 
Schulunterrichtes auswärts in der Lehre und Pflege befindlichen 
Zöglinge werden vom Erziehungsinspector zumindest zweimal 
jährlich besucht. Von der Stadt Berlin wird an Lehr- und Pflege' 
geld bis zu 20 Mark pro Monat bezahlt. Die meisten sind Tag¬ 
löhner und Hilfsarbeiter. Die Gelähmten und Beizbaren werden 
der Irrenanstalt wieder überantwortet, die Harmlosen der Arraen- 
direction zur Versorgung übergeben. 

Da jedem Lehrer der preussischen Volksschule das Züchti¬ 
gungsrecht zusteht, so kann in der Anstalt die körperliche 
Züchtigung unter Umständen verhängt werden. Dieselbe verfügt 
jedoch ausschliesslich der Erziehungsinspector. Als sonstige 
Disciplinarmittel dienen Sperren von Vergnügungen, Ausgängen etc. 

Das Personale besteht aus 5 Lehrern (1 Erziehungsinspector 
und 4 Lehrer); 3 Lehrerinnen (eine davon für Handarbeiten 
und Turnen). 

Bei den Mädchen und jüngeren Knaben sind weibliche und 
bei den erwachsenen Knaben männliche Pfleger in Verwendung. 

Ausser einem Oberwärter, der die Erziehung des Pflege¬ 
personales leitet, befinden sich noch 22 Pflegepersonen, d- i. 
1 Pfleger auf 9 Zöglinge, in der Anstalt. 

Nachdem die Lehrer, mit Ausnahme des Inspectors, ebenfalls 
mit den Zöglingen schlafen müssen, ist die Zahl der Pflege¬ 
personen eine entsprechend geringere als in den sächsischen 
Anstalten. 


Verköstigung: 

Die Kinder erhalten: 

I. Frühstück Kaffee und Semmel; 

H. „ Butterbrot. 

Mittagskost. 

Vesper Kaffee und Semmel; 

Abends Suppe oder Butterbrot. 

Als Mittagskost erhielten die Zöglinge laut Speisezettel 
vom 28. Mai 1894 bis 3. Juni 1894: 


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Reisebericht über den Besuoh einiger deutscher Idiotenanstslten. 31 


am 28. Mai gekochte Warst, weisse Bohnen; 

„ 29. Mai Kohlrüben mit Kartoffeln und Bindfleisch; 

„ 30. Mai Graupen mit Kartoffeln und Hammelfleisch; 

„ 31. Mai Weisskohl mit Kartoffeln and Bindfleisch; 

„ 1. Juni Spinat mit Kartoffeln and Schweinefleisch; 

„ 2. Juni Fische und Salzkartoffeln; 

„ 3. Backobst, Klösse and Speck. 

Diese Gattungen Speisen haben sie mit den Pfleglingen 
der Irrenanstalt gemeinsam, erhalten jedoch nur eine */* Portion 
zugewiesen. Die Wartpersonen haben neben derselben Kost eine 
Bierration. 

Das Beinigen der Speisegeräthe erfolgt in einem eigenen 
im Hause befindlichen Küchenraume. 

Dem Präliminare pro 1894 entsprechend, wurde der Bedarf 

für Verköstigung mit. 43.000 Mark 

„ die Bekleidung mit. 10.800 „ 

„ „ Wäsche mit . . . •. 3.800 „ 

„ „ Wäschereinigung mit. 1.500 „ 

„ Lehrergehalte mit. 9.400 

Löhnungen für das Pflegepersonal« mit 11.000 „ 

zusammen . . . 79.500 Mark 

festgesetzt 

Die Kleidergarnitur, bestehend aus 2 Tuchanzügen, 2 Drillch- 
anzügen, 3 Wäschbezüge, ist auf den Namen des Zöglings mit 
seiner Hauptnummer gemärkt. 

Bemerkenswerth ist die Unterbringung der Schmutzwäsche 
in einem Keller, in welchem die einzelnen Wäschestücke durch 
Aufstellung von Fächern leicht sortirt werden können. 

Die Beinigung der Wäsche geschieht in der Irrenanstalt 

Tagesordnung der Idiotenanstalt zu Dalldorf. 

Die Zöglinge stehen täglich auf ein gegebenes Zeichen 
mittelst der Glocke im Sommer um */ a 6 Uhr, während der 
Winterszeit um 6 Uhr auf. 

Je zwei Stationen benützen zu gleicher Zeit eines der 
Waschzimmer. 

Die Pfleglinge der Stationen, welche sich zuletzt waschen, 
helfen zuerst beim Ordnen der Betten, die grösseren Zöglinge 


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Dr. Josef Krayatsch. 


waschen, kämmen sich und putzen sich allein die Zähne. Bei den 
schwächeren Kindern hilft das Wartpersonal unter Aufsicht des 
Inspicienten. 

Während die Zöglinge der Stationen sich waschen, sind die 
Fenster der betreffenden Schlafsäle geöffnet. 

Bestimmte Zöglinge begeben sich, nachdem sie gewaschen 
sind, auf den Hof und helfen beim Holen des Frühstückes und 
der Brote. 

Um 7 Uhr treten auf den Ruf der Glocke die Zöglinge 
unter Führung des Wartpersonales auf den Corridoren an, um 
auf ein gegebenes Zeichen des Inspicienten in den Speisesaal ein¬ 
zutreten, woselbst das erste Frühstück eingenommen wird. 

Die einzelnen Mahlzeiten währen nach Bedürfniss, mindestens 
aber 20 Minuten. 

Nach dem ersten Frühstück treten die Zöglinge stations¬ 
weise auf den Corridoren an, werden von dem Wartepersonale 
hinsichtlich ihrer Kleider, wo es nothwendig ist, gereinigt und 
nun vom Inspicienten besichtigt. Unbrauchbare Kleidungsstücke, 
Schuhe etc. sind in der Zeit von '/ 2 8 bis 8 Uhr im Magazine 
umzutauschen. 

Die Ausgabe der Wäsche findet täglich von 8 bis 9 Uhr, 
der Materialien monatlich zweimal Freitags von 9 bis 11 Uhr 
im Magazin statt. 

Um 8 Uhr versammeln sich auf den Glockenruf alle Zöglinge 
(Knaben und Mädchen), welche die Schule besuchen, unter Führung 
des Inspicienten, respectivelnspicientin im Speisesaale des Kranken¬ 
hauses zu einer gemeinsamen Andacht, welcher das Lehrpersonale, 
1 Wärter, respective 1 Wärterin beiwohnen. 

Nach gehaltener Andacht werden die Zöglinge classenweise 
zur Schule geführt und beginnt der Unterricht, wie der Lections- 
plan ihn vorschreibt. 

Um 9 Uhr findet in derselben Weise wie um 7 Uhr das 
zweite Frühstück statt und setzt sich danach der Unterricht 
bis 12 Uhr fort. 

Bis 10 Uhr Vormittags hat das Wartpersonal mit Hilfe 
derjenigen Zöglinge, welche in dieser Zeit keinen Unterricht 
haben, die Schlafsäle, Corridore, Treppen, Waschräume etc. zu 
reinigen, und zwar vertheilt sich der Dienst für diejenigen 
Wärterinnen, welchen die sogenannten kleinen Stationen (jüngere 


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Reisebericht über die Besuche einiger deutscher ldiotenanstalteu. 33 


and schwächere Zöglinge) an vertraut sind, derart, dass ab¬ 
wechselnd von zwei nebeneinander liegenden Stationen eine 
Wärterin die Beaufsichtigung der Zinder behält, während die 
andere die Hausarbeit ausfährt, dabei aber auch schon jüngere 
Zöglinge so viel als möglich mitbeschäftigt werden. 

Von 10 Uhr ab sind sämmtliche Stationen in Ordnung 
nnd die Zöglinge überall, auch in den Werkstätten, in Tbätig- 
keit. 

Um 12 Uhr findet unter Aufsicht des Inspicienten in den 
Speisesälen das Mittagessen statt; nach demselben treten die 
Zöglinge unter Führung des Wartpersonales und Aufsicht des 
Inspicienten abtheilungsweise in die Waschräume, um sich Mund 
und Hände zu waschen. 

Bis 1 Uhr gehen alle Kinder, geführt vom Wartpersonal, 
in den Anlagen in der nächsten Nähe der Anstalt spazieren. 

Von 1 bis 4 Uhr erhalten die Zöglinge in der Schule, sowie 
in den Werkstätten, welch letztere, von dem Inspicienten hin¬ 
sichtlich der äusseren Ordnung und der erziehlichen Behandlung 
der Zöglinge überwacht werden, weiteren Unterricht. 

Um 3 Uhr erhält der Unterricht eine Unterbrechung durch 
den Kaffee, welcher, wie alle übrigen Mahlzeiten, im Speisesaale 
eingenommen wird. 

Von 4 bis y 2 7 Uhr im Sommer und '/ 2 6 Uhr im Winter ist 
Spaziergang unter Leitung der Inspicienten und in Begleitung 
eines Wärters und einer Wärterin. 

Vom Spaziergange bleiben abwechselnd die Zöglinge einer 
Werkstatt zurück und werden mit dem Reinigen ihrer Kleider, 
respective mit dem Wischen der Schulräume beschäftigt 

Fällt der Spaziergange aus, oder wird derselbe abgekürzt, 
so werden die Zöglinge in den Werkstätten beschäftigt. Ferner 
findet am Mittwoch, Freitag und Samstag von 4 bis y 2 7 das 
Baden der Zöglinge der verschiedenen Stationen statt. 

Am Freitag Nachmittags von 4 Uhr ab werden vom Wart¬ 
personale mit Hilfe bestimmter Zöglinge die Schulräume etc. 
gescheuert 

Um 7 Uhr wird Abendbrot gegessen. Nach demselben müssen 
die grösseren Zöglinge das Schuhwerk putzen, während die 
übrigen Kinder unter Aufsicht der Inspicienten zu selbstständigem 
Spiele angeregt und dabei überwacht werden. 

JaktMebtr f. PajehiitrU o. Nervenb. XIV. Bd. 3 


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34 


Dr. Josef Krayatsch. 


Um 8 Uhr gehen die Zöglinge der kleineren Stationen zu 
Bett; die grösseren Knaben und Mädchen bleiben bis 9 Uhr auf. 

Eine gemeinsame Abendandacht findet nicht statt, wohl aber 
wird darauf gehalten, dass die Zöglinge der einzelnen Schlafsäle, 
sobald sie im Bette liegen, unter Leitung ihrer Wärter, beziehungs¬ 
weise Wärterinnen ein gemeinsames Gebet sprechen. 

An den Sonntagen findet um 8 Uhr Vormittags im Speise¬ 
saal des Knabenhauses eine gemeinsame grössere Andacht 
Statt. 

Von 10 bis 12 Uhr Vormittags erhalten die Zöglinge Besuch 
von ihren Angehörigen und werden auch auf Wunsch letzterer 
diejenigen, welche gehorsam und fleissig gewesen, für den Nach¬ 
mittag beurlaubt. 

Um 1 Uhr besuchen die Confirmanden den Gottesdienst 
ihres Geistlichen. 

Von 1 bis 3 Ubr werden die Zöglinge zum selbstständigen 
Spiele angehalten und von Inspicienten überwacht. Die übrige 
Zeit verläuft wie an den Wochentagen. 


Vorschriften für das Wartpersonal. 

I. Allgemeines. 

1. Der Vorgesetzte des Wartpersonales ist der Leiter 
der Anstalt. 

2t Das Wartpersonal hat dem Lehrpersonal gegenüber, 
welches die Ordnung in der Anstalt, sowie die erziehliche Be¬ 
handlung der Zöglinge überwacht, mit gebührender Achtung und 
Bescheidenheit zu begegnen. 

Täglich haben im Knabenhause ein Lehrer, im Mädchen¬ 
hause eine Lehrerin Inspection; bei Abwesenheit des Leiters der 
Anstalt hat der Inspicient, und sollte dieser mit den Zöglingen 
Spaziergang haben, die Inspicientin die Vertretung desselben. 

3. Das Wartpersonal hat sich eines gesitteten, anständigen 
und bescheidenen Wesens zu befleissigen und muss stets bemüht 
sein, in allen Dingen den Zöglingen mit einem guten Beispiele 
voranzugehen. 

4. Das Wartpersonal darf mit den Eltern der Zöglinge 
weder schriftlich verkehren, noch denselben Besuche abstatten. 


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Reisebericht über die Besuche einiger deutscher Idiotenanstalten. 35 


Letzteres tritt nur in dem Falle ein, wenn vom Vorgesetzten 
hierzu ein Auftrag gegeben ist. 

Die Eltern sind bei Fragen über das Verhalten und die 
Fortschritte der Zöglinge an den Leiter der Anstalt zu verweisen. 

Das Wartpersonal hat darauf zu halten, dass bei den Be¬ 
suchen der Angehörigen die Besuchszeit nicht überschritten wird. 

Besuche ausserhalb der Besuchszeit bedürfen der besonderen 
Erlaubnis des Inspectors. Den Angehörigen der Zöglinge gegen¬ 
über muss das Wartpersonal unter allen Umständen freundlich 
und bescheiden sein. 

5. Das Wartpersonal darf nur mit Erlaubniss des Vor¬ 
gesetzten Besuche empfangen. Es dürfen die Besucher Körbe, 
respective Kisten etc. in keinem Falle hinaustragen. Werden 
letztere von Besuchern mitgebracht, so bleiben die Körbe etc. 
während des Besuches im Bureau stehen. 

6. Nimmt das Wartpersonal beim Urlaub Packetemit hinaus, 
so sind dieselben vorher dem Oberwärter zu zeigen, welcher von 
dem Inhalte Kenntniss nimmt und darüber dem Betreffenden 
einen Zettel ausstellt, der dem Portier zu übergeben ist. 

7. Das Wartpersonal darf in keinem Falle dulden, dass 
Zöglinge das Qas anzünden, respective die Flammen löschen. 


II. Besondere Vorschriften. 

a) Betreffend das Verhalten den Zöglingen gegenüber. 

1. Das Wartpersonal darf die Zöglinge weder schlagen 
noch schimpfen, sondern hat dieselben in freundlicher, nach¬ 
sichtiger Weise zu behandeln und sich stets daran zu erinnern, 
dass die Zöglinge bedauernswerthe Geschöpfe sind, welche der 
grössten Liebe bedürfen. 

Bei anhaltendem Ungehorsam, bei Ausschreitungen der 
Zöglinge etc. hat das Wartperonal dem Vorgesetzten Mittheilung 
zu machen. 

2. Das Wartpersonal hat auf das Wohlbefinden der ein¬ 
zelnen Zöglinge genau zu achten und etwaige Unpässlichkeiten, 
Verdauungsstörungen, Verletzungen etc. sofort zu melden. 

3. Bei der Beschäftigung der Zöglinge mit Hausärbeit ist 
streng darauf zu halten, dass dieselben nicht mit zu schwerer 

3» 


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36 Dr. Josef Krayatsch. 

Arbeit belästigt werden; letztere ist vom Wartpersonal aus¬ 
zuführen. 

4. Jeder Zögling wird am Tage der Aufnahme gebadet und 
hat der betreffende Wärter, respective die Wärterin dem In- 
spicienten vorher Mittheilung zu machen, damit derselbe beim 
Baden zugegen ist, um von etwaigen körperlichen Fehlern, Ver¬ 
letzungen etc. Kenntniss zu nehmen und das Weitere veranlassen 
zu können. 

b) Betreffend die Bekleidung der Zöglinge etc. 

1. Das Wartpersonal hat darauf sein Augenmerk zu richten, 
dass kein Zögling seiner Station mit zerrissenen Kleidungsstücken, 
schmutzig und ungekämmt erscheint und dass die Schuhe ordent¬ 
lich geputzt sind. Ferner ist darauf zu sehen, dass die Zöglinge 
die vorgeschriebene Bekleidung tragen. 

2. Morgens nach dem I. Frühstrück hat jeder Wärter 
respective Wärterin die Zöglinge der Station antreten zu lassen, 
damit der Tagesinspicient sich von der ordnungsmässigen Be¬ 
kleidung überzeugen kann. Dabei vorkommende Erinnerungen 
seitens der Inspicienten sind sofort zu erledigen. 

3. Der tägliche Umtausch der schmutzigen Wäsche, sowie 
der Ersatz für zerrissene Kleidungsstücke geschieht Morgens 
zwischen 7,8 bis 9 Uhr im Magazin. 

Sonnabend, Abends zwischen 7a8 bis 9 Uhr, wird die Wochen¬ 
wäsche gewechselt und die Sonntagskleidung in Empfang ge¬ 
nommen. Letztere ist Dienstag Abends, gut ausgeklopft, gebürstet 
und von Flecken gereinigt von dem Oberwärter abzunehmen. 

4. Bei allen Hausarbeiten und in den Werkstätten, mit Aus¬ 
nahme der Schneiderwerkstätte, tragen Knaben sowohl wie 
Mädchen graue Schürzen, damit dadurch die Bekleidung geschont 
werde. 

5. Bei den Mahlzeiten hat das Wartpersonal denjenigen 
Zöglingen, welche sich leicht beschmutzen, Tücher umzubinden. 

6. Das Wartpersonal hat darauf zu sehen, dass jeder Zög¬ 
ling ein Taschentuch trägt; schwächeren, respective solchen 
Kindern, welche das Tuch leicht verlieren, ist dasselbe ins Knopf¬ 
loch zu binden. Die Taschentücher müssen während des Tages 
öfters controlirt werden. 


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Reisebericht über die Besuche einiger deutscher Idiotenanstalten. 37 


7. Die Wärterinnen erhalten wöchentlich eine Anzahl Be¬ 
kleidungsstücke, welche zu flicken sind. Die Zahl der Reparaturen 
wird gebucht. 

8. Das Putzen der Schuhe geschieht nach dem Abendbrot 
unter Aufsicht eines Wärters, respective einer Wärterin und 
unter Controle der Inspicienten. Das beaufsichtigende Personal 
hat streng darauf zu halten, dass die Schuhe stationsweise ge¬ 
sondert sind und geputzt werden. 

c) Betreffend die Schlafsäle. 

1. Sobald der Hausdiener des Morgens zum Aufstehen 
läutet, hat das Wartpersonal sofort aufzustehen und die Zög¬ 
linge in freundlicher Weise zu wecken. 

2. Jeder Zögling hat, sobald er anfgestanden ist, sich zuerst 
die Strümpfe anzuziehen, und danach das Deckbett zurflck- 
zuschlagen, damit das Bett ausdunstet. 

3. Die Schlafsaalfenster sind zunächst Morgens, während 
die Zöglinge sich waschen, geöffnet. Nach dem Waschen sind 
die Fenster wieder zu schliessen und erst dann, wenn die Kinder 
angezogen sind, alle zu öffnen und bleiben im Sommer bis 8 Uhr, 
im Winter bis 4 Uhr offen. 

4. Das Wartpersonal muss dafür sorgen, dass auf den 
Schlafsälen Ordnung herrscht. 

ö. Die Zöglinge haben ihre Bekleidung ordentlich und gut 
zusammengelegt auf die kleine Bank, aber nichts davon auf oder 
in das Bett oder unter das Kopfkissen zu legen, noch weniger 
etwas von dem, was ausgezogen werden muss, anzubehalten. 

6. Die Zöglinge haben, nachdem sie sich still und anständig 
in das Bett gelegt und zugedeckt haben, die Hände zu falten, 
und unter Leitung eines Wärters oder einer Wärterin ein ge¬ 
meinsames Gebet zu sprechen. 

Nach dem Gebet darf nicht mehr gesprochen werden. Die 
Hände der Zöglinge liegen auf dem Deckbett. 

d) Betreffend die Waschräume, respective das Waschen und Baden. 

1. Die Fenster der Wasch- und Baderäume sind gleich 
nach dem Waschen, respective Baden zu öffnen und im Sommer 
kurz vor dem Waschen, respective Baden, im Winter eine Stunde 
vorher zu schliessen. 


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88 


Dr. Josef Krayatsch. 


2. Die Baderäume müssen stets sauber und die Badewannen 
blank geputzt sein. 

3. Die Zöglinge treten, wenn sie in den Waschraum und 
nach dem Waschen zurückgeführt werden, zu zweien an. 

4. Es ist streng darauf zu achten, dass sich kein Zögling 
dem Waschen, respective Baden entzieht. 

5. Beim Waschen ist den Zöglingen der Hemdkragen 
vom Wartpersonal so weit zurückzuschlagen, dass der Hals ge¬ 
waschen werden kann. 

6. Die Zöglinge müssen jeden Morgen nach dem Waschen 
sich kämmen, respective gekämmt werden, und den Mund aus¬ 
spülen, sowie die Zähne putzen. 

7. Beim Baden ist darauf zu sehen, ob den Zöglingen die 
Nägel an Händen und Füssen zu schneiden sind; ferner müssen 
die Ohren gründlich gereinigt werden. 


e) Betreffend die Abspülküche, die Speisesäle, respective die 

Mahlzeiten. 

1. Die Küchenwärterin hat die Küchenräume, sowie den 
Speisesaal sauber und rein zu halten, sie hat dafür zu sorgen, 
dass die Speisen zu rechter Zeit und vorschriftsmässig vertheilt 
werden. 

2. Der Küchenwärterin sind gewisse Zöglinge zugetheilt, 
welche unter ihrer Anleitung und Aufsicht beim Holen und Ver¬ 
theilen der Speisen, sowie beim Auf- und Abdecken und beim 
Reinigen des Geschirres zu helfen haben. 

3. Sobald das Mittagsbrot geholt ist, haben ausser der 
Küchenwärterin bestimmte Stationswärterinnen beim Fleisch¬ 
schneiden zu helfen. 

4. Das Auf- und Abdecken, sowie das Ausfegen und Wischen 
des Speisesaales, das Reinigen der Tische und Stühle, insbe¬ 
sondere das Auflegen letzterer auf die Tische und das Hin¬ 
stellen derselben muss in ruhiger Weise geschehen. 

5. In der Küche haben sich die Zöglinge ruhig zu verhalten. 

6. Das Einlassen des Wassers in die Spültische hat die 
Küchenwärterin besonders zu beachten. 

7. Sobald es zu den Mahlzeiten klingelt, hat sich das Wart¬ 
personal umgehend mit den Zöglingen auf den oberen Corridor 


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Reisebericht Uber die Besuche einiger deutscher Idiotenanstalten. 39 


zu begehen, und darauf zu halten, dass die Kinder zu zweien 
stehend sich ruhig verhalten, bis vom Inspicienten das Zeichen 
zum Eintreten gegeben ist. 

8. Das Wartpersonal hat darauf zu halten, dass die Zög¬ 
linge bei Tische gut sitzen und manierlich essen. Wünscht ein 
Zögling beim Mittag- und Abendbrot noch mehr zu haben, so hat 
er seinen Wärter, respective seine Wärterin zu bitten, und holen 
diese die Speisen; grössere Zöglinge können sich auch selbst 
bedienen. 

Von den Speisen darf nichts mit hinaus genommen werden. 

9. Die Gebete vor und nach Tische leitet der Inspicient. 


f) Betreffend die Werkstätten, respective die Beschäftigung der 
Zöglinge in denselben. 

1. In den Werkstätten herrscht dieselbe Ordnung und 
Pünktlichkeit, wie in der Schule. Das Wartpersonal hat besonders 
darauf zu halten, dass pünktlich begonnen wird, alle Zöglinge 
anwesend sind und fleissig arbeiten. 

Ein Namensverzeichniss der betreffenden Zöglinge muss in 
jeder Werkstatt vorhanden sein. 

2. Die Werkstätten sind jeden Abend unter Controle des 
Personales von Zöglingen zu reinigen und in Ordnung zu bringen. 
Das Handwerkzeug und die Materialien müssen am bestimmten 
Platze liegen. Sind die Zöglinge mit dem Aufräumen der Werk¬ 
statt fertig, so hat der Wärter nachzusehen, ob alles in Ordnung 
ist, und hat selbst die Gasflammen zu löschen. 

3. Die Beschäftigung der einzelnen Zöglinge in den ver¬ 
schiedenen Werkstätten bestimmt der Vorgesetzte; ohne Wissen 
desselben sind Zöglinge in eine andere Werkstatt nicht zu verlegen. 

4. Das Wartpersonal darf keinen Zögling ohne Wissen des 
Inspicienten von der Arbeit fern halten. 

5. Beim Verlassen der Werkstätten treten die Zöglinge 
zu zweien an und werden von ihren Wärtern geführt. 

6. Die Werkstätten sind Abends 9 Uhr zu schliessen, ein 
längerer Aufenthalt darf nur mit Erlaubniss des Vorgesetzten 
geschehen. 


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I)r. Josef Krayatsch. 


g) Das Lazareth. 

1. Die Lazaretkwärterin bat die ärztlichen Anordnungen 
bei den in ärztlicher Behandlung befindlichen Zöglingen pünkt¬ 
lich und gewissenhaft auszuführen. 

2. Das Lazareth ist rein und sauber zu halten und ist stets 
für gute Luft zu sorgen. 

3. Die Zöglinge hat die Lazareth Wärterin mit Freundlich¬ 
keit und Liebe zu behandeln. 

4. Kein Kind darf ohne Wissen des Vorgesetzten ins 
Lazareth gebracht werden. 

5. Die Knaben tragen Lazarethkleider. 

6. Die Nachtwachen sind gewissenhaft auszuführen; für die 
einzelnen Wachen werden besondere Vorschriften ausgegeben. 
Die Wache hat selbstverständlich die Controluhr zu stechen. 

7. Die Lazarethwärterin ist verpflichtet, wenn Zöglinge 
mit auffallenden Verletzungen, Flecken am Körper etc. ins 
Lazareth kommen, dies sofort zu melden. 


h) Betreffend die Spaziergänge. 

1. Die Spaziergänge finden nach dem Mittagbrot bis 1 Uhr 
und Nachmittags im Sommer von 4 bis '/ 2 7 Uhr, im Winter von 
4 bis '/ 2 6 Uhr statt und hat das begleitende Wartpersonal darauf 
zu achten, dass alle Zöglinge anwesend sind. 

2. Beim Spaziergange des Mittags hat ein besonderer Wärter, 
respective eine Wärterin die Zöglinge, nachdem sie aus dem 
Waschraume gekommen, zu zweien antreten zu lassen und führt 
sie auf den Hof. Von hier aus übernimmt das journalhabende Per¬ 
sonal die Kinder und geht mit ihnen in den nächsten Anlagen 
der Anstalt spazieren. 

Vom Spaziergange zurückgekehrt, begeben sich alle Zöglinge 
in die Werkstätten, respective die Mädchen zur Handarbeit. 

Letztere werden von der Wärterin, welche beim Hand¬ 
arbeitsunterricht beschäftigt ist, in die Schulräume geführt 

3. Beim Spaziergange am Nachmittage begibt sich ein be¬ 
stimmter Wärter mit dem Klingeln auf den Spielplatz, empfängt 
hier die Zöglinge, lässt sie antreten und wartet, bis der journal- 
babende Wärter sie ihm abnimmt. 


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Reisebericht über die Besuche einiger deutscher Idiotenanstalten. 41 


4. Das Ziel der Spaziergänge bestimmt der Inspicient. 

5. An dem Orte, an welchem angehalten wird, um zu spielen, 
wird der Inspicient vorher eine Grenze bestimmen, welche nie¬ 
mand überschreiten darf. 

Es ist insonderheit darauf zu sehen, dass die Kinder nicht 
die Felder etc. betreten, auf Bäume klettern, nicht Zweige ab- 
reissen, auch nicht Vogelnester ausnehmen und Thiere quälen etc. 

6. Kommen die Zöglinge (besonders im Sommer) etwas 
erhitzt zurück, so hat das Wartpersonal dieselben vom Trinken 
abzuhalten. 


i) Betreffend den Kirchgang. 

1. Zum Gottesdienste werden nur die Confirmanden geführt, 
und zwar die Knaben von einem Wärter, die Mädchen von einer 
Wärterin. 

2. Die Zöglinge müssen auf dem Wege zum Betsaale ruhig 
und in Ordnung gehen und nehmen daselbst die Plätze ein, 
welche ihnen zugewiesen sind. 

3. Das begleitende Wartpersonal hat darauf zu achten, 
dass sich die Zöglinge während des Gottesdienstes sittsam und 
andächtig verhalten, nicht plaudern oder sich mit fremden Dingen 
beschäftigen. 

4. Die jm Betsaale benützten Gesangbücher dürfen nicht 
mitgenommen werden. 


4. Städtische Anstalt in Biesdorf bei Berlin. 

Diese Anstalt beherbergt ausschliesslich Epileptiker und 
hat den Zweck, den neuen Grundsatz durchzuführen, die Epileptiker 
von den anderen Geisteskranken zu trennen und dadurch die 
Irrenanstalt zu Dalldorf zu entlasten. Am 25. Juni 1894 wurden 
350 Männer, 220 Frauen und 80 Kinder beiderlei Geschlechtes 
verpflegt. 

Die Anstalt ist längs einer 1200 Meter langen, neu an¬ 
gelegten Strasse im Pavillonstile errichtet. Beim Betreten des 
Anstaltsgebietes vom Bahnhofe sieht man einen Carrdbau. Es ist 
dieser die Erziehungsanstalt für jugendliche Epileptiker. 

300 Meter von diesem Gebäude entfernt befindet sich das 
Verwaltungshaus; dem gegenüber die Kapelle und das Leichen- 


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Dr. Josef Krayatsch. 


haus. Die Kapelle wird flankirt vom Wohuhause des Directors 
und vom Beamten hause. Rechts und links vom Verwaltungshause 
stehen die Anstaltshäuser für erregte und isolirbedürftige 
Epileptiker männlichen und weiblichen Geschlechtes. Diese An¬ 
staltshäuser sind im Corridorstil erbaut und bieten in ihrer 
Anlage nichts besonderes Neues. Die Zellen sind gross, mit Voll¬ 
fenster mit unzerbrechlichem Glas in eisernen Rahmen. 

Mehr als Zierde als wirklich zum Schutze scheinen die alt¬ 
modischen Bogengitter an den Aussenfenstern zu sein, welche 
nur die untere Hälfte der Fenster decken. 

Hinter dem Verwaltungshause befindet sich der Wasser¬ 
thurm, austossend an denselben das Wirthschaftshaus, welches 
die Küche sammt Nebenräumen und die Wäscherei enthält. 
Dampfküche und Dampfwäscherei sind mustergiltig in ihrer An¬ 
lage und sind nebst dem dahinter stehenden Maschinenhause für 
Centralheiz- und elektrische Beleuchtungsanlage die sehens¬ 
wertesten Objecte, welche den modernsten Anforderungen ent¬ 
sprechen. Jedes einzelne Gebäude enthält ausser dieser Central¬ 
heizanlage noch eine Nothdampfniederdruck-Maschine. 

Die Munificenz, mit der die Anstalt ausgestattet ist, erhellt 
z. B. daraus, dass der I. Stock des Verwaltungshauses, welches 
80 Meter lang, 10 Meter, beziehungsweise 20 Meter breit ist und 
einen auf die Längsachse senkrechten Mittelbau von 60 Meter 
Tiefe besitzt, ausschliesslich Unterhaltungsräume beherbergt, 
nämlich einen Festsaal, links und rechts je 3 grosse Zimmer, 
bestehend aus Lese-, Billard- und Empfangszimmer, einen Theater¬ 
saal von 20 Meter Breite und 25 Meter Tiefe, mit einer per¬ 
manenten Bühne, alles elektrisch beleuchtet. 

An diese Gruppe von Gebäuden schliesst sich die eigent¬ 
liche Colonie an, welche aus 2 Hauptabtheilungen besteht, und 
zwar links von der Strasse die für Männer aus 10 Pavillons 
und rechts von der Strasse die für Frauen aus 12 Pavillons in 
villenartigen, dem Stile und der Einrichtung nach verschiedenen 
Gebäuden für je 15 bis 20 Kranke. An der Strasse zwischen 
den Villen für die weiblichen Pfleglinge liegt das grossartig an¬ 
gelegte Badhaus mit Wannen- und Vollbädern, so dass dasselbe 
zu gleicher Zeit sowohl von Männern, als von Frauen benützt 
werden kann. Zwei elektrische Bäder vervollkommnen das muster¬ 
giltig eingerichtete Badhaus. 


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Reisebericht über die Besuche einiger deutscher Idiotenanstalten. 43 


Das hinter den Villen der Männerabtheilung gelegene Werk¬ 
stättenhaus, 40 Meter lang, 20 Meter breit, im Mitteltracte 
30 Meter breit, enthält geräumige, hell beleuchtete Werkstätten 
für Buchbinderei, Tischlerei, Schlosserei, Schneiderei, Schusterei 
und eine Tapezierstube; ausserdem Depots für die verschie¬ 
denen Materialien. 

An der Strasse zum Gutshofe befindet sich, neuerdings ein 
Haus für 60 männliche Pfleglinge, welche bei der Landwirt¬ 
schaft im Gutshofe Verwendung finden. 

Der Gutshofe selbst umschliesst eine Fläche von 6300 Quadrat¬ 
metern und enthält ein Wohnhaus, ein Ueberwinterungshaus, 
einen Pferdestall, einen Stall für 40 Kühe, einen Schweinestall 
für circa 100 Schweine (der Schweinestall ist in Folge Ausbruches 
einer Seuche derzeit entvölkert) und einen Hühnerstall. 

Ueber den Gutshof hinaus, als letztes in der Anlage, be¬ 
findet sich ein Haus für 40 Frauen. 

Das Anstaltsgebiet umfasst 84 Hektar, inclusive Baugrund, 
Apstaltsgärten, Wiesen, Aecker und Friedhof, und liegt in einer 
vollständigen Ebene. 

Das hinter der Kapelle befindliche Leichenhaus enthält den 
eigentlichen Obductionsraum und 2 Arbeitsräume; einen für den 
Director und einen für die Anstaltsärzte. Diese Arbeitszimmer 
sind luxuriös eingerichtet und verfügen über Mikrotome, Mikro¬ 
skope, Färbemittel etc. 

Die Leichen gelangen mittelst Aufzug in den Obductions¬ 
raum, die Instrumente liegen in einem Glaskasten auf geschliffenen 
Glasplatten. 

Das gleich anfangs erwähnte Erziehungsgebäude ist ein 
Carrebau, welcher Schulzimmer, Wohnräume, Speisesaal für 80 
epileptische Kinder enthält. 

Die meisten Räumlichkeiten, besonders die Parterrelocalitäten, 
sind Schulzimmer. Sie sind hoch, geräumig, licht und gerade 
so gross, dass sie 16 Zöglinge, die äusserste Kopfzahl einer 
Classe, bequem aufuehmen. 

Anstossend an das Schulzimmer befindet sich der sogenannte 
Krampfraum mit einer Matratze, der durch eine Thür zu einer 
Abortanlage mit 3 Spiegeln führt. Gleich daneben ist der Tag¬ 
raum für die Erziehungsgruppe dieser Classe. Die Schlafzimmer 


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Dr. Josef Krayatsch. 


sind in den Stockwerken und ziemlich stark belegt. Die Ein¬ 
richtung derselben ist wie die in Dalldorf. 

Die übrigen Abortanlagen enthalten einen sperrbaren und 
fünf offene Sitzspiegel mit Wasserspülung und das Bad mit Wannen, 
welche sich in höchst nnzweckmässigen, abgemauerten Bäumen 
befinden. 

Die Wände in den Zimmern und Gängen sind bis auf 150 Centi- 
meter Höhe mil Oel gestrichen, die Fussböden in den Zimmern 
ans harten Bretten, auf den Gängen aus Granit hergestellt. 

In allem Uebrigen lehnt sich die Anstalt in ihrer Einrichtung, 
Haus- und Tagesordnung etc. der Erziehungsanstalt in Dalldorf an. 

Auch hier wurde der pädagogische Erfolg als ein zweifel¬ 
hafter bezeichnet, wiewohl noch ausserdem feststeht, dass die 
Intelligenz der Epileptiker als höher bezeichnet werden muss, 
als die der Idioten. 


5. Provinzial-Erziehungsanstalt „Wilhelmstift” in Potsdam 
unter der Leitung des Erziehungsinspectors Grossmann. 

Diese Anstalt ist im Jahre 1865 aus einer Schenkung, be¬ 
stehend aus einem Hause und 4 Hektar Garten, Wiese und 
Ackerland, hervorgegangen. 

Durch Zn- und Umbauten in den Jahren 1868 und 1884 
erhielt die Anstalt ihr dermaliges Aussehen und einen Belegraum 
für 150 Kinder beiderlei Geschlechtes, unter denen sich jedoch 
auch ältere Blödsinnige befinden. 

Seit dem 1. April 1894 wurde die Anstalt eine Provinzial¬ 
anstalt und wird in Folge Wahrung des Stiftsbriefes zunächst 
von einem Curatorium, bestehend aus dem Anstaltsseelsorger, 
dem Arzt und dem Lehrer, unter der Controle der Landes¬ 
regierung verwaltet. 

Am 26. Juni 1894 befanden sich in der Erziehungsanstalt 
80 männliche und 34 weibliche Idioten und bewohnen in ziemlich 
ungehindertem Verkehre gemeinsam ein geräumiges Hauptgebäude, 
an dessen Aussehen, Einrichtung und Getriebe man überall an 
den Uebergang in eine andere Verwaltung erinnert wird. 

Um die Trennung der Geschlechter zu ermöglichen, wird 
ein Neubau geplant, der demnächst zur Durchführung kommt 
und vom Medicinalrath Zinn aus Eberswalde ausgearbeitet wurde. 


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Reisebericht über die Besuche einiger deutscher Idiotenanstalten. 45 


Die Schlafsäle umfassen 12 bis 15 Betten für ebenso viel 
Pfleglinge und 2 Pfleger. Das Bett ist ein Kistenbett mit Stroh¬ 
sack und Federpolster. 

Ein eigentliches Krankenzimmer scheint nicht vorhanden 
zu sein, da körperlich Kranke in verschiedenen Zimmern gelegen 
sind und Infectionskranke sofort in das städtische Krankenhaus 
zu Potsdam überführt werden. 

Mangels von Waschräumen waschen sich die Zöglinge in 
den Schlafzimmern. 

Neben den primitiven Abortanlagen werden in den Zimmern 
Nachttöpfe mit Holzkränzchen benützt. 

Separationsräume sind keine vorhanden, weil die erregten 
Zöglinge in die Irrenanstalten abgegeben werden. Küche und 
Wäscherei, räumlich ungenügend, verfügt über einen Dampfbetrieb. 

Ein gemeinsamer Speisesaal mit Plätzen für 120 Personen 
ist vorhanden. 

Der Inspector und die Familienmitglieder nehmen an der 
gemeinsamen Mahlzeit Antheil. Der Speisentransport wird durch 
einen Aufzug vermittelt. Die Zubereitung der Speisen war am 
Besuchstage tadellos. 

Die Kinder erhalten: 

L Frühstück: Gerstenkaffee mit Weissbrot; 

II. „ Butter- oder Schmalzbrot; 

Mittagskost: Suppe, geriebenes Fleisch mitGemüse oderSauce. 

Jause: Gerstenkaffee mit Weissbrot; 

Abends: Butterbrot oder Suppe. 

Die Anstalt gruppirt sich in 3 Abtheilungen: 

1. Eine Abtheilung für Mädchen; 

2. eine Abtheilung für Knaben; die letztere bildet 3 Unter¬ 
abtheilungen: 

a) Die kleineren unter der Aufsicht weiblicher Pflegerinnen; 

b) die grösseren unter der Aufsicht männlicher Pfleger, und 

e) die Erwachsenen. 

Personal: Der Erziehungsinspector, ein Lehrer, drei Ge¬ 
hilfen, acht Wärterinnen, fünf Küchen- und Hausmädchen, letztere 
der Frau des Erziehungsinspectors unterstehend. 

Der Schulunterricht wird in den Bäumen, welche gleich¬ 
zeitig als Tagräume gelten, ertheilt und die Pfleglinge ausser- 


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Dr. Josef Krayatsch. 


dem beim Gemüse- und Feldbau und in Werkstätten in der Schu¬ 
sterei und Korbflechterei unterrichtet. 

Der Lehr- und Stundenplan erhält die Genehmigung des 
Ministeriums, den Schulbesuch bestimmt der Inspector und der 
Arzt. Den Religionsunterricht ertheilt der Lehrer; die Prüfung 
über den Erfolg in demselben leitet gemeinhin vor der Con- 
firmation der Pastor. Die Altersgrenze der Pfleglinge ist zwischen 
5 und 16 Jahren. 

Die ärztlichen Functionen werden von dem Militärärzte des 
Cadettenhauses in Potsdam besorgt 

Als Erfolg der gewerblichen Erziehung kommt es vor, dass 
Zöglinge ein Handwerk vollständig erlernen und in äusserst 
seltenen Fällen sogar vollwerthige Gehilfen abgeben. Die Meisten 
jedoch werden als Taglöhner besonders bei der Oekonomie ver¬ 
wendet Eine Selbstständigkeit eines erzogenen Pfleglings ist 
dem Inspector Zeit seiner vieljährigen Thätigkeit nicht bekannt, 
da ein jeder Pflegling in Folge seiner angeborenen oder er¬ 
worbenen Geistesstörung einer Krücke nicht entbehrt. 

In der Anstalt sind es von 114 Pfleglingen nur 40, welche 
ein einigermassen nur befriedigendes Resultat an der Hand des 
vorgeschriebenen Volksschulbildungsplanes erwarten lassen. 

Rechnen geht überhaupt nur mangelhaft. Es ist ans be¬ 
greiflichen Gründen nicht rathsam, weibliche Pfleglinge sich selbst 
zu überlassen, sondern es ist besser, sie dauernd in der Anstalt 
zu verpflegen. 

Zu Lippe in der Provinz Brandenburg sind ausschliesslich 
200 männliche und weibliche pflegebedürftige Idioten unter¬ 
gebracht. 

120 Epileptische werden in einer in der Nähe des Wilhelm¬ 
stiftes befindlichen Anstalt verpflegt. 


6. Epileptikeranstalt in Potsdam unter der Leitung des 

Pastors Burk. 

Beim Betreten dieser Anstalt wird man überrascht, wenn 
man der verschiedenen Pavillons ansichtig wird und weiters 
erfährt, dass 120 Epileptiker in denselben verpflegt werden, der 
Arzt nur zweimal wöchentlich erscheint und in der Zwischen- 


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Reisebericht über die Besuche einiger deutscher Idiotenanstalten. 47 


zeit nach Bedarf aus der gewiss 3 Kilometer weit entfernten 
Irrenabtheilung des städtischen allgemeinen Krankenhauses zu 
Potsdam geholt werden muss. 

Bei der Aufnahme soll allerdings darauf Rücksicht genommen 
werden, dass nach Thunlichkeit nur Epileptiker ohne Geistes¬ 
störung aufgenommen werden. Dies steht jedoch entschieden im 
Gegensätze zu der bereits fertiggestellten Zellenabtheilung, 
welche hinsichtlich ihrer Zweckmässigkeit, Einrichtung und An¬ 
lage mit jeder ähnlichen in einer anderen Irrenanstalt den Ver¬ 
gleich aushält. Seitlich an einen sehr geräumigen Tagraum stossen 
rechts und links zwei durch Oberlicht erhellte Corridore, in 
welchen je 6 Zellen und 2 Separationszimmer münden. 

Vom Tagraume aus gelangt man in den Bad- und Wasch¬ 
raum, in die Spülküche und in ein Stiegenhaus, welches zu einem 
Schlafraam ober dem Tagraume führt. 

Ausser dieser genannten Zellenabtheilung befinden sich 
Pavillons, in welchen die Epileptiker in Gruppen von 10 Pfleg¬ 
lingen in einer baulich äusserst nachahmenswerthen Weise ver¬ 
pflegt werden. 

Je eine Gruppe hat ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer mit 
Krampfbett, ein Waschzimmer mit einer Badewanne, einen Abort 
mit 2 Sitzspiegeln zur Verfügung. 

Der Wärter schläft unter den Kranken, hat jedoch ausser¬ 
dem ein kleines Zimmerchen für sich. 

Im Hauptgebäude, wo der Pastor wohnt, sind die epileptischen 
Kinder untergebracht, und ebenfalls in Gruppen zu 10 mit den 
entsprechend erforderlichen Räumlichkeiten. Die Wände sind 
alle mit Oel gestrichen und an allen Orten biblische Sprüche 
angebracht. 

Die Anstalt soll demnächst ebenfalls in Provinzialver- 
waltung übergehen und unter ärztliche Leitung gestellt werden. 


7. Langenhagen, Provinz Hannover, Erziehungs- und Pflege¬ 
anstalt für schwachsinnige Kinder unter ärztlicher Leitung 
des Directors Wulff. 

Früher Privatanstalt, wurde dieselbe in Folge des Gesetzes 
vom 11. Juli 1891 und der dadurch gesteigerten Nachfrage nach 


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Dr. Josef Krayatsch. 


Erziehungs- and Pflegeplätzen immer grösser und durch Neu- 
und Ergänzungsbauten erweitert, so dass dieselbe heute bei 
einem Verpflegsstande von circa 500 Köpfen ans einer grossen 
Anzahl Wohn- und Wirthschaftshäusern im Blockstil besteht und 
ausserdem einen Gutshof sammt Feldern im Ausmasse von 200 
Morgen (60 Hektar) besitzt. Sie wird demnächst Provinzial¬ 
anstalt werden. 

Die Verpflegung der Kinder erfolgt allerdings nur im Alter 
von 5 bis 15 Jahren, doch ergab sich die Nothwendigkeit, die 
Erwachsenen ebenfalls in der Anstalt zurückzubehalten, welche 
meistenteils im Gutshofe colonisirt sind und theils bei der Land¬ 
wirtschaft, teils in den vielseitig zur Verfügung stehenden 
Werkstätten in einem eigenen Werkhause Verwendung finden. 

In demselben waren am 28. Juni 1894 12 Schneider, 12 Schuh¬ 
macher, Korbflechter, Bürstenbinder, Strohhülsenarbeiter und 
Buchbinder beschäftigt. Ferner war eine grosse Anzahl von 
Pfleglingen zur Heuernte herangezogen, ein Pflegling ist ein sehr 
gewissenhafter Geflügelwächter; ausserdem werden die weiblichen 
Pfleglinge allenthalben bei der Hauswirtschaft, Wäscherei, 
Küchen- und Säuberungsarbeiten verwendet. 

Eine grosse Lebhaftigkeit bekunden die beschäftigten Bänder, 
welche sofort den Director unter freundlichen Grüssen und Zu¬ 
rufen in Schaaren umgeben, sobald sie seiner ansichtig werden. 

Director Wulff empfiehlt die Benützung der Werkstätten 
in der Irrenanstalt für die Idioten aus dem Grunde, weil dadurch 
sowohl die Arbeitslust durch den Nachahmungstrieb angeregt, 
als auch durch Belehrung der in den Werkstätten arbeitenden, 
intelligenten Paranoiker erhalten wird. 

Bei jeder Aufnahme eines Zöglings wird ein Status praesens 
als Grundlage zu einer Krankengeschichte aufgenommen und 
von Fall zu Fall ergänzt; ausserdem wird eine Erziehungs¬ 
geschichte geführt, welche halbjährig auf Grund einer Conferenz 
mit der Oberinlehrerin verfasst wird. 

Am Schulunterrichte betheiligen sich in 10 Schulclassen 
über 200 Kinder; von diesen erreichen die oberste Classe höch¬ 
stens 8 bis 10. Der Religionsunterricht wird durch den Lehrer, bis 
zur Prüfung vor der Confirmation durch den Geistlichen geleitet. 

Der Lehrkörper besteht aus 2 Lehrern und 5 Lehrerinnen. 
Das Pflegepersonal, welches mit den Zöglingen und Pfleglingen 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 49 


das Schlafzimmer theilt, ist der Zahl nach bei den Zöglingen 1:10 
bei den Pfleglingen 1:6 vorhanden. Die weiblichen und die 
kleineren männlichen Zöglinge und Pfleglinge werden von Pflege¬ 
rinnen, die Erwachsenen von männlichen Pflegern gepflegt. 

In ärztlicher Richtung wird derDirector von einem Assistenten 
unterstützt. Es besteht in der Anstalt ein eigenes Lazareth für 
vorübergehend aufgeregte und für körperlich Kranke. Ausser¬ 
dem bestehen Separationszimmer für die einer Infectionskrank- 
heit Verdächtigen und für Tuberculose im Endstadium. 

In jedem Blockhause befindet sich ein Separationsraum. 

Die bauliche Anlage in den Blockhäusern ermöglicht die 
Gruppenerziehung. 

Dr. Wulff empfiehlt bei der Neuanlage einer Anstalt die 
Räume derart anzuordnen, dass immer 2 Pflegeabtbeilungen 
ä 12 bis 14 Pfleglinge aneinander stossen, weil dadurch jegliche 
Friction durch den plötzlichen Abgang einer Pflegerin ver¬ 
mieden wird. 

Das Lazareth soll aus einem Krankenzimmer, Separations¬ 
zimmer, Theeküche, Baderaum und Abortanlage bestehen. 

Die Küche und Wäscherei sind in einem Wirthschafts- 
hause untergebracht. Neben der Küche befinden sich die ge¬ 
meinsamen Speisezimmer der Zöglinge und der Bediensteten. 

Eine die Belehrung, Beaufsichtigung, Beschäftigung und 
Pflege der Zöglinge umfassende Dienstesanweisung, sowie eine 
kurz gefasste Hausordnung erhalten das Getriebe in der Anstalt 
in den vorgeschriebenen zielbewussten Bahnen. 


8. „Hephata", evangelische Erziehungs- und Pflegeanstalt 
für Blödsinnige Rheinlands und Westphalens zuM. Gladbach, 
Regierungsbezirk Düsseldorf, unter der pädagogischen Leitung 
des Directors Barthold. 

An einer Anhöhe in der Nähe von Gladbach, inmitten einer 
wohlgepflegten Park- und Gartenanlage, zu welcher noch 8 bis 
9 Hektar Ackerland gehören, befindet sich die in Hufeisenform 
gebaute und 2 Stock hohe Erziehungsanstalt, in deren Nähe, in 
einem separaten Hause, das Asyl für erwachsene, beschäftigungs¬ 
fähige Pfleglinge errichtet ist. 

JahTböcher f. Paychiatrle u. Nervenh. XIV. Bd. 4 


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50 


L>r. Josef Krayatsch. 


Diese Anstalt besteht seit dem Jahre 1861 und erfuhr ihre 
Zubauten in den Jahren 1870 und 1881, in welchen das Asyl 
und das Directionswohnhaus gebaut wurden. 

Am 1. Juli 1894 waren in der Anstalt insgesammt 196 Pfleg¬ 
linge, davon 92 Knaben und 48 Mädchen in der Erziehungsanstalt 
und 56 erwachsene Pfleglinge im Asyl. 

Die in jeder Richtung mustergiltige Anstalt ermöglicht in 
ihrer baulichen Anlage auch die Gruppenbildung, welche zur Er¬ 
ziehung unbedingt nothwendig ist. 

Zur Wohnung eines Pfleglings der I. Classe gehört ein 
Vorzimmer, ein Tagraum und ein Schlafraum, welche er mit 
seinem Wärter innehat. 

Dieselbe Wohnungsanlage steht auch den Pfleglingen der 
II. Classe zur Verfügung, nur theilen mehrere derselben diesen 
Raum. Die der III. Classe bilden eine Familiengruppe von 
12 Pfleglingen, haben einen gemeinsamen Schlafraum, den sie 
mit einer Pflegeperson bewohnen. Anstossend an denselben ist 
der Tagraum. 

In dieser Anstalt genügt wohl eine Wartperson für 10 bis 
12 Pfleglinge, weil sie zumeist nur Bildungsfähige beherbergt und 
die Unbildungsfähigen in die Pflegeanstalt nach Sobernheim ab¬ 
gibt, andererseits im Bedarfsfälle Pflegepersonen der anderen 
Verpflegsclassen zur Verfügung stehen. 

Epileptiker werden keine aufgenommen, sie kommen nach 
Bielefeld, wo unter der Leitung des Pastors Bodelschwingh 
bereits 1800 Epileptiker in der Colonie Bothel untergebracht sind. 

Die Schlafzimmer enthalten nebst den 13 Betten einen 
langen Waschtisch mit 13 Waschbecken, ausserdem ein auto¬ 
matisches Torfstreucloset mit abgemessener Streuung. Die Wände 
sind, wie die in allen übrigen Räumen, auf 1*50 Meter Höhe mit 
einer mit Oel gestrichenen Holzverkleidung versehen und von 
da ab mit Emailfarbe gestrichen, welche in verschiedenen Tönen 
gehalten, den einzelnen Räumen ein freundliches Aussehen ver¬ 
leiht. Das Bett aus Holz enthält Matratzen aus waschbaren Woll- 
abfallen. 

Die Schulzimmer gewähren Raum für 12 Schüler und sind 
mit allen nöthigen Schulbehelfen ausgestattet. Die Tagräume ent¬ 
halten entsprechend lange Tische, Sessel und Kästen mit Spiel¬ 
zeug und Arbeitsgeräthe. 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 51 


Die Mädchen und Knaben haben einen gemeinsamen Speise¬ 
saal, welcher in der Mitte durch eine 1-50 Meter hohe Wand 
abgetheilt ist und die Trennung der Geschlechter möglich 
macht. 

Das Essgeschirr besteht aus verzinntem Eisenblech und 
wird bis jetzt als das dauerhafteste und reinste bezeichnet. Jedes 
Kind erhält beim Mittagstisch nur einen Teller aus Eisenblech 
und einen Löffel. Die Zöglinge der I. und II. Classe benützen 
Porzellangeschirr. 

Die Mittagskost der III. Classe besteht zweimal wöchent¬ 
lich aus Milchspeise und fünfmal aus Fleischspeise. Die letztere 
wird mit einer Fleischmühle oder mit einem Wiegmesser ge¬ 
schnitten. Jedes Kind erhält zu dem Gemüse- oder Kartoffelbre: 
einen Löffel voll Fleisch zugemessen. 

Der Speiseordnung nach erhalten die Kinder ihre Mahlzeiten 
I. Frühstück um 7 Uhr Früh Kaffee mit Semmel; 

II. Frühstück um 10 Uhr Butterbrot; 

Mittag Suppe, Fleisch, Gemüse oder Milchspeise; 

Zur .lause Kaffee oder Milch; 

Abends Suppe. Die Unreinen erhalten ein trockenes Nacht¬ 
mahl. 

Nebst der schulplanmässigen Erziehung, welche auf sittlich¬ 
religiöser Grundlage beruht, wird in dieser Anstalt auch grosser 
Werth auf die Beschäftigung der Zöglinge gelegt, dem Grund¬ 
sätze zufolge, dass bei jedem Kinde der Versuch zur Beschäftigung 
gemacht werde. In den verschiedenen Werkstätten werden die 
Pfleglinge unter Berücksichtigung ihrer körperlichen und gei¬ 
stigen Beschäftigung zu allen Arbeiten herangezogen. Es bestehen 
Werkstätten für Bürstenbinderei, Buchbinderei, für Holzindustrie, 
Korb-, Matten- und Sesselflechterei, es werden Teppiche und 
Schuhe geflochten, Knaben und Mädchen beim Stricken und in 
der Schneiderei beschäftigt. 

Ein reichhaltiges Magazin, in welchem meist auf Bestellung 
fertiggestellte Waaren, als: Spielzeug, Bürsten u. dgl. aufge¬ 
speichert sind, gibt Zeugniss von der regen Thätigkeit der 
Zöglinge. Ausserdem werden die Knaben und Mädchen im Hause 
und bei der Landwirthschaft verwendet. 

Mustergiltig sind Küche, Vorrathskammer und Kleider 
magazin. 

4* 


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52 


Dr. Josef Krayatsch. 


Jedes Kind erhält bei seiner Aufnahme eine Nummer, welche 
im Wäsche- UDd Kleiderddpöt ein Legefach und eine Stelle zum 
Hängen der Kleider sichert. 

Das D4pöt für Knaben und Mädchen ist abgetheilt, die 
Knaben haben die geraden, die Mädchen die ungeraden Nummern. 
Ausserdem sind die Wäsche und die Kleidergarnitur mit dem 
Namen gemärkt und ein Verwechseln der Kleider nicht möglich. 
Eine grosse geräumige Turnhalle in der Nähe des an die An¬ 
stalt stossenden Parkes dient als gedeckter Spielsaal bei 
schlechtem Wetter im Sommer, zu Weihnachten als Festsaal 
und hat zur Zeit einer Hausepidemie als Lazareth gedient. 

Die ärztlichen Agenden werden von einem ausserhalb der 
Anstalt wohnenden Arzte, der täglich in die Anstalt kommt und 
an den Conferenzen theilnimmt, besorgt; in den Jahresberichten 
referirt der Anstaltsarzt separat. Als stimmfähiges Mitglied des 
Verwaltungsausschusses entscheidet der Anstaltsarzt über die 
Aufnahme von Zöglingen und alle die Anstalt betreffenden Fragen. 

Die Anstalt steht unter der ärztlichen Controle in dem¬ 
selben Masse wie die Privatirrenanstalten und wird deshalb jähr¬ 
lich zweimal vom Reichsmedicinalrath der Provinz revidirt. 

Nachstehende Hausordnung ist für alle Bewohner der An¬ 
stalt verbindlich. Dass die Zöglinge der Hausordnung gemäss¬ 
leben, ist Sorge der Angestellten. 


§ 1. 

Tagesordnung. 

1. Die Angestellten und grösseren Zöglinge stehen auf: 

Im Sommer um 5 Uhr, im Winter um 7 2 6 Uhr. Die kleinen 

und hilfsbedürftigen Zöglinge stehen etwas später und nicht alle 
zugleich auf. 

Bis zum ersten Frühstück müssen alle Zöglinge gründlich 
gewaschen, gekämmt und vollständig angekleidet sein. 

2. Das erste Frühstück wird im Sommer um ’/ 2 7 Uhr und 
im Winter um 7 Uhr eingenommen, und zwar: 

a) Von den Kindern der Heilabtheilung im Speisesaale; 

b) von den Kindern der Pflegeabtheilung in ihrem Wohn¬ 
zimmer; 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher IdioteDanstalten. 53 


c) von den Angestellten im Speisesaale, nach dem Früh¬ 
stück der Kinder; 

d) von den Asylisten im Asyle in den dazu bestimmten 
Räumen. 

3. Nach dem Frühstück findet mit sämmtlichen Bewohnern 
der Heilabtheilung eine gemeinsame Hausandacht im Betsaale, 
gehalten vom Director oder dessen Stellvertreter, statt. 

Mit den Asylisten wird an Wochentagen eine besondere 
Andacht im Asyle gehalten. 

Nur Krankheit entbindet Angestellte wie Kinder von der 
Theilnahme an der Hausandacht. 

Nach der Andacht verrichten einzelne Kinder die ihnen 
obliegenden Arbeiten, als Treppenkehren, Abstauben u. dgl. 

4. Die Unterrichtsstunden währen Vormittags von 8 bis 
11 Uhr. Von 9 3 / 4 bis 10'/ 4 Uhr ist eine halbstündige Pause, in 
das zweite Frühstück gereicht wird. 

Bis zum zweiten Frühstück müssen die Schlafsäle in Ord¬ 
nung gemacht und gereinigt sein. 

5. Von 11 bis '/ 2 12 Uhr finden mit den Knaben und Mädchen 
in getrennten Abtheilungen unter Anleitung der Lehrer gymna¬ 
stische Uebungen statt. 

6. Um 12 Uhr wird in derselben Weise wie früh Morgens 
zu Mittag gegessen. 

7. Nach dem Mittagessen wird sämmtlichen Kindern das 
Gesicht gewaschen und die Haare gekämmt. 

Mittwoch und Samstag Nachmittags sind sämmtliche Kinder 
mit einem engen (Staub-)Kamm noch extra zu kämmen. 

8. Bis 2 Uhr ist unter Aufsicht der Wärter und Wärterinnen 
Spaziergang in einzelnen Abtheilungen innerhalb der Anstalt; bei 
ungünstiger Witterung Bewegung und Spiel in den verschiedenen 
Corridoren. 

Im Winter tragen einzelne Knaben unter Aufsicht eines 
Wärters Kohlen in die einzelnen Wohnzimmer. 

9. Von 2 bis 4 Uhr ist Unterricht, mit Ausnahme von 
Mittwoch und Samstag. 

10. Um 4 Uhr findet Kaffeetrinken wie früh Morgens statt. 

11. Bis */ 2 6 Uhr Aufenthalt im Freien oder auf den Corridoren. 

Eine Anzahl Knaben trägt unter Aufsicht eines Wärters 

die Nachtstühle in die verschiedenen Schlafsäle. 


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Dr. Josef Krayatsch. 


12 . Von V 26 bis 7 Uhr, Mittwoch und Samstag von 2 bis 4 Uhr, 
beschäftigen sich sämmtliche Zöglinge der Heilabtheilung in den 
verschiedenen Werkstätten oder im Garten und auf dem Felde, 
unter Anleitung der Wärter und Arbeitsgehilfen. 

13. Um 7 Uhr nehmen die Kinder, um '/ 2 8 Uhr die Ange¬ 
stellten ihr Abendessen ein. 

Eine kurze Abendandacht schliesst den Tageslauf. 

14. Nach der Abendandacht gehen die Kinder zu Bette 
(die kleineren 1 Stunde früher). 

Auf den einzelnen Abtheilungen sollen die Kinder von ihren 
Wärtern und Wärterinnen angehalten werden, selbst noch ein 
kurzes Kindergebet, einen passenden Gebetspruch oder Lieder- 
vers zu sprechen; ebenso soll es auch nach dem Aufstehen ge¬ 
halten werden. 

15. Die Angestellten gehen spätestens um 10 '/ 2 Uhr zu Bett. 

Um 10'/ 2 Uhr müssen alle Gasflammen in den Wohnräumen 

gelöscht sein. 

§ 2 . 

1 . Mittwoch und Samstag Nachmittags erhalten sämmtliche 
Kinder ein Reinigungsbad. 

2 . Samstag Nachmittags werden die Werkstätten geordnet 
und gereinigt, die Umgebung des Hauses (Hof, Gartenterrasse, 
Treppen etc.) von Asylisten unter Mithilfe eines Wärters gekehrt, 
Schiebkarren und andere Geräthe in Ordnung gestellt. 

3. An Sonn- und Feiertagen findet mit sämmtlichen Kindern 
der Heilabtheilung und denjenigen Asylisten, welche nicht zur 
Kirche gehen, Vormittags ein Hausgottesdienst in dem Betsaale 
der Anstalt statt; bestehend in Gesang, Gebet und katechetiscber 
Besprechung des sonntäglichen Evangeliums oder eines anderen 
passenden Bibelabschnittes. 

Dieser Hausgottesdienst wird von dem Direct or und den 
Lehrern der Anstalt abwechselnd gehalten. 

4. An den Sonn- und Festtagnachmittagen machen sämmt¬ 
liche Kinder und Asylisten in einzelnen Abtheilungen unter Be¬ 
gleitung ihrer Wärter und Wärterinnen grössere Spaziergänge 
ins Freie. Dabei sind Landstrassen, sowie Gänge durch benachbarte 
Städte möglichst zu vermeiden. 

Besuche in den Privathäusern dürfen mit den Kindern nie 
gemacht werden. 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 55 


Bei ungünstiger Witterung unterhalten sich die Kinder 
unter Anleitung ihrer Wärter und Wärterinnen in ihren Wohn¬ 
zimmern, auf den Corridoren oder in der Turnhalle mit Spielen, 
Lernen etc. 

5. Allen Angestellten sind körperliche Züchtigungen der 
Zöglinge, Entziehung von Speisen, sowie beschämende Strafen 
untersagt. 

Strafbare Handlungen einzelner Zöglinge sind dem Director 
anzuzeigen. 

6. Vom Pflegepersonal erhält jedes den dritten Sonntag 
Nachmittag frei. In der Woche ist zu jedem Ausgange, der nicht 
im Dienste der Anstalt geschieht, besondere Erlaubniss nöthig. 

7. Allen Angestellten wird zur Pflicht gemacht, dass sie 
nicht nur selbst auf Erhaltung der Ruhe, des Friedens, der 
strengen Ordnung und Reinlichkeit bedacht sind, sondern dass 
sie auch bei den ihnen anvertrauten Kindern den Sinn dafür 
wecken und pflegen. 

§ 3 . 

Bestimmungen für Angehörige der Kinder und Fremde. 

1. Eltern und Verwandte der Zöglinge, sowie Fremde, 
welche die Anstalt oder einzelne Kinder besuchen wollen, sind 
stets zu dem Director zu weisen, welcher bestimmt, ob und in 
wessen Begleitung sie die Anstalt besichtigen können. 

Ohne Wissen und Erlaubniss des Directors darf niemand 
durch die Anstalt oder zu einzelnen Kindern geführt werden. 

Eine Beherbergung von Angehörigen der Zöglinge findet 
nicht statt. An den Mahlzeiten des Pflegepersonales können sie 
theilnehmen, wenn ihre Anwesenheit wenigstens eine halbe 
Stunde vor der betreffenden Mahlzeit den Hauseltern gemeldet wird. 

2. Die Angestellten haben Besuchern mit Zuvorkommenheit 
zu begegnen und jede gewünschte Auskunft zu ertheilen; da¬ 
gegen sich aller Mittheilungen über Familienverhältnisse der 
Kinder, sowie über deren Zustand in ihrer Gegenwart zu ent¬ 
halten. 

3. Es ist nicht gestattet, dass Besuchende den Kindern 
Speisen, Leckereien oder dergleichen reichen. Derartiges ist den 
betreffenden Wärtern oder Wärterinnen zu übergeben, und diese 
haben von dem Empfange der Direction Anzeige zu machen. 


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Dr. Josef Kray ätsch. 


4. Erhalten Angestellte Besuche, so haben sie der Direction 
davon Mittheilung zu machen; im üebrigen findet auf dieselben 
§ 3, 1, gleichfalls Anwendung. 

M. Gladbach, im März 1892. 

Die Verwaltung der Anstalt: 

Der Director C. Barthold. 

In dem Jahresberichte pro 1875 wurden die Erziehungs¬ 
erfolge veröffentlicht, welche Director Barthold auf Grund eines 
Circulares an die betreffenden Eltern und Corporationen über 
das Benehmen einer Reihe von entlassenen Zöglingen im Familien¬ 
kreise und im öffentlichen Leben erhoben hat. 

Die Mittheilungen erscheinen in drei Gruppen, und zwar: 

1. Ueber diejenigen früheren Zöglinge, die confirmirt ent¬ 
lassen werden konnten; 

2. über solche, die mehr oder weniger gebessert waren, 
aber keine erheblichen Fortschritte im Unterrichte machten; 

3. über diejenigen, die als bildungsuntahig entlassen werden 
mussten. 

ad erste Gruppe: 

1. Ueber Otto E. wird berichtet: Derselbe ist bei einem 
Taglöhner in Kost und Logis, der ausser ihm noch 11 andere 
Personen — meist Maurer — in Logis hat. 

E. hat die Schreinerei erlernt und arbeitet jetzt als Geselle. 
Er verdient als solcher durchschnittlich 3 Mark pro Tag und 
ernährt sich ganz selbstständig. Sein sittliches Verhalten ist gut. 
Seine Kostgeber wissen nur Gutes anzugeben. Sein Benehmen 
im Kosthause ist ein solches, dass er dort allgemein gelitten ist* 
Wirthshäuser besucht er sehr mässig. Den Gottesdienst besucht 
er regelmässig. 

2. Ueber Peter B. wird mitgetheilt: B. verhält sich im 
Familienleben ganz ordentlich. Er verdient seinen vollständigen 
Lebensunterhalt als Maurer und Taglöhner und macht sich im 
Hause durch Holzhacken, Wasserholen u. dgl. nützlich. 

In sittlicher Beziehung gibt er zu Klagen durchaus keine 
Veranlassung. Er ist sehr selbstständig, auch bei zweifelhafter 
Umgebung, da seine Mutter sich nicht des besten Rufes erfreut. 
Sonntags geht er regelmässig zur Kirche. 

Es wird noch hinzugefügt, dass B. bis jetzt ein ganz ordent¬ 
licher Mensch geblieben ist, der nur Lob verdient. 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 57 


3. Ueber August H.: Der A. H. ist bereits vor Jahren nicht 
lange nach seiner Entlassung aus der Anstalt gestorben. 

Die an ihn gewandte Mühe war nicht verloren; er hatte 
mit frommem Gemüth den dort empfangenen Religionsunterricht 
in sich aufgenommen, besuchte gern den Gottesdienst, betete 
andächtig Morgens und Abends und ist im Frieden heimgegangen. 
Er war ein durchaus harmloser Mensch, in seiner Familie mit 
den Seinigen im besten Verhältnisse lebend. Er war bis zu seiner 
letzten Krankheit Handlanger bei der Maurerarbeit, willig, nach 
Kräften fleissig. Sein Meister hat ihn gelobt und seinen Verlust 
bedauert. 

Er verdiente seinen Lebensunterhalt, wenigstens nothdürftig, 
täglich 11 Silbergroschen. 

ad zweite Gruppe. 

1. Ueber Wilhelm K. wird berichtet: Er hält das geregelte 
Leben, welches ihm in der Anstalt beigebracht worden ist, so 
ziemlich bei, und wenn wir ihn in verschiedenen Punkten anders 
gewöhnen wollen, so will er nicht von der Anstaltsordnung ab¬ 
gehen. Er hilft seiner Mutter in der Küche und im Stalle bei den 
Kühen, und besorgt besonders das Reinigen des Stalles, was mit 
aller Pünktlichkeit geschieht. An den Winterabenden beschäftigt 
er sich mit Strohmattenflechten und Nähen, und diese Arbeit 
wird mit der grössten Pünktlichkeit gethan. Er bringt auf diese 
Weise nur wenig fertig und sein Verdienst ist darum sehr klein. 
Sein Verhalten ist sehr still und schweigsam. Sein Leben muss 
überwacht werden, um ihn vor Verführung zu schützen. Er 
erzählt zwar die biblische Geschichte, welche er in den Anstalt 
gelernt hat; eine besondere Empfindung darüber gibt sich nicht kund. 

Jeden Tag erzählt er aus der Anstalt und seine Kameraden 
und Lehrer nennt er mit Namen, und besonders der Anstalts. 
vater und die Anstaltsmutter, und erzählt, wie sie ihn geliebt 
and in seiner Krankheit gepflegt hätten. 

2. Ueber Peter K.: Wir sind Ihnen Dank schuldig für unser 
Kind, das wir drei Jahre unter Ihrer Aufsicht hatten. Wir dürfen 
uns nicht beklagen, seine Führung ist gut; er ist zwar nicht 
vollsinnig, aber er ist folgsam und sehr freundlich gegen jeder¬ 
mann. Er ist arbeitsam und beschäftigt sich unter dem Vieh und 
mit häuslichen Arbeiten. Am Sonntag aber will er nicht arbeiten, 


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58 


Dr. Josef Krayatsch. 


sondern in die Kirche gehen und beten. Wir bedauern, dass wir 
ihn nicht noch einige Jahre dort lassen konnten, aber unsere 
Verhältnisse erlaubten es nicht. 

3. und 4. Ueber Gebrüder S.: Ihr Betragen ist gut. Sie 
geben ihren Eltern in häuslichen Beschäftigungen treulich zur 
Hand. Eine bestimmte Beschäftigung haben sie nicht erlernt. 
Ihr sittliches Verhalten ist zur vollen Zufriedenheit. Auch kommen 
sie mit ihren Eltern fleissig zur Kirche. 

ad dritte Gruppe. 

1. Ueber Johann B.: Es ist mit dem Johann noch wie 
damals, als derselbe aus der Anstalt entlassen wurde. Er spricht 
bereits nichts, hat keine Neigung zum Arbeiten, ist auch schwäch¬ 
licher Natur und der Speichelfluss ist noch derselbe. Im Uebrigen 
macht er keine Belästigung. 

2. Ueber Gerhard B.: An dem als bildungsunfähig ent¬ 
lassenen Knaben ist keine weitere geistige Entwickelung wahr¬ 
zunehmen gewesen. Seine Eltern brauchen ihn wohl zu mecha¬ 
nischen Handreichungen, um ihn zu beschäftigen. Uebrigens 
gehorcht er nicht nur seinen Eltern, sondern auch seinem jüngeren 
Bruder aufs Wort und ist in sittlicher Beziehung nichts Nach¬ 
theiliges zu meiner Kenntniss gekommen. 

Spricht man ihm von der Anstalt, dann leuchten die Augen 
des armen Burschen, dann weiss er sich vor Freude nicht zu 
fassen und als Erinnerung an die Zeit seines Aufenthaltes in 
Hephata ist dies noch zurückgeblieben, dass er vor dem Zubette- 
gehen jedem Gliede des Hauses die Hand reicht und dann kurz 
die Hände faltet. 

3. Ueber Emil K.: Der K. wird von seiner Mutter unter¬ 
halten und verpflegt. Zu häuslichen Arbeiten kann er nur dann 
benützt werden, wenn er stets dabei beaufsichtigt wird. Eine 
Erwerbsfähigkeit ist ausgeschlossen. Gemeingefährlich ist er 
durchaus nicht. Dagegen ist er seiner Mutter gegenüber sein- 
widerspenstig, und da er dieser an Körperkraft weit überlegen 
ist, so mangelt ihm die nöthige Zucht. 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 59 


9. Scheuern (Provinz Hessen-Nassau). 
Idiotenanstalt, Erziehungs- und Pflegeanstalt für 
Schwachsinnige und Blödsinnige der Provinz Hessen- 
Nassau unter pädagogischer Leitung des Directors 

Horny. 

Die Anstalt liegt am Fusse eines Höhenzuges, überragt von 
der verfallenen Burg Nassau und besteht aus acht Objecten aus 
verschiedenen Bauzeiten. 

Zunächst zur Aufnahme von entschieden bildungsfähigen 
Idioten in einer Altersgrenze von 6 bis 16 Jahren bestimmt, 
ergab sich die Nothwendigkeit, nachdem eben nicht alle Auf¬ 
genommenen bildungstahig waren, eine Pflegeabtheilung zu 
schaffen, welch letztere wiederum eine Trennung der Epileptiker 
von den eigentlichen Idioten zur Folge hatte. 

Demnach gliedern sich die Pfleglinge der Anstalt derzeit 
in drei Gruppen: 

I. Bildungsfähige (Schüler oder Zöglinge); 

II. Bildungsunfähige: 

a) Pflegeabtheilung, 

b) Beschäftigungsabtheilung; 

III. Epileptiker. 

Seit dem Jahre 1888 besitzt die Anstalt in der Nähe der¬ 
selben eine Mahlmühle, in welcher circa 52 männliche Pfleglinge 
colonisirt werden. 

In der Mahlmühle wird Mehl gewonnen, Brot gebacken und 
Butter nnd Käse bereitet. 

Sowohl die Pfleglinge (die bildungsunfähigen Knaben und 
Mädchen), als auch die Epileptiker bewohnen nach den Ge¬ 
schlechtern getrennt besondere Häuser. 

Am 30. Juni 1894 waren 121 Knaben und 94 Mädchen in 
der Anstalt, zu deren Pflege 17 Gehilfen und 22 Gehilfinnen 
nothwendig waren. 

Die Kinder werden nach drei verschiedenen Classen verpflegt. 

In der ersten Verpflegsclasse sind 2 Kinder in einem Zimmer 
mit einem Wärter; in der zweiten Verpflegsclasse 4 bis 8 Kinder 
mit 2 Wärtern; in der dritten Classe 8 bis 16 Kinder mit 2 Wärtern. 

Die Anlage der Schlaf- und Tagräume entbehrt nicht des 
Familiären. Neben dem Schlafzimmer steht ein kleiner Tagraum 
zur Verfügung. 


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Dr. Josef Krayatsch. 


Alle Zöglinge und Pfleglinge, mit Ausnahme der Pflege¬ 
bedürftigen, essen in einem gemeinsamen Speisesaale. Ausserdem 
sind mehrere Schulzimmer vorhanden, in welchen 4 Lehrer und 
eine Lehrerin den Unterricht ertheilen. 

Die Mädchen haben 2 Classen, und zwar die Vorschule, in 
welcher sich 12, und die eigentliche Schule, in welcher sich 
24 Mädchen befinden. 

Die Knaben haben 3 Classen. Die Vorschule besuchen 12, 
die eigentliche Classe je 18 bis 24 Knaben. Bei den Knaben 
machte sich die Errichtung einer Zwischenclasse nothwendig, 
welche 14Zöglinge verschiedenen Alters besuchen, welche weder zu 
den schulfähigen noch zu den Vollidioten gehören. Die Vorschule 
wird von den Zöglingen durchschnittlich 2 bis 3 Jahre besucht, 
ehe sie zur eigentlichen Schule zugelassen werden. 

Director Horny, welcher in der Anstalt den officiellen Titel 
„Vater” bei Bediensteten und Zöglingen führt, hat am 3. Juli 1894 
vor dem Berichterstatter die Zöglinge der verschiedenen Classen 
geprüft. 

Dieselben beantworteten unter lebhaften Gesten, grossem 
Eifer und auffallend laut die verschiedensten Fragen aus dem 
Anschauungsunterrichte, aus der Geographie und Religion. 

In den Schulen haben die Lehrer Stäbchen und scheinen 
öfters davon Gebrauch zu machen, überhaupt ist die körperliche 
Züchtigung in den Schulen gestattet, doch darf dieselbe nur von 
den Lehrern ertheilt werden. 

Ausser der Schule werden die Zöglinge und Pfleglinge im 
Sommer nur bei Garten- und Feldarbeit verwendet. Die Mädchen 
auch in der Küche, Nähstube und Wäscherei. 

Im Winter werden die Knaben ausserdem zum Korb- und 
Sesselflechten und zur Verfertigung von Papiersäcken heran¬ 
gezogen. Eine Erziehungsgeschichte wird geführt und viertel¬ 
jährlich ergänzt, und bei deren Anlage auch eine kurze körperliche 
Beschreibung aufgenommen. 

Die Einleitung zur Erziehungsgeschichte eines gerade auf¬ 
genommenen Pfleglings beleuchtet den streng sittlich-religiösen 
Charakter der Anstalt und lautet nach kurzer Anamnese wie folgt: 

J. Z., Epileptiker, keine Hoffnung? Gott beschütze das Kind 
und sei ihm gnädig; ein armer unglücklicher Junge. Das Kind 
wird nicht alt werden, etwa 16 bis 18 Jahre. 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 61 


Der Aufnahmsvorgang ist folgender: Die Gemeinden oder 
Privaten stellen den Aufnahmsantrag bei der Direction. Dieselbe 
sendet dann die Zahlungsbedingnisse und den Fragebogen. 

Auf Grund des beantworteten Fragebogens und des ärzt¬ 
lichen Zeugnisses wird die Aufnahme bei der allmonatlich tagenden 
Comitesitzung erledigt. 

Bei öffentlichen Pfleglingen verfugt die Landesdirection die 
Aufnahme über Ansuchen der Orts- und Kreisgemeinden. 

Die Entlassung geschieht nach constatirter Erwerbsfähig¬ 
keit — etwa 10 Procent der Bildungsfähigen des Verpflegsstandes — 
jedoch erst nach gefundener Unterkunft, wenn nicht Eitern oder 
Verwandte für sie sorgen. 

Bei auf Kosten des Landes-Armenverbandes Verpflegten ge¬ 
schieht die Entlassung auf Grund des Armen Versorgungsgesetzes. 

Die den Pflegedienst versehenden Gehilfen und Gehilfinnen 
heissen Brüder und Schwestern und sind Glieder der inneren 
Mission. 

Director Horny, der auf eine 30jährige Thätigkeit zurück¬ 
blickt, warnt vor ausschliesslich weiblichen Pflegerinnen schon 
deshalb, weil es z. B. beim Baden der Knaben in Folge der oft 
allzu frühen Geschlechtsreife zu unliebsamen Zwischenfällen 
kommen kann, welche von vornherein vermieden werden, wenn 
man den erwachsenen männlichen Zöglingen und Pfleglingen 
männliche Pfleger zutheilt. 

Ueber die Einrichtung der Schlaf- und Tagräume ist nichts 
besonderes zu erwähnen. 

Die Anstalt wird täglich von einem Arzte besucht. 

Seit dem Jahre 1883 verfügt die Anstalt über eine Spitals¬ 
baracke mit 12 Betten. 

Der Wochenspeisezettel wird vom Arzte und vom Director 
zusammengestellt. 

Nach demselben erhalten sie eine einfache kräftige Fleischkost. 

Fragebogen. 

Fragen vor der Aufnahme zu beantworten: 

1. Name, Geburtstag und Ort, Religion. 

2. Vor- und Zuname der Eltern; Alter, Wohnort, Stand, 
Religion. 


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Dr. Josef Krayatsch. 


3. Wie viele Geschwister sind vor und nach geboren — 
sind sie gesund? 

4. Wie liegt die Wohnung der Familie? Ist Sumpf- oder 
stehendes Wasser in der Nähe? Wird das Haus von der Sonne 
beschienen? 

5. Kommen Wechselfieber dort häufig vor? 

6. Sind Krankheiten in der Familie erblich und welche? 
Syphilis, Tuberculose etc. Sind Geistes-, Gemüths- oder andere 
Nervenkrankheiten, wie Epilepsie, Veitstanz etc., vorgekommen? 

7. Sind die Eltern gesund? Ist der Vater oder die Mutter 
dem Trünke ergeben? Sind sie blutsverwandt? 

8. Wie verlief die Schwangerschaft? War die Mutter während 
derselben stets gesund? Ist während der Schwangerschaft etwas 
Aussergewöhnliches vorgekommen ? 

9. Wie war die Geburt des Kindes? Zangengeburt? War 
die Ernährung eine natürliche oder künstliche? 

10. Wie ging das Zahnen vor sich? Wann lernte Patient 
gehen? Wie verliefen die Kinderjahre? Welche Krankheiten 
zeigten sich? 

11. Wann bemerkte man die ersten Spuren der Idiotie? 
Hält man den Zustand für angeboren oder erworben, und aus 
welcher Ursache? 

12. Wie ist der Gesundheitszustand jetzt? (Wir bitten neben 
der allgemeinen Körperbeschreibung speciell die Form und Grösse 
des Kopfes, den Gesichtsausdruck, Augen, den Mund und das 
Gehörorgan berücksichtigen zu wollen.) 

13. Kann das Kind unterscheiden, begreifen, sprechen oder 
sich sonst deutlich machen? Versteht es das, was man zu ihm 
spricht? Hat es Schulunterricht erhalten und mit welchem 
Erfolge? 

14. Wie sind seine Anlagen? Hat es Gedächtniss? Nach¬ 
ahmungstrieb? Kann es allein essen und sich selbst an- und aus- 
kleiden? 

15. Wie ist die Gemüthsart? willig oder störrig, still oder 
lärmend? Ist es gesellig oder sucht es allein zu sein? 

16. Hat es auffallende Angewöhnungen oder Sonderbar¬ 
keiten an sich? 

17. Hält es auf Reinlichkeit? Meldet es seine natürlichen 
Bedürfnisse an? Ist es der Onanie verdächtig? 


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Reisebericht Uber den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 63 

18. Leidet Patient an Epilepsie und seit wann? Zu welcher 
Zeit und wie oft kommen die Anfälle? Ist die Ursache bekannt? 

19. Hört er auf seinen Namen? Erkennt er Personen? 
Riecht er an Speisen? 

20. Singt er gern Melodien nach — mit oder ohne Text? 

21. War er schon in einer Anstalt, wo und wie lange? 

23. Ist er hautrein und frei von Ausschlägen? 

23. Wird er für bildungsfähig gehalten? 


10. Darmstadt (Grossherzogthum Hessen-Darmstadt). 

Alicestift, Grossherzogliche Staatsanstalt für blöd¬ 
sinnige Kinder unter pädagogischer Leitung des In¬ 
spectors Roth. 

Die Anstalt wurde unter dem Protectorate der Grossherzogin 
Alice gegründet und im August 1869 eröffnet und besteht derzeit 
aus dem eigentlichen Erziehungshause, aus dem Wohnhause für 
die Beamten, dem Werkstättenhause mit der Wäscherei und 
einem kleinen Gutshofe, zu dem 50 Morgen Park- und Acker¬ 
land gehören. 

Am 4. Juli 1894 wurden 89 Knaben und 61 Mädchen, und 
zwar 9 /,o auf Staatskosten und auf eigene Kosten verpflegt. 
Einer vor mehreren Jahren vorgenommenen Zählung zufolge 
beherbergte die Anstalt beiläufig den zehnten Theil der Idioten von 
Hessen-Darmstadt; bei einer Bevölkerungszahl von 900.000 Ein¬ 
wohnern kam gerade auf 600 ein Idiot. 

Als Hausarzt fungirt ein Arzt aus Darmstadt. Ausser den 
Krankenzimmern und Separationsräumen ist noch ein eigens 
errichtetes Lazareth für an Infectionskrankheiten leidende Zög¬ 
linge vorhanden. Eine Trennung der Epileptiker von den übrigen 
Idioten ist auch durchgeführt. Die Anstalt steht unter der Provinzial- 
direction, welche über Antrag der pädagogischen Leitung die 
Aufnahme und Entlassung der Zöglinge verfügt. 

Das Personal besteht aus drei Lehrern, welche in 3 Classen 
den Unterricht den bildungsfähigen Idioten ertheilen. Die Zög¬ 
linge werden im Sprechen, Anschauungsunterrichte, Lesen, Schrei¬ 
ben, Singen und Turnen unterwiesen und ausserdem ihren Fähig¬ 
keiten entsprechend zum Arbeiten angehalten. 


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Dr. Josef Krayatsch. 


Die Knaben werden zur Garten- und Feldarbeit, Stroh- 
flechterei und Handwerksarbeiten herangezogen, die Mädchen 
bei weiblichen Arbeiten, als Stricken, Nähen, Waschen, Haus¬ 
und Küchenarbeiten, verwendet. 

Der Religionsunterricht wird bis zur Confirmation von den 
Lehrern ertheilt, vor welcher die Pfleglinge eine Religionsprüfung 
vor dem Ortsgeistlichen zu bestehen haben. 

Ueber den Erziehungserfolg äussert sich Inspector Roth 
offenherzig, dass es nur sehr selten gelingt, einen Idioten in 
einem Handwerke so weit auszubilden, dass ihn ein Meister, 
abgesehen von der heutigen Concurrenz, vollwerthig verwenden 
kann. 

Eine complicirte Thätigkeit, nämlich neben der mechanischen 
auch Gedankenarbeit zu verrichten, sind die Idioten nicht im 
Stande zu leisten, daher ist die Abrichtung zu einer geistlosen 
Beschäftigung, wie zum Taglöhner bei der Landwirtschaft, eher 
rathsam, zumal ihre Arbeitskräfte bei den heutigen Löhnen in 
der Nähe der Anstalt gesucht werden. 

Bei der Besprechung über die Disciplinarmittel hält er die 
Anwendung der körperlichen Züchtigung für angezeigt, zumal ja 
in jeder Familie davon Gebrauch gemacht’ wird, nur muss sie 
vom Lehrer verhängt und vollzogen werden, 

In der Anstalt sind ferner noch bedienstet ein Oberwärter, 
der die Pfleglinge zur Beschäftigung gruppirt und leitet, ein 
Wärter Gärtner und ein Wärter Knecht. 

Zur Betreuung der Pfleglinge sind Wärter und Wärterinnen 
vorhanden, welche die Schlafzimmer mit den Zöglingen theilen. 
Es wird in dieser Anstalt besonders darauf gesehen, dass die 
erwachsenen Knaben männlichen Pflegern zugewiesen werden, 
weil der Verkehr dieser mit weiblichen Pflegerinnen, z. B. beim 
Baden u. dgl. unstatthaft ist. 

Das Erziehungsgebäude ist in zwei Abtheilungen getheilt, 
wodurch die Trennung der Geschlechter möglich ist. 

Die Schlafsäle befinden sich unter dem Dache in verschalten 
Räumen, die Lehrzimmer, Tag- und Beschäftigungsräume in den 
übrigen Stockwerken. 

Ein grosser Speisesaal ermöglicht die gleichzeitige Aus¬ 
speisung sämmtlicher Zöglinge mit Ausnahme der Pflegebe¬ 
dürftigen. 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 65 


Alle Gänge und Zimmer sind bis zu 1*50 Meter Höhe mit 
einer mit Oel gestrichenen Holzverkleidung versehen. In den 
Souterrainloc&litäten befindet sich eine sehr zweckmässig ein¬ 
gerichtete Dampfküche. An dieselbe anstossend gleich Speise , 
Grünzeug- und Petroleumkammer. 

Die Eüchengeschäfte besorgen eine Köchin und ein Küchen¬ 
mädchen; ausserdem sind noch 10 weibliche Zöglinge als Hilfs¬ 
kräfte zugetheilt. 

Als Spielplatz dient ein grosser Park, der jedoch den Zu¬ 
sammenlauf der Knaben und Mädchen ermöglicht. 

Hinter dem Erziehungshause befindet sich der Gutshof, zu 
dem, wie schon erwähnt, 50 Morgen Park-, Gemüse- und Acker¬ 
land gehören. 

Die Stallungen sind neu angelegt, geräumig und nett. Acht 
Kühe decken den Milchbedarf der Anstalt. 


11. Stetten (Königreich Württemberg). 

Selbstständige Privat-, Heil- und Pflegeanstalt für 
Schwachsinnige und Epileptische. 

Von einem Vereine im Jahre 1849 in Rieth gegründet, be¬ 
findet sich die Anstalt seit dem Jahre 1864 in dem früher 
herzoglichen Schlosse Stetten. 

Die Anstalt steht unter einer ärztlichen, pädagogischen 
und ökonomischen Leitung, und erhält sich durch Kostgelder der 
Pfleglinge, durch Unterstützung des Staates, durch Spenden 
und Legate. 

Am 6. Juli 1894 wurden in derselben 132 männliche und 
61 weibliche Idioten, und 114 männliche und 91 weibliche Epi¬ 
leptiker verschiedenen Alters verpflegt. Mehr als die Hälfte sind 
jedoch im Alter von 7 bis 20 Jahren. 

Die Anstalt verräth schon von aussen einen gewissen Grad 
von Wohlhabenheit, welche besonders durch das schön erhaltene 
Schloss und die anstossenden Neubauten hervortritt. Wiewohl 
dem Berichterstatter nur einige Stunden zum Rundgange durch 
die Anstalt zugemessen waren, gewann derselbe trotzdem die 
Ueberzeugung, dass in der Anstalt grosse Ordnung und Rein¬ 
lichkeit herrscht. 

Jabrbflcler f Psychiatrie u. Nervcnh. XIV. Bd. 5 


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66 


Dr. Josef Krayatseli. 


Die Einrichtung der Tag- und Schlafräume ist freundlich 
und wohnlich, und ähnlich der in früheren Anstalten bereits be¬ 
schriebenen. 

Die Bettgestelle sind aus Holz mit hohen beweglichen 
Seitentheilen. Sie enthalten dreitheilige Matratzen, der mittlere 
Theil ist mit minderwerthiger Spreu oder Gehäcksel gefüllt. 
Unter das Bett für Unreine kommt ein Gestell mit zwei schräg 
zu einander geneigten Brettchen, welches den etwa ablaufenden 
Urin auffängt und in ein Gefäss leitet. 

Das grosse Schlossgebäude enthält in dem einen Seiten¬ 
flügel im I. Stocke die Wohnräume für die grösseren schwach¬ 
sinnigen Knaben, im zweiten Stocke die für die kleineren unter 
weiblicher Pflege. 

Im gegenüberliegenden südlichen Flügel sind die schwach¬ 
sinnigen Mädchen untergebracht; der sogenannte „lange Bau” 
beherbergt unten die männlichen, oben die weiblichen Pensionäre. 

Das Knabenhaus ist für die Epileptiker im schulpflichtigen 
Alter bestimmt, das Mädchenhaus beherbergt zu ebener Erde 
jüngere, in den anderen Stockwerken ältere weibliche Epileptische. 
Ausserdem sind ein Frauenhaus und ein Männerhaus zur Auf¬ 
nahme für erwachsene Schwachsinnige besserer Stände vorhanden. 

Die in der Nähe befindliche Pflegeaustalt Romelshauseu 
besteht aus zwei Häusern; im älteren sind weibliche und im 
neueren männliche Pfleglinge untergebracht. Sämmtliche Objecte 
sind untereinander mit wohlgepflegten Parkwegen verbunden und 
von schönen Gärten umgeben. Jedes einzelne Haus steht unter 
besonderer Leitung von Hauseltern, als welche der Anstalts¬ 
geistliche, die Pädagogen und deren Frauen functioniren. 

Der Jahresbericht pro 1893 zählt neben 55 Pfleglinge, welche 
vollständig verblödet sind und zu keiner Arbeit und Thätigkeit 
angehalten werden können, 217 Arbeitsfähige und 108 Schüler. 

Die Arbeitsfähigen werden zum Putzen und Waschen heran¬ 
gezogen, leisten Botengänge, müssen Steine klopfen, Wasser pumpen, 
besorgen die Arbeiten in Haus, Stall, Garten und am Felde. 

57 Zöglinge arbeiten in eilf Werkstätten. Sie verfertigen 
Korbflechtwaaren, sechs Pfleglinge arbeiten in der Tischlerei und 
Drechslerei, auch für auswärts, verfertigen Einrichtungstücke 
für die Pensionärzimmer, arbeiten in der Schusterei und Schneiderei, 
beschäftigen sich auch in der Buchbinderei, tapezieren die Zimmer, 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 67 


verfertigen die Schulhefte und repariren die Schulbücher. Ausser¬ 
dem ist in der Anstalt eine Bäckerei, welche für 520 Personen 
das Brot zu beschaffen hat und täglich 3% CentnerMehl verbackt. 

18 Zöglinge arbeiten in der Gärtnerei und gewinnen das 
gesaminte Gemüse für die Anstalt. 

In vier Schneiderwerkstätten werden die Kleider neu herge¬ 
stellt und ausgebessert; im letzten Arbeitsjahre 106 neue, voll¬ 
ständige Anzüge. 

In der Küche werden die Mädchen zum Putzen der Gemüse 
herangezogen. 

108 Zöglinge finden als Schüler ihren Unterricht in sechs 
Classen, ausserdem wird das Turnen womöglich im Freien geübt. 
Neben dem ärztlichen Vorstande befindet sich noch ein Assistenz¬ 
arzt in der Anstalt. 


Haus-Ordnung. 

§ 1. Tagesordnung. 

Morgens um 5 Uhr wird durch die Glocke das Zeichen zum 
Aufstehen für das Wart- und Hauspersonal gegeben. Von 5 bis 
5'/ 2 Uhr hat das Personal sich selbst zu besorgen, um sodann 
seinem Beruf sich zu widmen. 

Zuvörderst sind im Winter nach gehöriger Lüftung die 
Aufenthaltszimmer der Pflegebefohlenen zu heizen. Um 5V 2 bis 
6 Uhr stehen die Pflegebefohlenen auf, soweit der Anstaltsarzt 
nicht anders bestimmt; sie kleiden sich theils selbst, theils unter 
Beihilfe des Wartpersonales an, werden in das Aufenthaltszimmer 
geführt und hier gewaschen, gekämmt und vollends besorgt unter 
Aufsicht und thätiger Antheilnahme des Wartpersonales. Hierauf 
wird ein kurzes Morgengebet theils von den Wärtern, beziehungs¬ 
weise Wärterinnen, theils von den Kindern gesprochen. Sodann 
ist das Waschgeräthe vollständig in Ordnung zu bringen (die 
blechernen Waschbecken blank zu putzen, die Schwämme und 
Waschlappen möglichst auszudrücken). Schwämme, Kämme und 
Handtücher dürfen nicht verwechselt werden. Um 3 / 4 7 bis 7 Uhr 
kommen die Kinder auf ein Glockenzeichen zum Frühstück in 
Begleitung des Wartpersonales, welches darauf zu sehen hat, 
dass die Kinder anständig und gehörig essen. Nach dem Früh¬ 
stück wird vom Hausvater gemeinschaftliche Morgenandacht 
gehalten. 

5* 


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68 


l'r. Josef Krayatsch. 


Die Zeit vom Frühstück bis 8 Uhr bringen die Kinder 
unter Aufsicht theils zur Vorbereitung auf die Schule, theils 
mit Spiel, theils mit Hausarbeit zu. 

Von 8 bis 10 Uhr Schulunterricht. 

Die Wärterinnen haben die Zeit, in welcher sie nicht von 
den Kindern in Anspruch genommen werden, mit Nähen etc. für 
die Anstalt zu verwenden. Irgend welche Arbeit für sich selbst 
dürfen sie, ausser Abends 8 bis 9'/2 Uhr. nur mit besonderer 
Erlanbniss der Hausmutter verrichten. 

Arbeitsfähige Pflegebefohlene und Lehrlinge, welche die 
Schule nicht besuchen, begeben sich Morgens 6 Uhr und hin¬ 
wiederum nach dem Frühstück unverweilt an ihre Arbeit in den 
entsprechenden Werkstätten oder in der Oekonomie. 

Von 10 bis 10'/ 2 Uhr wird im Speisesaal von den Ange¬ 
stellten und den Pflegebefohlenen das Morgenbrot gemeinschaft¬ 
lich genossen. Die Pflegebefohlenen dürfen den Speisesaal ohne 
das Wartpersonal weder betreten noch verlassen. 3 Minuten 
vor 10'/ 2 Uhr muss der Speisesaal wieder geräumt werden. Von 
10'/ 2 bis 11 ’/ 2 ist Schule. 

Von 11 y, bis zum Mittagstisch freie Zeit. Von 11 3 /* bis 
12 V 4 Uhr Mittagstisch; die einzelnen Abtheilungen in der von den 
Vorstehern bestimmten Reihenfolge. 

Das Wartpersonal hat darauf zu sehen, dass während des 
Essens Ruhe, Ordnung und bei den Pflegebefohlenen überall 
Reinlichkeit herrscht. Vor und nach dem Essen spricht der Haus¬ 
vater das Tischgebet. 

In der Zeit vom Mittagessen bis l'/ 2 Uhr werden zuerst 
die Kinder rasch gewaschen und haben nun freie Zeit, welche 
sie unter Aufsicht des Wartpersonales womöglich im Freien zu¬ 
bringen. Während der Freizeit ist sowohl für das Wartpersonal, 
als für die Kinder jede Arbeit, sei es im Zimmer, sei es im 
Garten, sowohl für sich, als für die Anstalt durchaus untersagt. 
Die Freizeit ist Spiel- und Erholungszeit. 

Arbeiter, Lehrlinge, sowie auch sonstige Angestellte der 
Anstalt, welche nicht zum Wart- und Lehrpersonal der Anstalt 
gehören, haben sich um 1 Uhr an die Arbeit zu begeben, und 
derselben bis zum Nachtessen, die Vesperzeit ausgenommen, 
obzuliegen. 

Von l'/ 2 bis 3'/ 2 l'hr Schulunterricht. 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 69 


Von 3 V 2 bis 4 Uhr Einnehmen des Vesperbrotes im Speisesaal. 

3 Minuten vor 4 Uhr ist der Speisesaal zu räumen. 

Von 4 bis 6 Uhr Arbeitszeit für die Kinder. 

Von 6 bis 7 Uhr Freizeit, Turnen, Spiel, womöglich im Freien. 

Um 7 Uhr Nachtessen und Abendandacht vom Hausvater. 

Von 7 bis 8 Uhr womöglich noch Aufenthalt und Bewegung 
im Freien. 

Die Kinder gehen unter Aufsicht und Begleitung des Wart- 
personales zu Bette, nachdem im Aufenthaltszimmer selbst zuvor 
noch ein kurzes Abendgebet gesprochen worden ist. 

Die Angestellten sollen, wo es nöthig, in der Zwischenzeit ? 
bis sie selbst zu Bette gehen, nach ihren Kindern sehen. 

Das Wartpersonal bei den Epileptischen darf jedenfalls seine 
Pflegebefohlenen nie allein lassen. 

Von 8 bis 9'/2 Uhr kommt das weibliche Personal, soweit 
es nicht durch seine Aufgabe abgehalten ist, im Speisesaal 
zusammen, theils zu Stunden des Unterrichtes und der Belehrung, 
theils zu Handarbeiten im eigenen Interesse. 

Auch für Weiterbildung des männlichen Personales in den 
Abendstunden wird Sorge getragen. Der Besuch dieser Abend¬ 
stunden ist für das ganze Wart- und Hauspersonal verbindlich. 
Das Nichterscheinen muss mit haltbarem Grunde entschuldigt 
werden. 

Eine halbe Stunde vor Einbruch der Nacht werden sämmt- 
liche Eingänge des Hauses bis auf einen, um 9 Uhr wird auch 
dieser geschlossen. 

Um y 2 l0 bis 10 Uhr geht das Personal zu Bette. Nach 
10 Uhr soll gewöhnlich niemand mehr ausser Bett sein. 

Nachtrag: Jeden Samstag Nachmittag, wo immer die Schule 
ausfällt, werden die Kinder am ganzen Oberkörper, nach be¬ 
sonderer Bestimmung der Vorsteher, am ganzen Körper gewaschen. 
Jeden zweiten Samstag werden die Füsse gewaschen und die 
Nägel an Händen und Füssen geschnitten. 

Die Zeit und Ordnung des Badens wird durch besonders 
ausgegebene Badezettel bestimmt. 

§ 2. Bestimmungen für die Nachtzeit. 

Die Pflegebefohlenen müssen auch in der Nachtzeit, so viel 
als möglich, Gegenstand der Aufmerksamkeit des Personales sein. 


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Dr. Josef Krayatsch. 


Von besonders bei Nacht vorkommenden Störungen ist unver¬ 
züglich dem Hausarzte oder Hausvater Anzeige zu machen. 

In den Schlaflocalen hat, nachdem die Pflegebefohlenen sich 
zur Ruhe begeben haben, vollkommene Stille zu herrschen. 

§ 3. Bewahrung von Feuer und Licht. 

Die Lampen müssen beim Schlafengehen sämmtlich, bis auf 
die nöthigen Nachtlampen, gelöscht werden. 

Für sorgfältige Bewahrung von Feuer und Licht, nament¬ 
lich auch der Zündhölzer, geregelte Heizung etc. ist jedes in 
seinem Kreise verantwortlich. 

Die Zimmerwärme soll 16° R. nicht übersteigen. 

Das Feuerungsmaterial muss nach besonders gegebener 
Bestimmung herbeigeschafft und aufbewahrt werden. 

Die Asche muss vom Wärter selbst oder unter dessen 
persönlicher Aufsicht in den dazu bestimmten Aschenbehälter 
gebracht werden. 

Für den Fall eines ausgebrochenen Brandes hat jedes das 
zu thun, was ihm in der gegebenen Feuerlöschordnung über¬ 
tragen ist. 

§ 4. Die Sonn- und Festtage 

sollen den Zöglingen wie dem Personal zur leiblichen Erholung, 
wie zur geistigen Sammlung und Kräftigung dienen. 

Die dazu fähigen Zöglinge versammeln sich Vor-und Nach¬ 
mittags zu bestimmter Stunde zum Hausgottesdienst. Das Per¬ 
sonal besucht den öffentlichen Gottesdienst oder nimmt zur theil- 
weisen Beaufsichtigung der Zöglinge am Hausgottesdienste theil. 
Die übrige Zeit wird nach Bestimmung der Vorsteher zu Spazier¬ 
gängen in die Umgebung, oder zu verschiedenen Erholungen 
benützt. Spaziergänge während des Gottesdienstes sind nicht 
gestattet. 

Die freien Nachmittage, welche dem Personal abwechselnd 
jeden dritten Sonntag eingeräumt werden, reichen vom Mittag¬ 
essen bis zum Nachtessen. Beim Antritt der Freizeit hat man 
sich bei den Hauseltern zu melden, welche die durchaus nöthige 
Stellvertretung bestimmen. Für jede Verlängerung der Freizeit 
muss um Erlaubniss gefragt werden. Wer zu spät kommt, hat 
auf warmes Nachtessen nicht Anspruch. Die Reihenfolge der 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 71 


Freinachmittage darf nur im dringenden Nothfalle unterbrochen 
und geändert werden. 

Man versieht sich zum Personal, dass die Freizeit würdig 
des Sonntags und der Anstalt zugebracht werde. 

§ 5. Aufenthalt im Freien und im Hause. 

Die einzelnen Abtheilungen halten sich im Freien, den 
Spaziergang ausgenommen, stets in den ihnen von den Vorstehern 
angewiesenen Gartenräumen auf. Bei Spaziergängen auswärts 
dürfen männliche und weibliche Abtheilungen nicht zusammen 
gehen. 

Wirthshäuser dürfen mit den Zöglingen nicht betreten 
werden. Im Hause hat sich jede Abtheilung tagsüber in dem 
ihr bestimmten Zimmer aufzuhalten. Ein Zusammenbringen zweier 
Abtheilungen in einem Zimmer kann nur im Nothfalle auf ganz 
kurze Zeit geschehen, bedarf anderenfalls der Erlaubniss des 
Hausvaters. 

Die Schlafsäle sind, Erkrankungen ausgenommen, den Tag 
über zu meiden. 

Abendliche Zusammenkünfte des Personales werden, wenn 
der Beruf nicht darunter leidet, nur da gestattet, wo keine 
Zöglinge im Zimmer oder in der Nähe schlafen. 

Insbesondere dürfen die Pensionärzimmer und das Portier¬ 
zimmer nicht zu abendlichen Zusammenkünften benützt werden. 

Das Betreten der Küche, sowie der Wasch- und Backküche, 
der Schreinerei und des Nähzimmers, ohne Beruf dazu, ist nicht 
gestattet, ebenso die Besuche des männlichen Personales in 
weiblichen Abtheilungen oder umgekehrt. 

§ 6. Die Erziehung betreffend. 

Das Wartpersonal hat rücksichtlich der Erziehung der 
Kinder, soweit sie in seine Obliegenheit fallt, auf folgende Un- 
gehörigkeiten sein besonderes Augenmerk zu richten: Unordnung 
und Unreinlichkeit, Zerstörungstrieb, Rohheiten jeder Art, lieb¬ 
loses Benehmen gegen Andere, UnWahrhaftigkeit, Ungehorsam, 
Entwendungen, geschlechtliche Aeusserungen und Verirrungen. 
Die Beobachtungen und Erfahrungen an den Zöglingen müssen 
aufrichtig den Vorstehern mitgetheilt werden, welche auf der 


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Dr. Josef Kreyatsoh. 


anderen Seite nicht verfehlen werden, die nöthigen Belehrungen 
za geben, Beihilfe za leisten. 

Dem Personal steht das Recht eigenmächtiger Bestrafung 
der Zöglinge, z. B. körperliche Züchtigung, Kostentziehung oder 
Einschliessung nicht zu. 

§ 7. Beschäftigung der Zöglinge. 

Beschäftigung ist eines der wichtigsten Erziehungsmittel 
und Erziehung zur Arbeits- und Erwerbsfähigkeit, eine unab- 
weisliche Aufgabe der Anstalt. Es muss deshalb die Arbeits¬ 
zeit gewissenhaft benützt und jedes leistungsfähige Kind zur 
Arbeit möglichst herbeigezogen werden. 

Es wird erwartet, dass das Wartpersonal seine ganze Auf* 
merksamkeit und Kraft der Beschäftigung der Kinder zuwende. 

Keineswegs dürfen während der Beschäftigung der Kinder 
eigene Zwecke verfolgt werden durcli Nebenarbeiten, Lesen, 
Schreiben, Musik, Unterhaltung mit Anderen etc.; vielmehr er¬ 
fordert die Leitung der Beschäftigung, die Anleitung zur Arbeit 
und die nöthige Mitarbeit die volle Theilnahme und Kraft. 

Willkürliche Abänderung der gegebenen Anordnung hin¬ 
sichtlich der Beschäftigung der Pflegebefohlenen steht dem 
Personal nicht zu. 

Die Arbeiten für die Schule, sowie die Turnübungen werden 
von den Vorstehern besonders geordnet. 

§ 8. Sorge für erkrankte Zöglinge. 

Jeder neue Erkrankungsfall ist thunlichst bald den Haus¬ 
eltern und dem Arzt zu melden; ernsthaftere unverweilt zu jeder 
Zeit des Tages und der Nacht. Fälle von nächtlichem Unwohl¬ 
sein müssen spätestens noch vor dem Frühstück den Hauseltern 
angezeigt werden. Kranke müssen sorgfältig vor jeder Schädlich¬ 
keit, z. B. Erkaltung durch Luftzug, unpassender Nahrung etc., 
bewahrt werden. 

Das Wartpersonal hat aufmerksam zu beobachten, gewissen¬ 
haft zu berichten. 

Kranken, welche ins Zimmer oder ins Bett gesprochen sind, 
müssen die Speisen von der betreffenden Wartperson unmittel¬ 
bar gebracht und gereicht werden. Nie dürfen dazu andere 
Pflegebefohlene verwendet werden. 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 73 

Desgleichen müssen sämmtliche Arzneien vom Wartpersonal 
eigenhändig gereicht, sämmtliche ärztliche Anordnungen persön¬ 
lich nach Vorschrift ausgeführt werden. 

Verordnungen, welche in der Küche auszuführen sind, 
dürfen vom Wartpersonal nicht unmittelbar dort angezeigt werden, 
sondern nur durch die Hausmutter oder ihre Stellvertreterin, 
woher allein das Küchenpersonale Befehle anzunehmen hat, wie 
es auch andererseits nicht berechtigt ist, vom übrigen Haus¬ 
personal oder von Zöglingen eine Beihilfe anzunehmen oder zu 
beanspruchen. 

§ 9. Betragen und Wandel der Angestellten. 

Vom Wart- und Dienstpersonal wird erwartet, dass sich 
jedes eines christlichen Lebenswandels befleisse, an seinen Pflege¬ 
befohlenen mit Geduld und Liebe, aber auch mit Beharrlichkeit 
und Ausdauer arbeite, sie nicht durch böses Beispiel ärgere und 
sich des Räsonirens, roher Ausdrücke und Scheltworte, sowie 
aller Neckereien enthalte. Im Benehmen, Reden, auch in der 
Kleidung soll alles Unanständige verbannt sein. Wie die Vor¬ 
steher jedes mit aller gebührenden Rücksicht behandeln, so wird 
auch von dem Personal ein anständiges und bescheidenes Be¬ 
nehmen gegen die Vorsteher erwartet. 

Die Pflegebefohlenen stehen Tag und Nacht in Aufsicht 
ihrer Wärter oder Wärterinnen; diese haben neben der ihnen 
zukommenden Erziehung und Unterweisung der Pflegebefohlenen, 
insbesondere deren Körper, Kleider, Wohnzimmer, beziehungs¬ 
weise auch Betten und Schlafzimmer in Ordnung und Reinlich¬ 
keit zu erhalten. Namentlich hat jedes die leibliche und geistige 
Beschaffenheit der anvertrauten Kinder und Kranken zu beob¬ 
achten und zu berücksichtigen. 

In unbedingter und genauer Befolgung der Vorschriften 
der Hausordnung, in willigem Gehorsam gegen die Anordnungen 
der Vorsteher hat das Wartpersonal den Pflegebefohlenen mit 
gutem Beispiel voranzugehen. 

§ 10. Verschiedene Vorschriften. 

a) Jeder Bedienstete hat die ihm bei der Uebernahme seiner 
Stelle übergebenen Inventarstücke gewissenhaft zu verwalten 
und beim Austritt den Hauseltern zurückzugeben. 


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Dr. Josef Krayatsch. 


b) Jede Veränderung in der Stellung der Möbel und Betten, 
Aufstellung eigener Möbel, Anschaffung von Clavieren etc., Auf¬ 
hängen von Bildern etc. an die Wand, Schlagen von Nägeln an 
die Wand und Thüren kann nur im Einverständniss mit den 
Hauseltern geschehen. Den Möbeln, z. B. den Schränken, darf 
auch nicht eine andere Verwendung gegeben werden, als die 
angewiesene. Die Ordnung der Zimmer darf durch Kleider, 
Schuhe und andere Gegenstände nicht verunstaltet werden. 

c ) Geschenke von Seite der Angehörigen der Pflegebe¬ 
fohlenen an das Personal dürfen von denselben nur mit Ge¬ 
nehmigung der Hauseltern angenommen werden. 

Sämmtliche Bedürfnisse der Pflegebefohlenen werden von 
den Hauseltern besorgt werden. In der Regel sollen die Pflege¬ 
befohlenen weder Geld noch Pretiosen bei sich führen. 

d) Für geleistete Dienste dürfen die Zöglinge nicht belohnt 
werden, am wenigsten mit Geld. 

e) Bestellungen, Briefe, Botschaften, Einkäufe auf Verlangen 
der Pflegebefohlenen dürfen vom Personal nicht besorgt werden, 
wenn sie nicht von den Hauseltern dazu beauftragt sind. 
Correspondenzen der Pflegebefohlenen mit ihren Angehörigen 
werden durch die Vorsteher allein abgesandt. Einkäufe für die 
Anstalt, sowie die Bestellungen auswärts oder in der Anstalt, 
z. B. in der Schreinerei, stehen nur den Hauseltern zu. 

f) Das Personal darf von den Angehörigen der Zöglinge 
Esswaaren, Kleider, Aufträge, Geld etc. für dieselben nicht an¬ 
nehmen, sondern hat die Leute an die Hausmutter zu weisen. 

fj) Besuche des Wartpersonales bei den Angehörigen von 
Patienten sind ohne Vorwissen der Vorsteher unstatthaft. 

Correspondenzen über die Pflegebefohlenen ohne besonderen 
Auftrag der Vorsteher zieht Entlassung nach sich. 

h) Urtheile über die Pflegebefohlenen abzugeben, ist Sache 
der Vorsteher. Im Beisein der Kranken über sie, ihren Zustand 
und ihre sonstigen Verhältnisse zu sprechen, ist schlechterdings 
unthunlich. 

Gänzlich unstatthaft ist es, über die Verhältnisse der An¬ 
stalt und der Kranken mit Fremden und Unberufenen zu sprechen 
oder dieselben gar öffentlich zum Gegenstände der Unterhaltung 
zu machen. 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 75 


i) Es ist dem Pflegepersonal durchaus untersagt, von dem 
Eigenthum der Pflegebefohlenen irgend etwas kauf- oder tausch¬ 
weise, oder unter dem Vorwand eines Geschenkes sich anzu¬ 
eignen, oder zu einem Verkauf oder Tausch behilflich zu sein. 
Wer irgendwie Derartiges sich zu Schulden kommen lässt, 
wird, vorbehaltlich einer etwa weiter verwirkten Strafe, auf der 
Stelle entlassen. 

k) Der Missbrauch geistiger Getränke wird aufs strengste 
untersagt und geahndet. 

Wer einem Pflegebefohlenen heimlich dazu verhilft, wird 
auf der Stelle entlassen. 

Ij Das Rauchen ist nur im Freien gestattet, nicht in den 
Zimmern. 

mj Ausgänge dürfen ohne Erlaubniss weder bei Tag noch 
Abends gemacht werden. 

Zöglinge dürfen ohne besondere Erlaubniss nie weggeschickt 
werden. 

n) Bedienstete können Besuche nur mit Kenntnissnahme 
der Vorsteher empfangen. 

o) Zum Besuch der Abtheilungen oder einzelner Kranker 
können nur die Vorsteher Erlaubniss geben. Niemand ist be¬ 
rechtigt, ohne Erlaubniss der Vorsteher Besuche in der Anstalt 
und in den für die Kranken bestimmten Räumen herumzuführen. 

p) Es besteht gegenseitig vierteljährige Kündigung. Die 
Vorsteher haben jedoch das Recht, bei groben Verstössen gegen 
die Ordnung, sowie gegen die Sittlichkeit in- und ausserhalb der 
Anstalt sofortigen Entlassung zu verfügen. 

Stetten, im December 1870. 

Die Anstalts-Vorsteher. 


12. Schweizerische Anstalt für Epileptische auf der Ruh in 
Riessbach-Zürich. 

An dem herrlichen rechten Ufer des Züricher Sees, eine 
Viertelwegstunde von der Endstation der Züricher Pferdebahn 
gelangt man zwischen Villen und Gärten zur Anstalt für Epi¬ 
leptische, welche vollständig neu erbaut am Ende des Bericht- 


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76 Dr. Josef Krayatsch. 

jahres 1893 41 männliche und 96 weibliche, zusammen 137 Epi¬ 
leptiker verpflegt hatte. 

Sie steht unter pädagogischer Leitung des Directors Kohle 
und wurde, von Wohlthätigkeitsvereinen gegründet, im Jahre 1886 
eröffnet. 

Der Neubau kostet bis jetzt gegen 900.000 Francs. Das 
Anstaltsgebiet umfasst circa 8 Hektar Wein- und Gemüsegärten. 

Ein kleines Bauernhaus ermöglicht die Colonisirung einiger 
männlicher Zöglinge. 

Der nach jeder Richtung mustergiltige Neubau und dessen 
Einrichtung verdienen genau beschrieben zu werden. 

Im Souterrain reihen sich an den 11 Meter langen und 
10 Meter breiten Speisesaal an der einen Seite die Geschirr¬ 
kammer, die Küche und Waschküche; an der anderen Seite drei 
Arbeitsräume. Sämmtliche Räume münden in einen breiten, hell 
beleuchteten Gang. Ueber das geräumige Stiegenhaus gelangt 
man in den 3 Meter breiten, 4 Meter hohen, lichten Corridor 
zu ebener Erde. Ueber der Küche sind drei Pensionärzimmer 
errichtet; zu beiden Seiten dieser Zimmer befinden sich die 
Wohnräume für je eine Gruppe von 10 Epileptikern. 

Diese zusammenhängenden Wohnräume bestehen aus einem 
Wohnraum 5-80 x 6-80, einem Schlafraum 8-30 X 6-80, einem 
Wärterraum und einem Separationsraum; jeder dieser letzt¬ 
genannten Räume ist gleich 2-80 X 3-40. Zu dieser Wohngruppe 
gehört ein Waschraum mit fünf Kippbecken, welcher sich an 
dem einen Ende des Corridors befindet und durch einen Vorhang 
abgetrennt werden kann. 

Gegenüber dem Wohnzimmer an der anderen Seite des 
Corridors befindet sich ein Bad mit zwei Wannen, eine Kleider¬ 
kammer mit separaten Kästen für die Kranken und eine Abort¬ 
anlage mit zwei Sitzspiegeln. 

Die Bauanlage im I. Stocke ist gleich der im Parterre, nur 
ist an Stelle der Pensionärzimmer die Wohnung des Hausvaters. 

Im II. Stockwerke befinden sich wieder vier Pensionär¬ 
zimmer, zwei Schulzimmer, ein Zimmer für Bedienstete, ein 
Trockenraum, ein Glättezimmer, ein Wäschezimmer und eine 
Abortanlage. 

Die die Seiten des Gebäudes flankirenden Balcone werden 
von den Kranken benützt und ermöglichen eine prachtvolle Aus- 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 77 


sicht zur Rechten auf die Stadt Zürich, zur Linken auf die herr. 
liehe Gebirgsscenerie. 

Die Einrichtung der Wohn- und Schlafräume, die Aus¬ 
stattung der Gänge ist elegant zu bezeichnen. 

Die Wände sind auf 150 Centimeter Höhe mit grobmaschiger 
Leinwand bedeckt und mit einem waschbaren Anstrich versehen. 
Ausserdem zieren die Wände Bilder. 

Als Pfleglinge werden in die Anstalt nur Epileptische beider¬ 
lei Geschlechtes aufgenommen; die männlichen jedoch nur im 
Alter von 7 bis 14 Jahren, die weiblichen ohne Beschränkung 
nach oben. 

An Einnahmen verzeichnet die Anstalt im Jahre 1893: 

Legate in der Höhe von 77.000 Francs, 

Kostgelder 69.000 Francs, 

Cantonaler Zuschuss unter Heranziehung des Alkohol¬ 
zehntels von 5000 Francs, in toto 22.206 Francs. 

Man entnimmt daraus, dass diese Anstalt zum grossen 
Theile dem anderswo nachahmungswerthen Wohlthätigkeitssinn 
ihre Erhaltung verdankt. 

Die Pfleglinge erfahren einen geregelten Unterricht, den 
der Hausvater ertheilt. Auch werden dieselben in den verschiedenen 
Werkstätten mit Industriearbeiten oder bei der Landwirtschaft 
und im Garten beschäftigt. 

Die Mädchen werden zunächst mit den Handarbeiten ver¬ 
traut gemacht. 

Täglich werden die Pfleglinge von dem Anstaltsarzte besucht. 

Ueber seine Thätigkeit finden sich Separatabhandlungen 
in den Jahresberichten. 

13. Glött bei Dillingen in Bayern. 

Früher Cretinenanstalt ist dieselbe derzeit ein Taubstummen¬ 
asyl für ältere weibliche Pfleglinge unter der Obsorge von Kloster¬ 
frauen aus dem Orden des heiligen Franziskus und untersteht 
der Erziehungs- und Pflegeanstalt zu Dillingen. 

Ueber die Organisation der früheren Cretinenanstalt, welche 
sich derzeit in Deibach befindet, erfuhr der Berichterstatter von 
einer Ordensschwester, welche seinerzeit an der Cretinenanstalt 
als Lehrerin thätig war, Folgendes: 


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78 


Dr. Josef Krayatsch. 


In dem ehemaligen Schlosse der Familie Fugger, einem 
Hufeisenbau mit gewölbten Corridoren und daranstossenden, sehr 
freundlichen. Zimmern, wurden gegen 90 Mädchen im Alter von 
5 bis 16 Jahren, von denen beiläufig 30 die Schule besuchten, 
erzogen und gepflegt. Unter den 60 Bildungsunfahigen waren 
etwa 10 Unreine. 

In dem Mitteltracte sind die Wohnräume und Empfangs¬ 
zimmer der Oberin und einiger Schwestern, in den Seitentracten 
zu ebener Erde und im I. Stock die Wohn- und Schlafräume der 
Pfleglinge und die Wirthschaftsräume. 

Der auch hier üblichen Gruppenerziehung zufolge hatten 
etwa 15 Pfleglinge unter Aufsicht zweier Schwestern einen 
gemeinsamen Schlaf- und Tagraum. Die Schwestern schliefen in 
den Schlafzimmern der Pfleglinge. 

Einzelne Arbeitsräume waren nicht vorhanden, weil die 
Tagräume dazu benützt wurden. Auch fehlten die Waschräume, 
weil in den Schlafzimmern Waschbänke zur Benützung bereit 
standen. Nebst dem Speisesaale waren zwei Krankenzimmer und 
ein Separationsraum für Infectiöse zur Verfügung. 

Ausser dem lehrplanmässigen Unterrichte, welcher den 
bildungsfähigen Mädchen in zwei Classen zu je 15 Schülerinnen 
ertheilt wurde, erhielten dieselben auch Unterricht im Katechismus 
und wurden vor der Firmung über die Kenntnisse in der Re¬ 
ligion vom Ortspfarrer geprüft. Auch wurden regelmässige Gesangs¬ 
übungen abgehalten. Als Disciplinarmittel diente nur Einstellung 
des Bezuges von Genussmitteln. 

Ein so günstiges Erziehungsresultat, dass ein schwach¬ 
sinniges Mädchen nach vollendeter Erziehung und beendetem 
Unterricht als scheinbar vollwerthig entlassen werden konnte, 
ist ihr nicht bekannt. 

Auf 90 Pfleglinge kamen 18 Bedienstete. Diese vertheilten 
sich auf 2 geprüfte Lehrerinnen, 1 Hilfslehrerin, 11 Schwestern 
und 4 weltliche Dienstboten. Dieses Personale besorgte nebst der 
Erziehung und Pflege die gesammte Hauswirthschaft. 

In der Küche z. B. war eine Schwester, eine Candidatin 
und ausserdem einige Pfleglinge in Verwendung. 

Die Hausordnung verfügte, dass die Kinder zwischen 6 und 
V 2 7 Uhr Morgens geweckt, gewaschen und gekämmt wurden, und 
um 7 Uhr ihr Frühsück (Einbrennsuppe) erhielten. 


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Reisebericht über den Besuch einiger deutscher Idiotenanstalten. 79 


Nach dem Frühstück wurden die Schlafzimmer geordnet, 
dann die dazu fähigen Kinder zur Messe in die Pfarrkirche 
geleitet. 

Von 8 bis 11 Uhr Schule mit einer entsprechenden Unter¬ 
brechung für das II. Frühstück, bestehend aus Butterbrot und 
Obst. 

Um 11 Uhr Mittagstisch; mit Ausnahme des Freitag und 
Samstag bekommen die Kinder Suppe, Fleisch, Gemüse. Zur 
Jause Milch und Abends um '/{l Uhr Suppe. 

Die Schwestern erhielten eine andere Kost und Bier zu¬ 
gewiesen und nahmen ihre Mahlzeiten in zwei Gruppen zu ver« 
schiedenen Zeiten in einem eigenen Speisezimmer. 

14. Cretinenanstalt Ecksberg in Bayern. 

Unweit Mühldorf, einer Eisenbahnstation der LinieMünchen- 
Simbach, in der Nähe von Alt-Mühldorf, befindet sich die Cretinen¬ 
anstalt Ecksberg, welche am 17. October 1852 von dem katho¬ 
lischen Geistlichen Josef Probst in dem ehemaligen Beneficiaten- 
hause daselbst zur Pflege Blödsinniger und Epileptiker gegründet 
wurde. 

Der frühere Titel Cretinenheilanstalt wurde in richtiger 
Erkenntniss der Ursache des Blödsinnes fallen gelassen und in 
Cretinenanstalt umgewandelt. 

Heute besteht die Anstalt aus mehreren neuen Block¬ 
häusern, in deren Bäumen am 13. Juli 1894 209 männliche und 
weibliche Idioten, Cretinen und Epileptiker verschiedenen Alters 
verpflegt wurden. 

Sie steht unter der Leitung des geistlichen Rathes J. Leidei, 
Pfarrer von Alt-Mühldorf, welcher in seiner vielseitigen Thätig- 
keit in der Seelsorge, Verwaltung der Anstalt und im Religions¬ 
unterrichte von einem Hilfspriester unterstützt wird. 

Von 209 Pfleglingen besuchen 30 bis 35 die Schule, in welcher 
sie in Gruppen zu 5 bis 6 Köpfen von einer Lehrerin den 
Elementarunterricht im Lesen, Schreiben und Sprechen erhalten. 

Den Religionsunterricht ertheilt der Anstaltsvorstand in 
wöchentlich zwei Stunden, den Anschauungsunterricht der Hilfs¬ 
priester. Zu Unterrichtszwecken sind zwei Schulzimmer vor¬ 
handen, welche entsprechend ausgestattet sind. In dem einen 
wird der Elementarunterricht, in dem anderen der Anschauungs- 


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Dr. Josef Krayatsch. Reisebericht. 


unterricht ertlieilt. In dem letzteren befindet sich eine vom 
Gründer der Anstalt angelegte Sammlung und ausserdem Musik¬ 
instrumente zur Begleitung des Gesanges, welcher zweimal 
wöchentlich geübt wird. 

Besonderer Werth wird auf die Beschäftigung der Pfleg¬ 
linge gelegt und dieselben zur Arbeit nach Thunlichkeit im 
Freien angehalten. 

Ausser bei der Landwirthschaft müssen die Pfleglinge auch 
beim Holzverkleinern und bei Erdarbeiten mithelfen; ebenso 
betheiligen sich im Winter die Knaben und Mädchen beim Flachs¬ 
und Wollspinnen. Letztere besorgen die Wäsche beim Nähen 
und Waschen, arbeiten in der Küche und säubern das Haus. 

Die Knaben sind in 15 Abtheilungen, die Mädchen in 8 
Abtheilungen zu 5 bis 12 Köpfen gruppirt, und bewohnen mit 
1 bis 2 Wärterinnen ein gemeinsames Wohn- und Schlafzimmer. 

Die Anstalt besitzt 60 Hektar Aecker, Wiesen und Gärten, 
sowie einen grossen Meierhof mit geräumigen Stallungen für 
7 Pferde und 50 Rinder, darunter 40 Milchkühe. 

14 Bienenkörbe mit 10 Völkern liefern jährlich gegen 
50 Kilo Honig. 

Die Anstaltsküche hat für 270 Personen die Kost beizu¬ 
stellen und verwendet täglich durchschnittlich 35 Kilo Rind¬ 
fleisch, welches in eigener Regie gewonnen wird. 

Zur Beaufsichtigung, Wartung und Pflege, sowie zu den 
nöthigen Arbeiten in Haus- und Landwirthschaft ist ein Personal 
von 64 Köpfen in der Anstalt vorhanden, und zwar 2 Vorstände, 
1 Haushälterin, 1 Lehrerin, 1 Wärter, 23 Wärterinnen, 2 Neben¬ 
wärterinnen, 5 Personen in der Küche, 7 im Nähzimmer, 5 im 
Waschhause, 12 für Oekonomie und Garten, 4 im Hause und 

1 Bäckerin. Ausserdem sind beschäftigt 1 Weber, 1 Schreiner, 

2 Maurer, 2 Zimmerer und 3 Taglöhner. 

Unter die Einnahmen der Anstalt zählen Verpflegsgelder, 
Legate und Beiträge der Regierung. 

Das jährliche Pflegegeld ist ein massiges; für Inländer 300, 
für Ausländer 400 Mark. 


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Antrittsvorlesung 

gehalten anlässlich der Uebernahme der Innsbrucker psychiatrischen und Nerven- 

klinik von 

Prof. Dr. Carl Mayer. 

Meine Herren! 

Der Vorwarf unseres heutigen ersten Zusammenseins möge 
zunächst anknfipfen an die schöne Thatsache einer gleichmässigen 
Berücksichtigung von Psychiatrie und Neurologie, wie sie Ihnen 
in diesen des heutigen Standes unseres Wissens und der Huma¬ 
nität entsprechenden Kranken-, Lehr- und Arbeitsräumen ent¬ 
gegentritt, ein greifbarer Ausdruck der Lehre von der Einheit 
des Nervensystems. 

Lassen Sie uns bei diesem Anlasse dankbar gedenken meines 
unmittelbaren Vorgängers in der Leitung dieser Klinik, des 
Professors Gabriel Anton, dessen Lehrerwort zu hören Ihnen 
ja noch gegönnt war, der selbst noch hier auf unzulängliche 
Ränme angewiesen, mit grösster Liebe und Sorgfalt die zweck¬ 
entsprechende Ausgestaltung der Klinik gehütet und geleitet hat. 

Die Zeiten liegen noch nicht so weit hinter uns, wo nicht 
ein Dach die zwei Fächer vereinte, die beide heute, wie Sie es 
im Verlaufe nnserer klinischen Vorlesungen erfahren werden, 
als Bestandteile eines wissenschaftlichen Baues gegenseitig 
ineinandergreifend sich stützen und erhalten. 

Es erscheint uns heute selbstverständlich, dass das ana¬ 
tomisch einheitliche Nervensystem nur von einem einheitlichen 
physiologischen und pathologischen Gesichtspunkte aus mit Er¬ 
folg überschaubar sein könne. 

Jahrbücher f. Psychiatrie u Nervenh. XIV. Bd. 6 


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82 


Dr. Carl Mayer. 


Dass dem so lange anders sein konnte, hat seine verständ¬ 
liche Ursache in der Eigenart jener Seite der Leistungen des 
Nervensystems, die sich als psychischer Process kundgibt. 

Die Schwierigkeit des Erfassens psychischer Phänomene, 
die der Sinnfälligkeit anderer Organbethätigung entbehren, die 
fast vollkommene Unkenntniss des Baues und der Function des 
Gehirns, liess nicht ohneweiters in der Psyche, sei es nun des 
Kranken oder des Gesunden, ein Object naturwissenschaftlicher 
Forschung erkennen. Erst mit der anatomischen Erschliessung 
des centralen Nervensystems, an deren gewaltigen Fortschritt 
in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts der Name Meynert’s 
für alle Zeiten geknöpft ist, ging naturgemäss die Psychologie 
als Bestandteil der Physiologie des Gehirns aus den Händen 
der Philosophen in die der Naturforscher über und damit be¬ 
ginnt die Aera einer naturwissenschaftlichen Psychiatrie. 

Das anatomische Rüstzeug, mit welchem das Nervensystem 
seine complicirten Functionen aufbringt, ist ein verhältniss- 
mässig formenarmes. In der Verbindung der Theile untereinander, 
nicht in der Mannigfaltigkeit der Formen liegt das Geheimnis» 
der Kraft des Systems. In Zellen der Peripherie wurzelnde 
centripetale Leitungsbahnen, ganglionäre Centren, durch Bahnen 
in mannigfachster Weise untereinander verbunden, endlich centri- 
fugale, aus Zellen des Centrums entspringende Bahnen sind seine 
letzten morphologischen Componenten. 

Wenn Bedürfnisse der ärztlichen Praxis einen Theil der 
Leistungen dieses anatomischen Inventars der Neurologie, einen 
andern der Psychiatrie zuwiesen, so konnte dies nicht geschehen, 
ohne irgendwo einen gewaltsamen Schnitt durch das lebende 
Gefüge eines Organismus zu führen. 

Eine Analyse der Functionen des nervösen Apparates geht 
am vorteilhaftesten aus von einer Betrachtung der receptiven 
Seite seiner Thätigkeit, deren anatomische Vorbedingungen in 
reizzuführenden Bahnen und reizempfangenden Centren gegeben 
sind. 

Aus der Peripherie durch centripetale Bahnen ins Central¬ 
nervensystem geleitete Erregungen machen sich functionell nach 
zwei Richtungen geltend: Durch Auslösung von centrifugalen 
motorischen Functionen in anatomisch vorgebildeten Reflexappa¬ 
raten und durch Auslösung von Empfindungsvorgängen. 


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■Antrittsvorlesung. 


83 


Der Begriff psychischer Thätigkeit mit Rücksicht auf ihr 
-anatomisches Substrat, das Centralnervensystem bedarf einer 
gewissen Erläuterung nach Richtung des landläufigen Sprach* 
gebrauches. 

Wir erleichtern uns zweifellos den Einblick in eines der 
complicirtesten Gebiete menschlicher Organisation, wenn wir 
die Thätigkeit des Nervensystems nur insofern sie in Rinden- 
fnnction sich ausdrückt, als psychisch bezeichnen. Ihren Gipfel 
erreicht diese Function in jener Erscheinungsform unserer Psyche, 
die sich als Bewusstseinsvorgang abspielt Es ist sonach nicht 
jede Gehirnthätigkeit eine psychische. 

Wir nennen es nicht eine psychische Thätigkeit, wenn die 
Pupille eines Menschen sich bei Reizung der Retina durch Licht 
verengt, ebenso wenig wie wenn Reizung der Nasenschleimhaut 
einen Niesact auslöst In beiden Fällen aber handelt es sich um eine 
Gehirnthätigkeit, die sich das einemal auf dem Wege vom Opticus 
zum Oculomotorius, im anderen Falle vom zweiten Trigeminusaste 
zur Athemmuskulatur abspielt. In beiden Fällen empfinden wir 
zwar den stattgehabten Reiz, als Licbtempfindung, als Kitzel der 
Nasenschleimhaut, aber die Bewegung geht vor sich, ohne dass 
unser Wille dabei selbstthätig mitthun würde, unwillkürlich. 
Diese Art der unwillkürlichen Bewegung, die wir als Reflex¬ 
bewegungen bezeichnen, spielt sich ab in unterhalb der grauen 
Rinde des Vorderhirns gelegenen, schon bei der Geburt vor¬ 
gebildeten Mechanismen. Psychische Leistung im üblichen 
Sinne des Wortes ist nicht der subcortical abgelaufene Reflex¬ 
act, wohl aber der Bewusstseinsvorgang der Wahrnehmung dieses 
Actes: Die Wahrnehmung des reflexauslösenden Reizes, die Wahr¬ 
nehmung jener Veränderungen in sensibeln Endapparaten, die 
uns Nachricht geben von den motorischen Vorgängen des Reflex¬ 
actes. Anatomische Betrachtung, Thierexperiment, Beobachtung 
am Krankenbette gestatten uns mit Sicherheit als den Ort dieses 
Bewusstseinsvorganges die Rinde des Grosshirns zu bezeichnen. 

Eine Analyse der Bewusstseinsvorgänge führt uns immer 
wieder zurück auf Empfindungen und ihre Derivate, Erinnerungs¬ 
bilder, und auf eine Verknüpfung der Empfindungen, beziehungs¬ 
weise der Erinnerungsbilder untereinander. 

Die anatomischen Vorbedingungen für eine solche Thätig¬ 
keit finden sich ausschliesslich gegeben in der Hirnrinde mit 

6 * 


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84 


Dr. Curl Mayer. 


ihren flächenförmig angeordneten Zellenlagern als Endstation 
der Sinnesorgane und ihren Associationsfasern, deren Mannig¬ 
faltigkeit in der Reichhaltigkeit psychischer Associationsleistung 
ihren Ausdruck findet. 

Die Fähigkeit, einen von aussen auf dem Wege der centri- 
petalen Sinnesbahnen eingelangten Reiz zu empfinden, beruht auf 
einer speciflschen Eigenschaft der Hirnrinde, die vorderhand 
einer Definition ebenso wenig zugänglich ist wie die Contractions- 
fähigkeit des Protoplasmas eines Amöbenleibes. Beides sind eben 
einstweilen als solche hinzunehmende fundamentale Thatsachen. 

Wenn wir im Cortex jene Hirnregion erblicken, die uner¬ 
lässlich ist zum Zustandekommen der Bewusstseinsphänomene, 
so werden Sie nicht vergessen dürfen, dass die hier sich ab¬ 
spielenden Vorgänge aus Erregungen der Endausläufer des 
Centralnervensystems, wie die peripheren Sinnesapparate sie dar¬ 
stellen, ihren Ursprung nehmen, dass unser Bewusstseinsinhalt 
auf diesem Wege fortwährend neu beeinflusst wird. 

In diesem Sinne ist das Bewusstsein nur eine besondere 
Erscheinungsform der Gesammtthätigkeit des Nervensystems, 
von dem Begriffe letzterer ebenso untrennbar, wie etwa der Be¬ 
griff des Meeresspiegels undenkbar ist ohne die Wassermasse 
des Oceans, dessen Oberfläche er darstellt 

Sie können in einer rohen symbolischen Ausdrucksweise 
die Hirnrinde bezeichnen als eine Umschaltungsstelle, in welcher 
die aus den verschiedenörtlichsten Gebieten des Nervensystems 
stammenden Reize in Empfindungen und, vermöge der Fähigkeit 
der Hirnrinde von einem einmal stattgehabten Vorgänge dauernd 
Nachricht zu bewahren, in Erinnerungsbilder als Residuen der 
Empfindungen umgeprägt und in mannigfachster, jedoch gesetz- 
mässiger Weise untereinander verbunden werden. 

Auch die aus Vorgängen des Bewusstseins entspringenden 
willkürlichen Bewegungsacte gestatten durch eine hier nicht 
näher zu detaillirende Ueberlegung eine Ableitung ausEmpfindnngs- 
Vorgängen im weitesten Sinne. 

Die Einbruchspforten für die in die Hirnrinde einlangenden 
Reize sind, so weit die Aussenwelt zum Inhalte unseres Bewusst¬ 
seins wird, die peripheren Sinnesapparate. 

Der Satz Moleschott’s: „Es ist nichts in uns, was nicht ein¬ 
gegangen wäre durch das Thor unserer Sinne” bedarf aber doch 


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Antrittsvorlesung. 


85 

nach unseren heutigen Kenntnissen einer Erweiterung. Die Affecte 
sind nicht von anssen ins Gehirn hineingetragene Empfindungs- 
vorgänge; sie sind im Gehirn autochthon entstanden, Ausdruck 
gewisser cerebraler Ernährungsschwankungen (Meynert). 

In dem angeführten Beispiele der Wahrnehmung reflecto- 
rischer Vorgänge handelte es sich um einen Bewusstseinsprocess. 
Das Sichbewusstwerden der Gehirnarbeit ist aber nur Ausdruck 
einer besonderen Form des corticalen Chemismus. 

Die Selbstbeobachtung deckt eine Fülle cerebraler Arbeit 
auf, die sich durch ihren associativen Charakter und durch ihre 
Beziehung zu Erinnerungsbildern als corticale erweist, die be-, 
wusste Processe begleitend oder ihnen vorangehend ablauft, ohnfi 
dass wir davon unmittelbare Kenntniss bekämen, d. h. unbewusst. 

Nur ein beschränkter Theil unseres psychischen Besitz¬ 
standes ist uns jeweils präsent, über der Schwelle des Bewusst¬ 
seins; das Wesentliche corticaler Vorgänge liegt nicht darin, 
dass sie etwa stets bewusst vor sich gehen müssten, sondern 
darin, dass sie unter bestimmten, durch den Ablauf des Asso¬ 
ciationsstromes gegebenen Bedingungen zur Höhe bewusster 
Leistungen anschwellen können. 

Unsere Denkarbeit würde sich in zielloser Verwirrtheit 
verlieren, wenn sie ausschliesslich über der Schwelle des Bewusst¬ 
seins sich abspielen müsste. 

Wenn wir die Hirnrinde auffassten als jene Gehirnstelle, 
an der die Vorgänge im Nervensystem zu psychischen Processen 
umgeprägt werden, so folgt daraus schon als selbstverständlich, 
dass Erkrankungen dieses Hirngebietes unter allen Umständen 
im Bereiche der Psyche werden zum Ausdrucke kommen müssen. 

Herdartige Zerstörung einer Rindenstelle muss nothwendig 
Ausfallserscheinungen im Bereiche jener Kategorie von Erinne¬ 
rungsbildern nach sich ziehen, deren Vertretung in der Psyche 
geknüpft ist an die betreffende Rindenstelle. 

Die Hirnrinde bemächtigt sich der Objecte der Aussenwelt 
durch Aufbewahrung der sinnlichen Erinnerungsbilder dieser 
Objecte. Diese können unter Umständen auf ein einziges Sinnes¬ 
gebiet sich beschränken; so wäre im Gehirn eines analphabeten 
Naturmenschen der Begriff „Mond” nur durch optische, der Be¬ 
griff „Donner” nur durch akustische Erinnerungsbilder vertreten. 
Die meisten Objecte der Aussenwelt sind aber geeignet, mehrere 


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86 


Dr. Carl Mayer. 


Sinnesgebiete zu erregen, der Begriff dieser Objecte ist dann 
gegeben durch die Summe der Erinnerungsbilder ihrer sinnlichen 
Eigenschaften. 

Aber auch innerhalb des Begriffes eines Objectes nehmen 
vermöge der Organisation des menschlichen Gehirns die opti* 
sehen und akustischen Erinnerungsbilder eine bevorzugte Stel¬ 
lung ein. 

Beim concret begrifflichen Denken wird nämlich nicht je¬ 
weils der ganze concrete Begriff eines Objectes mobilisirt, sondern 
die durch Erinnerungsbilder verschiedener Kategorien in unserer 
Hirnrinde fixirten Objecte werden im Zusammenwirken der Vor¬ 
stellungen meist nur durch ihren optischen oder akustischen 
Begriflsantheil vertreten. 

Bei dieser verschiedenen Wertbigkeit der einzelnen Kate¬ 
gorien von Erinnerungsbildern für unser Seelenleben werden 
aber die Folgen eines herdartigen psychischen Ausfalles sehr 
differente sein je nach der betroffenen Rindenstelle. 

Bezüglich der sensorischen Erinnerungsbilder sind die 
äussersten Werthgrenzen gegeben in den optischen und akustischen 
Erinnerungsbildern einer-, den olfactorischen andererseits. 

Geruchsvorstellungen spielen eine so untergeordnete Rolle 
in unserem Seelenleben, dass ihr Abgang in einem gegebenen 
Falle nahezu bedeutungslos für den Denkprocess sein würde. 

Anders schon läge die Sache bei Schädigung der akustischen 
Erinnerungsbilder, wie wir sie bei Zerstörung der beider¬ 
seitigen akutischen Schläfenlappencentren beobachten würden. 

In der Psyche eines solchen Kranken würden zwar jene 
Begriffe concreter Objecte, die nicht ausschliesslich durch akusti¬ 
sche Erinnerungsbilder gedeckt sind, noch ausgiebig genug durch 
andere Rindenstellen vertreten sein; das Arbeiten mit vorwiegend 
oder ausschliesslich akustisch vertretenen Vorstellungen würde 
aber einen Defect aufweisen. 

Eine solche Vorstellung war in unserem Beispiel des 
analphabeten Naturmenschen in „Donner” gegeben. Beim Cultur- 
menschen birgt die Sprache einen Schatz von Vorstellungen, 
deren Werthigkeit fast nur durch akustische Erinnerungsbilder 
ausgedrückt wird. 

Unser supponirter Kranker mit seinen akustischen Defecten 
wird bestimmten complicirteren, z. B. abstracten Denkleistungen 


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Antrittsvorlesung. 


87 


nicht gewachsen sein, zn deren Aufbringung rein sprachlich 
aknstische Erinnerungsbilder unentbehrlich sind. 

Obwohl das Studium solcher umschriebener psychischer 
Ausfälle von grösster Bedeutung ist für das Verständnis des 
Zustandekommens der psychischen Thätigkeit im Allgemeinen, 
würden doch Fälle der erwähnten Art einer ausschliesslich 
psychiatrischen Klinik versagt sein. 

Denn Gründe der socialen Zweckmässigkeit und der Huma¬ 
nität veranlassen uns zur gewaltsamen, rein äusserlichen Zu¬ 
teilung eines Theiles der Gehirnkranken an die Neuropatho¬ 
logie, eines anderen Theiles an die Psychiatrie. Wir sprechen 
rein conventionell von „Psychose” nicht dann, wenn ein herd¬ 
förmiger psychischer Ausfall besteht, wie in unserem Beispiele 
von Schläfelappenerkrankung, sondern erst dann, wenn es zu 
einer Störung im Bereiche der sogenannten „höheren Seelen- 
thätigkeiten” kommt, um einen populären Ausdruck zu ge¬ 
brauchen. 

Diese aber lassen sich nicht zurückführen auf die Function 
nur einer umschriebenen Rindenpartie, sondern setzen immer 
eine sozusagen diffuse Rindenleistung voraus, so die Fähigkeit 
des geordneten, zielbewussten Denkens, eine Theilerscheinung 
der Intelligenzleistungen, die zu Stande kommt durch das 
Zusammenarbeiten einer grossen Zahl von Rindenfeldern-, oder 
die affective Seite unseres Seelenlebens, die von allgemeinen 
Ernährungsverhältnissen der Hirnrinde abhängt. 

Störungen solcher, der Rinde in ihrer Totalität entstammen¬ 
den Functionen sind nicht denkbar ohne einen diffus wirkenden 
Krankheitsprocess, der allerdings in der weitaus grössten Zahl 
der Fälle, vielleicht in allen, bestimmte Formen von Demenz 
ausgenommen, mit unseren heutigen Untersuchnngsmethoden 
nicht nachgewiesen werden kann, wenn auch seine Annahme 
theoretisch eine wohl fundirte ist. 

Herderkrankungen führen nur dann zur Schädigung der 
Rindenleistung in ihrer Gänze, wenn sie diffuse Rindengebiete 
betreffen; solche Läsionen, wie sie durch Tumoren, Erweichun¬ 
gen, Blutungen zn Stande kommen, sind aber unsagbar plump, 
wenn verglichen mit der Feinheit der Störungen, die wir aus 
den klinischen Erscheinungen der Psychosen als diesen selbst 
zu Grunde liegend vermuthen dürfen. 


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88 


.Dr. Carl Mayer. 


Dementsprechend sind die bei solchen diffusen anatomisch 
nachweisbaren Processen zu beobachtenden Störungen der 
Psyche auch sehr grobe und zugleich einförmige, sie beschränken 
sich fast ausschliesslich auf grobe, der Krankheitsgruppe des 
Blödsinns zugehörende Ausfallserscheinungen. 

Nicht aber in dieser gelegentlichen Erzeugung von Schwä¬ 
chung der gesammten psychischen Thätigkeit liegt fiir die 
Psychiatrie die theoretische Bedeutung der Herderkrankungen, 
wie sie uns die Nervenklinik darbieten soll, sondern in den 
Aufschlüssen, die wir durch die Naturexperimente am Gehirn, 
wie man auch . die Herderkrankungen genannt hat, über die 
Function seiner Theile erlangen. Solche Forderungen sind nicht 
etwa bloss theoretische; die positivsten Resultate über ein weites 
Gebiet psychischen Geschehens verdanken wir dem Studium der 
centralen Sprachvorgänge, ein Erfolg, der undenkbar wäre ohne 
klinisch-neurologische Beobachtung. Die moderne Lehre von der 
Aphasie • gestattet uns einen Einblick in den Mechanismus 
gerade der complicirtesten Seite psychischer Thätigkeit, der für 
das psychiatrische Denken nicht gleichgiltig sein kann. 

Wenn wir die psychische Leistung bezeichneten als die 
Thätigkeit des Ges&mmtnervensystems ausgedrückt in corticaler 
Function, so ist es klar, dass auch Störung im Bereiche jener 
Apparate, denen die Aufgabe zufällt, Erregungen der Hirnrinde 
zuzuführen, in der Psyche sich wird geltend machen müssen. Von 
den der Rinde Erregungen zuleitenden subcorticalen Apparaten sind 
am besten bekannt die subcorticalen Sinnescentren und Bahnen. 

Zerstörung einzelner dieser Centren und Bahnen durch 
herdartige anatomisch nachweisbare Krankheitsprocesse wird, 
wenn vom Erwachsenen acquirirt, begreiflicherweise das Zu¬ 
sammenwirken des bereits erworbenen Schatzes von Erinnerungs¬ 
bildern nicht beeinträcbtigep können. Bei Unwegsam werden 
solcher Bahnen zu einer Zeit, wo die Hirnrinde sich noch nicht 
der Welt der Erscheinungen bemächtigt hat, also in früher 
Kindheit, muss ein der Zahl und Wichtigkeit der ausgeschalteten 
Sinnesbahnen proportionaler Defect im Bewusstseinsinhalt resul- 
tiren, dessen Ausgleich durch Vervielfältigung der associativen 
Beziehungen erhaltener Empfindungsgebiete, anders ausgedrückt 
durch Verfeinerung der erhaltenen Sinnesapparate, mit Hilfe 
einer entsprechenden Erziehung angeregt wird. 


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Antrittsvorlesung. 


89 


Bei irritirend wirkenden Herderkranknngen in subcorti- 
calen Sinnescentren und -Bahnen lassen sich unter Umständen 
werthvolle Ausblicke auf psychiatrisches Gebiet aus den klini¬ 
schen Erscheinungen gewinnen. 

Solche Beize werden, wenn sie nicht durch einen adäquaten 
Sinnesreiz, sondern durch eine mechanische Einwirkung zu Stande 
kommen, von der normal functionirenden Binde bekanntlich 
als Parästhesien im weitesten Sinne wahrgenommen und nach 
dem Gesetze der excentrischen Projection unter allen Umständen 
in das periphere Sinnesende verlegt; das Knebeln in den Finger¬ 
spitzen bei Druck auf den Ulnaris am Vorderarm, das Funken¬ 
sehen bei mechanischer Beizung des Sehnerven sind ja hiefür 
allbekannte Beispiele. 

Die richtige durch Erfahrung gewonnene Deutung dieser 
Sensationen als Folgeerscheinungen der Einwirkung eines nicht 
adäquaten Beizes auf den Nerven geht verloren bei gewissen 
Formen von Herabsetzung der corticalen Energie. Wenn Sie 
Basilar-Meningitiker durch Stunden fädenziehend, flockenlesend 
dahin liegen sehen — und solche klinische Bilder, die aufs leb¬ 
hafteste an das „Suchen” der Alkoholdeliranten erinnern, sind 
bei der tuberculösen Meningitis auch nicht Alkoholiker gar nicht 
so selten — so sind Sie wohl berechtigt anzunehmen, dass die 
Beizung der hinteren sensibeln Biickenmarkswurzeln durch das 
meningitische Exsudat, eine grob anatomisch nachweisbare 
Thatsache, in dem schwer geschädigten Cortex des Kranken 
zum Wahn einer wirklichen Sinnes Wahrnehmung geführt habe, 
eine Urtheilsfälschung, die in den Bewegungen des Fäden¬ 
ziehens, Flockenlesens eben zum Ausdruck kommt. 

Aehnliche Illusionen des Tastsinnes können Sie gelegentlich 
beobachten bei Degeneration der Hinterwurzeln im Bückenmark 
und gleichzeitiger schwerer Functionsherabsetzung des Cortex, 
wie sie manchmal bei tabischen Paralytikern im Terminalstadium 
sich beisammenfinden, in seltenen Fällen bei Beizung der sub- 
corticalen Sinnesbahn in mehr cerebralwärts gelegenen Strecken 
ihres Verlaufes, wie ich dies z. B. einmal bei einer die centrale 
Haubenbahn im Hirnschenkel treffende Erweichung thun konnte. 

Das Gemeinsame der angezogenen Einzelfälle, die Ueber- 
leistung in subcorticalen Gebieten bei Leistungsherabsetzung 
im Cortex ist eine Exemplificirung des von Meynert auf Grund 


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90 


Dr. Carl Mayer. 


allgemeiner hirnphysiologischer und anatomischer Betrachtang 
aufgestellten Gesetzes von der Gegensätzlichkeit der Leistungen 
genannter Hirngebiete. 

Sie sehen, wie psychiatrisches Denken and klinisch-„neuro¬ 
logische” Beobachtung, sich gegenseitig befruchtend, hier un¬ 
trennbar ineinander verschlungen sind. 

Die anatomisch-physiologische Einheit des Nervensystems 
findet nach praktischer Seite ihren klarsten Ausdruck in dessen 
Solidarität gegenüber allgemein wirkenden krankmachenden 
Agentien. 

Dies gilt in ebenso hervorragender Weise von der Neu¬ 
rasthenie und Hysterie, die wir im weitesten Sinne des Wortes 
als Erschöpfungskrankheiten des Nervensystems auffassen dürfen, 
wie von den sogenannten toxischen Erkrankungen des Gesammt 
Systems. 

Neurasthenie fasst klinisch in fanctionellen Störungen eben¬ 
sowohl der peripheren Nerven und des Rückenmarkes, als auch 
in Störungen des Gesammtablaufes psychischer Processe, von 
der einfachen erhöhten psychischen Reizbarkeit bis zu den tran¬ 
sitorischen Psychosen bei acut cerebrasthenischen Zuständen, wie 
wir sie durch Krafft-Ebing kennen gelernt haben. 

Ein Verständniss der hysterischen Neurose aber ist über¬ 
haupt undenkbar ohne eine richtige Würdigung der Bedeutung 
der Psyche für die Genese hysterischer Symptome. 

Was endlich die toxischen Erkrankungen des nervösen 
Apparates anlangt, so finden Sie die Opfer des Alkohols und 
der Syphilis in Irrenhäusern ebensowohl wie in Nervenkliniken. 

Erkrankung des peripheren Nervensystems und eine bunte 
Schaar psychischer Krankheitsbilder sind der Ausdruck der 
universellen Reaction des Nervensystems auf das allörtlich wir¬ 
kende Alkoholgift. 

Aehnliches gilt vom Syphilisvirus, das seine Wirkung auts 
Nervensystem in den der Paralyse der Irren zu Grunde liegen¬ 
den diffusen Hirnprocessen, in der Tabes dorsalis and andern 
Strangerkrankungen des Rückenmarkes, sowie gelegentlich auch 
in selbstständiger Erkankung des peripheren Nervensystems 
kundgibt; ein anderes psychoneuropathisches Doppelbild zeigen 
die klinischen Erscheinungen der Bleiintoxitation, der Pellagra. 
In all diesen Fällen wäre die ausschliessliche Auffassung des 


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Antrittsrorlesung. 


91 


Symptomenbildes vom einseitigen Standpunkte des Psycho« oder 
Neuropathologen Stückwerk. 

Sie werden den rein wissenschaftlichen, sowie den An- 
forderangen der Praxis nur durch eine gleichmässige Würdigung 
des Gesammtbildes gerecht werden können. 

Lassen Sie mich, meine Herren, endlich Sie hinweisen auf 
einen rein menschlichen Gewinn, der uns sowie unseren Kranken 
aus einer einheitlichen Auffassung der Gesammtleistungen des 
Nervensystems erwachsen soll. 

Jahrhunderte menschlicher Entwickelung hat es gebraucht 
bis zur Anerkennung der Irren als Kranker, die der Segnungen 
der Heilkunde nicht weniger als körperlich Kranke bedürfen. 

Es ist gleichsam eine geistige Fortsetzung der Befreiungs- 
that Pinel’s, wenn die moderne Psychiatrie auf das Yerstftndniss 
der Psychosen im Lichte einer Kenntniss der Function des 
Nervensystems hinarbeitet. 

Dieser Gedanke möge Sie anspornen zur Ueberwindung 
mancher Schwierigkeiten, die sich dem Anfänger auf psychia¬ 
trischem Gebiete vielleicht zahlreicher, und gewiss auch eigen¬ 
artiger als in anderen klinischen Fächern entgegenstellen, er 
möge in Ihnen jene rein menschlichen Bestrebungen festigen, 
deren unsere Kranken, wie Sie erfahren werden, in so hervor¬ 
ragender Weise bedürfen. 

So lassen Sie uns denn in diesem Geiste in den nächsten 
Stunden an unsere gemeinsame Arbeit gehen. 


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Ein Fall von Myotonia congenita combinirt mit Para¬ 
myotonie. 

(Aus der III. medieinischen Klinik des Prof. v. Schrötter.) 

Von 

Dr. Hlawaczek. 

Den Grund, der mich veranlasst, trotz der bereits publicirten 
zahlreichen Fälle von Thomsens’scher Krankheit den folgenden 
zu veröffentlichen, besagt die Ueberschrift meiner Arbeit; indem 
der von mir beobachtete Fall, sämmtliche dem von Erb aufge¬ 
stellten Typus der Myotonia congenita entsprechende Symptome 
aufweisend, auch noch jenes Krankheitsbild darbietet, welches 
unter dem Namen der Paramyotonie beschrieben wurde, glaube 
ich, dass er nicht als ganz uninteressant erscheinen dürfte. 

Die Anamnese des Falles besagt Folgendes: Patient Jakob 
Broch, 17 Jahre alt, Chorsänger, aus Stanislau in Galizien gebürtig. 
Vater 47 Jahre alt, Buchhalter, vollständig gesund, bis auf ein, dem 
Anscheine nach nervöses Herzklopfen, das sich jedoch in der letzten 
Zeit vollständig verloren hat. Mutter 46 Jahre alt, leidet, so weit 
Patient sich zurückzuerinnern weiss, an bei kalter Witterung auf¬ 
tretender Starrheit in den Händen, die sich darin äussert, dass sie 
die Finger in Beugestellung ffxirt haltend, auch nur etwas feinere 
Arbeiten, z. B. Knüpfen oder Lösen eines Knotens, mit denselben 
nicht ausführen kann. Patient hat vier Geschwister, zwei Schwestern 
und zwei Brüder, von welchen die ersteren völlig gesund sind. Bei dem 
älteren seiner Brüder, welcher 23 Jahre alt ist, stellt sich nach 
stärkeren körperlichen Anstrengungen, speciell Märschen, Steifigkeit 
in den unteren Extremitäten ein. Derselbe diente als Einjährig- 
Freiwilliger in einem Infanterieregiment, konnte auch den an ihn 


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Ein Fall von Myotonia. congenita combinirt mit Paramyotonie. 


93 


gestellten körperlichen Anforderungen nachkommen, nur soll er 
hie und da beim Exerciren die einzelnen Bewegungen und Wen¬ 
dungen in Folge von Steifigkeit nicht mit Raschheit ausführen ge¬ 
konnt haben. Derselbe leidet weiters an Varices der Unterschenkel. 
Beim jüngeren Bruder, ein Jahr alt, stellt sich, wenn ihm das Ge¬ 
sicht mit kaltem Wasser abgewaschen wird, eine krampfartige Con- 
traction der Augenlider ein, so dass er durch längere Zeit die¬ 
selben nicht öffnen kann. Laut brieflicher Aussage des Vaters des 
Patienten stürzte derselbe als zweijähriges Eind von einer Anhöhe 
herab. Am dritten Tage nach dem Falle sollen sich bei Patienten 
Convulsionen eingestellt haben; die Therapie bestand im Setzen von 
Blutegeln. Die Convulsionen sollen bis zum sechsten Jahre aufge¬ 
treten sein. Vater des Patienten datirt den Beginn seines jetzigen 
Leidens von diesem Sturze an. Patient gibt jedoch an, aus den 
Erzählungen seiner Eltern zu wissen, dass er schon als einjähriges 
Kind an „krampfartigen Verziehungen des Mundes 1 ' gelitten habe; 
aus seiner ersten Schulzeit erinnert er sich, dass er von seinen 
Mitschülern verspottet wurde, weil er Grimassen geschnitten, die 
Augen zusammengekniffen habe. So weit seine klare Erinnerung 
zurückreicht, will er an krampfartigen Zuständen gelitten haben, die 
sieb folgendermassen charakterisiren: Wenn Patient bei ruhiger 
Kopfhaltung seine Augen rasch von einer Endlage in die andere 
bringen will, so hat er das Gefühl, als würden seine Augen plötz¬ 
lich in ihrer Bewegung gehindert, steif, wie festgehalten, wobei ihm 
der zu fixirende Gegenstand verschwimmt. Ferners fühlt Patient 
zuweilen während des Essens oder Trinkens, dass das Genossene 
„stecken bleibe^; weiters fällt ihm das Sprechen schwer, da die 
Zunge steif, „dick”, schwer beweglich wird; es erscheint ihm so, 
als würde seine Zunge gegen den Gaumen gedrückt; ähnliches 
stellt sich öfters auch nach einem Schluck kalten Wassers ein. Mit¬ 
unter tritt während eines Hustenanfalles ein krampfartiger Zustand 
auf, der das Weiterhusten, sowie Expectoration bei fortbestehendem 
Hustenreiz verhindert. Die Kopfbewegungen, sowohl Nick- sls auch 
Drehbewegungen, werden ebenfalls oft durch eintretende Steifigkeit 
in den betreffenden Muskelpartieen unmöglich gemacht. Hat Patient 
bei starkem Gähnen den Mund weit geöffnet, so kann er ihn manch¬ 
mal nicht rasch wieder schliessen, er muss ihn so lange offen halten, 
bis die den Mundschluss verhindernde Starre in der Musculatur 
nachgelassen hat. Hat Patient den Oberkörper gebeugt, so gelingt 
ein rasches Wiederauf richten nicht. Derartige Bewegungshemmungen 
stellen sich auch bei Locomotionen der oberen und unteren Extre¬ 
mitäten in sämmtlichen Gelenken ein. Der gebeugte Arm kann 
ebenso wenig rasch in die Strecklage zurtickgeführt werden als um¬ 
gekehrt. Dabei will Patient deutlich fühlen, dass seine Bewegungen 
durch Contraction der einzelnen Muskelgruppen behindert werden. 
Führt Patient wiederholt gleichsinnige Bewegungen, gleich sowohl 
im Tempo als auch in der Bewegungsrichtung aus, so werden die 


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94 


Dr. Hlawaczek. 


Bewegungen immer leichter ausführbar, bis sie schliesslich frei und 
unbehindert vor sich gehen. Das Auftreten dieser Erscheinungen 
soll sich nicht an bestimmte Tageszeiten knüpfen. Wohl aber gibt 
Patient an, bemerkt zu haben, dass, wenn er im Begriffe aufzustehen, 
den Fuss aus dem warmen Bette in die kühlere Zimmerluft hinaus¬ 
streckt, sofort Steifigkeit in den der kühleren Temperatur ausge¬ 
setzten Muskeln eintritt sowie Überhaupt alle vorher erwähnten 
Zustände vorwiegend und im verstärkten Massstabe bei kühler 
Temperatur auftreten. Geht Patient im Winter bei grosser Kälte auf 
die Gasse, so stellt sich sofort in der Musculatur der unbedeckten 
Körperpartieen Starre ein, die Augenlider werden zusammenge¬ 
zogen, so dass Patient nur durch einen sehr schmalen Lidspalt hin¬ 
durchsieht, der Mund wird in der Weise verzogen, als ob der 
Kranke denselben zum Pfeifen spitzen wollte. Auch in der Kinn- 
und Wangenmusculatur fühlt er Contractiou und Steifigkeit Die 
Finger hält er steif in Streckstellung in den Metacarpophalangeal- 
gelenken, in mittlerer Beugestellung in den Interphalangealgelenken. 
Dabei erscheinen ihm die Finger wie abgestorben. Alle diese Zu¬ 
stände halten so lange an, als Patient der Kälte ausgesetzt ist, und 
selbst, nachdem er in ein warmes Zimmer getreten, braucht es 
noch geraume Zeit (oft eine bis zwei Stunden), ehe sich diese 
Starre löst. Patient will dem Eintritte der Starre in den Augen¬ 
lidern und in den Lippen dadurch Vorbeugen können, dass er es, 
während er der Kälte ausgesetzt ist, ängstlichst vermeidet, auch nur 
die geringste Zuckung in den betreffenden Partieen zu machen. Er 
hält, wie er sich ausdrückt, Augenlider und Mund vollständig starr. 
Patient will im übrigen stets gesund gewesen sein. Blutsverwandt¬ 
schaft der Eltern ist nicht vorhanden. Patient negirt Potus und Lues. 

Statuspraesens.Patient ist mittelgross, von kräftigem Knochen¬ 
bau, mittelstarkem panniculus adiposus, stark entwickelter Musculatur; 
besonders die Musculatur des Halses, der oberen und der unteren 
Extremitäten erscheint in Anbetracht des AJters, sowie der keine 
starke Muskelarbeit erfordernden Beschäftigung des Patienten — er 
ist Chorsänger — geradezu athletisch. Die beiden Sternocleido- 
mastoidei bilden mächtig hervorspringende Muskelbäuche, dem Halse 
ein gedrungenes stiernackenartiges Aussehen verleihend, so dass dies 
Patient als Schönheitsfehler stört, und er gern Abhilfe gegen 
diesen „Blähhals” haben möchte. Dabei fühlen sich die sternocleido- 
mastoidei ziemlich derb consistent, leicht gespannt, jedoch keines¬ 
wegs bretthart an. Im Uebrigen ist ihr Verhalten etwas wechselnd, 
indem ich z. B. einmal bei plötzlichem Nachlass der ziemlich starken 
Hitze eine Abnahme der Spannung constatiren konnte. Der Umfang 
des rechten Oberarmes über der Mitte des Biceps gemessen be¬ 
trägt 28 Centimeter, der des rechten Vorderarmes an der Stelle 
der grössten Dicke 27 Centimeter. Die Verhältnisse am linken Arme 
sind: Oberarm 27 Centimeter, Vorderarm 26 Centimeter. Der grösste 
Umfang der Oberschenkel ergab 46, der der Unterschenkel 35 Centi- 


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Ein Fall von Myotonia congenita combinirt mit Paramyotonie. 


95 


meter. Die Halsweite beträgt 39 Centimeter. Die Consistenz der 
Muskeln ist überall derb, nirgends aber bretthari. Die Haut zeigt 
vollständig normales Verhalten. Die sichtbaren Schleimhäute sind 
schön roth gefärbt. Herz und Lunge gesund. Der Patellarreflez 
leicht herabgesetzt, kein Fussclonus vorhanden. Cremasterreflex aus¬ 
lösbar, ebenso Tricepsreflex. Tactile Sensibilität durchwegs normal. 
Ebenso Temperatur und Schmerzsinn. Tiefe Sensibilität normal, keine 
Ataxie vorhanden. Pupillen reagiren prompt sowohl reflectorisch 
als consensuell und accommodativ. Sämmtliche Hirnnerven normal. 
Was nun die genauere Prüfung der motorischen Functionen der 
Musculatur betrifft, so ergibt dieselbe Folgendes. Lässt man den 
Patienten das Kinn gegen die Brust anziehen, so kann er dasselbe 
nicht rasch wieder erheben; es zeigt sich eine tonische Starre in 
den beiden Sternocleidomastoideis, dem Mylohyoideus und dem 
Platysma. Dieselbe hält durch etwa drei bis vier Secunden an. Bei 
einseitigen raschen Drehbewegungen des Kopfes bleibt derselbe 
in der einen oder anderen Endlage durch einige Secunden fixirt; 
man fühlt den entsprechenden Sternocleidomastoideus contrahirt, 
starr. Was die Augenbewegungen betrifft, so findet sich haupt¬ 
sächlich bei rascher Bewegung der Bulbi von oben nach abwärts 
ein Steckenbleiben in der Endlage unten. Wie bereits erwähnt, ist 
Patient Chorsänger. Derselbe intonirt stets richtig, sowohl beim 
Intoniren als auch während des Singens tritt nie eine Starre in der 
Kehlkopfmusculatur ein. Bei Hustenanfällen jedoch stellt sich zu¬ 
weilen Erstickungsgefühl, verbunden mit tonischen Krämpfen in der 
Zungenmusculatur ein, wobei die Zunge aufgestellt und rückwärts 
gezogen wird. Bei einem Versuche, den Patienten zu laryngoscopiren, 
trat in der Zunge ein tonischer Krampf in der Weise auf, dass der 
Zungenrücken gegen den Gaumen emporgewölbt, die Zungenspitze 
gegen den Boden der Mundhöhle gepresst wurde. Bei rascher, 
kräftiger Beugung des Armes stellt sich Starre im Biceps ein, je¬ 
doch auch im biceps lässt sich zu gleicher Zeit ein Tonus con- 
statiren; zur Auslösung der Starre ist jedoch erforderlich, dass 
der Patient kurze Zeit den Arm in extremer Beugestellung hält, 
oder mit anderen Worten, den Biceps, nachdem er den Vorderarm 
ad maximum dem Oberarm genähert, noch weiter sich contrahiren 
lässt; wird jedoch nach rascher Beugung sofort wieder gestreckt, 
stellt sich der Tonus nicht ein. Der Tonus löst sich von selbst nach 
einigen Secunden. Beim Stiegensteigen kann Patient in der Begel 
ohne Hemmung den Fuss auf die erste Stufe setzen; in dem Mo¬ 
mente aber, wo er das zweite Bein nachzuziehen beginnt, stellt sich 
tonische Starre in den Beugern des ersten Beines ein. Zuweilen 
tritt jedoch der Tonus erst dann auf wenn das zweite Bein bereits 
nachgezogen, respective das erste Bein in Strecksteilung gebracht 
wurde; selbstverständlich betrifft dann die Starre die Strecker des 
ersten Beines. Patient geht mitunter in der Weise auf die Stiege 
hinauf, dass er das Standbein im Kniegelenk gebeugt hält, und das 


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96 


Dr. Hlftwaczek. 


Höherheben des anderen Beines dadurch bewerkstelligt, dass er 
den Körper stark nach der Seite des Standbeines biegt. Bückt sich 
Patient rasch nach einem am Boden liegenden Gegenstand, so kann 
er sich nicht wieder sofort aufrichten; man bemerkt an ihm bei 
nacktem Oberkörper die beiden Recti abdominis als starre, mächtig 
vorspringende Wülste. Macht Patient die Kniebeuge, so tritt beim 
Wiederaufrichten Tonus der Strecker der Oberschenkel ein. Führt 
Patient jedoch dieselbe Bewegung wiederholt aus, so verschwindet 
allmählich diese Starre, und es tritt völlige Freiheit der Bewegung 
ein. Mitunter kann man jedoch auch das Verhalten beobachten, 
dass der Tonus bei wiederholten gleichsinnigen Bewegungen nicht 
zu Beginn der zuerst ausgefübrten Bewegung, sondern erst bei der 
dritten oder vierten sich einstellt. Wird bei gleich gerichteten Be¬ 
wegungen das Bewegungstempo geändert, so sieht man ebenfalls zu¬ 
weilen im Muskel den Tonus zu Stande kommen. Was die mechanische 
Muskelerregbarkeit betrifft, so erscheint dieselbe durchwegs hoch¬ 
gradig gesteigert und zeigen die erregten Muskeln und Muskel- 
partieen ein charakteristisches Verhalten. Wenn man beispielsweise 
den Musculus deltoideus mit dem Percussionshammer beklopft, so 
bildet sich von der beklopften Stelle aus entsprechend dem Ver¬ 
laufe des Muskelbündels, dem dieselbe angehört, eine Furche. Die¬ 
selbe besteht auch noch längere Zeit einige Secunden nach dem 
erfolgten Reize fort, um dann allmählich seichter zu werden, bis sie 
gänzlich verschwindet. Hierbei ergeben sich jedoch Differenzen. 
1. Bezüglich der Form der durch die oben erwähnte Furchenbildung 
hervorgerufenen Einziehungen. So sieht man an Muskeln mit etwas 
längeren, parallel gelagerten Muskelbündeln, z. B. Deltoides, Biceps 
deutliche Rinnen, Längsfurchen auf den mechanischen Reiz hin auf- 
treten. Beklopft man die Zunge, so bildet sich eine deutliche, kreis¬ 
runde Dalle, oder besser gesagt trichterförmige Einziehung. 2. Be¬ 
züglich der Nachdauer der eingetretenen Furchen oder Dellen¬ 
bildung; so z. B. erhielt ich mit einer gewissen Regelmässigkeit 
bei gleich starker Reizung bei dem Deltoides eine Nachdauer von 
zehn Secunden, bei beiden Biceps eine Nachdauer von acht Secun¬ 
den, während die auf der Zunge entstandenen Delle zwölf Secunden 
anhielt. 3. Bezüglich der zur Auslösung des Phänomens erforder¬ 
lichen Reizstärke; während ich schon bei ziemlich schwachem Be¬ 
klopfen das Deltoideus die Furchenbildung eintreten sah, musste 
beim Biceps schon ein stärkerer Reiz einwirken, um das gewünschte 
Resultat herbeizuführen. Beinahe nicht auslösbar war diese Er¬ 
scheinung am Triceps. Was das Zustandekommen des Phänomens 
betrifft, so steht dasselbe mit dem von anderen Beobachtern be¬ 
schriebenen Hergange insofern nicht in Einklang, als die dem 
Phänomen zu Grunde liegende Contractiou in meinem Falle rasch 
eintrat, und nur das Nachlassen derselben träge, langgezogen war. 

Wenden wir uns nun dem Verhalten der Musculatur gegen¬ 
über faradischen Reizen zu. Im ganzen Grossen zeigt dasselbe kein 


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Ein Fall von Myotonia congenita corabinirt mit Paramyotonie. 97 


von der von Erb beschriebenen ßeactionsweise abweichendes Ver¬ 
halten. Einzelne Oeffnungs- und Schliessungsschläge rufen kurze 
blitzartige Zuckungen hervor. Frühzeitig tritt jedoch bei faradischen 
Strömen eine deutliche, lang anhaltende Nachdauer auf. In umge¬ 
kehrtem Verhältnisse stehen, wie schon vielfach von Beobachtern 
erwähnt, Länge der Nachdauer und Länge der ßeizdauer. In meinem 
Falle erhielt ich beispielsweise am Musculus deltoideus dexter folgen¬ 
des Verhältnis: Beizdauer 4 Secunden, Nachdauer 26 Secunden, 
Beizdauer 8 Secunden, Nachdauer 18 Secunden, Beizdauer 10 Se- 
cunden, Nachdauer 16 Secunden. Schliesslich hörte bei längerer 
Dauer der Stromeinwirkung die Nachdauer vollständig auf. Hatte 
ich den Musculus deltoideus mit faradischen Strömen von wachsender 
Beizdauer bis zu dem Grade durchsrörat, dass ich keine Nachdauer 
mehr erhielt, so konnte ich auch im Biceps desselben Armes bei 
gleich lang dauerndem und gleich starkem Strome keine Nachdauer 
auslösen, eine Erscheinung, die ihre Erklärung wohl in den vom 
Deltoideus auf den Biceps übergreifenden Stromschleifen finden 
dürfte. Bei längerem Durchleiten des faradischen Stromes durch 
einen Muskel gelang es mir wiederholt, die von Erb und Bernhard 
beschriebenen Oscillationen im Muskel hervorzurufen. Was die 
galvanische Muskelerregbarkeit betrifft, so wies mein Fall, abge¬ 
sehen von einigen unwesentlichen Kleinigkeiten das von Erb be¬ 
schriebene Verhalten auf, und werde ich mich diesbezüglich kurz 
fassen. Ich fand durchwegs ein Ueberwiegen der KaSz über die 
AnSz, ein sehr nahes Beieinanderliegen der AnOZ und KaOZ und 
Auftreten der KaOZ oft früher als das Eintreten desKaSTe. An¬ 
bei ein Beispiel aus der üntersuchungstabelle: 



KaSZ 

An S Z 

An 0 Z 

KaOZ 


Muse, deltoid d. 

2 

3 

5 

5 


Muse, biceps. d. 

2 

5 

8 

8 


Muse, triceps d. 

1*5 

7 

11 

11 


Muse. flex. dig. subl. 

3 

5 

7*5 

8*5 


Die in Suesskand’s Monographie 

als Grenze für den Eintritt 


der Nachdauer angegebene Stromstärke von fünf Mille-Ampöres 
erwies sich in meinem Falle als etwas zu hochgegriffen. Ich erhielt 
z. B. folgendes ßesultat: 


M. deltoid. dext. 

M. biceps dext. 

M. flex. digit. subl. . . • . . 


Träge Zuckung 

Naohdauer 


3 4 M.-A. 

18 M.-A. 


37 . . 

17 . . 


4 n n 

17 . . 



JabrbBeher f. Psychiatrie a. Nervenb. XIV. Bd. 


7 


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98 


Dr. Hlawaczek. 


Die Erb’schen rhythmisch ablaufenden wellenförmigen Gon- 
tractionen konnten trotz wiederholter Versuche und obwohl ich 
mich strenge an Erb’s Vorschriften hielt (An- und Abschwellen¬ 
lassen des Stromes, Stromwechsel, Oeffnen und Schliessen, Ver¬ 
schieben der Elektrode), nicht ausgelöst werden. Der Grund dafür 
durfte wohl darin liegen, dass mein Patient eine hochgradige 
Hyperästhesie elektrischen Reizen gegenüber an den Tag legte, und 
ich nicht mit genügend starken Strömen arbeiten konnte. 

Die mechanische Nervenerregbarkeit bot nichts Abnormales 
dar. Betreffend die faradische Nervenerregbarkeit, so stimmt die¬ 
selbe mit den von anderen Beobachtern gefundenen Resultaten 
überein. Bei schwachen Strömen erhielt ich einfache Zuckungen, 
bei mittelstarken Strömen machte sich die Nachdauer bemerkbar. 
So z. B. fand ich bei Medianusreizung Nachdauer von fünf Secun- 
den, bei Ischiadicusreizung Nachdauer von sechs Secunden. Bei 
stärkeren Strömen trat ebenfalls wie bei faradischer Muskelreizung 
Oscilliren ein. Das von Fischer erwähnte, von einer eigentlichen 
Nachdauer verschiedene Abklingen bei Facialisreizungtrat in meinem 
Falle sehr deutlich auf. Nach einigen Schliessungen kräftiger Ströme 
stellte sich keine Nachdauer mehr ein. Noch einiges weniges über 
galvanische Nervenreizung. Die KaSZ überwogen durchwegs. Ihr 
Eintrittt entsprach gewöhnlich der normalen Reizschwelle. Auffallend 
war die vielfach bedeutend früher als die An S Z auftretende An 0 Z. 
KaOZ erhielt ich nicht immer. Ich lasse hier ein Beispiel aus der 
Versuchstabelle folgen. 


N. accesßorius 
N. medianuß . 
N. ulnariß . . 


KaSZ 

An SZ 

An 0 Z 

| KOZ 

12 

4 

2-5 


3 

i 

7 

4*5 

| 7 

25 

35 

5-5 

i 

i 


Nachdauer erhielt ich hier nicht. 

Ein Eingehen in die das Krankheitsbild zusammensetzenden 
Symptome lässt eine nach einer Richtung hingehende Diffe- 
renzirung im Symptomcomplexe hervortreten, die zu einer Son¬ 
derung der verschiedenen Symptomgruppen auffordert. Wir sehen 
einmal an dem Patienten eine Anomalie des willkürlichen Muskel¬ 
apparates, die darin besteht, dass die willkürliche Musculatur 
nach einer vorausgegangenen Bewegung in einen Zustand von 
Steifheit, tonischer Starre geräth, die einige Zeit anhaltend dem 
davon befallenen Muskelcomplex die Ausführung jeder Bewegung 
unmöglich macht, und die von den betreffenden Muskeln bewegten 
Körpertheile in der einmal eingenommenen Stellung figirt hält. 


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Ein Fall von Myotonia congenita corabinirt mit Paramyotonie. 99 

Wenn Patient die gleiche Bewegung wiederholt ausfiihrt, so ver¬ 
schwindet die anfänglich vorhanden gewesene Bewegungshemmnng, 
freie Beweglichkeit, promptes Arbeiten der willkürlichen Muskel¬ 
partie stellt sich ein. Wir bemerken, dass die willkürlichen 
Muskeln auf mechanische Heize hin damit antworten, dass eine 
den Reiz überdauernde, langsam wieder verschwindende Con- 
traction in den beklopften Muskelpartieen erfolgt. Wir finden auf 
elektrische Reize hin ein eigenthümliches Verhalten, dessen 
Hauptcharakteristikon in der Nachdauer der hervorgerufenen 
Contraction über den Reiz hinaus liegt, ein Verhalten, das zu¬ 
sammengebracht mit der erwähnten Reaction auf mechanische 
Reize hin das Bild der Erb’schen myotonischen Reaction gibt. 
Berücksichtigt man noch das Vorhandensein der Krankheit schon 
in frühester Kindheit, die eingangs erwähnte Erkrankung der 
Mutter, des älteren und jüngeren Bruders, so dürften wohl alle 
Symptome einer Myotonia congenita in diesem Falle vor¬ 
handen sein. Ein äusserer Einfluss jedoch wirkt nicht nur steigend 
auf das Auftreten des tonischen Contractionszustandes, der Steif¬ 
heit der willkürlichen Musculatur, er ruft auch ein von dem 
vorigen differentes Krankheitsbild hervor; dieser äussere Einfluss 
ist die Kälte. Unter Einwirkung derselben sehen wir das Auf¬ 
treten von Bewegungshemmung in gewissen Partieen von will¬ 
kürlicher Musculatur, in der Gesichts-, Hals- und Handmusculatur, 
i. e. in denjenigen Partieen, die als unbedeckt oder am wenigsten 
geschützt der Kälteeinwirkung am meisten exponirt sind. Diese 
Bewegungshemmungen machen aber eiu anderes Bild, als jene, 
von welchen ich früher gesprochen. So tritt in der willkürlichen 
Musculatur der Augenlider, der Lippen eine Starrheit auf, die 
jede Bewegung aufhebt, und die anhält, so lange Patient der 
Kälte ausgesetzt ist, auch noch einige Zeit darüber hinaus. Ein 
ähnliches Verhalten sehen wir auch in der Hand, respective den 
Fingern. Dieselben sind in den Metacarpo-phalangealgelenken ge¬ 
streckt, in den Interphalangealgelenken gebeugt, in mittlerer 
Beugestellung fixirt. Patient kann seine Finger nicht gebrauchen, 
er kann mit denselben nichts festhalten; dabei hat Patient das 
Gefühl, als seien seine Hände „wie abgestorben”. Wir finden 
hier das, was Eulenburg als Paramyotonie beschreibt, und 
weiters ergeben sich auch Anklänge an das von Martius als 
Myotonia intermittens beschriebene Krankheitsbild. 

7* 


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100 


Dr. Hl&w&czek. 


In den von den beiden Autoren veröffentlichten Fällen 
sehen wir, dass bei den Eulenburg’schen Fällen die myotonische 
Reaction sowohl zur Zeit der Starre als auch in der starrefreien 
Zeit Reaction fehlt, bei Martius-Hansemann tritt zur Zeit 
der myotonischen Bewegungsstörung die myotonische Reaction 
auf und verschwindet mit derselben. Nicht so in meinem Falle. 
Die myotonische Reaction ist, abgesehen von den rhythmischen, 
wellenförmigen Contractionen bei Einwirkung stabiler galvanischer 
Ströme (Erb) in allen ihren Einzelheiten hier. Mein Fall hat 
sich somit als eine Complication von Myotonia congenita 
mit Paramyotonia erwiesen. Es sei mir hier gestattet, auf 
die der Paramyotonie entsprechenden Symptome meines Falles 
etwas näher einzugehen. Ich sagte früher, dass unter Kälteein¬ 
wirkung wie von selbst in den betreffenden Muskelpartieen die 
Starre eintritt. Ich verweise hier jedoch darauf, dass Patient 
angibt, dass er dem Auftreten der Starrheit dadurch Vorbeugen 
kann, dass er sich hütet, mit seiner Gesichtsmusculatur auch 
nur die kleinste Bewegung, Zuckung auszuführen, dass er seine 
Muskeln selbst gewissermassen starr in Ruhe hält. Es erscheint 
also auch hier zum Zustandekommen der Paramyotonie eine 
vorausgegangene, wenn auch noch so kleine Bewegung der be¬ 
treffenden Muskeln nöthig. Ein vollständiges Nichtbewegen gerade 
in den von der Paramyotonie befallenen Muskeln gehört bei¬ 
nahe ins Reich des Unmöglichen. Ohne es zu wissen, zuckt man 
mit den Augenlidern, den Mundwinkeln, macht leichte Finger¬ 
bewegungen, und diese unbedeutenden Bewegungen scheinen zur 
Auslösung der Paramyotonie zu genügen. Was sehen wir nun, 
nachdem die Starrheit einmal eingetreten? Wir finden die be¬ 
fallenen Muskelpartieen im Contractionszustande, der Kranke selbst 
hat dabei das Gefühl der Starrheit, Steifigkeit in den betreffen¬ 
den Muskeln, er kann keine weitere Bewegung ausführen, so 
lange dieser Zustand anhält, mit einem Worte, die von der unter 
Kälteeinwirkung zu Stande gekommenen Starrheit befallene 
Musculatur verhält sich ebenso wie die Musculatur während des 
myotonischen Zustandes. Es ist allerdings Bewegungshemmung 
vorhanden, der Patient ist so gut als wie gelähmt an den Fingern, 
in der Gesichts- und Halsmusculatur, und doch ist in meinem 
Falle der Ausdruck „Lähmung”, von der Eulenburg in seiner 
(im Neurologischen Centralblatt 1886) erschienenen Arbeit „Ueber 



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Gin Fall von Myotonia congenita combinirt mit Paramyotonie. 101 


eine familiäre, durch sechs Generationen verfolgbare congenitale 
Paramyotonie” spricht, nicht anwendbar; denn das, was in meinem 
Falle den Eindruck der Lähmung hervorbringt, das Aufgehoben¬ 
sein der Bewegungsfähigkeit, ist nicht hervorgerufen durch Er¬ 
loschensein der Fnnctionsfähigkeit der Muskeln, sondern ist 
hervorgerufen durch eine länger anhaltende, gesteigerte Functions- 
thätigkeit, durch längere Zeit anhaltende Contraction. Uebrigens 
erwähnt Eul'enburg, dass es sich in seinen Fällen auch nicht um 
„eine eigentliche und persistirende Lähmung”, handelt, sondern 
dass in einzelnen Körperabschnitten, nach vorausgegangenem, 
meist kurzem Krampfe die Erscheinung der Lähmung der Be¬ 
wegungshemmung, hervortritt.” In meinem Falle zeigen also die 
verschiedene Bilder zusammensetzenden Symptomgruppen fol¬ 
gendes Gemeinsame: Beide sind hervorgerufen durch voraus¬ 
gegangene Bewegungen in der willkürlichen Musculatur, beide 
bestehen in einer tonischen Starre, in Steifheit der Muskeln; 
verschieden sind jedoch diese beiden Krankheitsbilder durch die 
Dauer ihres Anhaltens; in dem einen Falle Verschwinden der 
Starre nach wenigen Secunden, im anderen erst nach Stunden. 
In sämmtlichen die Myotonia congenita behandelnden Publicationen 
wird angeführt, dass die Kälte auf das Zustandekommen des 
myotonischen Zustandes fördernd einwirkt, und dass unter dem 
Einflüsse der Kälte dieser Zustand gesteigert erscheint, oder 
mit anderen Worten, dass unter Einwirkung der Kälte die myo¬ 
tonischen Zustände leichter und stärker auftreten. Und stelle 
ich mir diese Einwirkung graduell noch gesteigert vor, so komme 
ich zu dem Bilde, das mein Fall darbietet: „An den der Kälte 
nicht direct exponirten Stellen leichteres Eintreten und ver¬ 
stärkte Erscheinung des myotonischen Zustandes, an den der 
Kälte exponirten Partieen stundenlang anhaltende Starre, oder 
wenn ich Eulenburg’s Ausdruck gebrauchen darf, „Klammheit”, 
ausgelöst durch die geringsten Bewegungen in den der Kälte 
ausgesetzten willkürlichen Muskelpartieen. 

So erscheint der in meinem Falle das Bild der Paramyotonie 
zusammensetzende Symptomencomplex nur als eine graduelle und 
temporäre Steigerung (des myotonischen Zustandes, die unter 
einem bestimmten äusseren Einflüsse — der Kälte — in den der¬ 
selben am meisten ausgesetzten willkürlichen Muskeln auftritt 
Der Hauptunterschied gegenüber den von Eulenburg veröffent- 


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102 


Dr. Hlawaezek. 


lichten Fällen von Paramyotonie liegt darin, dass sich bei Eulen- 
burg’s Fällen vollständiges Fehlen der Nachdauer der faradischen 
und galvanischen Muskelzuckungen, der erhöhten mechanischen 
Muskelerregbarkeit, der Bildung idiomusculärer Wülste, Herab¬ 
setzung der faradischen Muskelerregbarkeit findet, während mein 
Fall die Erb’sche myotonische Reaction aufweist. Es sei mir 
gestattet, auch hier auf die Arbeit von Martius-Hausemann 
(„Ein Fall von Myotonia congenita intermittens,” Virchov’s 
Archiv, Band CXVII) hinzuweisen, da die in derselben erwähnten 
Symptome Aehnliches darbieten, wie Eulenburg’s Paramyotonien 
und in einigen Punkten mit den an meinem Patienten auftreten¬ 
den Erscheinungen Gemeinsames zeigen. Aber hier finden wir 
ein Verschwinden der myotonischen Reaction zugleich mit dem 
Verschwinden des myotonischen Zustandes. Hier will ich noch, 
bevor ich weiter gehe, auf die Arbeit von Dr. A. Friis in Kopen¬ 
hagen: „Zur Kenntniss der Thomsen’schen Krankheit” verweisen, 
der als den dritten Fall in seiner Publication ein einjähriges 
Kind vorstellt, an dem sich „Muskelhypertrophie und Myotonie 
als in der That von Geburt ab bestehend” nachweisen lassen, 
während jedoch die myotonischen Reactionserscheinungen fehlen. 
Ich habe absichtlich diese Fälle zusammen erwähnt, um jetzt 
einen Schritt weiter zu thun. Martius sagt, dass in seinem Falle 
mit dem Verschwinden des myotonischen Zustandes auch die 
myotonische Reaction erlischt. Offenbar ist es also der myotoni¬ 
sche Zustand, der diese abnormalen Reactionserscheinungen aus¬ 
gelöst. Denn man muss wohl hier annehmen, dass zum Zustande¬ 
kommen von Reactionen, die vom normalen Verhalten abweichen, 
vorerst ein abnormaler Zustand eingetreten sein muss, dessen 
Ausfluss eben die vom normalen differirenden Reactionserscheinun¬ 
gen sind. Dieser Zustand kommt unter bestimmten Verhältnissen — 
kalte Jahreszeit — zu Stande, und so lange er anhält, äussert 
sich seine Abnormalität durch das vom normalen Verhalten ab¬ 
weichende Reagieren auf mechanische elektrische Reize; der Zu¬ 
stand selbst erscheint in der Form der anhaltenden tonischen 
Starre. So das Verhalten beim Falle Martius: Auftreten des 
krankhaften Zustandes, in Folge davon veränderte Reaction, 
Verschwinden des Zustandes, Aufhören der Reaction, Rückkehr 
zur völligen Norm. Im Falle Friis finden wir Vorhandensein des 
myotonischen Zustandes, die tonische Starre, jedoch vollständiges 


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Ein Fall von Myotonia congenita combinirt mit Paramyotonie. 103 


Fehlen der myotonischen Reaction. Der Fall betrifft, wie er¬ 
wähnt, ein einjähriges Kind und Verfasser zieht hier den Schluss, 
dass der myotonische Zustand das primäre, die myotonische 
Reaction das secundäre Symptom sei, das eine gewisse Zeit zu 
ihrer Entwickelung fordere. Bei Eulenburg finden wir para- 
myotonischen Zustand, Fehlen der myotonischen Reaction notirt. 
Mein Fall weist den myotonischen und paramyotonischen Zu¬ 
stand bei Vorhandensein der typischen myotonischen Reaction 
auf. Sehen wir uns nun Fälle von reiner Myotonia congenita 
mit voll ausgeprägtem Symptomenbilde an, so finden wir Ab¬ 
stufungen in dem Auftreten der myotonischen Reaction, graduelle, 
die sich auf die Nachdauer sowohl auf mechanische als elektrische 
Reize hin beziehen, graduelle, betreffend die Stärke des Reizes, der 
zur Auslösung der Reactionserscheinungen nöthig ist, essentielle, 
indem in dem einen oder anderen Falle eine oder die andere 
Reactionserscheinung fehlt. Anschliessend daran, will ich nun 
versuchen, den Nachweis zu erbringen, dass sich die hier different 
erscheinenden Zustände, different sowohl durch die Art ihres 
Auftretens, als auch durch die Reactionsweise in eine zusammen¬ 
hängende Reihe bringen lassen, in der das Gemeinsame der patho¬ 
logische Zustand, das Differente das stärkere oder schwächere 
Auftreten, respective das Fehlen der Reactionserscheinungen ist. 
Auf einen gewissen Reiz hin tritt der pathognomonische Zustand 
ein; dieser Zustand ist das Resultat von Veränderungen im Ver¬ 
halten des Muskels, über deren Natur wir noch nichts Sicheres 
wissen; nehmen wir nun an, die gesetzten Veränderungen wären 
nicht tiefgreifend, so dass sie sich nicht durch ein von der Norm 
abweichendes Reagiren auf mechanische und elektrische Reize 
hin manifestiren. Das Fehlen der Reaction im Falle Friis mag 
vielleicht seinen Grund darin haben, dass es einer Vertiefung 
der beim myotonischen Zustand eintretenden Veränderungen 
bedarf, bevor die Reaction auftritt. Beim Kinde ist einmal die 
Zahl der myotonischen Anfälle wegen des kurzen Zeitraumes, 
innerhalb welchem sie auftreten konnten, eine geringere, ihre 
Zahl dürfte wohl auch aus dem Grunde geringer anzuschlagen 
sein, da ja schon die Art der Kleidung der Kinder — Windeln, 
Faschen — denselben eine geringe Beweglichkeit gestattet, und so¬ 
mit der auslösende Reiz, die Bewegung wegfällt; zieht man noch 
das lange Schlafen der Kinder in Betracht, während welcher 


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Dr. Hlawaczek. 


Zeit auch der myotonische Zustaud nicht hervorgerufen wird, 
so kann man ganz gut annehmen, dass bei den wenigen myo- 
tonischen Anfällen nicht so tiefgreifende Veränderungen in der 
Musculatur gesetzt wurden, dass dieselben sich durch die myo- 
tonischen Reactionen äussern mussten. Bei durch längere Zeit 
hindurch auftretenden myotonischen Zuständen kann sich ein Ver¬ 
halten der Musculatur gegenüber mechanischen und elektrischen 
Reizen herausbilden, das nicht das normale ist, aber auch nicht 
der myotonischen Reaction entspricht; es zeigt sich Neigung 
zu Dauerzuckungen bei galvanischer Muskelreizung, die charakte¬ 
ristische Nachdauer finden wir aber hier nicht Diese Reactions- 
weise zeigt sich bei Eulenburg’s Fällen. Weiters hin können 
die Veränderungen während des myotonischen Zustandes schon 
so vorgeschritten sein, dass wir die myotonische Reaction erhalten; 
die Veränderungen bilden sich jedoch wieder, wenn gewisse 
ursächliche Momente wegfallen, zurück, Verschwinden des 
myotonischen Zustandes und der myotonischen Reaction — Fall 
Martius. Endlich können die Veränderungen, die bereits so weit 
fortgeschritten, dass sie das Auftreten der myotonischen Reaction 
bedingen, bleibend sein — Myotonia—; sie unterliegen dann aller¬ 
dings noch immer Schwankungen, die hervorgerufen werden 
durch Einflüsse, welche im Stande sind, an und für sich das 
Verhalten des Muskels zu beeinflussen, z. B. Ermüdung des 
Muskels durch mechanische Mittel oder durch Elektricität, oder 
die begünstigend und verstärkend auf den myotonischen Zu¬ 
stand einwirken. So Hesse sich denn eine ununterbrochene Kette 
von Paramyotonien und Myotonien herstellen, die verbunden sind 
durch den charakteristischen pathologischen Zustand, die ver¬ 
schieden sind, durch die Umstände, unter welchen sie auftreten, 
durch ihre Verbreitung über einzelne Muskelabschnitte oder die 
ganze willkürüche Musculatur, durch die mehr weniger tief¬ 
greifenden Veränderungen im Verhalten der Muskeln gegenüber 
mechanischen und elektrischen Reizen, Verschiedenheiten, die 
sich endHch auch wieder als nur graduelle erweisen lassen. Wie 
es nun kommt, dass in einem Falle eine kleine Bewegung in der 
willkürlichen Musculatur genügt, um den myotonischen Zustand 
herbeizuführen, in einem anderen Falle Kälte, die an und für 
sich begünstigend auf den Eintritt des myotonischen Zustandes 
wirkt, die conditio ist, ohne welche selbst bei starken und stärksten 


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Ein Fall von Myotonia congenita combinirt mit Paramyotonie. 105 


Bewegungen die Myotonie nicht auftritt, warum in einem Falle 
der vollständige Symptomcomplex der myotonischen Reaction 
angefangen von der Nachdauer auf mechanische Reize bis zum 
Eintritte der Erb’schen wellenförmigen Contractionen sich zeigt, 
während er im anderen Falle rudimentär vorhanden ist oder 
selbst gänzlich fehlt, ist vorläufig, so lange wir nichts Sicheres 
über das Wesen der Myotonie wissen, in Dunkel gehüllt. 

Sowie sich ein gewisser Zusammenhang von der schwächsten 
Form der Krankheit bis zum vollausgebildeten Krankheitsbilde 
hersteilen lässt, so kann man jedoch auch in das Gebiet der 
Physiologie hinübergreifend Zustände finden, die in manchem an 
die Myotonie erinnern. Gerade diese Zustände will ich nun noch 
in Kürze vorführen, und das, was sie mit unserem Krankheits¬ 
bilde ähnliches darbieten, erwähnen, indem vielleicht diese 
nicht der Pathologie anghörigen Zustände gewisser- 
massen als physiologische Andeutungen der patholo¬ 
gischen Myotonia erscheinen. Thatsache ist, dass es viele 
völlig gesunde Menschen gibt, die des öfteren an Wadenkrämpfen 
leiden. Thatsache ist, dass ein den Eintritt von Wadenkrämpfen 
begünstigendes Moment Ueberanstrengung ist. Was ist der 
Wadenkrampf anderes, als tonische Contraction der Waden- 
musculatur hervorgerufen durch eine Bewegung in diesen Muskeln. 
Ich habe jedoch an mir selbst, der ich in keiner Weise an derartigen 
tonischen Krampfzuständen leide, die Wahrnehmung gemacht, 
dass ich im Stande bin, zeitweise einen derartigen Krampf aus¬ 
zulösen, wenn ich die Wadenmusculatur, nachdem der Fuss 
bereits ad maximum plantar flectirt ist, noch weiter contrahire, 
so dass die betreffenden Muskeln, die keine Locomotion des von 
ihnen regiertenKörpertheiles mehr hervorbringen können, gewisser- 
massen über ihre physiologische Function hinausarbeiten. Einen 
gleichen Zustand konnte ich hervorrufen, wenn ich das Kinn 
der Brust ad maximum genähert hatte, und nun die Sternocleido- 
mastodei und die Kinnzungenbeinmusculatur noch weiter sich 
contrahiren liess. Ich konnte dann deutlich die tonische Starre 
der Musculatur, sowie das langsame Aufhören des Contractions- 
zustandes fühlen. 

Ein gleiches Verhalten zeigt sich öfters, wenn man den 
Kopf, der bereits bis zu der Grenze seiner seitlichen Dreh¬ 
bewegungsfähigkeit gewendet ist, noch weiter drehen will, in 


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Dr. Hlawaczek. 


Krampfzuständen des Sternocleidomastoideus der betreffenden 
Seite. Wir sehen dies beim normalen Menschen auftreten, bei 
einigen öfter und leichter, bei anderen seltener, andererseits 
wieder bei demselben Menschen leichter unter bestimmten Um¬ 
ständen, wir finden Prädilectionsstellen in der willkürlichen 
Musculatur. Wir sehen, auch bei den krankhaften Zuständen, 
den Myotonien synonime Schwankungen. In meinem Falle konnte 
ich ganz deutlich beobachten, dass auf rasche, kräftige Bewe¬ 
gungen hin die Starre eintrat, während sie ausblieb, wenn die 
gleiche Bewegung langsam, successive ausgeführt wurde. Mög¬ 
licherweise hat dies seinen Grund darin, dass bei einer rasch 
und kräftig auszuführenden Bewegung ein vielleicht stärkerer 
Willensimpuls, als zur Ausführung der Bewegung nöthig, vom 
Centrum entsendet wird, der, nachdem bereits die Bewegung aus¬ 
geführt, noch eine weitere Contraction im Muskel hervorruft, 
entsprechend dem Vorgänge der beim normalen Menschen, wie 
oben erwähnt, im Stande ist, die Starre herbeizuführen. Wir 
sehen aber dieses Verhalten nicht immer gleich. Gerade in meinem 
Falle finde ich von dem Patienten, der sich ziemlich genau beob¬ 
achtet, direct erwähnt, dass bei warmer Temperatur der myo- 
tonische Zustand im Biceps erst ausgelöst wird, wenn der Kranke 
den Biceps, nachdem er den Vorderarm bereits ad maximum 
dem Oberarme genähert, noch weiter contrahirt; der Muskel 
ist in diesem Falle nicht mehr im Stande, eine Locomotion 
hervorzurufen, die noch vorhandene Kraft wirkt nur mehr 
auf den Muskel selbst ein. Ich sehe aber andererseits, wenn 
Ueberanstrengung vorhergegangen ist, wenn Kälte einwirkt, 
die tonische Starre auftreten bei Muskelbewegungen, die noch 
lange nicht das Maximum der Contraction hervorgerufen haben, 
welches sie sonst bei Nichtvorhandensein dieser äusserlichen 
Umstände in das Leben rufen konnten, ohne dass der myotonische 
Zustand eintrat. Die geringsten Zuckungen in denjenigen Muskel- 
partieen, die diesem Einflüsse am meisten ausgesetzt sind, genügen, 
um unter obgenannten Verhältnissen schon die Starre ein treten 
zu lassen. Wir finden fernere, abgesehen von diesen beein¬ 
flussenden Umständen, verschiedenes Verhalten in verschiedenen 
Muskelpartieen. Wir finden zahlreiche Fälle in der Literatur 
der Myotonie, wo sich der krankhafte Zustand nur auf bestimmte 
Muskelpartieen erstreckt, während andere davon frei sind. 


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Ein Fall von Myotonia congenita combinirt mit Paramyotonie. 107 


Interessant ist gerade in dieser Beziehung der vonMoebiusin 
Schmidt’s Jahrbüchern 1883 veröffentlichte Fall, wo bei dem Pa¬ 
tienten nach grossen AnstrengungenWadenkrämpfe auftraten. „Das 
heisst,” sagtMoebius, „wenn seine Beine ermüdet waren, konnte 
er sich ihrer nur unvollkommen bedienen, da bei jeder Bewegung 
eine mit unangenehmen Empfindungen verbundene Steifheit ein¬ 
trat.” Weiters führt er an: „Bei Uebung der Gewehrgriffe 
erstreckte sich die Steifheit, was sonst nie vorgekommen, auch 
auf die Arme.” Wir finden also hier Freisein einzelner Muskel¬ 
gruppen von der Krankheit, oder besser gesagt, in einzelnen 
Muskelgruppen eine Disposition zur Erkrankung, die unter 
gewissen begünstigenden Verhältnissen zum Eintritte der Krank¬ 
heit führt, in anderen Muskelpartieen schon ein deutliches Aus¬ 
gesprochensein der Erkrankung. Bei Zusammenbaltung all 
des Erwähnten drängte sich mir folgender Gedankengang auf: 
Jedem Muskel ist seine physiologische Leistungsart und -Fähig¬ 
keit vorgeschrieben. Seine Function besteht im Hervorrufen 
von Bewegungen, von Lagerveränderungen oder Gestaltsver- 
änderungen einzelner Körperabschnitte, respective im Verhindern 
gewisser Bewegungen und Lageveränderungen. Um dieser 
Function dienen zu können, ist er im Stande, sich soweit zu 
contrahiren, dass er die Bewegungsausführung im nöthigen Um¬ 
fangs leistet. Hat er dies gethan, hat sich die in ihm wirkende 
lebendige Kraft in Form von Bewegung geäussert, ist jedoch 
nach Vollbringung der Bewegung noch Kraft vorhanden, so setzt 
dieselbe Veränderungen im Muskel, welche Veränderungen die 
Ursache des myotonischen Zustandes, der tonischen Starre sind. 
Oder mit anderen Worten: „Jeder Muskel hat eine seiner 
physiologischen Functionsfähigkeit entsprechende Contractions- 
grenze; wird diese überschritten, so tritt eine Aenderung im 
Verhalten der Musculatur auf, es stellt sich der Tonus ein. 
Diese Contractionsgrenze ist jedoch, wie sich von selbst versteht, 
verschieden, je nach der von dem entsprechenden Muskel norma- 
liter zu leistenden Arbeit; die Contractionsgrenze für den 
ganzen Muskel setzt sich zusammen aus den Contractions- 
grenzen der einzelnen Muskelbündel, respective -Fasern, wie 
sich ja auch die Arbeit des ganzen Muskels zusammensetzt aus 
der Arbeit der einzelnen Fasern. Sie wird niederer sein bei 
Muskeln, welche geringere Arbeit zu leisten haben, sei es nun 


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Dr. Hlawaczek. 


dass sie Bewegungen hervorrufen müssen, die eine geringere 
Ausdehnung besitzen, sei es, dass sie dem Gewicht nach leichtere 
Körpertheile zu bewegen haben. Die Musculatur, welche nur 
geringere Locomotionen hervorzurufen hat, hat kürzere Fibrillen, 
die die leichteren Körperabschnitte zu bewegen hat, hat einen 
geringeren Querschnitt ihrer Fasern. Läuft nun zu einem der¬ 
artigen Muskel ein Impuls ab, der von ihm eine Leistung fordert, 
die ein stärkerer Muskel spielend ausführt, so tritt bei jenem, 
wenn diese Anforderung schon über seine Leistungsfähigkeit 
hinaus geht, Tonus ein. Gesellt sich dazu noch ein Factor, der 
überhaupt begünstigend auf das Zustandekommen von Tonus 
einwirkt, Ueberanstrengung, Kälte, so sehen wir dann in diesen 
Muskeln um so leichter und früher den Tonus eintreten. So 
liesse sich die auf unbedeutende Bewegungen hin eintretende 
tonische Starre der Gesichts-, Hals- und Handmusculatur unter 
Einfluss der Kälte erklären, vorausgesetzt, dass die zwei Factoren 
Kälte und Ermüdung herabsetzend, erniedrigend auf die vor¬ 
handene Contractionsgrenze einwirken. Gehen wir auf das Ver¬ 
halten der Contractionsgrenze beim gesunden Menschen näher 
ein. Bei vielen Menschen .tritt, wenn sie irgend einem ihrer 
Muskel eine Arbeit zumuthen, die über sein Können hinausgeht, 
oft Krampf des betreffenden Muskels ein. Ich will hier nur ein 
Beispiel anführen, das ich an mir selbst erprobt und vielfach 
beobachtet habe. Ich meine den Krampf in der Musculatur 
der Hand, vorzüglich des Daumens, der sich im Beginne des 
Fechtunterrichtes fast bei jedem Anfänger einstellt. Dadurch, 
dass er seinen Daumen möglichst stark gegen den Griff der 
Waffe drückt, dadurch, dass er diesen mit den Fingern kräftig 
umklammert, damit ihm die Waffe nicht aus der Hand fliege, 
wird in der betreffenden Musculatur ein tonischer Krampf her¬ 
vorgerufen, so dass er schliesslich die Waffe gar nicht aus 
der Hand geben kann. Einige Tage Uebung und der Tonus 
tritt nicht mehr auf. Das Individuum hat durch die Uebung 
die Leistungsfähigkeit seiner Muskeln erhöht, es stellt an die¬ 
selben keine über ihr normales Können hinausgehende 
Forderungen, sie müssen sich nicht stärker und länger andauernd 
contrahiren, als sie es normaliter vermögen; ihre Arbeitsfähig¬ 
keit ist erhöht, ihre Contractionsgrenze höher hinaufgeschoben. 
Ein ermüdeter Muskel kann bekanntlich nicht das leisten, was 


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Ein Fall von Myotonia congenita combinirt mit Paramyotonie. 109 


er sonst anstandslos vollbracht; will man ihn dazu zwingen, 
so antwortet er mit tonischem Krampf. Wer einen längeren 
Marsch hinter sich hat, und sich dann im Bette recht aus- 
strecken will, kann dieses Beginnen oft mit einem Wadenkrampf 
büssen, während sonst beim gemüthlichen Ausstrecken diese 
Unannehmlichkeit sich nicht einstellt. Die Sachlage stellt sich 
also folgendermassen dar: Erhöhte Leistungsfähigkeit des 
Muskels rückt die Contractionsgrenze höher hinaus. Ist aber 
der Muskel ermüdet, so ist bekanntlich seine Leistungsfähigkeit 
herabgesetzt, verlangt man jetzt eine ihm sonst mögliche Leistung, 
so überschreitet man sein functionelles Können, es wird noch 
der verlangte Contractionsgrad eintreten, aber derselbe liegt 
bereits über der sonst normalen Contractionsgrenze, und die 
Antwort darauf ist tonische Starre. Ermüdung verrückt also 
die Contractionsgrenze nach abwärts. Ebenso scheint es die 
Kälte zu thun. Ein Eingehen auf die Frage, ob das bei diesen 
die gleiche Wirkung bezüglich des Muskeltonus hervorrufenden 
Zuständen veränderte Verhalten der Gefässe und der die Mus¬ 
keln durchströmenden Blutmenge in ursächlichem Zusammen¬ 
hänge mit der oben erwähnten Erscheinung stehen, könnte 
vielleicht einige Klarheit in die Sache bringen. Ich erlaube 
mir hier nur auf den Stensohn ’schen Versuch zu verweisen, wonach 
durch Unterbindung der Muskelarterien bei Warmblütern zuerst 
durch einige Minuten gesteigerte Erregbarkeit, dann rasche 
Abnahme derselben und schliesslich Starre eintritt. Es lässt 
sich ganz gut denken, dass der im motorischen Nerven ablaufende 
Willensimpuls, der zugleich mit dem Hervorrufen der Contraction 
auch die vasodilatatorischen Fasern reizt, dieselben schliesslich 
ermüdet, so dass ein Ueberwiegen der Vasoconstrictoren sich gel¬ 
tend macht, nnd damit eine Verminderung des Blutgehaltes, welche 
ihrerseits wieder in oben erwähnter Weise sich äussern würde. 
Eulenburg weist in seiner Publication: „Ueber eine familiäre, 
durch 6 Generationen verfolgbare Form congenitaler Paramyotonie” 
darauf hin, dass „die Ursache vielleicht eine reflectorisch her¬ 
vorgerufene temporäre, spastische Verengerung der Muskel- 
gefässe” sei. 

Kehren wir zum Schlüsse noch einmal zur typischen 
Myotonie zurück; wir sehen in einem solchem Falle Eintritt 
von Starre bei Bewegungen, die der normale, gleich stark ent- 


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Dr. Hlawaczek. 


wickelte Muskel ausführen kann, ohne dass Myotonie eintritt. 
Wir finden, dass bei Myotonischen der Muskel nicht die lebendige 
Kraft aufzubringen vermag, die er entsprechend seiner mitunter 
athletischen Entwickelung aufzubringen verspricht. Bekanntlich 
hängt die Leistungsfähigkeit des Muskels von seinem Quer¬ 
schnitt ab. Wir finden bei der mikroskopischen Untersuchung 
des myotonisch kranken Muskels viele Fasern in ihrem Quer¬ 
schnitt verbreitert Und dennoch ruft bei diesen Muskeln ein 
Willensimpuls, der am gesunden, gleich stark entwickelten 
Muskel eine bedeutende Kraftleistung auslösen würde, hier nicht 
nur eine schwächere, dem Querschnitt des Muskels nicht pro- 
portionirte Leistung hervor, sondern es tritt die tonische Starre 
ein. Der Willensimpuls scheint wie verlockt durch des Muskels 
Querschnitt an ihn eine Anforderung zu stellen, die ausserhalb 
seiner Leistungsfähigkeit liegt, der Muskel muss, dem Willens¬ 
impuls gehorchend, sich über seine Contractionsgrenze hinaus 
contrahiren, Locomotion kann er nicht mehr hervorbringen, 
wohl aber setzt die wirkende Kraft Veränderungen, deren Aus¬ 
druck die Starre ist. Was der Grund dieses Verhaltens ist, 
das dürfte wohl nur das Mikroskop aufklären. Ob wir es hier 
mit moleculären Veränderungen in den Muskelfasern, durch 
welche die Contractionsgrenze tiefer gerückt wird, zu thun 
haben, in wie weit ein verändertes Verhalten der Gefässnerven, 
wie wir es bei den den Eintritt begünstigenden Factoren, Kälte 
und Ermüdung, annehmen, in wie weit endlich ein veränderter 
Chemismus (Jolly) hier in ihrer Einzelheit oder im Zusammen¬ 
wirken in Betracht kommen, diese Frage muss vorläufig offen 
gelassen werden; nur das eine wäre vielleicht noch in Betracht 
zu ziehen, dass der über das physiologisch erreichbare Ziel 
hinausschiessende Willensimpuls ja auch auf die Vasoconstrictoren 
einwirken und so ein ähnliches Verhalten hervorrufen könnte, 
wie wir es bei Kälte und Ueberanstrengung betreffs der Gefäss¬ 
nerven sehen. 

Schliesslich führe ich noch den mikroskopischen Befund an. 

Am 15. Juni d. J. wurde von Herrn Assistenten Dr. Julius 
Schnitzler aus, dem linken Biceps ein Stück Muskel unter 
Cocainanästhesirung exstirpirt. Das Aussehen des Muskels bot 
makroskopisch nichts besonderes dar. Ein Stück der excidirten 
Partie wurde in Ueberosmiumsäure fixirt, die Hauptmasse in 


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Ein Fall von Myotonia congenita combinirt mit Pararoyotonie. 111 


Müller’scher Flüssigkeit gehärtet. Die histologische Untersuchung 
wurde von Dr. Hermann Schlesinger im Laboratorium des 
Professor Obersteiner vorgenommen. Der mir übermittelte 
Befund lautet, wie folgt: 

„Der Muskel wurde sowohl an Zupf- als auch an Schnitt¬ 
präparaten untersucht. Am Zupfpräparat (Muskelstück, welches in 
Ueberosmiumsäure fixirt war) schien es, wie wenn einzelne Fasern 
hypertrophisch wären; diese Yermuthung wurde an Schnittpräparaten 
zur Sicherheit erhärtet. Es wurden sowohl Längs- als auch Quer¬ 
schnitte, parallel und quer auf die Längsrichtung angelegt, und 
zwar sowohl an Präparaten, welche in Ueberosmiumsäure fixirt 
waren, als auch an Muskelstücken, die in Müller'scher Flüssigkeit 
gehärtet und nach mehrtägiger Entwässerung in Alkohol fixirt 
wurden. Die letzteren Präparate wurden mit Eosin- und Alaun- 
hämatoxylin gefärbt. Das ßesultat der auf verschiedene Weise ge¬ 
wonnenen Präparate stimmt untereinander gut überein. Vor allem 
fallt bei der Betrachtung der Schnitte, und zwar sowohl der Längs¬ 
ais auch der Querschnitte die bedeutende Differenz in der Dicke 
der Fasern auf. Die meisten Fasern differiren allerdings im Kaliber 
nicht wesentlich, jedoch gibt es stets in mehreren Gesichtsfeldern 
wenigstens eine grosse Menge schmaler Fasern und sieht man 
relativ häufig auffallend dicke Muskelfasern. Die Messung ergibt, 
dass die dicksten Fasern um mehr als das sechsfache die schmälsten 
an Dicke übertreffen. Die hypertrophischen Muskelfasern sehen dick 
und plump aus, sind aber überall gleich breit. Es wurden 221 Muskel¬ 
fasern mittelst des Ocularmikrometers gemessen, und es ergab sich 
folgender Befund: 


Faserndicke j 

Zahl der ge¬ 
messenen Fa¬ 
sern 

bis 0*05 Dicke. 

28 

von 0 05—0 075 . 1 

50 

von 0-075-01 %,. 

64 

von 0*10—1*125 . 

43 

über 0*125 . 

36 

darunter über 0*150 *)U .... 

5 

die grösste 0*18 .j 

1 

i 

Summe • . . 

1 

221 


Man sieht an einzelnen Stellen auffällig gehäuft dünne Fasern. 
Es scheint eine leichte Kernvermehrung in den Muskelfasern statt- 


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Dr. Hlawaczek. 


gefunden zu haben im Vergleich mit normalen Muskelfasern. Die 
Kernverraehrung betrifft anscheinend in höherem Masse die hyper¬ 
trophischen Fasern als die von normalem Kaliber. Die Querstreifung 
ist an vielen Fasern undeutlich, wie verwischt, und zwar betrifft 
dieses Verhalten die hypertrophischen Fasern. In manchen Fasern 
sieht man die Kerne in zwei bis vier Reihen, in „Zeilen” angeordnet 
Das interstitielle Gewebe ist vielleicht etwas vermehrt, und weist 
stellenweise eine ganz geringe Kernwucherung auf. Jedoch sind 
diese interstitiellen Veränderungen nirgends hochgradig. Mit den 
Gewissen hat diese interstitielle Kernvermehrung nichts zu tbun. 
Zwischen den einzelnen Muskelbündeln sieht man allerdings stärkere 
Anhäufung von Bindegewebe, aber man sieht auch nicht die Spur 
von Fettentwickelung in demselben. Die Gefösse selbst sind von 
normalem Kaliber, ihre Wandungen normal. Als Abweichung von 
der Norm ist also zu bezeichnen: „Das Auftreten einer grösseren 
Zahl hypertrophischer Fasern, von denen mehrere eine sehr be¬ 
deutende Dicke erreichen. Die ganz geringe Vermehrung des inter¬ 
stitiellen Bindegewebes, die Vermehrung der Muskelkerne, die auf¬ 
fällig geringe Entwickelung des intermusculären Fettgewebes. 

Auf Längsschnitten sieht man an den Muskelfasern, besonders 
an den hypertrophischen, eine eigenthümliche Streifung, welche in 
Form von breiten Bändern die ganze Breite der Muskelfasern ein¬ 
nimmt, die mitunter sich auch spalten, so dass zwei, drei Streifen 
miteinander Zusammenhängen. An manchen Stellen erweckt diese 
Streifung den Anschein, wie wenn die Muskelfasern in Querscheiben 
zerfallen wollten. Man sieht an mehreren Stellen zwischen zwei 
Muskelfasern Gebilde, welche nach ihrer Structur und der Lage 
wohl kaum als etwas anderes als derart zerfallene Muskelfasern auf- 
gefasst werden können. Mehrere hypertrophische Muskelfasern zeigen 
Andeutung von Spaltbildung in der Längsrichtung. Auf den Quer¬ 
schnitten sieht man an den Muskelfasern, wieder besonders an den 
hypertrophischen, eine sehr feine Streifung, welche bei näherer 
Betrachtung sich als eine Spaltbildung herausstellt. Zumeist ist der 
ganze Querschnitt einer Muskelfaser von solchen parallel zu einander 
verlaufenden Spalten durchzogen. Diese Querstreifung kann wohl 
nicht als Kunstproduct aufgefasst werden, da sie sich hauptsächlich 
in jenen Fasern vorfindet, Welche auf dem Längsschnitte schon das 
eigenthümliche Verhalten gezeigt haben und eine Ueberhärtung der 
Muskelfasern oder eine postmortale Veränderung ausgeschlossen 
erscheint. 

Weiters spricht dagegen, dass man das Verhalten als Kunst¬ 
product ansehen kann, der Umstand, dass sich dasselbe in 
gleicher Weise an den in Ueberosmiumsäure fixirten, als auch an 
den in Müller’scher Flüssigkeit gehärteten Präparaten vorfindet. 
Ferner findet man unmittelbar neben den veränderten Fasern solche, 
welche vollständig normale Querschnitte aufweisen. Es ist auch un¬ 
möglich, dass durch die Messerführung diese Spaltbildung entstanden 


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Ein Fall von Myotonia congenita corabinirt mit Paramyotonie. 113 

ist, nachdem andere Muskelstücke, welche unmittelbar nachher ge¬ 
schnitten wurden, auf dem Querschnitte nicht analoge Bilder auf¬ 
weisen. 

Am Schlüsse erlaube ich mir, Herrn Professor von Schrötter 
für die gfltige Zuweisung des Falles, sowie Herrn Dr. Hermann 
Schlesinger für den übermittelten histologischen Befund und die 
liebenswürdige Unterstützung und Förderung dieser Arbeit meinen 
besten Dank auszusprechen. 


Jahrbflcher f. Psychiatrie n. Nerrenh. XIV. Bd. 


8 


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Ueber die Beziehungen zwischen Melancholie und Ver¬ 
rücktheit. 

Eine psychiatrische Studie von 
Dr. Heinrich Schl das 

ordinirender Arzt der Landesirrenanstalt zu Kierling-Gugging in Niederösterreich. 

Die nahe Verwandtschaft zwischen Melancholie und Ver¬ 
rücktheit ist der Beachtung der Psychiater nicht entgangen. So 
bemerkt Meynert: •) „Die Paranoia, der partielle Wahnsinn, 
wird als Verfolgungswahn mit Melancholie verwechselt.” Mey¬ 
nert betont den differenten Bildungsmechanismus in beiden 
Psychosen und nebst anderen differential-diagnostischen Merk¬ 
malen die secundären affectiven Störungen bei der Verrücktheit, 
v. Krafft-Ebing 2 ) macht auf die Schwierigkeit der Differential¬ 
diagnose zwischen (hallucinatorischem) Wahnsinn und Melan¬ 
cholie aufmerksam, da die angstvolle Reaction auf schreckhafte 
Delirien und Sinnestäuschungen im Verlaufe des ersteren leicht 
für letztere genommen werde. Kräpelin 3 ) betont, dass es vom 
depressiven Wahnsinn zur Melancholie Uebergänge gebe, dass 
beide nahe verwandt seien und sich auch unter ähnlichen Ver¬ 
hältnissen entwickeln. Der depressive Wahnsinn sei neben der 
Melancholie die typische Pyschose des Klimacteriums. Fritsch 4 ) 
verweist auf die nahen Beziehungen zwischen Melancholie und 
Verrücktheit mit depressiver Stimmung und weist auf beider 


') Meynert. Klinische Vorlesungen über Psychiatrie, Wien 1890. 

2 ) v. Krafft-Ebing. Lehrbuch der Psychiatrie. 1888. 

3 ) Kräpelin. Psychiatrie. 1893. 

4 ) Fritsch. „Zur Differentialdiagnose der Melancholie", Jahrb f.Psyoh.1879. 


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Ueber die Beziehungen zwischen Melancholie und Verrücktheit. 115 


Entwickelung „als den Angelpunkt für das richtige Verständ- 
niss” hin. 

Es ist mithin die Frage nicht ungerechtfertigt, ob die 
Melancholie der Verrücktheit gegenüber als eine scharf begrenzte, 
durch bestimmte Kriterien differenzirte Krankheitsform aufgefasst 
werden darf. Der folgenden Skizze der Symptomenreihe der 
Melancholie soll keineswegs der Zweck zukommen, eine er¬ 
schöpfende Schilderung der eben genannten Psychose zu geben, 
sie soll nur zu späteren vergleichenden Betrachtungen durch 
die Anführung der constanten und markantesten psychischen 
Merkmale der Melancholie eine Grundlage bieten. 

Als das erste differential-diagnostische Symptom der 
Melancholie gilt die primäre Depression, welche durch den 
ganzen Verlauf der Krankheit anhält, sich im Gesichtsausdruck, 
in der Haltung, im ganzen Gebaren des Kranken ausprägt, 
durch jeden neuen Eindruck gesteigert wird. In einzelnen 
Fällen wird das Krankeitsbild der Melancholie durch ein in der 
Regel anfallsweise auftretendes Gefühl der Angst modificirt. 
Unruhe, Schlaflosigkeit, peinliche Sensationen begleiten die 
Angst. Die organischen Begleitsymptome der Melancholie pflegen 
in diesen Fällen deutlicher hervorzutreten; ihre Intensität folgt 
übrigens gewöhnlich den Schwankungen des Angstgefühles. 
Ein wichtiges, wenn auch der Melancholie nicht ausschliesslich 
zukommendes Merkmal ist die Hemmung des Vorstellungsablaufes. 
Vielleicht hängt das Sympton der motorischen Hemmung mit 
der Associationshemmung zusammen, indem in Folge letzterer 
die Anregung zu Bewegungen nicht oder nur mit verminderter 
Intensität erfolgt. Möglicherweise aber ist die Leitung von den 
psychischen Centren zu den motorischen erschwert. In einzelnen 
Fällen von Melancholie fehlt die motorische Hemmung und der 
Kranke zeigt eine ängstliche Unruhe. Plötzliches, triebartiges 
und zu blinden Gewaltthaten führendes Durchbrechen der inneren 
Spannung kommt zuweilen vor. Den primären Affectänderungen 
sollen die Wahnvorstellungen des Melancholikers entstammen, 
sie sollen als Erklärungsversuche seiner Leiden enstehen. 
Diese Wahnvorstellungen beziehen sich auf die eigene Sünd¬ 
haftigkeit, sind Selbstvorwürfe und der Ausdruck von Befürch¬ 
tungen, von Unterschätzung der eigenen Persönlichkeit und 
Ueberschätzung der Aussenwelt. Ueber den engen Kreis solcher 

8 * 


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llö 


Dr. Heinrich Schloss. 


Vorstellungen pflegt der Melancholiker nicht hinauszukommen, 
es ist in seinem Bewusstsein gleichsam nur für den schmerzlichen 
Inhalt seiner peinlichen Gedanken Platz. Aber aus diesen Wahn¬ 
vorstellungen entstehen auf dem Wege der Deduction zuweilen 
weitere Wahnideen, die an den Verfolgungswahn der Paranoiker 
erinnern. Ueberhaupt bringt der Melancholiker seine Wahn¬ 
ideen in wechselseitige Beziehung zu einander und verwerthet 
sie zu Schlüssen. Hallucinationen werden von den meisten 
Autoren der Melancholie zugesprochen, indem sie annehmen, 
dass es Fälle von Melancholie mit Hallucinationen gebe. Letztere 
entsprechen inhaltlich der Stimmung. Illusionen führen zur 
Missdeutung unbedeutender Vorgänge. Während des Verlaufes 
der Melancholie, die sich auf Monate, selbst auf Jahre erstrecken 
kann, führt die wechselnde Intensität der Symptome zu Schwan¬ 
kungen zum Besseren und zum Schlechteren. Die Krankheit 
geht ihrem Ende entgegen unter Zunahme des Körpergewichtes 
und allmählichem Wachsen der Remissionen. 

In ungünstigen Fällen blassen die Symptome ab. ohne 
völlig zu verlöschen. Ein möglicher terminaler Zustand ist die 
Verwirrtheit. 

Die Beziehungen zwischen Melancholie und Verrücktheit 
sind vor allem dadurch gegeben, dass Wahnideen und Sinnes¬ 
täuschungen, die wesentlichsten Symptome der Verrücktheit, im 
Symptomencomplez der Melancholie ebenso Platz finden können, 
wie die Hemmung des Vorstellungsablaufes und die der Melan¬ 
cholie eigenen affectiven Störungen in dem der Verrücktheit. 
Dass es Fälle von chronischer Verrücktheit gibt, welche eines- 
theils Systematisirung und Fixirung von Wahnideen, anderen¬ 
teils in Abhängigkeit von diesen und durch den ganzen 
Verlauf der Psychose andauernd die der Melancholie eigen¬ 
tümlichen Anomalien im Bereiche der Gefühls- und Willens¬ 
sphäre beobachten lassen, habe ich in einer früheren Arbeit 
(Jahrbücher für Psych. 1889) an der Hand einschlägiger 
Krankengeschichten gezeigt und für diese Fälle die schon früher 
von Witkowski eingeführte Bezeichnung „melancholische Ver¬ 
rücktheit” acceptirt. Schüle 1 ) stellt eine melancholische Form 
des (chronischen) Verfolgungswahnes auf, die durch eine reactive 


i) Schüle. Klinische Psychiatrie, Leipzig 1886. 


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Ueber die Beziehungen zwischen Melancholie und Verrücktheit. 117 

melancholische Verstimmung, „die dem Wahnsinn ein ausge¬ 
sprochen depressives Gepräge gibt”, charakteristisch ist. 

Man hat mit der Verrücktheit in Folge der Gleichartigkeit 
der wesentlichsten Symptome, Sinnestäuschungen und Wahnideen, 
unter einen Gattungsbegriff Formen psychischer Störung ver¬ 
einigt, die durch die rasche Verarbeitung von Wahnideen und 
Hallucinationen zu einem Ganzen und durch das Vortreten leb¬ 
hafter Affecte im Zusammenhang mit ersteren gekennzeichnet 
sind. Sie werden als acute hallucinatorische Verrücktheit, nach 
Westphal, Meynert, v. Krafft-Ebing als hallucinatorischer 
Wahnsinn bezeichnet. Der rasche, unter unregelmässigen 
Schwankungen einhergehende Verlauf und die günstigere Pro¬ 
gnose heben diese Formen von der chronischen Verrücktheit 
deutlich ab. 

Dass die Fälle acuter hallucinatorischer Verrücktheit mit 
depressiver Affectänderung der Melancholie nahestehen müssen, 
liegt von vornherein auf der Hand. Die sogenannte Melancholia 
hallucinatoria vermittelt gewissermassen einen Uebergang von 
der einfachen Melancholie zu den eben bezeichneten Formen 
acuter Verrücktheit Die schon anfänglich vorhandene Prä- 
ponderanz der Wahnideen und die Abhängigkeit der damit 
zusammenhängenden Gefühle und Empfindungen von ersteren 
werden in differential-diagnostischer Hinsicht zur Unterscheidung 
der depressiven Formen acuter Verrücktheit von der Melancholie 
geltend gemacht. 

Man fasst, sicherlich mehr unter dem Einflüsse der Nach¬ 
ahmung einer allmählich allgemein acceptirten theoretischen Er¬ 
wägung, als aus Gründen, die auf praktischer Erfahrung fussen, 
die Wahnvorstellungen der Melancholiker als Erklärungsver¬ 
suche vorausgehender Unlustgefühle auf, indem man von der 
Annahme ausgeht, dass der gegenwärtige und frühere Vor¬ 
stellungsinhalt des Bewusstseins mit der augenblicklichen Ano¬ 
malie des Fühlens in Einklang gebracht werde. Unter dem 
Einflüsse des Gefühles gewinnen die eigenen Gedanken und 
Handlungen den 8chein der Schlechtigkeit und Sündhaftigkeit 
und bieten Stoff zu Selbstanklagen, Vorwürfen und Befürchtungen. 
So weit die allgemeine Anschauung über den Zusammenhang 
der Symptome der Melancholie, und insofern wird ein funda¬ 
mentaler Unterschied zwischen ihr und der Verrücktheit darin 


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118 


Dr. Heinrich Schloss. 


gefunden, dass im Verlaufe der Melancholie den primären Affect- 
störungen die Wahnvorstellungen entstammen, zu welchen 
Sinnestäuschungen als complicirendes Moment hinzutreten können, 
während im Verlaufe der letzteren die Wahnvorstellungen und 
Sinnestäuschungen den Affect beherrschen. Sicher ist nur, dass 
die Wahnvorstellungen der Melancholiker inhaltlich der Stimmung 
entsprechend gestaltet sind, zweifelhaft aber ist es, ob sie in 
den affectiven Störungen wurzeln. Kräpelin 1 ) hält dafür, dass 
der bei der Melancholie zu beobachtende Symptomencomplex 
„Verstimmung, Versündigungswahn, Energielosigkeit” einen und 
denselben elementaren Krankheitszustand auf den einzelnen 
Gebieten des Seelenlebens zum Ausdruck bringe, weil derselben 
Verbindung der Symptome im Verlaufe der verschiedenartigsten 
Psychosen begegnet werde. Der blosse Nachweis obiger Sym¬ 
ptome berechtigt daher zur Diagnose Melancholie nicht. Die der 
Entwickelung von Psychosen häufig kürzer oder länger vorher¬ 
gehenden Verstimmungen, die melancholischen Zustandsbilder 
im Verlaufe der progressiven Paralyse, die melancholischen 
Stadien der intermittirenden Psychosen, die melancholischen 
Phasen im Verlaufe maniakalischer Erregung, die traurige Ver¬ 
stimmung nach epileptischen Krampfanfällen und bei acuter 
Alkoholintoxication, die melancholischen Hemmungszustände 
des menstrualen Irreseins, endlich die depressiven Formen der 
Verrücktheit lassen die zahlreichen Beziehungen der Melancholie 
erkennen. 

In der vorliegenden Arbeit sind nur die letztangeführten 
Gegenstand der Betrachtung. Das allgemein angenommene 
Abhängigkeitsverhältniss der Wahnvorstellungen im Verlaufe der 
Melancholie von primären Affectstörungen ist auch in Fällen 
von Paranoia zuweilen constatirbar, daher nicht ein der Melan¬ 
cholie ausschliesslich zukommendes Symptom, es ist aber auch 
nicht ein der Melancholie regelmässig zukommendes Merkmal. 

Jene Paranoiker, deren Psychose durch ein Gefühl unbe¬ 
stimmter Angst und innerer Entfremdung eingeleitet wird, welches 
zu Erklärungsversuchen und so zur Bildung von Wahnideen führt, 
die dann weiterhin eine Quelle neuer Verstimmung werden 
können, bieten denselben psychologischen Vorgang der Ent- 


') 1. c. 


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Ueber die Beziehungen zwischen Melancholie und Verrücktheit. 119 

Stellung von Wahnideen, wie er bei der Melancholie angenommen 
wird. 1 ) Es lässt ferner das zuweilen zu beobachtende Ab weichen der 
Symptome der Melancholie von ihrer gewöhnlichen Anfeinander¬ 
folge 3 ) den oben besprochenen Zusammenhang dieser Symptome 
im Allgemeinen unrichtig erscheinen. 

Die Verarbeitung der Wahnideen zu einem Ganzen spricht 
nicht unbedigt für Verrücktheit. Kräpelin (1. c.) bemerkt bezüglich 
der Wahnvorstellungen der Melancholiker, sie „werden von dem 
Kranken bis zu einem gewissen Grade logisch verarbeitet. Er 
bringt sie miteinander in Beziehung, zieht Schlüsse aus ihnen, 
entwickelt sie zusammenhängend, ohne Verwirrtheit und ohne 
grobe Widersprüche.” Kirchhoff (1. c.) schreibt: „Meistens all¬ 
mählich, zuweilen wie mit einem Schlage, wird ans diesen allge¬ 
meinen Befürchtungen und Selbstvorwürfen eine besondere Vor¬ 
stellung zum Ausgangspunkte neuer melancholischer Klagen. 
Nicht ohne Sorge wird der Arzt dieser Veränderung zuschauen, 
die mindestens keine baldige Genesung erwarten lässt; auch 
werden ihm zuweilen Zweifel über die Richtigkeit seiner Auf¬ 
fassung der Krankheit kommen, denn der Verfolgungswahn 
Verrückter hat viel Aehnlichkeit mit diesen Zuständen.” 

Man hat in solchen Fällen den Verlauf und auch das für 
Verrücktheit sprechende eventuelle Vorhandensein von Vor¬ 
stellungen anderer als depressiver Wahncharaktere, namentlich 
das Auftreten von Grössendelirien, zur Sicherung der Differential¬ 
diagnose zwischen Melancholie und Verrücktheit herangezogen. 
Jedoch auch im Verlaufe einzelner Fälle von Melancholie stellt 
sich Wechsel der Stimmung, ja selbst bis zum Uebermuth ge¬ 
steigerte Heiterkeit ein, und dem vorübergehend veränderten 
Affect entsprechend, erscheinen Vorstellungen expansiven Cha¬ 
rakters. 

Im September 1893 kam in hiesige Anstalt eine 42jährige, 
ledige Person zur Aufnahme. Der Vater der Patientin hatte 
gern getrunken und war an Apoplexie gestorben. Die Mutter 
war eine exaltirte Person gewesen, hatte an hysterischen An¬ 
fällen gelitten und soll an einer Nervenkrankheit gestorben sein, 


’) Ein Beispiel eines solchen Falles findet sich in meiner oben citirten 
Arbeit angeführt. 

*) Siehe diesbezüglich: Kirchhoff. Lehrbnch der Psych., S. 292. 


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120 


Dr. Heinrich Schloss. 


öber deren nähere Natur sich nichts erheben liess. Ein Bruder 
der Patientin war trunksüchtig gewesen und an Apoplexie ge¬ 
storben, zwei Schwestern waren bis zur Zeit der Aufnahme der 
Patientin gesund. Patientin hatte in der Schule schwer gelernt, 
war von Jugend auf kränklich, trübsinnig, leicht verstimmt, reiz¬ 
bar und menschenscheu gewesen. Es war ihrer Umgebung immer 
schwer gefallen, mit ihr auszukommen. Im April 1893 wurde 
Patientin an der gynäkologischen Klinik des Professors Schauta 
in Wien laparotomirt (Myomectomie?). Sie soll schon vor der 
Operation, als sie zum Zwecke derselben in Wien weilte, einen 
äusserst confusen Brief nach Hause geschrieben haben, so dass 
ihr ihre Schwester den Rath gab, von der Operation abzustehen. 
Als Patientin nach derselben nach Hause zurückkehrte, klagte 
sie fortwährend über ihr „Herzleid” und ihr „Gemüth”. Erst 
allmählich entwickelten sich Wahnideen. Patientin behauptete, sie 
habe die ewige Seligkeit verloren, ihre Seele sei dem Teufel 
verfallen. Die Erregung der Kranken nahm zu, sie wurde ängst¬ 
lich und schreckhaft, war zwar vollkommen orientirt, bekundete 
aber doch einen geringen Grad von Verworrenheit. Zweimal 
machte sie Selbstmordversuche. Patientin gab gelegentlich an, 
es steige ihr ein unbekanntes Etwas, ein furchtbarer Schmerz, 
„eine Art Blutaufwallung” vom Unterleib herauf in den Kopf 
und verursache ihr hier grässliche Pein. 

Aus dem Ergebnisse der körperlichen Untersuchung gelegent¬ 
lich der Aufnahme der Patientin sei hervorgehoben: Am Ab¬ 
domen eine vom Nabel bis zum oberen Rande der Symphyse 
reichende Narbe. Hymen erhalten. Vagina enge, Portio vaginalis 
Uteri ungemein hochstehend, gegen die Bauchwand herauf¬ 
gezogen. Vom corpus uteri nichts nachweisbar. — Prompte Re- 
action der gleichweiten Pupillen. — Körpergewicht 37*5 Kilo¬ 
gramm. 

Bei der Aufnahme war Patientin unruhig, erregt, äusserte 
in Mienen und Geberden grösste Angst. Sie glaubte Feuer 
zu riechen, lebendig verbrannt zu werden, bat flehentlich um 
ihr Leben, warf sich dem Arzt zu Füssen u. dgl. Jeder Action 
leistete sie Widerstand, wollte nicht ins Bad und dann wieder 
nicht heraus, wollte sich nicht wägen lassen etc. In der ersten 
Nacht blieb sie völlig schlaflos. Am nächsten Tage zur Unter' 
suchung vorgeführt, bat sie sofort händeringend, sie nur noch 


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Ueber die Beziehungen zwischen Melancholie and Verrücktheit. 121 


einen einzigen Tag leben za lassen. Sie beschuldigte sich, ein¬ 
mal mit einem verheirateten Manne Uhkenschheit getrieben zu 
haben, darum müsse sie in die Hölle kommen; hätte sie dies 
nicht gethan, so wäre ihre Seele gesund. 

Hallucinationen Hessen sich anfänglich nicht nachweisen, 
es schienen die Wahnideen lediglich der Stimmung zu ent¬ 
wachsen. Neben der Angst und Depression äusserte sich in 
dem Benehmen der Patientin ein gewisses Misstrauen, so dass 
sie die Vorgänge genau beobachtete. Fragen über ihr Vorleben, 
ihre PersonaUen etc. lenkten die Kranke gewissermassen ab 
und übten eine beruhigende Wirkung aus. Sie berichtete, dass 
sie früher an Beschwerden gelitten habe, die sie selbst als 
«hysterisch” bezeichnete, sie habe an Krämpfen und Zuckungen 
gelitten, „nicht gerade wie Epileptische, sondern die Nerven 
lassen halt aus”. Sie habe oft das Gefühl, als wenn sie einen 
Stoppel im Magen hätte und ihr Bauch aufgetrieben wäre. 

In der zweiten Nacht, welche Patientin in der Anstalt 
verbrachte, schlummerte sie unter dem Einflüsse wiederholter 
Opinmdosen in ihrer Zelle ein. Als die dienstthuende Wärterin 
eintrat, fuhr Patientin plötzlich auf diese mit den Fäusten los. 
Rasch trat aber wieder Beruhigung ein. Während in den 
nächstfolgenden Tagen Patientin unter abwechselnd stärkerer 
Erregung und vorübergehender Beruhigung im Allgemeinen 
unverändert blieb, trat später zeitweise grössere Verworrenheit 
zu Tage, Patientin beschmierte sich über und über mit Koth, 
versteckte ihren Löffel u. dgl. Dieselben Klagen kehrten tagelang 
immer wieder. Einmal berichtete Patientin: „Die Teufel kommen 
täglich and sagen mir, morgen wirst du ins Feuer gezerrt, für 
dich gibt es keine Barmherzigkeit, der Kessel ist schon geheizt; 
dabei lachen die Teufel in höhnischer Art.” 

Allm ählich wurden die Klagen abwechselnder, Patientin 
jammerte über verschiedene Misshandlungen, buchte unbe¬ 
gründete Beschwerden über erlittene Unbilden vor: sie werde 
hin- nnd hergestossen, geschlagen, geschimpft. Die Halluci¬ 
nationen schienen sich zu vermehren. Patientin hörte, wie die 
Personen ihrer Umgebung wispelten: „Der Kessel ist schon 
geheizt” u. dgl., hie und da verrichtete Patientin ihre Nothdurft 
auf dem Gange, wischte mit ihren Kleidern auf, suchte diese zu 
verstecken. Einmal traten im Verlaufe weniger Tage an Stelle 


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122 


Dr. Heinrich Schloss. 


der depressiven Wahnideen, solche expansiven Charakters auf 
(sie sei eine von Gott erw&hlte Person, sei bestimmt einen grossen 
Schatz aufzudecken). Als sie in dieser Zeit wegen auftretender 
Eiterpusteln Carbolpillen nehmen sollte, wies sie dieselben mit 
der Bemerkung zurück, sie lasse sich nicht vergiften, ihr Leben 
sei ihr zu süss. In diesen Tagen war Patientin heiter gestimmt. 
Bald aber verfiel sie wieder in ihren früheren angstvollen Zu¬ 
stand. Ende Januar 1894 bemerkte man eine Besserung in der 
Stimmung, Patientin suchte allmählich Beschäftigung. Unter 
äusserst gesteigerter Nahrungsaufnahme nahm das Körper¬ 
gewicht zu. Ende Februar 1894, als bereits die Beruhigung der 
Kranken eine vollständige schien, berichtete Patientin gelegentlich 
einer Besprechung, sie fürchte noch immer, dass sie verbrannt 
werde; dabei begann sie heftig zu schluchzen. Noch im Juni 
1894 fehlte ihr jede Krankheitseinsicht nahezu vollkommen. Sie 
habe geglaubt, dass sie verbrannt werde, und weil sie dies 
geglaubt habe, müsse sie es vielleicht irgendwo gehört haben. 
Sie sei zur Ueberzeugung gekommen, dass jedem Sünder, der 
sich bekehre, vergeben werden müsse. Ihr sei verziehen, denn 
wiederholt sei ihr zur Zeit ihrer ärgsten Verstimmung die heilige 
Maria erschienen und habe ihr durch Zeichen zu erkennen 
gegeben, dass ihr verziehen sei. An diesen Visionen hielt 
Patientin fest. Im Laufe des Juli zeigte sich eine Charakter¬ 
änderung an der Patientin, sie wurde anspruchsvoll, unzufrieden, 
fühlte sich zurückgesetzt, kritisirte, stiftete Unfrieden, hatte 
immer Beschwerden, Klagen und Anliegen. Dabei schien sie 
äusserlich geordnet, es machte den Eindruck, als ob der ur¬ 
sprüngliche Charakter der Patientin nunmehr nach überstandener 
Psychose zum Ausdruck käme. Seither ist Patientin unver¬ 
ändert geblieben. Am 14. Februar 1895 wurde Patientin geheilt 
aus der Anstalt entlassen. 

Es handelt sich in dem vorliegenden Falle um eine here¬ 
ditär belastete, von Jugend auf psychisch abnorme Person, bei 
der sich jedenfalls im Zusammenhang mit einer Laparotomie 
(es scheint, dass bereits der psychische Eindruck der bevor¬ 
stehenden Operation die Psychose auslöste) eine Melancholie 
entwickelte. Patientin klagte über ihr „Herzleid”, über ihr 
„Gemüth”. Allmählich entwickelten sich depressive Wahnideen. 
Die Erregung wuchs, unter zunehmender Aengstlichkeit ent- 


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Ueber die Beziehungen zwischen Melancholie nnd Verrücktheit. 123 


wickelte »ich ein mässiger Grad von Verworrenheit. Im weiteren 
Verlaufe der Psychose traten Selbstanklagen anf, die ängstliche 
Erwartung führte zu Misstrauen gegen die Umgebung. Hallu- 
cinationen wurden erst auf der Höhe der Krankheit constatirbar. 
Einmal stellte sich ein raptusartiger, rasch vorübergehender 
Erregnngszustand ein. Erregung und Ruhe wechselten im 
■späteren Verlaufe der Psychose, zeitweise war Patientin ver¬ 
wirrt. Durch einige wenige Tage machten die depressiven 
Wahnideen solchen expansiven Charakters Platz; während dieser 
Tage war Patientin frei von ihrer ängstlichen Verstimmung. 
Alsbald kehrte wieder das frühere Verhalten zurück. Mit 
beginnender Reconvalescenz schwand zuerst die ängstliche Ver¬ 
stimmung; die Wadnideen erhielten sich viel länger. An der 
Realität einzelner Sinnestäuschungen hielt Patientin lange fest. 
Spät erst äusserte sich der eigentliche Charakter der Kranken. 
Die psychische Besserung ging unter gesteigerter Nahrungsauf¬ 
nahme and Gewichtszunahme einher. 

Was an der geschilderten Krankengeschichte besonders 
hervorgehoben werden soll, ist das vorübergehende Auftreten 
expansiver Wahnideen im Verlaufe einer Psychose, die wir, 
wenn der Aufeinanderfolge und gegenseitigen Abhängigkeit der 
Symptome, ferner dem Verlaufe Rechnnng getragen werden soll, 
als Melancholie bezeichnen müssen. 

Die Beziehungen zwischen Melancholie und Verrücktheit 
werden aber namentlich dadurch so nahe, dass in einzelnen 
Fällen die Diagnose der einen oder anderen Psychose rein nur 
Sache subjectiver Anschauung ist, weil von den meisten Autoren 
der Melancholie Hallucinationen zugesprochen werden. Salgö 1 ) 
hat dieses Verhältniss richtig erkannt. Er scheidet deswegen 
die Hallucinationen ans dem Symptomencomplex der Melancholie 
und bemerkt, dass die Aufstellung einer „Melancholie mit Hallu¬ 
cinationen eine diagnostische Differenz von einzelnen depressiven 
Formen der Verrücktheit ebensowenig möglich mache, wie etwa 
eine Mania hallucinatoria von dem Krankheitsbilde der acuten 
hallncinatorischen Verwirrtheit zu unterscheiden wäre.” Kräpe- 
lin (1. c.) lässt Sinnestäuschungen nicht als Symptom der 
Melancholie gelten. Innerhalb des „Wahnsinnes” unterscheidet 


*) Salgö. Compendiura der Psychiatrie, Wien 1889. 


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124 


Dr. Heinrich Schloss. 


er eine Form als depressiven Wahnsinn, zu dessen Syptomen- 
complex er vereinzelte Sinnestäuschungen rechnet, und bemerkt, 
dass dieser zumeist der Melancholie zugerechnet werde. Meynert 
(1. c.) sagt: „Kommen nun auch Hallucinationen bei Melancho¬ 
likern vor, so sind sie doch keineswegs die Melancholie, sondern 
ein complicirendes Symptom, wie Schwindel oder Kopfschmerz.” 
Auf Meynert’s Standpunkt in dieser Frage steht ungefähr 
auch Chatelain, 1 ) indem er sich äussert: „Oft aber auch com- 
pliciren Wahnideen und Sinnestäuschungen das Bild der Melan¬ 
cholie.” 

Die meisten anderen Autoren sprechen der Melancholie ~ 
Hallucinationen zu. Griesinger 2 ) bemerkt: „Die Hallucinationen 
und Illusionen (der Melancholiker) haben ganz den Charakter 
und das Gepräge der schmerzlichen Gemüthsverstimmungund 
an anderer Stelle: „Am häufigsten und mannigfaltigsten sind die 
Hallucinationen in derjenigen schweren Form der Melancholie, 
welche mit völliger Insichversunkenheit und theilweisem 
Schwinden des Bewusstseins der Aussenwelt verbunden ist” 
v. Krafft-Ebing (1. c.) betont in gleicher Weise, dass Sinnes¬ 
täuschungen „im Verlaufe und in den schwereren Formen der 
Melancholie” häufig sind. Sie betreffen alle Sinnesgebiete, haben 
einen schreckhaften, beängstigenden Inhalt, sind in Affecten, 
zumal in ängstlichen Erwartungsaffecten häufiger und intensiver. 
Schüle (1. c.) spricht der Melancholie Hallucinationen zu, die 
sich „in der Regel erst mit zunehmender Krankheit auf deren 
Höhepunkt” einstellen, und hebt ihre klinische und forensische 
Bedeutung hervor, da in ihnen die meisten melancholischen 
Gewalt - Zwangs - Acte beruhen. Koch 3 ) zählt die Sinnes¬ 
täuschungen zu den wichtigeren psychischen Erscheinungen der 
Melancholie, „welche nicht nothwendig vorhanden sein müssen, 
aber häufig angetroffen werden”. 

Wie die Hallucinationen, eines der beiden Hauptsymptome 
der Verrücktheit, der Melancholie als Symptom zugesprochen 
werden müssen, wenn wir der Mehrzahl der Autoren folgen 


*) Chatelain. „Das Irresein”, Neuchätel 1891. 

2 ) Griesinger. Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, 
Stuttgart 1845. 

3 ) Specielle Diagnostik der Psychosen, Ravensburg 1890. 


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(Jeber die Beziehungen zwischen Melancholie und Verrücktheit. 125 


wollen, so muss anderentheils eines der wesentlichsten Symptome 
der Melancholie, die Verlangsamung der Ideenassociation (Denk- 
hemmnng) als gelegentliches Symptom der Paranoia anerkannt 
werden. Die möglichen Beziehungen der motorischen Hemmung 
zur Associationshemmung wurden bereits erwähnt. Bezüglich 
des Vorkommens primärer Verlangsamung der Ideenassociation 
als intercurrentes und als dominirendes Symptom verweise ich 
auf die Arbeit Ziehen s.') Bei stuporösen Zuständen der hallu- 
cinatorischen Paranoia kommt Denkhemmung zumeist als secun- 
däres Symptom vor, in Abhängigkeit von Wahnideen und Sinnes¬ 
täuschungen, in einzelnen Fällen wohl auch primär. In der 
Beconvalescenz der acuten hallucinatorischen Verrücktheit kommt 
Denkhemmung zuweilen vor. Primäre Hemmung des Vorstellungs- 
ablanfes als dominirendes Symptom einer Paranoia fand Ziehen 
unter tausend Paranoiafällen sechsmal. 

Das Vorkommen der der Melancholie eigenen affectiven 
Störungen und ihr Verhältniss im Zusammenhänge der Symptome 
der Melancholie und der Verrücktheit fanden bereits eingehende 
Erwähnung. Dass depressive Stimmung und Angstzustände, wo 
sie im Verlaufe einer' Paranoia intercurrent oder als dauernde 
Stimmungsanomalie auftreten, in ihren höheren Graden wie beim 
Melancholiker zu blinden motorischen Entäusserungen fuhren 
können, ist eine bekannte Erscheinung. 

Die zur Genesung führenden Melancholien stehen den 
depressiven Formen acuter Verrücktheit nahe. Ein ähnliches 
Verhältniss besteht zwischen den chronisch verlaufenden Formen 
der Melancholie und gewissen depressiven Formen chronischer 
Verrücktheit mit dauernden melancholischen Affectänderungen, 
die neben systematisirten Wahnideen durch den ganzen Verlauf 
der Psychose bestehen. Die nahen Beziehungen der Melancholie 
zur chronischen Verrücktheit kommen aber auch dadurch zum 
Ausdruck, dass jede der beiden Formen sich an die andere 
anschliessen, die eine aus der anderen sich entwickeln kann. Es 
gibt Fälle chronischer Melancholie, welche die Symptome der 
Melancholie bewahren, doch verlieren dieselben an Intensität. 
Die Kranken produciren immer dieselben Wahnvorstellungen 


>) Ziehen. „Ueber Störungen des Vorstellungsablaufes bei Paranoia", Archiv 
für Psych., Bd. XXIV. 


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126 


Dr. Heinrich Schloss. 


in gleicher Weise. Immer derselbe Gesichtsausdruck, immer der¬ 
selbe Klang der Stimme. Gleichgiltig gegen die Umgebung, 
gegen' die nächsten Ereignisse, ohne Interesse für den Beruf, 
für die Familie lebt der Kranke unter der Herrschaft seiner 
traurigen Stimmung dahin. Dasselbe Bild kann sich auch an 
eine chronische Verrücktheit anschliessen. 

Ich finde unter den Patienten unserer Anstalt einen gegen¬ 
wärtig 47 Jahre alten Mann, der sich seit dem Jahre 1883 
ununterbrochen in der Irrenanstalt aufhält. Sein Vater war zur 
Zeit der Aufnahme des Patienten nach einem apoplektischen 
Insult halbseitig gelähmt. Schon als 12jähriger Knabe hatte 
Patient an Anfällen von Angst, Herzklopfen, Athembeschwerden, 
Schwindel, Ohrensausen und Funkensehen gelitten, später hatten 
sich zeitweilige Kopfschmerzen zu diesen Erscheinungen gesellt 
Häufige, seit früher Kindheit geübte und jahrelang fortgesetzte 
Masturbation gibt Patient zu. Ungefähr seit dem Jahre 1880 
peinigte ihn die Angst, dass man ihn durch Gift aus dem Wege 
räumen wolle. Seine Aufnahme in die Anstalt erweckte in ihm 
die Furcht, dass man an ihm eine Operation vorzunehmen be¬ 
absichtige. Nach Angabe der Angehörigen des Patienten hatte 
dieser sich nach anfänglich normaler geistiger Entwickelung und 
nach guter Absolvirung des Untergymnasiums zu weiteren Studien 
unfähig erklärt, jede geistige Arbeit gemieden, sich allmählich 
immer mehr von der Aussenwelt abgeschlossen, endlich, obwohl 
physisch ganz gesund, seine Zeit fast ausschliesslich im Bette 
zugebracht. Seine Angehörigen machten die Wahrnehmung, dass 
dieses auffallende Benehmen des jungen Mannes auf den Ein¬ 
fluss von Wahnideen zurückzuführen sei. So mied er die Aussen¬ 
welt, weil er zu bemerken glaubte, dass fremde Leute ihm auf 
der Gasse den Weg verstellen. Aber selbst von seinen An¬ 
gehörigen isolirte er sich, weil er befürchtete, dass sie ihm nach 
dem Leben trachten. Wenn er die Zeitung las, fand er darin 
böswillige Anspielungen auf seine Person. Mitunter schien sein 
Verhalten durch Gehörstäuschungen beeinflusst zu sein. Tag für 
Tag verbrachte er unter Wehklagen und war freundlichem 
Zuspruch völlig verschlossen. Im weiteren Verlaufe der Jahre 
waren Angst und Depression diejenigen Symptome, welche das 
Krankheitsbild beherrschten. Er mied in der Anstalt jede Gesell¬ 
schaft und wich sogar den Aerzten aus. Wurde er an gesprochen, 


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lieber die Beziehungen zwischen Melancholie und VerrQcktheit. 127 


so zitterte er und antwortete nur zögernd und zaghaft. Bald 
stand er stundenlang auf einem Flecke, bald wandelte er unstet 
auf dem Gange hin und her. Sein Schlaf war immer unterbrochen 
und mitunter wälzte sich der Kranke Nachts unruhig im Bette 
herum. Nie sprach er unaufgefordert. Gelegentlich drückte er 
sich dahin aus, dass ihn alles ängstige. Seine Wahnideen, welche 
nur selten und immer nur auf eindringliches Fragen zum Aus¬ 
druck kamen, entsprachen seiner Stimmung: man wolle ihn ver¬ 
giften, verbrennen, in eine Maschine stecken u. dergl. Er 
äusserte sich darüber ungern, weil er schlimme Folgen seiner 
Angaben befürchtete. Als Patient unlängst zu einer Besprechung 
vorgeführt wurde, fragte er angsterfüllt: „Was geschieht denn 
jetzt mit mir?” Dabei war Patient immer vollkommen orientirt 
und bekundete gelegentlich des letzten Examens ein wenigstens 
theilweises Krankheitsbewusstsein. 

In dem vorliegenden Falle handelt es sich um einen mög¬ 
licherweise hereditär belasteten Kranken, der schon in früher 
Jugend zeitweilige, von körperlichen Symptomen begleitete 
Angstanfalle zeigt. Um die Zeit der Pubertät kommt es zu einem 
Stillstände der geistigen Entwickelung, zu krankhafter Eigen¬ 
beziehung und zu Wahnideen persecutorischen Inhaltes, Gehörs¬ 
täuschungen, Angst und Depression. Seit 11 Jahren befindet 
sich Patient nunmehr in der Anstalt und seit dieser Zeit zeigt 
er immer dasselbe Verhalten, immer dieselbe ängstlich-traurige 
Miene, selten werden Wahnideen, und zwar immer die gleichen ge- 
äussert, die affectiven Störungen aber geben dem ganzen Krank¬ 
heitsbilde das charakteristische Gepräge. 

Als Gegenstück zu dem vorliegenden Falle möge die 
Krankengeschichte eines anderen Patienten dienen, welche uns 
lehrt, dass sich aus dem typischen Bilde einer Melancholie im 
weiteren Verlaufe die Symptome einer chronischen ballucina- 
torischen Verrücktheit entwickeln können. 

Es handelt sich um einen im Jahre 1841 geborenen Bauern¬ 
knecht, der am 27. Mai 1892 in die Anstalt aufgenommen 
wurde. Die Anamnese ergab, dass der hereditär nicht belastete 
Patient stets ein nüchterner, arbeitsamer, religiöser Mann ge¬ 
wesen war, der gern ruhig und still für sich lebte. In dem 
seiner psychischen Erkrankung vorangegangenen Winter hatte 
er an Influenza gelitten. Zu Beginn des Monates Februar 1892 


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128 


Dr. Heinrich Schloss. 


wurde seine Geistesstörung offenkundig. £s mag sein, dass die 
Verschiebung seiner bevorstehenden Verehelichung ihn gekränkt 
hatte. Er unterliess seine gewohnte Arbeit, that alles verkehrt, 
betete viel, wollte immer beichten, indem er vorgab, schwer 
gesündigt zu haben. Bei der Aufnahme war Patient gefügig, 
jedoch ängstlich und zum Weinen geneigt. Auf Fragen antwortete 
er erst nach messbaren Pausen. Er spendete auch den Fragen 
wenig Aufmerksamkeit und machte über seine verstorbenen 
Eltern, ferner über seine Geschwister schwankende und ungenaue 
Angaben, obwohl er sonst den Eindruck vollkommener Klarheit 
machte. Weinend berichtete er, dass er eine grosse Sünde auf 
dem Gewissen habe, er hätte vor zehn Jahren eine Hündin 
gebrauchen wollen, und nun laste diese Sünde schwer auf seinem 
Gewissen. Er habe zwar gebeichtet und der Priester habe ihm 
verziehen, doch wisse er nicht, ob er mit Gott ausgesöhnt sei. 
Er glaubte, zur Strafe für seine Sünde in einem Arreste zu 
sein. Sinnestäuschungen schienen bei dem Kranken nicht vor¬ 
handen zu sein. Die körperliche Untersuchung ergab das Fehlen 
motorischer Lähmungserscheinungen. In den ersten Monaten 
seines Anstaltsaufenthaltes setzte der sehr geängstigte Kranke 
der Nahrungsaufnahme und Körperpflege, überhaupt jeder Mani¬ 
pulation, die mit ihm vorgenommen wurde, energischen Wider¬ 
stand entgegen. Mit gefalteten Händen und mit ängstlich-weiner¬ 
lichem Gesichtsausdrucke schlich Patient herum und bat Aerzte 
und Wärter immer wieder um Verzeihung. Ende des Jahres 
1892 wurde Patient etwas zugänglicher, ruhiger, nahm seine 
Nahrung regelmässig zu sich, beteiligte sich sogar an Arbeiten 
im Freien. Diese Besserung aber war nur eine vorübergehende, 
Depression und Angst nahmen wieder zu, er stand beständig 
abseits in einem Winkel, verkehrte mit niemandem, sprach, wenn 
er gefragt wurde, so leise, dass er kaum verständlich war, absti- 
nirte mitunter so lange, dass man ihn künstlich nähren musste, 
wogegen er sich immer heftig wehrte. Leise Besserungen traten 
im Verlaufe der Psychose wiederholt auf, doch blieb im Allge¬ 
meinen das Verhalten des Kranken ziemlich gleich. Im späteren 
Verlaufe seiner Krankheit gab Patient auf eindringliches Fragen 
hie und da Aufklärung: Dass er von „Stimmen” geängstigt 
werde, dass er höre, er werde erschlagen, bei welcher Angabe 
er einen Kranken als demjenigen bezeichnete, der ihm diese 


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Ueber die Beziehungen zwischen Melancholie und Verrücktheit. 129 


Stimmen „mache”. Einmal gab Patient an, er höre viele Stimmen, 
Tag und Nacht, er dürfe gar nicht sagen, was die Stimmen 
sprechen, denn diese schimpfen nicht nur über ihn, sondern auch 
über die Aerzte. Als er an die Anstalt kam, hätte er keine 
Stimmen gehört, erst zu Beginn des Jahres (1894) seien die 
Stimmen gekommen, erst leise, dann immer ärger. Er wisse nicht, 
sei er krank, oder mache man ihm die Stimmen. Ein anderesmal 
gab Patient vor, es sei einem Wärter nicht recht, wenn er 
etwas esse, dieser Wärter gebe ihm auch Gift in die Speisen. 

Der vorliegende Fall bietet in seinem bisherigen Verlaufe 
ein grosses Interesse. [Ursprünglich bestand Depression, Angst, 
verlangsamter Ablauf der Vorstellungen und Versündigungs¬ 
wahn. In welcher Folge diese Symptome auftraten und wie sie 
etwa in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander sich folgten, 
liess sich nicht feststellen. Die ursprünglich vorhanden gewe¬ 
senen Symptome dauern noch fort, aber nach zweijährigem Be¬ 
stehen der Psychose stellten sich Gehörstäuschungen ein, deren 
Inhalt der Stimmung des Patienten entsprechend gefärbt ist 
(Beschimpfungen über sich und Andere) und zur Entstehung 
neuer Wahnideen (man mache ihm Stimmen, man gebe ihm Gift 
in die Speisen) Anlass gab. 

Während in dem vorliegenden Falle die Diagnose Melan¬ 
cholie ursprünglich vollkommen berechtigt war, entwickelte sich 
später ein Zustand, der als chronische hallucinatorische Ver¬ 
rücktheit aufgefasst werden muss. 

Auf einen möglichen terminalen Zustand der Melancholie, 
der dieser mit der Manie, der Verrücktheit und dem Wahnsinne 
gemeinsam zukommt, ohne dass er durch ein auf den Ursprung 
hinweisendes Zeichen charakterisirt wäre, nämlich die Verwirrt¬ 
heit, wurde bereits in der Einleitung vorliegender Arbeit ver¬ 
wiesen. 

Wir haben in derselben gefunden, dass gewisse Symptome: 
Wahnideen,Sinnestäuschungen, Depression, Angst, verlangsamter 
Ablauf der Vorstellungen sowohl der Melancholie als auch der 
chronischen und acuten Verrücktheit zukommen. Eine auf alle 
Fälle sich erstreckende Differenzirung der Melancholie von den 
depressiven Formen acuter Verrücktheit ist wohl nur dann 
möglich, wenn wir die Hallucinationen aus dem S)’mptomen- 
complex der Melancholie ausscheiden. Allerdings würde sich 

Jahrbücher f. Paycbiatri« u. Nervenh. XIV. Ild 9 


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130 


Dr. Heinrich Schloss. 


dann die Häufigkeit der Diagnose „Melancholie” sehr reduciren. 
Meynert, der die Hallucinationen bloss als ein die Melancholie 
complicirendes Symptom gelten Hess, äusserte sich:') „Melancholie 
und Manie gehören zu den seltenen Krankheitsprocessen, sofern 
denkende und erfahrene Psychiater einmal zum bewussten Ueber- 
blick kommen.” Noch enger, aber gewiss für alle Fälle zutreffend, 
würde sich der Begriff der Melancholie gestalten, wenn die Hallu¬ 
cinationen unbedingt aus ihrem Symptomencomplex ausgeschieden 
würden. Dann erst könnte die in der Einleitung vorliegender Arbeit 
aufgeworfene Frage, ob die Melancholie der Verrücktheit gegen¬ 
über als eine scharf begrenzte klinische Einheit aufgefasst werden 
darf, im bejahenden Sinne beantwortet werden. So lange Hallu¬ 
cinationen der Melancholie zugesprochen werden, sind die nahen 
Beziehungen zwischen ihr und der Verrücktheit durch die ge¬ 
nannten gemeinsamen Symptome hauptsächlich gegeben. 

Der bisher angenommene psychologische Zusammenhang 
der Symptome der Melancholie, die Abhängigkeit der Wahnideen 
von primären Affectstörungen ist durch die wechselnde Auf¬ 
einanderfolge der Symptome der Melancholie in verschiedenen 
Fällen dieser Psychose in Zweifel gestellt und es scheint rich¬ 
tiger zu sein, mit Kraepelin anzunehmen, dass die Störungen 
des Fühlens und Wollens und die Wahnvorstellungen der Me¬ 
lancholiker als der Ausdruck einer einheitlichen, elementaren 
Störung auf den einzelnen Gebieten des Seelenlebens aufzufassen 
sind. Ein der Melancholie ausschliesslich zukommendes Merkmal 
wäre der fast allgemein angenommene Zusammenhang ihrer 
Symptome keineswegs, da es Fälle von Paranoia gibt, die den¬ 
selben psychologischen Vorgang, welcher der Entstehung der 
Wahnideen im Verlaufe der Melancholie zu Grunde gelegt wird, 
erkennen lassen. Eine Verbindung der Wahnideen kommt bis 
zu einem gewissen Grade bei der Melancholie vor. Wahnideen 
anderen als depressiven Charakters sehen wir im Verlaufe der 
Melancholie nicht selten vorübergehend auftreten. Auch in diesen 
beiden Punkten liegt ein Theil der Beziehungen zwischen Me¬ 
lancholie und Verrücktheit. Im Anschlüsse an das typische Bild 
einer chronischen hallucinatorischen Verrücktheit sahen wir 


*) Meynert. „Ueber Fortschritte im Verständnisse der krankhaften Gehim- 
zustände”, Wien, Braumöller, 1878. 


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Heber die Beziehungen zwischen Melancholie und Verrücktheit. 131 

einen Zustand sich entwickeln, wie er in Fällen chronischer 
Melancholie vorkommt, die unter allmählichem Verblassen der nie 
völlig erlöschenden Symptome verlaufen. Ebenso sahen wir 
in einem anderen Falle das Bild der chronischen hallucina* 
torischen Verrücktheit aus einer Melancholie hervorgehen. Es 
sind durch diese Fälle Beziehungen zwischen Melancholie und 
Verrücktheit constatirt, die durch die Möglichkeit gegeben sind, 
dass sich jede der beiden Psychosen aus der anderen entwickeln 
kann. Der terminale Zustand der Verwirrtheit endlich kommt 
ebenso nach Melancholie wie nach Verrücktheit vor. 


9 * 


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Zur Balkendegeneration im menschlichen Grosshirn. 

Vortrag, gehalten am 26. September 1894 beim Congresae deutscher Aerzte und 

Naturforscher in Wien. 

Prof. G. Anton (Graz). 

Mit Tafel I. 

Meine Herren! 

Die beiden Grosshirnhemisphären des Menschen sind fast 
wie Spiegelbilder symmetrisch, dies betrifft sowohl die Gestaltung 
ihrer Oberfläche als auch die Anordnung der Leitungsbahnen da¬ 
selbst. Auch ihre Verbindungen mit den beiden Körperhälften, 
ihre peripheren Connexionen, sind vollkommen gleichsinnig. 

Trotzdem ist es alltägliche Erfahrung, dass die gleichen 
Versehrungen in jedem der beiden Gehirne wesentlich anders 
geartete Symptome hervorrufen können; wir schliessen daraus, 
dass beide Hemisphären nicht gleichsinnig tind gleichwerthig 
functioniren. 

Dem fast gleichen anatomischen Befunde des rechten und 
linken Organes entsprechen also merklich andere Leistungen; 
eine Mahnung, wie weit wir entfernt sind, aus der groben 
Structur des Gehirns allein die Functionen klarzulegen. 

Bei allem muss man sich klar sein, dass die beiden Hemi¬ 
sphären nur bis zu einer—uns unbekannten—Grenze selbstständig 
arbeiten, dass aber die grösste Zahl von Gehirnfunctionen von 
dem einfachen Sehen bis zu den complicirteren psychischen Lei¬ 
stungen zum ungestörten Zustandekommen und Ablaufen die 
Intactheit beider Hemisphären zur Bedingung hat. 

Die Frage, wie wir uns das Zusammenwirken und die 
Arbeitstheilung der beiden Hemisphären zu denken haben, wie 


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Zar Balkendegeneration im menschlichen Grosshirn. 


133 


und wie oft dieselbe gestört wird, darauf gibt es derzeit noch 
keine entschiedene Antwort. 

Diese Frage erscheint aber nicht nnr für das biologische 
Yerständniss der Gehirnfunctionen, sondern auch für die Be- 
urtheilung und die ärztliche Behandlung vieler Gehirnkrank¬ 
heiten von einschneidender Bedeutung. 

Insbesondere trifft die Frage nach dem etwaigen Ersatz 
einzelner Functionen bei Verletzungen einer Hemisphäre durch das 
anderseitige Gehirn ins Centrum unsere Aufgabe als Nervenärzte. 

Trotzdem ist das grosse Verbindungssystem der beiden 
Hemisphären der Gehirnbalken, was seine Ausbreitung und 
seine Function anbelangt, relativ wenig erforscht 

Die vorliegenden zahlreichen pathologischen, experimentellen 
und entwickelungsgeschichtlichen Arbeiten habe ich an dieser 
Stelle nicht zu referiren; wohl aber will ich zusammenfassend 
hervorheben, dass wir derzeit nur Vermuthungen darüber haben, 
wie und in welcher Schicht der Gehirnrinde das Corpus cällo- 
sum schliesslich endet; weiterhin, dass noch keine Einigung er¬ 
zielt ist in der Frage: Ob die Fasern des Balkens gleichsinnige 
oder verschiedenwerthige Rindenstellen der beiden Hemisphären 
verbinden, ob er ein Commissuren-oder Associations System 
oder eine Zusammensetzung aus beiden darstellt. 

Ich will nun versuchen, einen bescheidenen Beitrag zur 
Frage der Ausbreitung des Gehirnbalkens beim Menschen zu 
bringen, und zwar durch das Verfolgen intracerebraler Degene¬ 
rationen, ausgehend vom Gebiete des Forceps. 

Aus der Krankengeschichte des betreffenden Patienten sei 
mir gestattet, nur Einiges hervorzuheben. 

Ein 65jähriger Buchhalter erkrankte nach längeren Pro¬ 
dromalsymptomen plötzlich an homonymer Hemianopie nach links, 
an Verlust der Muskel- und Bewegungsempfindungen linkerseits; 
auf derselben Seite bestand bedeutende Herabsetzung der cuta- 
nen Sensibilität Diese Attaque hatte im Anfänge lebhafte 
Schwindelgefühle und eine mehrere Wochen dauernde hallucina- 
torische Verworrenheit zur Folge. 

An dem Patienten, den wir durch circa 2 Jahre nachher 
wiederholt untersuchten, war nun auffällig die bedeutende Ab¬ 
nahme spontaner Bewegungen, obwohl Muskellähmungen mit 
Sicherheit auszuschliessen waren. 


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134 


Prof. G. Anton. 


Auch beim Anrufen reagirte er nur wenig mit Bewegungs¬ 
äusserungen; die linke Körperhälfte verblieb meist ruhig wie 
ein Anhängsel; dies, selbst bei den gewöhnlichen Bewegungs¬ 
leistungen, bei denen beide Körperhälften sich zu betheiligen 
pflegen, wie Bettdecke heben, Essen, Kleideranziehen, Ge- 
sticuliren u. a. 

Der Patient war auch in früheren und späteren Zeiten nach 
der Erkrankung fast gar nicht im Stande, sich über die Passiv¬ 
bewegungen zu orientiren, welche seinen linken Gliedmassen 
gegeben wurden. Demgemäss konnte z. B. der rechte Arm bei 
geschlossenen Augen die links vorgenommenen Passivbewegungen 
nicht imitiren. Dagegen ahmte bei passiven Bewegungen des 
rechten Armes der linke Arm mit grosser Präcision alle vor¬ 
genommenen Bewegungsexcursionen nach. 

Diese Nachamungsbewegungen waren jedoch durch ver¬ 
schiedene Nebenbewegungen mehr gestört als die, welche der 
Patient über Auftrag unter Controle des Blickes mit dem linken 
Arme selbst vollzog. 

Die Ausführung und die Innervation der Sprachleistungen 
waren nicht nachweislich gestört. 

Den groben Gehirnbefund (Prof. Kolisko) will ich nur 
kurz vermelden. 

Im rechten Gehirn war die hintere Gehirnarterie zum 
Theile thrombotisch verlegt. Es war das ganze Rinden- und 
Markgebiet des cuneus erweicht, ebenso ein Theil des Calcar avis. 
Weiterhin waren die zwei hinteren Drittel des Thalamus opticus 
sammt dem Corp. geniculatum intern und externum erweicht 
und in eine Lücke verwandelt. 

Am Forceps corporis callosi war am untersten und 
hintersten Antbeile eine mehr als erbsengrosse Erweichung der 
Substanz zu constatiren. Von dieser Stelle aus zog ein breiter 
Streifen lichter gefärbter Marksubstanz auch in das linke Ge¬ 
hirn und schien sich an der medialen Wand des Hinterhornes 
bis nahe zum rückwärtigen Ende des linke Hinterhornes zu 
erstrecken. 

Hierbei will ich vorausschicken, dass ähnliche Fälle von 
Erweichungen nach Verlegung im Bereiche der Arteria cerebri 
posterior von Dejerine 1 ) und Violet beschrieben wurden. Die- 

’) Comptes rendns des seances de la Socidtl de Biologie 25. Join 1892. 


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Zur Balkendegeneration im menschlichen Grosshirn. 


135 


selbes constatirten auch dabei die Entartung des Forceps corporis 
collos. Dejerine fasste, wenn ich ihn recht verstand, diese Mit* 
betheilignng des Balkens ausschliesslich als secundäre Degene¬ 
ration auf, und bezog dieselbe auf die Zerstörung der betroffenen 
Theile der Gehirnoberfläche. Ich kann dem entgegen nur consta- 
tiren, dass die erwähnte Balkenpartie im rechten Gehirn nicht 
secnndär degenerirt,, sondern wie die anderen Gehirntheile erweicht 
war, und dass genau von diesem Herde aus die secundären 
Degenerationen nach dem linken Gehirn zu abgingen. 

Herr Prof. Kolisko hat mir zur Controle die Arteria ce- 
rebri posterior mit Carmin injicirt und dabei neben den Antheilen 
der medialen Hemisphärenwand genau dieselbe Stelle des 
Balkens bis zur Medianlinie von da aus injicirt gefunden. Ich 
sehe also diese Erweichung des hintersten Balkens als eine 
gleichzeitige Folge der thrombotischen Verlegung der Arter. 
cerebri posterior an; die nach links abgehenden secundären De¬ 
generationen aber als eine Folge der rechtsseitigen Balkenläsion. 

Es sei mir nun gestattet, zunächst an durchsichtigen Ho¬ 
rizontaldurchschnitten durch das ganze rechte Gehirn die 
Folgen der geschilderten Erweichungen kurz zu illustriren.') 

Von dem erweichten Cuneus ist die Rinde vollständig ge¬ 
schwunden und kein Rest von markhaltigen Nervenfasern er¬ 
halten geblieben. Auch von den zwei hinteren Dritteln des Seh- 
hfigels sind keinerlei nervöse Bestandteile mehr nachweisbar. Von 
ihm ab nach rückwärts zieht eine breite lichte, scharfbegrenzte 
Degenerationszone bis zum Hinterhauptspole — die degene- 
rirten centralen Sehstrahlungen — sie verschmälert sich von vorne 
hach rückwärts und ist rechts im Niveau des Pulvinar am brei¬ 
testen, nach oben und unten zu verschmälert sie sich, ist aber 
auch an Horizontaldurchschnitten durch den Schläfelappen an 
der änsseren Wand des Unterhornes noch deutlich (unterer Seh- 
hügelstiel Meynert’s). Nach aussen zu ist sie durch ein breites 
dunkles Längsbündel begrenzt, den Fasciculus longitudinalis 
inferior. (Tafel I, Fig. 3.) 

Aber auch nach der Ventrikelwand zu lagert sich dieser 
Degenerationszone wieder eine schmale, 1 Millimeter breite 

') Herr Prof. Stricker hat za diesem Zwecke den ProjectionsappanUmit 
elektrischem Bogenlichte in seinem Institute znr Verfügung gestellt, wofür ich 
hier meinen Dank erstatte. 


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136 


Prof. G. Anton. 


Zone normaler Nervenfasern an, welche direct der Ependyln- 
schicht des Ventrikels angrenzt. (Siehe Fig. 3, Tafel I.) 

Sie besteht aas Längs- und schief geschnittenen Faser¬ 
bündeln, welche nach vorne bis nahe an den geschilderten sub- 
corticalen Erweichungsherd heranreichen. 

Von dieser Zone gehen scharf umbiegend senkrechte Ner¬ 
venbündel gegen die äussere Heraisphärenrinde zu ab, indem sie 
die erwähnte Degenerationszone quer durchsetzen. (Taf. III, Fig .4.) 

Diese Faserschicht entspricht dem Tapetum der Ventri- 
kelwänd, also einer intacten Fortsetzung der Balken¬ 
fasern. Diese Zone erfährt nach abwärts merklichen Zuwachs, 
so dass sie an Durchschnitten durch den Schläfelappen sich als 
breiteres Bündel darstellt. 

Es war nun im Sinne des Themas von grossem Interesse, 
an gleichen horizontalen Durchschnitten die ins linke, schein¬ 
bar völlig intacte Gehirn hineindegenerirten Balken¬ 
fasern zu verfolgen und die Durchschnitte des. rechten und 
linken Gehirnes zu vergleichen. 

Es wurde die linke Hemisphäre horizontal geschnitten 
von der Verticalebene des Knies der Capsula interna bis zum 
Hinterhauptspole. (Tafel I.) 

Auf Horizontalschnitten, welche nahe der unteren ventricu- 
lären Fläche des Balkens ausgeführt wurden (Fig. 1), schliesst 
sich nach links eine anfangs 6 Millimeter breite Degenera¬ 
tionszone an, welche entlang der medialen Hemisphären wand 
bis zum Ende des Hinterhomes sich erstreckt, daselbst sich 
schnabelförmig in eine Spitze auszieht. Von da übergeht die 
Zone auf die laterale Wand des Hinterhomes, bedeckt dieselbe 
als Tapetum, welches hier am Horizontaldurchschnitte als ein 1*5 
Millimeter dicker lichter, scharf begrenzter Streif sichtbar ist. 
In diesem Niveau erstreckt sich die Degeneration entlang der 
äusseren Wand bis nahe an den Durchschnitt der Canda des 
Nucleus caudatus. Mikroskopisch zeigt diese Zone stark gewu¬ 
cherte Zwischensubstanz, kleine Zellen und kleine Fettkügel¬ 
chen als Zerfallsreste. 

Nach dem Ventrikel zu grenzt nur noch die Ependy m- 
Schicht, nach aussen zu ist die Zone scharf conturirt durch 
einen breiten, längs verlaufenden, dunkel gefärbten Faserzug, die 
sagittalen Marklager (nach Sachs). 


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Zur Balkendegeneration im menschlichen Grosshirn. 


137 


An Horizontalschnitten, welche oberhalb des Abganges der 
Degenerationszone noch durch den Balkenkörper gelegt wurden, 
umgibt die blasse Zone breit, aber diffus, die Wand des Hinter¬ 
holmes bis an die Ependymschicht. (Fig. 2.) 

Wie ein runder Haken umgreift sie das Ventrikellumen, 
verschmälert sich allmählich an der lateralen Wand und endet 
nahe dem hinteren Ende des Corpus nuclei caudati. An der der 
Rinde zugekehrten Fläche ist sie noch immer scharf begrenzt 
durch den längsverlaufenden intacten Faserzug, welcher sich 
hier an der äusseren, hinteren und inneren Fläche des Hinter¬ 
hauptlappens entbündelt. 

Nach abwärts zu verschmälert sich die mediale und laterale 
Degenerationszone sehr rasch. 

Auf Schnitten, welche das Subiculum cornu Ammonis, nach 
vorne zu das Pulvinar treffen, hat sich der mediale Antheil der 
Zone zu einem dreieckigen Felde formirt, welches das innerste 
Areal im Marklager des Subiculums ausmacht. Diese Schicht 
lässt also die Bahnen aus dem rechten Gehirn an dieser Rinden¬ 
stelle genau erkennen, 1 ) nach rückwärts zu sehen Sie die Ven¬ 
trikelwand auf eine Strecke von 1 Centimeter verwachsen; 
auch diese Verwachsungsliuie ist zum grössten Theile von einer 
knapp anliegenden blassen Zone umgeben. (Fig. 3.) 

Ander lateralen Wand zieht sich die entartete Zone als 
ein 1 Millimeter breiter Streifen von der hinteren Spitze des 
Ventrikels an nach vorne bis nahe zum Beginne der Sehstrah- 
lungen aus den basaleu Ganglien (nahe diesen letzteren treten 
in der Zone allmählich auch normale, schwarzgefärbte Nerven¬ 
fasern auf). 

Nach aussen schliesst sich als scharfe Grenze der intacte, 
dunkelgefärbte Längsfaserzug, welcher die Gratiolet’schen Seh¬ 
strahlungen enthält. 

Au Schnitten, welche schon den Uebergang des Hinter¬ 
holmes zum Unterhorn, noch vorne zu den Tract. opticus und sein 
Corpus geniculatum treffen, ist diese laterale Degenerationszone 
zwar noch spurenweise vorhanden, aber sehr stark mit normalen 


') Ausführlichere Mittheilungen hierüber werden durch Herrn Dr. Zingerle 
in Innabruck geliefert, welcher mich überhaupt bei dieser Untersuchung in 
dankenswerther Weise unterstützte. 


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138 


Prof. G. Anton. 


Fasern versehen. Nur nach hinten zu an der Spitze des Ven¬ 
trikels sitzt wie eine Kappe eine schmale lichte Zone, die sich 
desgleichen nach abwärts zn allmählich verliert. 

Ich will hier die Beschreibnng sistiren nnd bitte diese 
Horizontaldurchschnitte durch das linke Gehirn zu vergleichen 
mit den nahezu entsprechenden des rechten kranken Gehirns. 

An letzterem sind an der lateralen Wand die Sehstrah¬ 
lungen in Ausfall gekommen und statt ihrer fand sich eine 
scharfe, farblose Zone; nach innen reihte sich ihr wieder ein 
schwarzer Streifen des Tapetum an. 

An der lateralen Wand des linken Gehirns ist die 
Sehbabn vollkommen unversehrt, dagegen ist dortselbst das 
Tapetum fast total degenerirt. Die linksseitigen Schnitte 
sind also hierin fast das Negativ derer durch das 
rechte Gehirn. Jedenfalls sind Bestandtheile des Balken- 
tapetum, welche im kranken Gehirn erhalten geblieben, nach 
links hin entartet. Die Leitungsbahnen an den beiden medialen 
Hemisphärenwänden können hier insofern nicht verglichen 
werden, als ja im rechten Gehirn der Cuneus exstirpirt war. 

Das verschiedene Verhalten der Tapetumfasem an der 
äusseren Wand der beiden Hemisphären scheint mir entschieden 
dagegen zu sprechen, dass dieselben Commissurenfasern sind 
und identische Regionen der Gehirnoberfläche verbinden; denn 
es wäre in diesem Falle zu erwarten, dass sie nach der Durch¬ 
trennung nach beiden Seiten hin gleichsinnig entarten, wie es 
sich bei den experimentellen Durchschneidungen Muratofs’ 1 ) 
ergab. Selbst wenn wir mit diesem Autor annehmen würden, 
dass der Balken ein System von Commissuren sei, von denen 
ein Theil die linke, ein anderer die rechte Hemisphäre zum 
trophischen Centrum hat, so müsste in dem vorgelegten Falle 
durch die Balkenläsion der trophische Einfluss des rechten Ge¬ 
hirns auf das linke äussere Balkentapet weggefallen sein; es 
stände aber dann auch zu erwarten, dass durch die Läsion 
der Einfluss des linken Gehirns auf das rechte äussere Balken¬ 
tapet unterbrochen sei; letztere Folge blieb hier aber aus. 

Wohl aber lässt sich der hier skizzirte Befund durch die 
Annahme erklären, 1. dass das äussere Balkentapetum Fasern 


') Neurolog. Centralblatt 1893, S. 310. 


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Zar Balkendegeneration im menschliehen Grosshirn. 


139 


enthalte, welche nicht identische Punkte der beiden Hemi¬ 
sphären verbindet, also Associationsfasern zwischen beiden 
enthalte, welche sich irgendwo in ihrem Verlaufe kreuzen, aber 
nicht berühren müssen. 

2. Als Endstationen kommen hierbei mit Wahrscheinlichkeit 
die rechte hintere und mediale Hemisphärenwand einerseits 
und der linke äussere Hinterhauptslappen andererseits in Betracht. 

3. Für den grösseren Theil der degenerirten Fasern 
lässt das vorliegende Naturexperiment die Deutung zn, dass 
dieselben Commissurenverbindungen — vorwiegend der me¬ 
dialen Wände das Occipitalhornes — darstellen. 

Zum Schlüsse noch eine kurze Anmerkung über die ge¬ 
schilderten klinischen Symptome. Ich kann auf Grund dieses 
einen Befundes selbstverständlich nicht aussagen, durch die 
hintere Balkenläsion sei es bedingt, dass der Kranke die Passiv¬ 
bewegungen der linken Körperhälfte mit den rechtsseitigen 
Gliedmassen auf Grund seiner Bewegungsempfindungen allein 
nicht nachahmen konnte. 

Die Anregungen zu Bewegungen erfolgen für jede Körper¬ 
hälfte grösstentheils vom anderseitigen Gehirn. Sie erfolgen 
aber auch von einer Körperseite, natürlich indirect, auf die 
andere. Die Wege sind uns nicht [völlig bekannt. Wenn die 
Bewegungsanregungen für eine Körperhälfte in Wegfall kommen, 
so ist auch für die entgegengesetzte gesunde Körperhälfte ein 
Bruchtheil der Erregungen eingestellt und somit für den vor¬ 
liegenden Fall die klinische Thatsache mit begreiflich gemacht, 
dass hier auch im Allgemeinen die Bewegungen des Körpers 
der Zahl nach bedeutend vermindert waren. 


Erklärung der Tafel I. 

Fig. 1. 

Horizontalschnitt durch das linke Gehirn bis zur Verticalebene des Knies der 
Capsola interna knapp unterhalb des Balkens, 
e c. = degenerirte Balkenpartie des Forceps corporis callosi. 
fo. — fornix ■ 

tap 1 = mediales Ventrikeltapetum, durch degenerirte Balkenfasern gebildet. 


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140 


Prof. G. Anton. 


dny. = cingulum. 

r. opt. = centrale Sehstrahlungen, nach aussen, Antheile des Fasciculns 
longutidiilalis inferior. 

tap. 2 == laterales Ventrikeltapetum, durch degenerirte Balkenfasern ge¬ 
bildet. 

T i = Gyrus temporalis primus. 
c. n. c — Cauda nucl. caudati. 

I. = Insula. 

n. /. = nucleus lenticularis. 


Fig. 2. 

Horizontalschnitt durch das linke Gehirn nahe dem oberen Dache des Hinter¬ 
horaes und durch den Forceps corpor. callosi. 
c. c. = forceps corpor. callosi. 

tap. 1 s* mediales Yentrikeltapetum, durch degenerirte Balkenfasern ge¬ 
bildet. 

pr. c. = praecuneus. 

O 1 = Gyrus occipitalis primus. 

tap . 2 = laterales ventr. tapetum der degenerirten Balkenfasern. 
tap. :t = ventr. tapetum, an der hinteren Wand. 

jii — tho. == fasciculus longit. inferior und Strahlungen des thalamus opticus. 

n. c. nucleus caudatus. 

par. i. = Unteres Scheitelläppchen. 

Fig. 3. 

Horizontalschnitt durch das linke Gehirn bis zur Verticalebene des Knies der 
Capsala interna. Wagrechte Mitte des Sehhügels. 

('. ext. — capsula externa. 

T I = Gyrus temporalis primus. 

T 2 = m n secundus. 

fii. = Fa<ern Yom fasciculus longit. inferior. 

r. o. = Strahlungen des Thalamus optic. 

tap. 1 sss degenerirte Balkenfasern mediales Ventrikel tapetum. 

tap. 2 sb- deg. Balkenfasern, laterales Ventrikel tapetum. 

tap. ö* = deg. Balkenfasera, hintere verwachsene Wand der Hinterhornes. 

O 1 = Gyrus occipital. primus. * 

C = Antheile des Cuneus. 

ß = fimbria. ; 

nc. == cauda nucl. caudati. 

th. o = thalamus opticus. 

cap. i. = capsula interna pars posterior. 

for. = fornix. 


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AN TON, SalUandaganeration 


"YerlHgroHFnuix DeuticVein Leipzig und "Wien 








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Ueber die Beteiligung der grossen basalen Gehirn¬ 
ganglien bei Bewegungsstörungen und insbesondere bei 

Chorea. 

Von 

Prof. G. Anton (Gm). 

Mit Tafel II u. III. 

Die basalen Ganglienkörper an der Gehirnbasis sind nicht 
nnr Durchzugsstationen von Nervenfasern, sondern sie lassen 
einen grossen Theil derselben aus ihren Zellen hervorgehen. 

Wir wissen, dass diesen basalen Gehirntheilen zum Theile 
autochthone, und zwar schon sehr complicirte Functionen zu¬ 
kommen. 

Bei Thieren genügt ihr Vorhandensein bekanntlich schon 
für die Körperbalance, für die zweckmässige Anordnung und 
die Richtung der Bewegungen ebenso, um Angriffs- und Abwehr¬ 
leistungen zu innerviren. Bei einzelnen Thierclassen, wo das 
Vorderhirn noch minimal entwickelt ist, haben diese Theile wohl 
alle Verrichtungen zu veranlassen, welche für den Fortbestand 
der Individuen nöthig sind. Durch die Zunahme des Vorderhirns 
werden diese Functionen beträchtlich modificirt; für die basalen 
Ganglien wird das Vorderhirn nun eine neue Aussenwelt, 
welche Einwirkungen zuleitet und empfängt. 

Derart wird sich die Function und Bedeutung dieser Ner- 
venorgane bei den einzelnen Thierclassen verschieden gestalten; 
das Verhältniss der ersteren zu den Functionen des Grosshirns 
und zu den Körperleistungen bedarf also für die einzelnen Thier¬ 
gattungen auch verschiedene Gleichungen. 

Fassen wir die beiden grössten Basalganglien, den Seh¬ 
hügel und das Vorderhirnganglion (Streifenhügel — Linsenkern) 


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142 


Prof. G. Anton. 


ins Auge, so fallen zunächst anatomisch die principiell verschie¬ 
denen Connexionen auf. Der Sehhägel ist, abgesehen von seiner 
medialen Seite, mit allen Regionen der Gehirnrinde in Verbin¬ 
dung; dicke Faserbändel strahlen von da in das Stirnhirn, 
Scheitelhirn, Hinterhaupthirn und Schläfehirn ein und treffen 
sich vor Eintritt in diesen Gauglienknoten. Wenn wir dagegen 
an einem Durchschnitte durch Vierhügel und Hirnschenkel die 
Bahnen überschauen, welche von und zum Gehirn ziehen, so 
bilden die Fasern des Sehhögels einen relativ geringen Antheil. 

Umgekehrt entspringen vom Streifenhägei und dem Puta- 
men des Linsenkernes peripherwärts sehr ausgiebige Nerven¬ 
bändel, während die Verbindungen dieser Ganglien mit der Gehirn¬ 
rinde durch dänne Faserzüge dargestellt werden (Kowalevsky), 1 ) 
welche sogar von einzelnen Forschern in Abrede gestellt wurden. 
Wir können daher (bildlich) sagen, der Sehhägel hat seine 
Hauptfagade rindenwärts, der Streifenhügel aber peripheriewärts. 

Zwischen beiden Ganglien aber besteht ein sehr ausge¬ 
breitetes Verbindungssystem, welches jedem auffallen muss, 
der an Querschnitten, sowie an horizontal- und schiefen Längs¬ 
schnitten 'den menschlichen Gehirnstamm durchgesehen hat. 
An den meisten der gangbaren Gehirnschemen ist dieses grosse 
Verbindungssystem der basalen Ganglien gar nicht angedeutet 
(Eine schematische Darstellung hierüber findet sich bei Edin 
ger 2 ) und schon bei Flechsig 3 ).)) Und doch ist es für Erforschung 
der einzelnen Functionen dieser Gehirntheile und deren Störungen 
gewiss von Bedeutung. 

Es lässt sich — analog dem Studium einer Weglandkarte — 
im vorhinein annehmen, dass die functioneilen Beziehungen beider 
Ganglien sehr rege sind, und dass vermöge dieser ausgiebigen 
Verbindung die Läsion eines dieser Ganglione auch die Lei¬ 
stungen des anderen beeinträchtigen kann. 

Diese Verbindung besteht aus schiefen und wagrechten, 
starken Faserbündeln, zwischen welche die Bahnen der Capsula 
interna zum Theile senkrecht verlaufen, gleichsam durchgesteckt 
sind; nach Edinger entspringt auch das basale Vorderhirn¬ 
bündel im Nucleus caudatus und endet zum Theile im vorderen 
grossen Thalamusganglion. 

Nach Bechterew 4 ) scheinen einerseits innere Glieder 
des Linsenkernes (Glob. pallidus) gegenüber dem Putamen und 


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l'eber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 143 

dem Nucl. caudatus ein gesondertes Ganglion, eine Zwischen¬ 
station darzustellen, durch dessen Vermittelung diese Gebilde 
mit den tieferliegenden Hirngebieten sich verbinden. Es wäre 
demnach dem Glob. pallidus zum Theile eine dem Thalam. opti¬ 
cus ähnliche Stellung zuzuweisen, während der Nucl. caudat. und 
das Putamen ihrer Entstehungsgeschichte nach bekanntlich der 
Hirnrinde analog sind. Ihre convergent nach abwärts verlau¬ 
fenden Fasern ziehen wenigstens theilweise zur Haubenregion. 
Hervorznheben sind noch die nachweislichen Beziehungen des 
Corp. Striatum zu den tiefer gelegenen grauen Massen, zum 
Corpus Luysi, zur Substant. nigra, zu den Kernen des Pons, 
zum Cerebellum. (Flechsig 5 ) u. a.) 

Die vom Linsenkernstreifenhügel entspringenden Faser¬ 
züge dienen nach Edinger' 2 ) grossentheils dazu, einen mäch¬ 
tigen Verbindungsweg zwischen den Stammganglien und den 
Ganglien des Zwischen- und Mittelhirns abzugeben. 

Ueber die functionelle Bedeutung des Streifenhügels und 
Linsenkernes, welche beide, i. e. Kopf des Streifenhügels und 
Putamen des Linsenkernes, im Menschengehirn eine relativ 
bedeutende Grosse erreichen, haben wir derzeit fast keine 
Kenntniss; die Physiologie hat „in diesem Capitel viele Versuche 
zweifelhaften Resultates und ausgeprägten Widerspruches”. 
{.Eckhardt 6 }.) Freud®) nennt dieses Ganglion einen „la¬ 
tenten Gehirntheil”. Am meisten positive Resultate ergaben 
hierüber noch die Untersuchungen von Magendie 1 ) und Noth¬ 
nagel 8 ) (siehe später). Die Bedeutung dieses Ganglions für das 
menschliche Gehirn kann wohl nur durch klinisch-pathologische 
Beobachtungen erschlossen werden. 

Deshalb entschloss ich mich, meine spärlichen Unter¬ 
suchungen über die Läsionen der basalen Ganglien beim Menschen 
ausführlicher mitzulheilen, obwohl ich mir klar war, dass sie 
nur einen geringen Behelf abgeben zur Reise in ein uner¬ 
forschtes Gebiet. 


I. Fall. 

Vorgeschichte und Krankenbefund. 

H-Cassian, neunjähriger Bauernsohn aus Eben in Tirol. 

In der Familie des Kranken sind Nervenkrankheiten öfter vor¬ 
gekommen. Zwei Onkel mütterlicherseits litten an starken epileptischen 


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Prof. 6. Anton. 


Anfällen. Der Vater soll einen auffallend grossen Kopf haben, ebenso 
alle Geschwister. Von den letzteren sind vier gestorben. Ein Kind 
davon war eine Frühgeburt und lebensunfähig; zwei davon gingen 
in früher Kindheit an Krämpfen zugrunde; der älteste Bruder 
starb im sechsten Lebensjahre an Luftröhrenentzündung; er litt 
an Krämpfen und ähnlichen Zuständen wie unser Patient. 

H.... Cassian war unter seinen Geschwistern das dritte Kind. 
Die Geburt ging normal von Statten. Auch während der Schwanger¬ 
schaft der Mutter soll keine Störung stattgefunden haben. In früher 
Kindheit hat er eine gesunde und normale Entwickelung gezeigt. 
Im neunten Lebensmonate überstand der Knabe einen schweren 
Scharlach; acht Tage nach scheinbar überstandener Krankheit wurde 
der Patient Nachts aufgeregt, unruhig und konnte nichts mehr in 
den Händen halten. Auch das Aufsitzen wurde unmöglich und der 
Kopf konnte nicht mehr aufrecht gehalten werden. 

Während der ersten Wochen ward die Unruhe am grössten, 
sie hat sich seither merklich gebessert. Im zweiten Lebensjahre 
lernte er sprechen, die geistige Entwickelung schien den Eltern 
nicht gestört. 

Der Patient wurde am 12. Februar 1892 der Innsbrucker 
Nervenabtheilung übergeben und bot damals folgenden Befund dar: 
Der ganze Körper war in lebhafter Bewegungsunruhe, besonders 
beim Versuche, irgend eine willkürliche Bewegung auszuführen. 
Diese Unruhe machte sowohl das Gehen, das Stehen, als auch das 
Sitzen unmöglich; Patient wurde bei derartigen Versuchen geradezu 
umgerissen. Mit grosser Anstrengung und gegen allerlei schleu¬ 
dernde und suchende Mitbewegungen ankämpfend, konnte er grössere 
Gegenstände ergreifen, aber nicht festhalten. Je psychischer die 
verlangte Bewegung war, d. h. je mehr Uebung und Ueberlegung 
dazu gehört, wie Schreiben, Nachzeichnen etc., desto grösser wurde 
die allgemeine Unruhe. Der Knabe sprach verständlich und zeigte 
dabei einen guten Wortschatz. Die Sprechweise aber war abgerissen, 
oft saccadirt, er sprach stossweise, pausirte oft mitten im Satz«, 
selbst mitten im Worte, und es fehlte ihm dabei die richtige Ein¬ 
teilung der Athembewegung. Die mimischen Bewegungen im Ge¬ 
sichtsbereiche waren sehr lebhafte, d. h. sehr ausgiebig und rasch 
wechselnd. Beide Gesichtshälften waren symmetrisch innervirt. Will¬ 
kürlich konnte er im Gesichtsbereiche gewisse Bewegungen nicht 
vollständig zu Stande bringen, z. B. Pfeifen, Blasen, Fisch¬ 
mundstellung, es schoben sich gewissermassen andere Bewegungs¬ 
impulse inzwischen, so dass er über den Anfang nicht hinauskani. 

Kauen und Schlucken gingen relativ am besten, jedoch 
langsam vor sich. 

Die Augenbewegungen kamen durch Willkürinnervation 
geordnet zu Stande, der Blick war jedoch sehr unruhig, Fixation 
nur kurze Zeit möglich und es machte sich auch dabei im ganzen 
Körpergebiete grosse Bew ? egungsunruhe geltend. 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehimganglien etc. 145 


Die Pupillen waren gleichweit, zeigten lebhaftes Pupillen¬ 
spiel. Die Zunge nahm teil an der allgemeinen Unruhe, der 
Patient klagte selbst, dass sie ihm auch im Munde zeitweise hin 
und her wackle. Beim Vorstrecken der Zunge kann dieselbe nicht 
lange ausserhalb der Zähne gelassen werden, dabei tritt lebhaftes 
Grimmasiren im Gesichtsbereiche auf, ebenso allerlei zwecklose 
Mitbewegungen in den oberen Gliedmassen. Der Kopf ist meist 
etwas nach rückwärts gebeugt; auch in liegender Lage war eine 
längere Ruhigstellung des Kopfes nicht möglich. 

Die Musculatur des ganzen Körpers war auffällig gut entwickelt, 
der Tonus der Musculatur war nicht merklich verändert, die Passiv¬ 
bewegungen konnten ohne abnormen Widerstand vorgenommen 
werden. Die Musculatur der Gliedmassen war von der Unruhe am 
meisten betroffen. Die oberen Extremitäten waren wohlgebildet, 
jedoch kamen in den Cubitalgelenken, ebenso in den Phalangial- 
gelenken abnorme Ueberstreckungen zu Stande. Die Willkürbewe¬ 
gungen daselbst konnten ausgeführt werden, jedoch wurden dieselben 
durch allerlei Mitbewegungeu gestört und unterbrochen. Auffällig 
war, dass viele willkürliche und automatische Bewegungen sich hinter¬ 
einander zweimal und öfter wiederholten. Auch beim Sprechen trat 
öfteres Wiederholen der W^orte ein. 

Es konnte oft beobachtet werden, dass irgend eine Bewegung, 
die der Patient vergebens und mit bedeutender Anstrengung an- 
strebte, nach einigen Minuten unbeabsichtigt als automatische Be¬ 
wegung eintrat. An den Händen traten athetose Bewegungen auf. 

Die unteren Gliedmassen boten einen ähnlichen Befund 
dar. Sie erschienen um Geringes schlechter ernährt als die Arme. 
Die Unruhe war an den Füssen am stärksten, die grossen Zehen 
fast stets in hochgradiger, fast rechtwinkliger Ueberstreckung. Die 
Interossei betätigten sich dabei auffällig stark, so dass die Zehen 
fast rhythmisch einander entfernt und genähert wurden. In der Mus¬ 
kulatur des Beines nahm die Unruhe mitunter den Charakter 
eines cloniscben Erzitterns an. An den unteren Gliedmassen war es 
am deutlichsten zu beobachten, dass bei irgend einem Bewegungs¬ 
versuche gerade die antagonistische Muskelgruppe den stärkeren 
Bewegungsimpuls erhielt, so dass mitunter gerade das Gegenteil 
von der verlangten und gewollten Bewegung eintrat. Die linke 
Körperhälfte erschien um Geringes weniger afficirt. 

Die geschilderten automatischen Anspannungen und Erschlaf¬ 
fungen zeigten sich auch an den Bauchdeckenmuskeln, am Zwerch¬ 
fell und an den Cremasteren; die Rückenmuskeln waren im gerin¬ 
geren Grade davon betroffen. 

Beim Bestreichen der Haut des Abdomens entwickelte sich 
eine auffällige Gänsehaut. Die Reflexe an der Ellbogen- und Knie¬ 
sehne waren deutlich. 

Stuhl und Urin konnten zurückgehalten und zu richtiger Zeit 
entleert werden. Die Sensibilität war normal. 

JkkrMeler f. PayebUtri« u. Narrrnh. ZIT. Bd. 10 


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146 


Prof. G. Anton. 


Der Knabe zeigte, was Intelligenz und Gemüth betrifft, keine 
auffälligen Defecte. Er hatte uormales Gedächtniss, ein gutes Ver¬ 
ständnis für seine Lebenslage und ein zutreffendes Unheil gegen¬ 
über seiner Umgebung. 

So wie es bei derartigen Kranken öfters zu beobachten ist, 
war seine Stimmung durch den bedauernswerthen Zustand nicht de- 
primirt, eher heiter. Die geschilderten automatischen Mitbewegungen 
ermüdeten den Kranken relativ wenig, dagegen brachte ihn die 
Anstrengung auf isolirte und auf Willkürbewegungen in Schweiss 
und in rasche Ermüdung. Aufmerksamkeit, Befangenheit, auch leichte 
tactile Reize vermehrten dem Kranken die Unruhe beträchtlich. 


Pathologisch- anatomische Untersuchung. 

Aus dem am 22. Februar 1892 vorgenommenen Obductions- 
befunde sei Folgendes hervorgehobeu (Prof. Pommer): 

Der Schädelurafang bei nacktem Cranium betrug 510 Milli¬ 
meter, der Längsdurchmesser 172 Millimeter, bitemporaler Durch¬ 
messer 140 Millimeter, biparietaler Durchmesser 140 Millimeter. 
Die Entfernung der Meatus auditorii 127 Millimeter, der linke 
Stirnhöcker war merklich stärker vorgewölbt. Der Gehirnschädel 
war auffällig dünn, zum Theile durchscheinend. Das Schädeldach 
erschien merklich asymmetrisch, der rechtsseitige Autheil der Stirn¬ 
schuppe erscfiien etwas schmäler. Das entsprechende hintere Schädel¬ 
dach dafür etwas weiter als das der anderen Seite. Ueber der rechten 
Parietalgegend erschien die Verdünnung des Schädeldaches am 
bedeutendsten. Die Nähte waren bis auf die Stirnnaht wohl erhalten. 

An der Schädelbasis waren die Windungsabdrücke auffällig 
tief. Die rechte Orbitalfläche schien um Weniges tiefer zu liegen 
als die linke. Das Basalbein der Hinterhauptsschuppe erschien auf¬ 
fällig ausgehöhlt. Die beiden Theile des Tentorium cerebelli schienen 
sich auffällig spitzwinklig zu vereinen. Am Foramen occipitale for- 
mirte sich der Uebergang vom Schädel zum Rückenmarkscanale 
auffällig oblong, so dass der grösste Durchmesser quergestellt er¬ 
schien. — An den Hemisphären überragte die linke nach vorn zu 
um V 2 Centimeter. Beide Hemisphären zeigten normale Oberfläche. 
Die Seiten Ventrikel waren weit, das Ependym der Ventrikel¬ 
wandungen zeigte stellenweise schwielige Verdickungen, auch der 
vierte Ventrikel erschien weit. Die Substanz der Gehirnrinde 
war allerorts auffällig rothbraun verfärbt. (Nach Scarlatina und 
agonaler Asphyxie.) 

An Querschnitten durch das frische linke Gehirn liess sich 
constatiren, dass das Putamen des Linseukernes circa in der hin¬ 
teren Hälfte die graue Substanz in kleine klumpige Massen zerfallen 
zeigt, zwischen welchen weisse, dem Hemisphärenmarke ähnliche 
Flecken eingelagert sind. 


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Leber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 14? 


An der rechten Hemisphäre erschien der Stirnantheil um 
Geringes schmäler als links. Ein Horizontaldurchschnitt, welcher in 
der Höhe der hinteren Coramissur daselbst angefertigt wurde, zeigte 
in ähnlicher Weise wie am linken Gehirn die hintere Hälfte des 
Putämens verändert und in eine weisse, nur von Klumpen grauer 
Substanz durchsetzte Masse verwandelt. An den übrigen Gehirn- 
theilen konnte makroskopisch nichts Abnormes nachgewiesen werden. 

Die Gefässwaudungen an der Gehirnschädelbasis erschienen 
normal. Die Arteria basilaris hatte das Volumen einer Carotis. 

Mikroskopische Befunde. 

Die rechte Hemisphäre wurde nun von dem Niveau ober 
der Commissura posterior bis in die untersten Regionen des Thalam. 
opticus und bis zum Niveau der Commissura anterior, als Ganzes in 
durchsichtige Horizontalschnitte zerlegt. — Diese Zerlegung wurde 
uns möglich gemacht durch das neue Reichertsche Sch litten tauch- 
Mikrotom, welches wohl für Gehirnschuitte technisch das voll¬ 
endetste unter den derzeitigen Mikrotomen genannt zu werden ver¬ 
dient. —- Die Nachbehandlung der Schnitte wurde grossentheils 
vorgenommen nach Einbettung derselben in eine Photoxylinschicht 
(P&l).*) 

Die Schnitte wurden theils mit Carmin-Nigrosin und mit 
Hämotoxylin nach Weigert und Pal gefärbt. 

Der Beschreibung dieser Hor.-Durchschnitte sei vorangescbickt, 
dass wir pathologische Veränderungen nur im Putamen 
des Linsenkernes nachweisen konnten. Der Thalamus 
opticus und die Capsula interna erschienen auf allen 
Durchschnitten und bei allen Färbemethoden normal. 
Das Putamen ist in dem obersten Niveau 36 Millimeter lang. — 
Die vorderen Partien desselben, ebenso wie das Corpus Striatum 
sind normal. — Die hintere Hälfte, und zwar der Länge nach ge¬ 
nommen, 4 /? Antheil dieses Ganglions sind krankhaft verändert. — 
Die graue Substanz daselbst ist in zahlreiche kleine Klumpeu zer¬ 
fallen. Diese zeigen unter dem Mikroskope normale Structur und 
unveränderte, meist spindelförmige Ganglienzellen. Die Substanz, 
welche dies übrige Areal des Putamens ausfüllt, zeigt zum grössten 
Theile bindegewebige Bestandtheile. Mittelst der Häraatoxilyn- 
methode lassen sich jedoch in diesem Stroma auch spärlich ver¬ 
theilte, schwarz gefärbte, markhaltige Nervenfasern nachweisen. Von 
diesen Bestandtheilen heben sich jene Nervenfaserbündel scharf ab, 
welche aus der Umgebung, also aus den Laminae medulläres, zum 
Theile auch aus der Capsula externa in dieses Ganglion eintreten. 
Diese heben sich von der Substanz des geschilderten Herdes durch 
ihre dunklere Färbung und schärfere Zeichnung ab. Desgleichen 
erscheinen die umgebenden Antheile des Hemisphärenmarkes, also 
die Capsula interna, externa und die Laminae medulläres viel 

10 * 


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148 


Prof. G. Anton. 


dünkler gefärbt. Gegen die Capsula externa zu ist die Contour des 
Putamens eine gekrümmte, durch die bucklig hervorragenden grauen 
Klumpen bedingt. An vielen Stellen ragt der geschilderte Herd 
bis an den Faserzug der Capsula externa unmittelbar hinan. Der 
ganze Körper des Putamens verschmächtigt sich rasch an der 
Grenze, an welcher der Herd beginnt. Die Distanz des hintersten 
Endes dieses Ganglions von der Ventrikelwand ist in diesen Niveau! 
grösser, als die gleiche Stelle am ausgewachsenen, zur Controle 
gemessenen Gehirn. Entlang der Ausdehnung des Herdes, also 
an der hinteren Hälfte des Putamens, sind die Nervenbündel, die 
von den Laminae medulläres einstrahleu, merklich geringer, als in 
den vorderen Partien dieses Ganglions und weniger zahlreich als 
an den gleichen Stellen eines ebenso geschnittenen Controlge¬ 
hirns. An allen Horizontaldurchschnitten ist ersichtlich, dass der 
krankhafte Herd streng auf das Putamen beschränkt 
bleibt. Auch in der nahe gelegenen grauen Substanz des Clau- 
struras sind keine krankhaften Veränderungen nachweisbar. 

Die Gefässe, welche ins Putamen eindringen, erscheinen in 
ihrer Structur nicht verändert. Spuren von Blutaustretungen sind 
nirgends constatirbar, die perivasculären Räume daselbst scheinen 
weiter zu sein als an anderen Gebieten des Horizontalschnittes, 
z. B. am Corpus Striatum oder am Thalamus opticus. Auffällig ist 
dabei, dass die einzelnen Inseln des geschilderten Herdes ge¬ 
wöhnlich in ihrem Mittelpunkte ein Gefäss aufweiseu, was wir an 
den Resten der intacten grauen Substanz niemals nachweisen 
konnten. 

Die Einstrahlung der Fasern in den Thalamus opticus ist 
auf den Schnitten in sehr übersichtlicher Weise zu sehen, sowohl 
bezüglich des vorderen, als des hinteren Sehhtigelstieles. Die Strah¬ 
lungen des Occipitalmarkes heben sich ziemlich deutlich vonein¬ 
ander ab, so dass die meist längst getroffenen medialeren Schichten 
in ihrem Verlaufe gut überschaubar sind. Die Sehstrahlungen an der 
äusseren Hemisphärenwand des Hinterhornes sind vollkommeu iu- 
tact und bis nahe zum Hinterhauptspole zu verfolgen. Dieses Bündel 
verschmächtigt sich nach rückwärts zu allmählich, der medialwärts 
gelegene Antheil dieser sagittalen Schicht erhebt sich an Nigrosin¬ 
schnitten durch eine dunklere Färbung hervor. (Stratum sagittale 
internura et externum n. Sachs.) 10 ) Die Faserschicht, welche am 
medialsten gegen den Ventrikel zu gelegen ist, enthält meistens 
quer oder schief getroffene Fasern, und ist durch die Hämatoxy- 
linfärbung lichter tingirt. Sie ist nach rückwärts bis jenseits des 
Hinterhornes zu verfolgen, nach vorn zu endet sie plötzlich 
hinter dem Schwänze des Schweifkernes. Wir halten dieselbe für 
die zum Balken gehörige Schicht des Tapetums der Ventrikel. 
Die Ependymschicht der Ventrikelwand zeigte sich im Allge¬ 
meinen verdickt; auf den horizontalen Schnitten war diese Ver¬ 
dickung stellenweise bis zu wulstigen Vorragungen gediehen. Die 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 149 

VerdickuogeD fanden sich vorwiegend im Hinterhorn, aber auch 
stellenweise im Vorderhorn. 

Das Hemisphärenmark der medialen Wand des Occipitalhirns 
ist an den Schnitten in zwei deutliche Schichten zu scheiden. Die 
medialste derselben zeigt längs getroffene Fasern und ist in Hä- 
matoxylinschnitten auffällig dunkler gefärbt. Sie zieht vom hinteren 
Ende des Hinterhornes als dunkler, schmaler, bandförmiger Streifen 
bis nach vorn zum Ammonshorn, woselbst sie deutlich in die 
Binde einstrahlt. Im ganzen Bereiche des Hemisphärenmarkes 
und der Gehirnrinde konnten krankhafte Veränderungen 
nicht nachgewieseu werden. 

Von dem linken Gehirn wurde der Hemisphärenantheil 
unterhalb des Balkens von der Gegend des Knies der Capsula in¬ 
terna bis zum Beginne des Pons in Querschnitte zerlegt. (Dieselben 
waren insofern schiefe Querschnitte, als der Schnitt in den vor¬ 
deren Partien um weniges von hinten oben nach vorne unten und 
von hinten aussen nach vorne innen fiel.) Auch an diesen Quer¬ 
schnitten zeigt sich die geschilderte, auf das Putamen des Linsen¬ 
kernes beschränkte krankhafte Veränderung. Auch hier ist auf allen 
Schnitten bis zum hinteren Ende dieses Ganglions die graue Substanz 
in regellose kleine Klumpen zerfallen und in ihren Lücken die 
geschilderte fremdartige Substanz eingelagert. Die Zerklüftung der 
grauen Substanz beginnt fast an der höchste Stelle des Putamens 
und erstreckt sich bis einige Millimeter vor der Basis dieses Gan¬ 
glions, der unterste Antheil des Putamens besteht aus normaler 
grauer Substanz. Die perivasculären Räume schienen auch an 
Querschnitten und zwar in höheren Niveaux relativ weiter als an 
den übrigen Partien des Querschnittes. Das mikroskopische Ver¬ 
halten der Substanz in dem krankhaften Herde ist hier dasselbe, 
wie es bezüglich der Horizontalschnitte geschildert wurde. Bemerkt 
sei nur noch, dass sich dieselbe an Nigrosin gefärbten Schnitten 
lichtblau färbte und sich dadurch von der dunkelblau gefärbten 
grauen Substanz des Ganglions und von dem Hemisphärenmarke 
scharf abgrenzt. Die als innere Linsenkernglieder bezeichneten grauen 
Massen sind auf allen Schnitten, sowohl der Form, als auch der 
Structur nach normal. Durch Vergleich mit entsprechenden Durch¬ 
schnitten, durch normale Controlgehirne konnte jedoch deutlich 
eruirt werden, dass der an der Basis befindliche Faserzug der 
Linsenkernschlinge an dem vorliegenden Gehirn bedeu¬ 
tend reducirt ist. Auch an Querschnitten konnten bezüglich 
der Umgebung des Nucleus lenticularis keine krankhafte Verände¬ 
rung nachgewiesen werden. Bezüglich der anderen Unter¬ 
suchungsergebnisse im Centralnervensysteme wollen wir 
uns insofern kurz fassen, als daselbst keine krankhaften Verände¬ 
rungen nachweisbar sind. Dies betrifft die Vierhügelgegend, den 
Hirnschenkelfuss, den Beginn des Pons und das Cerebellum. Es 
wurden weiterhin Durchschnitte angefertigt durch die Medulla 


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150 


Prof. G. Anton. 


oblongata unterhalb der Acusticnsregion bis zur Pyramidenkreu- 
zung. Die Schnitte wurden mit Nigrosin mit Hämatoxylin nach 
Weigert, Pal und Kolschitzky gefärbt. Auch hier konnten wir 
keine krankhaften Veränderungen nacbweisen und wollen nur hervor¬ 
heben, dass die Pyramidenbahn auch hier normal und symmetrisch 
sich zeigte. 

Von Rückenmarksantheilen wurden Durchschnitte angefertigt: 
ira Niveau des 1 — 3 Halsnerven, im oberen und mittleren Dorsal¬ 
marke und im oberen Lendenmarke. Die graue Substanz daselbst 
zeigte normale Formirung, die Ganglienzellen in entsprechender 
Zahl vorhanden und ohne krankhafte Veränderung. Auch an den 
einzelnen Fasersystemen des Rückenmarkes sind normale Befunde 
und normale Färbereactionen zu verzeichnen. Hervorgehoben sei 
noch, dass die interstitielle Substanz der Menge und der Structur 
nach keine krankhaften Veränderungen zeigte. Der Centralcanal des 
Rückenmarkes bot im Gebiete des Lendenmarkes eine beträchtliche 
Erweiterung dar. welche sich in spaltförmigen Ausstülpungen nach 
rechts, links und rückwärts ausdrückte. 


Besprechung. 

Die allgemeine Muskelunruhe, die lebhaften störenden Mit¬ 
bewegungen, der unregelmässige, spasmodische Charakter der¬ 
selben lassen die geschilderte Erkrankung als allgemeine 
Chorea ansprechen, und zwar eine solche von chronischem, fast 
lebenslänglichem Bestände. 

Es liess sich auch ein Mangel an Anordnung der Willkür 
liehen Bewegungen und ein schwacher Bewegungseffect — also 
Incoordination und Parese — nachweisen. 

Doch war der Kranke oft im Stande, rasch eine richtige 
und ausgiebige Bewegung auszuführen, so lange ihn nicht die 
krankhaften Mitbewegungen hierin störten; letztere also, nicht 
der ursprüngliche Impuls, sind als die Ursache anzusprechen, 
dass der Enderfolg einer gewollten Bewegung ein incoordinirter 
und paretischer war. 

Der Willenseinfluss erregte gleichzeitig MitbewegnngeD, 
ja selbst Gegenbewegungen; es schien, dass dieser Einfluss wohl 
die beabsichtigte Bewegung anregen, aber nicht die dazu ge¬ 
hörigen Hemmungen bewirken konnte. 

Auch die spasmodischen Bewegungen hatten das Gepräge 
von coordinirten und waren nicht isolirte Contractionen ein¬ 
zelner Muskel. 


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Ueber die Beteiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 151 


Durch letztere Thatsachen bestimmt, wollen wir im Sinne 
Unverricht’s 11 ) dieses Kranklieitsbild von dem ihm nahestehenden 
der Myoclonie unterscheiden. 

Schwieriger wäre es, die beschriebenen Bewegungsstörungen 
von den Athetosebewegungen zu trennen. Einerseits sind wir 
der Ansicht Andry’s, 12 ) welcher einen allmählichen Uebergang 
der lezteren in die choreotischen Störungen zugibt. 

Andererseits waren bei diesem einen Kranken neben cho¬ 
reotischen auch typische Athetosebewegungen vertreten. 

Die vorliegenden, nahezu symmetrischen, isolirten Herder¬ 
krankungen im Putamen des Linsenkernes glauben wir in folgender 
Weise deuten zu sollen. 

Die Auflösung dieses Ganglions in verstreute kleine Reste 
grauer Substanz lässt auf seinerzeitigen Zerfall durch partielle 
Erweichung schliessen. Die dafür substituirte Substanz auf 
diesem Flecke besteht vorwiegend aus Bindegewebe, ist also 
dem narbigen Gewebe am nächsten stehend. 

Der Befund von markhaltigen Nervenfasern an dieser 
Stelle wird niemandem überraschend sein, der Reste von herd¬ 
artigen Gehirnerkrankungen öiter untersuchte, welche aus der 
fötalen oder aus früherer Kinderzeit stammen. 

In der nächsten Umgebung des Herdes, sowohl in dem 
Ganglion selbst als in der Capsula externa, grenzen Nerven¬ 
faserbündel an, welche erfahrungsgemäss beim weiteren Wachs¬ 
thum des Gehirns nach der Stelle des verminderten Wider. 
Standes zu sich ausbreiten, auch werden in Erweichungsherden 
erwachsener Gehirne öfter Nervenfasern erhalten gefunden. 

Bei dieser Auffassung ist der Einwurf nicht zu ignoriren, 
ob der beschriebene Herd nicht*) einer Sklerose entspricht? 

Wir wissen aber, dass mit dieser Bezeichnung auch Herd¬ 
befunde bezeichnet werden, die als Reste früher entzündlicher 
und nekrotischer Vorgänge erkannt sind. 

Weiterhin spricht dagegen der fast völlige Mangel zelliger 
Elemente an dieser Stelle des Putamens. Auch breitet sich ein 
sklerotischer Herd fleckweise aus, und führt nicht zu einem 
so merkwürdigen Zerfall eines Ganglions in kleine runde Klumpen. 

Wenn wir die geschilderten Herde im Putamen als 
Restbefund einer seinerzeitigen Erweichung auffassen, so wirft 

*) Monakow, Discussion am Congresse zu Nürnberg 1893. 


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Prof. G. Anton. 


sich von selbst die Frage auf, welcher Gefässbezirk dabei 
betroffen wurde. 

Nach unseren derzeitigen Kenntnissen über die Gehim- 
blutcirculation, deren bedeutendste Förderung wir den Arbeiten 
HeubnerV 3 ) und Duret’s verdanken. kommen, was die Arterien 
betrifft, nur Abkömmlinge der mittleren grossen Gehiruarterie 
in Betracht. 

Der Ort des Herdes wird zum Theile von jenen End¬ 
arterien versorgt, welche durch die Substantia perforata 
an der Aussenseite des Linsenkernes eindringen und als 
Arteriae lenticulo-striatae von Duret 14 ) bezeichnet wurden. Die 
Zahl derselben ist verschieden, wahrscheinlich auch ihre Auf¬ 
teilung; hierher gehört auch die von 0 har cot sogenannte Schlag¬ 
flussarterie; doch kann deren totale Verlegung aus dem Grunde 
nicht angenommen werden, da dieselbe auch Theile des Corpus 
Striatum und der Capsula interna mit versorgt, welche Bezirke 
hier unversehrt waren. Eine andere Schwierigkeit erwächst der 
Erklärung auch aus dem Umstande, dass der Herd bis zu dem 
hintersten Ende des Putamens reicht, welcher Antheil schon 
von einer anderen Gruppe der kleinen basalen Getässe mit ver¬ 
sorgt wird, den Arteriae lenticulo-opticae (Duret). 14 ) 

Heubner hat nach der Methode der isolirten Injection das 
Anfangsstück der mittleren Gehirnarterie auf 2-2 Centimeter 
Länge unterbunden und konnte von da aus das ganze äussere 
Linsenkernglied neben Antheilen des Nucl. caudatus und der 
Insula ßeilii injiciren.*) 

Dieser Versuch betrifft wohl einen viel grösseren Gehirn- 
bezirk, aber er zeigt, dass die sogenannten inneren Glieder des 
Linsenkernes von gesonderten Gefässen versorgt werden, wie 
auch Duret**) beschrieb und abbildete. 

In den Ergebnissen beider Forscher scheint darin ein Wider¬ 
spruch zu bestehen, dass nach Duret die hinteren Antheile des 
Putamens durch Gefässe ernährt werden, welche gleichzeitig 
den vorderen oberen Sebhügel ernähren, während in dem oben 
erwähnten Versuche von Heubner von einer Injection dieses 
Ganglions nichts erwähnt wird. 

In unserem Falle war der Thalamus opticus intact. 

*) Heubner o. e. S. 179. 

**) Duiet o c. S. 76. 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 153 


Ich mochte dabei nach Kolisko auf die Erfahrung hin- 
weisen, dass sich auch bei diesem Endgefässe an der Gehirnbasis 
die experimentellen und die pathologischen Befunde nicht voll¬ 
ständig decken, d. h. dass der Aasbreitangsbezirk der Injection 
eines Gefässes und der krankhaften Erweichung im Bereiche 
derselben Arterie nie ganz gleiche sind. 

Kolisko besitzt übrigens mehrere Injectionspräparate, 
wobei das hinterste Ende des Putamens von der Arteria cerebri 
posterior aus mit injicirt wurde.*) 

Eine weitere Frage fordert der Umstand, dass die geschil¬ 
derten umschriebenen Herde im Putamen fast symmetrische waren. 

Der Befund von symmetrischen Nekrosen und Erwei¬ 
chungen im Gehirn ist wohl ein sehr häufiger. So weit diese 
Processe von der hinteren, von der Basilararterie veranlasst 
werden, ist auch deren Erklärung durchsichtiger und leichter; 
es werden hier eben von einem Gefassrohre aus zwei symme¬ 
trische Bezirke ernährt, und durch Verengung oder Verstopfung 
dieses Gefässlumens in gleichem Masse betroffen. 

Schwieriger ist schon eine Aufklärung über derartige ' 
Befunde im Bereiche der vorderen oder mittleren Gehirnarterie, 
da die Circulation der beiden Hemisphären im Bereiche der 
beiden Carotiden nach Schulten 15 ) u. A. relativ selbstständig 
vor sich geht 

Das bilaterale Vorkommen von Porencephalien hat Richter 16 ) 
in einer sehr originellen Arbeit zur Hypothese veranlasst, dass 
dieselben durch eine Durchtrennung des Gehirnbalkens ver¬ 
mittelst der abnorm gelagerten Hirnsichel bedingt werden. 

Auf die interessanten Befunde der symmetrischen Gehirn¬ 
läsionen nach Geburtstraumen wollen wir hier nicht näher 
eingehen. Ein Ergebniss derselben muss aber hier hervor¬ 
gehoben werden, dass dabei die häufigen symmetrischen Läsionen 
und symmetrischen Blutungen durch allgemeine Circu- 
lationsstörungen von den Venen oder den venösen Blut¬ 
löchern im Gehirn aus bedingt sein können. 

(Gowers, 17 ) M. Nutt, 18 ) Kundrat, 19 ) Freud,* 0 ) B. 
Sachs.) 21 ) 

Nach Kundrat schieben sich bei solchen Geburten die 
Ränder der Scheitelbeine übereinander und comprimiren den 

*) Kolisko, persönliche Mittheilung. 


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Prof. G. Anton. 


Sinus longitudinalis, so dass kein Blut in denselben eintreten 
kann. Die Ursache ist also hierbei eine in groben anatomischen 
Verhältnissen gegebene, eine mechanische. 

Diese Untersuchungen sind im Einklänge mit den früher 
erschienenen Arbeiten von Parrot 22 ) und Hutinel, 23 ) welche 
auch nachwiesen, dass bei kachektischen und allgemeinen fieber¬ 
haften Erkrankungen der Kinder es leicht zu Blutgerinnungen und 
Verlegung in den grossen venösen Canälen des Gehirns kommt. 

Ein sehr interessantes Gegenstück zu unseren oben be¬ 
schriebenen symmetrischen Läsionen liefern die Befunde von 
symmetrischen Erweichungen der inneren Linsenkern¬ 
glieder nach Kohlenoxydgasvergiftungen (V. Hoffmann.) 24 » 

Derartige Fälle berichteten auch Poelchen, Koch. 
Kolisko. 26 ) 

Der letztere Autor sucht die Ursache hiefür in dem Um¬ 
stande, dass bei dieser Vergiftung es nach Klebs zu enormer 
Ausdehnung der Gehirngefässe überhaupt kommt, wodurch 
gerade in diesen engsten Gefässen ein Versiegen der Circulation 
vermittelt werde. 

Er fand auch innerhalb der symmetrischen Erweichungs¬ 
herde Trombosen. 

Es wäre also auch in diesen Fällen von symmetrischer 
Erweichung der erste Anstoss durch allgemeine Circulations- 
, Störungen im Gehirn gegeben. 

Hoffmann 24 ) theilt in der neuesten Auflage seines Lehr¬ 
buches desgleichen einen interessanten Fall von Kohlenoxyd¬ 
gasvergiftung mit, wobei es zu symmetrischen Nekrosen in den 
vorderen Partien beider Linsenkerne kam. 

In früheren Jahren hat Fürstner 26 ) einen sehr beachtens- 
werthen Fall mitgetheilt, bei dem es zur beiderseitigen symme¬ 
trischen Entwickelung eines Tumors im ersten (innersten) 
und theilweise im zweiten Linsenkerngliede gekommen war. Die 
Neubildung war ein teleangiektatisches Gliom. 

Fürstner nimmt an, dass hier ein Reiz synchron in beiden 
Linsenkernen in Wirksamkeit getreten sei, dessen Product die 
beiderseitige Neubildung wurde. 

Wäre es hier nicht am Platze zu erinnern, dass gerade 
an den Stellen stattgehabter Gehirnläsionen sich weiterhin oft 
autochthone Neubildungen entwickeln? Von diesem Standpunkte 


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Ueber die Beteiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 155 


aus scheint uns die Möglichkeit gegeben, dass auch die im 
Falle Fürstner geschilderte symmetrische Neubildung an 
eine vorhergegangene gleichartige Gehirnläsion sich anschloss. 

Speciell bei Chorea wurden wiederholt bilaterale, auch 
symmetrische Gehirnbefunde mitgetheilt. 

Die Originalmittheilungen von Dikinson (citirt nach 
Ziemsen o. c.), welcher auf Grund von sieben Nekropsien auf 
das öftere Vorkommen von symmetrischen Herden aufmerksam 
macht, waren mir leider nicht zugänglich. 

Doppelseitige Läsionen bei bil. Chorea sind von Dauchez 
und Bodinier 22 ) beschrieben. 

Auch der interessante Fall von Dejerine und Sollier, 
welcher eiua. „athetose double” betraf, sei hier kurz erwähnt; 
es fand sich rechts eine tiefe Höhle im vorderen Linsenkerne 
mit einem verstellten erbsengrossen Fibrome; mit Atrophien der 
Windungen an der parietalen Gehirnoberfläche beiderseits.*) 

Demange 40 ) hat in neun Obductionen mit choreatischen 
und ungeordneten Mitbewegungen sechsmal Läsionen des Linsen¬ 
kernes nachgewiesen. Fünfmal war die Läsion bilateral, in einem 
Falle (Observ. V) Herde im links mittleren Segmente des Linsen¬ 
kernes und in beiden Thalam. optic. 

Wenn wir nun die Genese des geschilderten Be¬ 
fundes zu beurtheilen haben, so möchten wir dies derart 
skizziren: 

Das symmetrische an den umschriebenen Herden im 
Gehirn spricht gegen eine seinerzeitige Embolie; ebenso die 
Thatsache, dass hier der Ernährungsbezirk nicht eines, sondern 
mehrerer kleiner Endgefasse betroffen ist. 

Der Anstoss hierzu scheint vielmehr durch eine allgemeine 
Circulationsstörung gegeben zu sein, wie solche durch Throm¬ 
bosen in den venösen Sinus erzeugt werden, und bei Kindern 
durch kachektische und fieberhafte Zustände sich ereignen. 

Der Umstand aber, dass von allen Theilen des Gehirns 
hier gerade die Putamina am meisten betroffen wurden und der 
Erweichung anheim fielen, scheint durch die Eigenart der 

*) Anf die Betheiligung der Hemisphären und des Cortex bei choreatischen 
Bewegungsstörungen (Rokitansky, Greppin, Oppenheim-Hoppe) will ich 
behufs Abgrenzung des Themas nicht eingehen und werde hierauf in einer bald 
erscheinenden Arbeit über Chorea mit psychischen Störungen zurückkommen. 


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Prof. G. Anton. 


arteriellen Blutversorgnng in diesem Gangliengebiete be¬ 
dingt zu sein- Diese Bedingung hat noch ein individuelles here¬ 
ditäres Moment, wie auch aus der Mittheilung hervorgeht, 
dass zwei Geschwister an ähnlichen Erkrankungen litten. 

Das Putamen schien also bei unserem Kranken in beson¬ 
ders ungünstigen Ernährungsbedingnngen zu sein. Von diesem 
Standpunkte reducirt sich für den geschilderten Fall das grosse 
X, das wir „Disposition” nannten, auf die Anomalie des Ver¬ 
laufes und der Beschaffenheit der Gefässgruppe im dritten 
Linsenkerngliede. 

Welcher Art diese Anomalie war, ist schwer anzugeben. 

Ist es abnormal dünnes Lumen dieser Endgefässe, oder ist 
es deren ungünstiger Verlauf? 

Es sei hier gestattet, eine Annahme zu skizziren, die jene 
Collegen, welche über grösseres Material verfügen, leicht wider¬ 
legen oder bestätigen können. 

Unter den Antheilen der basalen Gehirnganglien, welche 
normalerweise eine „Disposition” zur Erweichung zeigen, sind 
zum Theile der Kopf des Nucleus caudatus und der vordere 
Theil des Putamens hervorzuheben. 

Die Anordnung der dazu gehörigen Gefasschen und deren 
pathologische Bedeutung hat in neuerer Zeit Kolisko* 5 ) ein¬ 
gehend untersucht. Schon Duret 14 ) und Heubner 13 ) haben ge¬ 
funden, dass diese Gefässchen meist von der Arter. cerebr. 
anterior entspringen und einen längeren rückläufigen Ver¬ 
lauf nehmen. 

Die Untersuchungen mit zahlreichen Injectionen, welche 
Kolisko vornahm, bewiesen, dass dieser Ursprung und Verlauf 
ein vollkommen constanter ist. Der Autor benennt sie auf Grund 
seiner Erfahrungen geradezu als die Gehirnerweichungsarterien. 

Der Abgang dieser Arteriolen, deren K. stets ein bis zwei 
zählte, erfolgt in spitzem Winkel und fast entgegen der 
Richtung des Blutstromes in der Arter. cerebr. anterior; 
dies sind entschieden Momente, welche uns das leichtere Ver¬ 
siegen des Blutstromes in den dazu gehörigen Ganglienmassen 
begreiflich machen. 

Die Ursache dieses eigenthümlichen Verlaufes sieht Ko¬ 
lisko in der normalen Wachsthumsexpansion des Gehirns 
und äussert sich darüber folgendermassen: 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 157 


„Die Bildung der Hemisphärenblasen tritt zu einer Zeit 
auf, /wo die Gefassanlagen für die primären Gehirnblasen schon 
lange vorhanden sind und bei dem mächtigen Wachsthume des 
Vorderhirns nach vorne] rücken zwar die vorderen Antheile 
der Circulusanlage mit nach vorne; was aber von Gefässästen 
schon ins Gehirn abgegangen ist, bleibt mit seinen Eintritts¬ 
stellen rückwärts, während die Ursprungsstellen mit dem 
vorderen Theile der Circulusaniage nach vorne wandern. Daher 
stammt offenbar jener rückläufige Verlauf.” 

Es ist nun denkbar, dass derartige ungünstige mechanische 
Verhältnisse in der Blut Versorgung auch bezüglich der mittleren 
und hinteren Partien des Putamens, oder bezüglich der inneren 
Linsenkernglieder platzgreifen. 

Ob in diesen Gebieten ein abnormaler Ursprung der arte- 
riolen, etwa von den Arter. cerebr. anterior vorkommt, ist uns 
nicht bekannt. 

Wohl aber kann durch abnormale Expansion des 
Gehirns das Verhältniss der Gehirnbasis zum Circulus Vilisii 
und damit Ursprungswinkel und die Richtung der Endgefässe 
sich verändern; dies insbesondere im kindlichen Schädel. 

In unserem Falle wäre als Ursache der abnormalen Ex¬ 
pansion der noch nachweisbare Hydrocephalus *) anzusprecben, 
welcher übrigens in der Familie hereditär zu sein scheint. 

Eine schwierige Frage der epikritischen Besprechung des 
beschriebenen Falles ist nun die: Ob die allgemeine chronische 
Chorea mit den symmetrischen Läsionen im Putamen in irgend 
einem ursächlichen Zusammenhänge steht? 

Für diese Annahme sprechen in unserem Falle folgende 
Erwägungen: 

Fürs erste gestattet uns die Uebersicht über alle Gehirn- 
schnitte andere bemerkenswerthe Läsionen auszuschliessen. 

Die Bewegungsstörungen waren bilaterale, fast symme¬ 
trische, ebenso wie die Befunde im Linsenkerne. 

Auch im Rückenmarke Hess sich keine Abnormität nach- 
weisen. 

Die Literatur über die Befunde bei Gehirnerkrankungen, 
welche mit choreatischen Symptomen einhergingen, ist eine sehr 

*) Die Veränderungen der Gehirngestalt dabei habe ich an mehreren Füllen 
geschildert. Zur Anatomie des Hydrocephalus. Wiener med. Jahrbücher 1888. 


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Prof. G. Anton. 


reichliche und berichtet von sehr mannigfachen Befunden im 
Gehirn, im Rückenmarke und selbst in den peripheren Nerven 
(Elischer).* 7 ) 

Hierüber bestehen vollständige Zusammenstellungen, welche 
wir hier nicht wiedergeben wollen.*) 

Die Mehrzahl der Untersucher kam zu dem Ergebnisse, 
dass bei der Chorea des Menschen die Ganglien an der Gehirn¬ 
basis, also der Sehhügel, der Streifenhügel und der Linsenkern, 
am häutigsten betroffen sich zeigten. 

Es fanden sich dabei Erweichungen, Blutaustretungen, in 
letzterer Zeit auch hyaline Körperchen, welche meist concen- 
trisch die Capillaren umgaben (Flechsig’sche Körper).**) Die 
letzteren Veränderungen betrafen den Linsenkern, am stärksten 
dessen innere Glieder (Globus pallidus). 

Gleiche und ähnliche Befunde aber fanden sich auch ohne 
choreatische Bewegungsstörungen. 

Was nun die Herderkrankungen im Putamen des 
Linsenkernes betrifft, so hat dieselben 0. Hebold 2Si ) in den 
letzten Jahren zum Gegenstände einer speciellen Untersuchung 
gemacht. 

Derselbe theilt zunächst zwei Fälle von bilateralen Er¬ 
weichungen im Putamen des Linsenkernes mit, welche mit 
choreatischen Bewegungsstörungen einhergingen. 

Der erste Fall betraf eine senile Frau mit Atrophie des 
Grosshirns und Hydrocephalus. 

Dabei war hervorzuheben, dass die choreatischen Erschei¬ 
nungen früher und stärker auf der rechten Seite sich zeigten 
während der Herd in dem dazu gehörigen linken Putamen der 
kleinere war. 

Im zweiten, gleichfalls mit seniler Verworrenheit compli- 
cirten Falle bestand allgemeine Unruhe, Tremor der Hände und 
zittriger, unsicherer Gang. 

Die Obduction ergab u. a.: Atrophie des Gehirns, weiterhin 
im Linsenkerne und an der Vormauer eine hämorrhagische Er¬ 
weichung auf beiden Seiten. 


*) Hierüber ist nachzusehen Zierasen in seiner Sammlung. — Eulenburg, 
Realencyklopädie. — Au dry 12 ) und Kraeraer. Archiv f. Psychiatr., Bd. XXIII. 

**) Siehe Wollenberg, Archiv f. Psychiatr., Bd. XXIII, Heft I. 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 159 


Der Autor theilt aber gleichzeitig zwei Fälle von, wie es 
scheint, senilen Gehirnerkrankungen mit, wobei die Obduction 
u. a. im Putamen des linken Linsenkernes je eine kleine, alte 
Cyste nachwies. 

In diesen beiden letzteren Fällen wurden choreatische 
Bewegungsstörungen nicht nachgewiesen. 

Der geschätzte Autor scheint auf Grund dieser Befunde 
geneigt, auzunehmen, dass Verletzungen der Putamina ohne 
Symptome einhergehen. (Der nach Edinger daselbst citirte Fall 
Fürstner’s betrifft nicht das Putamen, sondern die inneren 
Linsenkernglieder.) 

Es scheinen uns jedoch dagegen Einwendungen gerecht¬ 
fertigt. 

In den zwei letzten Fällen schliesst die Krankengeschichte 
nicht aus, dass wenigstens in früheren Zeiten bei der ursprüng¬ 
lichen Läsion leichtere choreatische Störungen vorhanden waren. 
Insbesondere beweisen diese Fälle nichts für die Symptome 
einer beiderseitigen Verletzung des Putamens. Die beiden 
ersten Fälle, welche Heb old hierüber mittheilt, waren mit 
choreaartigen Bewegungsstörungen verbunden. Der von uns 
mitgetheilte Fall, welcher eine sehr umschriebene beiderseitige 
Läsion betrifft, schliesst sich also diesen als ein mit Chorea 
einhergehender Fall an. 

Wir halten uns also für berechtigt zu resumiren: 

Es sprechen in dem geschilderten Falle die positiven 
Gründe dafür, dass die allgemeine Chorea mit der beider¬ 
seitigen umschriebenen Veränderung der grauen Substanz des 
Putamens in innigem Zusammenhänge stand. 

Es darf heute wohl als sicher bezeichnet werden, dass die 
Lähmungen, welche beim Menschen nach Läsionen des Linsen- 
kernes-Streifenhügels auftreten, nicht auf diese, sondern auf 
Mitverletzungen der Capsula interna zu beziehen sind. 

Mehr verdienen von den Thierexperimenten die Mittheilungen 
Nothnagel’s, 8 ) Magendie’s 7 ) u. A. Beachtung, dass bei Ver¬ 
letzungen dieses Ganglions lebhafte Zwangsbewegungen und Be¬ 
wegungsunruhe entstehen. 

Magendie scheint überdies dieses Resultat voll aus¬ 
gesprochen nur bei beiderseitiger Zerstörung dieses Ganglions 
erzielt zu haben. Jedenfalls spricht derzeit auch eine Zahl von 


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Prof. G. Anton. 


anatomisch-kritisch gesichteter Obductionsbefunde beim Menschen 
dafür, dass bei Läsionen dieses Ganglions nicht Bewegungs- 
lähmnngen, sondern ungeordnete Mitbewegungen auftreten 
können. 

Kahler und Pick 39 ) haben jedoch in einer ausgezeichneten 
Arbeit über Hemichorea der Auffassung Ausdruck gegeben, 
dass die Localisirung der entsprechenden Gehirnerkrankung 
dabei nur insofern in Betracht kommt, als dadurch auf die 
anatomisch nahegelegene Pyramidenbahn ein starker Beiz aus¬ 
geübt werden kann. 

So können Contracturen und posthemiplegische Bewegungs¬ 
erscheinungen anatomisch unter einen einheitlichen Gesichts¬ 
punkt gebracht werden. 

Diese Lehre hat viele Anhänger gefunden; in neuerer Zeit 
ist Kolisch lebhaft dafür eingetreten und hat durch ergänzende 
Literaturangaben, sowie durch eigene Beobachtungen weiter 
ausgefuhrt, dass auch unterhalb der Capsula interna im Vier¬ 
hügelgebiete und in der Ponsregion choreatische und ähnliche Be¬ 
wegungen durch Herderkrankungen ausgelöst wurden, welche der 
anatomischen Contiguität nach den Pyramidenbahnen naheliegen. 

Stephan 40 ) hat dagegen Einwände erhoben, insbesondere 
hervorgehoben, dass es sich hierbei nicht um einfache Beiznngs- 
symptome, sondern um Coordinationsstörungen handelt, und 
theilte Befunde nach Chorea mit, bei denen die Capsula interna 
nicht interessirt war. 

In unserem Falle schien bei Intactheit der inneren Linsen¬ 
kernglieder der beiderseitige Herd im Putamen nicht geeignet, 
die Pyramidenbahn der inneren Kapsel sehr in Mitleidenschaft 
zu ziehen. Dennoch möchte ich insofern der Auffassung Kahler’s 
und Pick’s mich hierbei anschliessen, als ich die beobachteten 
Bewegungsstörungen nicht für ein directes Herdsymptom 
halte. Ich komme am Schlüsse darauf zurück. 

Um zu illustriren, wie mannigfaltig die Befunde bei Chorea 
sein können, will ich mir gestatten, kurz die Krankengeschichte 
eines zweiten Falles mitzutheilen, wobei die choreatischen 
Zuckungen zu weitgehenden Gelenksverbildungen und Muskel¬ 
atrophien führten; die letzteren waren wohl geeignet, mittelbar 
auch zu Veränderungen in den peripheren Nerven und im 
Bückenmarke zu führen. 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 161 


n. Fall. 

Gs.Isidor, 42jähriger Pfründner aus Gurgl im Oetz- 

thal. Ueber erbliche Veranlagungen zu Nervenkrankheiten konnte 
bei diesem Kranken nichts nachgewiesen werden. In der Jugend 
soll er Rachitis überstanden haben. Seit früher Kindheit sollen 
die noch jetzt bestehenden lebhaften Zuckungen und 
schleudernden Bewegungen im ganzen Körpergebiete 
bestehen. Er war viermal erkrankt an einer schmerzhaften, mit 
Schwellung einhergehenden Gelenksentzündung, und zwar einmal 
in früher Kindheit, dann im 12., 20. und im 30. Lebens ahre. Im 
20. Lebensjahre hat sich, angeblich spontan, eine Luxation im 
rechten Hüftgelenke eingestellt Das Bein ist seither auffällig 
kürzer. 

Im März 1893, während der Nacht, stellten sich auch in 
der linken Inguinalgegend lebhafte Schmerzen ein und Patient war 
nicht mehr im Stande« aufzustehen. 

Bei der Aufnahme am 28. Juni 1893 bot der Kranke folgen¬ 
den Befund dar: Am ganzen Körpergebiete besteht lebhafte Muskel¬ 
unruhe, welche sich lebhaft steigert, wenn der Kranke angesprochen 
oder zu irgend einer Bewegung aufgefordert wird. In beiden 
Gesichtsbälften besteht dabei lebhaftes Grimassiren. Am meisten 
verschont erscheinen die Bewegungen des Auges. Die Bewegungen 
der Zunge beim Sprechen, Schlucken, Vorstrecken waren nicht 
beeinträchtigt, aber begleitet von allerlei stürmischen und zweck¬ 
losen Mitbewegungen in der Musculatur der Extremitäten. Die 
Sprache war zeitweilig durch Exspirationsstösse gestört, dadurch 
etwas saccatirt, die Stimme auffällig gepresst. Die schleudernden 
und zuckenden Mitbewegungen waren am bedeutendsten an den 
Extremitäten, weniger im Bereiche der Bauchmuskeln. Wegen der 
Unruhe konnten die Sehnenreflexe an den Ellbogen und Knie¬ 
gelenken nicht demonstrirt werden. Auch die Rückenmuskeln 
nahmen an dieser Unruhe theil und der Brustkorb zeigte schnell rhyth¬ 
mische Volumschwankungen. 

Die Gelenke zeigten vielfach schwere Veränderungen. Das 
linke Schultergelenk war sehr schlotterig gegen den Processus 
coracoideus hin subluxirt. Auch das rechte Ellbogengelenk schlaff, 
häufig in übermässiger Extensionsstellung, beide Handgelenke 
erschienen radialwärts verschoben. Die Phalangialgelenke waren 
theilweise schlaff und bei Bewegungsversuchen in deutlicher Ueber- 
streckung. Am rechten Beine bestand eine Luxatio illiaca mit 
weitgehender Verkürzung dieses Beines. Das rechte Kniegelenk 
war enorm schlotterig. Die Zehen des rechten Fusses waren im 
Bereiche der Metatharso-phalangialgelenke extrem gebeugt, so dass 
sie die Planta pedis fast berührten. Die Musculatur des Ober- und 
Unterschenkels erschien rechts mehr atrophisch als links, wie die 
wiederholten Messungen ergaben. 

Jahrbücher f. P»ychiatrle u. Ncrrenh. XIV. Bd. H 


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162 


Prof. G. Anton. 


Am linken Beine war im Hüftgelenke eine weitgehende 
Luzatio pubica zu constatiren, so dass der Gelenkskopf des Femur 
in der Inguinalfaite sich vorwölbte. Auch hier befanden sieb die 
Zehen des Fusses in extremer Beugestellung. 

Ein Versuch zur Reponirung (vorgenommen durch Herrn 
Professor Nicoladoni) scheiterte an der, wie es schien, weit¬ 
gehenden Deformirung der Gelenksflächen überhaupt. In der Nar¬ 
kose hörten die Zuckungen vollkommen auf. 

Dergestalt waren die Bewegungsstörungen des Kranken noch 
complicirt durch die bedeutenden Veränderungen in den Gelenken, 
welche sich im Laufe der Jahrzehnte dazu gesellte. Neben den 
Atrophien der Muskeln haben sich auch schmerzhafte Paresen im 
linken Arme und in beiden Beinen entwickelt. 

Zur Demonstrirung der rein choreatischen Bewegungsstörungen 
war daher fast nur der rechte Arm geeignet. Der Kranke konnte 
mittelst Krücken sich mühsam fortbewegen, wobei die lebhaften 
schleudernden Mitbewegungen und die abnorme Beweglichkeit der 
Gelenke dem ganzen Körper eine höchst bizare Stellung und 
Haltung verlieben. Den lebhaften Schmerzen, welche die chorea¬ 
tischen Bewegungen im linken Schultergelenke beständig verur¬ 
sachten, konnten wir einigermassen durch eine Lederkappe steuern, 
welche die Schultergelenke fixirte. 

Auch dieser Kranke zeigte keinerlei psychische Störungen. Er 
zeigte ein gutes Gedächtniss und richtiges Urtheil, tröstete sich 
selbst mit stoischen Erwägungen über seinen jammervollen Zustand. 
Seine Klagen betrafen nur die Schmerzen, welche ihm die Gelenks¬ 
luxationen verursachten. 

Als Gegenstück zum I. Falle seien die Krankengeschichte 
und der anatomische Befund eines dritten Patienten wieder¬ 
gegeben .*) 

HL Fall. 

K. Johann, 65jähriger Buchhalter, wurde am 28. August 1890 
auf die Klinik weiland Meynert’s aufgenommen. 

Bereits fünf Jahre vorher soll er öfter an Angst und Unruhe 
gelitten haben. 

Das geistige Arbeiten ging ihm sehr schwer und er soll mit 
geistigen Getränken nachgeholfen haben. 

Am 21. August 1890 haben sich plötzlich Schwindelzustände 
eingestellt, er ging taumelnd nach Hause, wankte dabei stets nach 
links, stiess auf dieser Seite an die Vorübergehenden an. 

Zu Hause geberdete er sich verwirrt, klagte, dass die Stube 
fast finster sei, sah Fliegen und Flocken in der Luft* behauptete, 

*) Die Krankengeschichte ohne den mikroskopischen Befund habe ich 
seinerzeit in der Zeitschrift für Heilkunde, Band XIV, in einer Arbeit über 
Localisation der Muskelsinnstörungen im Grosshime mitgetheilt. 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 163 

sein linker Arm und sein linkes Bein seien fremd, gehören nicht 
zu ihm, wollte beständig die Handschuhe von seiner linken Hand 
herunterziehen. 

Da er auch aggressiv gegen die Umgebung wurde, brachte 
man ihn auf die psychiatrische Klinik. 

Daselbst zeigte er sich völlig verworren, litt an Gesichts- und 
Gebörstäuschungen. 

Er beklagte sich beim Arzte, dass seine Tochter links neben 
ihm liege, ihn mit Liebesanträgen verfolge, ihn zum unerlaubten 
Umgänge zwinge, weiterhin ihm öfter mit den Fingern in die 
Augen fahre. Er wähnt und sieht auch seine Frau am linken Bett¬ 
rande, beklagt sich, dass dieselbe mit den Wärtern sexuell ver¬ 
kehre. Sexuelle Vorstellungen kehren überhaupt in seinem Delirium 
häufig wieder. 

Patient äusserte lebhafte Schwindelgefühle, wankte stark nach 
links. Die linke Pupille war ein wenig weiter als die rechte, 
reagirte träger auf Lichteinfall. 

Es besteht vollständige homonyme Hemianopie nach links. 
Die Augenbewegungen sind frei, doch ist es auffällig, dass der 
Kranke selbst bei lebhaftem Anrufen nur selten nach links blickt, 
gewissermassen die Geschehnisse an seiner linken Seite ignorirt. 
Die Geruchsempfindung scheint beiderseits etwas herabgesetzt. 
Die Zuuge wird ungehindert bewegt, gerade vorgestreckt, zittert leicht. 

Die Bewegungen der Kaumuskel erfolgen beiderseits gleich. 
Wenn der Kranke sich selbst überlassen bleibt, ist es auffällig, 
dass die linksseitigen Gliedmassen spontan fast nie bewegt werden. 
Die groben Bewegungen erfolgen jedoch rechts um weniges rascher 
als links. Bei subtileren Bewegungen aber. z. B. Ergreifen einer 
Stecknadel, Richten der Taschenubrzeiger, Geldzählen, erweist sich 
die linke obere Extremität auffällig atactisch. 

Der Druck mit der linken Hand ist auffällig schwach, wird 
jedoch fast gleich dem der rechten, wenn der Händedruck auf beiden 
Seiten gleichzeitig erfolgt. 

Bei geschlossenen Augen vorgenommene Passivbewegungen 
werden von dem Patienten anfangs gar nicht wahrgenommen, erst 
bei sehr weiten Bewegungsexcursionen signalisirt Patient eine vor¬ 
genommene Lageveränderung, kann dieselbe jedoch nicht näher 
bezeichnen. Wird der Kranke in dieser Lage aufgefordert, die links 
passiv vorgenommenen Bewegungen mit dem rechten gesunden 
Arme nachzuahmen, so wird dies in völlig unrichtiger Weise voll¬ 
zogen, oder der Kranke gibt selbst an, dass er dies nicht im 
Stande sei. Wird dieser Versuch umgekehrt vorgenommeu, so 
imitirt der Kranke bei geschlossenen Augen alle passiven Bewe¬ 
gungen der rechten Körperhälfte mit der linken oberen Extremität 
rasch und richtig. 

An der unteren Extremität ist das Lagerungsgefühl linkerseits 
nur um weniges besser erhalten. 

11 * 


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Proi. G. Anton. 


Die cutane Sensibilität ist für Tast- und Schmerzempfindung, 
sowie für Temperaturwahrnehmung auf der ganzen linken Körper¬ 
hälfte im Allgemeinen bedeutend herabgesetzt. 

Stellenweise gibt es völlig empfindungslose Stellen, am 
Rücken, am Vorderarm, am Unterschenkel. 

Die Bauchdeckenreflexe fehlen beiderseits, der Cremasterreflex 
nur rechts auslösbar, ebenso der Plantanreflex. 

Die Sehnenreflexe sind durchwegs auf der linken Körperhälfte 
erhöht. 

Der Muskeltonus auf der linken Seite herabgesetzt, die ganze 
Körperhälfte stets kühler anzufühlen. Die Localisation der Haut¬ 
empfindungen ist völlig ungenau, Patient irrt sich bei diesen Be¬ 
stimmungen stets. 

Leichten Druck empfindet der Kranke als solchen gar nicht, 
sondern erst erhebliche Steigerungen desselben. 

Besonders erwähnenswerthe Abnormitäten an den übrigen 
körperlichen Organen waren nicht vorhanden. 

Dieser Befund besserte sich im Laufe der Behandlung nur 
wenig, relativ am besten stellte sich die cutane Sensibilität 
wieder her. 

Die Bewegungen unter Controle des Blickes wurden weniger 
ataktisch. 

Die grobe motorische Kraft kam desgleichen besser zur Ent¬ 
faltung. 

Der Gang des Kranken wurde weniger schwankend, doch 
blieb er trippelnd, das linke Bein wurde unsicherer aufgesetzt. Die 
Hemianopie besserte sich nur um wenige Grade, so dass Patient 
ausser Stande blieb, zu lesen, da er die nächstfolgende Zeile schwer 
zu finden vermag. Sicher aber war Alexie nicht vorhanden. 

Die Verworrenheit besserte sich allmählich und machte einem 
geordneten, jedoch apathischen Zustande Platz. 

Die Wahnideen corrigirten sich nur langsam. 

Die Erinnerung an den verworrenen Zustand blieb eine 
unklare. 

Auffällig blieb während des ganzen Spitalaufenthaltes eine 
rasche Ermüdbarkeit, weiter das Unvermögen zur längeren Auf¬ 
merksamkeit; leicht trat ein verworrener Zustand bei Dunkel¬ 
heit ein. 

October 1892. Die homonyme Hemianopie besteht fort. Der 
Geruch auf der linken Seite ist nachweislich herabgesetzt. Die 
beiden Gesichtshälften sind bei allen Bewegungen gleich stark 
innervirt. Beim Schlucken flüssiger Nahrung erfolgt öfteres Regur- 
gitiren (Struma maligna mit Druck auf den Oesophagus). 

Die Gaumenbewegungen und Gaumenreflexe sind ungestört. 

Die linke obere Extremität ist leicht abgemagert. 

Mitte des Oberarmes links 20 Centimeter, rechts 22 Centi- 
meter. 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 165 


Grösster Umfang des Vorderarmes links 21 Centimeter, rechts 
23 Centimeter. 

Am linken Arme findet das Heben über die Horizontale im 
Schultergelenke leichten Widerstand, desgleichen der Versuch einer 
forcirten Streckung im Vorderarmgelenke; die Hand- und Finger¬ 
bewegungen sind vollkommen frei. Die grobe Kraft entspricht der 
vorhandenen Musculatur. 

Die Bewegungen sind noch immer schwer ataktisch, zweck¬ 
mässige Bewegungen nur unter Controle des Blickes möglich. 

Passive Stellungen und Lageveränderungen, welche der linken 
oberen Gliedmasse gegeben werden, nimmt Patient erst wahr, 
wenn dieselbe über die Horizontale erhoben wird; es scheint aber 
mehr ein Schmerz, als eine richtige Lagevorstellung dadurch be¬ 
dingt zu werden. 

Demgemäss kann der rechte Arm die links passiv vorgenom¬ 
menen Bewegungen nicht imitiren. Dagegen ahmt bei passiven Be¬ 
wegungen des rechten Armes der linke Arm mit grosser Präcision 
alle vorgenommenen Bewegungsexcursionen nach. Der rechte Arm 
erscheint wie ein Hebel, von dem aus man auch die linke Ober¬ 
extremität entsprechend in Bewegung setzt. 

Diese Nachahmungsbewegungen sind jedoch mehr gestört durch 
verschiedene Nebenbewegungen, als die, welche der Patient über 
Auftrag unter Controle des Blickes mit diesem Arme selbst 
vollzieht. 

Die Nachahmung erfolgt viel besser bei Bewegungen im 
Schultergelenke und Ellbogengelenke; beim Strecken und Beugen 
der Finger und im Handgelenke wurden auch diese Bewegungen 
links nachgemacht, aber begleitet von allerlei Mitbewegungen im 
Schultergelenke, auch von unzweckmässigem Spreizen der Finger. 

Beim Gehen wird das linke Bein noch leicht stampfend auf¬ 
gesetzt, zeitweilig am Boden geschleift. 

Das linke Bein kann circa 1 Decimeter gehoben werden, ohne 
dass Patient dies merkt, die passiven Bewegungen der Zehen werden 
gar nicht appercipirt. 

Die cutane Sensibilität im Gesichte ist ungestört. Die Tast- 
und Schmerzempfindung ist links am Sumpfe und an den Extremi¬ 
täten deutlich herabgesetzt; bemerkenswert)} dabei ist, dass an den 
Gliedmassen alle Empfindungsqualitäten peripheriewärts, also auf der 
Hand und am Unterschenkel deutlich abnehmen. 

Die Sehnenreflexe sind links gesteigert, kein Dorsalclonus. 

An diesem Kranken konnte ich nun, wie an zwei ähnlich 
afficirten, constatiren, dass, obwohl eine Muskellähmung nicht be¬ 
stand, er spontan oft stundenlange keine Bewegungen voll¬ 
führte. Auch beim Anrufen reagirte er nur wenig mit Bewegungs¬ 
äusserungen. Die Blickrichtung, die Kopf- und Körperwendung 
nach links erfolgte nur nach öfterem und dringlichem Anrufen. Die 
linke Körperhälfte verblieb meist ruhig wie ein Anhängsel. Dies 


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Prof. 6. Anton. 


selbst bei den gewöhnlichen Bewegungsleistungen, bei denen beide 
Körperhälften sich automatisch mit zu betheiligen pflegen, z. B. 
beim Heben der Bettdecke, beim Essen, Kleideranziehen, Gesticu- 
liren u. s. w. 

Den makroskopischen Obductionsbefund (Prof. Kolisko) 
wollen wir nur auszugsweise mittheilen. Es fand sich im Ge¬ 
hirn eine Endarteritis chronica und ein alter Thrombus in 
der Arteria cerebri posterior dextra. Der rechte Cuneus 
und der rechte Calcar avis waren sammt der Marksubstanz er¬ 
weicht; ebenso war der Sehhügel (mit Ausnahme der vorderen 
Antheile) sammt dem Corpor. geniculatis in eine erweichte 
Cyste verwandelt. Auch am hintersten und unteren Antheile 
der Balkenzwinge ein circa bohnengrosser Erweichungsherd. 

Mikroskopischer Befund. 

Die rechte Hemisphäre dieses Gehirns wurde nun durch 
einen horizontalen Durchschnitt unterhalb des mittleren Balkens 
abgekappt; der Schnitt traf noch das Balkenknie, rückwärts 
den Gyrus cinguli in seinem absteigenden Theile, nach aussen 
den horizontalen Ast der Sylvi’schen Grube. 

Es wurden mikroskopische horizontale Durchschnitte durch 
das ganze Gehirn angefertigt, bis hinab zu dem Niveau der 
Comissura anterior. 

An den obersten Schnitten, welche in ein Bereich fielen, 
wo Putamen und Nucleus caudatus reichlich confluiren, zeigten 
sich diese Ganglien vollkommen unversehrt. Vom Thalamus 
opticus war ein dreieckiges Areal seiner Substanz in seinem 
vordersten Antheile erhalten, daran schloss sich nach rückwärts 
eine völlig entartete Zone, welche keine Zellen und keine 
Nervenfasern mehr aufwies. Die Capsula interna in diesem 
Niveau erschien in ihrem vorderen Schenkel schmäler, ihr hinterer 
Schenkel war unversehrt bis in die Querebene, welche der 
hinteren Grenze des Putamen entspricht. Von da ab war dieses 
Fasersystem auf Hämatoxylinscbnitten blässer anzusehen, und 
enthielt weniger markhaltige Nervenfasern. Die Degenerations¬ 
zone begann circa an der Stelle, wo die Capsula externa und 
interna auf dem Horizontalschnitte zusammenstossen. Die Capsula 
externa, das Claustrum und die Rinde der Insel erschienen 
hier, sowie an allen weiteren Schnitten normal. (Taf. TI, Fig. 3.) 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 167 


An Schnitten, welche die hintere Gehirncommissur 
trafen, wurden auch die beiden vorderen zwei Hügel horizontal 
durchschnitten. Auch an solchen Durchschnitten war nur der 
vordere innere Antheil des Thalamus opticus intact, der Schätzung 
nach etwa der vierte Theil dieses Ganglions. An diesen 
Schnitten erwies sich wiederum der hintere Schenkel der 
Capsula interna bis nahe zum hinteren Ende des Putamens 
intact; von da ab nach rückwärts zogen spärliche Faserzüge, 
meist horizontal getroffen, gegen das Occipitalmark zu. Die 
hinteren Antheile des Thalamus • opticus waren zum Theile in 
einen cystischen Raum verwandelt. Die Commissura posterior 
war in zwei starken, dunkelgefärbten Lamellen vertreten, an 
denen wir eine Degeneration nicht nachweisen konnten. Die 
dorsale Lamelle war bis zu dem wohlerhaltenen Reste des 
Thalamus opticus hin zu verfolgen. Weitere Fortsetzungen 
dieses Faserzuges zogen durch das erwähnte dreieckige Areal 
hindurch und schienen bis in die Capsula interna sich zu er- 
giessen. (Taf. III, Fig. 5.) 

An den schief horizontalen Durchschnitten durch beide 
Vierhügel war, aus dem tiefen Marke dieses Ganglions stammend, 
beiderseits ein Faserbündel ersichtlich, welches von hinten 
innen nach vorne aussen verlief. Rechts war dieses Bündel 
auffällig blässer, es konnte auf dieser Seite bis zu den degene- 
rirten Massen des Sehhügels verfolgt weiden. Die oberflächliche 
Markzone des rechten Vierhügels war vollkommen verschwunden, 
links deutlich erhalten. (Taf. III, Fig. 5.) 

An horizontalen Durchschnitten, welche den dritten Ven¬ 
trikel, zum Theile den Aquaeductus Sylvii trafen, war auch ein 
Theil des rothen Kernes und der Discus lentiformis ersicht¬ 
lich. An solchen Durchschnitten, woselbst das Corpus Striatum 
etwas abgenommen, wurden am Linsenkerne die drei inneren 
Glieder mit den drei bogenförmig angeordneten Laminae 
medulläres in normaler Structur ersichtlich. (Taf. III, Fig. 4.) 

Wie an den letzterwähnten Schnitten, so schien auch hier 
der vordere Schenkel der Capsula interna schmäler als an 
Durchschnitten durch ein normales Controlgehirn. Hier formirt 
sich übrigens bereits der Uebergang zum Hirnschenkelfusse. 
Der letztere zeigte desgleichen bis zu den äussersten und rück¬ 
wärtigen Partien keine degenerirten Antheile. Von der 


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Prot G. Anton. 


Erweichangszone der daselbst befindlichen Ganglien der Corpora 
geniculata werden diese zur Capsula interna aufsteigenden 
Faserzüge getrennt durch ein Bündel, welches aus dem mittleren 
Stratum und der Schleifengegend der Vierhügel kommt und 
sich mit Fasern aus der Umgebung des rothen Kernes ver¬ 
einigt. Dieses Bündel zieht quer nach aussen und über¬ 
schreitet fast senkrecht den Uebergang der inneren Kapsel 
zum Occipitalmarke. Die weiteren Endigungen dieses Bündels 
konnten wir nicht genau verfolgen; an einzelnen Schnitten 
konnten wir dasselbe bis zum Hemisphärenmarke hinter der 
Insula Reilii verfolgen, es schien also in der Gegend des 
Gyrus angularis zu enden. Die wahrscheinlichste Deutung ist 
wohl die, dass dieses Bündel eine centrale Fortsetzung 
der Schleifenbahn nach der Gehirnrinde zu darstellt 
(Taf. IH, Fig. 4.) 

Rückwärts vom Hirnschenkelfusse konnte das schon in 
höheren Schnitten geschilderte horizontale, gegen das Occipital- 
mark zu verlaufende Bündel besonders deutlich nachgewiesen 
werden. Es reicht bis zum Hirnschenkelfusse hinan und scheint 
dessen hintersten und äusseren Partien zu entstammen. — 
Nach rückwärts zu konnten wir es verfolgen bis in das 
Hemisphärenmark, der äusseren Wand des Hinterhornes. Auffällig 
an diesem Bündel ist die lockere Anordnung und der wellen¬ 
förmig geschlungene Verlauf seiner Fasern. Wir halten es für 
jenen Antheil der occipitalen Bahnen, welcher direct 
vom hinteren Antheile des Hirnschenkelfusses und 
zum Theile der Capsula interna occipitalwärts umbiegen. 

Von der Substanz des Sehhügels und der Corpora geni¬ 
culata ist an diesen Durchschnitten kein normaler Rest mehr 
vorhanden. Im Anschlüsse daran setzt sich occipitalwärts, parallel 
der Ventrikelwand, eine breite Degenerationszone fort, welche 
nach rückwärts bis nahe zum Hinterhauptspole eine Degenerations¬ 
zone bildet, welche an Hämatoxylinschnitten ganz gelichtet, an 
Nigrosin und Carminschnitten dunkel verfärbt, sich ziemlich 
scharf von der umgebenden Marksubstanz abhebt. Diese 
Degenerationszone konnten wir an allen Durchschnitten con- 
statiren. Dort wo das Occipitalmark in die Capsula interna und 
den Sehhügel übergeht, welche Stelle gerade durch die hintere 
Grenze der Insula Reilii markirt wird, ist der Querdurchmesser 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 169 


des Marklagers gerade halb so breit, wie die gleiche Stelle am 
linken Gehirne. Diese Degenerationszone verschmälert sich nach 
rfickwärts nur allmählich. Gegen die Ventrikel wand zu lagert 
sich diesem Degenerationsgebiete wiederum eine schmale Zone 
normaler Nervenfasern an, welche direct der Ependymschicht 
des Ventrikels angrenzt. Sie besteht aus längs- und schief¬ 
geschnittenen Faserbündeln, welche nach vorne bis an den ge¬ 
schilderten Erweichungsherd hinanreicht. In den vorderen An- 
theilen gehen von diesem Faserzuge senkrechte Nervenbündel 
gegen die äussere Hemisphärenrinde zu ab, indem sie die er¬ 
wähnte Degenerationszone quer durchsetzen. Diese Faserschicht 
entspricht dem Tapetum der Ventrikelwand, also einer Fort¬ 
setzung von Balkenfasern. (Fig. 3 u. 4.) 

Auch an Horizontalschnitten, welche in den tiefsten (ven¬ 
tralsten) Niveaux des Grosshirns gelegt wurden, ist die ge¬ 
schilderte bandförmige Degenerationszone deutlich nachweisbar. 
Dieselbe erstreckt sich also auch in die untersten Partien des 
Occipitallappens und in den Schläfelappen. In dem letzteren 
erstreckt sie sich bis zur Fissura Sylvii und zum vordersten 
Antheile der Fascia dentata. In diesen Regionen ist die 
Degenerationszone etwa um die Hälfte schmäler als in dem 
Niveau des mittleren Thalamus. Nach aussen wird sie begrenzt 
durch ein unversehrt erhaltenes, breites Faserbündel, welches 
gegen die Grenze des Stirnlappens zu sich keulenförmig ver¬ 
breitert und wie eine Schleuder einen Theil des Nucleus 
amygdalae zwischen sich fasst. — Die Verfolgung dieses Faser¬ 
zuges an den vorliegenden Gehirnen, sowie an Durchschnitten 
durch Controlgehirne zeigte uns, dass diese Schleuder einer¬ 
seits gebildet wird durch Antheile der Capsula externa und 
des Markes der Inselrinde, welche von diesseits und jenseits 
des Claustrums kommend, den Nucleus amygdalae zwischen sich 
fassen und theilweise nach rückwärts in die Längsrichtung 
umbiegen. Weiter rückwärts gesellt sich hierzu die Strahlung 
der Commissura anterior, welche daselbst horizontal um¬ 
biegend bis zum Occipitalhirn zu verlaufen scheint. Endlich 
treten zu dem erwähnten Horizontalbündel weitere Bestandtheile 
aus dem Hemispbärenmarke des Schläfelappens. Dieselben sind 
wohl als ein Theil des occipito-temporalen Associations¬ 
bündels, als das untere Längsbündel (Burdach) anzusehen. 


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Prof. G. Anton. 


Nach innen, nahe an der Ventrikelwand, grenzt an die 
Degenerationszone ein schmales Band markhältiger Nervenfasern, 
als Fortsetzung des vorerwähnten Tapetums der Ventrikel wand. 

Wir glauben, die letzteren Befunde über die ge¬ 
schilderte intracerebrale Degeneration richtig zn- 
sammenzufassen, wenn wir sagen, es entartete voll¬ 
ständig der hintere und der untere Sehhügelstiel, also 
die Strahlung dieses Ganglions nach dem Hinterhaupte 
(die centralen Sehstrahlungen) und die Verbindung 
dieses Ganglions mit einem Theile des Schläfelappen. 
Ebenso die Verbindungen der Corpor. geniculata. 

In der Beschreibung sei noch erwähnt, dass wir an den 
Durchschnitten des rothen Kernes und seiner nächsten Um¬ 
gebung ebenso am Corpus Luysii keine Veränderungen wahr¬ 
nehmen konnten. Die Substantia nigra Semmeringii schien in 
ihren vorderen Antheilen sehr zellenarm zu sein. 

Die Durchschnitte durch die unteren Zweihügel und den 
Pons mussten wegen der Beschaffenheit des Präparates ein 
wenig schief gelegt werden, von vorne oben nach hinten unten. 

Der Besichtigung mit blossem Auge erschien der rechte 
hintere Zweihügel um weniges flacher. Die Durchschnitte fielen 
leider ein wenig assymmetrisch aus. 

In den Schichten des rechten Vierhügels erschienen am 
auffälligsten das oberflächlichste und tiefste Marklager an 
Fasern verarmt. 

Die mittleren Partien (die kornfelderartige Fasernschicht 
Meynert’s) waren nicht merklich reducirt. 

Die hintere Commissur, welche hier über den Höhlen grau 
des Canalis Sylvii sich kreuzt, schien abwärts in fast normaler 
Stärke vorhanden. 

Ob der Faserzug nach der Seite des rechten hinteren Vier¬ 
hügels ein schwächerer war, liess sich mit Sicherheit nicht 
feststellen. Von grossem Interesse war uns das Verhalten der 
Schleifenbahn, deren Areal hier bekanntlich einen verticalen 
und einen bogenförmig umbiegenden, horizontalen Schenkel aufweist. 

Ein umschriebenes Degenerationsfeld konnten wir daselbst 
nicht nachweisen. Dagegen war auf allen Durchschnitten bis 
zum Ende des Canalis Sylvii der verticale Schenkel rechts deutlich 
verschmälert und insbesondere vor der Umbiegungsstelle in den 


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lieber die Betheüignng der grossen basalen Gehirnganglien etc. 171 


horizontalen Bogen deutlich reducirt. An Durchschnitten, welche 
die unterste Partie des Marksegels trafen, wo die Bindearme 
schon weiter auseinander rücken, war die schmale Zone der 
Schleife, welche den Bindearm daselbst deckt, rechts fast voll¬ 
kommen verschwunden. 

An den Bindearmen selbst konnten wir keine Assymmetrie 
wahrnehmen. Desgleichen war das Corpus trapezoides und der 
sensible Trigeminuskern unverändert. 

Auch an den Pyramidenbahnen sind au Durchschnitten 
durch den Pons, sowie durch die Medulla oblongata bis zur 
Pyramidenkreuzung mit keiner der Färbemethoden (Weigert, 
Pal und Nigrosin) krankhafte Veränderungen nachweisbar. Auf 
Schnitten durch die Medulla oblongata, wo sich bekanntlich das 
Areal der Schleifenbahn vertical formirt, Hess sich desgleichen 
eine Verschmälerung der Olivenzwischenschicht der 
rechten Seite nachweisen, insbesondere zeigte sich die 
Stelle, welche dem dorsalsten Antheile der Olive angrenzt, auf 
allen in Hämatoxylin gefärbten Schnitten schmäler als links. Die 
mikroskopische Untersuchung daselbst wies keinerlei Zerfalls- 
producte nach. Dagegen schien es, dass hier viel mehr dünne 
Fasern als rechts vorhanden sind. Die längsgetroffenen Fasern, 
welche an dieser Stelle von einer Seite zur anderen durch die 
Raphe ziehen, sind auf beiden Seiten gleich. Die Veränderungen 
betreffen also nur die quergetroffenen Fasern. Dieser Befund 
war auf allen Schnitten ein stetiger bis hinab zur sensiblen 
Kreuzung und den untersten Niveaux der Olive. 

Das Areal der motorischen Haubenregion (Flechsig) 
erwies sich an den genannten Durchschnitten im rechten inneren 
Areal nach Pal und Weigert-Färbung entschieden blässer und 
faserärmer als links, auf Nigrosinschnitten dagegen dunkler gefärbt. 

Die Entstehungsgeschichte dieses Befundes ist wohl im 
Groben nicht schwer zu deuten. Es fand eine theilweise Ver¬ 
legung der hinteren Gehirnarterie statt und im Anschlüsse 
daran erweichte, d. h. nekrotisirte und resorbirte sich ein 
grosser Theil der Gehirnpartien, welche zum Ernährungsbezirke 
dieser Arterie gehört. 

Die Gefässe der Ventrikel wand und die Choroidealgefässe, 
die Gefässe des Ammonshornes und weiter nach abwärts die 


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Prof. G. Anton. 


der Hirnschenkel und der Vierhägel scheinen gangbar geblieben 
oder z. B. durch Collateralen ersetzt worden zu sein. 

Die innigen functionellen und trophischen Beziehungen 
zwischen dem Bindenbezirke des Guneus und dem Thalamus 
opticus, sowie den Corp. geniculat., welche durch Monakow’s 
Meisterarbeiten klargelegt wurden, sind noch durch die That- 
sache complicirt, dass beide Gehirntheile durch ein Gefässrohr 
ernährt und durch dessen Verlegung gleichzeitig betroffen werden. 

Diese Thatsache ist nicht neu. Wir können also sagen: 
Die beiden Erweichungsherde sind in dem vorliegenden Falle 
nicht voneinander abhängig, sondern auf eine gemeinsame 
vasculäre Störung, auf Thrombose in der Arter. cerbr. posterior 
zurückzuführen. 

Die dazwischen liegenden degenerirten Bahnen des 
Occipitalmarkes sind jedenfalls die centralen Sehbahnen, welche 
nicht wegen Blutmangels, sondern secundär entarteten. 

Durch diese Läsionen schien nach abwärts zu bis auf eine 
Beducirnng der Schleifenbahn keine Degeneration verursacht 
worden zu sein. 

Die klinische Beurtheilung dieses Falles wollen wir 
kurz fassen, weil diese zum Theile schon anderweitig geschah.*) 

Die Hemianopie erschien nach unseren derzeitigen Er¬ 
fahrungen durch die Erweichung des Keillappens und auch die 
Entartung der Sehstrahlungen im Occipitalmarke begründet 

Der bedeutende Ausfall an Muskelbewegungsempfindungen, 
sowie die Verminderung der Bewegungsimpulse auf der linken 
Körperseite können durch Ausfall dieser letzteren Partie der 
Gehirnoberfläche nicht erklärt werden. 

Hierzu muss wohl in erster Linie die Verletzung des 
Thalamus herangezogen werden. 

In den Fällen, die ich bisher daraufhin untersuchte o. c. fand 
ich stets, dass ein weitgehender Verlust der Bewegungsgefühle 
auch mit einer Verminderung der Bewegungsanregungen einher 
ging. Wenn ich die Mittheilungen der besten Autoren hierüber 
zusamnienfasse, so geht aus diesen hervor: Dass erstens die 
Verletzungen des hinteren Thalamus die Anregungen 
zur Bewegung, insbesondere zu automatischen Be- 


*) Zeitschrift f. Heilkunde, Bd. XIV. 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 173 


wegungen herabsetzt, und zweitens, dass sie dieMuskel- 
und Bewegungsgefühle möglicherweise beeinträchtigen. 

Die erstere These ist seit den Arbeiten Nothnagel’s und 
Bechterew’s schon oft bestätigt und ist bereits ein diagnosti¬ 
scher Behelf geworden. 

Gegen letztere (zweite) Annahme sprechen zwar viele, 
grösstentheils aber nur negative Fälle (Redlich) 20 ). Daselbst 
auch eine übersichtliche Zusammenstellung der Literatur über 
Sehhügelläsionen gegeben). Wer Jahre lang solchen Fällen die 
besondere Aufmerksamkeit schenkt, wird bestätigen, wie leicht 
derartige Symptome bezüglich der Lage und Bewegungs- 
empfindnngen — besonders wenn Lähmung und Bewegungs¬ 
schwäche vorhanden sind — übersehen werden können. 

Ausdrücklich muss aber hervorgehoben werden, dass nach 
den wohluntersuchten Fällen von Nothnagel 30 ) und E d i n g e r 91 ) bei 
einseitigen Thalamusherden auch Muskelsinnstörungen fehlen 
können; auch Redlich 20 ) hat in vier Fällen mit stationären 
Herden in einem Thalamus opticus keine Störungen des Muskel¬ 
sinnes constatiren können. 

Es bleibt also noch die Möglichkeit offen, den hier statt¬ 
gehabten Ausfall von Bewegungsempfindungen auf Unterbrechung 
einer Bahn in den hintersten Antheilen der inneren Kapsel 
zu suchen. Die motorischen Bahnen aber in der c. i. und 
die rückwärts angrenzenden Faserzüge waren sicher 
unversehrt (siehe Fig. 4). 

Die Bewegungsanregungen, welche durch Zerstörungen 
des Thalamus opticus reducirt werden, sind insbesondere nach 
Nothnagel, Bechterew u. A. die mimischen Ausdrucks¬ 
bewegungen. Ich habe seinerzeit hervorgehoben,*) dass diese 
unter den physiologischen Bewegungsleistungen den choreatischen 
wohl am nächsten stehen. 

Sie sind automatische, ohne, selbst gegen den Willen mit¬ 
spielende Bewegungen, welche andere begleiten, mit denen sie 
oft in gar keinem zweckmässigen Bezüge stehen; das Bestreben, 
sie zu hemmen, verursacht rascher Ermüdung, als ihr freier, un¬ 
gestörter Ablauf. 


*) Wiener Klin. Wochenschrift 1893. 


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Prof. G. Anton. 


Freud 20 ) hat wiederholt darauf hinge wiesen, dass die 
Gesammtbe wegungen der Kinder im frühen Alter einen 
choreatischen Typus tragen, welcher nur allmählich sich ändert. 

Analoge Störungen sind wohl anch die bei Hemiplegikern 
auftreteuden, ungewollten Mitbewegungen an der gelähmten 
Seite, welche die Bewegungen der gesunden Seite begleiten.*) 

In unserem Falle aber — sei nochmals hervorgehoben — 
war gerade auffällig, dass die Mitbewegungen der linken Körper¬ 
hälfte ausblieben, obwohl eine Lähmung gar nicht vorhanden war. 

Die hier constatirten Bewegungsdefecte nach Sehhügel¬ 
erweichung wiesen also einen entschiedenen Gegensatz auf 
gegenüber den choreatischen und diesen nahestehenden Be¬ 
wegungserscheinungen. 

Was die beiden speciellen Fälle K. (I) und H. (III) betrifft, so 
lassen sich diese wohl (in Wiederholung einer seinerzeitigen 
Besprechung) derart gegenüberstellen: 

Im ersten Falle regte ein Willensimpuls eine Unzahl von 
lebhaften ausgiebigen Bewegungen an; ein tactiler Reiz, ge¬ 
steigerte Aufmerksamkeit oder Befangenheit und andere Affecte 
erzielten dieselbe Wirkung. 

Im zweiten Falle war auffällige Reducirung der Be¬ 
wegungen, sowohl der spontanen als der automatischen Mit¬ 
bewegungen. 

Im ersten Falle waren zu viel, im zweiten Falle zu wenig 
Bewegungen angeregt. 

Diesen Gegensätzen in den klinischen Erscheinungen ent¬ 
sprechen auch prägnant verschiedene Befunde: 

Die Folgen von Linsenkernläsion einerseits und von Seh¬ 
hügelerweichung andererseits waren hier fast gegenüber gestellt, 
während die motorische Bahn, i. e. die Pyramidenbahn, bei 
beiden sicher intact war. Mit der Linsenkernläsion war eine 
Hemmung und Anordnung der Bewegungen in Wegfall gekommen; 
mit der Sehhügelerweichung scheint die Anregung der Be¬ 
wegungen vermindert worden zu sein. 

Wie He noch 32 ) u. A. betonen, gibt es sehr verschieden¬ 
artige Gehirnerkrankungen, welche mit Chorea einhergehen; von 


*) Literatur hierüber: B. Greidenberg, Archiv f. Psychiatrie, Bd. XVIf, 
S. 159. 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 175 


einer ausschliesslichen and herdartigen Localisation derselben 
kann daher nicht die Rede sein. Es wäre ebenso verfehlt wie 
der Versuch, die Ataxien auf eine alleinige bestimmte Herdläsion 
zu localisiren. 

Die vorstehenden Mittheilungen haben u. a. auf einen Factor 
dabei die Aufmerksamkeit zu lenken, auf das Zusammenwirken 
der grossen basalen Ganglien, deren Zerstörung so gegen¬ 
sätzliche Ausfallssymptome gibt. 

Sowie die einzelnen Bewegungsacte nicht nur durch An¬ 
spannung gewisser Muskelgruppen, sondern auch durch Erschlaf¬ 
fung ihrer Antagonisten bedingt werden (Strümpell, Rieger),*) 
so sind bezüglich deren Innervation im Centralnervensysteme 
nicht nur Anregungen, sondern auch Anordnung und Hemmung 
dieser Anreize, gleichwerthige und nöthige Functionen. 

Es handelt sich hier um zwei Systeme, welche in richtigem 
Verhältnisse stehen müssen, damit die Hemmung und die Aus¬ 
lösung der geordneten Bewegungen richtig zu Stande komme. 

Dieses Verhältniss findet sich analog — wenn auch nicht 
gleichwerthig — im Reflexfelde der grauen Substanz des Rücken¬ 
markes, vielleicht auch in der Grosshirnrinde. 

Weil hier der Ausdruck und die Gegenüberstellung von 
sensiblen und motorischen Bahnen für die höheren Nerven- 
stationen nicht mehr zureicht, (siehe Exner, Sensomobilität, 
Pflüger’s Archiv, Bd. XLVIH), so habe ich mir seinerzeit ge¬ 
stattet, von zwei Systemen zu sprechen, welche die cerebralen 
Bewegungen anzuregen und andererseits welche diese Anregungen 
zu vertheilen, zu hemmen haben. Im Rückenmarke z. B. wird durch 
Reizung im Hinterstrangsysteme der Tonus der Musculatur ge¬ 
steigert, durch Zerstörung dieses Systemes wird der Tonus herab¬ 
gesetzt (Tabes); die Pyramidenseitenstrangbahn kann den Tonus 
herabsetzen, ihre Zerstörung steigert die Spannung der Musculatur. 

Bezüglich der basalen Ganglien scheint es sicher, dass durch 
Thalamus opticus und seine Verbindungen die mimischen und 
automatischen Mitbewegungen angeregt werden, und dass diese 
letzteren durch Zerstörung dieses Ganglions zum Theile aus- 
bleiben. Bei Herden im Thalamus opticus wäre daher sehr zu 
beachten, ob er seiner Natur nach mehr zu Reizungs- oder zu 
Ausfallssymptomen Veranlassung gibt. 

*; Archiv f. Psychiatrie, Bd. XIII. 


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176 


Prof. G. Anton. 


Die Läsionen, welche durch Krankheit oder Experiment im 
Linsenkernstreifenhügel gesetzt werden, scheinen Zunahme von 
automatischen Bewegungen zu veranlassen, also einen Wegfall 
von Hemmnngsleistungen zu bedingen. 

Letztere These bedarf noch weiterer Untersuchungen. 

Die unteren zum Rückenmarke gerichteten Fortsetzungen der 
beiden basalen Ganglien, besonders die des Thalamus, ziehen vor¬ 
wiegend zur Haubenbahn; mit dieser besteht eine bilaterale 
Verbindung (Meynert, 33 ) Flechsig, 34 ) Obersteiner 83 )u. A.). 

Es ist damit wohl ein Gegensatz im Verhalten der mo¬ 
torischen Haubenbahn und jener Bahn gegeben, welche die 
willkürlichen, zum Theile bewussten Bewegungen zu innerviren 
hat mit der motorischen Bahn des Hirnschenkelfusses. 

Dieses beim Menschen am meisten entwickelte System im 
Hirnschenkelfusse, das „supplementäre Nervensystem” (Grei- 
denberg o. c.) scheint — wenigstens was die Pyramidenbahn 
betrifft — einer fast totalen Kreuzung zu unterliegen. 

Es ist wohl ein für das Verständniss der Functionen der 
höher organisirten Gehirne sehr wichtiges Problem festzustellen, 
wie diese beiden Systeme*) concurriren und functioneil 
in Beziehung treten. Für letztere Beziehungen sind wohl 
nur in der grauen Substanz der Grosshirnrinde und in den grauen 
Säulen des Rückenmarkes anatomische Verbindungen gegeben. 

Durch die klinische Analyse wissen wir, dass die bilateral 
innervirten Muskelgruppen mehr zu den automatischen Bewegungs¬ 
leistungen benützt werden, und dass diese bei den hemiplegischen 
Insulten relativ weniger leiden, und früher ihre Function wieder 
erlangen; so werden die Ausdrucksbewegungen dabei früher 
möglich, die Action der Bauch-, Schlund- und Respirations¬ 
muskeln restituirt sich rasch fast symmetrisch, die Beinmusculatur 
leidet dabei meist weniger als die Arm- und Handmuskeln. 

Bei diesen Muskelgruppen und bei diesen Bewegungen 
scheint entschieden die Intactheit oder der Einfluss der gleich¬ 
seitigen Hemisphäre zur Herstellung der Function mit in Be¬ 
tracht zu kommen. 

Noch auffälliger ist bei typischen Hemiplegien das Miss- 
verhältniss an einem und demselben Körpertheile — z. B. Arm 


*) i. e. die Pyramidenbahn und die motor. Haubenbahn. 


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Ueber die Beteiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 177 

und Hand — in dem die Willkürbewegungen schwer betroffen 
sind, während die Bewegungen, welche Actionen der anderen 
Körperseite unwillkürlich begleiten, ebenso choreatische und 
athetotische Bewegungen relativ lebhaft vor sich gehen können. 

Da erscheint die Annahme wohl gerechtfertigt, dass 
eine Verschiebung des Kraftverhältnisses der automatischen Be- 
wegungscentren einerseits und derer für die Willkürbewegungen 
andererseits durch den pathologischen Process gesetzt wurde. 

Hierbei ist noch die Frage aufzuwerfen, ob dem Vorwiegen 
der Innervation durch die Haubenbahn auch der choreaartige 
Bewegungstypus der Kinder zuzuschreiben ist Bezüglich der 
zeitlich früheren anatomischen Entwickelung dieses Systemes 
hat Meynert 38 ) vor fast 30 Jahren hingewiesen auf das „Nach¬ 
einander der fötalen Entwickelung (zu Gunsten der Haubenbahn), 
zu Ungunsten des Hirnschenkelfusses”. 

Wenn es richtig ist, dass durch die basalen Ganglien und 
durch deren Fortsetzung, die Haubenbahn, ein Einfluss auf die 
unwillkürlichen Bewegungen des Körpers genommen wird, so 
steht zu erwarten, dass dieser Einfluss bilateral erfolgt. 

Die automatischen Mitbewegungen und die ihnen nahe 
stehende choreatische Bewegungsunruhe können demnach die 
Veranlassung auch in Vorgängen des gleichseitigen Gehirnes 
haben. Jedenfalls scheint nach den obigen Mittheilungen und 
Erwägungen die allgemeine Annahme nicht gerechtfertigt, dass 
.die pathologischen Ursachen der Chorea einer Körperhälfte immer 
im anderseitigen Gehirne zu suchen sind. 


Verzeichniss der benützten Literatur. 


i) Kowalevski. Neurolog. Centralblatt 1887. 

J ) Edinger. Vorlesungen über die nervösen Centralorgane. 4. Auf¬ 
lage. 1898. 

3 ) Flechsig. Plan des menschlichen Gehirns. Leipzig 1883. 

4 ) v. Bechterew. Die Leitungsbahnen im Gehirne und Rückenmarke. 1894. 

JahrbQcbcr f. PtyehUlrte u. Narrenb. XIV. Bd. 12 


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176 


Prof. G. Anton. 


5 ) Echhart. Hermann’s Handbuch der Physiologie. Bd. II, 2. Theil. 

®) Freud u. Rin. Ueber die halbseitige Cerebraliähmung der Kinder. 
Wien, Perles. 1891. 

*) Magendie. Journal de Physiologie. III. 1828. 

®) Nothnagel. Aroh. f. pathol. Anatomie. LVTL 

9 ) Pal. Zeitschrift für mikroskop. Technik. Bd. X. 

,0 ) H. Sach8. Das Hemisphärenmark des menschlichen Groesbirae. Leip¬ 
zig 1892. 

11 ) Unverricht. Die Myoclonie. Verlag Deuticke. 1891. 

12 ) Audry. L’athetose double. Paris 1892, pag. 262 und 264. Daselbst 
auch eine gründliche und kritische Zusammenstellung der Publicationen über Chorea. 

13 ) 0. Heubner. Die luetische Erkrankung der Gehirnarterien. 1874. 

u ) Dur et. Arohives de physiologie normale et pathologique. 1874. 

,5 ) Schulten. Untersuchungen über den Gehirndruck. Arch. f. klm. 
Chirurg. 1885. 

16 ) Richter. Virchow’s Archiv 106 und 108. 

n ) Go wer 8. Lancet 1888. Vol. I. 

18 ) Mc. Nutt. Amer. Journ. of med. 1885. Vol. I. — Amer. Joum. of 
obstetrics. 1885. 

19 ) Kundrat. Wiener Klinische Wochenschrift. 1890. 

2a ) Freud. Die cerebralen Diplegien. Verlag Deuticke. 1893. 

21 ) B. Sachs. Die Gehirnlälimungen der Kinder. Volkmann’s Sammlung 
klinischer Vorträge 46 u. 47. 1892. 

22 ) Parrot. Etüde sur le ramolissement de l’encophale chez le nouveau-ne 
Arch. de Physiol. 1873. 

23 ) Hutinel. Contribution ä l’etude des troubles de la circulation veneuse 
chez l’enfant et en particulier chez le nouveau-nö. Paris 1877. 

24 ) C. v. Hof mann. Lehrbuch der gerichtlichen Medicin. 1893. 

“) v. Kolisko. Beiträge zur Kenntniss der Blutversoigung der Gross- 
himganglien. Wiener Klinische Wochensohr. 1893, Nr. 11. 

M ) Fürstner. Arch. f. Psychiatrie, Bd. VI, pag. 344. 

2T ) Ellischer. Virchow’s Archiv. Bd. LXI. — Daselbst auch Literatur¬ 
angaben. 

28 ) Heb old. Arch. f. Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Bd. XXHL 
2. Heft. 

M ) E. Redlich. Störungen des Muskelsinnes und des stereognostisohen 
Sinnes bei der cerebralen Hemiplegie. Wiener Klin. Wochenschrift 1893. 

30 ) Nothnagel. Zeitschrift für klinische Medicin. Bd. XVI. 1889. 

31 ) Edinger. Zeitschrift für Nervenheilkunde. Bd. I. 1891. 

32 ) Henoch. Berliner Klinische Wochenschrift 1883. 

33 ) Meynert. Psychiatrie. Wien, Braumüller 1886. 

34 ) Flechsig. Leitungsbahnen im Gehirn und Rückenmarke. Leipzig 1876. 

35 ) Obersteiner. Studium des Baues der nervösen Centralorgane. 
Wien 1892. 

36 ) Meynert. Studium über die Bedeutung des zweifachen Rückenmarks- 
Ursprunges aus dem Grosshirne. — Sitzungsbericht aus der Akad. d. Wissen¬ 
schaften. Wien 1869. 


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Ueber die Beteiligung der grossen basalen Qehimganglien etc. tT9 


S7 ) Dauohez, Bodinier. Ballet, de soo. anatomiqae. 

Ä ) Kahler n. Pick. Prager Zeitschrift f. Heilkunde. 1879. 

S9 ) Kolisch. Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. Bd. IV. 1898. 
4Ü ) Stephan. Archiv f. Psychiatrie. Bd. XVIH u. XIX. 


Erklärung der Zeichnungen. 

Figur 1. — Tafel II. 

Horizontalsohnitt durch das rechte Gehirn (Fall I) unterhalb des Balkens. 
Grösster Umfang des Sehbügels. 

/, = Gyrus frontalis I, 

/ = Inselwindungen, 

CI — Claustrum, 

Put. n . lent. = Putamen, die Stelle, welche die Zerfallsreste zeigt 
/. /. #. = Fasciculus longitudinalis inferior. Behufs Deutlichkeit zu licht 
gezeichnet, 

Tap. c. c. = Tapetum des äusseren Hinterhornes durch Fasern des corp. 
oollosum, 

O x = Gyrus occipitalis primus, 

Cun = Cuneus, 

Ep. r. = Verdicktes Ependym des Hinterhornes, 
fimb. = fimbria, 

c. str. = Cauda des Corpus striatum, 

Th. o. = Thalamus opticus, 

lam med. = Laminae medulares des Linsenkernes, 
c. int. p. = Capsula interna, hinterer Schenkel, 
c. int. a = Capsula interna, vorderer horizontaler Schenkel, 
c. str. = Caput corpor. striat., 

Tho. p. = Strahlungen des Sehhtigels nach dem Occip.-hirne, 
t?. c. c. — Fasern des Balkenknies. 

Pig. 2. - Tafel HL 

Skizze eines schiefen Querschnittes durch das linke Gehirn unterhalb des 
Balkens (Fall I). Beginn des Sehhügelknies der Capsula interna. Mitte des 
Mandelkernes. 

op i = operculum, 

1 = Insula, 

T, = Gyrus temporalis primus, 

Com. a\ä. = Commissura anterior, 
nucl amyd. = Nuclus amydalae, 

12 * 


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180 


Prof. G. Anton. 


ans. lent. — Ansa lenticularis, 
for. = Fornix, 

th. o, = Beginn des thalamus opticus, 

c. int . = Capsula interna. Gegend des Genu; etwas schief getroffen, 
s. g. c. — Substantia grisea centralis, 
n. c. = Nucleus oaudatus, 

Jam. med. = Laminae medulares des Linsenkernes, 
p. n. I. = Putamen mit Einlagerung von Klumben intacter graner 
Substanz, 

clstr. = Claustrum. 


Figur 3. — Tafel IL 

Horizontaldurchschnitt durch das rechte Gehirn (Fall III)- Her Schnitt 
ist im Frontalgebiete etwas tiefer gelegt als im oocipitalen Gebiete. 

= Gyrus frontalis primus, 

a. e. i. = Pars anterior horizontalis capsulae internae, 

Im. = Lamiaae medulares des Linsenkemes, 

р. cap. mt. = Capsula interna, Uebergang zum pes pedunculi. 

C. L. = Corpus Luysi, 

for. = Fornix, 

n. r. = Nucleus ruber mit der umgebenden Faserschicht, 

C. Sgl. = Canalis Sylvii, Uebergang zum III. Ventrikel, 
corp. qu. = Corpus, quadrigemin, tuberc. ant., 

Th. o. = Lücke einer Cyste, welche dem Thalamus opticus und den 
oorpor. geniculat entspricht. 

Tap. corp. coli. = Tapetum des oorpus callosum mit meist erhaltenen 
Fasern. 

R. opt. = Degenerirte Schicht des oocipitalen Hemisphärenmarkes, 
grossen Theile die centralen Sehstrahlungen betreffend. 

/. I. t. = Fasersohicht des Fascioulus longitudin posterior, 
am. = Erweichungsherd, dem Lobulus cuneus entsprechend, 

0 { == Gyrus occipitalis primus, 

T x = Gyrus temporalis primus, 
co. a. = Commi8sura anterior, 

I s=. Insula Reilii, 

N. c. et put. = Nucleus candatus et putamen nuolei lenticularis. 

Fig. 4. — Tafel UL 

Horizontaldurohschnitt durch das rechte Gehirn (Fall III). Der Schnitt 
trifft nur wenig tiefer als Fig. 3. 

с. i. a. = pars anterior capsulae intern., 
p, n. I. Putamen nuclei lenticularis, 

co. a. = Commissura anterior, 
clstr. = Claustrum, 

I. = Insula, 


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ANTON, Gehirnganglien bei Bewegungsstörung« 


Yeriag rrmfranx Deutickein Leiprig uiuTWlen. 


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Taf.lII 


ANTON, Gahirnganglian bei Bawegungaatorungen 


l ucl xurufg d. 


Com. ant 


egat.cg 


^Vrlng Ton ftait* Deutickein Leipzig und'Wien. 


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Ueber die Betheiligung der grossen basalen Gehirnganglien etc. 181 


Im. = Laminae medulläres des Linsenkernes, 

р. c. «. = Capsula interna, Uebergang in den Hirnsohenkelfuss, 

с. L. = Corpus Luysi, 

/. L i. =3 Fasern zum Fasoioulus longitudin. infer., 
r. opt. = degenerirte centrale Sehstrahlungen. 

Tap. c. c. = Yentriltapetum durch die Fasern des Corp. callosum, 
cy*t. c. g. = Erweichungscyste, vorwiegend den Corpor. geniculatis ent¬ 
sprechend, 

r. e. p. = Strahlungen der Commissura posterior, 
lem. c. = Centrale Fortsetzung des lemniscus, (?) 
n. r. = Nucleus ruber, 

/. «= Fornix, 

c. qu. a. = corp. quadri gemin. anter., 
a.l = Ansa lenticularis, 
c. = Corpus striatum. 

Figur 5. — Tafel III. 

Horizontaldurchschnitt durch das rechte Gehirn (Fall III). Ebene der 
Commissura posterior. 

r. c. c. = Radiationes corp. collos, 

n. c. = Nucleus candatus, 

c. hu. a. = Capsula interna pars anterior, 

c. int. p. = Capsula interna pars posterior (rückwärts zu schmal gezeichnet), 

v. th. o. = Vorderer Rest des Thalamus opticus, 

cy*t • c. g. = Cyste, zum Theile dem Corpor. genicul. entsprechend, 

co. p. = zwei Lamellen der Commissura posterior cerebr., 

c. qu. a. = Corp. quadrigem. ant., 

Mtr. ntp. = Stratum superficiale des linken Corpus quadrigemin. ant 

/. M. == Meynert’sches Bündel, 

l, m. = Laminae medull. nuolei leutic., 

J = Insula, 

P. n. I. = Putamen nucl. lenticular. 


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I 


(Aus der Klin ik für Psychiatrie und Nervenkrankheiten des Professor Dr. Anton 

in Innsbruck.) 

Bin Fall von Sarcom der Vierhügel und des linken 
Thalamus opticus. 

Von 

Dr. J. y. Scarpatetti, 

II. Arzt der Landesirrenanstalt Pergine. 

Mit Tafel IV. 

Wenn ich den vorliegenden, klinisch beobachteten Fall der 
Oeffentlichkeit übergebe, so bin ich mir von vornherein bewusst, 
dass gerade die Herderkranknngen der Vierhügel und theilweise 
auch des Thalamus opticus ein wohl bearbeitetes Capitel der 
Erkrankungen des Centralnervensystems sind. 

Aber die ärztliche Erfahrung steht nicht fest auf der 
erreichten Stufe, und nur auf feststehende Thatsachen können 
neue Versuche und Schlüsse aufgebaut werden. Selbst wenn nur 
bereits Bekanntes durch die klinische und pathologisch-anato¬ 
mische Untersuchung festgestellt würde, wäre eine Bearbeitung 
nicht völlig werthlos gewesen. 

In unserem Falle konnte schon verbältnissmässig frühzeitig 
die Diagnose der Erkrankung gestellt werden, und gerade da¬ 
durch die eine oder die andere Störung genauer beobachtet 
werden. 

In der mir derzeit sehr spärlich zugänglichen Literatur 
fand sich (besonders in Mendel’s Centralblatt für Neurologie) 
Folgendes: 

David Ferner 1 ) constatirte Augenmuskellähmungen, 
ataktische Erscheinungen; daneben tonische Krämpfe mit Be- 

*) Glioma of the right optic. thalamus and corp. quadr. 1882. 


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4 



Ein Fall von Sarcom der VierhQgel and des linken Thalamas opticus. 183 


wusstlosigkeit, welche der genannte Autor wegen ihres tonischen 
Charakters in die Vierhügel verlegte. Die Lähmung der 
linken Körperseite wurde auf die Miterkrankung der rechten 
inneren Kapsel bezogen. Die Obduction ergab einen Tumor auf 
der rechten Seite des Pons und der Corpora quadrigemina. 

Bechterew ^bestreitet die Localisation besonderer Centren 
für die Irisbewegungen in den Vierhiigeln (Budge, Fleurens) 
oder für combinirte Bewegung der Augäpfel (Adamück); irr* 
thümlich sei eine Annahme von Centren für das Körpergleich¬ 
gewicht. 

Otto Hoppe*) theilt einen Fall von Vierhügeltumor mit, 
der durch Augenmuskel- und Coordinationsstörungen, Schmerzen 
im Hinterkopf und anfallsweise tremorartige Erschütterungen 
des ganzen Körpers charakterisirt war. (Die gleichzeitig be¬ 
stehende Schwerhörigkeit wurde auf früher überstandene Gehirn¬ 
erkrankung zurückgeführt.) 

In diesem Falle wurde zum erstenmale reflectorische 
Pupillenstarre beobachtet, welche in das vordere Vierhügelpaar 
localisirt wurde. Doch könnte die reflectorische Pupillenstarre 
nach Ansicht des Verfassers durch Leitungsnuterbrechung der 
Opticus-oculomotorius-Fasern bei deren Durchtritt durch den 
Tumor hervorgerufen sein. Die tremorartigen Erschütterungen 
werden durch Fernwirkung verständlich gemacht. 

Die meisten der bisher beobachteten Fälle und eine kritisch 
scharfe Abgrenzung der Symptome verdanken wir den Arbeiten 
Nothnagels 3 ) über die Tumoren der Vierhügel. 

Es ginge über den Bahnten der Publication einer einzelnen 
Beobachtung hinaus, auf die Besprechung dieser Arbeiten ein- 
zagehen; wir beschränken uns deshalb nur auf die Wiedergabe 
des für Vierhügeltumoren aufgestellten Symptomsncomplexes: 

1. Unsicherer, schwankender Gang (cerebrale Ataxie); 

2. damit verbunden eine Ophthalmoplegie beider Augen, 
aber nicht ganz symmetrisch und nicht alle Muskeln gleich stark 
befallend (besondere Prädilection besteht für die Musculi rect. 
sup. und inf.); 

') Sitzung der Petersburger psychiat. Gesellschaft Mai 1883. 

2) Ueber einen Fall von Tumor der Vierhügel. Dis. Halle, Professor Hitzig'« 
Klinik, 1888. 

*) Wiener med. Presse 1889, Nr. 3; Neurolog. (Jentralblatt 1889, S. 616. 


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184 


l)r. J. v. Scarpatetti. 


3. die Sehstörungen sind nicht charakteristisch; 

4. Gehörsstörungen, vasomotorische und Störungen der 
Motilität oder Sensibilität fehlen in uncomplicirten Fällen. 

Leider war ich durch Weggang .von der Klinik nicht in 
der Lage, tieferen Einblick in die Fachliteratur zu nehmen. Aus 
dem nämlichen Grunde kann ich auch bezüglich der Thalamus- 
Erkrankungen nur auf wenig und zumeist ältere Literatur ver¬ 
weisen. 

Petrina') gibt eine Tabelle der bisher beschriebenen 
Thalamus-Erkrankungen. Es sei gleich hier auf das Schema, 
soweit als zur Vervollständigung nothwendig, Rücksicht ge¬ 
nommen. Auch wir konnten in unserem Falle weder Motilitäts- 
noch Stellungsanomalien constatiren, wie Schiff in seinen Ex¬ 
perimenten und Meynert in seinem Falle sie beobachten konnte. 

Der Nothnagel’sche Satz, dass „Bahnen für die Innervation 
willkürlicher Muskeln die Sehhügel nicht passiren” hat auch bei 
unserem Falle Geltung. Dagegen konnten wir niemals eine be¬ 
deutendere Temperaturschwankung (mit Ausnahme der durch 
die Lungenerkrankung zum Schlüsse bedingten) oder auffallende 
Cyanose der Extremitäten und des Gesichtes constatiren. 

Krankengeschichte. 

W. Paul, 26jähriger Bauerntaglöhner von Laurein in Tirol, 
wurde am 27. Februar 1892 auf die Augenklinik des Professor 
Borysiekiewicz aufgenommen. 

W. ist hereditär nicht belastet. Mit 9 Jahren überstand er 
eine Halsentzündung unbekannten Charakters; er bat im Uebrigen 
eine normale Entwickelung durchgemacht. 

Seit 1888 diente der Kranke als Kaiserjäger in Bosnien, aber¬ 
stand dort vor zwei Jahren „Influenza" ohne weitere Folgen. Aus 
dieser Zeit werden ausser vielen Strapazen keine in Betracht 
kommenden Erkrankungsursachen gemeldet. 

Gegen Ende der Militärzeit, aUo seit circa einem Jahre, klagte 
W. über fortschreitende Abnahme des Sehvermögens für die Ferne 
uud für die Nähe, ausserdem dass er beim Erfassen kleiner Gegen¬ 
stände jedesmal vorbeigreife, dass er beim Gehen „wackle” und 
beim Sitzen Prickeln und geringe Schmerzen in beiden Beinen ver¬ 
spüre. Speciell von der Umgebung des Kranken wurde mitgetheilt, 
dass der Kranke beim Anzünden der Pfeife nie sofort die Oeffnung 
traf. Lues, Alkohol und Tabak werden in Abrede gestellt. 

') Klinische Beiträge zur Localisation der Gehirntumoren, Prag 1877. 


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Ein Fall von Sarcom der Vierhügel und des linken Thalamus opticus. 185 


Befund. 

(Combinirt aus den Befanden beider Kliniken 27. Februar 1892.) 

Gutgenährter, starker Mann von mittlerer Grösse; Schädel 
stark oblong mit vortretender Stirnschuppe. Stetiger, fast rhythmischer 
Lidschlag, der jedoch willkürlich einige Zeit inhibirt werden kann. 
Die linke Pupille scheint um Geringes weiter als die rechte; auf 
Lichteinfall ist beiderseits keine Reaction wahrnehmbar; bei Accom- 
modation besteht deutliches Pupillenspiel, dagegen reagiren die 
Pupillen consensuell ebenfalls träge. Die Augenmuskeln erscheinen 
auch bei genauer Prüfung frei, die Gesichtsnerven functioniren 
gut, schmerzhafte Druckpunkte sind nicht auffindbar. Gonjunctivalreize 
erregen normalen Lidschluss. Beim Versuche vorgehaltene Gegen¬ 
stände zu erfassen greift Patient stets daneben. Ataktische Be¬ 
wegungen der Hände sind sonst nicht wahrzunehmen. Die Zunge 
ebenso die Hände zittern deutlich. Die Reflexe sind sämmtlich vor¬ 
handen, die Kniesehnenreflexe etwas gesteigert mit Andeutung von 
Fussklonus der rechten Seite. 

Sensibilitätsstörungen sind nicht nachweisbar. 

Die functioneile Prüfung der Augen ergab: 

R. A. % + 0-75 % Jäger Nr. 7, 

L. A. % ? + 0-75 % Jäger Nr. 7 

MitCorrectur beiderseits -(-2 0 wurde Jäger Nr. 1 in normaler 
Sehweite gelesen. 

Die Pupillen waren etwa 3\/ 2 Millimeter weit. Gesichtsfeld, 
Farben- und Lichtsinn erwiesen sich als völlig normal. 

Die ophthalmoskopische Untersuchung ergab leicht zerworfenes 
Pigment und Täfelung zwischen Papille und Macula. 

Hypermetropia totalis beiderseits + 10; beiderseits fand sich 
•ein kleines Staphyloma posticum nach aussen. 

Bei Augenschluss bestand starkes Schwanken. Die Harnunter« 
suchung ergab weder Zucker noch Eiweiss. 

Die oculistische Diagnose lautete: 

Paresis accommodationis oculi utriusque. 

Die eingeleitete Therapie (Jodnatron innerlich, später Queck¬ 
silbereinreibungen und locale Galvanisation) blieb erfolglos. 

Bald geseilten sich zu den früheren Symptomen heftige, diffuse 
Kopfschmerzen und eine auffallende Apathie hinzu. 

April. Am 3. April 1892 wurden die deutlichen Zeichen einer 
Neuritis optica und bald sehr deutliche Stauungspapille nachgewiesen. 
Damals wurde auch bereits ein deutliches Zurückbleiben des rechten 
Bnlbas nach oben constatirt. Noch in den ersten Tagen des April 
wurde der linke Abducens, dann der rechte, die Musculi interni 
und dann die Heber und Senker des Bulbus paretisch, und damit 
das Fehlgreifen nach kleinen Gegenständen noch auffallender. In 
den Antworten des Kranken fehlte oft jeder Zusammenhang. Be- 


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186 


Dr. J. ▼. Scarpatetti. 


sonders zur Nachtzeit, aber auch bei Tage steigt W. wiederholt 
aus dem Bette; spricht mit sich selbst. 

Die Sehschärfe nahm entsprechend der Zunahme der Stauungs¬ 
papille stetig ab. Mitte April betrug die Sehschärfe rechts 
links 6 / 20 ; das Gesichtsfeld blieb uneingeschränkt 

Mai. Ueber Kopfschmerzen klagte W. nur kurze Zeit. Seit 
Anfang Mai beantwortete er die Frage nach seinem Befinden stets 
mit einem gleichmässigen, langgedehnten: „Ja, es macht sich!” 
Patient liegt stundenlang völlig bewegungslos zu Bette, beachtet 
nicht, was um ihn herum vorgeht und hat alle Erinnerung für die 
Geschehnisse der Letztzeit verloren: er glaubt zu Hause zu sein; 
aufmerksam gemacht, dass er sich seit Februar im Spitale befindet, 
erinnert er sich wohl der Aufnahme auf die Augenklinik, fehlt aber 
vollständig den Zeitraum des Spitalsaufenthaltes, und glaubt ohne 
Widerspruch an die absonderlichsten Zeitangaben. Kurze Zeit nach 
dem Essen weiss W. nicht mehr, dass er gegessen hat, dass er 
eingerieben wurde, dass er in ein anderes Bett umgelegt wurde u. s. f. 

Patient ist nicht im Stande, die einfachsten Zahlen zu addiren. 
Den Examinirenden hält er stets lür seinen Vetter. Kopfdruckgefühle 
stellt er in Abrede. Beklopfen des Kopfes wird nicht als schmerz- 
haft bezeichnet. 

Mitte Mai. Mitte Mai 1892 stellte sich incontiuentia urinae et 
alvi ein. Der linke Facialis war bei mimischen Gesichts¬ 
bewegungen deutlich paretich, welche Differenz sich bei 
willkürlicher Innervation,z. B. beim Zähnezeigen ausglich. 
Patient wurde immer somnolenter und schwerer besinnlich. Nadel¬ 
stiche bezeichnet er als Angriffe, Schmerzen stellt er in Abrede. 
Einfache Fragen erfasst Patient nur schwer und, wenn er sie be¬ 
greift, vergisst er sie sofort wieder. Sein Alter weiss er nicht 
anzugeben. 

Es besteht beständiges Zucken der Wimpern, häufiges Gähnen, 
zeitweises Erbrechen und Singultus, dagegen keine Schwindelgefühle 
und keine ersichtlichen Störungen des Gehöres und des Geruches. 

Juni. Paresen der Extremitäten konnten nie nachgewiesen 
werden. Doch traten Ende Juni lebhafte Zuckungen der 
rechten Körperhälfte auf, die oft schon nach einer Minute sich 
wiederholten, gegen Ende Juni aber wieder nachliessen. Damals 
unternahm W. häutig spontan Greifbewegungen (Flockeulesen). 

Tactile Beize irradiiren nach verschiedenen Bichtungen im 
Körper; so ruft Beklopfen der Stirne Zuckungen im Bereiche der 
gesammten Gesichtsmusculatur hervor, Beklopfen eines Biceps be¬ 
wirkt lebhaftes Zucken des ganzen Armes durch mehrere Secunden. 

Die Prüfung der Sensibilität war damals wegen der hoch¬ 
gradigen Somnolenz nicht mehr zweifellos vorzunehmen. Es wurden 
Nadelstiche an der Stirne und Wange beigebracht, wobei der Kranke 
regelmässig mit der rechten Hand wie abwehrend und controilirend 
nach der linken Hand griff. 


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J 



Ein Fall von Sarcom der Vierhügel und des linken Thalamus opticus. 187 

Ende Juli. Ende Juli 1892 brachte dem Patienten ein bei 
Tumoren öfter beobachtetes Nachlassen der Hirndrucksymptome. 
W. sah entschieden viel frischer aus, ass mehr, verweilte längere 
Zeit auf dem Sessel ausserhalb des Bettes und schien weniger 
benommen, wenngleich die voraufgefQhrten Herdsymptome nicht 
nachliessen. 

Dann folgten wieder vermehrte Krämpfe der rechten Körper¬ 
hälfte, wobei auch Nadelstiche scheinbar nur links empfunden wurden. 
Dazu trat Ptosis beider Augenlider. Noch später wurden ver¬ 
mehrte Abwehr- und zwecklose Bewegungen der rechten Körper¬ 
hälfte notirt. 

Wurde ein Reiz auf der linken Körperseite, z. B. wiederholt 
auf den linken Masseter ausgeübt, so schien der betreffende Muskel 
in normaler Weise sich zu contrahiren. Ausserdem zuckte jedoch 
auch jedesmal die rechte obere Körperhälfte, am deutlichsten der 
rechte Arm. So wurden fast alle sensiblen Reize mit Bewegungen 
im rechten Arm beantwortet. 

Anfangs August erkrankte W. neben einer schon bestehenden 
Bronchitis an lobulärer Pneumonie, der er am 6. August 1892 erlag. 

Obduction. 

(Professor Dr. Pommer 7. August 1892.) 

Wir heben aus dem Protokolle folgende Befunde hervor: 

Schädeldach 18:15:12 Centimeter, compact mit deutlichen 
Pachion’schen Granulationen und deutlich ausgeprägten juga cere- 
bralia. Dura mater leicht abziehbar, rauh. Besonders am Scheitel- 
wandbein, aber auch sonst am Schädelgehäuse finden sich auffallend 
starke Vorsprünge von Hirsekorngrösse, von denen die tabula vitrea 
rauh erscheint. Die Hirnhäute an der Convexität reichlich diffus 
getrübt. 

Gehirn. 

Gewicht sammt den Häuten 1620 Gramm. Das Anfangsstück 
der ersten linken Stirn Windung, die mittlere Partie der zweiten, 
sowie die Spitze des linken Stirnhirnes von eigenthümlichen knopf¬ 
artigen Bildungen überragt, welche an letzterem Punkte als fiottirende 
Paefaion’sche Granulationen sich erweisen. An den beiden ersteren 
Stellen handelt es sich um erbsengrosse, mit Pachion’schen Granu¬ 
lationen besetzte, kugelig contourirte y glatte, fest mit einem Hals 
aufsitzende, mit Piai und Arachnoidea überkleidete Vorragungen der 
betreffenden Gehirnwindungen. Die Sulci und Sinuse der Arachnoidea 
reichlich Flüssigkeit enthaltend. Piagefässe stark geschlängelt und 
mit Blut injicirt. 

Die stark erweiterten Ventrikel enthalten reichliche Flüssig¬ 
keit. Der Plexus lateralis war sammt den Fornixschenkeln breit an 
den Sehhügeln angeheftet, diese selbst durch eine höckrig-wulstige 


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188 


Dr. J. v. Soarpatetti. 


mit breiter Basis aus dem Gebiete des linken Sehbügels hervor¬ 
wuchernde Afterbildung auseinandergedrängt. Dieselbe erscheint von 
der Tela chorioidea überzogen, und ist durch diese mit dem Balken 
ziemlich innig verwachsen. Einer nach rechts aus der etwa nuss¬ 
grossen Geschwulst gegen den rechten Sehhügel vorragenden, durch 
ihre Blässe auffallenden Bildung entspricht eine buchtige Eintiefung 
des rechten Sehhügels. Die Geschwulst substituirt die Vierhügel 
und greift, das Kleinhirn etwas zurtickdrängend, auf das obere Mark¬ 
segel über. 

Auf der Durchschnittsfläche erscheint dieselbe graulich weiss, 
von zahlreichen Gefässen durchsetzt, sehr feucht. 

Die an die Geschwulst angrenzenden Theile des rechten Seh¬ 
hügels im Zustande weisser Erweichung und schlottriger, ödematöser 
Durchtränkung. Die Capsula interna scheint von der Geschwulst 
nicht mehr tangirt. (Vgl. Taf. IV, Fig. 2 u. 3.) Die Rindensub¬ 
stanz durchgängig rosaroth, die Marksubstanz blass. 

An den beiden vorbeschriebenen erbsengrossen Vorragungen 
zeigt sich am Durchschnitte eine feuchte ödematöse Durchtränkung. 
Die Oberfläche der linken Centralwindungen leicht gefeldert durch 
Einsenkung der grossen Gefässe. Das Ependym durchaus glatt, dabei 
verdickt. Der linke Abducens auffallend dünner als der rechtender 
rechte Oculomotorius anscheinend schmächtiger und dünner als 
der linke. 

Pneumonia lobularis et purulenta et haemorrhagica lat. utrq. 
präcipue dextri; Bronchitis haemorrhag. foetida. 

Im Rückenmark bei makroskopischer Betrachtung keine wesent¬ 
lichen Befunde. 


Mikroskopische Bearbeitung. 

Das Gehirn W. wurde in Müller’scher Flüssigkeit gehärtet und 
in Alkohol nacbgehärtet. Die Grenzen der Neubildung ergeben sich 
zum Theile aus den beigegebenen Skizzen. 

Die Vierhügel vollständig substituirend greift die Geschwulst 
nach unten noch theilweise auf das Marksegel über, ohne im Klein¬ 
hirn bei genauer mikroskopischer Untersuchung eine Degeneration 
oder nachweisbare Veränderung hervorzurufen. 

Die mikroskopische Untersuchung des Rückenmarkes (mittelst 
Pal- und W eigert-Färbung) ergibt normale Verhältnisse. An Schnitten 
durch den unteren Pons fällt nur eiu schmächtigeres, linkes „hinteres 
Längsbündel” auf; auf derselben Seite ist auch die Gegend der 
centralen Haubenbahn an Weigert- und Päl-Schuitteu ungefärbt 
geblieben, während sie an Nigrosinpräparaten diffus dunkler gefärbt 
erscheint. Es hat uns den Eindruck gemacht, als ob hier die unterste 
durch einen Lappen (?) vorgreifende Grenze der Neubildung wäre. 

Am anschaulichsten präsentirt sich der Tumor an Schnitten 
durch die Vierhügelgegend. Diese sind vollständig durch die Neu¬ 
bildung ersetzt, gleichzeitig die Contour derselben unregelmässig 


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Ein Fall von Sarcom der Vierhflgel und des linken Thalamus opticus. 189 

erweiternd (Taf. IV, Fig. 1), so dass die Haubenregion über das 
System des Pedunculus fast um das Dreifache prävalirt. Io der 
Schnittserie der Vierhügel ist der Centralcanal nicht auffindbar. 

Vor UDS liegt ein Schnitt, in welchem die Bindearmkreuzung 
eben vor sich geht. Dieselbe ist vollständig erhalten und gut gefärbt, 
jedoch dorsal und ventral von dem vorgreifenden Aftergewebe 
umgeben. Ueber den Bindearmen durch eine kleine Lücke ge¬ 
trennt liegen Rudimente der hinteren Längsbündel. Die Geschwulst 
hat dieselben, besonders das linke über die Mittellinie nach der 
rechten Seite hin übergedrängt. 

Die Neubildung hat hauptsächlich den linken Antheil der 
Pedunculus-Haube inne. Von der rechten Hälfte bleibt die ganze 
Schleife und die Fasern der fontänenartigen Haubenkreuzrtng frei, 
während links die untere Schleife durch den Tumor zugrunde 
gegangen ist, die obere unförmlich zu einem relativ schmalen Strang 
herabgezogen erscheint. 

Auch gegen Ende der Ponsschnitte ist die linke Seite der 
motorischen Haubenbahu noch deutlich degenerirt das Corpus 
trapezoides erscheint intact, ebenso die Pyramidenbahn. An Stelle 
der sensiblen Kreuzung sind die äusseren Antheile der bogen¬ 
förmigen Fasern merklich reducirt. Eine Atrophie der sensiblen 
Kerne in der Medulla oblongata ist mit Sicherheit nicht nach¬ 
zuweisen. 

Die grösste Ausdehnung erlangte die Neubildung, der Breite 
nach gerechnet auf Schnitten, welche durch das Ganglion habenulae 
und dem hintersten Antheil der hinteren Commissur — nach unten 
ein wenig vor den Corpora mamillaria gemacht wurden. (Taf. IV, Fig. 4.) 
Hier misst die Neubildung 4 V 2 Centimeter in der Breite, 3 x / 2 Centi- 
meter in der Höhe. Die Gesammtlänge der Neubildung dürfte etwa 
5 Centimeter betragen haben. Sie hatte mit dem Eintritt in den 
Thalamus opticus der linken Seite rasch an Grösse zugenommen, 
und ebenso rasch verschwindet dieselbe am hinteren Thalamusende 
Taf. IV, Fig. 3. und erreichl ungefähr 3 Millimeter hinter den Corpora 
mamillaria mit dem unteren Lappen ihr Ende. 

Auf Schnitten durch den mittleren Thalamus war das Ependym 
des Ventrikels in die Neubildung hineinbezogen, weiter nach vorne 
grenzte das Aftergewebe an dasselbe heran. Nach aussen kann keine 
genaue Abgrenzung des Tumors gegeben werden; nur wurde die 
Capsula interna sicher nicht tangirt. Auf dem Tumor liegt die tumorös 
entartete Glandula pinealis auf. Der Tumor stellte ein Grosszellen 
Sarcom dar. 

Fasersysteme. 

„Ein Tumor ist im Allgemeinen zur Constatirung von Local¬ 
symptomen ungleich viel weniger geeignet als eine Erweichung.” 
Dieser Satz gilt auch für das Studium der durch den Tumor hervor¬ 
gerufenen Veränderungen in den Fasersystemen. — Nichtsdesto¬ 
weniger haben auch die tumorösen Degenerationen ihren Werth. 


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190 


Dr. J. v. Searpntetti. 


Fassen wir nochmals die in Betracht kommenden Systeme 
zusammen, so ergibt sich in theilweiser Wiederholung der bereits 
besprochenen Bahnen noch Folgendes: 

Pyramidenbahn, Substantia nigra, Corpus trapezoides, Com 
missurenfaserung des Pons sind sicher nicht nachweisbar gestört; 
desgleichen weiter herunter die sensiblen Kerne der Medulla oblongata. 
Eine Veränderung des Corpus Louisi und der umgebenden Faser¬ 
systeme konnte mit Sicherheit ebenfalls nicht constatirt werden. 

Zerstört sind die Kerne der beiden Vierhügelpaare (des Troch- 
learis und Oculomotorius). Die Kerne des Abducens haben wahr¬ 
scheinlich durch Druck und die den Tumor umgebende Erweichung 
gelitten. 

Die motorische Haubenregiou erscheint an der defecten linken 
Seite eine kurze Strecke bis zum unteren Pons herunter noch deutlich 
degenerirt. Besonders auffallend gestaltete sich die mikroskopische 
Betrachtung der linken Capsulaexterna. (Taf. IV, Fig. 2.) Der m ittlere 
Antheil derselben zeigt unter dem Mikroskope zahlreiche Hohlräume 
mit darum herumbefindlichen, auf P&l-Färbung dunkel gefärbten 
Zerfallsproducten. Dieser Befund sei hier mitgetheilt, obwohl wir 
derzeit noch keinen Beim dafür anzugeben wissen. 

Von Nerven wurde der Olfactorius als unverändert angetroffen. 

Am Opticus wurde eine aufsteigende Degeneration vorge¬ 
funden, und zwar stärker am linken als am rechten Nerven. Gelegent¬ 
lich der Untersuchung des Septum pellucidum (welches an Faser¬ 
masse nicht gelitten hat) wurden Schnitte durch das Chiasma 
angelegt, welche mit Ausnahme weniger zerstreuter Hohlräume 
keine fortgeschrittene Degeneration erkennen Hessen, und besonders 
mit Pal-Färbung hübsche Bilder lieferten. Die Bulbi sammt den 
Optici waren an der Innsbrucker Augenklinik in Müller und dann 
Alkohol gehärtet worden. An diesen Stümpfen wurde Marchi- 
Färbung versucht. Die charakteristisch schwarzgefärbten Zerfall- 
producte der Nerven zeigten sich hierbei stets nur in den an der 
Peripherie des Opticus gelegenen Nervenbündeln. Freilich kann 
diese Färbung als nicht sicher angesehen werden, da sie erst nach 
Jahresfrist vorgenommen wurde. 

Weiter gegen den Bulbus hin wurden auch die Bilder mit den 
gebräuchlichen Färbemethoden immer undeutlicher; nur Nigrosin¬ 
färbungen Hessen noch ganz vereinzelte normale Nervenquerschnitte 
zwischeu den degenerirten Bündeln erkennen. Zwischen die Nerven¬ 
bündel eintretende Bindegewebsstränge hatten dieselben in immer 
kleinere Bündel zerlegt, in denen man gekörnte Massen, Fett¬ 
tröpfchen und anscheinende Hohlräume uachweisen konnte. 

Bei Herausnahme des rechten Opticus aus der Leiche war ein 
anderer Nerv nach unserem Dafürhalten der Oculomotorius erhalten 
geblieben. Es schien uns unzweideutig, dass dieser periphäre 
Nerv weniger entartet sei als der viel centralere Stumpf 
des Oculomotorius, der am Durchschnitt durch die Thalami optici 


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Ein Fall von Sarcom der Vierhügel und des linken Thalamus optious. 191 

im Querschnitt mitgetroffen wurde. An den mehr centralen Schnitten 
bestand deutlichere Entartung: manche Fasern blieben ungefärbt 
(mit Hämatoxylin); unregelmässige Schollen und eigentümlich ge¬ 
formte Klümpchen gaben nach Anordnung und Verlauf Kunde von 
ihrem einstigen Bestände als Nervenfaser. Um so breiter hatten 
siehe die bindegewebigen Fasern gemacht. Demnach bestand 
aufsteigende Degeneration des Opticus, absteigende des 
Oculomotorius. 

Die Untersuchung der Gehirnrinde ergab einen ziemlich 
charakteristischen Befund. In den ex hydrocephalo durchwegs stark 
erweiterten perivasculären Bäumen stecken strotzend mit Blut ge¬ 
füllte Gefasse. Schwund von Ganglienzellen war in keiner Schicht 
auffallend. Die äusserste Tangentialfaserschicht schien dagegen sehr 
arm an Nerven im Vergleich mit anderen Bindenpräparaten. Die 
degenerativen Veränderungen waren mehr diffuse und oberflächliche. 

Noch eines Befundes möchte ich hier Erwähnung thun. Auf 
Schnitten durch die beiden Gyri frontales recti erschien die Gehirn¬ 
rinde bis auf mehrere Millimeter hinein sowohl mit Nigrosin als 
an Weigert- und P&l-Schnitten schwächer färbbar;an diesen Stellen 
liesseu sich weder Zellen noch Nervenfasern, sondern nur ein 
zartestes Maschenwerk nachweisen. Dieser Befund scheint durch 
Druck der beiden Hemisphären gegeneinander zu Stande gekommen 
zu sein. 

Epikrise. 

Resumiren wir kurz den Krankheitsverlauf. Bei einem 
jungen starken Manne trat ohne bekannte Ursache zuerst leichte 
Ataxie (an den Händen objectiv nachweisbar) mit Accommodations- 
lähmung und Pupillenstarre auf, welche Symptome durch ungefähr 
ein Jahr constant blieben. Nach Jahresfrist bestand noch keine 
Herabsetzung der Sehschärfe, keine Störung der Farbenapper- 
ception, kein Gesichtsfelddefect. 

Die Parese der Accommodation betrug + 075 D. für die 
Ferne, + 2D. für die Nähe. Dann kamen plötzlich Kopfschmerzen, 
welche bald wieder nachliessen, vorübergehende Verworrenheit und 
beiderseitige Stauungspapille mit consecutiver Herabsetzung der 
Sehschärfe hinzu, welchen Symptomen sehr rasch die äusseren 
Augenmuskellähmungen folgten. l ) Gleichzeitig mit dem Con- 
statiren der Stauungspapille nimmt die Intelligenz des Kranken 
immer mehr ab, er verfällt in apathischen Blödsinn. 

Hiermit war im Grossen und Ganzen das Symptomenbild 
wiedergegeben, welches Nothnagel für die Diagnose der Vier- 

J ) Die genaue Reihenfolge der Lähmungen kann nicht angegeben werden. 


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192 


Dr. J. v. Searpatetti. 


hügeltumoren verlangt hat, wobei neben Ataxie nur Pupillen¬ 
starre und Accommodationsparese durch ein volles Jahr 
bestanden hatte, bis totale beiderseitige Ophthal¬ 
moplegie sich hinzugesellte. 

Interessant blieb dabei, dass damals trotz accomodativer 
Verengerung der Pupillen, welche auf Lichteinfall starr 
blieben, das Accomodationsvermögen der Linse relativ 
stärker beeinträchtigt war. 

Es sei gleich hier noch erwähnt, dass die Pupillen nicht 
durchwegs gleich weit blieben, sondern völlig unabhängig von¬ 
einander in ihrer Weite beträchtlich schwankten, ohne die oben 
angegebene Reaction zu verändern. Desgleichen waren die 
Lähmungserscheinungen von Seite der Augenmuskeln nicht immer 
gleich stark ausgeprägt. 

Als noch bestehende Symptome wiederholen wir die Par- 
ästhesien in den Beinen, die verhältnissmässig frühzeitige mimische 
1. Gesichtslähmung und das starke Schwanken bei Augenschluss. 

An dieser Stelle muss der verminderten, später ganz 
aufgehobenen Neigung zu spontanen Bewegungen und 
der automatischen Bewegungen gedacht werden. Dieses 
Symptom bot W. schon bald nach Eintritt ins Krankenhaus; es ver¬ 
weist uns als ein wahrscheinlich der Haube zukommendes Symptom 
auch leicht auf den Sehhügel. Ruhig, ohne Zuckung, ohne nur 
einmal eine bequemere Stellung einzunehmen, lag W. bis 
die Reizungserscheinungen der rechten Körperseite 
auftraten, im Bette oder blieb auf dem Sessel sitzend. Dagegen 
wurde von Seite der willkürlichen, vom Patienten ausdrücklich 
verlangten Bewegungen keine auffallende andere Störung als 
die oben genannte wahrgenommen. 

Den wahrscheinlichen Beginn der Geschwulst konnten 
wir entsprechend der Lage des Zerfalles der Neubildung an die 
Stelle verlegen, wo der linke obere Vierhügel sich an die hintere 
Commissur anlegt. Von dort, wohl wahrscheinlich vom beginnen¬ 
den Sylvischen Canal aus hat die Neubildung nach unten und 
links oben vorgreifend zuerst die Vierhügelsymptome erzeugt, und 
dann den Sylvischen Canal verlegt, wodurch die Zeichen des 
Hydrocephalus ausgelöst wurden. 

Die Verlegung des Sylvischen Canales scheint nicht ganz 
eine vollständige gewesen zu sein. Zu dieser Annahme drängt 


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Eia Fall von Sarcom der Vierhügel und des linken Thalamus opticus. 193 

uns die klinische Erfahrung. Wir kennen Fälle, in denen Cysti- 
cerken den Canalis Sylvii in kurzer Zeit zum Verschlüsse brachten. 
In diesen Fällen trat unter Auslösung von Delirien, Halluci- 
nationen, Angstzuständen und Bewegungsdrang rascher Exitus 
letalis ein. 

Auf Grund dieser Erfahrung glauben wir annehmen zu 
können, dass bei W. der Verschluss dieses Canales durch 
Selbstcompensirung theilweise unvollständig wurde, indem durch 
die Lücken und Spalten der „saftreichen” Neubildung ein verlang¬ 
samter Austausch von Cerebrospinalflüssigkeit ermöglicht wurde. 

Die Demenz bei Gehirntumoren stellt sehr häufig ein 
abgerundetes klinisches Bild dar. Bei W. begann dieselbe mit 
dem Auftreten der Kopfschmerzen, die wir mit dem Beginne der 
Lymphstauung in mittelbaren Zusammenhang bringen. Die an¬ 
fängliche Apathie wurde für wenige Tage durch Verworrenheit 
unterbrochen und blieb dann bis ad mortem als apathischer Blöd¬ 
sinn bestehen. 

Tumoren der Vierhügel erzeugen an und für sich keine 
Geistesstörung; wohl aber kann es wegen ihrer Lage leicht zu 
Hydrocephalus kommen. Wir könnten also, wenn wir so wollen, 
eine Charakteristik des Hydrocephalus bei unserem Vierhügel- 
(respective Basalganglien-)Tumor geben. 

Im Vordergründe der verminderten psychischen Leistungs¬ 
fähigkeit steht die Gedächtnissschwäche. Besonders im 
Beginne der spitalsärztlichen Beobachtung, als W. die an ihn 
gestellten Fragen noch wohl verstand, konnten wir erfahren, 
dass die Erinnerung über die Ereignisse der Knaben- und Militär¬ 
zeit ohne auffällige Defecte erhalten blieb, während Geschehnisse 
der allerletzten Zeit nicht behalten wurden. Später fiel es auf. 
dass complicirtere Fragen überhaupt nicht mehr verstanden 
wurden, ja oft einfache Fragesätze mehrmals wiederholt werden 
mussten. Dabei handelte es sich nicht um Schwerhörigkeit, denn 
der Kranke sagte sich das Gehörte wiederholt vor, wie man es 
in der Zerstreuung macht, um sich über das Gehörte klar zu 
werden. Zeitweise erhielt man von W. überhaupt keine oder 
völlig verworrene oder zusammenhangslose Antworten. Auffallend 
schien die Retardation der Sprache ohne articuläre Störung und 
die Schlafsucht, wie sie (Petfina) bei Basal-Ganglientumoren 
wiederholt beobachtet wurden. 

JakrMchir f. Psychiatrie n. Kerrenh. XIV. Bd. 13 


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194 


Dr. J. t. Soarpatelti. 


So schwand allmählich das Gedächtniss fiir alles Erlebte. 
Den Geschehnissen um sich herum wurde keine Beachtung ge¬ 
schenkt, an die Sinneseindrücke wurde keine Vorstellung ge¬ 
knüpft. Es fehlte gegen Ende jeder primitivste Denkvorgang; 
es schien, als sei die ganze Gehirnrinde lahm gelegt, ihre Thätig- 
keit ausgeschaltet, es war, wie schon oben gesagt, das klinische 
Bild des allgemeinen apathischen Blödsinnes zur vollen Ent¬ 
wickelung gelangt. 

Wir haben früher den mikroskopischen Befund der Gross- 
hirnrinde mitgetheilt. Dieser Befund steht im Einklänge mit den 
Erscheinungen des Blödsinnes. Die Stauung der cerebrospinalen 
Flüssigkeit in den Ventrikeln und den perivasculären Bäumen 
hat zur Usurirung des Schädels einerseits, zu diffus-degenerativen 
Veränderungen der Binde andererseits Veranlassung gegeben. 

Aber nicht nur die Thätigkeit des Cortex schien bei W. 
in spätesten Stadien schwer beeinträchtigt, auch in niederen 
Stationen waren Störungen aufgetreten. Sehen wir von dem durch 
mehrere klinisch genau abgegrenzte Vierhügeltumoren hervor¬ 
gerufenen Symptomencomplex ab, so bleibt uns ein von der Natur 
gemachtes Gehirnexperiment, wobei die gesammte Gehirnrinde 
gleichzeitig mit ihrer wichtigsten linken Vorstation, dem Thalamus 
opticus, in ihrer Function gestört wurde. Welchen Effect be¬ 
wirkte nun diese Ausschaltung? Wir constatirten, wie die 
Krankengeschichte leider etwas unvollständig mittheilt, ver¬ 
minderte reflectorische Bewegung der gleichseitigen, gesteigerte 
auf der gekreuzten Körperhälfte speciell im rechten Arm, während 
von Seite der willkürlichen Bewegungen sozusagen keine Störung 
wahrgenommen werden konnte. 

Es erscheint an geeigneteren Fällen wohl der Mühe werth, 
die Symptomatik der isolirten Erkrankungen des Thalamus mit 
jenen Fällen zu vergleichen, bei denen auch die Gehirnober- 
fläche in Mitleidenschaft gezogen ist, um das Verhältnis und 
den Einfluss der Gehirnrinde anf die automatischen Bewegungs¬ 
vorgänge zu klären. 

Da nun Fälle von Thalamuserkrankungen bekannt sind, 
wobei die Gehirnrinde intact war, und was die Bewegungs¬ 
störungen anbelangt, ähnliche Symptome lieferten, so scheint die 
Gehirnrinde keinen wesentlichen Einfluss auf diese Bewegungs¬ 
anregungen zu haben. 


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Gin Fall von Sarcom der Vierhügel und des linken Thalamus opticus. 195 

Wir stellen uns vor, dass die beständigen sensiblen An¬ 
reize im Thalamus opticns eine Coordination, ein Correctiv 
erfahren, bevor sie in motorische Thätigkeit umgesetzt werden. 
Sollten die vermehrten anfänglichen Zuckungen der rechten 
Körperhälfte ein Stadium der Reizerscheinung oder ein Weg¬ 
fall der Hemmungserscheinungen gewesen sein? 

Wir begnügen uns hier nur die Thatsache mitzutheilen, 
dass in unserem Falle von weitgehender tumoröser Snbstituirung 
des linken Thalamus und der Vierhügel stärkere Erregbarkeit 
in der rechten Körperhälfte und Herabsetzung derselben in den 
linksseitigen Gliedmassen bestand. Dabei verweisen wir auf den 
Ausspruch Anton’s, ’) dass der Thalamus sicher nicht die einzige 
Stelle zu sein scheint, wo entsprechende Anreize in correcte 
motorische Impulse übertragen werden können. 

Eine combinirte Erkrankung der Vierhügel und des linken 
Thalamus opticus ergab demnach sowohl die Symptome der 
Vierhügelerkrankung nach Nothnagel als auch Redu- 
cirung der automatischen Mitbewegungen (Haube) bei 
relativer Intactheit der willkürlichen Bewegungen. 

Zum Schlüsse der hier mitgetheilten Beobachtung sei es 
mir gestattet, meinem gewesenen Herrn Chef Professor 
Dr. Anton für die stetige, besonders aber bei Bearbeitung dieser 
Mittheilnng zutheil gewordene Anleitung und Unterstützung 
meinen innigsten Dank zu sagen. Ebenso bin ich Herrn Professor 
Pommer für Ueberlassung des Materiales und des Obductions- 
protokolles verpflichtet. 


Nachtrag. 

Der vorstehende Aufsatz lag bereits seit mehreren Monaten 
druckbereit, als uns im „Archiv für Psychiatrie und Nerven¬ 
krankheiten”, Bd. XXVI, 2. Heft, Gelegenheit geboten wurde, 
drei neue Arbeiten über Vierhügelerkrankungen zu studiren. 
Die Besprechung derselben ist nicht Sache einer casuistischen 
Mittheilnng; wohl aber möge es uns gestattet sein, die in diesen 
Arbeiten aufgestellten Schlüsse und Fragen, wo solche sind, im 
Zusammenhänge mit unserer Beobachtung zu beantworten. 


') Wiener Klinische Wochenschrift 1898. 

13* 


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196 


Dr. J. v. Scarpatetti. 


Bruns 1 ) bringt zwei Fälle von Gehirntumoren. Der erste an 
einem Kinde sehr gut beobachtete Fall stimmt mit den von 
Nothnagel angegebenen Grundsätzen sehr wohl überein. Die 
Obduction bestätigte die am Lebenden sehr logisch gegebenen 
Erwägungen für einen tuberculosen Tumor der Vierhügel. 

Ein zweiter Fall begann mit Erbrechen, Kopfschmerz, 
zuletzt besonders Nackenschmerzen, Stauungspapille und 
ausgesprochener cerebellarer Ataxie. Später stellten sich aus¬ 
gesprochene doppelseitige Augenmuskellähmungen in der Form 
der Ophthalmoplegia externa nuclearis ein, nicht ganz symmetrisch 
auf beiden Augen — alle drei Augenmuskelkerne betheiligend. Die 
Diagnose „Tumor des Kleinhirns” wurde durch die Section be¬ 
stätigt. 

Dieser genannte Symptomencomplex wird als Beweis gegen 
die Richtigkeit der Nothnagel’schen Thesen angeführt Er 
scheint es nach der Schlussfassung auch ohneweiters zu sein. 
Und doch glauben wir, wird niemand, der die vorausgehende 
Krankengeschichte gelesen hat — auch wenn er die Noth- 
nagel’schen Thesen kennt, die Diagnose auf Vierhügelerkrankung 
stellen, weil schon lange vorher (durch fast vier Monate) die 
für Kleinhirntumoren allgemein geltenden diagnostischen Sätze 
erfüllt sind; erst gegen Ende der Krankheit kommen Abducens 
und die anderen äusseren Augenmuskellähmungen hinzu; es 
musste also vom Kleinhirn aus zu einer Affection der Augen¬ 
muskelkerne gekommen sein. Demnach ist ein Etwas in der 
Erkrankung, das uns, auch wenn wir die Nothnagel’schen 
Thesen kennen, vor Irrthum bewahrt: die Kenntniss der 
Anamnese und des zeitlichen Verlaufes, welche uns im gegebenen 
Falle zuerst auf das Kleinhirn verweisen. Dabei scheint das 
Fehlen der Kopf-, speciell auch der Nackenschmerzen für die 
Diagnose nicht ohne Werth zu sein, und der Diagnose „Vier¬ 
hügelerkrankung” den Ausschlag zu geben. 

Zur Beantwortung der Frage, ob ein schwankender Gang 
als Herdsymptom in die Vierhügel verlegt werden könne, scheint 
unser Fall von einigem Werthe. Nach einjährigem Bestände 
der Erkrankung, welche mit Ataxie und Accommodationslähmung 


! ) Zur differentiellen Diagnose zwischen den Tumoren der Vierhügel und 
des Kleinhirns. Archiv f. Psychiatrie, Bd. XXVI, 2. Heft. 


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Ein Fall von Sarcom der Vierhügel und des linken Thalamus opticus. 197 


begonnen hatte, hatte der Tumor die Augenmuskelkerne noch 
nicht nachweisbar alterirt. Dieser Tumor konnte nicht schon 
auf das Kleinhirn drücken, ohne die dazwischen gelegenen 
Partien nicht zuerst zu beeinträchtigen, wohl aber konnte er 
bereits den rothen Kern und die Bindearme schädigen. Unser 
Fall spricht demnach für die Möglichkeit der Localisation der 
Ataxie in die Vierhügel. 

Nicht vollkommen beistimmen kann ich den folgenden 
theoretischen Erwägungen von Bruns: „Hinzufügen will ich 
noch, dass Lähmungen von Augenmuskeln, vielleicht wegen des 
langen Verlaufes ihrer Nerven, im Schädelinneren überhaupt 
besonders häufig (!) als indirecte Symptome Vorkommen, und 
dass mir sehr wohl möglich erscheint, dass die Combination von 
Ataxie und Augenmuskellähmungen auch noch bei Tumoren von 
anderen als den oben in Betracht gekommenen Sitzen, z. B. 
beim Sitz im Stirnhirn Vorkommen könnte.” 

Dieser Satz bedarf unseres Erachtens nach sehr des Be¬ 
weises. Wir halten dafür, dass, um von einer Gehirnpartie sicher 
behaupten zu können, sie sei nicht erkrankt gewesen, trotzdem 
sie die Symptome der Erkrankung darbot, in jedem Falle eine 
minutiös genaue mikroskopische Beurtheilung dieser Gegend 
gebracht werden müsse, welche jede Erkrankung absolut aus- 
schliesst. 

Eine sehr feine und instructive casuistische Mittheilung 
verdanken wir Tlberg. 1 ) Leider ist der so genau ausgearbeitete 
Fall für die Frage des Symptomencomplexes der Vierhügel 
wegen der Art der Erkrankung und ihrer Ausbreitung nicht 
ganz brauchbar, obwohl sich die auf die Vierhügel beziehenden 
Symptome leicht herausfinden lassen. Als Beitrag zum Thema 
Syphilis des Gehirns ist die Arbeit von sehr hohem Werthe. 

Weinland 2 ) bringt einen dem unseren namentlich in 
psychischer Beziehung sehr ähnlichen Fall. Hier ist die Ge¬ 
dächtnisschwäche so gezeichnet, dass wir sie für unseren Fall 
ohne Einschränkung annehmen können. Das Fehlen der Augen- 

1 ) Ein Gumma in der Vierhügelgegend. Archiv f. Psychiatrie, Bd. XXXVI, 
2. Heft. 

*) lieber einen Tumor der Vierhügelgegend und über die Beziehungen 
der hinteren Vierhügel zu Gehörsstörungen. Archiv f. Psychiatrie und Nerven¬ 
krankheiten, Bd. XXVI, 2. Heft. 


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198 


Dr. J. v. Scarpatetti. 


muskellähnmngen ist wie bei Fall W, die beschriebenen Pupillen¬ 
phänomene durch den Sitz der Geschwulst gegeben. 

Bezüglich der Hörstörungen ergibt sich aus unseren Be¬ 
funden Folgendes: Hörstörungen konnten bei W. niemals, 
auch bei genauer Prüfung, nachgewiesen werden. Dies gilt auch 
für die Zeit, wo die tumoröse Erkrankung bereits mit Gehirn¬ 
drucksymptomen und dem hiervon abhängigen apathischen Blöd¬ 
sinne complicirt war. Gegen Ende der Erkrankung konnte des¬ 
halb das Bestehen einer Gehörsstörung nicht mehr mit absoluter 
Sicherheit ausgeschlossen werden, obwohl uns die Annahme 
dazu drängt, dass das Gehör nicht gestört war. 

Wenn der Tumor erst in ganz letzter Zeit die hinteren 
Yierhügel ergriffen hat, konnte uns eine Störung trotz genauer 
Beobachtung gleichwohl entgehen, während am Beginn und nach 
mehr als einjährigem Bestände der Vierhügelsymptome absolut 
keine Hörstörung zu constatiren war. 


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SCARPATETTI, Sarcom d.Vierhügel. 

/. 


2 . 


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Aus der Klinik des Herrn Professor Dr. v. Wagner. 

Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten 
Fiebers bei Psychosen. 

(Vorläufiger Bericht Nach einem im Verein für Psychiatrie und Neurologie 
in Wien gehaltenen Vortrage.) 

Von 

Dr. Ernst Boeck, 
ehern. Assistent der Klinik. 

Der folgende Aufsatz bezweckt, eine vorläufige Nachricht 
über das im Titel genannte Thema zu geben. Aeussere Ver¬ 
hältnisse haben die eingehende Durchforschung und Bearbeitung 
des Gegenstandes verzögert; die Resultate aber, welche bisher 
erreicht wurden, Hessen eine Mittheilung als berechtigt und 
wünschenswerth erscheinen. Versuche, welche jetzt im Gange 
sind, werden hoffentlich dazu führen, die Fragestellungen, 
welche durch die den Gegenstand dieses Berichtes bildenden 
Beobachtungen angeregt wurden, zu präcisiren und für die eine 
oder andere der Fragen wohl auch eine Beantwortung zu finden. 
Als Gegenstand des nachfolgenden Berichtes kann solcher- 
massen eigentlich nur die eine Frage bezeichnet werden: hat 
künstJich erzeugtes Fieber eine Einwirkung auf Psychosen? 
Wobei natürHcherweise eine erwünschte, d. i. günstige Ein¬ 
wirkung gemeint ist. Nur die Thatsache einer solchen Ein¬ 
wirkung, ihr Vorhandensein oder Nichtvorhandensein sollte 
vorerst constatirt werden; die zugehörigen Krankengeschichten 
enthalten denn auch nur die gröbsten Beobachtungen, Angaben 
über die Temperaturbewegung, über das Allgemeinbefinden, über 
das Verhalten des Körpergewichtes und ähnUche. Alle Fragen über 
das feinere Detail der Vorgänge und ihre Beantwortung blieben 
der Fortsetzung der Versuche überlassen. 

Die Frage hat die wohlbekannte Thatsache der Beobachtung 
zur Grundlage, dass Psychosen manchmal durch intercurrente 
acute Krankheiten zu völliger Heilung gelangen. Auch dem 
Verfasser dieses Aufsatzes waren solche Fälle vorgekommen 


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Dr. Ernst Boeck. 


und aufgefallen. Auffallend genug und überraschend ist es ja 
doch auch anzusehen, wie ein Bild vollkommener Verworrenheit 
und Zerfahrenheit unter dem Einfluss des Fiebers sich klärt und 
ordnet, wie der Kranke, der vorher in regelloser Ideenflucht von 
Wahnideen befangen delirirte, im Fieber Ruhe und Ordnung wieder 
gewinnt. Beobachtungen solcher Vorkommnisse, sind in der Lite¬ 
ratur äusserst zahlreich verzeichnet. Ein sehr ausführlicher 
Aufsatz des Herrn Prof. v. Wagner nach einem im Verein für 
Psychiatrie und Neurologie im Jahre 1887 gehaltenen Vortrag: 
„Ueber die Einwirkung fieberhafter Erkrankungen auf Psychosen” 
bringt darüber erschöpfende Angaben. 

Es ist auch nur naheliegend, dass sich angesichts einer 
solchen Thatsache der Wunsch regt, ein Zufall, wie ihn eine 
derartige, so wohlthätige Erkrankung darstellt, möchte jedem 
Geisteskranken zutheil werden, oder vielmehr, eine solche Er¬ 
krankung möchte nicht dem Zufall überlassen sein. Dieser 
Wunsch hat denn auch frühere Beobachter dazu geführt, fieber¬ 
hafte Krankheiten (Malaria, Recurrens, Erysipel) Geisteskranken 
einzuimpfen oder von dem Fieber bei anderen Eingriffen 
(Vaccination, Bluttransfusion) therapeutischen Gebrauch zu 
machen. Verfasser waren diese Versuche zur Zeit der ge¬ 
dachten Beobachtungen nicht bekannt und der Gedanke an die 
nicht übersehbare und uncontrolirbare Entwickelung lebender 
Krankheitserreger (Bakterien) im Körper würde ihm den Plan 
einer Uebertragung wirklicher Krankheiten auch nicht aunehmbar 
haben erscheinen lassen. Anders aber, als die Bakteriologie die 
einzelnen Bakterienarten als Erreger jener „wohlthätigen” Krank¬ 
heiten kennen gelehrt und in Reinculturen dargestellt hatte. 
Da stellte sich bei Verfasser der Gedanke ein, es müssen sich 
von diesen Bakterien — dem Pneumonie-Coccus, den Coccen des 
Erysipels etc. — die specifischen, das Fieber dieser Krankeiten 
erregenden Stoffwechselproducte ebenso gewinnen lassen, wie 
von den Tuberkelbacillen das Tuberculin, und es wäre vielleicht 
möglich, dass die „wohlthätige” Wirkung einer Pneumonie 
oder eines Erysipels durch diese — nicht proliferenden und 
darum „harmlosen” Stoffe erlangt und ihre Anwendung zu einer 
therapeutischen Methode werden könnte. 1 ) 

! ) Die Ausführung dieses Gedankens unterblieb aus zufälligen Gründen 
über Jahr und Tag; eines Tages aber sollte die Sache doch in Angriff genommen 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 201 

Die Versuche, über die hier der Bericht folgt, entsprechen 
nicht ganz diesem Gedankengange. Es sind nicht jene Krank¬ 
heiten, die zu diesem Veranlassung gegeben haben, deren „Toxine” 
dabei verwerthet worden sind: der grösste Theil der Versuche 
wurde mit Tuberculin gemacht, als dem am leichtesten zu be¬ 
schaffenden und in seinen Eigenschaften bereits bekanntesten der 
pyrogenen Bakterienproducte.Die erwünschtesten dieser Stoffe (von 
Erysipel, Pneunomie) waren nicht zu erlangen, nur Culturen von 
Bacill. pyocyaneus konnten später — von Herrn Prof. B. Paltauf 
der Klinik zur Verfügung gestellt — versucht werden. 1 ) 

Zur Beobachtung gelangten nun im Ganzen 41 Fälle. Davon 
wurden mit Tuberculin (Koch) injicirt: 11 Männer, 22 Frauen. 
An der Grazer Klinik im Jahre 1891 8 Frauen, in Wien 14 Frauen 
und 11 Männer. Mit Injection von Pyocyaneusculturen wurden 
(an der Wiener Klinik) 3 Männer und 5 Frauen behandelt. 
Bei einigen Patienten wurden nacheinander sowohl Tuberculin- als 
PyocyaneusiDjectionen versucht. 

Zunächst, was die erste Gruppe anbelangt. Von diesen Fällen 
sind zur Zeit des Abschlusses dieses Berichtes als geheilt zu 
betrachten: Von den 8 Frauen der Grazer Klinik 5, von den 
41 Wiener Patietinnen 5, zusammen 10 in 22 Fällen. Das würde 
ein Heilprocent von 62% für die Grazer Fälle, von rund 36% für 

werden, und ich machte Herrn Prof. v. Wagner Mittheilung von meinem Vor¬ 
haben. Herr Prof. v. Wagner stimmte mir, was den Grundgedanken anbelangte, 
zu und forderte mich auf, die Sache zu betreiben; die Ausführbarkeit illustrirend 
durch den Hinweis auf eigene Versuche, welche Prof. v. Wagner an seiner 
Klinik in Graz in gleicher Absicht, und zwar mit Tuberculin — bald nach 
dessen Bekanntwerden — unternommen hatte. Wenn Herr Prof. v. Wagner 
trotz dieser eigenen früheren Versuche mich bestimmte, die Arbeit zu unternehmen, 
und ihr alle seine Erfahrungen zugute kommen liess, so ist die beste Art, meine 
Dankesschuld dafür abzutragen, die einfache Erzählung dieses Sachverhaltes. 

9 Diese Versuche mit Tuberculin erwecken mir eine Reminiscenz, die ich 
nicht mit Stillschweigen übergehen zu sollen glaube, nämlich, dass Herr Hofrath 
Prof. v. Krafft-Ebing seinerzeit, als Herr Prof. Gärtner seine experimentell¬ 
pathologischen Studien über Tuberculinwirkung veröffentlichte (Wr. Klin. 
Wochenschr. 1892, Nr. 2), an seiner Klinik einschlägige Versuche angestellt 
sehen wollte. Die Anregung fiel aber damals nicht auf fruchtbaren Boden. Das 
Resultat jener Experimente „Beschleunigung des Lymphstromes nach Injection 
von Bakterien-Extracten” hatte eben nicht den einleuchtenden Effect, wie das 
„Naturexperiraent” einer Infectionskrankheit bei Psychose und wirkte nicht hin¬ 
reichend bestimmend; es kam nicht zu den gewünschten Versuchen. 


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die Wiener ergeben; also im Durchschnitte circa 49%. Diese 
Zahlen sind aber so nicht verwerthbar und es kommt ihnen 
keine entscheidende Bedeutung zu. Aus folgenden Gründen leuchtet 
das ein: Die Grazer Fälle liegen heute abgeschlossen vor, d. h. 
als völlig abgelaufen; die Wiener Fälle können nur zum Theile 
als abgelaufen betrachtet werden, zum Theile muss man sie als 
erst noch im Ablaufe begriffen betrachten und die Möglichkeit 
einer günstigen Weiterentwickelung offen lassen. Die Grazer 
Fälle ferner betreffen — und das ist weit wichtiger — fast aus¬ 
schliesslich eine einzige Krankheitsart, und zwar diejenige, welche 
die Wiener Versuche, die sich eben auf sehr verschiedene Krank¬ 
heitsarten erstreckten, als die für die Therapie günstigste kennen 
gelehrt haben; sie betreffen fast durchwegs Individuen, die sich 
in dem einer Heilung günstigen Lebensalter befanden — während 
die Patienten der Wiener Versuche zum Theile dieses Alter 
weit überschritten haben. 

Was nun diese Verhältnisse des näheren anbelangt, so 
erscheint als der wichtigste der betheiligten Factoren die Art 
der Psychose. Alle bisher im Anschluss an die „Fieber¬ 
behandlung” zur Heilung gelangten Fälle gehören der Gruppe 
der „Amentia” an. Alle diese Fälle bieten das Bild der mehr 
oder weniger tief eindringenden Auflösung der normalen Co- 
ordination der psychischen Phänomene, das Bild der Verwirrtheit 
mit mehr oder weniger entwickelten Sinnestäuschungen und 
Wahnideen. Die im Anhänge gegebenen Skizzen der Kranken¬ 
geschichten dürften diese Angabe leicht bestätigen lassen. 

Die Versuche befinden sich diesbezüglich in ziemlicher 
Uebereinstimmung mit dem, was die Literaturangaben „über die 
Einwirkung fieberhafter Krankheiten auf Psychosen” lehren. In 
der citirten und eben mit ihrem Titel genannten Arbeit Herrn 
Professor v. Wagner’s findet sich in einer Tabelle, welche die 
vorhandenen Fälle nach der psychischen Krankheitsform zu¬ 
sammenstellt, die höchste Ziffer geheilter Fälle (31) unter der 
Rubrik „acuter Wahnsinn”. Zunächst diesen kommt dann in der 
Tabelle die Melancholie (18) und die Manie (16 Fälle). Darin weichen 
nun die Versuche von den „Naturheilungen” ab: Melancholie 
und Manie finden sich unter den Heilungen bei den Versuchen 
nicht Die Abweichung dürfte sich aber wohl auf eine nur 
scheinbare reduciren lasseq. 


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Versuche Uber die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 203 


Die Versuchsreihe weist neben Fällen von „Amentia” nur 
zwei Fälle von Melancholie und einen Fall von Manie auf. 
Es kann aus diesen Daten natürlicherweise kein Schluss ge¬ 
zogen werden auf eine Unheilbarkeit der Melancholie und Manie 
durch das „künstliche Fieber”, und auch nicht auf eine mindere 
Heilbarkeit gegenüber der Amentia. Andererseits sind die Zahlen 
der Tabelle nicht bindend: Die darin verarbeiteten Fälle stammen 
von den verschiedensten Autoren aus verschiedenen Zeiten, die 
Diagnosen entsprangen den verschiedenartigsten Systemen und 
nur in einer kleinen Anzahl von Fällen konnte Professor von 
Wagner die Diagnose — nach den überlieferten Schilderungen 
der Fälle — selbst machen. Es mag mancher Fall unter 
Melancholie oder Manie gekommen sein, welcher vielleicht besser 
unter „Amentia” einzureihen wäre, und eine Rubricirung unter 
die beiden anderen Titel nur dem Vorwiegen des einen oder 
anderen Stimmungsgepräges verdankt Weniger wahrscheinlich 
ist die entgegengesetzte Eventualität 

Das Ueberwiegen der Glasse der „Amentia” in der Rubrik 
der „Heilungen” wäre übrigens an und für sich nicht über¬ 
raschend. Hat doch diese Classe das günstigste Heilprocent unter 
allen psychischen Krankheitsformen überhaupt, was wohl da¬ 
durch wesentlich mitbedingt sein mag, dass diese Krankheit am 
wenigsten innere, das Nerven-„System” betreffende Anlagen, am 
wenigsten „Veranlagung” voraussetzt und wohl am meisten von 
allen Psychosen von rein äusseren Ursachen veranlasst wird. 
Gehören doch alle Arten von Intoxications-Psychosen in diese 
Classe, die Autointoxications-Psychosen darunter. 

Diese Thatsache im Vereine mit den Ergebnissen des 
„Naturexperimentes”, wie die Literatur sie ausweist, mussten 
vielmehr erwarten lassen, dass dasselbe Verhältniss auch bei den 
künstlichen Versuchen in gleicherweise ein ähnliches sein werde. 

Ganz diesem Principe entsprechend, verhalten sich 
denn auch die Versuchsergebnisse hinsichtlich der anderen 
Formen psychischer Krankheit. Wirklich definitive Erschöpfungs¬ 
zustände — Fälle ausgesprochenen secundären Blödsinnes 
— zeigten keine oder nur ganz vorübergehende Beeinflussung. 

So der Fall A. M. 1 ) und A. M., 2 ) die Fälle E. L. 3 ) und G. Sch. 4 ) 
In allen diesen Fällen handelt es sich eben jedenfalls nicht um 

') pag. 236. -) pag. 264. 3 ) pag. 253. 4 ) pag. 255. 


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Dr. Emst Boeck. 


fnnctionelle Störungen in der Coordination einzelner Fnnctionen, 
sondern um eine bleibende Herabsetzung der Vitalität der 
Xervenelemente unter die Norm, und nicht ansgleichbare 
atrophische Processe. 

Ebenso verhielten sich ferner die Fälle von Paranoia, 
d. i. von „chronischem Wahnsinn” mit systematisirten Wahn¬ 
ideen, einer Krankheit, die als „unheilbar“ gilt, wie die progres¬ 
sive Paralyse, und wohl mit Recht. Wer möchte da von irgend 
einem Eingriff Heilung erwarten? 

Professor v. Wagner’s vorcitirte Tabelle bringt aus den 
Literaturangaben 3 Fälle von Heilung „chronischen Wahn¬ 
sinnes” durch fieberhafte Krankkeiten, dazu 6 Fälle von 
„dauernder” und 10 von „vorübergehender” Besserung, 34 Fälle 
fanden sich verzeichnet als „gänzlich unbeeinflusst.” Ich gestehe, 
dass ich gleichwohl die Zweifel nicht unterdrücken kann. Die 
„vorübergehende”, wohl auch die „dauernde” Besserung in solchen 
Fällen ist mir glaubhaft genug, an die vollkommene Heilung 
aber vermag ich nicht recht zu glauben, und kann den Zweifel 
nicht als unberechtigt abweisen, dass es sich da um Meinungs¬ 
verschiedenheiten bezüglich der Diagnose gehandelt haben mag, 
und der Name der echten, unheilbaren „Paranoia” etwa einen 
Fall von „acutem Wahnsinn” mit protrahirtem Verlauf und 
ziemlicher Systematisirung von Wahnideen, oder einem Fall von 
chronisch gewordenem acuten Wahnsinn, der vielleicht besser 
als secundäre Geistesstörung aufzufassen wäre, zugetheilt worden 
ist. Die Besserung in den Fällen unzweifelhafter Paranoia 
bezieht sich aber nicht auf die Paranoia selbst, sondern auf 
complicirende Zustände, wie etwa die Aufhebung einer psycho¬ 
motorischen Hemmung, oder die Wiederherstellung einer ge¬ 
wissen Coordination, welche zeitweilig im Verlaufe einer 
Paranoia selbst in schwerer Weise gestört sein kann u. dgl. 
So ist mir ein Fall von Paranoia erinnerlich, in welchem die 
durch mehr denn Jahresfrist schwer gehemmte, mürrisch ab¬ 
weisende Patientin nach einem Gesichts-Erysipel frei, heiter, 
freundlich, mittheilsam wurde, auch nach Beschäftigung ver¬ 
langte, und ein ganz anderes Bild darbot, das nur als 
„Besserung” bezeichnet werden konnte; die Paranoia aber be¬ 
stand gleichwohl unverändert fort. Entscheidend kann indessen 
auch hierüber jedenfalls erst nach Abschluss grosser Versuchs- 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 205 


reihen gesprochen werden, und wenn die Frage der „Paranoia” 
und ihrer Abgrenzung geklärt sein wird. 

Einen Fall von vorübergehender Besserung in dieser 
Krankheitsgruppe — wenn man denselben dieser Gruppe zu¬ 
zählen und nicht lieber als chronisch gewordenen „Wahnsinn” 
bezeichnen will — da ihn in positiver Weise nur Angst und 
drohende „Stimmen”, in negativer Weise der Mangel an „Syste- 
matisirung” charakterisiren — einen solchen Fall hat auch 
unsere Versuchsreihe aufzuweisen. Der Fall J. W. 1 ), bei dem andere 
therapeutische Versuche völlig fehlgeschlagen waren, wurde 
durch die Jnjectionen rasch, aber leider eben nur vorübergehend 
zur Ruhe und Klarheit gebracht; bald jedoch stellten sich die 
frühere Angst und die Hallucinationen drohender Stimmen bei 
im Uebrigen lucidem Bewusstsein wieder ein, und scheinen stationär 
geworden zu sein. In einem Falle jedenfalls „echter” Paranoia 
(Fall 9) erstreckte sich die günstige Wirkung auf die vegetativen 
Functionen. Patientin, die bis dahin fast Nacht für Nacht wegen 
ruhelosen, störenden Wesens hatte isolirt werden müssen, kam 
mit den Injectionen zu ruhigem Schlaf und consecutiv zu einer 
Verbesserung ihres Kräftezustandes. Die Paranoia blieb in diesem 
Falle völlig unbeeinflusst. 

Als acute Psychose im Uebergange in secundäre 
Geistesstörung könnte man einen der Fälle (Fall K. N. 2 ) be¬ 
zeichnen; eine günstige Beeinflussung war eine Zeit lang un¬ 
zweifelhaft vorhanden, die lange zu jedem geordneten Verhalten 
unfähige'Patientin fing an, sich zu beschäftigen, hielt sich tags¬ 
über mit ziemlicher Ausdauer bei ihrer Handarbeit, bald aber 
liess die normale Anspannung wieder nach und Patientin verfiel 
mehr und mehr in ihr früheres zerfahrenes, jeder einigermassen 
genügenden Aufmerksamkeitsleistung baaren Wesen. 

Die progressive Paralyse ist in der Versuchsreihe nur 
mit einem einzigen Falle vertreten. Es hat das darin seinen Grund, 
dass zur Zeit der Versuche keine geeigneten, d. h. keine Fälle 
vorhanden waren, welche günstige Aussichten darzubieten 
schienen: Von weit vorgeschrittenen oder einfach dementen 
Formen glaubte man Erfolge nicht erwarten zu sollen. Gerade 
die Paralyse aber dürfte nicht die schlechtesten Chancen haben; 

l ) pag. 242. J ) pag. 233. 


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Dr. Ernst Boeck. 


denn an and für sich neigt ja die Krankheit zu Remissionen, 
und Fälle günstiger Einwirkung fieberhafter Krankheiten anf 
ihren Verlauf sind bekannt genug. 

Ein Fall von Epilepsie wurde mit zu den Versuchen heran¬ 
gezogen. Der Erfolg entsprach auch hier wie bei den anderen 
Psychosen dem, was über die Einwirkung fieberhafter Krank¬ 
heiten auf solche bekannt ist. „Die Krankheitsform, welche 
am wenigsten günstig von fieberhaften Erkrankungen beeinflusst 
wird, ist die Epilepsie. Es sind zwar auch einige Fälle mit- 
getheilt worden, in denen Epilepsie durch fieberhafte Erkran¬ 
kungen geheilt wurde, in anderen Fällen wurden die Anfalle 
während der iutercurrirenden Erkrankungen nur stärker, und 
noch übler verliefen Fälle, wie sie von mehreren Autoren mit- 
getheilt worden sind, in denen während und noch einige Zeit 
nach dem Fieber die Anfälle cessirten, dafür aber später in solcher 
Häufigkeit und Intensität auftraten, dass sich ein Status epilep¬ 
tisch herausbildete, dem die Kranken erlagen.” 1 ) Auch in unserem 
Falle traten die Anfälle während des Fiebers auf, blieben dann 
einige Zeit weg, um später verstärkt und vermehrt wiederzu¬ 
kehren. Auch die Intelligenz, oder vielmehr der Intelligenzverfall 
wurde nicht im geringsten durch die Behandlung beeinflusst 

Versuche bei Alkoholismus zu machen, wurde unterlassen; 
es bliebe jedoch zu erwägen, ob die reizbare Verstimmung der 
Alkoholiker des Versuches, eine „Umstimmung” durch die „Fieber¬ 
behandlung” herbeizuführen, nicht werth wäre. 

Fragt man sich nun weiter, welche Verhältnisse neben der 
Krankheitsform im einzelnen Falle von Einfluss gewesen sein 
können, so wird man zunächst auf die Krankheitsdauer und auf 
das Alter der Patienten aufinerksam werden. Was die Krankheits¬ 
dauer anbelangt, so wird man von vomeherein geneigt sein, anzu¬ 
nehmen, dass kurze Zeit bestehende Psychosen günstigere Chancen 
für eine Heilung bieten, als etwa schon lange Zeit hindurch 
getragene. 

Die geheilten Fälle der Grazer Klinik nun weisen eine 
vorgängige Krankheitsdauer (von dem Beginne der Erkrankung 
bis zum Beginne der Injectionsbehandlung) auf von einem Tag 
(Fall K. M.) und einigen Tagen bis zu drei Monaten. Ein nicht 

! ) Prof. v. Wagner 1. c. pag. 126. 


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Versuche über die Einwirkung kfinstlich erzeugten Fiebers etc. 207 


geheilter Fall dieser ßeihe betraf ein Recidiv nach Jahre vorher 
abgelanfener Erkrankung. Die Wiener Fälle zeigen ein Bestehen 
der Krankheit vor der Behandlung von zwei Monaten (Fall Sch.) 
bis zu über zwei Jahren, die nicht geheilten betreffen Fälle von 
vieljähriger Dauer (bis zu 14 Jahren) und vielen Recidiven. Selbst¬ 
verständlicherweise ist das Moment der Dauer nur dann als 
differenzirend in Betracht zu ziehen, wenn es sich um sonst 
gleichartige Fälle handelt. Lässt die Krankheitsform eine Heilung 
überhaupt nicht zu, so wird der Unterschied von Monaten oder 
Jahren natürlich keinen Ausschlag geben. 

Auch was das Moment der vorgängigen Krankheitsdauer 
und seinen Einfluss auf die Heilungsaussichten angeht, stimmen 
— wie natürlich — die klinischen Versuche mit dem „Natur¬ 
experiment” überein. Auf Grund der Literaturnachrichten über 
Heilung der Psychosen durch fieberhafte Krankheiten gelangt 
Prof. v. Wagner in seiner mehrfach genannten Schrift zu dem 
Ergebniss: „Wenn ein Geisteskranker in dem ersten Halbjahr 
des Bestehens seiner Geisteskrankheit von einer der genannten 
Erkrankungen befallen wird, ist die Wahrscheinlichkeit eine 
sehr grosse, dass er dadurch von seiner Psychose geheilt wird.” 
Die Wiener Fälle boten demnach von vorneherein — bei ihrer 
so viel längeren vorgängigen*Krankheitsdauer — weit weniger 
günstige Chancen. Die Wahl der Fälle aber war durch die 
Absicht bestimmt, zunächst solche Fälle zu den Versuchen heran¬ 
zuziehen, die möglichst wenig Aussicht auf Spontanheilung dar¬ 
zubieten schienen. 

Was den Factor des Alters angeht, so wird dasselbe in¬ 
soweit Bedeutung haben, als es sich mit dem Stande der Kräfte 
deckt, da es ja selbstverständlicherweise auf diesen, auf die ver¬ 
schiedene Frische nnd Restaurirbarkeit des Nervensystemes an¬ 
kommen wird und nicht auf die Zahl der Jahre. Die Fälle von 
Erschöpfung nnd Entwickelungshemmung in frühen Jahren, nahe 
der Pubertät (Fall E. L. 1 ) nnd G. Sch. 1 ) sind Paradigmata dafür. 
Die günstig verlaufenen Versuchsfälle zeigen nun in der That 
mit einigen geringen Ausnahmen, die dafür die Chance besonders 
frühzeitiger Behandlung hatten, ein verhältnissmässig jugend¬ 
liches Alter (26 bis 30 Jahre). 

pag. 268. 2 ) pag. 256. 


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Dr. Ernst Boeck. 


Vergleichen wir wieder die Tabellen in Prof. v. Wagners 
Schrift, so finden wir die weitaus höchste Heilungsziffer für das 
Alter von 20 bis 30 Jahren angegeben. Von vorneherein nicht 
viel Wahrscheinlichkeit hat es, einen directen Einfluss des 
Geschlechtes anzunehmen. Auffallend erscheint es auf den 
ersten Blick, dass alle Heilungen bisher Frauen betreffen, 
während sich unter den Männern eine vorübergehende Besserung, 
aber nicht eine Heilung findet. Es zeigt sich jedoch, dass da neben 
dem Geschlechtsunterschiede andere und viel gewichtigere Diffe¬ 
renzen bestanden. In der Krankheitsform vor allem, und diese 
wurde ja als der entscheidende Factor erkannt. Unter den bisher 
in Behandlung genommenen Männern kommt ein Fall von Amentia 
überhaupt nicht vor, \ielmehr sind es die ausgesprochen un¬ 
günstigsten Krankheitsformen, die da gewählt wurden. Merk¬ 
würdigerweise zeigt die Tabelle in Prof. v. Wagner’s Schrift 
gleichfalls eine höhere Heilungsziffer für Frauen als für Männer. 
Aber „die Zahl der überhaupt mitgetheilten Fälle überwiegt 
bei dem weiblichen Geschlechte”, und so mag sich die höhere 
Ziffer der Heilungen erklären. Wie aber erklärt sich die höhere 
Ziffer der überhaupt mitgetheilten Fälle? Wohl daraus, dass die 
Zahl der acuten Psychosen beim weiblichen Geschlechte grösser 
ist als beim männlichen, und besonders wieder die Zahl der 
Fälle von Amentia, welcher ja wohl fest alle (wenn man die 
dem Alkoholismus angehörigen davon ausschliesst) Fälle von 
Puerperal- und Lactationspsychosen zufallen. Die Gesammtzahl 
der geheilten acuten Psychosen aller Arten in Prof. v. Wagners 
Tabelle beträgt 55 Fälle, denen insgesammt 15 Fälle chronischer 
Krankheit gegenüberstehen. So mag denn indirect der Factor 
des Geschlechtes immerhin einen Einfluss auf die Zahl der 
Heilungen — sowohl durch fieberhafte Krankheiten als durch 
„künstliches Fieber” — ausüben. 

Alles, was im Vorstehenden berichtet worden ist, wurde 
zunächst an den mit Koch’schem Tuberculin Injicirten beobachtet. 
Die Versuche mit Injectionen von Pyocyaneus-Bouillonculturen, 
von denen eingangs die Bede war, ergeben jedoch ein im 
Wesentlichen mit jenen übereinstimmendes ßesultat. Das 
zu diesen Injectionen verwendete Material war dasselbe, 
wie das, welches Professor Dr. T. Kraus & Dr. H. C. Bus well 
bei ihrer Nachprüfung der Rumpf’schen Versuche über die 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 209 


Heilwirkung solcher Injectionen bei Typhus abdominalis benützt 
hatten. 48 ständige Bouillonculturen von Bacillus pyocyaneus 
durch zweistündiges Erhitzen auf 80° Celsius sterilisirt, nicht 
filtrirt. 

Diesem Verfahren hafteten unzweifelhaft wesentliche Nach¬ 
theile an, von denen später noch die Rede sein wird. Zunächst 
mag nur darauf hingewiesen werden, dass in dieser Injections- 
tiüssigkeit die wirksamen Stoffe in grosser Verdünnung enthalten 
sein mussten, nicht concentrirt in einem Extract, wie im Tuber- 
culin. Daraus mag sich erklären, dass die Intensität der Fieber¬ 
wirkung, concreter gesagt, die Höhe der Temperatursteigerung 
bei diesen Versuchen hinter der bei Tuberculininjectionen be¬ 
obachteten zurückblieb. Es sind keine höheren Temperaturen 
als 38*5° Celsius notirt. Eine andere unmittelbare Consequenz 
dieses Quantitätsverhältnisses war die, dass die mögliche 
(Quantitäts-)Grenze der Injectionen viel früher erreicht wurde 
als bei den Tuberculininjectionen. „Gewöhnung”, nämlich Ab- 
schwächung und Ausbleiben der „Fieberreaction”, d. h. der 
Temperatursteigerung trat bei der Injectioc mit Pyocyaneus ganz 
ebenso ein wie bei den Tuberculininjectionen. Hatte man aber 
bei diesen für das eine Milligramm erst ein hinlängliches Vehikel 
zu beschaffen, und machte es keine Mühe, das 200fache der 
wirksamen Anfangsdosis davon in einer einzigen Spritze unter¬ 
zubringen, so war hier die Anfangsdosis schon ein Drittel Spritze 
und eine Steigerung der Dosis über das Sechsfache nicht wohl 
durchzuführen. 

Behandelt wurden überhaupt nur drei Männer (darunter 
einer, A. K., der früher ohne Erfolg mit Tuberculin injicirt 
worden war) und sechs Frauen (darunter eine, A. M., gleichfalls 
in Tuberculinbehandlung gewesen). Alle Fälle gehörten den 
früher als ungünstig erkannten Erankheitsformen an und boten 
auch nach Erankheitsdauer und Lebensalter keine Chancen. 
Immerhin wurde ein Fall („secundäre Geistesstörung” nach 
Manie) „gebessert”, Patientin wurde ruhiger, geordneter und — 
wenigstens zeitweise — sogar zu (einfacher) Beschäftigung fähig. 

Diese Versuche mit Pyocyaneusproducten lehren zunächst 
das eine, dass ihrer Einverleibung ebenso wie ähnliche soma¬ 
tische Erscheinungen, so auch ähnliche Veränderungen im psy¬ 
chischen Verhalten der Eranken folgen wie den Tuberculininjec- 

Jahrbücher f. PaycUSatrie u. Nervenh. XIV. Bd. 14 


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br. Emst Boeck. 


tionen, und die Möglichkeit eines Heilerfolges, was die 
psychische Störung anbelangt, ist durch den einen dauernd 
gebesserten Fall erwiesen. 

Was durch diese Versuche nicht erwiesen wurde, das ist. 
welchem von den beiden Fieberstoffen die bessere Wirkung zu¬ 
kommt, besser nach der Zahl der Erfolge, d. h. des leichteren 
und häufigeren Eintretens der günstigen Reaction, das raschere 
Eintreten der Wirkung und das frühere Erreichen des Heil¬ 
erfolges; wozu dann noch das grössere oder geringere Mass 
unbequemer, unerwünschter Nebenwirkungen oder womöglich 
deren vollständiges Fehlen in Betracht käme. 

Eine darauf gerichtete — auf eine Anzahl von Infections- 
krankheiten sich erstreckende Untersuchung erscheint aber wohl 
wünschenswerth, wenn man erwägt, dass ja die einzelnen In- 
fectionskrankheiten sich nicht gleich verhalten in ihrer Beziehung 
zu der Heilung von Psychosen, dass die eine mehr, die andere 
minder zu Heilungen zu disponiren scheint. — Das vorhandene 
grosse Literaturmateriale zu verarbeiten, war mir für diesmal 
versagt; ein oberflächlicher Ueberblick lehrt aber, dass die 
Nachrichten Uber Infectionskrankheiten und ihren Einfluss auf 
Psychosen nicht gleich Günstiges melden. So dürfte z. B. die 
Diphtherie einen der untersten Plätze auf dieser Werthscala 
einuehmen, der ihr nur etwa von der Influenza streitig gemacht 
werden wird. Viel wird man von Infectionskrankheiten, die an 
und für sich von so trüber Prognose sind wie Tuberculose oder 
Cholera, nicht erwarten wollen; von Tetanus und ähnlichen gar 
nicht zu reden. 

Diesen reiht sich der Typhus an, von dem aber schon 
ein nennenswerthes Heilprocent gemeldet wird. Die günstigen 
Einflüsse von Recurrens und Intermittens des weiteren sind be¬ 
reits so augenfällig, dass sich einige Forscher veranlasst fanden, 
diese Krankheiten in Heilabsicht einzuimpfen. Noch mehr ist 
das aber der Fall beim Erysipel, von dem die weitaus grösste 
Anzahl von Heilungen oder günstiger Beeinflussung psychi¬ 
scher Krankheiten berichtet wird, während umgekehrt das Vor¬ 
kommen von durch Erysipel hervorgerufenen Psychosen (nach 
Kraepelin’s preisgekrönter Schrift „Ueber den Einfluss acuter 
Krankheiten auf die Entstehung von Geisteskrankheiten) ein 
ausserordentlich seltenes ist, und wie der genannte Autor angibt, 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 211 


auf das Gesichts- und Kopferysipel sich beschränkt (1. c. pag. 153). 
Diese Einschränkung ist allerdings nicht aufrecht zu erhalten; 1 ) 
aber dass sie gemacht werden konnte, beweist, wie selten über¬ 
haupt die Fälle von Psychose bei Erysipel überhaupt sind. So 
stellt das Erysipel, als fast nur Psychosen heilend, selten (und 
dann nur milde) 2 ) Psychosen erzeugend einen diametralen Gegen¬ 
satz zur Influenza dar, von der eine Heilwirkung auf Psychosen, 
wenn überhaupt so doch nur ausnahmsweise, Erzeugung von 
solchen aber ausserordentlich häufig (wenigstens aus den Epi¬ 
demien der letzten Jahre) berichtet wird. 

Dem Erysipel reihen sich in diesem Sinne Eiterungen, 
Abscesse und Phlegmonen an, Processe, deren Nennung ihre 
vordem so gebräuchliche therapeutische Anwendung „zur Ab¬ 
leitung” in Form von Haarseil, Moxen u. dgl. ins Gedächtniss 
bringt, nicht was speciell die psychiatrische Therapie angeht, 
zu vergessen, der Autenrieth'schen Cur mit Tartarus stibiatus- 
Salbe, bei der es sich ebenso wie bei den vorgenannten Proceduren 
um ganz verwandte Vorgänge gehandelt haben dürfte. 

So scheint denn die Folgerung kaum abzuweisen, dass 
den einzelnen Infectionskrankheiten eine specifische Beziehung 
zu den Psychosen zukommt. Die Verificirung dieser Vermuthung 
hat aber zahlreiche Versuchsreihen und vor allem die Ge¬ 
winnung der specifischen Infections-„Stoffe” zur Voraussetzung, 
die die Bakteriologie der Klinik beizustellen hätte. Damit 
aber eröfihet sich die Aussicht auf vorläufig nicht absehbare, in 
die Physiologie und Pathologie des gesaromten und des Stoff¬ 
wechsels der Nervensubstanz tief eindringende Untersuchungen. 

Die vorliegenden Versuche sind, wie Eingangs erwähnt, 
nicht in Absicht auf Beantwortung solcher Fragen unternommen 
worden; sie können auf solche Fragen keine Antwort geben. 
Es sind, wie gesagt, Vorversuche, die nur das Ziel hatten, 
zu erweisen, ob die bei Infectionskrankheiten beobachtete günstige 
Einwirkung auf Psychosen durch die Injection der isolirten 
pyrogenen Substanzen überhaupt bervorzurufen sei. 


J ) Verfasser selbst sah einen Fall von Delirium (mit heftigen motorischen 
Reizerscheinungen, Angst, Hallucinationen) bei einem Erysipel des Unterschenkels, 
das mit jedem Nachschub des Erysipels recidivirte. 

2 ) 1. c. pag. 154. 

14* 


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212 


Dr. Ernst Boeck. 


Nur einige Thatsachen, wie sie sich der gröbsten klini¬ 
schen Beobachtung, „dem unbewaffneten Auge” sozusagen, dar¬ 
bieten, mögen erwähnt werden. Die „Fieber”-Wirkung trat in fast 
allen Fällen, bei denen Injectionen versucht wurden, ein; nur 
wenige Fälle versagten. Was die Tuberculininjectionen an¬ 
belangt, unterschied sich der Verlauf ihrer somatischen Ein¬ 
wirkungen nicht von dem, was die zahllosen Versuche zu an¬ 
deren Zwecken, wie die Literatur der letzten Jahre sie ver¬ 
zeichnet, kennen gelehrt haben. Zu betonen ist, dass sich fast 
in allen Fällen an die Injectionen ein rasches Ansteigen des 
Körpergewichtes anschloss. Nur für die Zeit des Fiebers selbst 
mit seinen Beschwerden, wie Mattigkeit, Unbehagen, vage Schmerz¬ 
haftigkeit im ganzen Körper, oder auch Congestionen und Kopf, 
schmerz war häufig, aber nicht immer die Nahrungsaufnahme 
vermindert, um jedoch alsbald bei stark gesteigerter Esslust 
mehr oder minder rasch zuzunehmen. So zeigt der Fall H. A. zu 
Beginn der Behandlung im Mai ein Körpergewicht von 48*5 Kilo¬ 
gramm, das im Juni auf 56‘9, im Juli auf 63'5 steigt und dann in 
continuirlichem Anstiege 73 Kilogramm (im December) erreicht. 
Der Fall B. P. weist ein „Anfangsgewicht” von 53 Kilogramm 
auf, das in den ersten vier Wochen der Behandlung auf 57-5, 
weiter auf 65*5 und 67 Kilogramm steigt. Fall F. ein solches 
von 62-2, dann (im gleichen Intervall wie in dem ersten Falle) 
64*5, 65, 71 Kilogramm. Eine den Krankengeschichten ange¬ 
schlossene Tabelle enthält die bezüglichen Daten. 

Besonders bemerkenswerth erscheint die Verbesserung des 
Schlafes in allen Fällen, wo Störungen dieser Functionen früher 
bestanden hatten. Auch wenn keine andere „günstige” Wirkung 
eintrat, so machte sich doch diese Beeinflussung, wie z. B. in 
dem obgedachten Falle von Paranoia geltend und gewiss immer¬ 
hin zum Besten des Kranken. 

Um nun sogleich des Gegenstückes zu den „günstigen” 
Wirkungen, den nicht gewünschten und unerwünschten „Neben¬ 
wirkungen” zu gedenken, so ist nur von einem Falle zu berichten, 
was die Tuberculininjectionen anbelangt, in dem solche bedenk¬ 
licherer Art auftraten: in dem Falle M. H. kam es zu den Er¬ 
scheinungen einer circumscripten Infiltration in einer Lunge, 
die aber im Laufe einiger Tage schwand, ohne irgendwelche 
schlimme Folgen zu hinterlassen. Vielmehr — während locale 


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Versuche Ober die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 213 


Symptome in keiner Weise mehr zu constatiren waren, machte 
sich auch in diesem Falle ein Ansteigen des Körpergewichtes 
sofort nach den Injectionen bemerkbar, das sich von 54 Kilo¬ 
gramm zu Beginn der Behandlung im Laufe derselben während 
vier Wochen auf 56 Kilogramm hob, um nach Aussetzen der¬ 
selben in den nächsten vier Wochen auf die frühere Ziffer 
zuröckzugehen. Die gewöhnlichen, als „Nebenwirkungen" des 
Tuberculins aufgefassten Symptome, als Kopfschmerz, allgemeine 
Mattigkeit, Gliederschmerzen, Uebelkeit, Hüsteln etc., wie sie 
schon Koch selbst in seiner ersten Mittheilung nach seinem 
Autoexperiment beschrieben hat, werden allerdings in keinem 
Falle vermisst, wenn die Patienten der Aufmerksamkeit, sowie 
der geordneten Erinnerungen und Mittheilungen ihrer Emfin- 
dnngen fähig waren. 

Anders steht es bezüglich der ungünstigen Nebenwirkungen 
bei den Pyocyaneusversuchen. Wie ich während der Vorbe¬ 
reitungen zum Drucke dieses Artikels durch mündliche Mit¬ 
theilung von Herrn Professor v. Wagner erfahren habe, sind 
bei drei mit diesem Material injicirten Patienten einer späteren Ver¬ 
suchsreihe Zufälle von Syncope eingetreten, die ohne alle Vor¬ 
boten, ganz plötzlich sich einstellten und bedrohlichen Charakter 
an sich trugen. Diese Zufälle, die im Anschlüsse an die Injectionen 
auftraten und kaum auf etwas anderes als auf diese als ihre 
Ursache bezogen werden konnten, haben Herrn Professor v. 
Wagner bestimmt, von weiteren Versuchen mit diesem Material 
abzustehen. Diese Zufälle erinnern an ähnliche, welche von Kraus 
und Bus well bei ihren Versuchen an Typhuskranken ge¬ 
sehen wurden, und sie erinnern an die plötzlichen Herztode 
bei Typhus und bei Diphtherie. Die Annahme dürfte nicht un¬ 
gerechtfertigt erscheinen, dass es sich dabei um die Wirkung 
von Toxinen handelt, die, verschieden von den pyrogenen, 
lymphagogenen Proteinen der Bakterienproducte sind, und wie 
schon Klebs („Ueber die Wirkung des Koch’schen Mittels 
auf Tuberculose der Thiere, nebst Vorschlägen zur Herstellung 
eines unschädlichen Tuberculins.” W. m. W. 1891, Nr. 15) ge¬ 
zeigt hat, durch Extraction mit Alkohol, Aether, Chloroform von 
jenem abgetrennt werden können. 

Wenn man sich nun nach einer Erklärung der „Heilwir¬ 
kung” dieser Eingriffe fragt, so erhebt sich zunächst der Skep- 


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Dr. Ernst Boeck. 


ticismus und wendet ein, ob man denn berechtigt sei, von einer 
solchen „Wirkung” zu sprechen; habe man ja doch selbst betont, 
dass diese „geheilten” Fälle den heilbarsten der Psychosen an¬ 
gehören, und kommen doch Spontanheilungen manchmal oft noch 
nach vielen Jahren vor, warum sollten nicht die mitgetheilten 
Heilungen — Spontanheilungen sein? Man wird das, glaube ich, 
nicht behaupten, d. h. die Behauptung nicht vertreten können. 
Die Fälle wären vielleicht — wer könnte dieses „vielleicht” 
verneinen? —später noch spontan zur Heilung gekommen; diese 
Heilungen waren aber keine Spontanheilungen, denn warum 
traten diese „Spontanheilungen” nicht zu einer früheren Zeit 
und warum im Anschlüsse an die Behandlung auf? Im Anschlüsse 
an die Behandlung, welche, wie oben erwähnt, auch eine Ver¬ 
besserung des Schlafes und ein Ansteigen des Körpergewichtes, 
d. i. eine Steigerung der „anbildenden” Processe zur unmittel¬ 
baren Folge hatte? Und trat doch in manchem Falle gerade 
gleichzeitig mit dem „Fieber” auch die Besserung der psychi¬ 
schen Symptome auf. 

Fragt man sich aber, welcher Factor oder welche Factoren 
sind bei diesen Vorgängen das wirksame Princip, so wird man 
sich vielleicht veranlasst fühlen, zunächst zu antworten: „das 
Fieber” — war ja doch von der Heilwirkung „künstlichen Fiebers” 
auf Psychosen die Rede. 

Was dabei die Tuberculininjectionen im Besonderen an¬ 
belangt, so wäre es irrelevant, ob ein Ergebniss jüngster For¬ 
schung, 1 ) wonach das Tuberculin überhaupt nicht direct, sondern 
nur durch Anfachen latenter Streptococcen oder Diplococcen 
Depots im Körper zu virulenten Eiterungsprocessen Fieber erzeugt 
und Tuberculininjectionen überall dort reactionslos bleiben, wo 
nicht solche Depots vorhanden sind, ob dieses Forschungsergeb- 
niss zu Recht besteht oder nicht; die Frage würde sich ebenso 
für die Pyocyaneuswirkung und ebenso für die Wirkung der 
Streptococcenproducte selbst erheben. 

Wird aber zur Antwort gegeben, das wirksame Princip dieser 
Heilvorgänge ist das „Fieber”, gleichviel „woher” es stammt, 
so verbindet sich damit keine Einsicht. Die einfache Ueber- 


') Dr. Arthur Klein. Ueber die Ursachen der Tuberculinwirkung. Wien, 
Braumüller 1894. 


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Versuche Ober die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 215 


legung schon zeigt, dass man es bei dem Begriffe „Fieber” mit 
unklaren, unvollständigen Anschauungen, bei seinen definirenden 
Merkmalen mit äusserlicbsten, oberflächlichsten Symptomen zu 
thun hat; neuere Forschungen aber legen dar, wie die „Er¬ 
scheinung des „Fiebers” die Resultante aus einer Reihe von 
Vorgängen ist, von denen erst nur einige wenige der Unter¬ 
suchung überhaupt zugänglich gewesen sind. Eine der ober¬ 
flächlich liegenden Fragen für unser Thema, gleichwohl aber 
von Interesse, ist die Frage nach einem Parallelismus zwischen 
dem Symptom der „Fieberhöhe”, d. h. der Temperaturreaction 
oder Wärmeentwickelung und der Besserung der uns inter- 
essirenden Nerven-, respective psychischen Symptome von that- 
sächlichem Interesse. In Bezug hierauf ist nun zu constatiren, dass 
einige Fälle mit hoher und langanhaltender Temperatursteigerung 
(Fall F. z. B. oder Fall G., Fall H., der Epileptiker V.) ganz 
und gar psychische „Besserung” und Veränderung überhaupt 
vermissen Hessen, während z. B. Fall Sch., der so günstig ver¬ 
lief, durch sehr niedrige Temperatursteigerungen ausgezeichnet 
war. Es wären darum auch, wenn schon alle mit „Erfolg” Inji- 
cirten Temperatursteigerungen zeigten, die Injectionen auch bei 
solchen versuchsweise fortzusetzen, bei denen Temperaturreaction 
ausblieb, sofern nicht auch alle übrigen Symptome von Beein¬ 
flussung fehlen sollten. 

Bemerkenswerth ist nämlich ein Fall (A.K.), bei dem nie¬ 
mals Temperatursteigerung constatirt wurde, und der doch stets 
angab, „Fieber” gehabt zu haben. (Psychischer „Erfolg” war in 
diesem Falle allerdings nicht vorhanden, wäre aber bei der 
Natur des Falles wohl auch bei promptester Temperaturreaction 
vermuthHch nicht zu erzielen gewesen. Neu und unbekannt ist 
die Erscheinung ja übrigens nicht; ein Artikel der „Semaine 
medicale 1894, pag. 197, von Dr. Teissier behandelt das Thema 
„Fieberlose Fieber” und bringt eigene und fremde Beobach¬ 
tungen von „fieberlos”, d. h. ohne Temperatursteigerung ver¬ 
laufenden Pneumonien bei Erwachsenen, von Malariafällen, ja 
selbst von Fällen von Influenza mit Pneumonie, die ohne „Fieber” 
verliefen. Der Autor bringt ausserdem Beispiele von hypo¬ 
thermisch wirkenden Bakteriengiften, berichtet von der hypo- 
thermisclien Wirkung von Injectionen mit Typhusurin bei 
Tliieren, führt aber auch als Thatsache an, dass manchmal nach 


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Dr. Ernst Boeck. 


Injectionen mit Salzwasser Hypothermie beobachtet werde. Eine 
Erklärung des Phänomens zu geben, ist der Autor nicht in der 
Lage. 

Kann so — wenigstens vorläufig — die Wärmereaction 
keinen Anhaltspunkt zum Verständnisse der fraglichen Vorgänge 
geben — wie freilich auch schon von vorneherein zu erwarten 
war — so wendet sich die Frage weiter nach den bisher be¬ 
kannten Factoren der Fieberwirkung und der Wirkung von 
Bakterienextracten. Als die wichtigsten Phänomene dabei dürften 
anzusehen sein: die Steigerung der Stickstoffausscheidung, sowie 
der stickstofflosen Secretionsproducte. Eine andere, jedenfalls 
wichtige Thatsache ist die von Gärtner und Roemer beob- 
achtete Steigerung des Lymphstromes (bei Vermehrung derTrocken- 
substanz der Lymphe). Beide Processe deuten auf eine und 
dieselbe Quelle hin: die Steigerung des Stoffwechsels, die Stei¬ 
gerung der Lebensvorgänge in den Gewebszellen. Dass auch 
die Nervenzelle daran betheiligt ist, wird durch die das Fieber 
begleitenden sensorischen, sowie motorischen und secretorischen 
Reiz-, eventuell Ausfallserscheinungen erwiesen, die ja in schweren 
Fällen von fieberhaften Krankheiten Psychosen erzeugen (Krae- 
pelin 1. c.) und auch dauernde Ausfallserscheinungen hinter¬ 
lassen können. Dass aber Reize von bestimmtem — von den 
„Kräfteverhältnissen” des Organismus, der einzelnen Organe, 
der Zelle abhängigem — Mass der Function derselben förderlich 
sind, ist eine physiologische Thatsache. 

Was nundieunshierinteressirendenErscheinungen anbelangt, 
so könnte man sich denken, dass ein Reiz, der erfahrungsgemäß 
unter gewissen Umständen — relativen Quantität^ Verhältnissen 
— deletär wirkt, der Reiz der toxischen Bakterienproducte, durch 
welchen gelegentlich vorübergehende oder dauernde Störungen 
in der Thätigkeit des Nervensystems (der Nervenzelle) hervor¬ 
gebracht werden, in entsprechenden günstigeren Quantitäts- (und 
sonstigen) Verhältnissen nur anregend wirkt. Man könnte sich 
weiter denken, dass ein Reiz, der allseitig wirkt, der das ganze 
Nervensystem in gleicher Weise trifft — durch den Blutstrom 
gleichmässig verbreitet — auch alle Theile anregt, wenn auch 
vielleicht nicht alle Theile in gleicher Weise oder in gleichem 
Masse, und manche „Hemmung” löst, manche Verbindung, manchen 
Contact wieder herstellt, manche übermässige (localisirte) Er- 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 21 7 


regung zum Abfliessen bringt und ausgleicht.Die Wiederherstellung 
der „Coordination” bei der Amentia führt auf solche Vorstellungen. 

Allein, das sind Gedankenconstructionen und nicht Erklä¬ 
rungen. Zu solchen bedürfte es erst noch einer grösseren An¬ 
zahl von Thatsachen und diese gilt es zunächst zu finden. Fin¬ 
den praktischen Zweck handelt es sich darum, den wirksamsten 
und von Nebenwirkungen freien Stoff zu finden, der die wohl- 
thätige Beeinflussung der psychischen Krankheit hervorbringt. 
Einen Fingerzeig scheint mir die Ueberlegung der vorliegenden 
Erfahrungen zu geben, nach welchen die günstigste Einwirkung 
auf Psychosen Erysipel und „Eiterungsprocesse” (d. i. Strepto¬ 
coccen processe) zeigen. Es ist schwer zu glauben, dass nicht 
eine specifische Eigenthümlichkeit der Infectionsstoffe diese 
Eigenthümlichkeit günstiger Einwirkung bedingen sollte. Man 
würde also danach zu trachten haben, diesen Stoff aus den 
Erysipelculturen ebenso darzustellen und von „schädlichen” 
Giftkörpern frei darzustellen, wie das mit dem Tuberculin 
durch Koch, respective Klebs geschehen ist. Mit dieser Thatsache 
aber wird man sich nicht begnügen können, man wird weiter zu 
forschen haben nach den Veränderungen, die dieser Stoff im 
Körper überhaupt hervorbringt, um daraus Anhaltspunkte zum 
Verständnis der Einwirkung auf das Nervensystem zu gewinnen. 
Daran knüpft sich dann freilich die Frage, ob die Heilwirkung, 
zum mindesten die auf das Nervensystem, nicht etwa von Stoffen 
ausgeht, die der Körper erst in „Reaction” auf den eingebrachten 
(injicirten) Stoff selbst erzeugt, d. h. dann in letzter Linie, ob 
man nicht „Antitoxine” (etwa Antistreptococcin) mit mehr Vor¬ 
theil verwenden würde als die Toxine. Wahrscheinlichkeit be¬ 
sitzt dieser Gedanke nicht, wenn man an den „Reiz”, seine 
ausgleichende Wirkung etc. gedacht hat, wie es oben geschehen 
ist; aber blosse Combinationen dürfen das Experiment nicht ver¬ 
eiteln. Die Zahl der Fragen wäre heute schon auf eine erhebliche 
Anzahl zu bringen; aber es wird schwierig genug sein, auch 
nur die nächsten endgiltig zu beantworten. 

A. Fälle der Wiener Klinik. 

I. Frauen. 

1. H. A., Telegraphistin, 28 J., 1. Hereditär belastet. Von jeher 
eigensinnig, absonderlich, reizbar, erotisch, zu anhaltender Beschäf¬ 
tigung nicht geneigt. 


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Dr. Ernst Boeck. 


Erkrankung plötzlich, 23. November 1892 nach angeblich 
normaler Menstruationsperiode in Folge eines heftigen Affectes 
(Enttäuschung wegen eines von dem Verehrer vernachlässigten 
Rendezvous). Die anschliessende Nacht schlaflos, Angst, hört Tau- 
bengirren, Thierlaute, Rufe u. dgl. Aehnlich die nächsten Nächte. 
Viel Thiervisionen — Schlangen, Katzen u. dgl., dabei Zwangs¬ 
vorstellung, das seien ihre Verwandten und Bekannten. Dazwischen 
unmotivirt lustig, lacht, singt. 

Aufnahme 6. December 1892. In der Anstalt allmähliche Be¬ 
ruhigung. Hält sich abseits für sich, unbeschäftigt. Oft plötzliches 
Auflachen. Ab und zu auffallend depressiv oder erregt, deutlicher 
Erotismus. 

Nach 5 Monaten in anhaltendes Stimmungsgleichgewicht über¬ 
gehend, krankheitseinsichtig, körperlich sehr erholt. Geheilt ent¬ 
lassen 8. Juni 1893. Schon wenige Tage nach der Entlassung wieder 
Zeichen von Verworrenheit, schon nach kaum 6 Wochen wieder 
unruhig, schlaflos, reizbar, jäh wechselnde Stimmung, mehr und 
mehr abruptes Wesen, Hallucinationen, Verwirrtheit stellen sich ein. 

Aufnahme 9. September 1893. Excessiver Stimmungswechsel, 
impulsive Ideen (plötzlich auftauchende Idee, der Vater sei ge¬ 
storben; heftigster Affect damit verbunden), erotisches Wesen, Angst¬ 
zustände, Bewegungsdrang, Lachen, Weinen. Aus dem nachmals 
erhobenen Status retrospectivus ergibt sich, dass Patientin in dieser 
ganzen Kraukheitsperiode lebhaft hallucinirte, massenhaft Visionen, 
häufig erotischen und obscönen Charakters hatte, Stimmen, Schiessen, 
Lärm, Rufe u. dgl. hörte. Immer mehr reizbare Verstimmung vor¬ 
herrschend ; wirft Kleider und Schuhe weg, liegt in den Winkeln herum, 
hält keiner Frage Stand, läuft weg, weint, wird aggressiv, schimpft, 
schlägt ohne Motiv auf die Mitpatienten los, häufig isolirt, schmiert 
oft mit Koth. Am 9. März 1894 findet sich notirt: während der 
Visite durchdringen des Schreien aus ihrer Zelle. Patientin steht an 
der Wand, stösst mit aller Kraft jammernde Schreie aus. Wehrt den 
Arzt ab, stösst nach ihm, ist nicht zu unterbrechen, ruft nur: man 
solle sie nicht zum Narren halten, Alle halten sie zum Narren. 
Nachmittags erklärt sie auf vieles Fragen, sie wisse selbst nicht, 
warum sie so geschrien habe, sie „musste” schreien. 

Körperlich kräftig gebaut, Ernährung reducirt, anämisches Aus¬ 
sehen, sonst ohne bemerkenswerthen Befund. Vorgängige Krankheits¬ 
dauer 2 Jahre 7 Monate. 

6. Mai 1894 („Status idem”) Beginn der Injectionen. üm 9 Uhr 
Vormittag. Mittag: T. 36*0 1 Milligramm Tuberculin („Köchin”). 
Tagsüber öfter weinerlich, klagt über Krankheitsgefühl. Nachmittag 
4 Uhr: Schüttelfrost, Mattigkeit, Gliederschmerzen, Congestion, 
Kopfschmerzen. Ruhiges Verhalten, gibt geordnete (bisher niemals) 
Auskunft. Die Angstgefühle habe sie oft, das sei nervös. Sie konnte 
bisher nicht ausserhalb der Zelle sein, weil sie so unruhig und auf¬ 
geregt war; das „machte die Krankheit”. 8 Uhr Abends 38*6. 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 219 


7. Mai, 6 Uhr Morgens: T. 39*2. Patientin hüstelt; verschärf¬ 
tes und verlängertes Exspirium über der rechten Spitze, keine Däm¬ 
pfung. — 8 Uhr Abends: T. 38*6. Schmerzen „im ganzen Bücken ’, 
Kopfschmerz, Congestion. Psychisch wie gestern. 

8. Mai, 6 Uhr Morgens: T. 37*2, 8 Uhr Abends 37*1. Ruhig, 
matt, Krankheitsgefühl. Einsichtige Aeusserungen. 

9. Mai, 6 Uhr Morgens: T. 35*2. Mürrisch, unwirsch, zerfahren, 
arbeitet mit dem Bettzeug herum. Unzugänglich. Appetit und 
Schlaf wieder gut. 

10. Mai, 9 Uhr Vormittag: 1 Milligramm Tuberculin. Unruhig, 
schimpft, wirft die Bettstücke durcheinander, schmiert mit Koth. 
Temparatursteigerung nur bis 37 5. 

11. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 36*4, 2 Milligramm Tuberculin. 
12 Uhr Mittag 36.8, 4 Uhr Nachmittag 38, 9 Uhr Abends 37 7. Ruhig 
wie nach der ersten Injection. Nimmt alle Speisen mit gutem 
Appetit. 

12. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 36*7, 2 Milligramm Tuberculin. 
12 Uhr Mittag 37*2, 4 Uhr Nachmittag 37*6, 9 Uhr Abends 
37*1. Wehrt sich gegen die Injection, schimpft über die „Miss- - 
handlung”. Nur einzelne schnippische oder läppische Antworten 
zu erhalten. 

Höchste Temperatur 37*6. Congestionirt. Still zu Bett liegend. 
Vom Husten nichts mehr zu bemerken. Objectiv normaler Befund. 

13. Mai, 6 Uhr Morgens: T. 37*1, 9 Uhr Abends 37. Oefters 
traurig, verstimmt, weint. Ruhig, geordnet, 

14. Mai, 10 Uhr Vormittag: T. 36*1, 3 Milligramm Tuber¬ 
culin. 9 Uhr Abends 37*1. Negirt Veränderung ihres Zustandes. 
Abweisend. Weint öfters. 

15. Mai, 11 Uhr Vormittag: T. 37, 6 Milligramm Tuberculin. 

4 Uhr Nachmittag 38*4, 8 Uhr Abends 37*8. Nachts ruhig ge¬ 
schlafen. Zugänglicher. Fühle sich matt schon seit einigen Tagen. 
Andere Beschwerden negirt. Einsichtig für ihren Zustand vor der 
Aufnahme („das würde sie jetzt nicht mehr thun”) und für ihre 
noch vorhandene Krankheit. 

16. Mai, 11 Uhr Vormittag: T. 36 9, 10 Milligramm Tuber¬ 
culin. 2 Uhr Nachmittag 37.8, 4 Uhr Nachmittag 38*4, 9 Uhr 
Abends 38-1. Wie gestern. 

17. Mai, 6 Uhr Morgens: T. 36*9. Schmiert heute das ganze 
Gitterbett mit Koth voll. Zur Rede gestellt, lacht sie blöde. Schlaf ruhig. 

18. Mai, 11 Uhr Vormittag: T. 36*5, 10 Milligramm Tuber¬ 
culin. 2 Uhr Nachmittag 37*1, 4 Uhr Nachmittag 37*4, 9 Uhr Abends 
37*3. Sehr wechselndes Verhalten. Auf der Höhe des Fiebers 
geordnet, frei. Bei Besuch der Schwestern voll Einsicht und rich¬ 
tiger Gefühle. Klagt über das lange Wegbleiben des Vaters, über 
ihre Irrenhausexistenz. Für sie gebe es keinen Mai, keine Freude 
mehr, die schöne Zeit sei noch weit entfernt, da sie Ruhe haben 
werde. 


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220 


Or. Ernst Boeck. 


Später bei der Visite ruhig, aber sehr abspriugend, zerfahren. 
— Schmiert dann wieder mit Koth. 

19. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 37, 20 Milligramm Tuber- 
culin. 2 Uhr Nachmittag 377, 4 Uhr Nachmittag 37*8, 9 Uhr 
Abends 37*3. Verhalten wie die früheren Tage. Zumeist still, zeit¬ 
weise unwirrsch, ungeordnetes Gebaren. 

20. Mai, 6 Uhr Morgens: 36 6, 9 Uhr Abends 36*5. 

21. Mai, 6 Uhr Morgens: T. 36*2, 50 Milligramm Tuber- 
culin. 9 Uhr Vormittag 36*5, 2 Uhr Nachmittag 37*1, 4 Uhr Nach¬ 
mittag 39 8, V?7 Uhr Abends 401, 9 Uhr Abends 39*9, 12 Uhr 
Mittag 39*5, 3 Uhr Früh 38*2. Zugänglicher. Wie könnte es ihr hier 
gut gehen. Nichts freut sie. Das ist kein Leben. Weint. — Nach¬ 
mittag freier. Habe Kopfweh, grosse Hitze, „Fieber”, viel Durst 
gehabt. — Sie merke selbst, wie sie jetzt ruhiger sei als wie sie 
früher in der Zelle war. Die Aussicht, gesund heimzukommen, 
nimmt sie bereitwillig an, meint aber mit Sorge, die Krankheit 
„komme vielleicht wieder”. 

22. Mai, 6 Uhr Morgens: T. 37, 9 Uhr Abends 36 6. Tags¬ 
über ruhig, etwas matt. 

23. Mai, Morgens: T. 36*3, Abends 36*2. Unruhig. Räumt mit 
dem Bettzeug herum, schmiert öfters mit Koth, urinirt aus dem 
Bett auf den Boden. Dazwischen zeitweise ruhiges Verhalten, ein¬ 
sichtige Aeusserungen. 

24. Mai. Still spricht nur gefragt. Einsichtig, „theilweise sei 
sie ganz vernünftig, theilweise ganz zerstreut, ganz unfähig zu 
denken”. „Absonderliche Gedanken habe sie dabei”, das „komme 
ganz unwillkürlich”. Depressive Stimmungslage, „sie werde wohl 
nie mehr gesund werden”. 

2. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 36*2, 20 Milligramm Tuber- 
culin. 1 Uhr Nachmittag 36*4, 4 Uhr Nachmittag 397, 9 Ubr 
Abends 38 8. — Bisher ziemlich unverändert. Heute tagsüber matt, 
schläfrig, still. 

3. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 36*7, 1 Uhr Nachmittag 361, 
4 Uhr Nachmittag 36-9, 9 Uhr Abends 37 * 8 . P. 72,102. Träg, trüb, Ant¬ 
worten nur spärlich, auf vieles Drängen. — Sitzt in einem Winkel 
auf dem Boden. Injection. Stille ohne Reaction, nicht schmerzhaft. 

4. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 36 5. Versuchsweise auf einer 
ruhigeren Abtheilung. Steht laug auf einer Stelle. Plötzliches Auf¬ 
lachen. Wirft die Schuhe weg. Ganz unzugänglich. 

13. Juni, 11 Uhr Vormittag: T. 36*5, 10 Milligramm Tuber- 
culin. 2 Uhr Nachmittag 36*4, 4 Uhr Nachmittag 36*5, 9 Uhr 
Abends 37. — Nicht merklich verändert. Mürrisch, sitzt in den 
Winkeln herum. — Heute wieder post, inject, etwa heiterer, freier. 
Kein Kopfschmerz, keine Gliederschmerzen. Appetit ungestört 

14. Juni, 6 Uhr Morgens: T. 36*4, 11 Uhr Vormittag 35*6, 
2 Uhr Nachmittag 36*7, 4 Uhr Nachmittag 37*1, 7 Uhr Abends 38*1 
Ruhig, freier. — Auffallende Esslust. 


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Versuche Ober die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 221 

17. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 35*5, 40 Milligramm Tuber- 
culin. 1 Uhr Nachmittag 36, 4 Uhr Nachmittag 36*1, 6 Uhr Abends 
36*8, 9 Uhr Abends 36*5. Lustig, muthwillig, wirft Schuhe und 
Strümpfe zum Fenster hinaus. Unmotivirte plötzliche Heiterkeits¬ 
ausbrüche. Unzugänglich, spricht nichts. 

18. Juni, 6 Uhr Morgens: T. 36*5. 

25. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 36*7, 70 Milligramm Tuber- 
culin. 3 Uhr Nachmittag 38*1, 9 Uhr Abends 37*4. 

28. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 36, 100 Milligramm Tuber- 
eulin. 12 Uhr Mittag 36 5, 4 Uhr Nachmittag 35*5. 

29. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 36*6, 150 Milligramm Tuber- 
euliu. 3 Uhr 36*7, 8 Uhr Abends 37. Verhalten während der 
ganzen Zeit ziemlich unverändert. 

23. Juli, 10 Uhr Vormittag: T. 36*3, 50 Milligramm Tuber- 
culin. 36*2, 37*2, 38*1, 37*8. Emotiv, impulsiv, erotisch, zerfahren, 
ungeordnet auch in ihrem Aeusseren. 

24. August, 10 Uhr Vormittag: T. 36*7, 50 Milligramm Tu- 
berculin. 3 Uhr Nachmittag 36*9, 7 Uhr Abends 38*1, 10 Uhr 
Abends 37*9, 4 Uhr Früh 37*2. Stumm, lange Zeit regungslos, 
dann abrupte Bewegungen, Gesten oder Mimik. 

26. August, 9 Uhr Vormittag: T. 36*6, 100 Milligramm Tuber- 
culin. 3 Uhr Nachmittag 36*7, 7 Uhr 37. 

27. August, 9 Uhr Vormittag: 36*5, 200 Milligramm Tuber- 
culin. 3 Uhr Nachmittag 37*2, 7 Uhr Abends 38*4, 9 Uhr Abends 
38*2. Patientin liegt matt zu Bett, zeigt sich in Verhalten und 
Gedankenablauf geordnet. 

28. August, 6 Uhr Morgens: T. 36*7. 

Patientin entfiebert, bleibt ruhig und geordnet. Nimmt spontan 
eine Handarbeit vor. Im Laufe des September noch einige Nächte 
Relapse, Patientin hält sich aber auf der Abtheilung für Ruhige, 
wenn sie auch noch nicht zu constanter Thätigkeit sich qualificirt 
und zeitweise mürrisch und unzugänglich abseits sitzt. — Im Laufe 
des October freier, andauernd zugänglich, vollkommen krankheits¬ 
einsichtig und arbeitsam. Seitdem vollkommen „normales’’ Verhal¬ 
ten, welches bis heute (Mai 1895) andauert. 

2. Patientin B. P., Arbeitersfrau, 27 J. Hereditär angeblich nicht 
belastet. Als Mädchen „Kopftyphus” überstanden. Mit 18 J. und mit 
20 J. nach heftigem Schrecken über den Anblick eines epileptischen 
Anfalles verstört und schreckhaft, ängstlich, das letztemal durch volle 
8 Tage. — Patientin war immer heiter und lebenslustig. 

Im Mai 1892 starb ihr Lieblingskind (3jähriger Knabe.) Pa¬ 
tientin war danach „wie verzweifelt”, lange Zeit „melancholisch”, 
beruhigte sich erst nach Monaten auf viel Zuspruch, wurde aber 
uicht mehr so froh und heiter wie vordem. Seitdem angeblich 
auch Unregelmässigkeiten und Pausiren der Menses. — Gegen 
Ende December wird Patientin unruhig, zeigt Beschäftigungsdrang, 


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222 


Dr. Ernst Boeck. 


übernimmt sich in Arbeiten, die sie auch ausser Hause sucht, weil 
sie daheim „nicht genug arbeiten kann”, klagt dabei über grosse 
Hitze”, zeigt sich stark congestionirt. In den Feiertagen verlangt 
sie Vergnügen, Gasthausbesuch, was sonst nie ihre Sache gewesen 
war. Am 3. Januar verlässt sie das Haus, macht unmotivirte Ein¬ 
käufe, die sie später wieder redressirt, in der Nachbarschaft will 
sie 100 fl. borgen, um Schweine zu kaufen, die sie an die Armen 
vertheilen wolle u. dgl. m. Patientin schläft nicht, isst nicht, kommt 
nicht zur Buhe, geht singend, stampfend, bändeklatschend in der 
Wohnung herum, zeigt zunehmende Verwirrtbeit. In diesem Zustande 
erfolgt am 7. Januar ihre Aufnahme in die Anstalt. Stat. somat.: 
Mittelgross, derbknochig gebaut, leicht hydrocephaler Schädel, in 
der Ernährung herabgekommen. Innere Organe ohne pathologischen 
Befund. — Zunge trocken, fuliginöser Belag der Lippen und des 
Zahnfleisches. — Patientin ist tief verworren, ruhelos, schreit, singt, 
abstinirt, wehrt sich aufs heftigste gegen die Sondenfötterung. 

Die ersten 8 Wochen anhaltend verwirrt, massenhafte Hallu- 
cinationen aller Sinne, motorisch heftig erregt, nur bis zu einem 
äusserst abspringenden, zerfahrenen Ideenablauf bei meist heiterer 
Stimmungslage mit Declamations- und Gesticulationsdrang sich 
klärend. Diese ganze Zeit über Sondenfütterung. Die versuchten 
Narcotica und Sedativa von geringer, flüchtiger Wirkung. Erst von 
Anfang März ab mit dem Löffel zu füttern. — Zugleich weniger 
verwirrt; mehr manisches Bild: ideenflüchtig, bizarre Associatio¬ 
nen, Bewegungsdrang, Schreien, Gesticuliren, reizbare Stimmung, 
aggressives Verhalten. Zeitweise viel Hallucinationen, Illusionen, 
Personenverkennung, mehr oder minder tiefe Verworrenheit Oft 
unrein, häufig isolirt. Von Mitte Juli ab weniger aggressiv und laut, 
isst selbst; im Uebrigen ganz ungeordnet. Im August findet sich 
notirt: ganz zerfahren, obscönes Wesen, masturbirt viel, schmiert 
mit Koth, isst denselben häufig. Der Zustand dauert in dieser Weise 
fort und besteht noch nach fast 2 Jahren, zu Beginn der Tuber« 
culininjectionen ganz unverändert. Vorgängige Krankheitsdauer 1 Jahr 
10 Monate. 

I. September 1894, 10 Uhr Vormittag: T. 36*5. 2 Milligramm 
Tuberculin. Heftigste Abwehr. Patientin stösst, beisst, spuckt, wird 
mit Mühe überwältigt. Höchster Zornaffect, intensive Cyanose. Im 
Uebrigen das frühere Bild von Zerfahrenheit. Keine Fieberreaction. 

II. September, 10 Uhr Vormittag: T. 36*5, 5 Milligramm Tu¬ 
berculin. 2 Uhr Nachmittag 36*5, 5 Uhr Nachmittag 36*7, 9 Ubr 
Abends 36*3. Unverändert. Springt herum, tanzt, schreit, spricht alle 
Leute als Bekannte an und ergötzt sich an ihren läppischen Spässen. 

17. September, 10 Uhr Vormittag: T. 355, 10 Milligramm 
Tuberculin. 1 Uhr Nachmittag 37*9, 4 Uhr Nachmittag 37-4, 7 Uhr 
Abends 38*9. Von Nachmittag an ruhiger, Appetit ungestört Abends 
Kopfschmerzen, Patientin schläft aber die Nacht durch ruhig, während 
sie früher Nachts in der Regel mehr oder minder unruhig war. 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 223 

18. September, 6 Uhr Früh: T. 37 # 3, Abends 37. Singt, tanzt, 
springt herum wie sonst, Appetit und Schlaf gut. 

19. September, 6 Uhr Früh: T. 36-4. Mitunter klarere Aeusse- 
rungen, die bei dem sonst unveränderten Gebaren auffällig sind. 
Nachts ruhiger Schlaf. 

20. September, 10 Uhr Vormittag: T. 36-7, 20 Milligramm 
Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 37, 7 Uhr Nachmittag 39*1 -f- 1*6, 
9 Uhr Abends 38*7. Von Nachmittag ab ruhig. Klare zusammen¬ 
hängende — wenn auch spärliche Aeusserungen. Congestionirt. 
„Kopfweh”. Schlaf gut. 

21. September, 6 Uhr Früh: T. 36*2, 9 Uhr Vormittag 36*1, 
20 Milligramm Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 37 + 1*8, 7 Uhr 
Abends 38*8 —1*1, 9 Uhr Abends 37*7. Anhaltend ruhig, ziemlich 
geordnet. 

25. September, 10 Uhr Vormittag: T. 36*5, 40 Milligramm 
Tuberculin. 7 Uhr Nachmittag 37*5 +1*3, 9 Uhr Abends 38 8. 

26. September, 6 Uhr Früh: T. 36*7. 

27. September, 6 Uhr Früh: T. 37, 10 Uhr Vormittag 36.7, 
60 Milligramm Tuberculin. 1 Uhr Nachmittag 36*4, 4 Uhr Nach¬ 
mittag 37*8, 7 Uhr Abends 39*8, 10 Uhr Abends 38*4 1*4. Vormittag 
aufgeregt wie nur je, beschimpft ihre Mitpatienten auf die unfähigste 
Weise, höchst obscön in Beden und Gebaren, dann wieder gereizt 
und zornmüthig. Hallucinirt lebhaft. Nachmittag und Abends ruhig, 
geordnet. Schlaf die ganze Nacht. 

28. September, 6 Uhr Früh: T. 37-2. 

29. September, 10 Uhr Vormittag: T. 36*6, 100 Milligramm 
Tuberculin, 1 Uhr Nachmittag 36*7, 4 Uhr Nachmittag 37*9, 7 Uhr 
Abends 39 2, 10 Uhr Abends 38*1. Patientin tagsüber ruhig, matt. 
Aeusserungen geordnet. 

Patientin hatte während der ganzen Behandlungsdauer soma¬ 
tisch keine anderen als die allgemeinen Fiebererscbeinungen dar¬ 
geboten. Katarrhal. Symptome gelangten nicht zur Beobachtung. 

Patientin wird — nach ihrem Fieber am 30. September wieder 
aufgestanden — durch ruhiges Benehmen und dadurch auffällig, 
dass sie zum erstenmale während ihres Anstaltsaufenthaltes und sehr 
im Contrast zu ihrem früheren Treiben — eine Handarbeit vor¬ 
nimmt. 

Patientin wird auf eine andere Abtheilung versetzt, hält sich 
aber nicht. Immer wieder kommen Belapse vor, länger oder kürzer 
dauernd; die Arbeit wird bald unbrauchbar, alsbald weggeworfen 
— kommt aber doch immer wieder zur Aufnahme. 

Am 15. November werden die Injectionen wieder aufge¬ 
nommen. 

10 Uhr Vormittag: T. 36*5, 50 Milligramm Tuberculin, 
3 Uhr Nachmittag 37*1, 6 Uhr Abends 37 # 1, 9 Uhr Abends 36*6. 
Abends vorher war Patientin sehr unruhig, nicht zu bewegen, 
schlafen zu gehen. Sie „könne nicht schlafen, darum sollen es die 


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Dr. Ernst Boeck. 


Anderen auch nicht”. Heute wieder einsichtig, schiebt alles auf 
„Provocatiou” seitens des Personales, verspricht „Besserung”, lässt 
sich wie zur Sühne die Injectionen willig machen. Schläft ruhig. 

Die nächsten Tage ruhig, geordnet, nimmt ihre Handarbeit 
wieder auf. Immer wieder zeitweilig Relapse. Sehr reizbar, herrisch, 
kommt in vielfache Conflicte mit den Mitpatienten. Angesprochen 
wird sie alsbald expansiv, wird rasch mehr oder weniger ideen¬ 
flüchtig, leicht erotisch oder gereizt 

24. Nov. Injection von 100 Milligramm Tuberculin. Höchste 
Temperatur darauf 37*8. Kein merklicher unmittelbarer Einfluss. 

Im Laufe des Monats December werden die „freien” ruhigen 
Intervalle immer länger, die Reizbarkeit schwindet, Einsicht für 
ihre Krankheit und deren Ursachen stellt sich ein, ein Zustand, der 
sich zu voller und bleibender Klarheit und Ordnung entwickelt und 
seither ungestört anhält. 

3. F.M.,27 Jahre, ledig, Handarbeiterin. Aufgenommen 31. März 

1892. 

Mutter soll charakterologisch abnorm gewesen sein. 

Patientin galt von klein auf als schwachsinnig, kam in der 
Schule nur schlecht fort, war gutmüthig und lenkbar, aber auch 
eigensinnig und emotiv. — Nach dem Tode der Eltern — vor 
circa 2 Jahren—bei bigotten alten Verwandten untergebracht, die 
sie zu religiöser Hypertrophie beeinflussen. Eine alberne Liebes- 
schwärmerei, die sie einem jungen Geistlichen zuwendet, wird mit 
religiösen Motiven und Vorstellungen bekämpft, Patientin wird 
durch Zorn, Bestürzung, Furcht in Aufregung erhalten, sie wird 
schlaflos, kommt körperlich herunter, Sinnestäuschungen und Ver¬ 
wirrtheit stellen sich ein. Bei der Ankunft ist sie desorientirt, ver¬ 
kennt die Personen ihrer Umgebung als Bekannte, die Muttergottes 
erscheint ihr und verbietet ihr zu essen, fordert sie auf, ihr treu 
zu bleiben u. dgl. Patientin ist ängstlich, oft sehr erregt, glaubt 
sterben zu müssen, sucht Motivirung in läppischen Versündigungs¬ 
hypothesen, rühmt dann wieder ihr vieles Beten und Kirchen¬ 
gehen etc. 

Allmählich tritt Beruhigung ein, Patientin sitzt zumeist unthätig 
herum; häufig aber treten ganz plötzlich Erregungszustände auf, 
Patientin antwortet erzürnt auf hallucinatorische Stimmen oder kniet 
nieder, betet verworren, bittet um Verzeihung, ist bald mürrisch und 
abweisend, bald lachend zuthulich, immer aber ganz zerfahren, des¬ 
orientirt, oft tief verworren. 

Der Zustand dauert ganz unverändert von Sommer 1892 
bis 1894 fort. Patientin ist niemals einer geordneten Auskunft 
fähig, beginnt sie zu sprechen, so bringt sie Agglomerate von 
belanglosen Reminiscenzen ohne jedes erkennbare Associations¬ 
band vor, zumeist mit viel Lachen, wohl auch in zorniger Erregung. 
Hallueinationen sind häufig und oft mit hochgradigem Zornaffect 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 225 


verbunden, Patientin schlagt dann Fenster ein, reisst sich die Kleider 
vom Leibe, muss isolirt werden. Vorgängige Krankheitsdauer 2 Jahre, 
8 Monate. 

20. September, 10 Uhr Vormittag: T. 36 # 7, 1 Milligramm Tuber- 
culin, 1 Uhr Nachmittag 36*1, 4 Uhr Nachmittag 37, 7 Uhr Abends 
36*7, 9 Uhr Abends 36*7. 

21. September, 10 Uhr Vormittag: T. 37*1, 3 Milligramm 
Tuberculin, 1 Uhr Nachmittag 37, 4 Uhr Nachmittag 37*1, 7 Uhr 
Abends 36*9, 9 Uhr Abends 36*9. Gestern und heute anscheinend 
etwa conciser, ruhig. Von Krankheitsgefühl nichts zu eruiren. 

25. September, 10 Uhr Vormittag: T. 36*4, 5 Milligramm Tuber- 
euliii, 1 Uhr Nachmittag 36*6, 4 Uhr Nachmittag 36*4, 9 Uhr 
Abends 36*7. 

26. September, 6 Uhr Morgens: T. 37*3, 9 Uhr Vormittag 
37*3, 1 Uhr Nachmittag 37*5, 4 Uhr Nachmittag 377, 7 Uhr 
Abends 38, 9 Uhr Abends 38*4. 

27. September. 6 Uhr Morgens: T. 38’7, 10 Milligramm 
Tuberculin, 10 Uhr Vormittag 36-9, 1 Uhr Nachmittag 36*8, 4 Uhr 
Nachmittag 37-6, 7 Uhr Abends 39, 10 Uhr Abends 39. Zusammen¬ 
hängender und ruhiger. Gibt spontan an, sie schlafe „seit 5 oder 
6 Tagen’ 7 ruhiger. 

Patientin erhält keine weitere Injection. Die Besserung hält 
an und macht Fortschritte. Patientin beginnt wenige Tage nach 
dem letzten Fieber sich zu beschäftigen, wird am 10. October auf 
die Abtheilung für ruhige Kranke versetzt. Am 2. Januar 1895 
wird sie (von ihrer acuten Psychose geheilt) entlassen. — 

4. A. Sch., Arbeitersgattin, 25 Jahre, verheir. Seit 3 Jahren.Mutter 
sehr nervös — Suicid. Patientin psychopatische Constitution. Seit 
der Kindheit sehr gestörter Schlaf mit Reden, Herumwälzen und Auf¬ 
schreien; sehr reizbar, jähzornig, eigensinnig, leicht gekränkt, wider¬ 
standsunfähig. Vor 5 Jahren nach einem Streit mit der Dienstfrau durch 
4 Tage „irrsinnig”. Menses seit 16 Jahren, unregelmässig, mit 
„Kolik” und Kopfschmerz. Im 18. und 19. Jahre chlorotisch; dabei 
sehr fettleibig. Erste Schwangerschaft (vor 2 Jahren) normal. Gegen 
Ende der zweiten Depression: Angstzustände, Furcht sterben zu 
müssen u. dgl. Entbindung 3. April 1894 normal. Am fünften 
Tage danach Klagen über Kopfschmerz, die nächsten Tage Fieber, 
das aber ohne tiefere Störung vorübergeht. Patientin bleibt ge¬ 
schwächt; anhaltend Obstruction. Einige Tage vor der Aufnahme 
heftiger Affect: Angst wegen einer vom Arzte als nothwendig er¬ 
klärten kleinen Operation. Intensiver Affect, starke Congestion, dann 
plötzlich eintretende Verwirrtheit, Hallucinationen. — Bei der Auf¬ 
nahme verwirrt, depressiv, ängstlich. Zeitweilig confuse Selbstan¬ 
klagen und mikromaniscbe Aeusserungen; Verkennung der Umgebung 
als hochgestellte Persönlichkeiten; larmoyantes Wesen, bei immer 
zunehmender Bewusstseinsverödung. Patientin bringt fast nichts 
mehr vor, als endlos, weinerlich „raunzend”: „Ich bitt 7 , nicht so garstige 

Jahrbücher f. Psychiatrie a. Ifcrvenb. XIV. Bd, 15 


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Dr. Ernst Boeck. 


Sachen sagen” (womit sie ihre, schmutzige sexuelle Beschuldigungen 
und sonstigen Unflath enthaltenden, H&llucinationen meint). Diese 
Aeusserung wird selten variirt, wenn auch manchmal der Affect mit 
dem sie vorgetragen wird, beträchtliche Höhe erreicht, und Patientin 
dabei Thränen in Strömen vergiesst. Die Nahrungsaufnahme erfolgt 
nur auf vielen Zwang. Sedativa bleiben ohne jeden Einfluss; der 
Zustand bleibt völlig stationär. 

23. Juni, Injection von 1 Milligramm Tuberculin. Temperatur 
steigt von 361 zur Zeit der Injection auf 36 5 nach 3 Stunden, 
auf 36*7 nach 7 Stunden, am Morgen wieder 36*1. 

26. Juni, 3 Milligramm Tuberculin. Temperaturanstieg ana¬ 
log, erreicht 37*5 nach 7 Stunden. Ziemliche Pulsbeschleunigung. 
Patientin ist congestionirt; während des Fiebers ruhiger, schläft 
ruhig; den nächsten Tag sehr agitirt, bei sonst gleichem Bild. 

3. Juli, 3 Milligramm Tuberculin. Temperatur von 36* 1 auf 
36*7 nach etwas über 2 Stunden, durch circa 6 Stunden, Abends 
9 Uhr (10 Stunden später): Temperatur 36*5. Nächsten Morgen 
6 Uhr 36*1. Subjective Erscheinungen fehlen fast ganz, nur etwas 
ruhigeres Verhalten ist zu beobachten. 

4. Juli, 5 Milligramm Tuberculin. Temperatur von 36*1 auf 
36*5 nach 3 Stunden — bleibt so — Abends 9 Uhr (nach 10 Stun¬ 
den): 37*8; Temperatur Morgens 6 Uhr 36*5. 

5. Juli, 10 Milligramm Tuberculin. Temparatur 36*5 auf 37 
nach 3 Stunden, Abends 9 Uhr (10 Stunden später): 38. 

6. Juli, Morgens 6 Uhr 38*5. Patientin zum erstenmal etwas 
geordneter, zum erstenmal sind von ihr überhaupt Antworten, und 
zwar geordnete Antworten zu erhalten; äussert Bewusstsein ihres 
Zustandes. Auf die Frage, ob sie wohl nach Hause gehen möchte, 
antwortet sie: Sie ist so verwirrt, dass sie schon gar nicht mehr 
weiss, wo sie zu Hause ist. Auf die Frage, wann sie zum letzten¬ 
mal entbunden habe, meint sie: Sie müsse erst nachdenken, es sei 
schon so lange her. Weitere Fragen bringen wieder Verwirrtheit 
hervor, und Patientin fällt schliesslich in ihr altes Jammern zurück. 
— Der Zustand scheint die nächsten Tage Rückkehr zur früheren 
Verwirrtheit zu zeigen, nur ist Patientin ruhiger, sie kann das 
Gitterbett und die Zelle verlassen. Patientin bleibt, wenn auch in 
viel milderer Weise, bei ihrem früheren larmoyanten, klagsamen 
Wesen; macht keine wesentlichen Fortschritte. Sie wird am 22. Juli 
gegen Revers entlassen. — Daheim erlangt sie binnen 8 Wochen 
ganz ihre frühere geistige Gesundheit wieder. Bei einer späteren 
Besprechung ist von ihr zu erfahren, dass sie sich der Injectionen 
und ihres ganzen Zustandes von damals genau erinnert Von beson¬ 
deren Empfindungen, die ihr die Injectionen verursacht haben, 
weiss sie nichts; sie gibt aber mit Bestimmtheit an, dass sie besseren 
Schlaf bekommen habe, dass die Stimmen weniger wurden und dass 
auch gewisse Wahnideen, wie z, B. dass diese oder jene Patientin 
ihretwegen aufstehen oder dies und jenes leiden müsse, verblassten. — 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 227 


5. Tb. Tr., 1 ) 22 Jahre, ledig, Buchhalterin. 

Mutter schwächlich, nervös in jeder Gravidität, psychisch 
nicht normal, alle Entbindungen schwer, lang dauernd. Mit 
18 Jahren Menses, die häufig pausiren. Vor drei Jahren Erysipel. 
Dabei einige Tage delirant. Drüsenanschwellungen am Hals nach¬ 
bleibend, veranlassen zu zweimaliger Cur in Bad Hall. Intellectuell 
von Kindheit an schwach, langsam, bei grossem Eifer. Circa ein 
Jahr vor der Erkrankung depressiver Affect (Beue über einen 
abgewiesenen Heiratsantrag). Patientin wird zerstreut, vergesslich, 
insufficient in ihren Bechnungsarbeiten. Stetiges Zunehmen dieser 
Erscheinungen. In der letzten Zeit Polyphagie, Polydipsie (Näheres?). 
In den letzten Wochen anfallsweise verwirrt, Angst, später Amnesie. 
Lebhaftes Krankheitsgefühl. 

Bei der Aufnahme angstvoll erregt, agitirt, klammert sich 
ängstlich an jede Person an, die ihr nahe kommt, spricht kein 
Wort dabei. Zeitweise wieder lächelnd, gesticulirend, allerhand 
Verdrehungen und Verrenkungen der Glieder in absonderlichen 
Stellungen producirend. Schlaflos, abstinirt fast völlig. Zeitweise 
delirant, declamatorisch, possirend, in Bomanphrasen sich ergehend, 
einen „Armand” apostrophirend, den sie verkannt habe und dessen 
sie nicht würdig sei. Der Erregungszustand klingt bald ab. Patientin 
wird mehr und mehr gehemmt bei permanent fortbestehender Ver¬ 
wirrtheit Oftmals jäher Stimmungswechsel, vorübergehende Agitirt- 
heit Lange Zeit völlig stationäres Bild. 

12. Mai 1894, 6 Uhr Früh: T. 36-1, 1 Milligramm Tuberculin, 
11 Uhr Vormittag 36'2, 4 Uhr Nachmittag 36 - 6, 7 Uhr Abends 37 - 4, 
9 Uhr Abends 37'2. 

14. Mai, 11 Uhr Vormittag: T. 361, 3 Milligramm Tuber¬ 
culin, 4 Uhr Nachmittag 36 - 5, 7 Uhr Abends 37-1, 9 Uhr 
Abende 37-4. 

15. Mai. 11 Uhr Vormittag: T. 36, 6 Milligramm Tuber¬ 
culin, 3 Uhr Nachmittag 38 3, 9 Uhr Abends 38'9. Liegt matt, con- 
gestionirt dahin. Aeusserungslos. Auf viele Fragen einsilbige 
Antworten: die gewöhnlich beobachteten subjectiven Beschwerden 
werden zugegeben. Psychisch unverändert, schmiert mit Koth. 

16. Mai, 6 Uhr Früh: T. 368, 6 Milligramm Tuberculin, 

11 Uhr Vormittag 37*2, 3 Uhr Nachmittag 37-8, 5 Uhr Nach¬ 
mittag 38‘1, 9 Uhr Abends 38*1. 

17. Mai, 6 Uhr Früh: T. 36 8. 

18. Mai, 6 Uhr Früh: T. 37, 10 Milligramm Tuberculin, 

11 Uhr Vormittag 36, 3 Uhr Nachmittag 37'8, 9 UhrAbends 37. 

19. Mai, 6 Uhr Früh: T. 36*5, 20 Milligramm Tuberculin, 

11 Uhr Vormittag 36, 3 Uhr Nachmittag 36'7, 9 Uhr Abends 36'4. 

21. Mai, 6 Uhr Früh: T. 34-2, 50 Milligramm Tuberculin, 

11 Uhr Vormittag 35 8, 1 Uhr Mittags 36'4, 3 Uhr Nachmittag 39 - 5, 
9 Uhr Abends 40*6, 12 Uhr Nachts 40*2. Liegt ruhig, schläft 

■) Vgl. unten „Pyocyan.-Injeet." Frauen, Fall 4. 


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Dr. Ernst Boeck. 


viel. Keine Klagen. Keine Aeusserung. Sehr labile Pulsfrequenz. 
Im Fieber bis 132 Oedem der Augenlider. Im Urin kein Eiweiss. 

22. Mai, 6 Uhr FrQh: T. 38*5, 9 Uhr Abends 38*8. Psychisch 
wie sonst. Auf Anreden nur kindisch läppische Geberden. 

23. Mai, 6 Uhr Früh: T. 37*3, 9 Uhr Abends 36*2. Im 
Urin kein Eiweiss. 

24. Mai, 6 Uhr FrQh: T. 36 8, 9 Uhr Vormittag 37*2. 
Psychisch ohne merkliche Veränderung, Iojectionen eingestellt 

6. A. S., 31 Jahre, Hausirersgattin. Aufgenommen 3. December 
1892. (17. April bis 25. Juni 1878 auf der psychiatrischen Klinik 
wegen „Stupor”.) Vorgängige Krankheit circa 3 l / 2 Jahre. 

Vater und Mutter waren charakterologisch abnorm. Bruder 
Potator, verkommen. 

Erste psychische Erkrankung vor 14 Jahren durch 6 Monate. 
Der Beschreibung nach ähnlich der gegenwärtigen. „Seit vieleu 
Jahren” periodisch gesteigerte Reizbarkeit, quält dann die Umgebung 
mit Misstrauen und Vorwürfen, nach einigen Tagen wieder „normal”. 

Beginn der gegenwärtigen Erkrankung im Frühjahr 1891, 
nach langandauernder Aufreguog über den Bruder, die Opposition 
des Gatten gegen ihre „Rettungspläne”, das Scheitern derselben. 
Beginn der Erkrankung fällt ziemlich zusammen mit der 
letzten Conception. Eotbindung November 1891, das Kind lebens¬ 
schwach geboren. (Stirbt nach 6 Monaten an „Pneumonie”.) 

Nach der Entbindung kurzdauernde leichte Besserung; dann 
der frühere Zustand: schwach, ängstlich, misstrauisch, reizbar. — 
November 1891 hochgradige, angstvolle Erregung, ausgelöst durch 
den Rath von Bekannten, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, 
„die Aerzte geben Arsen zur Nervenstärkung”. Patientin agitirt, 
läuft in die Apotheke, um nachzufragen, was Arsen sei, will flüchten, 
weil man sie vergiften wolle, läuft in das benachbarte Wirthshaus, 
verlangt von allen Gästen, sie sollen sich ihre Adresse aufschreiben, 
um ihr beistehen zu können, wenn sie vergiftet werde, läuft in 
gleicher Absicht zur Polizei und wird von dort heimgescbafft. 

Allmähliche Beruhigung im Laufe der nächsten Tage, dann aber 
Verfall in scheinbar stuporösen Zustand. Patientin refusirt die Nah¬ 
rung, die sie aber nimmt, wenn sie sich unbeobachtet glaubt. Hält 
Stuhl und Urin absichtlich an. 

Kommt im Zustand schwerer Hemmung zur Aufnahme. Liegt 
mit geschlossenen Augen zu Bette, reagirt auf Fragen oder Berüh¬ 
rung ängstlich, mit mühsamen Flucht- und Abwehrbewegungen. 
Stat. som. klein, gracil anämisch, gesunkene Ernährung. Hydrocephal. 
Schädel, Strabismus converg. Pupillen mittelw., gleich, reagirend. Puls 
sehr klein, schwach, regelmässig. Herzstöne rein. Stark gesteigerte 
Sehnenreflexe. 

Die ersten 4 Monate Sondenftitterung. Fängt dann an, zu¬ 
getragene Nahrungsmittel verstohlen unter der Bettdecke zu essen, 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 229 


begehrt endlich laut nach Nahrung, „sie habe Hunger”. Beim Be¬ 
such von Mann und Verwandten stets aufgebracht, schlägt zu, 
schimpft, weil man sie in die Anstalt gebracht habe. Nach circa 
2 Wochen abermals SondenfQtterung nöthig. Von Anfang Juni an 
Umschlagen in heitere Verstimmung. Patientin singt, erzählt aller¬ 
hand Erlebnisse, Vorfälle belangloser Art mit Lachen und Behagen. 
Fernerhin wesentlich gleiches Bild: läppische Heiterkeit, ausge¬ 
lassen, muthwillig ohne Witz, gefrässig, nimmt den Patienten Essen 
vom Teller und aus den Taschen, neckt sie, erzürnt sich manch¬ 
mal „weil die Anderen sie auslachen”, ist dann gelegentlich ag¬ 
gressiv. Zu keiner Beschäftigung zu bringen. Unordentlich, unsauber, 
ganz vernachlässigt in Haltung, Kleidungen. Dabei promptes Gedächt- 
niss für alle Familienangelegenheiten, für die Vorkommnisse, die zu 
ihrer Aufnahme führten, ihr Verhalten in der Anstalt etc.; bringt 
jedoch keine entsprechende Einsicht auf, ist nie zu einem ernsten 
Wort zu haben. Allmählich beträchtliche Adipositas. Körpergewicht 
anfangs 34 Kilogramm, hält sich dauernd auf 59 bis 60 Kilogramm. 

27. Juli 1894, 9 Uhr Vormittag: T. 36'9, 1 Milligramm Tuber- 
culin, 2 Uhr Nachmittag 36‘5, 9 Uhr Abends 37. 

28. Juli, 6 Uhr Morgens: T. 36, 1 Milligramm Tuberculin, 
9 Uhr Vormittag 36 5, 5 Uhr Nachmittag 37'1, 9 Uhr Abends 37*4. 
Hat Nachts ruhig geschlafen. Sonst unverändert. 

29. Juli, 6 Uhr Morgens: T. 36, 3 Milligramm Tuberculin, 
9 Uhr Vormittag 36’4. 5 Uhr Abends 36 4, 9 Uhr Abends 37. 
„Allgemeines Unbehagen”. „Kältegefühl”. 

30. Juli, 6 Uhr Morgens: T. 36*4, 6 Milligramm Tuberculin, 
9 Uhr Vormittag 36-7, 2 Uhr Nachmittag 36 8, 5 Uhr Nachmittag 
37*2, 6 Uhr Abends 36*8. Aeussert heute Krankheitseinsicht: 
sie ist verrückt, sie hat zu wenig Kopfnerven, ist zu schwach im 
Kopf und darum verrückt. Gleich darauf wieder jocos: „Das Ge¬ 
hirn ist ihr gefallen auf die Unrechte Seite.” Tagsüber stiller. 

31. Juli, 9 Uhr Vormittag: T. 36 3, 10 Milligramm Tuber¬ 
culin, 2 Uhr Nachmittag 36*5, 5 Uhr Nachmittag 37, 9 Uhr Abends 
37*4. Sitzt heute still an ihrem Platze. Gestern sei ihr sehr 
schlecht gewesen, Kopfschmerz, Schwindel etc. Alsbald wieder das 
gewöhnliche läppische Gebaren. 

Eine Wiederholung der Injectionen im August (bis zu 50 
Milligramm) hat gleichfalls nur eine momentane „Besserung” im 
Sinne von ruhigerem, geordnetem Wesen und Aeusserung von 
Krankheitseinsicht zur Folge, mit Abklingen der Fieberwirkung 
stellt sich der alte Zustand unverändert wieder her, und hält seit¬ 
dem in gleicher Weise an. 

7. B. N., 33 Jahre. Beamtensgattin. Aufgenommen 20. 

Juli 1893. 

Hereditäre Belastung nicht erweisbar. Von Geburt an schwäch¬ 
lich. Dürftigste Ernährungsverhältnisse. Menses mit 19 Jahren, stets 


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230 


Dr. Ernst Boeck. 


ohne Störung. Heiratet mit 25 Jabreo einen um 42 Jahre älteren 
Mann, der mit ihr vor der Ehe ein Kind hat. Er „dauerte sie”, 
weil seine erste Frau so tyrannisch gewesen. „Wäre das Kind ge¬ 
storben, würde sie ihn gleichwohl noch geheiratet haben.” Patientin 
von jeher ängstlich, auf Ehre und Ansehen bedacht, zum Grübeln 
geneigt, zu Befürchtungen und Selbstanklagen. Entbindungen (vor 8, 
5 und 3 Jahren) stets mit grossem Blutverlust verbunden, Lactation 
von grosser Erschöpfung gefolgt. In den letzten Monaten viel 
Kummer, Sorgen und Ueberanstrengung. Ihr Mann wird pensionirt, 
liegt monatelang krank, sie ängstigt sich, weil sie meint, nach 
seinem Tode keine Pension zu bekommen. Sie musste für den Er¬ 
werb und fürs Haus arbeiten, Nachts den kranken Gatten pflegen. 
Bricht körperlich zusammen. Die jahrelangen Selbstvorwürfe wegen 
ihrer Ehe mit dem alten Mann, die Furcht deshalb verächtlich 
beurtheilt zu werden, kann sie nicht mehr beherrschen. Bei zu¬ 
nehmender Aengstlichkeit und Reizbarkeit stellen sich schreckhafte 
Träume und Sinnestäuschungen ein. Dazu Beachtungswahn. Die 
Leute sehen sie schief an, weil sie ein faules Weib sei, die sich 
von ihrem Manne erhalten lassen wolle. 

Zeitliche Aufeinanderfolge der einzelnen Symptome nicht 
sicher zu constatiren. 

Bei der Aufnahme zeitlich und örtlich nicht orientirt, hoch¬ 
gradig ängstlich, erregt, weinend, jammernd, ergeht sich in'Selbst- 
anklagen, die Ereignisse ihres ganzen Lebens — auch früheste 
Kindersünden (masturbatorische Spielereien mit Knaben) betreffend, 
und in wahnhaften Befürchtungen (ihr Mann ist im Kerker, wird 
wegen eines Verbrechens bestraft werden, sie wird ihn nie wieder 
sehen). Beziehungswahn: Dieses Wissen hat sie von ihren Mit¬ 
patientinnen, die lasen aus der Zeitung vor, ein Mann habe im 
Kerker geheiratet, das sei sie angegangen. In der Zeitung stand 
auch, dass sie geschieden seien. 

Im weiteren Verlaufe bleibt die Aengstlichkeit, der Erwartungs- 
affect, die Neigung zur Bildung von Wahnideen damit übereinstim¬ 
menden Charakters vorherrschend; Beziehungswahn, Auffassung irre¬ 
levanter Vorfülle als beabsichtigte „Andeutungen und Anspielungen" 
und persecutor. Wahnideen gesellen sich hinzu. Im Anfang ist 
ab und zu Krankheitseinsicht vorhanden, Patientin klagt, „die Ge¬ 
danken gehen ihr so durcheinander, sie kann sich der schreck¬ 
lichen Gedanken nicht erwehren, obgleich sie wisse, dass sie falsch 
seien. Später ist von Kritik weniger und weniger zu spüren, Hal- 
lucinationen und Wahnideen dominiren bei zumeist enormer Affect- 
höhe, die sich in lautem Jammern, Weinen, excessivem Gebärden¬ 
spiel kennzeichnet. Patientin spinnt sich in ihren Affect immer 
mehr ein, schliesst sich ab, refusirt die Nahrung, liegt fortwährend 
mit geschlossenen Augen, aber keineswegs stuporös da, auf Fragen 
mit heftigem Jammern oderauch mit kindisch boshaften Bemerkungen 
reagirend, nur zeitweise wie trotzig, zu keiner Antwort zu bewegen. 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 231 


Seit Anfang October 1893 Soudenlütterung. Therapeutische 
Versuche, Opium, Brom, subcutane Inject, von Natr. phosphor. etc. etc. 
vollkommen vergeblich. Vorgängige Krankheitsdauer circa 1 Jahr. 

Im Mai 1894 vollkommen unverändert. 

21. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 36*5, 1 Milligramm Tuber- 
culin, 9 Uhr Abends 36 8. Sich bewegend. 

28. Mai, 6 Uhr Morgens: T. 36*2, 2 Milligramm Tuberculin, 
9 Uhr Vormittag 36*6 (im Reet. 36*3), 2 Uhr Nachmittag 36 6, 9 Uhr 
Abends 36'8. 

29. Mai, 6 Uhr Morgens: T. 37*3, 5 Gramm Tuberculin. 
9 Uhr Vormittag 36 8, 11 Uhr Vormittag 38 3, 3 Uhr Nachmittag 
37-1, 7 Uhr Abends 381. 

30. Mai, 11 Uhr Vormittag: T. 36 6. 2 Uhr Nachmittag 37*1, 
7 Uhr Abends 37 0. 

Eine Temperaturbewegung, die im Vergleiche zu der früher 
beobachteten wohl noch als ein Nachwirken der „pyrogenen” In* 
jection aufzufassen ist. 

31. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 36-3, 5 Milligramm Tuberculin, 
4 Uhr Nachmittag 37, 9 Uhr Abends 37*2. 

1. Juni, 9 Uhr Abends: höchste T. 36*7. 

2. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 36*2, 10 Milligramm Tuber¬ 
culin, 5 Uhr Nachmittag 37, 9 Uhr Abends 37*5. 

Die letzten Tage sehr agitirt, kniet heute nieder, fleht, man 
möge sie nicht weiter nähren, sie wolle sterben, sie höre ihre 
Kinder gequält schreien, Stimmen machen ihr Vorwürfe. Wird 
dann zornig, schimpft: „Ein armer Mensch muss sich so behandeln 
lassen,” verflucht Alle, die sie in die Anstalt gebracht haben. 
Sträubt sich ebenso heftig gegen die Injection, auf die sie jedes¬ 
mal allgemeine Gliederschmerzen und Mattigkeit bekomme. 

3. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 36*7, 15 Milligramm Tuber¬ 
culin, 4 Uhr Nachmittag 37*5, 9 Uhr Abends 37*3. 

4. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 36*4, 1 Uhr Mittag 37, 
4 Uhr Nachmittag 36*8, 9 Uhr Abends 37*1. 

Sehr agitirend, fleht wieder kniend, man möge sie mit der 
Nahrung verschonen, sie wolle sterben. Schimpft dann, dass man 
sie nicht sterben lasse, das gebe niemanden etwas an. 

Wiederaufnahme der Injectionen im November bis zu 100 Milli¬ 
gramm pro dosi haben keine nennenswerthe Temperatursteigerung 
(von 36 7 auf 36*9 bei 5 Milligramm, von 36*2 auf 36*7 bei 100 Milli¬ 
gramm) zur Folge, während der psychische Zustand nach wie vor 
gar keine Veränderung erkennen lässt. 

8. J. H., 27 Jahre, Bauersfrau. Aufgenommen 1. December 1893. 

Mutter „kopfleidend”. Mutters Schwester und deren Sohn 
geisteskrank. Mit 14 Jahren Menses, regelmässig. Heirat mit 
20 Jahren, 3 Kinder und eine Frühgeburt. Seit dem Tode des 
ersten Gatten (vor 3 Jahren) „trübsinnig”. Kopfweh, Mattigkeit, 


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Dr. Ernst Boeck. 


Gliederschmerzen häufig geklagt. Seit zwei Jahren zweite Ehe. 
August 1893 Entbindung. Selbst gestillt. Vier Wochen später 
psychische Veränderung: erst verwirrt, traurig, dann abnorm heiter. 
Dabei viel geistiges Getränke. Drei W’ocheu vor der Aufnahme 
viel Hallucinationen. Teufelsvisionen Nachts. 

Bei der Aufnahme einsilbig, unzugänglich, sitzt abseits, starrt 
und lacht manchmal vor sich hin, dreht sich auf einer Stelle 
herum u. dgl. Reaction auf Fragen meist nur Lächeln, manchmal 
witzig: sie ist in der Gehirnanstalt, es gefallt ihr da, sie ist aber 
nicht geisteskrank. Körperlich: kräftig gebaut und entwickelt. 
Ziemlich reducirter Ernährungszustand. Blasse Gesichtsfarbe, blasse 
Schleimhäute. Im weiteren Verlaufe immer äusserungsärmer. Das 
Lächeln beim Anreden bleibt, „sie ist hier zum ~ Vergnügen". 
Gehörshallucinationen constatirt. Nach weiteren vier Wochen 
versiegt ihre Rede ganz, bloss Lächeln und mimische Aeusserungen 
kommen zu Stande. 

8. Januar. Aeusserung: sie ist so vergnügt, warum, weiss sie 
nicht. Der Teufelsvisionen erinnert sie sich, corrigirt nicht. 

26. Januar. Weint. Spontan: ob sie denn wirklich von Gott 
ganz verlassen sei. Antworten nicht zu erhalten. Andeutung von 
Katalepsie. 

31. Januar. Weint, will fort, weil sie verloren ist. (Im Laufe 
des Januar Gewichtszunahme 9 Kilogramm). 

3. Februar. Rechtsseitig. Facialiscontractur. Kataleptiformes 
Verhalten. Bromhidrosis. 

9. Februar. Liegt andauernd mit geschlossenen Augen dahin. 
Keine Antwort, selten nur spärliche mimische Reaction, auch bei 
Schmerzreizen nicht, verstärkt. Vorgängige Krankheitsdauer 9 Monat. 

10. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 36, 1 Milligramm Tuberculin, 
9 Uhr Abends 36*7. 

11. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 36*4, 2 Milligramm Tuberculin, 
12 Uhr Mittags 37*2, 9 Uhr Abends 37*4. 

12. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 364, 3 Milligramm Tuber¬ 
culin, 12 Uhr Mittags 37*4, 6 Uhr Abends 37*7, 9 Uhr Abends 37*4. 

14. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 36*2, 5 Milligramm Tuberculin, 
9 Uhr Abends 37. 

15. Mai, 6 Uhr Früh: T. 37, 6 Milligramm Tuberculin, 9 Uhr 
Vormittag 36*9, 9 Uhr Abends 37*7. 

16. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 37*5, 10 Milligramm Tuberculin, 
4 Uhr Nachmittag 39*2, 9 Uhr Abends 39*2. Stark congestionirt, 
Puls 102, Abends bis 144 (gewöhnlich zwischen 60 u. 72). Liegt 
ohne sonst erkennbare somatische oder psychische Veränderungen, 
regungslos, äusserungslos, gänzlich unzugänglich dahin. 

17. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 38*6, 10 Milligramm Tuber¬ 
kulin, 12 Uhr Mittags 38*2, 6 Uhr Abends 38*2, 9 Uhr Abends 37*0. 

18. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 37, 10 Milligramm Tuberculin, 
12 Uhr Mittags 37*2, 9 Uhr Abends 37*0. 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 233 

19. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 36’2, 20 Milligramm Tuber- 
culin, 12 Uhr Mittags 36*5, 6 Uhr Abends 37 - 0. 9 Uhr Abends 36’9. 

21. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 36'5, 50 Milligramm Tuberculin, 
12 Uhr Mittags 37*8, 6 Uhr Abends 39, 9 Uhr Abends 39 - 9, 12 Uhr 
Nachts 39 8, 3 Uhr Nachts 49*5. 

22. Mai, 6 Uhr Früh: T. 39 - 7, 9 Uhr Vormittag 39’6, 12 Uhr 
Mittags 39 7, 6 Uhr Abends 38*6, 11 Uhr Nachts 37’3. 

23. Mai, 6 Uhr Morgens 36'9. 

24. Mai, 6 Uhr Morgens 36 - 5. Ohne kenntliche Veränderung. 

21. Juni, 11 Uhr Vormittag: T. 36‘1, 50 Milligramm Tuber- 
culiu, 2 Uhr Nachmittag 37’3, 5 Uhr Nachmittag 39*4, 8 Uhr 
Abends 38 - 7, 11 Uhr Nachts 38‘8, 2 Uhr Nachts 39 - l. 

22. Juni, 6 Uhr Morgens: T. 393, 6 Uhr Abends 38-3. 

23. Juni, 6 Uhr Morgens: T. 36*7. Anscheinend gänzlich 
unverändert. 

1. October. Patientin zeigt sich seit einiger Zeit zunehmend 
regsamer, isst selbst. Spricht noch immer nicht. Zumeist mit 
geschlossenen Augen liegend. 

9. October. Auffällige Esslust in den letzten Tagen. 

22. October. Antwortet, wenn auch sehr gehemmt. Glaubt 
„ein Jahr hier zu sein’’. Zeitlich nicht orientirt. Bei geöffneten 
Augen bald Thränenfluss: „Das Licht thut ihr weh”. Noch immer 
cutane Hypalgesie. Fängt an, bei häuslichen Verrichtungen mitzu¬ 
helfen, etwas zu su stricken. Rasch erschöpft. 

19. November, 6 Uhr Morgens: T. 37, 20 Milligramm Tuber- 

culiu, 11 Uhr Vormittag 36'8, 6 Uhr Abends 37-0, 9 Uhr Abends 

36-9, 12 Uhr Nachts 37, 3 Uhr Nachts 368. 

20. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36‘5, 50 Milligramm 

Tuberculin, 3 Uhr Nachmittag 37.4, 6 Uhr Abends 36 9, 9 Uhr 

Abends 36-9, 12 Uhr Nachts 36 - 3, 3 Uhr Nachts 36‘5. Heller, 

lächelt auf Anreden, zum Sprechen schwer zu bringen, gegenwärtig 
klar, kraukheitseinsichtig. Leicht erschöpfbar. 

9. K. N., Magd, 33 Jahre, ledig. — Heredität nicht nach¬ 
weisbar {Mutters Bruder nach Vermögensverlust Suicid). Niemals 
ernstlich krank gewesen. Menses seit dem 15. Jahre, immer regel¬ 
mässig, johnei Beschwerden. War stets heiter und gesellig. — Vor 
1 '/ 2 Jahren längere Zeit hindurch verstimmenden Eindrücken (falsche 
Beschuldigungen in ihrem Dienstverhältniss') ausgesetzt; in protra- 
birtem depressiven Affect. Seit dem Tode des Vaters — vor circa 
einem Jahre — verändertes Wesen, still, „tiefsinnig", steht oft lange 
auf einem Fleck, starrt vor sich hin. — Spricht viel von dem Ver¬ 
storbenen, träumt viel von ihm. Circa 3 Wochen vor der Aufnahme 
zeigen sich tiedächtnisstäuschungen, Sinnestäuschungen, Beachtungs¬ 
wahn. Die Sinnestäuschungen — des Gesichtes und Gehöres — nehmen 
zu, Angstzustände, Schlaflosigkeit, Nahrungsverweigerung stellen 
sich ein. 


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Dr. Ernst Boeck. 


Bei der Aufnahme erregt, angstvolle Verkennung der Um¬ 
gebung, zeitweise plötzliche excessive Angst und Fortdrängen, 
wehrt sich mit Verzweiflung gegen die Pflegerinnen. Nahrung nur 
mit Mühe beizubringen. — Zu keiner geordneten Auskunft zu brin¬ 
gen. Antwortet meist mit der Wiederholung der Frage. Hört fort¬ 
während Stimmen Bekannter, oft wie verbigerirend in sinnlosen 
und bizarren Wortcombinationen, zeigt dabei gesteigerte Angst. 
Nachts wenig Schlaf, ruft stundenlang in monotoner Wiederholung 
zusammenhangslose Exclamationen vor sich hin. 

In den nächsten Tagen Sondenfütterung. Angst, Erschöpfung. 
Verwirrtheit, die dunkel bewusst zu werden und vergebliche An¬ 
strengungen zu ihrer Ueberwindung auszulösen scheint. 

In den nächsten Wochen tritt einige Beruhigung ein, Zusam¬ 
menhang und Ordnung der Gedanken stellt sich aber nicht her — 
nur eine oberflächliche beiläufige Orientirung kommt zu Stande — 
Hallucinationen scheinen fortzubestehen. Nahrungsaufnahme wird 
wieder spontan. — Patientin wird immer äusserungsärmer, spricht 
endlich gar nicht mehr. Dabei scheu, ängstlich. 

Anfangs Mai (nach circa 3 Monaten) etwas klarer, lebendiger, 
drängt fort, äussert allgemeines Krankheitsgefühl, im Besonderen: 
sie „kann nicht denken”, immer anhaltender monotones Bitten und 
Jammern, sie „nach Hause zu lassen”, sie „hat keine Ruhe”. Dabei 
immer unzugänglicher. Beziehungswahn und persecutorische Deu¬ 
tung der Vorgänge in der Umgebung sind auffällig. — Während 
der nächsten 2 Monate ziemlich gleicher Zustand. — Wird mürrisch, 
gereizt, häufig aggressiv, verkriecht sich in Winkeln unter den 
Bänken, das Kleid über den Kopf gezogen. Antwortet auf alle 
Fragen nur mit dem Begehren, sie „hinauszulassen”. Selten spon¬ 
tanes Sprechen. Gelegentlich Aeusserungen ganz zusammenhangs¬ 
loser Wortfolgen. Immer monotoner. September zu Bette, ruhig, 
mit geschlossenen Augen dahinliegend, ohne jede Aeusserung. 

Alle medicamentöse Behandlung war unwirksam geblieben. 
Auffallend war ein therapeutischer Versuch mit dem heissen Bade 
(33° R.) — Ende September 1893. Nach dem zweiten derartigen 
Bade zeigt Patientin starke Congestion, so dass sie den ganzen Tag 
und die Nacht durch die Eiskappe erhält. Patientin zeigt zugleich 
ein jähes Umschlagen in einen manischen Zustand, sie lacht, spricht 
viel, ist sehr beweglich, nimmt gerne und reichlich Nahrung. — 
Die Incohärenz der Gedanken ist aber dieselbe. Neigung zu Ob- 
scönitäten ist auffällig. — Die manische Erregung klingt im Laufe 
eines Monates etwas ab, Patientin geräth aber nie mehr in den 
stuporösen Zustand, sie bleibt fortan beweglich, gesprächig — 
immer ideenflüchtig — scherzhaft, begehrlich, behält die Neigung 
zu obscönen Aeusserungen. Redeprobe (11. März 1894): Kommen 
Sie mit, dort ist mein Duell, wer ist denn das, das ist vom Groscherl, 
oder vom Goscherl, sie will krepiren die Hündin, haben Sie Hünden 
oder Hunden, was soll ich sagen, vergelt’s Gott, habe ich ein 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 235 


Geltsgott oder habe ich ein Danke etc. Untermischt erscheinen 
flüchtig einzelue expansive oder auch hypochondrische Wahnideen 
(sie ist die Kaiserstochter, sie haben ihr den Magen ausgedreht, 
sie hat keine Gedärme mehr etc.). — Der Zustand zeigte fernerhin 
keine Veränderung mehr. — Körperlich zeigt Patientin sehr anämi¬ 
sches Aussehen, verfallene, verwitterte Miene. — Selten gereizt 
oder aggressiv. Für Kleidung und Körperpflege keine Aufmerksam¬ 
keit, häufig unrein, urinirt wo sie eben geht und steht. 

28. Mai, 9 Uhr Morgens: T. 37. 1 Milligramm Tuberculin. 
Eine Temperaturerhöhung wird nicht beobachtet, vielmehr werden 
niedrigere Temperaturen gemeldet, 4 Stunden später 36*5, 7 Stunden 
später 36*2, Abends 9 Uhr 36*5. Ob es sich um ungenaue Mes¬ 
sungen oder thatsächlich um Hypothermie gehandelt hat, ist nicht 
zu entscheiden. 

Allerdings zeigte auch der Puls eine Verlangsamung von 
anfangs 126 auf 114 zur Zeit der T. 36*2. 

29. Mai, 9 Uhr Vormittag: T. 36*5, 5 Milligramm Tuberculin. 
12 Uhr Mittags 37*3, 4 Uhr Nachmittag 39*2, 9 Uhr Abends 39*1. 
Auf der Höhe des Fiebers etwas congestionirt, matt, geringe Klagen 
über Gliederschmerzen, Kopfschmerzen etc. 

30. Mai, 6 Uhr Morgens: T. 36*5. 

2. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 36*1, 10 Milligramm Tuberculin. 

1 Uhr Nachmittag 36*4, 4 Uhr Nachmittag 39*1, 9 Uhr Abends 39*4. 

3. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 37, 10 Milligramm Tuberculin. 
9 Uhr Abends 39*3. Gibt an, gestern sei ihr nach der Injection 
„schlecht” geworden; sie „glaubte, sterben zu müssen”. Fragt, wie 
lange die „Impfung” noch dauern solle. Hat auch heute Unbehagen 
und Schmerzen zu klagen, meint aber, „was sein muss, muss man 
leiden”. — Alsbald aber wieder die gewöhnlichen zusammenhangsloseu 
Aeusserungen. 

21. Juni, 9 Uhr Vormittag: T. 36*6, 10 Milligramm Tuberculin. 

2 Uhr Nachmittag 37*3, 4 Uhr Nachmittag 38*7, 9 Uhr Abends 39. 
Bisher nicht merklich verändert. Ziemlich farblose Stimmung, 
reizbar. 

22. Juni, 5 Uhr Früh: T. 37f>. 

25. Juni, 30 Milligramm Tuberculin. Keine namhafte Tem¬ 
peratursteigerung. Psychischer Zustand unverändert. 

28. Juni, Temperatursteigerung um 1-5 (38 5). 50 Milligramm 
Tuberculin. Subjective Beschwerden gering. Nachmittags Klagen 
aber „Kälte". 

29. Juni, Morgens: T. 36-5. Höchste Temp. nach 6 Uhr Abends 
38'9. Sehr matt. 9 Uhr Abends 37‘9. Nächsten Morgen wieder 36'6. 
50 Milligramm Tuberculin. 

27. Juli, Morgens: T. 37 6, 5 Milligramm Tuberculin. Nach¬ 
mittag 37*8, 9 Uhr Abends 37. Die Zeit über etwas geordneter. 
Die bizarren Aeusserungen geschehen wie mit mehr Bewusstsein, wie 
absichtlich, wegen der Obscönitäten tadelt sie sich selbst. Lebhafter, 


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Dr. Ernst Boeck. 


nicht mehr so schlafsüchtig. Hält sich auf der ruhigeren Abthei- 
luDg, ist zeitweise sogar mit häuslichen Arbeiten beschäftigt. 

28. Juli, 9 Uhr Vormittag: T. 37*1, 5 Milligramm Tubereulin. 
1 Uhr Nachmittag 37 5, 4 Uhr Nachmittag 37*4. 5 Uhr Nach¬ 
mittag 373, 11 Ul:r Nachts 37 - l, 6 Uhr Morgens 36 6. 

29. Juli, 9 Uhr Vormittag: T. 37 - l, 50 Milligramm Tubereulin. 
1 Uhr Nachmittag 37 3, 6 Uhr Abends 38‘3, 9 Uhr Abends 386. 

30. Juli, 9 Uhr Vormittag: T. 37, 50 Milligramm Tubereulin. 
5 Uhr Nachmittag 377, 9 Uhr Abends 381. Matt. Weniger ideen- 
flüchtig. Ziemlich ruhig. 

31. Juli, 8 Uhr Morgens: T. 36*7, 100 Milligramm Tubereulin. 
10 Uhr Vormittag 37*1, 1 Uhr Nachmittag 37 - 2, 4 Uhr Nachmittag 
37 9, 7 Uhr Abends 3811, 10 Uhr Abends 37-9. Stellt jedes Un¬ 
wohlsein in Abrede. Im Uebrigen psychisch der gleiche Zustand. 

23. August, 10 Uhr Vormittag: T. 37-1, 100 Milligramm 
Tubereulin. 1 Uhr Nachmittag 37 2, 4 Uhr Nachmittag 37 8, 7 Uhr 
Abends 38 5, 10 Uhr Abends 37‘8, 1 Uhr Nachts 37-9, 4 Uhr 
Morgens 38. 

Tagsüber ausgelassen lustig, macht Witze, lacht unmässig 
darüber. Ideenflüchtig. Neigung zu Obscönitäteu. Abends r krank". 
„Schmerzen im ganzen Körper”. 

24. August, 9 Uhr Vormittag: T. 36 6, 100 Milligramm 
Tubereulin. 11 Uhr Vormittag 36 9, 3 Uhr Nachmittag 37*4, 7 Uhr 
Abends 37 3, 10 Uhr Abends 374, 1 Uhr Nachts 36-3, 4 Uhr 
Morgens 36 2. Ausgelassen lustig, scherzt über ihr gestriges Krank¬ 
sein : „gestern habe ihr der Doctor wieder das Todtenlichtel in die 
Hand gegeben”. — Einsichtig für ihr ausgelassenes Wesen. Heute 
kein Krankheitsgefühl. 

27. September, 150 Milligramm Tubereulin. Fieberbewegung 
gering. — Beeinflussung des psychischen Zustandes null. 

Drei Wiederholungen der Injectionsversuche im November 
haben ähnlichen Verlauf und bleiben gleichfalls ohne Wirkung. 
Patientin befindet sich zur Zeit noch in dem gleichen Zustande von 
Zerfahrenheit, wie er wiederholt geschildert worden ist. 

10. A. M., 21 Jahre, ledig, Handarbeiterin. Aufnahme 18. März 
1893. Krankheitsdauer über 14 Jahre. Eine Schwester von Vaters 
Mutter war irrsinnig. 

Litt seit der Kindheit an Kopfschmerzen, in der letzten Zeit 
häufiger und intensiver. Menses vom 15. Jahre an, stets regel¬ 
mässig. Grosse Neigung znr Romanlectüre. Gute Lernerfolge. 
Sechs Jahre vor ihrer gegenwärtigen Erkrankung Typhus mit 
schweren cerebralen Erscheinungen. Danach häufig „Krämpfe 
in den unteren Extremitäten", sonst angeblich keine nervösen und 
psychischen Symptome. Sommer 1882 entwickelt sich ohne bekannte 
äussere Veranlassung grosse Reizbarkeit, die sich stetig steigert, 
endlich zu Conflicten mit der Umgebung und zur Aufnahme führt. 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 237 


Bei der Aufnahme reizbar, streitsüchtig, gewaltthätig, gesteigertes 
Selbstgefühl, Bewegungsdrang. Dabei werden aber auch unklare, nicht 
System atisirte Wahnideen geäussert, expansiven und persecutorischen 
Charakters. Sie faselt von Verhältnissen mit hohen Persönlichkeiten, 
die ins Geschäft gekommen seien, man habe gesagt, sie sei reich, 
sie müsse vom Staat ein Haus und Geld bekommen, die Polizei 
beschäftige sich viel mit ihr, zumal seit dem Leichenbegängnisse 
des Baron X., bei dem sie anwesend gewesen sei, alle Leute sprechen 
von einem Verhältnisse, das sie vor einem Jahre mit einem 
Studenten gehabt habe, im Hause habe sie deshalb so viel Verdruss 
gehabt etc. etc. Fragen fordern keinen Zusammenhang in diesen 
Wahnideen zu Tage, sondern bringen nur Verwirrung hervor, die 
mehr und mehr auch spontan sich kundgibt. Damit wechseln 
Zeiten relativen Krankheitsgefühles ab, in denen Patientin klagt, man 
wolle sie zum Grössenwahn treiben. Aufregung, zeitweise zu 
heftigsten Ausbrüchen zorniger Erregung gesteigert, nimmt zu, 
ebenso die Auflösung der Ordnung ihrer Ideen bis zu vollkommener 
Zerfahrenheit. 

Der somatische Befund ergibt nichts abnormes. 

In den späteren Jahren bleibt das Bild stets das gleiche: das voll¬ 
kommener psychischer Dissolution. Ihre Aeusserungen sind ein regel¬ 
loses Durcheinanderwürfeln der verschiedenartigsten Erinnerungs- 
fragmente ohne jede Einheit. Patientin zeigt auch keinen Zu¬ 
sammenhang ihrer psychischen Phänomene in der Zeitfolge, die sich 
nicht zur Vorstellung ihrer im Wechsel der Zeit und der Phäno* 
mene beständigen, einheitlichen Persönlichkeit zusammenzuschliessen 
scheinen. Patientin spricht wie ein Automat, in dem ein oder 
das andere Rad abläuft, ohne Zusammenhang mit allen übrigen. 

Ganz isolirt, freistehend treten die häufigen, plötzlichen 
heftigen Erregungszustände mit Schreien, Lärmen und aggressivem 
Wesen auf. Körperlich: keine nachweisbare Organerkrankung, 
„glänzender” Ernährungszustand. 

20. April, 1 Uhr Vormittag: T. 36 # 3, 1 Milligramm Tuber- 
eulin. Abends 36 0. Keinerlei Veränderungen. 

21. April, 11 Uhr Vormittag: T. 36*5, 5 Milligramm Tuber- 
culin. Abends 37. 

22. April, 11 Uhr Vormittag: T. 37-0, 5 Milligramm Tuber- 
culin. Abends 36*7. 

23. April, 11 Uhr Vormittag: T. 36*5, 10 Milligramm Tuber- 
culin. Abends 36*6. 

24. April, 11 Uhr Vormittag: T. 36*6, 50 Milligramm Tuber- 
culin. 9 Uhr Abends 37*8. Schmerz an der Einstichstelle. 

25. April, 6 Uhr Früh: T. 37*5. Röthung, Schwellung an 
der Injectionsstelle in weitem Umkreis. 

28. April, 9 Uhr Vormittag: T. 36*5, 100 Milligramm Tuber- 
culin. Abends 38'0. Matt, hinfällig, still, sonst psychisch nicht ver¬ 
ändert. 


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238 


Dr. Ernst Boeck. 


29. April, 6 Uhr Früh: T. 37-6, Abends 37-5. 

30. April, 9 Uhr Vormittag: T. 37‘0, 100 Milligramm Tuber¬ 
culin. Abends 36 7. Injectionen eingestellt. 

11. C. B., 32 Jahre, Kirchendienerswitwe. Aufnahme 28. Mai 
1894. Vater war geisteskrank. Geburt und Kindheit „normal”. Gute 
intellectuelle Entwickelung, fleissig, von heiterer Gemüthsart. 

Vor 4 Jahren in den ersten Monaten ihrer unglücklichen Ebe 
geistesgestört. Selbstmordversuch; mehrere Wochen auf der 
psychatrischen Klinik. 

Mai 1893 abermals Beginn geistiger Störung. Wird vergess¬ 
lich, zerstreut, traurig, sucht häufig in der Kirche Zuflucht All¬ 
mählich zunehmende Unruhe, Wechsel zwischen expansiver 
und ängstlicher Verstimmung und entsprechenden Wahnideen, 
faselt von Heiratsanträgen, dann wieder von Beeinträchtigung. 
Verfolgung, Selbstmordtendenzen — zunehmende Auflösung der 
psychischen Coordination, Reizbarkeit, rücksichtslose Aggressivität 

Somatisch zeigt Pat. choreatische Unruhe; ausserdem nichts 
Bemerkenswerthes. Körpergewicht bei der Aufnahme 65 Kilogramm. 
Das Krankheitsbild bleibt andauernd im Wesentlichen gleich. Im 
Anfang zunehmende Aufregung, Unruhe, Pat zerreisst Wäsche und 
Kleider, schmiert mit Koth etc., muss isolirt gehalten werden. Zeit¬ 
weise erschöpft und apathisch. 

Sinken des Körpergewichtes auf 47*9 Kilogramm zu Beginn der 
iDjectiousbebandlung. Vorgängige Krankheitsdauer circa IV 2 Jahr. 

31. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36*6, 1 Milligramm Tuber- 
culin. 6 Uhr Abends 36*8, 9 Uhr Abends 38*5, 6 Uhr Früh 38*5. 
Im Verhalten etwas ruhiger, vielleicht etwas geordneter, wenig Klagen 
über allgemeines Unbehagen. 

1. November, 6 Uhr Früh: T. 38*5, 9 Uhr Abends 38*7. 

2. November, 11 Uhr Vormittag: T. 37*3, 1 Milligramm Tuber- 
culin. 6 Uhr Abends 36 9, 9 Uhr Abends 37. 

4. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36*2, 3 Milligramm Tuber- 
culin. 6 Uhr Abends 36*3, 9 Uhr Abends 36*5,11 Uhr Abends 361. 
Weder physisch noch psychisch eine Veränderung merklich. 

5. November, 6 Uhr Früh: T. 37*8, 11 Uhr Vormittags 36*9, 
Abends 37*2, 6 Uhr Früh 36*7. 

12. November, 11 Uhr Vormittag: T. 37*4, 50 Milligramm 
Tuberculin. 2 Uhr Nachmittag 37, 6 Uhr Abends 37*3, 9 Uhr 
Abends 38*4, 11 Uhr Abends 38*6, 6 Uhr Früh 37*6. 

13. November, 6 Uhr Früh: T. 37*6, 11 Uhr Vormittag 37, 
Abends 37*2. 

15. November, 11 Uhr Vormittag: T. 37, 50 Milligramm 
Tuberculin. 2 Uhr Nachmittag 36*8, 5 Uhr Nachmittag 37*7, 8 Uhr 
Abends 39*5, 11 Uhr Abends 39, 5 Uhr Früh 37*6. 

16. November, 6 Uhr Früh: T. 37*6, 11 Uhr Vormittag 37*1, 
9 Uhr Abends 37*2, 6 Uhr Früh 36 - 5. 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 239 


22. November, 11 Uhr Vormittag: T. 37, 50 Milligramm 
Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 36 4, 6 Uhr Nachmittag 37*8, 9 Uhr 
Abends 38-8, 12 Uhr Nachts 38-7, 4 Uhr Früh 38-4, 6 Uhr Früh 37-6. 

26. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36-7,100 Milligramm Tuber¬ 
culin. 4 Uhr Abends 36*5, 7 Uhr Abends 36*5, 10 Uhr Abends 
36*6, 1 Uhr Nachts 36‘2, 6 Uhr Früh 36. Auch von dem Mangel 
der Temperaturreaction abgesehen, ist keine Beeinflussung — 
somatisch oder psychisch — zu erkennen. Einstellung der Versuche. 

12. R. L., 27 J., ledig, Wagnermeisterstochter. 24. Juli 1893. 

Vater neuropathisch. Eine Schwester leidet an meustrual. Migr. 
Patientin normale Geburt und Entwickelung. Wenig krank gewesen, 
aber schwächlich. Zu depressiven Affecten geneigt. 

Vor 3 Jahren eingreifende Bandwurmcur. Seitdem Magen¬ 
beschwerden. Seit 1 Jahre Schmerzen im Abdomen, bei der Men¬ 
struation verstärkt. Erscheinungen schwerer Anämie. 

Seit einem Jahre ängstlich verstimmt. Besonders auffallend durch 
Gewitterfurcht. 2. April 1893 Erkältung, rheumatische Schmerzen am 
ganzen Körper. Zu gleicher Zeit heftiger Affect: Abbruch der lange 
bestehenden Verlobung. Zunehmende traurige Verstimmung, meint 
sterben zu müssen. Nach circa 6 Wochen anscheinend vollkommen 
restituirt, beiter, arbeitet wie früher. Kopfschmerz aber bleibt 
dauernd. Die Heiterkeit schwindet allmählich. Depression nimmt zu. 
Anfangs Juli, nach eiuem Kirchenbesuche, Verdammungsgedanken. 
Sie habe beim Beten immer ein Schimpfwort sagen müssen; sie 
konnte endlich nicht mehr beten. Zwangsvorstellungen bleiben, 
ebenso die Depression und psychische Anästhesie, alles kommt ihr 
verändert vor. Selbsterniedrigung; Selbstvorwürfe. 

ln der Anstalt das gleiche Bild, wesentlich unverändert 
anhaltend. 

Körperlich grazil, schwächlich, anämisches Aussehen, kleiner 
schwacher Puls. Pruritus et Eczema capillitii. Fluor albus. Tumor 
io abdomine. (Parametritis?) In den Vegetationsorganen sonst nichts 
Abnormes. Vorgängige Krankheitsdauer circa 1 Jahr. 

19. November, 11 Uhr Vormittag: T. 366, 1 Milligramm 
Tuberculin. 6 Uhr Abends 36 8, 9 Uhr Abends 37 7, 12 Uhr 
Nachts 38, 3 Uhr Früh 37*5, 6 Uhr Früh 36 6. Kopf- und Glieder¬ 
schmerzen, Kreuzschmerzen, Husten. Lungenbefund negativ. Angst 
während des Fiebers unverändert. 

20. November, 6 Uhr Früh: T. 36*6, 9 Uhr Abends 36*5. 
Am Morgen Kopfschmerz. 

21. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36, 1 Milligramm Tu¬ 
berculin. 6 Uhr Abends 36*6, 9 Uhr Abends 37*9. Von Kopfschmerz 
frei. Keine subjectiven Erscheinungen. Angst unverändert. 

22. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36, 5 Milligramm Tuber¬ 
culin. 6 Uhr Abends 37*8, 9 Uhr Abends 37*6, 3 Uhr Früh 37*8, 
6 Uhr Früh 36 7. 


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240 


Dr. Ernst Boeck. 


24. November, 11 Ubr Vormittag: T. 36.3, 10 Milligramm 
Tuberculin. 6 Uhr Abends 36*5, 9 Uhr Abends 37, 12 Uhr 
Nachts 37*5 

25. November, 6 Uhr Früh: T. 37. 9 Uhr Abends 36 7. 
Jammert in der alten Weise den ganzen Tag. 

26. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36 2, 6 Uhr Abends 
367, 9 Uhr Abends 37*2, 12 Uhr Nachts 37 6, 6 Uhr Früh 37. 
Gänzlich unverändert. — Behandlung eingestellt. 

13. Th. G. 53 Jahre, Beamtensgattin. Aufgenommen 12. März 
1892. Vorgängige Krankheitsdauer über 2 Jahre. 

Keine hereditäre Belastung. War früher stets gesund, aber 
stets aufgeregtes Wesen. Seit 6 bis 8 Monaten Menopause. Zur 
gleichen Zeit schwere Gemüthsbewegungen. Schmerz über den Tod 
einer Lieblingsschwester, Kummer über getäuschte, existenzwichtige 
Erbansprtiche und den Verlust eines alten Familienbesitzes. 
Zunehmend trübsinnig, reizbar, übertreibt die zerstörten Hoffnungen 
und Verluste immer mehr, schläft nicht, isst nicht, magert ab. Ge¬ 
dächtnis- und Sinnestäuschungen stellen sich ein, ihr Mann ist 
nicht ihr bisheriger Mann, die Kinder sind „verwechselt’“, alle 
sind Teufel. Hefiige Angstzustände: Man wird sie verbrennen, 
in eine Mistgrube werfen etc. Dabei im Uebrigen vollkommen 
lucid. 

Patientin zeigt fernerhin keine wesentliche Veränderung ihres 
Zustandes. Die ängstliche Erregung, die Gedächtnisstäuschungen, 
die Gehörshallucinationen persistiren, ebenso die auf jene Storungen 
gegründeten Wahnideen, in denen Patientin geradezu luxurirt. Ihre 
Kinder sind verwandelt worden, man hat Pferde, Hunde und Teufel 
aus ihnen gemacht, die Irrenanstalt ist eine Mördergrube, Patienten 
werden hier gemartert, getödtet und ihr Fleisch ausgespeist; jedes 
Geschrei, ein Klopfen an der Wand etc. etc. wird in diesem Sinne 
verwerthet, alle Fleischspeisen weist Patientin als „Menschenfleisch” 
zurück. 

Besuch ihrer Kinder wirkt momentan beruhigend und 
momentan, .aber nur in Bezug auf die eben Anwesenden, corrigirend; 
mit dem Fortgehen der Kinder kehren alle sie betreffenden Wahn¬ 
ideen und Angstzustände mit. aller incorrigiblen Macht wieder, 
soweit eben sinnliche Gegenwart überhaupt nicht eintreten kanri. 
Somatisch: Klein, ziemlich kräftig gebaut, stark gealtert, gesunkener 
Ernährungszustand, Schädel ohne Difformitäten, vegetat. Organe 
ohne pathologischen Befund. Stark ausgebreitete Acne rosacea. 

29. October, 6 Uhr Früh: T. 35*7, 1 Milligramm Tuberculin. 

11 Uhr Vormittag 36-5, 3 Uhr Nachmittag 36-7, 9 Uhr 

Abends 36*0. 

30. October, 6 Uhr Früh: T. 37 3, 5 Milligramm Tuberculin. 

11 Uhr Vormittag 36*7, 5 Uhr Nachmittag 37*4, 8 Uhr 

Abends 37’4. 


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Versuche Aber die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 241 


31. October, 6 Uhr Früh: T. 37’4, 10 Milligramm Tuber- 
culin. 11 Uhr Vormittag 37-5, 6 Uhr Abends 37'4, 9 Uhr 

Abends 36*6. 

2. November, 6 Uhr Früh: T. 37*5, 20 Milligramm Tuber- 
culin. 11 Uhr Vormittag 35*7, 6 Uhr Abends 37-6, 9 Uhr 

Abends 38'1. 

Geringe Mattigkeit, „Gliederschwäche” u. dgl. während des 
Fiebers. 

Ruhiger Schlaf. Psychisch unverändert. 

Patientin behält als vortheilhafte Nachwirkung den ge¬ 
besserten Schlaf. 

Vordem war Patientin jede Nacht fast schlaflos und unruhig 
gewesen und war deshalb jede Nacht isolirt. 

14. M. H., 45 J., Fuhrmannsgattin. Aufgenommen 18. Juli 1889. 

Hereditäre Belastung fehlt. Von jeher „nervenschwach” ängst¬ 
lich, leicht aufgeregt. Vor & Jahren Trauma capit. durch einen 
fallenden Stein. Bewusstlos. Seitdem anfallsweise Kopfschmerz und 
Schwindel. Vor 5 Jahren durch 14 Tage auf der psychiatrischen 
Klinik. Heftiger Kopfschmerz, „phantasirt” dabei. (Nähere An¬ 
gaben fehlen.) In letzterer Zeit Ueberanstrengung, viel Kummer 
und Sorgen. Vor 3 Monaten Affect über einen Diebstahl im Hause, 
Verdruss mit den Hausgenossen, Entwickelung von Verfolgungsideen, 
Beachtungswahn, Hallucinationen. Alles benimmt sich feindselig 
gegen sie, man beschuldigt sie des Diebstahles, sie hört diese und 
jene abwesende Person über sie schimpfen etc. 

Bei der Aufnahme depressiv, ängstlich, gehemmt, zeitweilig 
erregt, weinerlich klagsam. Beziehungswahn, Hallucinationen be¬ 
schuldigender, schimpfender, drohender Stimmen. Im weiteren Ver¬ 
laufe unverändert. Hält sich demüthig, mit tief bekümmerter Miene 
oder ängstlich abseits, spricht nichts. Selten Ausbrüche von 
manchmal ganz verzweifeltem Jammern über die Beschimpfungen 
und Drohungen. 

Körperlich: Kleine „untersetzte” Person. Im Aussehen stark 
gealtert, während des Anstaltsaufentbaltes ergraut, Schädel ohne Diffor- 
mitäten. Innere Organe ohne bemerkenswerthen Befund. Puls klein, 
schwach, regelmässig. VorgängigeKrankheitsdauer mindestens 5 Jahre. 

30. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36, 2 Milligramm Tu- 
berculin. 4 Uhr Nachmittag 37 - 2, 9 Uhr Abends 37 9, 11 Uhr 
Abends 36*1. Etwas allgemeines Unbehagen, Gliederschmerzen etc. 
Psychisch unverändert. 

2. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36*7, 5 Milligramm Tu- 
berculin. 6 Uhr Abends 36'7, 11 Uhr Abends 37, 6 Uhr Früh 36*4. 
Unverändert. 

4. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36'6, 10 Milligramm 
Toberculin. 3 Uhr Nachmittag 37-2, 6 Uhr Abends 38-5, 11 Uhr 
Abends 38*9, 3 Uhr Nachts 39. 

Jahrbücher f. Psychiatrie n. Ncrreoh. XIV, Bd. 


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242 


Dr. Ernst Boeck. 


5. November, 6 Ubr Früh: T. 38*5, 11 Uhr Vormittag 38, 
4 Uhr Nachmittag 38 8, 6 Uhr Abends 39 9, 11 Uhr Abends 40, 
6 Uhr Früh 38*9. In der rechten Lunge in der Höhe des Scapuiar- 
winkeis (zwischen Scapula- und Wirbelsäule) eine kleine circum- 
scripte Dämpfung und bronchiales Athmen, an der Stelle der Dämpfung 
Knisterrasseln. 

Das Fieber schwankt in den nächsten 3 Tagen zwischen 37*5 
am Morgen bis 38*9 am Abend. Die Dämpfung macht am nächsten 
Tage noch einen eben merklichen Fortschritt nach aufwärts, bleibt 
dann stationär und beginnt am dritten Tage schon sich aufzuhellen. 
Am vierten Tage Absinken der Temperatur zur Norm (Abends 37*5). 
Scballdifferenz gering, nur noch verschärftes Athmen, Knisterrasseln 

Psychisches Verhalten — die allgemeine Mattigkeit und ihren 
Einfluss abgerechnet — unverändert. 

13. November, 11 Ubr Vormittag: T. 36*7, 50 Milligramm 
Tuberculin. 6 Uhr Abends (in plötzlichem Austieg) 39*3. 

Bleibt um 39 herum bis zum nächsten Abend, fällt erst am 
Abend des 15. November auf 36*5. Lungen völlig frei. 

Vorletzter Versuch 19. November. 50 Milligramm Tuberculin. 
T. bis 40 am ersten Abend, erst am Morgen des 21. Novembers 
36*7. In den Lungen nichts nachweisbar. Letzter Versuch am 
22. November. 50 Milligramm Tuberculin. T. erreicht nur mehr 39*7. 
Aber erst am 24. November Morgens 36*5. 

Versuche eingestellt. Psychischer Zustand unverändert. 


II. Männer: 

1. J. W. 43 Jahre, Pflasterergehilfe. Aufgenommen 14. Juli 
1894. (Alkoholiker mindestens seit acht Jahren.) 

Hereditäre Belastung nicht erweisbar. Langjähriger Potator. 
Wiederholt in der Irrenanstalt gewesen: 1886, 1887, 1888, 1890, 
stets mit alkoholischem Angstdelirium, schreckhaften Hallucinationen 
des Gehörs und Gesichtes, schreckhaften Illusionen, angstvollen 
Erwartungsaffecten. Das Delirium die erstenmale in wenigen Tagen 
abgelaufen, das letzte, 1890, dauerte fast zwei Wochen. 

Bei der Aufnahme ähnlicher Zustand wie die früheren Kranken¬ 
geschichten ihn beschreiben, aber schwerer. Heftige Angst bei tiefer 
Verworrenheit. Patient kniet, fleht, man möge ihm nichts thun. 
ihn nicht umbringen (wie die Stimmen ihm zurufen), er habe ja 
nichts gethan, schreit um Hilfe, schreit aus der Zelle, er müsse 
darin ertrinken, ist schlaflos. — Nach 2 Tagen etwas ruhiger und 
orientirt, erzählt verwirrt von einem „Wettkampf’ mit 51 Männern, 
die er „getaucht” hat, das Geld dafür habe der Wärter, den er ver¬ 
kennt; auf dem Polizeicommissariat, von dem er hergebracht 
worden, habe man ihn zum Tode verurtheilt, weil er als unter- 
standslos aufgegriffen worden sei (!). Ueber entlegenere AnteoO' 
dentien klare Auskunft. 


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Versuche Ober die Einwirkung kOnstlich erzeugten Fiebers etc. 243 

Die Hallucinationen (drohende und verächtlich beschimpfende 
Stimmen) bleiben jedoch, die Angst exacerbirt manchmal heftig, 
Patient fleht und kniet dann wie zu Anfang, schreit und weint 
„ich bitt, ich bitt”, ist nicht zu beruhigen. Opiumtherapie vergeblich. 

Somatisch: klein, rhachitiscber Schädel und Skelett. Muskulatur 
gut entwickelt Ernährungszustand sehr vermindert Puls klein, 
leicht arhythmisch, Arterie etwas rigid, Herztöne leise. Tremor der 
Zunge und Extremitäten (bei der Aufnahme). Vorgängige Krank¬ 
heitsdauer 8 Jahre. 

30. August, 11 Uhr Vormittag: T. 37*2, 1 Milligramm Tuber- 
culin. 2 Uhr Nachmittag 37-6, 6 Uhr Abends 37*6, 9 Uhr Abends 
37*4 Excessive Angst wie schon öfter. Butscht jammernd auf den 
Knien dem Arzt zu, immerfort schreiend „ich bitt, ich bitt”. 
Stimmen sagen ihm, er ist durch und durch angesteckt, er wird 
gemartert und getödtet werden. 

31. August, 11 Uhr Vormittag: T. 377, 2 Milligramm Tuber- 
culin. 2 Uhr Nachmittag 36 6, 6 Uhr Abends 36*2, 9 Uhr Abends 
36*5. Angst fortdauernd. 

I. September, 11 Uhr Vormittag: T. 37*4, 4 Milligramm 

Tuberculin. 2 Uhr Nachmittag 37*2, 6 Uhr Abends 37-2, 9 Uhr 
Abends 37*4. Puls bleibt unverändert, keine subjectiven Erscheinungen. 
Psychisch etwas ruhiger. 

3. September, 11 Uhr Vormittag: T. 37’1, 10 Milligramm 

Tuberculin. 2 Uhr Nachmittag 37 2, 6 Uhr Abends 37 2, 9 Uhr 
Abends 37*6. 

4. September, 11 Uhr Vormittag: T. 37 0, 15 Milligramm 

Tuberculin. 2 Uhr Nachmittag 36-2, 6 Uhr Abends 367, 9 Uhr 
Abends 37*2. 

6. September, 11 Uhr Vormittag: T. 365, 30 Milligramm 

Tuberculin. 1 Uhr Nachmittag 36*9, 6 Uhr Abends 367, 9 Uhr 
Abends 36*9. 

7. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36*6, 100 Milligramm 
Tuberculin. 2 Uhr Nachmittag 36-6, 6 Uhr Abends 37’2, 9 Uhr 
Abends 37. Noch immer weinerlich, klagsam, aber nicht mehr so 
heftig wie früher. 

9. September, 11 Uhr Vormittag: T. 367, 150 Milligramm 
Tuberculin. 2 Uhr Nachmittag 36*6, 6 Uhr Abends 36-6, 9 Uhr 
Abends 36*8. Bedeutend ruhiger, nur ab und zu etwas weinerlich. 
Klagt dann, er höre, dass über ihn gelacht werde; dass er er¬ 
schossen werde, hört er nicht mehr. 

II. September, 11 Uhr Vormittag: T. 367, 150 Milligramm 
Tuberculin. 2 Uhr Nachmittag 36*9, 6 Uhr Abends 36-8, 9 Uhr 
Abends 36*8. Entsprechend der niederen Temperatur bleibt auch 
die Pulsfrequenz constant (60 bis 66). 

17. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36*8, 200 Milligramm 
Tuberculin. 2 Uhr Nachmittag 37*6, 6 Uhr Abends 38, 9 Uhr 
Abends 39. Pulsfrequenz bis 90. 

16 * 


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244 


Dr. Ernst Boeck. 


18. September, 6 Uhr Früh: T. 37*7, 2 Uhr Nachmittag 37*4, 
6 Uhr Abends 37*4, 9 Uhr Abends 37*2. 

19. September, 6 Uhr Früh; T. 36 9, 2 Uhr Nachmittag 37, 
9 Uhr Abends 37*2. 

20. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36*9, 200 Milligramm 
Tuberculin. 2 Uhr Nachmittag 37*3, 6 Uhr Abends 37*6, 9 Uhr 
Abends 37*5. Hat wieder öfters Angst. Stimmen verbieten ihm 
unter Drohungen das Essen. 

21. September, 6 Uhr Früh: T. 37*3, 9 Uhr Abends 36*9. 

22. September, 6 Uhr Früh: T. 36*5, 2 Uhr Nachmittag 36*9, 
6 Uhr Abends 38*2, 9 Uhr Abends 38*4. 

23. September, 6 Uhr Früh: T. 36 9, 2 Uhr Nachmittag 37*2, 
6 Uhr Abends 371, 9 Uhr Abends 36 9. Etwas ruhiger. Schlaf 
gebessert. Sonst psychisch unverändert. Injectioneu eingestellt 

Auch im weiteren Verlaufe gleichbleibender psychischer 
Zustand. 

2.C.M.,28Jahre,Tischlergehilfe, ledig. Erkrankung 6. Juni 1894. 

Ganze Familie schwächlich. Vater jähzornig. 

Von Kindheit an schwächlich. Im 7. Lebensjahre Trauma 
capit. durch Sturz (3 Meter von einer Leiter; bleibt bewusstlos liegen). 
Nicht viel acute Krankheiten. Seit der Schulzeit Migräne, in den 
letzten Jahren Schwindel und Congestionen. Einiger Potus zuge¬ 
geben. Stets still, zurückgezogen, in der Schule langsame, geringe 
Erfolge. — In der letzten Zeit depressive Affecte (vom Vater 
erzwungener Abbruch eines Liebesverhältnisses) viel Kopfschmerz. 
Beginn der Psychose angeblich plötzlich, mit heftiger Angst; drängt 
fort, weil man kommen wird, ihn aufzuhängen. Drohende Stimmen, 
Sausen im Kopf. Nach 14tägigem Aufenthalte auf der psychiatrischen 
Klinik beruhigt entlassen. Bald wieder die früheren Angstzustände 
und Hallucinationen, Tentamen suicidii. 

Körperlich: klein, ziemlich kräftig, Ernährungszustand leidlich. 
Hydrocephaler Schädel. Pupillendifferenz, Pupillen verzogen, träge 
reagirend. Rechter Mundfacialis schwächer innervirt. Tremor der 
Zunge und Extremität. Aengstlich, verschüchtert, Hallucinationen 
wie beschrieben, sonst lucid. 

22. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36*2, 1 Milligramm Tuber¬ 
culin. 3 Uhr Nachmittag 36*4, 6 Uhr Abends 36*7, 9 Uhr Abends 
36*8. Fortwährend in Angst. Stimmen drohen ihm Hinrichtung. 

23. October, 6 Uhr Morgens: T. 36*5, 9 Uhr Vormittag 36*5. 

24. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36*7, 5 Milligramm Tuber¬ 
culin, 3 Uhr Nachmittag 37, 6 Uhr Abends 37*2, 9 Uhr Abends 
37*5, 12 Uhr Mitternacht 37*5, 3 Uhr Morgens 36*6. Mattigkeit, 
Gliederschmerzen. Ruhiger, etwas freier. 

25. October, 6 Uhr Morgens: T. 36 2, 9 Uhr Abends 36*3. 
Entschieden freier. Gibt zu, weniger Angst zu haben. „Stimmen" 
zeitweise cessirend, machen nicht den Eindruck wie früher. 


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Versuche Ober die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 245 


26. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36*8, 10 Milligramm Tuber- 
culin. 3 Uhr Nachmittag 37, 7 Uhr Abends 37 - 2. 

28. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36, 20 Milligramm Tuber- 
culin. 3 Uhr Nachmittag 36*9, 6 Uhr Abends 38'9, 9 Uhr Abends 
38-9, 11 Uhr Nachts 38-9. 

29. October, 11 Uhr Vormittag: T. 37-2, 6 Uhr Abends 37'6, 
9 Uhr Abends 37*5. Anhaltend weniger ängstlich. 

30. October, 6 Uhr Morgens: T. 36 - 5. 9 Uhr Vormittag 36'8. 

1. November, 11 Uhr Vormittag: T. 37'2, 20 Milligramm 
Tuberculin. 3 Uhr Nachmittag 37 5, 6 Uhr Abends 37. 9 Uhr 
Abends 36*8. 

2. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36-4, 50 Milligramm 
Tuberculin. 3 Uhr Nachmittag 36 7, 6 Uhr Abends 37 - 8, 9 Uhr 
Abends 39, 11 Uhr Nachts 39-4, 2 Uhr Nachts 391, 4 Uhr 
Morgens 381. 

3. November. 6 Uhr Morgens: T. 37 6, 9 Uhr Abends 36'9. 
Patient schläft besser, hat weniger Angst, ist zugänglicher. Ansatz 
zu Correctur seiner Hallucinationen und der darauf gegründeten 
Wahnideen. In diesem Zustande 27. November in eine andere 
Anstalt transferirt. 


3. K. B., 21 J., ledig, Taglöhner. Aufgenommen 8. Juli 1888. 
Hydrocephaler Schädel, sonst keine auffälligen somatischen 
Merkzeichen. Krankheitsdauer wahrscheinlich über 6 Jahre. Here¬ 
ditär nicht belastet. Intellectuell schwach begabt. Niemals er¬ 
heblich krank gewesen. Vom 17. bis 19. Jahre bei schwerer Arbeit 
(als Heizer) calorischen Schädlichkeiten ausgesetzt, verlässt die Arbeit, 
da sie ihm „ nicht gut bekam”. Assentirt, wird er zu einem Dienst 
commandirt, der ihm widerwärtig ist. Er „getraut sich nichts zu 
sagen,” wird „tiefsinnig”. Zunehmende Depression, Aufnahme in die 
Irrenanstalt, durch vier Wochen stuporös, Sondenfütterung. Dann 
plötzlich unruhig, titulirt die Aerzte als die göttlichen Personen, 
betet viel, zumeist laut, wird mehr verworren, tanzt, singt, schmiert. 
Nach circa 14tägiger Dauer dieses Zustandes allmähliche Beruhigung 
und Klärung. 13. October 1888 geheilt entlassen. 

3. März 1894. Zweite Aufnahme. Psychomotorische Hemmung, 
Angstzustände. Schwer zugänglich. Andeutungen von Beziehungs- 
wabn und Neologismen. Ungeheilt gegen Revers entlassen 17. Juli 1894. 

8. September, Dritte Aufnahme. Schwer gehemmt, orientirt, 
von Angst beherrscht, unzugänglich. Später, während der stupor¬ 
artige Zustand fortdauert, ScbwindelgefQhle, Sensationen von „Durch¬ 
einanderlaufen im Kopf’ u. dgl., Stimmen, die „hinten aus seinem 
Körper kommen, die schimpfen, gegen ihn hetzen”; es komme ihm so vor, 
als habe er das verschuldet, als sei er auch schuld daran, dass Andere 
hier leiden, es komme ihm vor, als wäre er einmal gekreuzigt 
worden. Krankheitsgefühl: „er ist ein Narr, er weiss es”, aber „er 


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Dr. Ernst Boeck. 


ist an allem schuld”, er hat „sich so verkehrt verthan”. Aufklärung, 
was er damit meine, ist vom Patienten nicht zu erlangen. 

Im Wesentlichen unveränderte Fortdauer dieses Zustandes. 

Körperlich kräftig gebaut und entwickelt, stark hydrocepha- 
lischer Schädel. Ernährung bedeutend gesunken. Puls 60 bis 70, 
klein, Arterie gespannt. Vegetative Organe im Uebrigen ohne be¬ 
sonderen Befund. Vorgängige Krankheitsdauer circa 9 Monate!?). 

20. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36‘6, 4 Milligramm 
Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 36 8, 6 Uhr Abends 36‘6, 1 Uhr 
Nachts 36*7. 

21. September, 11 Uhr Vormittag: T. 377, 3 Milligramm Tu¬ 
berculin. 4 Uhr Abends 37‘6. 

22. September, 6 Uhr Früh: T. 37*6, 12 Uhr Mittag 37'B, 
6 Uhr Abends 37*4, 9 Uhr Abends 37’5. Von dem Patienten, der 
in der gleichen Weise wie immer äusserungslos dahin liegt, ist 
nichts Verlässliches über eventuelle Sensationen oder sonstige Ver¬ 
änderungen zu erfahren. Psychisch erscheint der Zustand jedenfalls 
als der gleiche. Objectiv nur eine geringfügige Zunahme der Puls¬ 
frequenz zu constatiren (von 76 auf 90), sonst nichts. 

23. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36-8, 5 Milligramm 
Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 37*2, 9 Uhr Abends 37‘4. 

24. September, 6 Uhr Früh: T. 36-8, 9 Uhr Abends 36-6 

27. September, 9 Uhr Vormittag: T. 37. 10 Milligramm Tuber¬ 
culin. 12 Uhr Mittag 37*2, 6 Uhr Abends 371, 9 Uhr Abends 37 3, 

28. September, 9 Uhr Vormittag: T. 37, 4 Uhr Nachmittag 
37-5, 6 Uhr Abends 37-4, 9 Uhr Abends 37. 

22. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36-6, 20 Milligramm Tu¬ 
berculin. 6 Uhr Abends 38’2, 9 Uhr Abends 387. Keine Auskunft 
zu erhalten. Patient verwirrt sich sofort. 

23. October, 6 Uhr Früh: T. 37-8, 6 Uhr Abends 37-6. 

24. October, 6 Uhr Früh: T. 37’5, 12 Uhr Mittag 37'6, 3 Uhr 

Nachmittag 377, 6 Uhr Abends 37-8. 9 Uhr Abends 37-8, 12 Uhr 
Nachts 37'6. 

25. October, 9 Uhr Vormittag: T. 36-4. 

26. October, 11 Uhr Vormittag: T. 367, 20 Milligramm 

Tuberculin. 3 Uhr Nachmittag 369, 6 Uhr Abends 367. 9 Uhr 
Abends 36'8. 

27. October, 6 Uhr Früh: T. 37‘5, 12 Uhr Mittag 37‘8, 9 Uhr 
Abends 38, 11 Uhr Nachts 38 2. 

28. October, 11 Uhr Vormittag: T. 37'2, 30 Milligramm 

Tuberculin. 9 Uhr Abends 377. 

29. October, 6 Uhr Früh: T. 377, 6 Uhr Abends 372, 9 Uhr 
Abends 377. 

30. October, 6 Uhr Früh: T. 365, 6 Uhr Abends 366. 

Patient zeigt auch weiterhin keine Veränderung seines 

psychischen Zustandes.— 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 2 47 


4. A. K., Beamter, 42 Jahre, verheiratet. Aufgenommen 3. August 
1892. Krankheitsdauer vor dem gegenwärtigen letzten Insult wohl 
mehr als 2 Jahre. „Alkoholiker' 1 seit vielen Jahren. Erste Er¬ 
krankung vor 23 Jahren. 

Mutter sehr schwächlich, excentrisch. Mutters Bruder 
Potator. 

Patient normale Geburt und Entwickelung. Im Alter von 10 
bis 11 Jahren Trauma capitis, Commotio cerebri et medull. spin. Im 
Anschluss daran „nervös”. Mit 12 Jahren hysteroepileptische Anfälle. 
Angstzustände mit tonischen Krämpfeu und Bewusstlosigkeit. 1871 
„Kopftyphus”, darauf mehrere Monate in der Irrenanstalt. (Auf¬ 
regung, expansive Wahnideen, ist von hoher Abstammung, dringt 
in die Mutter ihren Fehltritt einzugestehen, Reizbarkeit.) 

Vor 8 Jahren Heirat, viel Sorge, Kummer aller Art im Ge¬ 
folge, verfällt dem Trunk, bei schon bestehender Alkoholintoleranz. 
Zeitweilig durch Gemüthsbewegungen provocirte Alkoholexcesse, 
Aufregungszustände mit nachfolgender Amnesie. Nach ganz beson¬ 
deren, objectiv motivirten Gemüthszerschütterungen, schwerem Ge¬ 
lenksrheumatismus, Arbeitsüberbürdung und Abusus alkoholicorum 
gesteigerte Erregbarkeit, Abnahme an Gedächtniss und Arbeitskraft, 
ängstliche Aufregung, Nosophobie, Furcht vor Suicid. Aufnahme 
in die Irrenanstalt. Körperlich: gesunkene Ernährung, bei ursprüng¬ 
lich kräftiger Constitution, Tremores, gesteigerte Sehnenreflexe,. 
Pupillen gleich, ziemlich prompt reagirend. 

Binnen einigen Wochen Abklingen der Erregung, Entlassung 
als geheilt 6. September 1892. 

Nach der Entlassung Einwirkung der früheren Schädlich¬ 
keiten. Im Januar überdies Pneumonie. Am 9. Juni 1893 neue 
Aufnahme mit allen Symptomen des Alkoholismus. Abermals, 
16. August 1893, geheilt entlassen (wenngleich ein gewisser Grad 
allgemeiner psychischer Abschwächung unverkennbar vorhanden ist). 
Kurz darauf (September) einige Tage auf der psychiatrischen Klinik. In 
leichtem Rauschzustände auf der Gasse auffällig, störend, auf dem 
Commissariat von allem möglichen, von der Untreue seiner Frau, 
die geisteskrank sei etc. etc., perorirend. Auf dem Lande bei Be¬ 
kannten gleiches Treiben. 13. October kommt er nach Wien zurück, 
ruhelos, aufgeregt, exaltirt, will einen Telegraphencurs nehmen, 
sich ausbilden, erzählt von lebensgefährlichen Bedrohungen, denen 
er ausgesetzt war, rühmt seine Gesundheit, ist sehr anspruchsvoll. 
Am selben Tage neuerliche Aufnahme. Euphorisch, ungemein ideen¬ 
flüchtig, producirt die bizarrsten Associationen, die jedoch immer 
noch Zusammenhang erkennen lassen, zeigt lebhaften ßewegungs- 
drang, gesticulirt, gefällt sich in karrikirten Possen, schreit, singt, 
alles wie zur eigenen Belustigung, manchmal auch, wie wider 
Willen von heiterem Aflfect oder Einfällen fortgerissen. 

Somatischer Befund bei der letzten Aufnahme: Gross, kräftig ge¬ 
baut, Schädel ohne auffallende Diflformität. Stark verfallenes Aussehen. 


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Dr. Ernst Boeck. 


Oberkiefer fast zahnlos, fahle, welke Haut. Puls leicht arbythmisch. 
ziemlich hohe Welle, Arterie rad. rigid, geschlängelt, zweiter Aort. 
Ton. klappend, Pupillendififerenz, Lichtreaction derselben minimal. 
Tremor der Zunge und Extremität. Gesteigerte Sehueureflexe. Keine 
Erscheinungen von Ataxie. 

26. August, 11 Uhr Vormittag: T. 36*4, 1 Milligramm Tuber- 
culin. 4 Uhr Nachmittag 36 7, 9 Uhr Abends 36 4. 

27. August, 11 Vormittag: T. 37*2, 5 Milligramm Tuber- 
culin. 1 Uhr Mittag 36*8, 4 Uhr Nachmittag 36*6, 7 Uhr 
Abends 37 - l. 

28. August, 11 Uhr Vormittag: T. 36*9, 10 Milligramm Tu- 
berculin. 1 Uhr Mittag 37*2, 4 Uhr Nachmittag 37*4. 9 Uhr 
Abends 37*4. Subjective Beschwerden von dem ruhelosen Kranken 
nicht zu eruiren. 

29. August,6 Uhr Früh: T. 36*6, 9 Uhr Abends 36*9. Erscheint 
etwas weniger abspringend, weniger unruhig als sonst. 

30. August, 11 Uhr Vormittag: T. 36*6, 30 Milligramm 
Tuberculin. 7 Uhr Abends 37. 

31. August. 11 Uhr Vormittag: T. 37*5, 60 Milligramm 
Tuberculin. 2 Uhr Nachmittag 36 8, 5 Uhr Nachmittag 36*5, 8 Uhr 
Abends 37*2. 

1. September, 11 Uhr Vormittag: T. 37*3, 100 Milligramm 
Tuberculin. 1 Uhr Mittag 37*4, 4 Uhr Nachmittag 37*5, 7 Uhr 
Abends 37*2. Heute Morgens nach gut durchschlafener Nacht 
ruhig. Ideenflucht geringer. Zeitweise klar und einsichtig. Aeussert 
spontan, er habe heute bei der Hausarbeit mitgeholfen, es sei sonst 
zu langweilig. Erinnert sich an alle Iojectionen genau. Beklagt 
sich über die Schmerzen, die sie ihm verursacht haben. Spricht 
von Fieber, das er jede Nacht darauf gehabt habe. 

2. September, 6 Uhr Früh: T. 37, 8 Uhr Abends 366. 

3. September, 11 Uhr Vormittag; T. 36 9, 150 Milligramm 
Tuberculin. 1 Uhr Mittag 37*1, 4 Uhr Nachmittag 37*2, 7 Uhr 
Abends 37*4, 8 Uhr Abends 38. 

4. September, 6 Uhr Früh: T. 36*6, 9 Uhr Abends 36*2. 

6. September, 11 Uhr Vormittag: T. 35*9, 200 Milligramm 
Tuberculin. 1 Uhr Mittags 36*4, 4 Uhr Nachmittag 37*2, 7 Ubr 
Abends 37*3. Dieselben Angaben über Fieber, wie unlängst, 
wiederholt. 

7. September, 6 Uhr Früh: T. 36*9, 9 Uhr Abends 36 - 5. 

5. J. L., 44 Jahre, Kürschnermeister. Aufgenommen 24. März 
1894. Vorgängige Krankheitsdauer l'/ 2 Jahre. 

Ueber Heredität nichts zu erfahren. Von jeher „aufgeregt". 
Lucs wahrscheinlich. Viel Sorgen. 

Seit l’/ 2 Jahren verändert, leicht ermüdbar. Beginnt zu 
trinken. Gesteigerte Libido sex. Excesse mit Dirnen. Zu¬ 
nehmende Vergesslichkeit, Zerstreutheit, Insufficienz, zeitweise 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 249 

weinerliche Stimmung, zuletzt typische Einkäufe, öffentliche sexuelle 
Scandale. 

Bei der Aufnahme euphorisch, desorientirt, dement, Pupillen¬ 
differenz, reflectorische Starre, bebende Phonation, Silbenstolpern. 
Besserung der motorischen Symptome, bei andauernder Euphorie 
und typischem Grössen wahn. Körperlich: klein, kräftig gebaut, 
ziemlich guter Ernährungszustand. An den vegetat. Organen nichts 
Abnormes. 

5. September, 10 Uhr Vormittag: T. 37, 1 Milligramm Tu- 
berculin. 4 Uhr Nachmittag 37*1, 7 Uhr Abends 37. 

6. September, 6 Uhr Früh: T. 37*1, 3 Milligramm Tuber- 
culin. 10 Uhr Vormittag 36*1, 1 Uhr Mittag 36*6, 4 Uhr Nach¬ 
mittag 37*3, 7 Uhr Abends 37*3. 

7. September, 6 Uhr Früh: T. 37*6, 5 Milligramm Tuber- 
culin. 10 Ühr Vormittag 37, 1 Uhr Mittag 37*5, 4 Uhr Nach¬ 
mittag 37*7, 7 Uhr Abends 38*3. 

8. September, 6 Uhr Früh: T. 37*1, 9 Uhr Abends 37*5. 

9. September, 6 Uhr Früh: T. 37*3, 10 Milligramm Tuber- 
culin. 11 Uhr Vormittag 36*5, 2 Uhr Nachmittag 37*2, 5 Uhr 
Nachmittag 37*5, 9 Uhr Abends 38*2. 

10. September, 6 Uhr Früh: T. 36*9. 

11. September, 11 Uhr Vormittag: T. 37, 10 Milligramm 
Tuberculin. 6 Uhr Abends 37*3, 9 Uhr Abends 36*3. 

12. 6 Uhr Abends: T. 36*7. 

17. 11 Uhr Vormittag: T. 37, 50 Milligramm Tuberculin. 
2 Uhr Nachmittag 38, 6 Uhr Abends 38*5, 9 Uhr Abends 39*7. 

18. September, 6 Uhr Früh: 39, 11 Uhr Vormittag 37*2, 
6 Uhr Abends 37*5, 9 Uhr Abends 37*4. 

19. September, 6 Uhr Früh: T. 37, 9 Uhr Abends 37*5(!). 

20. September, 6 Uhr Früh: T. 36 6, 50 Milligramm Tuber¬ 
culin. 11 Uhr Vormittag 37, 4 Uhr Nachmittag 37*9, 6 Uhr 
Abends 37*6. 

25. September, Temperatur bis 37*3. Nochmals 50 Milli¬ 
gramm Tuberculin. 

Patient zeigt auch während des Fiebers keine Veränderung 
seines euphorisch dementen Wesens. Nach der ersten Injection 
aber wird beobachtet, dass Patient, der sonst immer des Nachts 
durch Unruhe störend war, ruhig bleibt und schläft. Dieser Effect 
bleibt fortan, auch nach Einstellung der Behandlung bestehen. 

6. G. H.. 23 Jahre, Bauerssohn. Aufgenommen 21. Juli 1894. 
(Vorgängige Krankheitsdauer circa 6 Wochen.) 

Vater Potator massigen Grades. Hämophile Mutter an 
habituellem Kopfweh leidend. 

Patient vorletztes Kiud von 12 Geschwistern. Niemals erheblich 
krank gewesen. Von jeher abgeschlossen, für sich lebend, wort¬ 
karg. Geringe Schulerfolge. Litt seit vielen Jahren an'häufigem 


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Dr. Ernst Boeck. 


Nasenbluten, das heuer bis auf einen einzigen Anfall ausblieb. 14 Tage 
nach diesem intensiver Affect: Patient verlor im Spiele eine fQr 
ihn beträchtliche Summe, war sehr deprirairt darüber. Vielleichtauch 
Alkoholexcess dabei. Tags darauf Kopfschmerzen. Arbeitsunfähigkeit. 
Nach einigen Stunden heftigsten Schmerzes: Aufregung, Angst. 
Patient schreit, man wolle ihn erschiessen, der X. will das thnn. 
Angst und Aufregung halten bei schwindenden Schmerzen durch 
Wochen an, Patient faselt immer davon, man wolle ihn erschiessen, 
er lässt sich das nicht thun, er ist noch so jung. Abstinirt fast 
vollständig, kommt sehr heritoter. In Folge gesteigerter Aufregung 
und aggressiver Beaction in die Anstalt. Hier stumm, verschlossen, 
nur zu vereinzelten Aeusserungen zu bringen. Er „ängstigt sich, 
weiss selbst nicht recht vor was”, bleibt dabei, der Vater habe 
ihn erschiessen lassen wollen. Andeutungen von expansiven Wahn* 
ideen und von Hallueinationen sind zu constatiren. Ausführlicheres 
ist vom Patienten nicht zu erfahren. 

Mittelgross, etwas schwächlich gebaut, sehr reducirte Er¬ 
nährung, blasse Gesichtsfarbe, blasse Schleimhäute. Kleiner Puls, 
Art. eng, nicht gespannt. Vegetat. ohne besonderen Befund. 

7. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36, 2 Milligramm Tuber- 
culin. 3 Uhr Nachmittag 36 5, 6 Uhr Abends 36 5, 9 Uhr Abends 
36*5. Von dem schwer zugänglichen Patienten sind nur mit 
Mühe Aeusserungen zu erhalten. Subjective Erscheinungen negirt 
Objectiver Befund unverändert. 

8. September, 6 Uhr Früh: T. 36*6, 9 Uhr Abends 36-9. 

9. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36*8, 5 Milligramm 
Tuberculin. 3 Uhr Nachmittag 36*7, 6 Uhr Abends 36*9, 9 Uhr 
Abends 36*6. Unverändert, wie bei der ersten Injection. Auch die 
Pulsfrequenz constant, seine normale (60). 

25. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36*6, 10 Milligramm 
Tuberculin. 3 Uhr Nachmittag 36*6, 6 Uhr Abends 36*6, 9 Uhr 
Abends 38*5. Prostration, Gliederschmerzen, Kopfweh, keine locale 
Veranlassung dafür zu finden. 

26. September, 6 Uhr Früh: T. 38, 12 Uhr Mittag 38*1, 
3 Uhr Nachmittag 38*3, 6 Uhr Abends 38 2. Patient äusserungslos 
wie immer. 

27. September, 6 Uhr Früh: T. 37*2, 11 Uhr Vormittag 36*7, 
3 Uhr Nachmittag 36*7 (Puls 42), 9 Uhr Abends 36*4 

29. September, 6 Uhr Früh: T. 36*3. 9 Uhr Vormittag 35*7 
(Rectum), Puls 42, 1 Uhr Mittag 36*1, 4 Uhr Nachmittag 36. 

30. September, 6 Uhr Früh: T. 36*1. Psychisch keinerlei 
Veränderung. Injectionen wegen Abtransferirung eingestellt. 

7. J. G., Handlungscommis, 29 Jahre, ledig. Aufgenommen 
16. August 1889. (Vorgäng. Krankheitsdauer mindestens 5 Jahre.) 

Vater charakterologisch defect, war luetisch, starb als Para¬ 
lytiker. 


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Versuche Ober die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 251 

Patient einziges Kind, schwächliche Constitution, „anämisches” 
Kind, eigensinnig, störrisch, schreckhaft. Lernt ausgezeichnet. Ex- 
cessive Masturbation, angeblich erst vom 16. Jahre an. Dann viel 
Pollutionen, sexuelle Excesse, Nachtschwärmerei, Trinken, Bauchen. 
Schanker (Lues) vor 9 Jahren. Gaumen- und Bachengeschwilre. 
Späterhin nosophobisch, hypochondrisch. Wegen Neurasthenie (prae- 
cipue sexualis) in ambulatorischer Behandlung. Dabei durch ab¬ 
sonderliches Wesen auffällig. Ein Jahr vor der Aufnahme Ueber- 
anstrengung, Excesse in baccho et venere. 

Aufregung über einen vermeintlich an ihm verübten Dieb¬ 
stahl. Polizeianzeige. Nachweis irriger Anklage. Aufgeregt, glaubt 
nun seinerseits von Detectiven verfolgt zu sein, zeigt lebhaften Be¬ 
achtungswahn. Circa 6 Monate später zunehmend ängstlich, benom¬ 
men, verwirrt. 

Bei der Aufnahme ängstlich, unzugänglich, auffällig durch 
absonderliche Bewegungen (dreht sich im Kreise, geht in ganz 
verschrobener Haltung herum, macht Versuche, sich auf den Kopf 
zu stellen etc. etc.). 

Patient ist mittelgross, ziemlich kräftig gebaut, in der Ernäh¬ 
rung ziemlich herabgekommen, der Muskeltonus schlaff, die tiefen 
Reflexe an den 0. E. vermindert, an den U. E. ungleich; Patellar- 
reflex rechts bedeutend stärker als links. Pupillen stark erweitert, 
rechte etwas mehr als die linke. Beaction auf Licht links sehr prompt, 
rechts geringer an Excursion und Promptheit, Bomberg’s Symptom 
angedeutet. Körpergewicht 65 Kilogramm. 

Patient wird allmählich klarer. Anzeichen von Hallucinationen 
werden ab und zu beobachtet, es ist aber ausser confusen, hypo¬ 
chondrischen Klagen, durch entsprechende „Lesefrüchte’’ beeinflusst, 
nichts vom Patienten zu erfahren. Später gibt er die oben ange¬ 
führte Anamnese und zeigt volle Krankheitseinsiebt. Am 14. De- 
cember geheilt entlassen. 

Zweite Aufnahme 19. Februar 1892. Nach der Entlassung von 
der Mutter kümmerlich erhalten. Zur Erwerbsarbeit unfähig, „lernt” 
autoditaktisch dies und jenes. Bis vor einigen Monaten dabei ruhig 
geordnet, von Wahnideen keine Anzeichen bietend. Dann auf 
äussere Veranlassung Erregung der Vita sexualis, häufige Debauchen 
in Alkohol, Tabak — Abusus, consecutive Aufregung, Schlaflosigkeit, 
beständige Unruhe, Hallucinationen und dadurch bedingte Aggres¬ 
sivität gegen die Mutter. 

Bei der Aufnahme erschöpft, schlaff, ruhelos, unfähig, bei 
einer Sache zu bleiben, Examen unergiebig, Negation jedes Krank¬ 
seins, bei offenbarer Dissimulation. Dabei das alte Bewegungsspiel, die 
Verrenkungen, bizarren Attitüden, Grimassiren, Erscheinungen, die auch 
im ganzen späteren Verlaufe immer wieder auftreten. Patient bleibt 
auch fernerhin verschlossen, für gewöhnlich ganz unzugänglich, 
bietet das Bild wirklicher „Asthenie”; nur zeitweilig im Affect ver- 
räth er, jederzeit sehr confus vorgebracht, die Wahnideen von Be- 


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Dr. Emst Boeck. 


einflussung, hauptsächlich im Sinne von Zwangsgedanken („aufge¬ 
zwungenen "Gedanken), beabsichtigter Veränderung und Vertauschung 
seiuer Persönlichkeit, Missbrauchung derselben. Hund in Hand da¬ 
mit gehend, hypochondrische Klagen und Wahnideen. Für gewöhn¬ 
lich liegt Patient auf seinem Bette unter der Decke versteckt, un¬ 
zugänglich, stumm, mit groben Geberden abweisend. 

31. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36*7, 1 Milligramm Tuber- 
culin. 3 Uhr Nachmittag 36*9, 6 Uhr Abends 36*8, 9 Uhr Abends 
36-9. Puls 60. 

2. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36*5,1 Milligramm Tuber- 
culin. 3 Uhr Nachmittag 36'8, 6 Uhr Abends 36 8, 9 Uhr Abends 
36'7. Beidemale keine „psychische" Reaction kenntlich. Patient 
bleibt so abweisend wie stets, zu erfragen ist absolut nichts von ihm. 

15. November, 5 Milligramm Tuberculin; 20. November 
10 Milligramm Tuberculin. Beide Injectionen verlaufen symptomlos 
wie die ersten. Behandlung aufgegeben. 

8. W.P.,50Jahre,Krämer. Aufnahme 31.August 1894. Vorgängige 
Krankbeitsdauer circa 6 Monate. Mutter im Klimakterium psvchos. 
Eine Cousine wurde zur Zeit der Pubertät psychos. 

Fraisen bis zum 8. Lebensjahre. Besonders in der Jugend 
vergesslich. Zeitlebens schwerfällig, leicht zu verwirren, reizbar. — 
Wahrscheinlich Lues vor seiner Ehe. Seit 6 Monaten auffällig 
erregt, bringt nichts fertig, depressiv, weint viel, sehr klagsam. 
Schlaflos, kommt immer mehr herab. Andauernd ängstlich, bange 
Erwartungsaffecte, Versündigungswahn in mannigfaltigster Form. 

In der Anstalt unverändert das gleiche Bild. Jammert, weint, 
sobald er angesprocben wird, ergeht sich in endlosen, höchst 
läppischen Selbstanklagen und verzweiflungsvollen Erwartungs- 
affecten, zeitweise untermischt mit Zornäusserungen über die un¬ 
gerechten Beschuldigungen, über Quälereien, denen er ausgesetzt ist. 
Opiumtherapie nutzlos. Körperlich: mittelgross, kräftig gebaut und 
entwickelt. Ernährung reducirt. Blasse Gesichtsfarbe und Schleim¬ 
häute. Hydrocephaler Schädel. Vegetationsorgane ohne Befund. 
Kleiner, frequenter Puls. Arterie gespannt. 

20. September, 10 Uhr Vormittag: T. 37, 1 Milligramm Tu¬ 
berculin. 4 Uhr Nachmittag 36 8, 6 Uhr Abends 36-8, 9 Ubr 
Abends 37*1. 

21. September, 10 Uhr Vormittag: T. 367, 3 Milligramm 
Tuberculin. 6 Uhr Abends 37*6, 9 Uhr Abends 371. Körperlich 
keine Klagen. Psychisch unverändert. 

22. September, 6 Uhr Morgens 36 5, 9 Uhr Abends 37. 

27. September, 9 Uhr Vormitlae: T. 36*7, 10 Milligramm 
Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 36*8, 9 Uhr Abends 36*9. 

28. September. 9 Uhr Vormittag: T. 36*6, 15 Milligramm 
Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 36*6, 6 Uhr Abends 36*8, 9 Uhr 
Abends 37. Die Injectionen werden (aus äusseren Gründen) ausge- 


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Versuche Ober die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 253 


setzt. Patient ist ganz und gar nicht verändert. Dabei fehlt eine 
günstige Wirkung auf den Schlaf vollkommen. — Patient klagt 
andauernd über Schlaflosigkeit. Vom 1. October an wieder Opium. 

11. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36*7, 50 Milligramm Tu- 
berculin. 6 Uhr Abends 36 6, 9 Uhr Abends 36 5. 

12. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36 8, 50 Milligramm Tu- 
berculin. 1 Uhr Nachmittag 37-1, 5 Uhr Nachmittag 37-8, 7 Uhr 
Abends 38-4, 9 Uhr Abends 38*6, 11 Uhr Nachts 38-8. 

13. October, 6 Uhr Morgens: 36*4. Nachts geschlafen. Be¬ 
hauptet, stark geschwitzt zu haben. Etwas ruhiger. 

22. October, 11 Uhr Vormittag: 36*4, 50 Milligramm Tuber- 
culin. 4 Uhr Nachmittag 37-7, 7 Uhr Abends 38. 11 Uhr Nachts 38'5. 

23. October, 8 Uhr Früh: T. 36*8, 4 Uhr Nachmittag 37-1, 
9 Uhr Abends 36-9. 

24. October, 9 Uhr Vormittag: T. 36-2, 50 Milligramm Tu- 
berculiu. 6 Ubr Abends 36*8, 9 Uhr Abends 37'2, 12 Uhr Nachts 
37-5, 3 Uhr Morgens 37-6. 

25. October, 6 Uhr Morgens: T. 35-9. 

26. October, 100 Milligramm Tuberculin. 

28. October, die Temperatur steigt nicht über 36-5. 150 Milli¬ 
gramm Tuberculin. 

31. October, 11 Uhr Vormittag: T. 35-7,200 Milligramm Tuber¬ 
culin. 4 Uhr Uachmittag 36-4, 9 Uhr Abends 36-8,11 Uhr Nachts 37-4. 

1. November, 11 Uhr Vormittag: T. 37-5, 4 Uhr Nachmittag 
37-7, 9 Uhr Abends 37-8, 11 Uhr Nachts 37 9. 

2. November, 6 Uhr Früh: T. 35-9. 250 Milligramm Tuberculin. 
Temperaturanstieg bis 36-2. Psychisch unverändert. Injectionen ein¬ 
gestellt. — Patient entwickelt weiterhin sich zur eclatanten Paranoia. 

9. E. L., 16 Jahre, Gymnasiast. Aufgenommen 14. April 1891. 
(Vorgängige Krankheitsdauer mindestens 4 Jahre.) Vater leidet 
seit der Kindheit an Migräne. 

Patient Erstgeborener, bei der Geburt das grösste von allen 
Kindern. Stirnlage und. auffällige Schädeldeformation (bald ausge¬ 
glichen). Enuresis noct. bis zum 7. Jahre, auch später noch ab und 
zu. — Scharlach mit Nephritis mit 8 Jahren, Masern mit Parotitis 
1 Jahr später. — Häufig Kopfweh seit der Kindheit. Lernt erst 
spät und schwer sprechen. Späterhin lernbegierig, aber intellectueli 
schwach, „Träumer ’. Guter, passionirter Turner. Von Masturbation 
niemals Anzeichen. — Im Jahre 1889 Stocken des Fortganges in 
den Studien. Im Jahre 1890 abermaliger Misserfolg in demselben 
(repetirten) Jahrgang. Depressiv, scheu. Bittet um Erlaubniss, die 
Classe zum drittenmal besuchen zu dürfen. — Gleich zu Beginn 
des 3. Schuljahres auffällig durch Zerstreutheit, Benommenheit, 
Unfähigkeit zur Aufmerksamkeit. Im December zweimal Ohnmacht 
(bei längerem Aufrechtstehen). Januar aus der Schule entlassen als 
„wahrscheinlich geisteskrank”. 


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254 


Dr. Erpst Boeck. 


Stetige Zunahme der Inactivität, zunehmend ängstlich, auf¬ 
geregt, abstinirt mehr und mehr. Geruchs- und Geschmackshalln- 
cinationen, Vergiftungswahn. Peinliches Empfinden seines Zustandes, 
Unruhe, er „hält das nimmer aus”, es „ist aus mit ihm” er „muss 
sterben” u. dgl. Schwächlicher Suicidversuch. 

Bei der Aufnahme ängstlich, präcordiale Sensationen, Unruhe, 
Aeusserungen von psychischer Anästhesie („nichts gefällt ihm”), 
Flimmerskotome, zeitweise Hallucinationen (Todtenschädel, Fratzen 
u. dgl.) — Schlangen und Kröten sind in seinem Bett, Teufel 
darunter versteckt u. dgl. Damit zugleich erhöhte Angst, sonst 
ruhig, stumpf dahinliegend. Abstinirt völlig. — Nach circa 5 Mo¬ 
naten um weniges gebessert in häusliche Pflege abgegeben, fast 
1 Jahr später — nach erheblicher Remission mehr denn je ver¬ 
schlechtert — wieder der Anstalt zugefQhrt. 

Patient abstinirt wieder durch Monate, isst dann nur unregel¬ 
mässig, ist ganz unzugänglich, spricht spontan nicht, nur wenig mit 
den Eltern beim Besuch, ist häufig verwirrt, von Hallucinationen 
eingenommen, zeigt aber manchmal für Vergangenes, Erlerntes 
und Erlebtes gutes Gedächtniss. 

I. September, 11 Uhr Vormittag: T. 363, 1 Milligramm 
Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 36-5, 7 Uhr Abends 36 7, 9 Uhr 
Abends 36*9. Puls 96. 

3. September, 11 Uhr Vormittag: T. 37-2, 3 Milligramm 
Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 36-7, 7 Uhr Abends 36-8, 9 Uhr 
Abends 36*6. Puls 96. Ruhig, verworren wie immer. Koprophagie. 

4. September, 6 Uhr Früh: T. 36-8, 9 Uhr Vormittag 38*1. (!) 

5. September, 6 Uhr Früh: T. 381, (!) 11 Uhr Vormittag 
36-6, 6 Milligramm Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 37-8, 7 Uhr 
Abends 38 4, 9 Uhr Abends 38 - 5. Während des Fiebers ruhig 
dabinliegend. Keine Antworten: „will Ruhe haben”. 

6. September, 6 Uhr Früh: T. 37 6, 11 Uhr Vormittag 369, 
9 Uhr Abends 37*1. Ruhig, anscheinend etwas freier. Bejaht, dass 
er gestern „Hitzegeffthl und Gliederweh” gehabt. — Kopfweh und 
Uebelkeit verneiut er. 

7. September, 6 Uhr Früh: T. 36.7, 4 Uhr Nachmittag371, 
9 Uhr Abends 36 7. 

9. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36-9, 10 Milligramm 
Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 38, 7 Uhr Abends 38-2, 9 Uhr 
Abends 38*1. 

10. September, 6 Uhr Fstth: T. 36*9, 9 Uhr Abends 36*9. 

II. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36*3, 10 Milligramm 
Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 37*8, 7 Uhr Abends 37*7. 

12. September, 6 Uhr Früh: T. 36*6, 9 Uhr Abends 37. 

17. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36*4, 30 Milligramm 
Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 36*6, 7 Uhr Abends 37. Zer¬ 
fahren wie nur je. Tappt nach allem, was er ergreifen kann, schlägt 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 255 


ohne Grund zu, lässt nur einzelne Ausrufe vernehmen: „Diebs¬ 
canaille”, „was ist das”, — „wo ist dein Stückei Koth” etc. 

20. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36 ‘ 7 , 60 Milligramm 
Tuberculin. 1 Uhr Nachmittag 36 9. 3 Uhr Nachmittag 37*1, 7 Uhr 
Abends 37 5. Unverändert. 

21. September, 6 Uhr Früh: T. 37*2, 100 Milligramm Tuber¬ 
culin. 11 Uhr Vormittag 36-9, 3 Uhr Nachmittag 37*4, 7 Uhr 
Abends 37*7. Ausser etwas Mattigkeit keine Veränderung. 

25. September. 11 Uhr Vormittag: T. 36-3, 100 Milligramm 
Tuberculin. 3 Uhr Nachmittag 36 5, 5 Uhr Nachmittag 37 5, 8 Uhr 
Abends 36*8. 

26. September, 6 Uhr Früh: T. 37-3, 10 Uhr Vormittag 37-2, 
3 Uhr Nachmittag 369, 7 Uhr Abends 37*2. — Gänzlich un- 
verändert. 

27. September, 6 Uhr Früh: T. 36-5, 7 Uhr Abends 36-6. 
Behandlung abgebrochen. 

10. G. Sch., 21 Jahre, Comptoirist. Aufgenommen 3. September 
1894. (Vorgängige Krankbeitsdauer circa 1 Jahr.) 

Familie väterlicherseits nervös, charakterologiscb abnorm. Patient 
schwächlich, kyphoskoliotisch, linke untere Extremität verkürzt, 
angeblich von Geburt an. Pupillendifferenz. Sehr kleiner arytbm. 
Puls. Normale Entwickelung körperlich und intellectuell. Excessive, 
vieljährige Onanie. Ende des Vorjahres auffällig durch zerstreutes 
Wesen, Benommenheit, Arbeitsunfähigkeit. Fortschreiten der Krank¬ 
heitserscheinungen bis zu vollkommenem Stupor. Vorübergehende 
Besserung für einige Monate, dann der gleiche Zustand, in welchem 
Patient zur Aufnahme gelangt und in welchem er fernerhin ver¬ 
bleibt. Schon monatelang vor der Aufnahme Sondenfütterung. 

20. September, 11 Uhr Vormittag: T. 367, 369. 1 Milli¬ 
gramm Tuberculin. 

21. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36*9, 3 Milligramm 
Tuberculin. 3 Uhr Nachmittag 37*1, 6 Uhr Abends 37*3, 9 Uhr 
Abends 37'2. Puls von 72 auf 90. Patient liegt stuporös dahin 
wie immer. 

22. September, 11 Uhr Vormittag: T. 36*9, 9 Uhr Abends 37. 

25. September. 9 Uhr Vormittag: T. 365, 5 Milligramm Tu¬ 
berculin. 3 Uhr Nachmittag 37*8, 6 Uhr Abends 38-8, 9 Uhr 
Abends 39*6. 

26. September, 6 Uhr Früh: T. 37 9, 9 Uhr Abends 37*3. 

27. September, 11 Uhr Vormittag: T. 38*5, 5 Milligramm 
Tuberculin. 3 Uhr Nachmittag 38*2, 6 Uhr Abends 38*4, 9 Uhr 
Abends 39. 

28. September, 6 Uhr Früh: T. 38*1, 9 Uhr Abends 37*5. 
Gänzlich unverändert. Behandlung aufgegeben. 

29. September, 6 Uhr Früh: T. 37*8, 36*9. Behandlung ein¬ 
gestellt. — 


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256 


Dr. Emst Boeck. 


11. Th. F., Gärtnergehilfe, 22 Jahre. Aufgenommen 1894. (Epi¬ 
leptiker seit 7 Jahren.) 

Vater charakterologiseh abnorm. 2 Geschwister (von 4) starben 
in den ersten Wochen. Patient normale, leichte Geburt. Fraisen 
im Alter von ’/ 2 Jahr. Rhachitis bis zum 3. Jahre. Schwachsinnig. 
Vom 15. Jahre an epileptische Anfalle nach Trauma capitis. 
(Schlag auf den Kopf mit einem schweren Schlüssel, Kopfver¬ 
letzung, 3 Wochen Spitalspflege). Bald nachher Auftreten der An¬ 
fälle. Aenderung der Lebensweise, Ausbleiben der Anfälle durch 
iy 2 Jahre, dann wieder Anfälle erst alle 14 Tage, später häufiger. 
In der letzten Zeit postepileptische Verwirrtheitszustände, gehäufte 
Anfälle. 

Bei der Aufnahme tief verworren, täglich mehrere Anfälle, 
nach Brombehandlung ruhiger, klarer. Dann wieder mehrtägiges 
Delirium, betet, scheuert sich die Stirne wund mit „Kreuzmachen”; 
einige Tage noch sehr benommeo, dann allmähliche Klärung und 
Amnesie fOr das Delirium. Intervallärer Zustand: stumpf, schwer 
besinnlich, gutmüthig, auf freundliches Ansprecben mit blödem 
Lächeln reagirend. 

Klein, schmächtig, stark ausgeprägter Rbachitismus des Skelettes 
und des Schädels. Kein bemerkenswerther Befund an den vegetativen 
Organen. Leichte Rigidität der Musculatur der unteren Extre¬ 
mitäten, zumal der Extensoren des Oberschenkels, Ungelenkheit aller 
Bewegungen. 

28. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36*2, 1 Milligramm Tu- 
berculin. 3 Uhr Nachmittag 367, 6 Uhr Abends 38‘5, 9 Uhr 
Abends 38*6. 

29. October, 11 Uhr Vormittag: T. 372, 6 Uhr Abends 37-4. 
9 Uhr Abends 37‘3. 

30. October, 9 Uhr Vormittag: T. 371, 12 Uhr Mittag 36 8, 
9 Uhr Abends 367. 

31. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36*6, 1 Milligramm Tu- 
berculin. 3 Uhr Nachmittag 369, 6 Uhr Abends 36 8, 9 Uhr 
Abends 36*9. Patient bietet die gewöhnlichen Erscheinungen von 
Fieber und subjectiven Beschwerden der Tuberculininjectionen. 

1. November, 11 Uhr Vormittag: T. 38'4, 3 Uhr Nachmittag 
38-6, 6 Uhr Abends 38 8, 9 Uhr Abends 39 2, 11 Uhr Nachts 
39*8, 3 Uhr Morgens 40. Kein localer Befund für das Fieber vor¬ 
handen. 

2. November, 11 Uhr Vormittag: T. 38*2, 3 Uhr Nachmittag 
38 # 5, 6 Uhr Abends 38*2, 9 Uhr Abends 37-4. Die Anfälle cessiren. 

24. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36 8, 2 Milligramm Tu- 
berculin. 3 Uhr Nachmittag 36'9, 6 Uhr Abends 36*6, 9 Uhr 
Abends 367. Seit einer Woche wieder Anfälle. Während des neuer¬ 
lichen Fiebers treten die Anfälle täglich und häufiger auf. 

25. November, 11 Uhr Vormittag: T. 37 - 8, 3 Uhr Nachmittag 
38, 6 Uhr Abends 38'4, 9 Uhr Abends 39 2. 


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f 

Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 257 

26. November, 11 Uhr Vormittag: T. 37*8, 3 Uhr Nachmittag 
38, 6 Uhr Abends 37 9, 9 Uhr Abends 37*6. Anfälle wie früher. 
Einstellung der Behandlung. 

B . Fälle der Grazer Klinik. 

1. L. J., 20 J., Magd, 7. Januar bis 26. Januar 1891. Krank¬ 
heitsdauer (Prodromi) wahrscheinlich einige Tage. Bei der Aufnahme 
verwirrt, isst ihr Haar, bleckt die Zunge zur Antwort, lässt sich 
nicht untersuchen; unruhig. Reisst sich die Haare aus, muss die 
Zwangsjacke bekommen; einzelne abgerissene Ausrufe; zwangsweise 
Nahrungsaufnahme. Dazwischen Jammern und Schreien, dann Hallu- 
cinationen, spricht viel durcheinander, sieht Vögel, hört Stimmen. 

13. Januar. 1 Milligramm Tubereulin; schon Nachmittags 
„etwas ruhiger und einsichtiger”; höchste T. 38*7. 

14. Januar. Temperatursteigerung hält an. 38*7 bis 38. Blut- 
untersucbung negativ; im Ham kein Albumin, kein Zucker. 

15. Januar. T. sinkt erst am Abend auf 37; mit dem Ab¬ 
sinken des Fiebers psychisch völlig frei. 

16. Januar. Appetit stellt sich zum erstenmale wieder ein, 
zum erstenmale während der ganzen Krankheit. Bleibt klar. Geheilt. 

2. K. M., 22 J., ledig, ohne Beschäftigung. 17. Januar bis 
26. Januar 1891. Krankheitsdauer (Podromi) 1 Tag. Plötzlich ein¬ 
tretende Angst und Verwirrtheit, erschrickt angeblich über den 
Anblick eines Mannes mit einem Messer — sie wird umgebracht 
— der Teufel will sie holen. Verlangt dann wieder ihre Kleider, 
weil ihr Geliebter komme. Sieht Gerippe, sieht aus dem Nachbar¬ 
rauchfang Feuer herausschlagen. Kunterbunt vorgebrachte Erinne¬ 
rungsdetails. Isst nicht, schläft nicht. Lacht, singt, ist gelegentlich 
aggressiv. 

22. Januar 1 Milligramm Tubereulin. Vorher sehr aggressiv, 
dann ruhig, weinerlich. 

23. Januar. Wieder ziemlich aufgeregt. 1 Centigramm Tuber- 
culin, aufgeregt, lacht, singt; schläft nicht. 

24. Januar. 5 Centigramm Tubereulin, Nachmittag ruhig. 

25. Januar. 1 Decigramm, ruhig, mehr Schlaf. 

Gebessert in die Irrenanstalt. Aus der Irrenanstalt geheilt 
entlassen am 25. August 1891. 

3. P.,45 J., ledig, Köchin. Krankheitsdauer (Prodromi): 1 Monat. 
Verwirrt, Verfolgungsideen. Flüchtet wegen vermeintlicher sex. 
Nachstellungen aus ihrem Dienstorte zu ihrem Schwager. Hält dann 
diesen für ihren Mörder, der sich mit Anderen gegen sie zusammen- 
gethan. Schöpft aus jeder Miene Verdacht. Nachts durch jedes 
Geräusch erschreckt, die Mörder dringen schon ein; sehr unruhig, 
ängstlich, agitirt. — Personen — Verwechslung, Stimmen, 

Jahrbttatar f. Piyehlatri« u. Karraab. XIV. Bd. YJ 


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258 


Dr. Ernst Boeck. 


Geräusche: ein Dampfschiff oder eine Locomotive ist vor dem 
Zimmer, Abwechselnd Weinen, Klagen, Erschöpfung, zornige Er¬ 
regung. Geruchshallucinationen, später Vergiftungswahn, Zwangs¬ 
fütterung, Erschöpfung — stuporöse Phasen. Taed. vit, abwechselnd 
mit Erregtheit. 

Vom 7. Deceraber an Tuberculininjectionen zusammen 5. 1 bis 
6 Milligramm bis 0*03. Temperaturreaction sehr gering. Maximum 
37*4, auf 6 Milligramm keine Steigerung mehr. 

31. December. 0*03. — Auf die ersten Injectionen Angst, 
Kälte in den Füssen, dann Beruhigung zunehmend. Nach der 
letzten Injection (31. December) noch einmal vorübergehendes 
Angstgefühl und Kälteempfindung, dann heitere Stimmung bei 
völlig freier Psyche. Heilung dauernd. Geheilt entlassen. 

4. K. J., 25 J., ledig, Taglöhnerin. 16. Januar bis 7. Februar 
1891. Krankheitsdauer (Prodromi) 1 Jahr. Ausbruch vor einer Woche. 
Seit einem Jahre zunehmend verändert. Ursache Trennungsschmerz. 
Stad, conclam. seit einer Woche. Aufgeregt, weint, lacht, springt 
herum, grosse motorische Unruhe; zerreisst ihre Kleider, rennt 
mit dem Kopfe gegen die Wand. Immer mit dem Geliebten be¬ 
schäftigt, den man ihr rauben wolle. Oertlich desorientirt. Sträubt 
sich gegen die Untersuchung und gegen das Examen, das sie als 
Verhör auffasst. 

22. Januar. 1 Milligramm Tuberculin. 

23. Januar. 1 Milligramm Tuberculin, T. 38*2; hat gut ge¬ 
schlafen ; stumme Pantomimen ruhiger. 

24. Januar. T. 39; klagt über Unbehagen, Verworrenheits¬ 
gefühl im Kopfe, spricht verworren. 

26. Januar. 1 Centigramm Tuberculin; aufgeregt, motorische 
Unruhe, erotisch. Nachmittag T. 38. 

27. Januar. 1*5 Centigramm (38); alles thue ihr web, ruhiger. 

28. Januar. 2 Centigramm Tuberculin (38*2), matt, confus. 

29. Januar. 2 Centigramm (37), ebenso. 

30. Januar. 4 Centigramm Tuberculin (38’3), „lucide Momente.” 

1. Februar. 4 Centigramm Tuberculin (34 9), abstin. unrein; 
reden „ist ihr zu dumm”, schweigt. 

2. Februar. Sehr aufgeregt, Pupillen l>r; zerbricht Fenster. 

3. Februar. Aufgeregt, unruhig. 

4. Februar. Ruhiger, schlaffer. 

5. Februar. Sehr aufgeregt. 

6. Februar. Ruhiger, aber nicht klarer. In die Irrenanstalt, 
von dort geheilt entlassen am 29. Juni 1891. 

5. P. J. 16. Februar bis 4. März 1891. Krankheitsdauer (Pro¬ 
dromi) 2 Wochen. Rasche Erkrankung. Im Beginne allgemeines 
Krankheitsgefühl, Hemmung, Beachtungswahn, keine Coordinations- 
störung, Furcht, Angst, optische und akutische Hyperaesthesie. An- 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 259 

haltend Kopfschmerz, Durst, starke Schweisse, Obstipation, Schlaf¬ 
sucht. 

20. Februar. Gebessert; gibt an, sie sei verwirrt gewesen, in 
ganz leichtem Grade sei das noch der Fall. 

23. Februar. 1 Milligramm Tuberculin. 

24. Februar. 1 Centigramra Tuberculin. 

25. Februar. Nachmittag leichtes Unwohlsein; Abends T. 37*6. 

26. Februar. 5 Centigramm Tuberculin. T. 37*8. 

4. März. Etwas weniger gehemmt, spricht lauter, etwas um¬ 
gänglicher. Fängt an sich zu beschäftigen. Gebessert in die Irren¬ 
anstalt, von dort gebessert entlassen am 24. April 1891. 

6. L. H., 53 J., ledig, Magd. Krankheitsdauer (Prodromi) 4 Mo¬ 
nate. 21. December 1891 bis 20. Januar 1892. Seit 4 Monaten krank, 
Ursache Schreck und Kränkung; traurige Verstimmung, Hemmung, 
Selbstanklage und Kleinheitswahn. Magert ab, zeigt „Gedächtnis¬ 
schwäche”; ruhelos, schreckhaft, furchtsam, ängstlich. 

23. December. 1 Milligramm Tuberculin; nächsten Morgen 
ruhiger, Krankheitseinsicht. 

24. December. Die Selbstanklagen milder. 

25. December. 5 Milligramm Tuberculin ; sehr aufgeregt, 
drängt fort, muss isolirt werden. 

27. December. Noch immer unruhig, Hallucinationen. 

29. December. 2 Centigramm Tuberculin, psychisch unverändert. 

31. December. 9 Centigramm Tuberculin, lebhaftere Selbst¬ 
anklage, hört sich rufen, heftiges Kältegefühl. 

1. Januar. Unruhig, fortdrängen. 

6. Januar. Fortwährend gleich, Angst, man wird sie um¬ 
bringen. 

13. Januar. 15 Centigramm Tuberculin, Nachmittag unwohl, 
spricht nichts. 

14. Leichter Tremor man. Nervenstämrae des Schädels etwas 
druckempfindlich, widersetzt sich der Untersuchung. 

17. Januar. 1 Decigramm Tuberculin. Anscheinend unverändert. 
Irrenanstalt. Von dort gegen Revers am 28. Januar 1892 ungeheilt 
entlassen. 

7. R. M. f 40 Jahre, Witwe, Keuschlerin. 30. November bis 
19. December 1890. Krankheitsdauer (Prodromi) 14 Tage. (Vor 9 Jah¬ 
ren durch 2 Jahre in der Irrenanstalt.) Bleibt gedächtnisschwach, 
streitsüchtig, geschwätzig. Vor 14 Tagen plötzlich Auftreten von 
Verwirrtheit, heftige Kopfschmerzen; seitdem nur auf Stunden 
klarer. Dann wieder Angst; zuletzt heftige Aufregung und Aggres¬ 
sivität. 

Kommt aufgeregt an, lacht, schimpft laut, ist mit allem unzu¬ 
frieden. Isolirt, wenig Schlaf. Später gleichmässig heiter, lustiger, lacht, 
ist ausgelassen und obscön, singt, schimpft. Unrein, zeitweilig „verwirrt”. 

17* 


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260 


Dr. Emst Boeck. 


6. Deceraber. 1 Milligramm Tuberculin. Keine Reaction. 

8. December. 1 Centigramm Tuberculin. 

9. December. Etwas ruhiger, nicht mehr so unrein. Nach¬ 
mittag hallucinirend, aufgeregt. 

10. December. 3 Centigramm Tuberculin. Krankheitsgefühl 
sehr ruhig. 

11. December. Nach einer Temperatursteigerung bis 378 
verhältnissmässig ruhig. 

In der Irrenanstalt geheilt. Später Recidive. 

8. R. A., 20. Januar bis 4. März 1891. Krankheitsdauer (Prodromi) 
2 Monate. 49 Jahre, verheiratet, Bäuerin. 

Prodrom. Stadium 2 Monate, dann rasch Stadium conclamat.. 
Angst, betet viel; kein Schlaf, zunehmend confuser, verwirrter. Auf 
der Abtheilung ängstlich, verwirrt, macht Fluchtversuche, wird 
aggressiv, damit abwechselnd depressiv. Nahrungsverweigerung auf 
Grund von Vergiftungswahn, hört Stimmen. 

23. Januar. 1 Milligramm Tuberculin T. 37*5. Abends ruhiger. 
Tags darauf Status idem. 

24. Januar. 1 Centigramm Tuberculin. Aufgeregt, ängstlich, 
Vergiftungswahn. Sehr „leidend.” 

26. Januar. 1V 2 Centigramm Tuberculin. T. 37*5. Freier ohne 
Angst, trotz bestehender Hallucinationen. 

27. Januar. 3 Centigramm Tuberculin. Darauf ruhiger. 

28. Januar. 10 Centigramm Tuberculin. Danach Kältegefühl, 
Frost, Dyspnoe. 

29. Jauuar. Körperliches Wohlbefinden. Psychisch frei, ge¬ 
ordnet. 

24. Februar. 10 Centigramm Tuberculin. Nachts Husten, 
„schlechtes Befinden.” 

4. März. Beruhigter, freier, gebessert in die Irrenanstalt, ent¬ 
wickelt sich dort zur Paranoia, f 31. Januar 1895. 


Py ocy aneus-Inj ectionen. 

I. Frauen. 

1. F. Sch., 46 Jahre, Bonne, ledig. Aufgenommen 3. April 1892. 
Vorgängige Krankeitsdauer circa 2 ! / 2 Jahre. 

Vater Potator, Mutter einmal acut psychos gewesen. 

Patientin war stets reizbar, eigensinnig, excentrisch, hoch- 
fahrend, bildungssüchtig und dadurch in relative Ueberanstrengung 
gedrängt. Viele grosse Reisen als Bonne. In der letzteren Zeit 
schwerer Affect. Der Bräutigam bleibt (angeblich) von der Hoch¬ 
zeit weg, verlässt sie. Von ihrem Dienstort (Smyrna) nach Wien 
gebracht. Körperlich: klein, gracil, vorzeitig gealtert, welke Haut, 
eingesunkene Kiefer. Kein auffallender Organbefund. 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 261 


Bei der Aufnahme agitirt, ideenflüchtig, oberflächliche Asso¬ 
ciationen, durch Alliteration und Assonanz u. dgl., grosser ßede- 
und Bewegungsdrang, dabei im Allgemeinen orientirt, gelegentlich 
auch Krankbeitsbewusstsein äussernd. Nachts unruhig, schlaflos. 
Stationärer Zustand. 

26. October. 11 ühr Vormittag: T. 37, V 2 Gramm, 3 Uhr 
Nachmittag 37, 6 Uhr Abends 37-5, 9 Uhr Abends 36 8 der auf 
die Hälfte verdünnten Bouilloh-Cultur. Keine Klage, keine sichtliche 
somatische oder psychische Veränderung. 

27. October, 6 Uhr Früh: T. 36. 

28. October, 10 Uhr Vormittag: T. 36 - 6, 1 Uhr Nachmittag 
36*1, 4 Uhr Nachmittag 37-8, 7 Uhr Abends 38-4, 10 Uhr Abends 
38'5. 1 Gramm. Etwas ruhiger. Negirt Beschwerden. 

29. October, 10 Uhr Vormittag: T. 37 - 5, 3 Uhr Nachmittag 
37-8, 6 Uhr Abends 38-6, 9 Uhr Abends 381. 1 Gramm. Heute 
auffallend still. Kann ihren Bewegungsaufwand offenbar nur mit Mühe 
und nicht in dem Umfang wie sonst bestreiten. Ebenso mühsam 
ihre Scherze. Alles Krankheitsgefühl wird negirt. 

30. October, 7 Früh: T. 36 - 8, 11 Uhr Vormittag 36 - 5, 2 Uhr 
Nachmittag 37-7, 5 Uhr Abends 38 6, 8 Uhr Abends 37 4, 11 Uhr 
Abends 372. 1 Gramm. 

31. October, unverdünnte Cultur. 12 Uhr Mittag: T. 36'8, 
3 Uhr Nachmittag 38‘1, 6 Uhr Abends 38 3, 9 Uhr Abends 37-8. 
1 Gramm der unverdünnten. Sitzt still, gibt auf Fragen nach ihrem 
Befinden correcte Antwort. Mattigkeit, Unbehagen, Fieber, kein 
Kopfschmerz, kein Gliederschmerz. 

1. November, 12 Uhr Mittag: 36-8, 3 Uhr Nachmittag 38, 
6 Uhr Abends 38-3, 9 Uhr Abends 377. 1 Gramm. 

2. November, 6 Uhr Früh : T. 36, 9 Uhr Abends 36*6. 

8. November, 12 Uhr Mittag: 36’5. 3 Uhr Nachmittag 36*8, 
6 Uhr Abends 37 - 2, 9 Uhr Abends 377. iy 2 Gramm. Still, sitzt 
an ihrem Platz, sonst wesentlich nicht verändert. 

9. November, 6 Uhr Früh: T. 37'8, 9 Uhr Abends 367. 

12. November, 12 Uhr Mittag: T. 36-6, 3 Uhr Nachmittag 37, 
6 Uhr Abends 37'1, 9 Uhr Abends 36-9. 2 Gramm. Oertliche 
Affection: Gegend der Einsticbstelle in weitem Umkreis geröthet 
und geschwollen, heiss, druckempfindlich. 

13. November, 6 Uhr Früh: T. 37-1, 11 Uhr Vormittag 36-8, 
6 Uhr Abends 37, 9 Uhr Abends 367. 2 Gramm. 

14. November, 6 Uhr Früh: T. 36-6, 3 Uhr Nachmittag 37-4. 

21. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36'5, 4 Uhr Nachmit¬ 
tag 37, 7 Uhr Abends 36-8, 9 Uhr Abends 36-5, 12 Uhr Mitter¬ 
nacht 37'6, 4 Uhr Morgens 37*2. 2 Gramm. Am Morgen Krank¬ 
beitseinsicht. Spricht von den „dummen Sachen*’, die sie ge¬ 
sprochen hat. Ist aber „gekränkt”, weil man sie hier Narr nenne. 
Das sei sie nicht. Tagsüber ruhiger, ist sogar für einige Stunden 


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262 


Dr. Ernst Boeck. 


bei einer Beschäftigung zu halten. Das alte ideenflüchtige Wesen 
besteht aber fort. 

Da die Pyocyaneus-Injectionen ihr zulässig scheinendes Quanti¬ 
tätsmaximum erreicht haben, werden Injectionen mit Tuberculin 
versucht. Patientin erhält davon: 

24. November, 12 Uhr Mittag: 36*4, 10 Milligramm Tuber- 
culin. 3 Uhr Nachmittag 36 - 7, 7 Uhr Abends 37‘1, 9 Uhr Abends 37. 

25. November, 6 Uhr Früh: T. 37. 

26. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36, 10 Milligramm 
Tuberculin. 4 Uhr Nachmittag 37, 7 Uhr Abends 37 3, 10 Ubr 
Abends 36*5. Patientin ist wieder stiller, klagt über Mattigkeit, 
„Ziehen” in den Gliedern. 

Für Stundendauer bleibt Patientin in der letzten Zeit bei einer 
einfachen Handarbeit. Im Uebrigen psychisch im Wesentlichen die¬ 
selbe Zerfahrenheit wie früher. 

4. December, 11 Uhr Vormittag: T. 36'5, 50 Milligramm 
4 Uhr Nachmittag 38 2, 7 Uhr Abends 39-4, 10 Uhr Abends 39’5, 
6 Uhr Früh 37-8. Tuberculin. In den letzten Tagen wieder unruhiger. 
Eine Handarbeit, die sie angefertigt, trennt sie wieder im Spieltrieb 
auf. Springt wieder singend und tanzend herum. Während des Fiebers 
ruhig dahinliegend; die gewöhnlichen subjectiven Beschwerden. 

5. December, 11 Uhr Vormittag: T. 37‘1, 50 Milligramm Tuber¬ 
culin. 4 Uhr Nachmittag 38. 7 Uhr Abends 38‘9,10 Uhr Abends 38-9. 

6. December, 6 Uhr Früh: T. 37-3. 

Behandlung aus äusseren Ursachen abgebrochen. Im weiteren 
Verlaufe zeigt sieb Patientin in ihrem Gebaren ruhiger, zu nor¬ 
maler Ordnung im Gedankenablauf und zu anhaltender Aufmerk¬ 
samkeitsleistunggelangt sie jedoch nicht. Das alte zerfahrene Wesen 
tritt zeitweise immer wieder stürmisch auf. 

2. P. F. 40 Jahre, ledig, Dienstmagd. Aufgenommen 5. Mai 
1894. (Vorgängige Dauer der Krankheit wahrscheinlich über 1 Jahr.) 
Mutter und Geschwister psychopathisch. 

Patientin von jeher „eigentümlich”, mit sich selbst be¬ 
schäftigt, zu Beeinträchtigungsgedanken geneigt, zeitweise „rappelig”, 
seit vielen Jahren „herzleidend”, zur Zeit der Menses aufgeregt, 
reizbar. Vor 14 Jahren Mutter eines unehelichen Kindes gewesen. 
Damals tiefer Gemüthseindruck über das gebrochene Eheversprecben 
ihres Verführers. Seitdem beständig in Sorge, die Existenz des 
Kindes zu verheimlichen, und ihren Ruf nicht zu gefährden. Seit 
13 Jahren in einem und demselben Dienstort, treu, übertrieben ge¬ 
wissenhaft. — Im Laufe des letzten Jahres objective Veranlassung 
zu Misstrauen und Sorge. Patientin wird dadurch in Spannung er¬ 
halten, kann der Dinge nicht Herr werden, geräth immer tiefer in 
Aufregung, wittert hinter allen zufälligen Misslichkeiten Absicht als 
Ursache, findet, die Leute lachen sie aus, nimmt in der letzten Zeit 
als Erklärung an, das Geheimniss von ihrem Kinde sei verratben 


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Versuche Ober die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 263 


worden und in aller Leute Mund. Bei einem Besuche bei dem Kinde 
hochgradig aufgeregt, verwirrt. Wird nach 2 Tagen, die sie völlig 
schlaflos zugebracht, der Irrenanstalt zugefQhrt. 

Bei der Aufnahme hochgradig erregt, erzählt in grosser Ver¬ 
worrenheit von den „Seccaturen” der Hausleute, deren üblen Nach¬ 
reden, ihrer Feindseligkeit, zeigt grosse Angst vor diesen, man habe 
sie erschlagen wollen, einen Mord habe man ihr zur Last gelegt 
und die Polizei auf sie gehetzt etc., sie könne darum nicht länger 
leben. Bittet und fleht dann wieder, sie zu beschfltzen. 

Zunehmende Angst, glaubt sich überall in beständiger Gefahr, 
verkriecht sich vor dem Arzt, den sie als Mörder anschreit, immer 
unzugänglicher. Im weiteren Verlauf zeitweilig heiter, „die Kränkung 
ist vom Herzen weg”, „es ist ihr gleichgiltig, was die Weiber über 
sie sagen”, „sie lacht darüber” etc., geschwätzig, gesprächig. Die 
Wahnideen aber bleiben gleichwohl bestehen, bald ist die alte Angst 
und Unzugänglichkeit wieder da. 

4. December, 05 Gramm Pyocyaneus. Cultur unverdünnt, 9 Uhr 
Vormittag: T. 371, 1 Uhr Mittag 37, 4 Uhr Nachmittag 36-9, 
7 Uhr Abends 36 9. 

5. December, 6 Uhr Früh: T. 37-2. 

6 December, 10 Gramm Pyocyaneus Cultur unverdünnt, 10 Uhr 
Vormittag: T. 37, 4 Uhr Nachmittag 37*6, 7 Uhr Abends 37*4, 
10 Uhr Abends 37 4. 

7. December, 2’0 Gramm Pyocyaneus Cultur unverdünnt, 10 Uhr 
Vormittag: T. 37 8, 1 Uhr Mittag 37'3, 4 Uhr Nachmittag 37-6, 
7 Uhr Abends 37 4. 

8. December, 6 Uhr Früh: T. 37 0. 

Patientin lässt etwas Unwohlsein nur aus ihrem Benehmen 
erschliessen, Auskunft ist von ihr nicht zu erhalten, Patientin ist 
abweisend und in ihren verworrenen Angstideen befangen wie 
sonst. — Mit Rücksicht auf die fehlende psychische und auf die 
geringe Temperatur-Reaction werden die Injectionen eingestellt. 

3. A. M., 29 Jahre. Vorgängige Krankheitsdauer 13 Jahre. Von 
Vaters und M utters Seite her belastet. 

Von Geburt an schwächlich, mit „Chorea hereditaria” be¬ 
haftet, reizbar, schwachsinnig. Abspringend, ungeordnet in ihren 
psychischen Aeusserungen, ebenso wie in ihren motorischen 
Functionen. Die „Chorea” jedoch geringen Grades, verhindert die 
Ausübung von Handarbeit nicht. 

Vom 16. Jahre an Spuren von Beachtungswahn. Im 19. Jahre 
Auftreten von Gehörshallucination und Wahnideen: Stimmen be¬ 
schimpfen sie und werfen ihr sexuelle Verdächtigungen zu. Patientin 
ist erbost über ihren Vater, der gegen die fünf Herren, von denen die 
Stimmen ausgehen, nichts unternimmt. Aggressiv, unhaltbar. In der 
Anstalt zuerst das gleiche Bild: Stimmen, beschimpfend, ver¬ 
dächtigend. Heftiger Aflect. Bald aber Abklingen der Erregung, der 


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264 


Dr. Ernst Boeck. 


Hallucinationen und der Wahnideen, durch Jahre hindurch völlig 
stationärer Zustand: Herumlaufen, Singen. Springen, Neckereien und 
Balgereien mit den übrigen Patienten, grosse Gedankenverarmung. 
Im Uebrigen gutartig, fügsam. 

25. October, 0*4 (Pyocyaneus-Cult., zur Hälfte mit sterilisirtem 
Wasser versetzt), 11 Uhr Vormittag: T. 357, 3 Uhr Nachmittag 
36'5, 6 Uhr Abends 377, 9 Uhr Abends 37’2. Keine subjectiven 
Symptome. Benehmen unverändert. 

26. October, 6 Uhr Früh: T. 364. 

28. October, 1 Gramm, 11 Uhr Vormittag: T. 36 5, 3 Uhr 
Nachmittag 37'4, 6 Uhr Abends 38, 9 Uhr Abends 39 - l. Allgemeine 
„Fiebersyraptorae”. Matt, still, ohne besondere Klagen. 

30. October, 1 Gramm (nicht verdünnte Cultur), 11 Uhr Vor¬ 
mittag: T. 36 8, 5 Ubr Nachmittag 38 4, 8 Uhr Abends 38’6, 11 Uhr 
Nachts 38 5. 

31. October, 1 Gramm (nicht verdünnte Cultur), 6 Uhr Früh: 
T. 37-4, 12 Uhr Mittag 36 9, 3 Uhr Nachmittag 36-8, 6 Uhr 
Abends 37 5, 9 Uhr Abends 37-2. 

8. November, 2 Gramm, höchste Temperatur (6 Uhr Vor¬ 
mittag) 37*5. — Nach dem Schwinden der unmittelbaren „Fieber¬ 
wirkung” unveränderter Zustand-Behandlung eingestellt. 

4. A. M. Krankbeitsgeschichte siehe oben. — Seit Einstellung 
der Tuberculininjectionen derselbe stationäre Zustand wie alle die 
Jahre her. 

29. October, 0 5 Gramm (unverdünnte Cultur), 12 Uhr Mittag: 
T. 36-3, 3 Uhr Nachmittag 36 8, 6 Uhr Abends 36-3, 9 Uhr 
Abends 366. 

8. December, 2 Gramm (unverdünnte Cultur). Höchste Tenor 
peratur am folgenden Morgen: 6 Uhr Morgens: T. 374. 

Psychisch keine Veränderung. Versuche eingestellt. 

5. Th. Tr. 1 ) Anfangs Juni beginnt Patientin spontan die sonst 
ängstlich gehütete Zelle zu verlassen, sich an dem Charpiezupfen 
der verblödeten Patienten zu betheiligen, bleibt weiterhin ruhig, 
spricht wenig, scheint nicht so tief vewirrt. Guter Schlaf. Ge¬ 
steigerte Nahrungsaufnahme. Zeitweilig etwas gehemmt, muss zum 
Essen angehalten werden, dann wieder erregt, agitirt. Schlaf 
bleibt gut. 

Von Anfang October an lebhaft, heiter, ausgelassen, ideen- 
flüchtig, manisches Gepräge. 

Pyocyaneus-Injectionen: 

8. November, 12 Ubr Mittag (die unverdünnte Cultur): T. 36*6, 
3 Uhr Nachmittag 367, 6 Uhr Abends 37’5, 9 Uhr Abends 37-4. 
0‘3 Gramm. 


') Siehe oben „Tuberculin-Injeetionen”, Franen, Fall 5. 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 265 


9. November, 6 Uhr Früh: T. 37*1, 9 Uhr Abends 36*9. 
Etwas stiller, matt, „krank”. 

13. November, 11 Uhr Vormittag: T. 36 2, 2 Uhr Nachmit¬ 
tag 36, 5 Uhr Nachmittag 37*4, 8 Uhr Abends 37*5, 11 Uhr 
Abends 37*2. Unbestimmtes Unbehagen, still. 7 % Spritze. 

14. November, 6 Uhr Früh: T. 37-5, 9 Uhr Abends 37-1. 

15. November, 6 Uhr Früh: T. 36*2. Der frühere Zustand 
anscheinend unverändert. Einstellung der Injectionen. Im Laufe des 
November und December zwar noch das frühere manische Bild, aber 
immer mehr zusaramengefasst, immer geordneter, zeitweilig, rasch 
vorübergehend hallucinatorische Zustände. Im Laufe des Januar zu¬ 
nehmend klarer und ruhiger, beginnt anhaltend zu arbeiten. Im 
Laufe des März vollkommen geordnet und einsichtig. 29. April 
geheilt entlassen. 


II. Männer. 

1. A. K. Krankengeschichte oben mitgetheilt. 1 ) Bis zum Beginn 
der Pyocyaneus-Injectionen vollkommen unveränderter Zustand. 

27. October 11 Uhr Vormittag: T. 36*5, 0.5 Pyocyaneus 
Bouillon (auf die Hälfte verdünnte Cultur), 3 Uhr Nachmittag 36*8, 
6 Uhr Abends 37*1, 9 Uhr Abends 37*1. 

28. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36*5, 1 Gramm, 3 Uhr 
Nachmittag 36*4, 6 Uhr Abends 36*6, 9 Uhr Abends 37*1. 

29. October, 11 Uhr Vormittag: T. 36*5, 3 Uhr Nachmittag 
36*5, 6 Uhr Abends 36*7, 9 Uhr Abends 37*3. 

31. October, 11 Uhr Vormittags: T. 36.5, 1 Gramm (unverdünnte 
Cultur), 3 Uhr Nachmittag 36*6, 6 Uhr Abends 36*8, 9 Uhr 
Abends 37*1. 

1. November, 6 Uhr Früh: T. 36*5, 1 Gramm, 3 Uhr Nach¬ 
mittag 36*8, 6 Uhr Abends 36*9, 9 Uhr Abends 37*3. 

Patient macht nur unverlässliche Angaben, ähnlich wie nach 
den Tuberculin-Injectionen, spricht von „Fieber,” das er während 
der Nacht gehabt, klagt manchmal über Mattigkeit und Unbehagen 
u. dgl., die Pulsfrequenz bleibt seine normale. Fortgesetzte Temperatur¬ 
messungen ergeben, dass Pat. Abends eine Temperatur ohne Injec¬ 
tionen von circa 37*1 zu erreichen’ pflegte, die Differenz von 36*5 auf 
37*1 daher nicht als Wirkung der Injectionen aufzufassen ist. Psychi¬ 
scher Zustand unverändert. Injectionen eingestellt. 

2. Th. H, 41 Jahre, verheiratet, Webergehilfe. Aufgenommen 
7. August 1894. (Vorgängige Krankheitsdauer circa 3 Monate.) 
Bruder geisteskrank. 

Früher „stets gesund”. Ordentlich, fleissig, mässig. 

Seit 4 Wochen „magenkrank” (war ikterisch). Wird ängstlich 
— glaubt, er müsse sterben, sorgt sich wegen Frau und Kindern, 

*) Tnbercnlin-Injectionen, Männer, Fall 4. 


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266 


Dr. Ernst Boeck. 


schlaflos. Zunehmende Angst, fürchtet Einbrecher, Mörder, inter- 
pretirt belanglose Details in diesem Sinne, nimmt 2 Hacken unter 
die Kopfkissen als Schutzwaffen. Bei der Aufnahme erschöpft, ängstlich. 

Somatisch: Gross, kräftig gebaut. Sehr abgemagert, anämisch, 
leicht ikterisches Colorit. 

Rasche Erholung, Krankheitseinsicht und anscheinend völlige 
Correctur. Am 21. August geheilt entlassen. 

Neuaufuahme am 30. September 1894. Die Angst hatte sich bald 
wieder eingestellt, Patient hatte mehreremale Suicidversuche gemacht 

Sehr depressiv, ängstlich, leicht verwirrt. Er soll gestraft 
werden, weil er seine Familie habe umbringen wollen, die Leute 
sagen so. Er würde lieber hingerichtet werden, als diesen Zustand 
leiden. Was er denn angestellt habe, dass ihm dergleichen vorgeworfeo 
werde. Die Leute spucken vor ihm aus, sprechen über ihn. Aus 
seinem Magen hat es herausgestunken, wie aus einem Misthaufen. 
Die Leute rufen ihm Schwein u. dgl. nach. — Oft ganz confus und 
verzweifelt. 

Sehr herabgekommen, anämisches Aussehen. Kein bemerken*- 
werther Organbefund. 

1. November, 0*2 Gramm (die unverdünnte Bouilloncultur von 
Pyocyan). 11 Uhr Vormittag .T. 36*2, 3 Uhr Nachmittag 365, 
6 Uhr Abends 36*5, 9 Uhr Abends 36*8. Subjectiv keine Beschwerden. 

2. November. 1*0 11 Uhr Vormittag: T. 36*3, 3 Uhr Nach¬ 
mittag 36*4, 6 Uhr Abends 36*4, 9 Uhr Abends 36*5. Keine sub- 
jectiven Erscheinungen zu eruiren, ausser Mattigkeit und Schwäche. 
Patient ist immerfort ängstlich, mit seinen Angstvorstellungen be¬ 
schäftigt. Drunten im Eiskeller warten sie auf ihn, er soll auf das 
Eis geworfen werden, um den Erfrierungstod zu sterben. — Ob 
keine Hilfe für ihn ist? — Vielleicht beim Kaiser? 

20. November, l l / 2 Gramm. T. bis 36*8. 

22. November, 2 Gramm. T. bis 37*1. Keine anderen Er¬ 
scheinungen als die vorgemeldeten. — Psychisch ganz unverändert. 
Behandlung eingestellt wegen Abtransferirung des Patienten in seine 
heimatliche Anstalt. 

3. J. W. Krankengeschichte Nr. n, 1. Seit einiger Zeit wieder 
ängstlicher. Die drohenden Stimmen wie früher. 

24. November, 0*5 Gramm unverdünnte Cultur. 11 Uhr Vor¬ 
mittag: T. 36, 3 Uhr Nachmittag 36*5, 6 Uhr Abends 864, 
9 Uhr Abends 36 4. 

25. November, 6 Uhr Früh: T. 36*6. 

26. November, POGramm, 11 Uhr Vormittag: T.36*7,2UhrNacb- 
mittag 36*8, 6 Uhr Abends 37,10 Uhr Abends 37*4,12 Uhr Nachts 37*5. 

27. November, 6 Uhr Früh: T. 37*5. Der psychische Zustand 
lässt keinerlei Beeinflussung erkennen. Die Injectionen werden 
eingestellt. 

Auch weiterhin keine Aenderung. 


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Versuche über die Einwirkung künstlich erzeugten Fiebers etc. 267 


Gewichts-Tabelle. 

Tuberculin-Injectionen. Frauen. 



Name 

lai 

Juni 

Juli 

August sept. 

October 

Kot. 

Dec. 

Jan. 95 

Febr. 


1 

H. A. 

48*5 

56-9 

635 

64 

69 

73 

73 

73 

_ 

_ 


2. 

B. P. 

— 

— 

— 

— 

53 

53 

57*5 

655 

— 

— 


3. 

M. F. 

— 

— 

— 

— 

64*5 

65 

7i 

— 

— 

— 


4. 

A. Sch. 

— 

54*5 

65 

552 

entl. 

— 

— 

— 

— 

— 


5. 

Th. Tr. 

51 

52-2 

53*5 

57*6 

582 

60-2 

62-5 

62-4 

— 



6. 

A. S. 

— 

— 

575 

59*2 

556 

59 

607 

627 

— 



7. 

B. N. 

43 

44 

45 

455 

46*5 

45*5 

45 

46 

— 

— 


8. 

J. H. 

46 5 

435 

42 

41-5 

417 

46*5 

615 

67 

69*5 

72 


9. 

K. N. 

49 

49 2 

51 

525 

58 

552 

605 

527 

— 

— 


10. 

A. M. 

— 

57 

567 

55*7 

56 

602 

59 

602 

— 

— 


11. 

C. B. 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

47*9 

49-5 

— 

— 


12. 

R. L. 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

48*5 

49 

50T 

— 


13. 

Th. G. 

— 

— 

— 

— 

52.5 

52 

527 

51 

— 

— 

1 14 

M. H. 

— 

— 

— 

— 

— 

56*5 

56 

54 

— | 

— 


Gewichts-Tabelle. 

Tuberculin-Injectionen. Männer. 


! 

Name 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

Sept. 

| Oct. 

Nov. 

Dec. 


1 1. J. w. 

_ 

_ 

_ 

57 

59*5 

61 

58 

? 


2. C. M. 

— 

— 

56-9 

59 

58 

57*5 

— 

— 


! 3. K. B. 

66 

67 

— 

— 

66 

62*5 

63 

66*5 


' 4. A. Kr. 

— 

— 

66 5 | 

67 

67 

70 

— 

— 


! 5. J. L. 

— 

— 

— | 

— 

57*5 

63 

63 

63 


1 6. G. H. 

— 

— 

53 5 

53 

54 

— 

— 

— 



7. J. G. 

— 

— 

— j 

— 

— 

51*5 

50 

54 



9. W. P. 

— 

— 

— , 

— 

635 

61*5 

62 

615 



10. E. L. 

— 

— 

— 

— 

53*5 

50 

— 

— j 



12. K. F. 

— 

— 

— 

— 

— 

53 

54 

55 

i 



Bei Patient E. Sch. war die Wägung wegen heftiger Abwehr unterblieben. Bei 
Patient H. wurde eine weitere Wägung verabsäumt. 


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268 


Dr. Ernst Boeck. 


Pyocyaneus-Injectionen. Frauen. 


Name 

1 Mai 

Juni 

Juli 

August Sept. 

Oct. 

Nov. 

Dec 

1. F. Sch. 

47-2 

46 

46 

48 

1 49-8 

51 

50 7 

495 

2. F. P. 

54* 


— 

— 

— 

— 

i 56 5 

58 

3. A. M. 

— 

605 

59-2 

60 

59 

605 

1 60-7 

j 60*7 


*) Wegen der grossen Unruhe der Patientin wird die Wägung fernerhin 
unausführbar. 


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Referate. 


Genie und Entartung. Eine psychologische Studie von 

Dr. William Hirsch. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Mendel. 

Berlin und Leipzig. Verlag von Oscar Coblentz, 1894. 

Verfasser beabsichtigt in vorliegender Studie, zur Aufklärung 
einiger psychologischer und psychiatrischer Begriffe, die bereits zu 
vielfachen Controversen und Missverständnissen Anlass gegeben 
haben, einen Beitrag zu liefern, indem er die Begriffe Genie und 
Entartung einer eingehenden Betrachtung unterzieht. Er geht hierbei 
aus von der Thatsache, dass, wie ein Ueberblick über die wichtigsten 
Symptome der Geisteskrankheit lehrt, eine scharfe Grenze zwischen 
geistiger Gesundheit und geistiger Erkrankung nicht eiistirt; er 
wendet sich der Definition des Wortes Genie zu, wobei er nach 
kritischer Beleuchtung der vielfachen bisher hierüber entwickelten 
Anschauungen besonders die Aeusserungen hervorragender Dichter 
in den Kreis seiner Betrachtungen zieht und die Frage aufwirft, 
worauf das instinctive Schaffen, das unbewusste Dichten, das selbst¬ 
ständige Entstehen der Gedanken, wie es von vielen grossen Dichtern 
geschildert wird, beruhe. Eine psychologische Analyse ergibt, dass 
bei bedeutenden Dichtern der Phantasie gegenüber dem eigentlichen 
willkürlichen Denken die Hauptrolle zufällt, dass weiterhin neben 
hochgradiger Verfeinerung des Gefühllebens auch ein lebhafter 
Trieb besteht, der Gefühle und Ideen sich zu entäussern; unter 
diesen psychologischen Bedingungen kommen in sehr vielen Fällen 
die genialen Kunstwerke zu Stande. Nicht immer aber ist die Kunst 
das Ausdrucksmittel von Empfindungen und Gefühlen; bei manchen 
Dichtern liegt der Schwerpunkt im Intellect. Aehnliches lässt sich 
auch von den Werken hervorragender Gomponisten und Maler be¬ 
haupten. 


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270 


Referate. 


Dass die Phantasie einmal gerade in der, ein anderesmal io 
jener Richtung sich äussert, hängt zusammen mit angeborenen 
Befähigungen, Talenten, deren Ursachen wohl in anatomischen Ver¬ 
hältnissen zu suchen sind. Die Betrachtung der Verhältnisse bei 
genialen Naturen, Schauspielern, Gelehrten zeigt nun vollends, dass 
den Genies die verschiedenartigsten psychologischen Bedingungen 
zu Grunde liegen, und dass mit dem Worte Genie überhaupt ein be¬ 
stimmter psychologischer Begriff nicht verbunden werden kann, 
dass es sich vielmehr dabei immer nur um verschiedene Intensitäts¬ 
grade allgemeiner psychologischer Vorgänge handelt. 

Dies vorausgeschickt, übt Verfasser nunmehr eindringlich 
Kritik an den Lehrsätzen jener Autoren, welche so innige Be¬ 
ziehungen zwischen Genie und Irrsinn aufgefunden zu haben glauben, 
dass sie beide Zustände als verwandt, oder wie Moreau als zu¬ 
sammengehörig bezeichnen. Verfasser unterzieht die einzelnen so¬ 
genannten Krankheitssymptome des Genies, darunter insbesondere 
die Sinnestäuschungen einer streng fachmännischen Beurtheilung, 
er prüft die einzelnen Daten auf ihre Beweiskraft und Stichhältig¬ 
keit, weist dabei auf den möglichen Einfluss von Suggestion und 
Autosuggestion hin, und beruft sich auf die Erfahrungstatsache, 
dass Individuen mit lebhafter Phantasie Hallucinationen haben 
können, ohne deshalb schon geisteskrank zu sein. Verfasser zieht 
auch eine interessante Parallele zwischen der Lügenhaftigkeit 
mancher Geisteskranker und den phantastischen Erfindungen 
dichterisch veranlagter Personen, wobei er auf die Grundverschieden¬ 
heit dieser äusserlich ähnlichen Neigungen hinweist. Auch bezüglich 
des schon erwähnten Entäusserungstriebes lassen sich ähnliche 
Analogien herstellen. Manches im Leben genialer Personen mag 
ungewöhnlich erscheinen, bei oberflächlicher Betrachtung an 
Symptome des Irrsinns erinnern, wie Züge von Egoismus, Gleich¬ 
giltigkeit gegen die Umgebung, Zerstreutheit, doch wird die ein¬ 
gehendere Beurteilung der Motive und der ganzen Lebensverhältnisse 
wesentlich andere Gesichtspunkte ergeben, die mit der Voraus¬ 
setzung von Geistesstörung schlechtweg nicht vereinbar sind. 

Endlich erfährt auch die von manchen Autoren beliebte Me¬ 
thode des Hinweises auf tatsächliche psychische Erkrankung vieler 
genialer Personen durch den Verfasser eine grelle Beleuchtung, indem 
er sehr zutreffend auf die dabei unterlaufenden Widersprüche und 
Ungenauigkeiten, auf die Gewagtheit der Schlussfolgerungen auf¬ 
merksam macht. — Verfasser unterlässt nicht, an der Hand der 
Lehre von der Entartung, auch die sogenannten Pseudogenies in 
den Kreis seiner Betrachtungen einzubeziehen und das grundver¬ 
schiedene Wesen dieser durch ihre geistige Instabilität und durch 
die Disharmonie der psychischen Fähigkeiten gekennzeichneten 
Individuen gegenüber den voll euwickelten harmonischen Geistern 
differentialdiagnostisch zu betonen. — Wie wichtig aber auch der 
Eiufluss der Erziehung für die Entwickelung des Charakters, ganz 


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Referate. 


271 


besonders für die des Genies ist, sucht Verfasser in einem eigenen 
sorgfältig durchgeführten Oapitel unter Berufung auf historische 
Daten, sowie auf sehr beherzigenswerte pädagogische Gesichts¬ 
punkte darzuthun. Nicht minder interessant gestalten sich die Aus¬ 
führungen des Verfassers gegenüber jenen Autoren, unter ihnen 
besonders Max Nordau, welche die ^Behauptung aufstellen, dass 
Entartung, Nervenkrankheiten und namentlich Hysterie zunehmend 
die Existenz der gebildeten Stände bedrohen; die Bedeutung dieser 
„Zeithysterie” würdigt Verfasser unter Darstellung der Rolle, welche 
Hysterie, Hexenglauben, Spiritismus, Hypnotismus im Laufe der Zeit 
gespielt haben, um darzuthun, dass es nicht angehe, aus verschiedenen 
Erscheinungen unserer heutigen Cultur, aus allerlei Sitten und Mo¬ 
den etc. die civilisirte Welt schlechtweg für entartet und hysterisch 
zu erklären. Verfasser lehnt sich nicht mit Unrecht auf gegen den 
psychiatrischen Dilettantismus, der ungewohute und auffallende 
Vorkommnisse auf socialem, literarischem oder künstlerischem Ge¬ 
biete und manche Irrthümer oder Verkehrtheiten der Zeit ohne- 
weiters als Krankheit diagnosticirt. 

In einem besonderen Abschnitte „Kunst und Irrsinn” übt 
Verfasser Kritik an der Richtung Nordau’s, ohne triftige Beweis¬ 
gründe aus einem Kunstwerke oder aus literarischen Erzeugnissen 
auf psychische Erkrankung des Autors zu schliessen und betont 
hierbei die Nothwendigkeit, statt auf eine bloss subjective Kritik 
des Kunstwerkes sich zu beschränken, bei Beurtheilung des Kunst¬ 
werkes vor allem die Absicht des Künstlers, die dem Kunstwerke 
zu Grunde liegenden Motive zu ermitteln, um verhängnissvollen 
Irrthümern aus dem Wege zu gehen. Die Wichtigkeit dieses Satzes 
demonstrirt Verfasser in einem ebenso interessanten als lehrreichen 
Schlusscapitel: „Richard Wagner und die Psychopathologie”, indem 
er die vielfachen Missdeutungen, auf Grund deren dieser Künstler 
wiederholt und neuestens von Nordau als ein Geisteskranker, ein 
„Entarteter” hingestellt wurde, klarlegt und mit überzeugender 
Schärfe kennzeichnet 

Zweifellos wird das vorliegende Buch vermöge seines allge¬ 
mein wissenswerten, methodisch bearbeiteten Inhaltes und der 
ansprechenden Form der Darstellung auch über medicinische 
Kreise hinaus dankbare Leser finden. 

F. 

Ueber den Wahn. Eine klinisch-psychologische Untersuchung 
nebst einer Darstellung der normalen Intelligenz Vorgänge. 
Von Dr. M. Friedmann, Nervenarzt in Mannheim-Wiesbaden. 
Verlag von J. F. Bergmann 1894. 

In vorliegender umfassender Bearbeitung eines zweifellos 
höchst interessanten und klinisch wichtigen Themas versucht Verfasser 
im Wesentlichen eine psychologische Zergliederung der Wahn- 


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272 


Referate. 


bildung unter Zugrundelegung von klinischen Thatsachen, in der 
Erwartung, hiermit auch die in vielfachen Punkten noch strittige 
Lehre von der Paranoia zu fordern, weiterhin auch für die Auf¬ 
findung der Grundlagen der Intelligenzvorgänge Aufschlüsse zu 
gewinnen. Indem Verfasser gleich von vornherein auf den Standpunkt 
der Associationspsychologie sich begibt, bat er wohl auch das 
Bedürfniss gefühlt, den Boden für seine Deductionen durch Voran¬ 
stellung eines die Grundlagen des normalen Denkens behandelnden 
normal psychologischen Theiles entsprechend zu ebnen. Verfasser ver¬ 
breitet sich hierin über alle historischen nud modernen psychologischen 
Systeme, constatirt den hohen Werth der durch die Fortschritte 
der Gehirnphysiologie geschaffenen Grundprincipien, wonach in 
Empfindung und Association alles sich erschöpft, was in der Hirn¬ 
rinde, als dem Sitze der Intelligenz, sich repräsentirt findet, in 
welchen Erfahrungen somit die Associationspsychologie eine mächtige 
Stutze gewonnen hat, und gelangt zum Schlüsse, dass neben psycho¬ 
logischen Erwägungen auch die Thatsachen der Gehirnphysiologie, 
sowie Erfahrungen der Pathologie, die einfache, lediglich in der 
Association gipfelnde Natur der seelischen bewussten Kräfte über¬ 
einstimmend erkennen lassen. 

Nach Verfasser genügen dieSteigerung der Vorstellungsthätigkeii 
und Aenderungen der associativen Processe nebst der Affectwirkung 
vollständig zur Erklärung aller pathologischen Alterationen der 
Denkvorgänge und erscheint ihm hierzu eine besondere Apperceptions- 
psychologie nicht erforderlich. Die wichtige Frage nach der Genese 
der Urtheilsassociation erledigt Verfasser an der Hand der Lehre von 
den Zwangs- und Wahnvorstellungen, wonach die stärkste Vor¬ 
stellung die Urtheilsassociation erzwingt, an die die logische 
Ueberzeugung sich untrennbar anschliesst. Das de norma geltende 
Gesetz des Zwanges zur Association findet seine Anwendung auch 
auf pathologische Verhältnisse; nur erhöht sich hier der Zwang 
bei gesteigerter Vorstellung ins Ungemessene; starke Vorstellungen 
(überwerthige Ideen nach Wernicke) drängen sich heran zur 
Association und überwinden die anderen. Es genügt also die ein¬ 
fache Intensitätssteigerung einer Vorstellung, damit sie — unter 
Verdrängung der concurrirenden Vorstellungen — eine feste, ihrem 
Umfange nach übrigens stark beschränkte Association erzwingt. 
Die psychische Erregtheit stellt den Grundzustand dar, aus welchem 
die Intensitätssteigerung horvorgeht und kann nach Friedmann ein 
principieller Unterschied zwischen Zwangs- und Wahnideen nicht 
gemacht werden, gleichwie auch Hallucinationen und Illusionen 
als „plastisch erhöhte” Vorstellungen zu ersteren in eine gewisse 
Parallele zu bringen sind. 

Die Definition, die Verfasser betreffs der paranoischen Wahnidee 
entwirft, lautet: „Echte Wahnideen sind unverrückbare Urtheils- 
associationen in logischer Form, bei deren Bildung durch patho¬ 
logische Vorgänge die associativ näher verwandten Vorstellungen 


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Referate. 


273 


vod der logischen Verknüpfung ausgeschlossen bleiben. Für ihre 
Consolidirung ist immer eine durch präexistente specifische geistige 
Veranlagung des Individuums bewirkte Gedankenrichtung von ein¬ 
seitig affectiver Form massgebend. Die Conception erfolgt entweder 
allein durch eine Steigerung der Vorstellungsthätigkeit, welche über- 
werthige Ideen hervorruft (Schema der Zwangsassociation, respective 
der fixen Idee), oder aber nebstdem wirken ein primärer an¬ 
haltender starker und einseitiger Affect oder respective verbunden 
damit eine Einschränkung des associativen Gedankenflusses (delirante 
Form der Conception).” 

Bezüglich des Inhaltes der Idee macht Verfasser noch folgenden 
Zusatz: „Die Richtung, der empirische Inhalt der Wahnideen wird 
ausschliesslich bestimmt durch die Richtung des durchgehenden 
Affectes. Dabei spielen zufällige Lebensschicksale eine erhebliche 
Rolle. Danach gestaltet sich der Verfolgungs-, expansive oder 
hypochondrische Inhalt. Die Consolidirung erfolgt ausschliesslich 
nur innerhalb des geordneten logischen Denkens und schliesst sich 
entweder direct an die Conception an (fixe Idee) oder sie vollzieht 
sich ganz allmählich und chronisch (chronische Paranoia mit oder 
ohne Hallucinationen) oder sie ergibt sich in der dem acuten 
Primärstadium folgenden ruhigen Periode (acute Paranoia und 
Paranoia mit affectivem oder delirantem Vorstadium). Bei nur 
mässig starker Prädisposition wird kein weiterer Ausbau und keine 
Erweiterung der Wahnidee von dem Individuum vorgenommen, es 
beschränkt sich auf die Form der Idee bei der ersten Conception. 
Anderenfalls wird von ihm eine Systematisirung bewirkt, aus der 
Wahnidee wird einWahn, indem auch alle ferneren Wahrnehmungen 
und Erlebnisse auf dieselbe Weise logisch verarbeitet werden. Die 
Wahnbildung ist dort eine einmalige, hier eine continuirliche. ,, 

So anziehend und bestechend die Darstellung ist, auf Grund 
deren Friedmann seine Lehrsätze formulirt, so wird der Kliniker 
des Eindruckes sich nicht erwehren können, dass das Verfahren, 
die elementaren Störungen — wie fixe Ideen, Zwangsideen, Wahn¬ 
vorstellungen — nach dem einen psychologischen Gesichtspunkte 
der Ueberwerthigkeit vorwiegend zu behandeln, zur Klarstellung 
dieser Begriffe keineswegs ausreichen und dass mit der Betonung 
der quantitativen Unterschiede allein der Kern des pathologischen 
Vorganges nicht berührt wird. Verfasser verhehlt sich übrigens nicht, 
dass gerade die Frage uach der Bedeutung der excentrischen Ver¬ 
anlagung von besonderer Wichtigkeit ist, und hierin der künftigen 
Forschung ein noch weites Arbeitsfeld sich eröffnet; sein Buch 
enthält jedenfalls eine bedeutende Summe von interessantem und 
wissenswerthem Detail, und wird dem Fachmann mancherlei werth¬ 
volle Anregung beim Studium von Fragen bieten, deren actuelles 
Interesse nicht in Abrede gestellt werden kann. 


JikrbBoLu t. Pijchlfttrle u. Nervinb. XIV. Bd. 


18 


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274 


Referate. 


Psychiatrische Vorlesungen von V. Magnan, VI. Heft, lieber 
Manie, über Alkoholismas, über Simulation und Verkennung 
von Irrsinn. Deutsch von P. J. Möbius, Leipzig. Verlag von 
Georg Thieme 1893. 

Wie seine Vorgänger, so zeichnet sich auch das vorliegende 
Heft durch klare und naturgetreue Schilderung oben erwähnter 
Krankheitsformen, durch treffliche klinische Beobachtungen aus. 
Die Abhandlung über den Alkoholismusj bringt überdies interessantes 
statistisches Materiale, sowie auch beinerkenswerthe Resultate 
experimenteller Untersuchungen über die Schädlichkeit der ver¬ 
schiedenen Alkohole. Betreffs der Simulation und der Mittel zur 
Diagnose derselben gibt Verfasser an der Hand einer einschlägigen 
Beobachtung geeignete Winke; er weist auch auf die noch immer 
häufige Thatsache der Verurtheilung geisteskranker Individuen 
hin, der nur durch rechtzeitige Zuziehung des Sachverständigen 
in allen irgend zweifelhaften Fällen vorgebeugt werden könne. 


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Ein Fall von miliarer Embolie des Gehirnes mit 
Degeneration des Markes bei einer Geisteskranken. 

Von 

Dr. Josef Starlinger, 

I. Assistent an der Klinik des Herrn Professor v. Wagner. 

Am 2. Juli 1894 starb auf der Klinik die Patientin D. Marie, 
eine 22 Jahre alte Verkäuferin, an Tbc. pulm. Dieselbe war 
circa ein Jahr vorher (19. Juni 1893) wegen Amentia zum 
zweitenmale zur Aufnahme gekommen. 

Zum erstenmale erkrankte Patientin im November 1891 (14.), 
nach acht Tagen kam sie zu uns. Vorher haben keine Krank¬ 
heiten bestanden, aber die Kranke ist mütterlicherseits erblich 
belastet, selbst nervös und charakterologisch abnorm, und soll 
Kränkung über die Untreue des Geliebten die unmittelbare 
Veranlassung zum Ausbruche der Krankheit gegeben haben. 

Die Psychose bot das gewöhnliche Bild der acut, halluc. 
Verwirrtheit. Nach einem Jahre Spitalaufenthalt unter Zunahme 
des Gewichtes und Wiedereintritt der Menses allmählich Klärung, 
und im März (19.) 1893 verliess Patientin, nachdem sie im 
Ganzen 28 Kilogramm zugenommen hatte, vollkommen geheilt 
die Anstalt. (72-21 Kilogramm.) 

Nach drei Monaten neuerliche Aufnahme (19. Juni 1893) 
mit demselben Symptomenbilde der Amentia. Damals war noch 
keine Lungenatfection vorhanden. Das ziemlich gute Aussehen 
(Körpergewicht 60 Kilogramm) nahm rasch ab, da die Kranke 
zu abstiniren anfing und zur Sondenfütterung gegriffen werden 
musste. 

Intervallär kurze Besserungen und Zeichen von geringerer 
Verwirrtheit. Patientin ass dann auch auf Handdarreichung zeit¬ 
weilig, aber sonst meist Sondenfütterung. 

Jahrbücher f. Psychiatrie and New ologie XIV. Bd. 19 


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276 


Dr. Josef Starlinger. 


Seit Anfangs April Spitzenaffection nachweisbar; abendliche 
Temperatursteigerung auf 38. Husten und eiteriges Sputum. Am 
24. Juni plötzlich Temperaturanstieg auf 402 Nachmittags; 
darauf in der Folge wieder mindere Temperatur. 

In den letzten Tagen ass sie vielfach wieder selbst, schien 
auch weniger verwirrt. Am 1. Juli Klagen über Kopfweh, am 
2. Juli ruhiger. Exitus. (Körpergewicht 37 Kilogramm.) 

Sectionsbefund, vorgenommen von Herrn Professor Weichsel¬ 
baum, ergab: 

Körper sehr blass, anämisch, stark abgemagert, Gehirn 
blass, ödematös, sehr blutarm. Gefässe zart, klein. Gehirnsnbstanz 
mässig derb, sonst makroskopisch keine besondere Auffälligkeit 
Die inneren Hirnhäute an der Convexität zart, ödematös, in der 
rechten Pleurahöhle ein abgesacktes eiteriges Exsudat mit Com- 
pression des Mittel- und Unterlappens. Im Oberlappen eine alte 
Gaverne nebst alter Pneumonie und chronischer Tuberculose. 

In der übrigen rechten Lunge frische pneumonische Herde 
und zahlreiche verstreute Tuberkeln, in der linken Lunge 
chronische Tuberculose mit chronischer Pneumonie. 

Auf der Valvala mitralis zahlreiche frische, drüsige 
Vegetationen. 

Aorta ascend. et descend. auffallend enge ohne sonstige 
Veränderung. In der rechten Niere ein ausgeheilter Infarct. In 
derselben ausserdem vereinzelte Tuberkeln. 

Wichtig für das Folgende sind vor allem die frischen 
Vegetationen an der Mitralklappe und die ulceröse Tuberculose, 
auffällig die makroskopische ßefundlosigkeit des Gehirnes bei 
den zahlreichen mikroskopischen Veränderungen. 

Die Untersuchung der Stückchen nach Marchi ergab 
nämlich eine Reihe von miliaren Herden in Mark und Rinde 
mit daran sich anschliessenden fasciculären Degenerationen der 
Markfasern. Letztere schienen den Projectionsfasern hinsichtlich 
des Verlaufes zuzuzählen zu sein, ohne damit zu sagen, dass es 
bloss Projectionsfasern allein waren, weil ja lange Associations¬ 
bahnen dieselbe Verlaufsrichtung zeigen können. 

Derartige Herde fanden sich unterschiedslos in Mark und 
Rinde, vorwiegend aber und zahlreich in den Centralwindungen. 
Leider standen nur kleine Stückchen aus dem Frontal- und 
Temporallappen, Centralwindungen und Cuneus zur Verfügung, 


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Ein Fall von miliarer Embolie des' Gehirnes bei einer Geisteskranken. 277 


Weil es eben wegen der makroskopischen Befundlosigkeit nicht 
böthig erachtet wurde, das ganze Gehirn aufzubewahren. 

Ein Fingerzeig, wie wichtig die jedesmalige mikroskopische 
Untersuchung für den Gehirnpathologen ist und wie werthlos 
manchmal das bloss makroskopische Anschauen sein kann. Färbung 
der gleichen Stücke nach Weigert-Pal liessen gleichfalls mit 
mehr minder grosser Deutlichkeit die Herde erkennen, aber 
Degeneration von Nervenfasern ausserhalb der Läsion fielen 
nirgends auf. 

Ich erwähne dieses, weil es erklärt, dass alle diese Herdchen 
sehr klein und weil es bei dem Vergleiche mit Marchipräparaten 
zeigt, ein wie feines Reagens die Färbung nach Marchi bildet, 
insbesondere zum Eruiren von winzigen Veränderungen. 

Ausser den beiden genannten Färbungsmethoden wurden 
auch Schnitte mit Carmin, Alaun-Hämatoxylin und Eosin 
behandelt. 

Alle Präparate zusammen lassen nun Folgendes erkennen: 

Meist treten die Herde gruppenweise auf, aber auch ver¬ 
einzelt, sie finden sich vorwiegend in der Rinde, aber auch im 
Mark, im letzteren dann meist umfangreicher. 

Gewöhnlich findet sich inmitten des Herdes ein strotzend 
mit Blut gefülltes, leicht spiralig gewundenes Gefässchen, das, 
wie Eosin-Hämatoxylinfärbungen erkennen lassen, mit hyalinen 
Thromben erfüllt ist. Entzündungserscheinungen waren nirgends 
bemerkbar. Die Herde selbst schienen nicht alle ganz gleich- 
alterig, in den meisten waren noch zahlreiche Körnchenzellen 
ersichtlich, in anderen waren sie nur vereinzelt zu finden und 
schien dann die Gefässwand vom Inhalte weniger deutlich zu 
unterscheiden. 

Indessen waren alle zusammen nicht besonders alt, zum 
mindesten nicht über Monate hinaus. 

Die parenchymatösen Antheile des Gehirnes an den Lä¬ 
sionsstellen waren entweder ganz verschwunden oder reducirt 
und dann stark verändert, die zeitigen Elemente geschrumpft 
und verkümmert, das Uebrige zerfallen. 

Allgemeine Gefässveränderungen waren nicht vorhanden, 
das hebt schon der anatomisch-pathologische Befund hervor, 
aber auch im intracerebralen Verlaufe fanden sich keine Ver¬ 
änderungen. 

19* 


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278 


Dr. Josef Starlinger. 


Auch andere histologisch-anatomische Auffälligkeiten ausser 
den besprochenen Herden wurden nicht constatirt, weder in der 
Binde noch im Mark. 

Es frägt sich nun, stehen diese anatomisch-histologischen 
Befunde mit der Psychose in irgend einem Zusammenhänge oder 
nicht und dann, welcher Art und Ursache sind sie und was 
haben sie für eine Bedeutung. 

Die erste Frage, weshalb eigentlich die ganze Untersuchung 
angeregt wurde, muss verneint werden, weil sicher diese 
Degenerationen weit jünger sind als die Geistesstörung. Die 
Amentia währte bereits länger als ein Jahr, die Läsionen sind 
sicher nicht älter als acht bis neun Wochen, ja es wäre ganz 
gut möglich, dass jener eingangs erwähnte plötzliche Temperatur¬ 
anstieg von 40*2 mit den gefundenen Veränderungen am 
Gehirne zeitlich zusammenfiel. 

Diese plötzliche Fieberbewegung geschah neun Tage vor 
dem Tode und diese Zeit reicht hin, wie die Erfahrung lehrt, 
um an den Nervenfasern derartige Veränderungen zu setzen, 
dass sie die Marchi’sche Färbung geben. Hiermit ist aber sicher 
nachgewiesen, dass diese miliaren Rindenläsionen unmöglich mit 
der Psychose in Beziehung gebracht werden können. 

Andererseits hinwieder weisen das gruppenweise Auf¬ 
treten der Herde — wie an ein Gefässbäumchen gebunden — 
die häufig sichtbaren Thrombosirungen der centralliegenden 
Gefässschlingen, die grösseren Herde im Marke, die kleineren 
in der Binde, wohl natürlicher auf einen Zusammenhang mit 
dem Gefässsystem. 

Da ferner für diese Thromben keine autochthone Ent¬ 
stehung angenommen werden kann, muss man wohl in Hinsicht 
auf die frischen Vegetationen an den Mitralklappen den em- 
bolischen Weg als den näherliegenden und als den allein 
richtigen betrachten. 

Bei Fehlen jedweder Verletzung oder Infection oder anderer 
Verschwärung kann für die Aetiologie der Endocarditis verrucosa 
in unserem Falle wohl nur die ulcerirende Tuberculose heran¬ 
gezogen werden, so dass sich die Genese des Falles zusammen¬ 
fassen lässt: 

Ulcerirende Tuberculose, Endocarditis verrucosa, miliare 
Embolie des Gehirnes mit Degeneration der Markfasern. 


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Ein Fall von miliarer Embolie des Gehirnes bei einer Geisteskranken. 279 

Auf die miliare Embolie des Gehirnes and Kückenmarkes 
bei Endocarditis verrucosa ist von Leyden schon aufmerksam 
gemacht worden, unser Fall hätte also in dieser Hinsicht keinen 
besonderen Werth. Nen daran ist nur die nachgewiesene 
Degeneration der Nervenmarkfasern. Interessant allerdings ist 
das Ganze auch deshalb, weil es sich am eine geistesgestörte 
Person handelt und die Vermnthnng nahegelegt wäre, die 
Psychose mit den Gehirnveränderungen ätiologisch in Abhängigkeit 
zu bringen. 

Nun, in unserem Falle hat sich die Unabhängigkeit beider 
sicher erweisen lassen. Nicht immer indessen dürfte dieses so 
leicht sein, und es resnltirt die Mahnung, dass man in der 
Deutung der anatomischen Veränderungen bei acuten Psychosen 
wohl recht vorsichtig sein müsse. Auch soll es weiters eine 
Aufmunterung sein, nie die mikroskopische Untersuchung zu 
unterlassen bei Gehirnen von Geisteskranken, auch dann nicht, 
wenn mikroskopisch anscheinend nichts zu erwarten steht. 

Insbesondere glaube ich, dass speciell die Marchi-Methode 
in dieser Hinsicht noch viel zu wenig gewürdigt ist, wie ich 
auf Grand anderweitiger Erfahrungen anznnehmen berechtigt 
bin, und dass ganz besonders für die Psychiatrie manches von 
dieser Methode noch zu erwarten ist 


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Heber pathologische Träumerei und ihre Beziehungen 

zur Hysterie. 

Von 

Prof. A. Pick (Prag). 

Diejenige Form der Phantasiethätigkeit, welche man mit 
dem allgemein verständlichen Namen der Träumerei (fran¬ 
zösisch und englisch reverie) bezeichnet, ist seit langem sowohl 
in der Psychologie, wie in der allgemeinen Psychopathologie 
Gegenstand des Studiums; auch die pathologischen Charaktere 
derselben sind selbst den älteren Irrenärzten schon bekannt; zu¬ 
erst die Fortdauer dieser für das Kindes- und jugendliche Alter 
fast als charakteristisch zu bezeichnenden Erscheinung in das 
reife Alter hinein (Baillarger, An. med. psych. 1846, II/2, 158), 
weiter das Fehlen des für die sozusagen physiologische Träumerei 
von Delboeuf in dem unten angeführten Citat aufgestellten 
Charakters der correcten Beurtheilung des Inhaltes in Bezug 
zur Wirklichkeit. ’) 

Und so beschreibt schon Beddoes (Hygeia 1803, cit. nach 
Winslow) einen dies letztere illustrirenden Fall eines Arztes: 
He would sit at home for hours ruminating and in a state of 
profound abstraction and ... would saunter abroad and occupy 
himself with a reverie of wishes. These wishes he would some- 
times arrange into a climax of events worthy of the glass mau 

') Delboeuf, Le sommeil, 1885, p. 69. Le dormeur eveill4 pour me senil 
de l’heureuse expression de Daudet de complait dans les Scarts de son imagination, 
il s’y abandonme avec conscience et souvent m§me il les dinge; mas il sait 
qu’il eat sous l’ämpire d’un mensonge plus on moins volontaire. Cette conscience 
explicite provient uniquement de cette circonstance qu’il n'est pas separ^e da 
mond qui l’entoare. 

Bezüglich des Charakters der Willkür siehe jedoch ein Citat bei Winslow 
(Obscure diseases 1. c. p. 220. Auchillon, „Essais philos. by Pascal)., 


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Ueber pathologische Träumerei und ihre Beziehungen zur Hysterie. . 281 

in the „Spectator”. At length he would direct his footsteps home- 
ward, ander a kind of persuasion that some person of conse- 
quence had actually sent during his abscence to call him in. ‘j 

Trotz dieser so viel versprechenden älteren Ansätze hat, 
wenn wir von den früher auch als Pseudohallucination beschrie¬ 
benen Thatsachen and gelegentlichen allgemeinen Erörterungen 
absehen, die hier in Rede stehende Erscheinung kaum wesent¬ 
liche Beachtung, namentlich in der neuen Psychopathologie, ge¬ 
funden, so dass Binet noch letztlich mit Recht (L’annee psychol. 
I, 1895, p. 137, Anmerkung) hervorhob, wie wohl die schön¬ 
geistige Literatur einzelne dahingehörige Mittheilungen ent¬ 
hält, exacte klinische Beobachtungen jedoch fast gänzlich 
fehlen. 

Ich sehe darin eine Veranlassung zur Mittheilung zweier 
Fälle, die beide die Erscheinung der Träumerei in besonders 
ausgeprägter Art zum Theile noch während der klinischen Be¬ 
obachtung aufweisen und geeignet sind, die bisher noch wenig 
klargelegten Beziehungen jener Erscheinung zu den hysterischen 
Traumzuständen aufzuklären. 

Am 6. Juli 1883 wird die K. A., 18 Jahre alt, ledig, 
Beamtenstochter, zur Klinik aufgenommen, mit einem ärztlichen 
Zeugnisse, demzufolge sie an Grössenwahn leide, behaupte, die 
Kaiserin zu sein und nach Prag gekommen zu sein, um ihre 
Schwester, eine Erzherzogin, zu befreien. 

Den Angaben der Mutter war später Folgendes zu ent¬ 
nehmen: Eine Schwester der Patientin war geisteskrank; Patientin 
vor 4 Jahren menstruirt, immer gesund und heiter; seit 3 Jahren 
etwas stiller, weinte öfters ohne den Grund anzugeben, wünschte 
sich den Tod; am Tage ihrer Aufnahme verlangte sie plötzlich 
Geld, um nach Wien zu fahren, sie sei die Kaiserin, sie müsse 
zu ihrem Mann. 

Auf der Klinik angekommen, stellt sie sich dem Arzte als 
Elisabeth, Kaiserin von Oesterreich, vor, gibt das Alter und 
die sonstigen Generalien (auch die Namen der Kinder) mit Aus¬ 
nahme des Geburtsjahres, das sie nicht zu nennen weiss, ent¬ 
sprechend richtig an; sie sei in Prag geboren, aber vor vielen 


>) Vgl. dazu auch das sehr interessante Citat nach Condiilac bei 
Winslow Obscnre diseases, 4. ed., 1868, p. 219. 


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282 


Prof. A. Pick. 


Jahren nach Wien gegangen, habe dort den Kaiser geheiratet; 
hente sei sie von Wien hergefahren. Den Einwand, dass sie 
gestern Sonntag in einem Ansflagsorte gewesen, lässt sie nicht 
gelten, das wisse sie nicht, im Coupd hätten einige Leute gesagt: 
„Das ist eine Hexe” nnd dann hatte sie grosse Angst bekommen. 
Bei dem am folgenden Tage vorgenommenen eingehenderen Examen 
äussert sie sich in der gleichen Weise; ihre Matter nennt sie 
„eine Frau”, bei der sie gewohnt hat, den Vater „den Mann 
dieser Frau”; sie habe wohl zu denselben Vater and Matter 
gesagt, sie seien es aber in Wirklichkeit nicht, früher hielt sie 
sie dafür, seit 1V 2 Jahren ist sie vom Gegentheile überzengt; 
auf die Frage, wie alt sie vor l‘/ 2 Jahren gewesen, als sie jene 
noch für ihre Eltern hielt, sagt sie: „Damals war ich ent¬ 
schieden jünger, aber seit dieser Zeit komme ich mir vor, wie 
wenn ich bedeutend älter wäre;” den Ein wand, dass man im 
Verlaufe eines halben Jahres doch nicht mehr altern könne, be¬ 
gegnet sie gleichmüthig mit dem Aussprache: „Es geschehen 
Wunder.” Bei einer späteren Gelegenheit desselben Examens 
sagt sie auf denselben Vorhalt: „Bei mir ist alles möglich.” 
Aufgefordert, erzählt sie nun, dass sie im Lustschlosse Schön¬ 
brunn wohne; weiss jedoch nicht zu sagen, wie es dort aus¬ 
sieht und fängt an zu weinen, „weil der Examinirende ihr nicht 
glauben wolle, dass sie dort war”; gegen die Zumuthung, krank 
gewesen zu sein, verwahrt sie sich, gibt aber dann spontan zu, 
sie habe in der letzten Zeit alle Gedanken verloren und alles 
vergessen; selbst wie viele Monate das Jahr habe, wisse sie 
nicht; aufgefordert, die Monate zu nennen, beginnt sie mit März, 
dann lange nachdenkend und sich mühsam über die Stirne 
streichend, zählt sie: „Januar, Feber, Mai (corrigirt sich), dann 
Mai, Juli, August, November, entschuldigt sich dann unter vielen 
Thränen, dass sie alles vergessen habe und zu Zeiten ihr wieder 
alles in Erinnerung zurückkehre, und im Weinen fortfahrend 
sagt sie: „Der B. (ihr Lehrmeister) ist schuld daran, er hat mir 
so schwere Arbeiten gegeben, war so streng gegen mich, ich 
habe mich sehr vor ihm gefürchtet. Meine Mutter, die Frau A., 
freute sich, dass ich hingehe, und ich sagte nichts, um ihr die 
Freude nicht zu stören.” Etwas beruhigt erzählt sie, dass sie 
den Kaiser geheiratet, „das war vor einem Jahre”, und die Kinder 
bekommen habe. Als ihr der Widerspruch vorgehalten wird, füllen 


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Ueber pathologische Träumerei und ihre Beziehungen zur Hysterie. 283 

sich ihre Augen wieder mit Thränen und sie erwidert nichts, später 
aber erzählt sie wieder, dass sie vor einem Jahre, als sie die 
Nähschale besuchte, 17 Jahre alt war, jetzt ist sie 58 Jahre 
alt; es ist seitdem so vieles geschehen, dass es ihr vorkommt, 
als wären 40 Jahre verflossen; bittet jetzt den Examinirenden, 
sie nach Wien fahren zu lassen, und auf entsprechenden Ein¬ 
wand sagt sie: „Die Zeitungen bringen nicht immer die Wahr¬ 
heit.” Bezüglich der Geburt der Kinder examinirt, macht sie 
ganz kindliche Aeusserungen: „Man wird krank, es kommt 
die Helferin, man wird operirt; ich bin auch viermal operirt 
worden. ” 

Im Verlaufe des weiteren Examens macht sie die Aeusserung: 
„Manchmal habe ich mir gedacht, es kann nicht wahr sein; wenn 
ich z. B. Bangigkeit nach den Kindern verspüre, so kommt mir 
die Geschichte so curios vor.” 

Als ihr ihr Bild im Spiegel gezeigt wird, sagt sie: „Ich 
bin viel älter, als ich aussehe, manche Leute sehen immer 
jünger aus.” 

Als ihr jetzt gesagt wird, sie sei in der Irrenanstalt, ge- 
räth sie in Weinen und sagt etwas affectirt: „Also hierher hat 
man mich gebracht, deswegen habe ich mich vor den Leuten 
gefürchtet, weil mir Alle, denen ich von Wien erzählt habe, 
sagten: ich komme in die Irrenanstalt.” 

Dann sagt sie noch: „Es kommt mir so vor, wie wenn 
sich in den letzten Jahren alles mit mir umgedreht, wie wenn 
mir jemand den Kopf aufgemacht und alles darin umgedreht 
hätte.” 

Die somatische Untersuchung ergibt nichts Abnormes, 
keinerlei Stigmata, nur gibt Patientin an, dass auch schwache 
Berührungen sehr lebhaft empfunden werden. 

Am nächsten Tage schreibt sie folgenden Brief: 

Deutsche psych. Klinik, Prag. 

Geehrte gnädige Frau! 

Das Schrecklichste, was ich befürchtet habe, ist geschehen, 
ich befinde mich in der Irrenanstalt. Die Leute wollen 
es mir nicht glauben, dass ich die Kaiserin bin und es ist 
doch wahr, dass ich Kaiserin bin. Es ist mir hier schrecklich 


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284 


Prof. A. Pick. 


bange, ich weiss nicht, wie lange ich es anshaiten werde, 
ohne krank zu werden. Auch nach Ihnen, gnädige Frau, ist 
es mir gar so sehr bange. Sie wissen wohl, dass ich Sie so 
gern habe, bei Ihnen in der Schule war ich immer so gern. 
Als ich gestern von Ihnen mich verabschiedete, dachte ich 
nicht, dass ich noch Abends in die Anstalt komme. Es ist 
mir schrecklich bange nach Ihnen, nur damit tröste ich mich, 
dass die gnädige Frau mich nicht ganz vergessen wird und 
bis der liebe Gott mir helfen wird, dann werde ich wieder so 
frei sein, in die Nähschule zu kommen. Wie freue ich mich 
so sehr, dass die gnädige Frau mit uns aufs Land fahren wird- 
Ich denke, bis zu der Zeit werde ich längst entlassen sein 
und dann wird die gnädige Frau auch Wort halten, nicht 
wahr? Bitte herzlich, mich nicht zu vergessen. 

Mit vielen Handküssen 

Ihre dankschuldige Schülerin 
Kaiserin A. 

Bezüglich der vorstehenden Unterschrift befragt, gibt 
Patientin an, dass sie der betreffenden Dame vorgestern erklärt 
habe, die Kaiserin zu sein; jedem Vorhalt bezüglich der Wider¬ 
sprüche hinsichtlich des Alters, die sie nicht aufzuklären weiss, 
begegnet sie mit der Erklärung: „Es muss ja doch so sein.” 
Sie beschäftigt sich auch im Gedanken mit ihrer Abreise nach 
Wien, zu ihrem Gemahl, „der es dann durch sein Jawort be¬ 
stätigen wird.” Als ihr dann an der Hand der Zeitung vor¬ 
gehalten wird, dass der Kaiser mit der Kaiserin in Gastein sei, 
erwidert sie in energischem Tone: „Ich, die Kaiserin bin hier.” 
Schon ehe sie den Kaiser geheiratet, habe sie gewusst, dass 
sie selbst die Tochter eines Erzherzogs sei; zuerst beim Tode des 
Kronprinzen, von dem sie als von ihrem Sohne spricht, habe sie, 
damals 13 Jahre alt, bemerkt, dass sie ihren Angehörigen nicht 
ähnlich sehe; auf die zeitweisen Widersprüche aufmerksam ge¬ 
macht, verstummt sie und weiss nur zu sagen: „Ja, Sie wollen 
es mir nicht glauben.” Von ihrer Mutter spricht sie „meine Mama, 
Frau A.” 

Sie gibt weiter an, dass sie seit 5 Jahren viel an den 
Kronprinzen gedacht, viel von ihm gelesen habe; es kam ihr 
wiederholt vor, als ob das, was sie träumte, wahr sei und sie sich 


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Geber pathologische Träumerei und ihre Beziehungen zur Hysterie. 285 


wie träumend vorkam-, zu Hause wusste sie zuweilen, wo sie sei, 
zuweilen wieder glaubte sie sich beim Kaiser, den sie sich vor sich 
sah, und dann wurde sie aus dem Träumen durch Ansprechen 
herausgerissen; zu Zeiten wurde sie durch den heiteren Inhalt 
der erträumten Gespräche zum Lachen gebracht; von der Mutter 
nach dem Grunde gefragt, habe sie denselben nie geoffenbart, 
deshalb hielt sie sich gern allein im Zimmer auf; dann ging 
sie in Wien spazieren, erlebte Verschiedenes, und wenn sie zu 
sich kam, wunderte sie sich, in Prag zu sein, und meinte, schlafend 
nach Prag gefahren zu sein; die Bilder waren so lebhaft, dass 
sie nicht wusste, ob sie vor der Träumerei in Wien oder 
Prag gewesen. In der Nähschule sass sie oft, ohne zu arbeiten, 
träumte sich in anderen Gegenden; „vielleicht wache ich auch aus 
diesem Traume auf und bin zu Hause,” sagt sie während ihrer 
Erzählung mit Bezug auf ihren jetzigen Zustand. Als der Kron¬ 
prinz starb, dachte sie so lebhaft daran, dass sie meinte, sie 
gehe in Trauer hinter dem Sarge mit der Kronprinzessin. Durch 
volle 2 Monate träumte sie sich iu diesen Zustand hinein, 
Vor drei Jahren, anlässlich einer Hochzeit bei Hofe, glaubte sie 
dieselbe mitzumachen. „Jetzt ist es aber anders, jetzt träume 
ich nicht,” setzt sie mit dem Tone der Ueberzeugung hinzu. 
Erzählt dann, dass, wenn sie durch die Strassen von Prag 
ging, sie sich in Wien glaubte, als sie gefragt wird, ob sie 
schon in Wien gewesen, sagt sie: „Dort habe ich ja geheiratet,” 
und als die Frage mit dem Zusatze „in Wirklichkeit?” wieder¬ 
holt wird, sagt sie: „In Wirklichkeit war ich nicht in Wien.” 

Seit dem Beginne der Träumerei träumte sie auch Nachts 
viel, besonders vom Kaiserhause; seit der letzten Zeit glaubt 
sie an die Wirklichkeit der Träumereien. 

Während Patientin so erzählt, starrt sie plötzlich zum 
Fenster hinaus, und durch Anrufen geweckt, gibt sie an: „Ich 
war weg, ich habe mit dem Kaiser gesprochen und ihm gesagt: 
Die Herren wollen mir nicht glauben, dass Du mein Gemahl 
bist; er stand vor dem Fenster, er war wirklich hier und sprach 
mit mir.” 

9. Juli. Nach ihrem Namen gefragt, gibt sie diesen und 
ihre Generalien an und auf ihre früheren Angaben verwiesen, 
sagt sie: „Ich weiss, ich habe wieder geträumt.” Sie gibt auch 
den Tag ihres Eintrittes zur Klinik richtig an, doch komme es 


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Prof. A. Pick. 


ihr vor, wie wenn das vor langer Zeit gewesen. „ Manchmal 
kommt es so über mich, dass ich glaube, ich sei die Kaiserin,” 
nach dem vorigen Examen habe sie das Gesagte überlegt und 
gedacht, es könnte vielleicht wieder im Traume gewesen sein, 
später aber hätte sie gleich wieder gewusst, dass sie die Kaiserin 
sei; Nachmittags wurde ihr sehr bange, sie überlegte das 
Geschehene und kam zur Ueberzeugung, dass sie wieder ge¬ 
träumt habe; sie durchträume in ein paar Stunden oft ganze 
Jahre; gestern, als ihr ihr Spiegelbild gezeigt wurde, sei sie 
sich sehr viel älter vorgekommen. Patientin ist heute viel natür¬ 
licher, heiter, liebenswürdig und bittet höflich, bald zu ihren 
Eltern entlassen zu werden; schliesslich sagt sie lachend: „Jetzt 
werde ich mir schon Acht geben, dass ich nicht wieder träume.’’ 

Aber schon am folgenden Tage bleibt sie bei ihren früheren 
Angaben und auf den Widerspruch bezüglich des Alters auf¬ 
merksam gemacht, sagt sie: „Es kommt so manchmal vor, ich 
bin manchmal jung, dann wieder alt,” aber noch während des 
Gespräches lässt sie die Idee wieder fallen; neuerlich nachdem 
Träumen gefragt, gibt sie noch an, dass, als sie zum erstenm&le 
examinirt wurde, sie im Traume war. 

Am 11. Juli tritt einer jener Magenkrämpfe ein, die sie 
als vom Magen gegen den Hals aufsteigend beschrieben; objectiv 
ist eine sehr frequente oberflächliche Respiration merkbar, die 
anfänglich durch einfaches Auflegen der Hand auf den Magen, 
später durch Druck auf die Ovarialgegend sistirt 

Am 13. Juli erzählt sie, wie sie in Folge der Träume 
dachte, zu ihren Eltern nur zur Pflege gegeben zu sein und 
sich von diesen besser behandelt zu sein glaubte, als die Ge¬ 
schwister; diese kamen ihr überdies vom Januar d. J., in welchem 
sie ein „Nervenfieber”(?) überstand, sehr fremd vor. 

Bei der Nachmittagsvisite wird sie träumerisch vor sich 
hinblickend gefunden und die Frage nach ihrem Namen be¬ 
antwortet sie ruhig mit „Elisabeth”; daraufhin examinirt, macht 
sie die gleichen Angaben wie früher. „Heute Nachmittag war 
der Kaiser bei mir und versprach mir, mich abzuholen, ich 
werde ihn um 9 Uhr erwarten.” Nach ihren Eltern befragt, gibt 
sie an, bis zu ihrer Verheiratung bei ihnen in Pflege gewesen 
zu sein; den Arzt bezeichnet sie als einen ihr bekannten Herrn, 
weiss jedoch nicht zu sagen, wer er ist. 


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Veber pathologische Träumerei und ihre Beziehungen zur Hysterie. 287 

Die Bemerkung, dass sie wieder träume, weist sie energisch 
zurück: „Ich habe ja doch den Kaiser gesehen, er hat mit mir 
gesprochen.” Jetzt auf den Dang hinausgeführt, erkennt sie eine 
Fr&a als Patientin der Klinik; ebenso die Wärterin, und als sie 
jetzt vom Arzte gefragt wird, wer er sei, lacht sie plötzlich 
laut auf: „Da ist ja unser Herr Doctor, ich habe wieder ge¬ 
träumt.” Dabei hält sie daran fest, dass der Kaiser mit ihr ge¬ 
sprochen und sie zur Fahrt nach Wien abholen werde. Am 
Abend nach 9 Uhr spricht Patientin mit einer zweiten Person, 
die sie duzt; von der Wärterin angesprochen, bittet sie, nicht 
laut zu sprechen, um ihn nicht zu stören: erst durch noch¬ 
maliges Anrufen wird sie aus ihrer Träumerei erweckt. (Vgl. 
folgenden Brief.) 

Euer Wohlgeboren! 

Heute Nachmittag sass ich im Garten auf einer Bank 
neben einem jungen Mädchen und unterhielt mich mit dem¬ 
selben. Nach 4 Uhr erschien mir plötzlich Seine Majestät der 
Kaiser und sprach zu mir: „Heute Abends um 9 Uhr fährst 
Du mit mir nach Wien.” Nach einiger Zeit blickte ich von 
meiner Arbeit auf und bemerkte, dass ich mich im Garten 
befinde und die Erscheinung nur ein Traumbild sei. Darüber 
habe ich gar nicht mehr nachgedacht, als bis wir uns aus 
dem Garten nach Hause begaben, erinnerte ich mich wieder 
der Erscheinung. Nach kurzer Zeit kam unser Herr Doctor, 
der mich frug, wie ich heisse. Ich befand mich im Traume 
und erwiderte, ich sei die österreichische Kaiserin Elisabeth. 
Den Herrn Doctor war ich nicht im Stande zu erkennen und 
beantwortete seine Fragen unrichtig. Erst als ich einige 
Patienten und unsere Wärterin erblickte, erkannte ich den 
Herrn, der mit mir sprach, als den Herrn Doctor H., und ge¬ 
stand, dass ich wieder geträumt habe. 

Hochachtungsvoll 

Karoline A. 

Am 14. Juli fällt sie im Garten unter lebhaftem Schreien 
um; aufs Zimmer gebracht, findet sie der Arzt blass, verstört; 
sie erzählt, sie sei eben mit dem Kaiser nach Schönbrunn ge¬ 
fahren. Das Pferd sei sehen geworden, ein Rad gebrochen nnd 


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Prof. A. Pick. 


der Kaiser aas dem Wagen geschlendert worden and bewusstlos 
liegen geblieben, in lebhafter Sorge trägt sie nach seinem Befinden, 
kommt aber bald aus der Träumerei heraus. Abends ist sie 
ängstlich, redet nichts, später gibt sie an, es wäre ihr plötzlich 
schwarz vor den Augen geworden und davor habe sie sich 
gefürchtet. 

Am 18. Juli typischer hysterischer Krampfanfall; nach 
Coupirung desselben gibt Patientin an, sie habe wieder nur 
kurze Zeit geträumt, mit dem Kaiser gesprochen. 

In der Nacht zum 22. Juli wird sie Nachts im Bette sitzend 
und um sich schauend gefunden: „Ich {warte auf ihn.” (VgL 
beifolgenden Brief.) 

Euer Wohlgeboren! 

Gestern Abends gegen 9 Uhr verfiel ich in einen Traum, 
aus welchem mich Frau W. und eine Wärterin weckten. Einen 
kurzen Augenblick blieb ich bei Sinnen, nachher verfiel ich 
wieder in den Traum. Es kam mir vor, als ob ich meinen Ge¬ 
mahl erwarten sollte. Nach einiger Zeit hörte ich jemanden 
gehen. In der Meinung, dass es der Kaiser sei, richtete ich 
mich im Bette auf, doch als der Herr zu mir näher kam, er¬ 
kannte ich unseren Herrn Doctor, der mich fragte, was ich 
mache. Ich antwortete: „Ich warte auf ihn, er muss schon bald 
kommen.” Darauf führte mich eine Wärterin nach Nr. 18, wo 
ich heftig zu zittern anfing und es mir sehr schlecht wurde. 
Nach längerer Zeit verfiel ich in Schlaf, aus welchem ich um 
2 Uhr Früh erwachte und einen heftigen Kopfschmerz fühlte. 
Nach beiläufig einer Stunde schlief ich wieder ein und um 
5 Uhr Früh stand ich auf und erschrak, als ich mich in 
Nr. 18 sah. Nach längerer Zeit erinnerte ich mich deutlich 
des Traumes und der Ueberführung auf Nr. 18. 

Hochachtungsvoll 

Karoline A. 

Am 25. Juli erzählt sie, sie habe Nachts geträumt, wieder 
Kaiserin zu sein und Zwillinge geboren zu haben. 

27. Juli. Im Garten habe sie plötzlich Kopfschmerz be¬ 
kommen und darauf den Kaiser neben sich sitzen sehen, der mit 
ihr sprach und ihr alles zeigte; in einem solchen Zustande sehe 
sie ihre Umgebung nicht. 


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Ueber pathologische Träumerei und ihre Beziehungen zur Hysterie. 289 

In der Nacht zam 29. Juli findet sie der Arzt starr, den 
Blick vor sich hingerichtet, regungslos im Bette; anf Fragen 
reagirt sie .nicht, schmiegt sich ängstlich an den Arzt; plötzlich 
stösst sie ihn fort: „Gehen Sie weg, ich bin ein anständiges 
Mädchen, verfolgen Sie mich nicht, ich werde . „ihm” alles 
erzählen.” 

Des Morgens gibt sie an, sich dunkel zu erinnern, dass 
ein Mann zu ihr getreten sei, den sie mit energischen Worten, 
indem sie ihm mit dem Kaiser drohte, vertrieb. 

Als ihr bei einer nächsten ähnlichen Scene Wasser ins 
Gesicht gespritzt wird, schreit sie: „Machen Sie mich nicht noch 
blind und taub! Ich werde „ihm” alles sagen!” Später hält sie 
den Arzt für den Kaiser und als er sie mit ihrem Namen an¬ 
spricht, macht sie ihm Vorwürfe, dass auch er mit ihr so spreche, 
„er sei wohl verrückt”. 

Der Wärterin gegenüber ist sie barsch und hochfahrend, 
verbittet sich von dieser nur „Sie” genannt zu werden. 

4. August Hysterischer Anfall. 

ö. August. Patientin schreibt in einem Briefe an ihre Mutter: 
„Früher habe ich immer Schönes geträumt, und jetzt habe ich 
lauter Furcht und Aengste, es kam mir heute vor, als ob man 
den Kaiser und mich verfolgen möchte und dann stand er 
wieder ganz blutend vor mir. Ich bin sehr unglücklich, weil 
der Traum sich in Wirklichkeit verwandelte.” 

Beim Examen ergänzt sie die Angaben noch dahin, dass 
sie namentlich folgender Traum sehr geängstigt habe: Eine 
schwarz gekleidete Frau erschien bei ihrem Bette und warnte 
sie vor dem Arzte; wiederholt sei ihr in den letzten Tagen nach 
dem Essen schlecht geworden, sie schliesst daraus auf Gift und 
da solches nur dem Arzte zugänglich ist, habe wohl er es dem 
Essen beigemischt, vielleicht um sich ihrer, da ihr Leiden un¬ 
heilbar, zu entledigen. 

7. August. Plötzlich sehr heiter geworden, die Vergiftungs¬ 
ideen wären nur „eingebildet” gewesen, es sei ihr plötzlich der 
Gedanke gekommen. 

In der Folgezeit wiederholte Krampfanfälle, ein Traum der 
früher beschriebenen Art tritt erst wieder am 24. September 
ein; sie ist dabei örtlich völlig orientirt; sie sei hierher ge¬ 
kommen, weil man ihr nicht glaubt, dass sie die Kaiserin sei; 


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das ihr vorgehaltene Spiegelbild schildert sie: „Graumelirtes 
Haar, blasses Gesiebt (Patientin ist stark congestionirt) mit 
vielfachen Falten,” die sie mit dem Finger aufzeigt. Die peri¬ 
metrische Untersuchung des sonst normalen Gesichtsfeldes zeigt 
beträchtliche, rechts hochgradige Einschränkung, sonst keine 
Stigmata. 

Sie schreibt folgenden Brief: 

Mein lieber Gemahl! 

Entschuldige, dass ich nicht auf ein ordentliches Brief¬ 
papier schreibe, ich habe aber leider keines. Ich wollte za 
Dir nach Wien fahren und die Leute haben mich in die 
Irrenanstalt überführt, sie dachten, dass ich krank bin, es 
war aber leider nicht der Fall, ich habe nur ein bisschen 
Hitze gehabt. Unsere Herren Doctoren wollen es mir auch 
nicht glauben, dass ich Deine Gemahlin bin und vier 
Kinder habe, sie sagen mir, ich sei ledig und habe keine 
Kinder. Das aber muss ich und Du besser wissen. Heute 
Sonntag bin ich etwas unwohl, ich bin so verwirrt und so 
sehr in Aengsten um Dich, ich will heute noch fortfahren. 
Der Herr Doctor W .... will mich aber nicht fortlassen, er 
will es mir nicht glauben, dass ich Deine Gemahlin bin. Er¬ 
suche Dich also vielmals, nach Erhalt dieses Briefes einige 
Zeilen an den Herrn Doctor Wiener zu schreiben, damit er 
überzeugt ist, dass ich ihn nicht belogen habe. Adresse 
lautet: 

„Herrn Doctor W ...., Assistent an der deutschen psy¬ 
chiatrischen Klinik in Prag.” 

Bitte nochmals um Entschuldigung wegen der schlechten 
Schrift, ich zittere am ganzen Körper und im Kopfe bin ich 
so verwirrt, das ist aber alles nur wegen der Aufregung. 
Morgen erhältst Du den Brief und übermorgen erwarte ich 
einen von Dir. Auf baldiges Wiedersehen freut sich 
Deine aufrichtige 

Elisabeth. 

Am folgenden Tage ist sie wieder frei, die Gesichtsfelder 
haben sich aber noch nicht bis zur früheren Grösse ausgeweitet 
Einem neuerlichen, im October vorgenommenen Examen ist er- 


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Ueber pathologische Träumerei und ihre Beziehungen zur Hysterie. 291 

gänzend za entnehmen, dass früher die Anfälle nicht so intensiv 
waren, es genügte einfaches Anrufen, am sie za erwecken. Am 
17. October schreibt sie einen dem vorigen ganz ähnlichen ebenso 
kindisch gehaltenen Brief. 

In der Folgezeit traten öfters hysterische Anfälle aufj die 
vielfach auch mit charakteristischen Delirien complicirt sind, 
bezüglich der Traumzustände gibt Patientin nur noch im Februar 
einmal an, dass sie gelegentlich für wenige Minuten träume, 
die Kaiserin zu sein, sie käme aber sehr bald zu sich. — 

Der vorliegende Fall bedarf nur weniger erläuternder 
Bemerkungen; zuerst des Hinweises auf die beiden ziemlich 
deutlich sich gegeneinander abgrenzenden Phasen differenter 
Gestaltung der Traum zustände; es scheint wohl ziemlich sicher, 
dass dieselben im Beginne einfache Träumereien darstellten, die 
jedoch offenbar sehr bald so intensiv wurden, dass sie sozusagen 
Fleisch und Bein bekamen und vor allem auch das Persönlich¬ 
keitsbewusstsein der Kranken intensiv beeinflussten; im Hinblick 
auf den weiteren Verlauf und speciell den Uebergang in 
hysterische Tranmzustände wird es nicht als gewagt zu be¬ 
zeichnen sein, wenn man in der latenten hysterischen Disposition 
die Ursache jener so frühzeitigen Steigerung siebt; die als 
hysterisch zu bezeichnende Modification charakterisirt die zweite 
Phase der Traumzustände, deren Zusammenhang mit hysterischen 
Anfällen oder äquivalenten Erscheinungen in der Kranken¬ 
geschichte klar vor Augen liegt. 

An der oben citirten Stelle erwähnt Binet die Beziehungen 
der Träumerei zum sogenannten dädoublement intellectuel; zu 
dieser Frage bietet nun der vorstehende Fall einen besonders 
charakteristischen Beleg, insofern die Erscheinungen sich direct 
denjenigen des sogenannten alternirenden Bewusstseins nähern. 
Binet berührt eben dort an der Hand eines Falles auch die 
Störungen im Bewusstsein der Persönlichkeit, und zwar die der 
körperlichen Seite desselben in Folge der Träumerei; die 
Literatur bietet dazu ein Seitenstück in der Angabe, die Disraeli 
in seinem Roman „Contarini” von sich selbst während einer 
Reverie macht. (Cit. nach W. Winslow Obscure diseas. 4. ed. 
1868, pag.*220.1 was not always assured of my identity or even 
existence, for I fonnd it necessary to shout aloud to be sue that 
I lived.) Im vorliegenden Falle sehen wir nun nicht bloss diese 

Jthrblchtr . Psychiatrie und Neurologie XIV. Bd. 20 


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Prof. A. Pick. 


} 


Aenderung des Persönlichkeitsbewusstseins, sondern sehen durch 
die Träumerei direct auch die einzelnen Componenten desselben 
z. B. die optischen entsprechend beeinflusst; wir sehen aber 
weiter, wie offenbar aus inneren Gründen sich der sonst so 
häufige Uebergang von Phantasievorstellung zum eigentlichen 
Phantasma nur bezüglich der eigenen Person anfänglich voll¬ 
zieht und wie sich der Uebergang zu den offenbar eine höhere 
Stufe darstellenden hysterischen Dielirien durch eine Ausbreitung 
jenes Ueberganges auf die übrigen Gebiete der Sinnesempfindung 
vollzieht.') 

Nicht bloss diese Erwägungen, sondern auch der ganze 
klinische Verlauf in der aufsteigenden Entwickelung der Er¬ 
scheinungen sprechen demnach für die Zusammengehörigkeit der 
Erscheinungen, und so sehen wir an unserem Falle die Ver- 
muthung von Breuer und Freud (Neurol. Centralbl. 1893, S. 44), 
dass die hypnoiden Zustände der Hysterie aus den auch bei Ge¬ 
sunden so häufigen „Tagträumen”, z. B. die weiblichen Hand¬ 
arbeiten so viel Anlass bieten, sich entwickeln, hinsichtlich des 
letzteren, äusserlichen Details klinisch erwiesen. 2 ) 

Am 6. Februar 1894 wurde das 26jährige Dienstmädchen H 
Marie zur Klinik gebracht und gibt zunächst Folgendes an: Sie 
diene seit ihrem 14. Lebensjahre; am 2. Februar sei ein Mann in die 
Wohnung ihrer verwitweten Dienstfrau gekommen, habe ihr, da 
diese abwesend war, unsittliche Anträge gestellt, sich aber mit 
der Drohung entfernt, wiederzukommen; am folgenden Abend 
fand sie nach ihrer Rückkehr von einem Dienstgange dss 
von ihr versperrte Thürschloss offen. Am folgenden Morgen, 
etwa um 5 Uhr, hörte sie plötzlich in der Küche die Stimme 
jenes Unbekannten, der ihr zurief: „Sei ruhig, es wird Dir nichts 
geschehen.” Als sie aus der Küche flüchten wollte, verlor sie 
das Bewusstsein, und als sie nach einiger Zeit zu sich kam 


') Klinisch interessant ist auch die schon in der Klinik sioh abspielends 
Phase des wechselnden Einflusses der Traumzustände auf die Vorstellungen in 
den Intervallen und die dadurch herbeigefuhrte weitgehende Aehnlichkeit mit der 
originären Paranoia, die selbst für kleinere Details besteht, auf die die Fach¬ 
genossen nicht erst aufmerksam gemacht werden mQssen; ebensowenig bedarf es 
besonderer Ausführungen, dass diese Aehnlichkeit keine bloss zufällige ist. 

J ) Die vorliegende Arbeit wurde mehrere Monate vor dem Erscheinen der 
Br.'uer-Freud'schen „Studien” an die Redaction eingeschickt. 


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Ueber pathologische Träumerei und ihre Beziehungen zur Hysterie. 293 


fand sie sieb am Boden liegend entblösst und festgebunden, die 
Arme an die Tischbeine, das eine Bein an den Fnss eines 
Schrankes, das zweite an einen Stuhl, beide voneinander ge¬ 
spreizt; sie schlug Lärm, die Frau kam, deckte sie zu und schnitt 
sie ab; die Thür zur Küche war versperrt und fand sich der 
sonst immer im Schloss steckende Schlüssel erst am folgenden 
Tage in dem ausserhalb hängenden Briefkasten; ob sie ge¬ 
schlechtlich missbraucht worden, weiss sie nicht (beim Polizei- 
commissär hatte sie es angegeben); am folgenden Tag hatte sie einen 
Ohnmachtsanfall von einer Stunde Dauer gehabt; in der folgenden 
Nacht habe sie viel geweint und gejammert, in der letzten Nacht 
habe sie in Folge von Krämpfen die Beine nicht bewegen 
können. Eine vorläufige Untersuchung ergibt nur fehlende Sen¬ 
sibilität der Conjunctiva, normalen Genitalbefund; an den Hand¬ 
gelenken, speciell am rechten mehrere parallele Striemen. 

Der Polizeiarzt, der die Kranke früher auch ad Genitalia 
untersucht hatte, war zu der Ansicht gekommen, dass die Kranke 
sich selbst festgebunden habe und alles von ihr Erzählte 
Phantasiegebilde sei. 

Aus den übrigen, zu verschiedenen Zeiten von ihr ge¬ 
machten Angaben, die sie in breiter, romanhaft ausgesponnener 
Weise macht, ist folgendes Wesentliche hervorzuheben: 

Der Vater soll vor mehreren Jahren einen apoplektischen 
Insult erlitten, sich jedoch ganz von demselben erholt haben. 

Nachdem sie die Schule bis zu ihrem 14. Lebensjahre be¬ 
sucht, ging sie öfters im Sommer mit dem Vieh zur Weide; dort 
gesellte sich ein Herr zu ihr, der ihr versprach, sich um sie zu 
kümmern, wenn sie brav bleiben werde; er sei auch in den 
folgenden Jahren in den Ferien wiedergekehrt und habe ihr gedroht, 
sich an ihren Eltern zu rächen, wenn sie nicht zur Weide käme 
und ihm zu Willen sei; er habe ihr auch Briefe geschrieben mit 
der Unterschrift: „Der bekannte Freund”. Im Jahre 1892 ver¬ 
langte er, sie möge mit ihm an die bayerische Grenze gehen, 
wohin er versetzt sei; um diese Zeit war sie sehr traurig, so 
dass ihre Dienstfrau sie fortschicken wollte, wurde auch öfters 
bewusstlos; später bekam sie einen Brief von ihm, der sie zum 
1. Januar zum Bahnhofe bestellte, welcher Aufforderung sie aber 
nicht nachkam; kurz nach diesem Termin bekam sie einen Brief, 
dass jener Herr schwer krank im Krankenhause liege; als sie 

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ihn dort anfsnchte, hörte sie, dass er dort gestorben sei. Vor 
etwa 4 Wochen hätten sie zwei Herren anfgesncht und ihr einen 
Zettel übergeben des Inhaltes: „Der alte Vater (seil, jenes 
Herrn) ist krank und möchte gerne mit Dir sprechen.” Sie zeigte 
den Zettel ihrer Dienstfran und übergab als Antwort einen 
Brief: „Ich werde nirgends anders hingehen, da ich froh bin, 
das Ganze los zu sein.” 

Ihre Dienstfran schildert Patientin als sentimental, melan¬ 
cholisch; auch ihr hat sie die Geschichte von dem Manne znm 
Theile ganz ähnlich erzählt and hinzngesetzt: „Nan ist er 
todt, jetzt bin ich froh, denn ich war meines Lebens nicht 
sicher.” 

Sie habe ihr den von einer „Wärterin" geschriebenen 
Brief aus dem Krankenhause aufgezeigt, sei auch thatsächlich 
hingegangen und habe ihr dann erzählt, dass er einer Schuss¬ 
wunde erlegen sei und ihr auch die Adresse seines Vaters ge¬ 
nannt; vor einigen Wochen sei sie weinend nach Hause ge¬ 
kommen und habe einen Zettel geschrieben und alle Fragen 
damit beantwortet, dass sie nichts erzählen dürfe; erst am 
folgenden Tage habe sie erzählt, dass sie zum Vater jenes 
Mannes bestellt sei, sie werde aber nicht hingehen, sie sei froh, 
die Sache los zu sein, und nun solle es wieder beginnen. Durch 
einige Zeit sei sie schlaflos und verstimmt gewesen, wünschte 
sich todt oder alt zu sein, erzählte auch von Gespenstern. 

Die Ereignisse der letzten Tage erzählt die Dienstfrau im 
Wesentlichen den schon erwähnten Angaben der Kranken gleich; 
nachdem sie diese losgebunden hatte, sagte sie zu ihr: „Sagen Sie 
niemanden etwas davon, man würde mich auslachen,” erzählte 
ihr dann die Geschichte und fügte hinzu: „Es ist möglich, dass 
er mir etwas zum Schlafen gegeben bat”; in den letzten Tagen 
hatte die Kranke öfters Anfälle, die der Beschreibung nach 
hysterische gewesen. 

Aus den übrigen Angaben der Dienstfrau ist noch folgende 
Episode charakteristisch; als sie sie einmal im Gespräch mit 
einem Kutscher traf, machte sie die scherzhafte Bemerkung, der 
solle sie heiraten; kurz darauf fand die Frau einen Brief bei 
der Kranken, worin ihr jemand schrieb (?), er begreife nicht, wie 
sie sich von der Frau zur Heirat mit einem Kutscher zwingen 
lassen könne. 


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Veber pathologische Träumerei und ihre;Beziehungen zur Hysterie. 295 

Eia Bruder der Kranken gibt Folgendes an: „Eia : Onkel 
war schwachsinnig; auch der Vater sei nicht ganz normal. Die 
Geschichte von dem „Herrn” erzählte sie ihm schon vor 3 Jahren 
in der gleichen Weise; bezüglich des Spagats, mit dem sie an¬ 
gebunden war, glaubt er, er Bei,von derselben Art, wie jener 
mit dem sie ihm kprz zuvor ein Päckchen zugebunden. 

Ein genauer Status praesens ergibt anfänglich ausser der 
Conjunctiyalauästhesie nichts Abnormes, erst später exquisite 
hysterische Stigmata: Hochgradige beiderseitige, meist gleich 
bleibende Gesichtsfeldeinengung und typische, zu verschiedenen 
Zeiten wechselnde Störungen der cutanen Sensibilität, deren 
Details, weil hier von geringerem Belang, nicht eingehender be¬ 
schrieben werden. 

Im Koffer der Kranken finden sich verschiedene Colportage- 
romane, unter anderen auch Schneidens (des bekannten Mädchen¬ 
mörders) Thaten, 

Aus dem während des Aufenthaltes in der Klinik ge¬ 
führten Journale sei nur das Wichtigste angeführt. Gleich an¬ 
fangs sagt sie selbst, wenn ihr etwas einfälle, müsse sie es aus¬ 
führen, so lange plage sie der Gedanke. Manchmal wisse sie 
nicht, was sie gethan und erinnere sich erst später daran, und 
habe auch ihrem Bruder gegenüber die Befürchtung, wahnsinnig 
zu werden, ausgesprochen. 

Als ihr der Brief gezeigt wird, den ihr der „Unbekannte” 
durch die Wärterin schreiben liess, sagt sie: „Da habe ich 
wieder etwas ausgeführt; ich dictirte den Brief einem Mädchen 
nannte ihr auch den Namen der Wärterin; als sie fertig war 
nahm ich selbst den Brief fort; trotzdem ich den Brief schreiben 
liess, ging ich doch ins Krankenhaus, geradeaus, natürlich fand 
ich niemanden.” Sie gibt auch zu, ihr vorgezeigte Liebesbriefe 
an sich selbst geschrieben zu haben. 

Bezüglich des Anbindens sagt sie einmal: „Ich muss es 
doch gethan haben, denn die Frau hat es gesehen,” ein ander¬ 
mal wieder: „Also wenn Sie wollen, sage ich, ich habe mich an¬ 
gebunden, aber gethan habe ich es doch nicht.” Bei einer anderen 
Gelegenheit sagt sie: „Ich kann nicht für mich einstehen, ich 
habe oft schon Sachen gemacht, an die ich mich erst erinnere, 
wenn ich es wieder sehe; ich habe einmal von einem Mädchen 
gehört, das angebunden und gebraucht wurde, und da man mir oft 


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za Haase sagte, ich solle acht geben, dass es mir geschehen 
würde, dachte ich oft an diesen Fall.” 

Gleich in der ersten Zeit der Beobachtungen wird sie zeit¬ 
weise sehr verstimmt, weint, bittet schreiend, sie einzusperren in die 
finsterste Zelle unter der Erde, sie verhungern zu lassen, will 
dorthin, wo „sie mit Ketten gebunden sind”. Darüber gefragt, 
gibt sie an, ihr Vater habe ihr einmal etwas Aehnliches erzählt, 
und setzt hinzu: „Ich muss oft über Sachen denken, die mir 
einfallen, ich ärgere mich oft darüber, aber ich kann mir nicht 
helfen.” 

An einem solchen Tage schrieb sie einen Brief an eine 
frühere Dienstherrin, dem Folgendes entnommen ist: „Ich theile 
Ihnen mit, dass ich jetzt im Keller bin und später in die 
Finsterniss unter die Erde komme; draussen leuchtet die schöne 
Sonne und ich muss eingesperrt sein wie ein Mörder; kein 
Sonnenstrahl dringt in meine Finsterniss .... Niemals werde 
ich das Tageslicht mehr erschauen .... Oefters schrieb ich 
falsche Briefe, das ich mir als grosse Sünde auslegte, aber ich 
konnte nicht anders meine Sinne beruhigen und alles erfüllen. 
(Vgl. dazu die viele Monate später geschriebene Autobiographie). 
.... Auch jetzt ist mir das Sonderbare zugestossen, dass ich 
an den Tisch angebunden wurde, alle Leute glauben, dass ich 
mich selbst angebunden und zur Strafe kam ich hierher .... 
Sagen Sie dem Herrn M., er möge morgen herkommen und ich 
will mich vor allen Herren dann anbinden und sie werden mich 
dann aufhängen; er soll mir einen Strick herbringen, es aber 
niemanden sagen, da man mir ihn sonst nicht geben würde and 
wenn das nicht hilft, will ich mich Nachts, wenn Alle schlafen, 
erhängen. 

Ich musste es zu Gerichte angeben und wie ich mir vor¬ 
stellte, dass es mir geschehen, so musste ich es jedem 
erzählen, obwohl ich davon nur wie im Traume weiss, da ich 
nicht weiss, was mir in dieser Nacht geschehen, so muss 
ich seitdem fortwährend daran denken, damit ich nicht daran 
vergesse. 

Und heute Nacht kam wieder ein solcher Herr zu mir and 
wenn ich geschlafen hätte, hätte er mich gewiss wieder an¬ 
gebunden ; ich verbarg mich und schrie, bis Alle erwachten, dann 
verschwand er .... ich sehe ein, dass ich mir mit der Geschichte 


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Ueber pathologische Träumerei und ihre Beziehungen zur Hysterie. 297 


von dem vorigen Herrn den Verstand verwirrt habe .... wenn 
ich auch immer sprechen nnd schreiben müsste, wie es mir 
einfiel-, zuweilen erkenne ich, dass nicht alles wahr ist, aber 
manchmal denke ich mir, dass es so ist und dass es so sein 
muss . . . Ihre Suicidgedanken sucht sie auch gelegentlich in 
entsprechende That umzusetzen. 

Am 2. März verlangt sie vom Arzt einen für sie an¬ 
gekommenen Brief, sie wisse bestimmt, dass der Briefträger 
einen für sie abgegeben. 

Am folgenden Tage schreibt sie an ihre frühere Dienst¬ 
frau .... „dass ich gestern mit jenem Mörder . . . der mich 
um meine Jugend gebracht und ermorden wollte, bei Gericht 
war . . . gestern erhielt ich von Ihnen einen Brief, dass jemand 
um mich kommen werde; ich wollte ihn dem Herrn Doctor zum 
Lesen geben.... aber er ging mir spurlos verloren.” 

Am nächsten Tage bezüglich des angeblich empfangenen 
Briefes befragt, erzählt sie nun in breiterer Detaillirung das 
schon im Briefe darüber Enthaltene. 

Bezüglich der Gerichtsverhandlung ist es ebenso, doch 
schliesst sie die Erzählung derselben mit den Worten: „ich 
weiss es jedoch nicht genau, vielleicht habe ich geträumt”; es 
geschehe ihr das oft und so habe sie vor einigen Tagen durch 
mehrere Stunden gemeint zu Hause zu sein, mit dem Vater auf 
den Feldern spazieren zu gehen. Sehr häufig verificirt sie auch 
ihre Träume. 

In einem Briefe vom 18. März (vgl. auch dazu die 
etwa 3 / t Jahre später geschriebene Autobiographie) schreibt 
sie u. A.: „Vor einiger Zeit nahm ich mir die Sache so in den 
Kopf, dass ich ganz unsinnige Dinge that; oft ging ich an die 
Orte, wo ich ihn getroffen und glaubte immer Briefe bekommen 
zu haben und hinkommen zu müssen; als ich dann im Winter 
nicht mehr mit dem Kinde spazieren gehen konnte und glaubte, 
ich müsse in den Wald kommen, da schrieb ich meinem Bruder, 
dass ich irgendwo bingehen müsse, aber keine Gelegenheit habe, 
so möge er mir einen Brief schreiben, dass mich ein bekannter 
Herr erwarte, der mit mir sprechen wolle; wenn ich dann Urlaub 
bekam, lief ich in den Wäldern umher und wenn ich nach Hause 
kam, glaubte ich wieder mit ihm gesprochen zu haben und fiel 
dann oft vor Weinen in Ohnmacht .... 


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298 


Prof. A. Pick. 


Ich bitte, Herr Doctor, ich bin jetzt so verwirrt, dass ich 
wirklich nicht weiss, ob ich wirklich das, was ich sehe and höre, 
glauben kann oder ob es nicht wahr ist ... . zuweilen stelle 
ich mir Dinge vor und sehe dann, dass das gar nicht so sein 
könne ..... zeitweise habe ich den Kopf so voll von Gedanken, 
dass ich nicht weiss, was nm mich herum vorgeht.” 

In der Folgezeit kommt es sehr häufig zu Traumzuständei. 
die sich zuweilen an exquisite hysterische Krampfanfälle an¬ 
lehnen, denselben nicht selten auch .vorangehen; der Inhalt 
derselben knüpft sich an die verschiedenen im Vorangehenden 
mitgetheil.ten. geträumten Erlebnisse, speciell auch an das An¬ 
binden; mit diesen wechseln Schlafzustände, die zuweilen jedoch 
nicht immer Amnesie zurücklassen; zuweilen schliessen sich an 
beide Formen von Anfällen Traumzustände, in welchen sie in 
illusorischem Contact mit der Umgebung ist; in einem solchen 
Zustande wird ihr u. A. behufs Prüfung der eigentümlichen 
gestörten Perception ein Schlüssel gezeigt; mit dem Bufe: 
„damit kann ich mich vergiften,” entreisst sie denselben, steckt 
ihn pfeilschnell in den Mund und nur mit schwerer Mühe ge¬ 
lingt es, sie am Verschlucken desselben zu hindern. 

In die anfallsfreie Zeit nimmt sie vielfach den Inhalt der 
Delirien hinüber, behauptet einmal, er hätte das eine Kind er¬ 
schlagen, jetzt sei sie wieder schwanger, und zwar seit einem 
Monat, sie fühle die Kindsbewegungen(?). 

Im Anschluss an einen schlafartigen Zustand springt sie 
plötzlich auf den Tisch und steckt beide Hände in die Gas¬ 
flamme; befragt, gibt sie Folgendes an: „Vormittags hätten sie 
zwei Männer in den Keller geschleppt, daselbst ausgezogen und 
das Hemd mit einem Messer durchschnitten; sie hätten ihr 
jedoch nichts anthun können, da sie heilig sei; an der Wand 
stand geschrieben: Die ist heilig, Du darfst ihren Körper gar 
picht berühren. Zum Beweise dafür seien ihre Hände in der 
Flamme nicht verbrannt.” 

Einer von der Kranken auf unseren Wunsch geschriebenen 
und überdies reich mit Zeichnungen „ä la Karlchen aus den 
Fliegenden Blättern”, die von ihrer lebhaften optischen Vor 
stellungskraft Zeugniss geben, illustrirten Autobiographie ent¬ 
nehme ich folgende, für die Beurtheilung der psychischen. Er¬ 
scheinungen bei der Kranken Nichtige Angaben: 


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Ueber pathologische Träumerei und ihre Beziehungen zur Hysterie. 299 

Aas der Zeit ihrer Jagend, wo sie dauernd aber grundlos 
traurig war: „Da fiel ihr ein, nur Bücher zu lesen mit traurigen 
Ereignissen und danach auch selbst zu leben! Damals wollte 
sie auch ins Kloster, weil ihr ein solches Leben besonders Zu¬ 
sage;” eine an dieser Stelle eingefügte Illustration zeigt die 
Kranke, die „neue Judith” lesend; später heisst es: „Sie las 
nur Romane von Verliebten oder wie ein Mädchen überfallen 

wurde.und sie glaubte, dass es mit ihr ebenso sei 

und dass sie deshalb so unglücklich sei. Sie dachte viel 
an jenen Herrn, mit dem sie im Walde zusammengekommen; 
sie machte sich einen Plan, wio alles sein könnte .... Sie 
liess sich Liebesbriefe schreiben und schickte sie an sich 
selbst ab, um ihren erregten Sinn zu beruhigen; einmal schrieb 
sie sich einen Brief, in welchem sie sich in den Wald 
bestellte und als sie den Brief bekam, ging sie sofort 
in den Wald, lief dort umher und weinte (dazu eine ent¬ 
sprechende Illustration), und glaubte, dass jener Herr dort 
sein müsse. Als sie sah, dass es nichts helfe, ging sie 
nach Hause und erzählte ihrer Dienstfrau, dass jener 
Herr sie erwartet habe.” 

Später heisst es: „Maria konnte nichts dafür, denn was 
ihr einfiel, das musste sie so machen.” 

„Als sie einmal am Krankenhause vorbeiging, dachte sie 
dass jener Herr dort krank liegen müsste und schnell liess sie 
sich einen Brief schreiben, sie möge ins Krankenhaus kommen, 
dass er dort krank liege; den Brief gab sie zur Post und als sie 
deU Brief bekam, ging sie wirklich hin, ihn suchen, und als sie 
ihn dort nicht fand, ging sie nach Hause und erzählte ihrer Frau, 
dass er wirklich dort liege, weil sie nicht wollte, dass ihre Frau 
wisse, dass sie sich solche Gedanken in den Kopf nehme; lieber 
sagte sie, es wäre wirklich so, immer um ihre Sinne zu beruhigen.” 

„Einmal fiel ihr wieder ein, er könnte auf der Kleinseite 
wohnen und sofort sagte sie ihrer Frau, sie müsse irgendwo 
hingehen, setzte sich auf die Pferdebahn und fuhr hin und 
suchte überall umher, ohne dass sie es wusste, wo sie suchen 
sollte; nachdem sie dort längere Zeit umhergegangen, fuhr sie 
wieder nach Hause!” 

Nur anmerkungsweise sei aus der Biographie auch die 
Erzählung von Mordimpulsen angeführt. 


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300 


Prof. A Pick. 


Schon ans der Zeit ihres Aufenthaltes in der Klinik: „Ein¬ 
mal fragte sie Dr. W. ans, sie konnte ihm nicht antworten 
und da sagte er: Dn wirst deshalb bestraft werden, weil Da 
gelogen. Mariechen antwortete auch darauf nicht and dachte, 
ja ich verdiene Strafe, and als sie Abends zu Bette ging, 
sah sie schon, wie sie mit Ketten gefesselt im Kerker 
war, sie selbst war damit wohl zufrieden, dachte aber, was die 
Eltern dazu sagen würden, dass sie ihnen solche Schande bereitet* 
und da nahm sie sich vor, sobald sie aus dem Strafhause fort 
wäre, sich zu ertränken." 

Am Schlüsse schreibt sie: „Zeitweise war Mariechen völlig 
in Gedanken und überlegte ihr ganzes unglückliches Leben, so 
dass sie oft in diesen Gedanken förmlich einschlief, im Zimmer 
sass und zu Hause zu sein glaubte.” — 

Auch dieser zweite Fall bedarf nur weniger Erörterungen; 
auch für ihn ist es sehr wahrscheinlich, wenn auch nicht so 
erweisbar, wie in dem ersten, dass zuerst offenbar aus lebhafter 
Phantasie entstandene Traumzustände Vorgelegen hatten und 
dass auch hier die latente hysterische Disposition, den Be¬ 
schreibungen der Kranken nach, deutlich als intensivste Auto- 
suggestibilität erkennbar, den Grund für die Intensität der Er¬ 
scheinungen gebildet; auch hier vollzieht sich ein allmählicher 
Uebergang in eine zweite, durch ausgesprochene hysterische 
Erscheinungen cbarakterisirte Phase, in welcher auch die Traum¬ 
zustände den Charakter hysterischer Delirien annehmen. 

Durch die vorliegenden Fälle werden die nahen Beziehungen 
der Träumerei zu den hysterischen Traumzuständen erwiesen; 
es wäre aber gewiss voreilig, daraus etwa eine Regel abstrahiren 
zu wollen; Fer6 berichtet (Revue de med. 1887, nov. pag. 881) 
einen der interessantesten einschlägigen Fälle und betont das 
Fehlen jedes Zeichens von Hysterie; ich kann darin einen durch¬ 
schlagenden Einwand nicht sehen und möchte vielmehr bei dieser 
Gelegenheit die meines Wissens nicht genügend hervorgehobene 
Thatsache erwähnen, dass Kranke, die bei einer ersten, durch 
als hysterische zu diagnosticirende psychopathische Erscheinungen 
veranlassten, klinischen Beobachtung keinerlei hysterische 
Stigmata zeigten, bei einer zweiten, oft viele Monate später 
erfolgenden neuerlichen Aufnahme jetzt die exquisiten somatischen 
Zeichen der Hysterie aufwiesen; es fällt das gewiss znm Theile 


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Ueber pathologische Träumerei und ihre Beziehungen zur Hysterie. 301 


(aber nur zum Theile) mit der älteren, von Morel betonten That- 
sache zusammen, dass Träger hysterischer Psychosen häufig 
keine somatischen Zeichen der Neurose zeigten.*) 


*) Dass es sieh in den vorliegenden Fällen nicht um das sogenannte 
Phant&sielügen hysterischer oder degenerativer Individuen handelt, bedarf wohl 
nicht des Nachweises; es ist auf den Unterschied der beiden Erscheinungen 
wiederholentlioh (Emminghaus, Friedmann) schon hingewiesen worden. 


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1 


Zur Bettbehandlung chronisch Geistesgestörter. 

Von 

Dr. Josef Krayatsch, 

ding. Primararzt an der niederösterreichischen Landes-Irrenanstalt Eierling-Gogging. 

Seit Jahren werden in der niederösterreichischen Landes- 
Irrenanstalt Kierling-Gugging die mit acuter Geistesstörung be¬ 
hafteten Kranken zumeist der Bettbehandlung in Verbindung 
mit der Mastcur unterworfen und mit diesem Verfahren tliat- 
sächlich gute Erfolge erzielt. 

Ferner wurde wiederholt die Bettruhe bei Epileptikern 
und Paralytikern angewendet und sowohl die Dämmerzustände 
als die psycho-motorische Unruhe der Kranken im Bette über¬ 
wacht. Dass die zur Unsauberkeit neigenden, dementen und 
verwirrten weiblichen Pfleglinge die Zeit der Menses grund¬ 
sätzlich im Bette zubringen müssen, sei nur nebenbei bemerkt. 

Eine systematisch durchgeführte Bettbehandlung der Geistes¬ 
gestörten in eigens dazu bestimmten Bäumen, [wie solche unter 
dem Namen Wachabtheilungen in vielen Anstalten, besonders in 
Deutschland, gefunden werden, fehlte bisher. 

Die sehr empfehlenswerthe Lectüre: „Ueber die Fortschritte 
in der Irrenpflege von Dr. Friedrich Scholz”, führte zur Ein¬ 
richtung einer nach seinen Angaben ausgestatteten Wach¬ 
abtheilung, was um so leichter war, da dieselbe sonst nichts 
enthält, wie ein gewöhnliches Krankenzimmer. 

Unter Wachabtheilung versteht Scholz nicht blosse Ueber- 
wachungsabtheilungen, Ueberwachungsräume, wo nur darauf 
gesehen wird, dass gefährliche Kranke keinen Unfug treiben, 
sondern wirkliche Krankenabtheilungen, Krankensäle, in denen 
ganz wie in einem gewöhnlichen für körperliche Kranke, eben¬ 
falls Kranke verpflegt und behandelt werden. 


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Zur Bettbehandlung chronisch Geistesgestörter. 


303 


Auf der Frauenabtheilung wurden bei einem Verpflege- 
Stande von 170 meist chronisch Geistesgestörter ein Kranken¬ 
zimmer mit 12 Betten nnd eines mit 8 Betten zu Wach¬ 
abtheilungen bestimmt und, da alle Kranken, bei welchen früher 
ärztlicherseits die Separation angeordnet wurde, der Wach¬ 
abtheilung zur Bettlagerung überwiesen wurden, auf diese Weise 
im Laufe eines Vierteljahres 42 Kranke, natürlich zu ver¬ 
schiedenen Zeiten, der Bettbehandlung unterzogen. 

Laut beigefügter Tabelle, welche sowohl die Diagnosen als 
das Verhalten der Kranken vor und während der Bettbehandlung 
erläutert, litten dieselben: 2 an Idiotie, 1 an Imbecillität, 16 an 
Verrücktheit, 4 an periodischer Geistesstörung, 16 an secundärer 
Geistesstörung, 1 an hysterischem und 2 an epileptischem 
Irresein. 

Aus dieser Tabelle ist wenigstens für die derzeit in der 
Anstalt verpflegten Geistesgestörten die Thatsache zu lesen, 
dass die Bettruhe für nahezu zwei Drittel der vorübergehend 
aufgeregten Kranken derart beruhigend wirkt, dass die früher 
indicirte Separation überflüssig wurde und dass bei einem Drittel 
nebst der Bettruhe die Separation nothwendig war. 

Es ist möglich, dass ein in dieser Richtung geschulteres 
Pflegepersonale dieses Drittel noch um ein Bedeutendes ver¬ 
ringern wird. 

Auffallend ist nur das eine, dass z. B. drei von vier im 
manischen Stadium der periodischen Geistesstörung befindliche 
Geisteskranke ohne Balgerei im Bette auf der Wachabtheilung 
nicht zu erhalten waren. Allerdings wurden des Versuches 
wegen vor der Bettlagerung die sonst unterstützenden Hilfs¬ 
mittel — protrahirtes Bad — hydropathische Einpackung — 
Medicamente etc., nicht angewendet. 

Von 42 Kranken waren es im Ganzen 12, und zwar: 1 an 
Idiotie, 4 an Verrücktheit, 3 an circulärer und 3 an secundärer 
Geistesstörung und 1 an Epilepsie leidende Kranke, bei welchen 
die Bettlagerung ohne Separation nicht durchgeführt werden 
konnte. 

Aufgeregte, mit gesteigertem Beziehungswahn behaftete 
Kranke lassen sich auch schwer unter den anderen auf der 
Wachabtheilung erhalten, weil sie durch ihre Umgebung sich 
sehr behelligt fühlen, und befinden sich deshalb während ihrer 


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304 


Dt. Josef Krayatsch. 


Erregung zu Bette in der Separation entschieden wohler, ob 
nun das Bett in einem Zimmer oder in einer Zelle steht. 

Ausserordentlich günstig wirkt die Bettruhe auf jene meist 
mit secundärer Geistesstörung behafteten Kranken, welche früher 
abseits in den Winkeln kauerten und oft nur unter Anwendung 
von Gewalt an ein halbwegs geordnetes Verhalten bei Tische 
gewöhnt werden konnten. Auch solche, welche sich sonst gerne 
entkleideten und, separirt, die Wände beschmierten, verhalten 
sich während der Bettbehandlung bei nur halbwegs geschnlter 
Aufsicht geordnet und ruhig. 

Im Allgemeinen war der Erfolg der Bettbehandlung ein 
entschieden günstiger und für jedermann ersichtlich. 

Die Pflegerinnen, welche den Dienst im Tagraume früher 
wegen des unter den Kranken herrschenden Lärmes oft als un¬ 
ausstehlich bezeichneten, sind derzeit alle von dem beruhigenden 
Einflüsse der Bettbehandlung überzeugt. 

Der Vorgang ist ein ganz einfacher. 

Die Kranken stehen Morgens auf, waschen und kämmen 
sich und begeben sich nach eingenommenem Frühstück zu 
Bette; letzteres vollzieht sich etwa um */ 2 8 Uhr Morgens. 

Zu Mittag und Abends kleiden sie sich wegen der Mahl 
Zeiten wieder an, um nach Ablauf von 1—2 Stunden wiederum 
zu Bette zu gehen. Die Jause wird im Bette verabreicht Das 
Niederlegen geschieht gewöhnlich als etwas Ungewöhnliches 
mit einem merklichen Widerspruch, das Aufstehen im Allgemeinen 
unter gesteigerter Lebhaftigkeit, doch ist die meiste Zeit, die 
ärztliche Visite ausgenommen, während welcher wie gewöhnlich 
Klagen aller Art erhoben werden, recht ruhig. 

Während der Speisezeit werden die Betten und das Kranken¬ 
zimmer gründlich gelüftet. 

Eines steht fest, dass den Pflegern durch die Bettlagerung 
plötzlich erregter Kranken ein vorzügliches Beruhigungsmittel 
bis zur Ankunft des Arztes zugestanden werden kann, was 
früher aus leicht begreiflichen Gründen weder bei der Separation 
noch bei der Medication eingeräumt werden durfte. 

Was nun die Grösse der Wachabtheilungen, beziehungs¬ 
weise die Zahl der Betten anbelangt, so dürfte diese zwischen 
ein Fünftel bis ein Viertel des gesammten Belegraumes schwanken 


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Zur Bettbehandlung chronisch Geistesgestörter. 305 

and sich auf eine entsprechende Anzahl Zimmer za 14 bis 16 Betten 
vertheilen. 

Dass die Beaufsichtigung, beziehungsweise Pflege durch 
mehrere geschalte Pflegerinnen in einem Zimmer erfolgen muss, 
ist bei dem Charakter der verschiedenen Erankheitsformen selbst¬ 
verständlich und eine Pflegerin auf 4 Kranke erforderlich. 

Zweckmässig dürfte es sein, in der Nähe einige Separations¬ 
zimmer zu besitzen, welche natürlich ebenfalls unter dauernder 
Aufsicht stehen müssten. 

Die in dieser Richtung nothwendige Gruppirung der Wach- 
abtheilnng zu den Separationszimmern, Aborträumen und zum 
Bad fand bei dem Entwürfe der Frauenabtheilung in dem zu 
errichtenden Neubau Berücksichtigung. 


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Name 


306 


Dr. Josef Krayatsch. 


Diagnose 

Verhalten vor der 
Bettbehandlung 

Verhalten wäh¬ 
rend der Bett- 
behandlung 

Gewichts-Zu- 
od. Abnahme 

Anmerkung 

Idiotie 

(Cretinis- 

raus) 

Oft stundenlanges 
Schreien, heftig 
erregt, zur Zeit 
der Menses, Nei¬ 
gung zu boshafter 
Beschädigung. 

Bettruhe wirkt 
vortrefllich, zupft 
höchstens am 
Bettzeug. 



Idiotie 

Zur Zeit der Men¬ 
ses heftig erregt, 
rauflustig, wird 
öfters separirt. 

Neben Separation, 
Bettruhe prompt 
wirkend. 


Kann wegen 
ihrer bedeu¬ 
tenden Kör¬ 
perkraft und 
Rauflust nicht 
unter den an¬ 
deren erhalten 
werden. 

Imbecilli- 

tftt 

Während heftiger 
prämenstrualer 
Erregungs¬ 
zustände separa¬ 
tionsbedürftig. 

Ist im Bette voll¬ 
kommen ruhig 
zu erhalten. 



Verrückt¬ 

heit 

Wegen prämen¬ 
strualer Erregung 
trüber öfters sepa¬ 
rationsbedürftig. 

Wird jetzt durch 
die Bettlagerung 
rasch beruhigt. 

+ 

IV« K- 

i 

Verrückt¬ 

heit 

Wird durch Hallu- 
cinationen heftig 
erregt, musste 
wiederholt sepa¬ 
rirt werden. 

Macht den Paro- 
xismus zu Bette 
entschieden ruhi¬ 
ger durch. 

+ 

4 K. 


Verrückt¬ 

heit, 

chron. 

Wahnsinn 

Laute Klagen über 
Beschimpfungen 
durchs Telephon, 
heftige zom- 
muthige Erre¬ 
gung. 

Dauernde Bett¬ 
ruhe neben Sepa¬ 
ration. 


Lässt sich auf 
der Wachab¬ 
theilung we¬ 
gen dauernden 
Schreiens 
nicht erhalten 


K, M. 


S. A. 


B. M 


B. Th. 


F. Frz. 


J. A. 


Digitized by 


Google 



Zur Bettbehnndlung chronisch Geistesgestörter. 


307 


© 

I 


® 

ao 

O 


K. J. 


Verhalten vor der 
Bettbehandlung 


Verhalten wäh¬ 
rend der Bett- 
behandlnng 


Verrückt- 
heit 


M. A. 


10 


CI. A. 


M. A. 


Pseud - aphasisch 
verwirrt, belästigt 
ihre Umgebung 
besonders zurZeit 
der Menses im 
hohen Grade 


Verrückt-1 Durch pseud- 
heit I aphasisches, un¬ 
unterbrochenes 
Geschwätz äus- 
8 er 8 t störend und 
unausstehlich für 
ihre Umgebung. 
Verrückt- Lautes Klagen 
heit und Weinen über 
' Verfolgungen. 
Verrückt- Erworben schwer- 



Anmerkung 


Bettruhe neben I + 
Separation wirkt 3 K. 
vortrefflich. 


heit | hörig. Neigung 
zur Coprophagie, 
leicht erregbar, 
rauflustig. 

’ 11!Sch. M.| Verrückt-' Lärmendes Ver- 
heit | halten bei excessiv- 
erotischer Heiter¬ 
keit, laute Klagen 
über Vermögens¬ 
verlust. 

12 , Sch. K.j Verrückt- Bringt durch ihr 
heit zänkisches, 
klatschsüchtiges 
Wesen Kranke 
und Bedienstete 
ihrer Umgebung 
in helle Ver¬ 
zweiflung. 

JahrbOckcT f. Psychiatrie and Neurologie XIV. Bd. 


Bringt die meiste I -f 
Zeit auf der | 1 K. 
Wachabtheilung 
im Bette zu und 
verhält sich ruhig. 


Kann wegen 
arger Belästi¬ 
gung ihrer 
Umgebung 
nicht immer 
auf der Wach-' 
abtheilunger J 
[halten werden. 
mus 8 separirt I 
werden. 


Ziemlich ruhiges I 
Verhalten. j 

1 

Ruhig bei Unter-1 
lassung aller Un- 5 x. 
arten. 


Während der 
Bettbehandlung I 2 K. 
wesentlich ruhi¬ 
ger, wird nur bei 
der ärztlichen 
Visite laut. 
Vollkommen 
ruhig. 


21 


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Google 






Post-Nr. 


308 


Dr. Josef Krayatsch. 






Zar Bettbehandlung chronisch Geistesgestörter. 



Diagnose 

Verhalten vor der 
Bettbehandlung 

Verhalten wäh¬ 
rend der Bett¬ 
behandlung 

Gewichts-Zu- 

od. Abnahme 

Anmerkung 

. 

Periodi- 

Im manischen 

Bettruhe nebst 


Ist auf der 

sehe 

Stadium grosse 

> Separation nur 


Wachabthei¬ 

Geistes- 

motorisch^ Un- 

theil weise 


lung ohne 



22 E. A. 


Störung 

Periodi¬ 

sche 

Geistes¬ 

störung 


ruhe, Schwatz¬ 
sucht. 

Im Stadium der 
Manie^ästig, zän¬ 
kisch, nach 
aussen drängend. 


wirkend. 


Bettruhe nebst 
Separation wirkt 
beruhigend. 

Verhält sich 
ruhig. 


Periodi- Im manischen 
sehe Stadium lästig, 
Geistes- zudringlich, 

Störung erotisch. 


Secundäre Blödsinnig, er- Bleibt tagsüber 
Geistes- regt, brachte ruhig im Bette, 
Störung gerne andere besonders nach 
Pfleglinge durch stärkerer 
Fussstellen zum Nahrungszufuhr. 

Fallen oder 
wirft sie von den 
Bänken herunter, 
separations¬ 
bedürftig. 


25 M. A. Secundäre ln Folge bedroh 
Geistes- licher Haltung 
Störung gegen ihre Um¬ 


schläft. 


Balgen nicht 
zu erhalten. 


ln Folge bedroh- Wird in der 
licher Haltung Bettbehandlung 
gegen ihre Um- sofort ruhig und 


gebung wieder¬ 
holt separirt. 
Hallucinatorische 
Paroiismen. 


26 B. M. Secundäre Lärmend aggres- Bettruhe nebst 
| Geistes- siv, rauflustig. Separation wirkt 

1 Störung prompt. 


Wird auf der 
Wachabthei¬ 
lung durch 
ihre Umge¬ 
bung zum Lär¬ 
men angeregt. 


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Post Nr. 


310 


Dr. Josef Krayatsch. 



Verhalten wäh- 
Verhalten vorder rend der Bett . 

Bettbehandlung be h»ndlnng 



Anmerkung 


Secund&re 

Hat mitunter Nei- 

Verhält sich nach 

+ 

Geistes- 

gung, sich auszuzie- 

mehrstündiger 

V, K. 

Störung 

henn. ihren Körper 
zu beschmieren. 

Bettruhe wieder 
geordnet. 

Seenndäre 

Dauernd separirt 

Verhält sich 

• 

Geistes- 

wegen Rauflust 

während der Bett- 


Störung 

und Neigung zur 
Unsauberkeit 

ruhe ruhig ; ziem¬ 
lich geordnet 
schläft anhaltend. 


Seeund&re 

Heftige Erre- 

Rascher Ablauf 

“H 

Geistes- 

gung8zu8tände 

der Erregungs- 

1 K. 

Störung 

unter Raufen, 
Schimpfen und 
Entblössen. 

zustände. 


Seenndäre 

Hochgradige Er- 

Unter permanen- 

• 

Geistes- 

regung, Neigung 

ter Aufsicht ver- 


Störung 

zum Schmieren, 
unnatürliche Ess¬ 
gier, dauernd se¬ 
parirt 

hält sie sich 
recht ruhig. 


Seenndäre 

Rauflustig, zer¬ 

Wird durch vor¬ 

+ 

Geistes- 

trümmert Fen¬ 

übergehende Bett¬ 

1 K. 

störnng 

sterscheiben, oft 
separirt 

lagerung rasch 
beruhigt 


Secundäre 

Wird bei Bal¬ 

Vergnügt ruhig 

+ 

Geistes¬ 

gereien errregt, 

bei Separation 

2 '/, K. 

störung 

wollte zweimal 
Kranken den 
Vorderarm übers 
Knie brechen. 

und Bettruhe. 


Seenndäre 

Unter Be wegungs- 

Wird meist durch 

+ 

Geistes 

Störung 

draug rauflustig. 

Bettlagerung be¬ 
ruhigt. 

2 K. 

Seenndäre 

Andauernd über- 

Bettbehandlung 

• 

Geistes¬ 

müthig erregt, 

beeinflusst die 


störung 

Neigung zu 
schamlosen 
Aeusserungen und 
Handlungen. 

Kranke günstig. 



Wegen emi¬ 
nenter Ge¬ 
meingefähr¬ 
lichkeit Wach- 
abtheilong 
nicht rathsam 
Mitunter 
Separation 
nothwendig. 


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Zur Bettbehandlnng chronisch Geistesgestörter. 


311 


b 

25 

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Verleiten vorder 
Bettbehandlung 

Verhalten wäh¬ 
rend der Bett¬ 
behandlung 

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35 

H. Th 

Seoundäre 

Laut raisonnirend 

Bettruhe wirkt 






Geistes- 

wird sie in Folge 

prompt beruhi- 






8t01HDg 

ihrer rohen Aeus- 
8 erungen für die 
Umgebung lästig. 

gend. 




36 

H. M 

Secundäre 

Häufige halluci- 

Bettlagerung er- 

. 





Geistes- 

rmtorische Erre- 

hält sie in behag- 






Störung 

gung und Stam¬ 
pfen und Stossen. 

licher Stimmung. 




37 

H. M. 

Secund&re 

Fortwährend 

Wesentliche Be- 

. 





Geistes- 

störend durch 

ruhigung durch 






Störung 

lautes, confuses 
Geplapper unter 
Wehklagen, sepa¬ 
rationsbedürftig. 

Bettlagerung. 




38 

P. A. 

Seoundäre 

Sinnloses Ge- 

Thatsächliche Be- 

. 





Geistes¬ 

schwätz über Ver¬ 

ruhigung während 






störung 

folgungsideen, 
heftige Erregung 
bis zur Rauflust. 

der Bettruhe. 




39 

F. Frz. 

Seoundäre 

Schimpft, schreit, 

Verhält sich im 

+ 





Geistes¬ 

ist zänkisch, rauf» 

Bette ruhig, mur¬ 

1 K. 





störung 

lustig, mitunter 

melt höchstens 






i 

absichtlich un¬ 

leise. 







sauber. 





40 

Fr. M. 

Epilept. 

Aengstlich unter 

Auf der Wach¬ 

+ 





Geistes¬ 

heftiger Bewe¬ 

abtheilung ruhig, 

2 K. 





störung 

gung und Drängen 

schläft viel bei 







nach aussen, 

Tag. 







wiederholt sepa¬ 
rationsbedürftig. 





41 

K. M. 

Epilept 

Verlangt vor den 

Ruhig bis zum 

+ 

Ist nach dem 




Geistes¬ 

epileptischen An¬ 

Anfalle. 

’/t * 

Anfalle nicht 




störung 

fällen ins Bett. 



im Bette zu 








erhalten. 


42 

B. 8. 

Hysteri¬ 

Ungestümes 

Ruhiges V erhalten 

. 





sche 

Drängen bei de¬ 

während der 






Geistes¬ 

pressiver 

Bettlagerung 






störung 

Stimmung. 






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Unzucht wider die Natur. Psychische Hermaphrodisie. 
Fragliche Anfälle krankhafter Bewusstlosigkeit epilep¬ 
toider Art tempore delicti. 

Mitgetheilt von R. v. KrafTt-Ebing, 

Ergebnisse aus den Acten. 

In der Nacht zum 7. August 1893 traf die Gendarmerie 
auf ihrem Patrouillengange den Nachtwächter W. in A. kurz 
nach Mitternacht nicht auf seinem Posten. Da die GendarmeD 
beim Hause des W. ein Geflüster hörten, gingen sie darauf zu 
und horchten. 

Nach einigen Augenblicken gewahrten sie 2 Männer, von 
denen der eine in der Richtung der Bürgermeisterwohnung sich 
entfernte, wo man ihn noch den Hund beruhigen hörte. 

Der Andere ging auf die Gendarmen zu. Es war der Nacht¬ 
wächter. 

Als dieser die Gendarmen erkannte, erschrak er heftig, 
war ganz verlegen, behauptete, den Mann, mit dem er gesprochen, 
nicht zu kennen, gestand endlich, dass es der Bürgermeister 
gewesen sei, und benahm sich so eigentümlich, dass der Ver¬ 
dacht, die beiden hätten unsittliche Handlungen miteinander be¬ 
gangen, den Gendarmen auftauchte. 

W. legte bald ein umfassendes Geständniss ab. Etwa nach 
11 Uhr habe ihn der Bürgermeister Sch. aus seinem Hause heraus¬ 
gerufen und überredet, mit ihm zur nahen Anhöhe zu gehen. 
Dort angekommen, habe Sch. den einarmigen W. zu Boden ge¬ 
drückt, ihm die Hosen geöffnet und etwa durch 10 Minuten 
Coitum inter femora an ihm vollzogen. 

Schon vor etwa 3 Monaten, als beide Abends aus dem Wirths- 
hause miteinander heimgingen, ferner im Vorjahre auf dem 
Heuboden seines Hauses habe Sch. ihm das Gleiche angethan. 


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Unzucht wider die Natur. 


313 


Sch., noch Nachts von den Gendarmen interpellirt, stellte 
anfangs in Abrede, auf dem Heimweg vom Wirthshause bei W. 
verweilt zu haben, gab dies aber schliesslich zu, mit der 
Motivirung, er sei bei W. gewesen, um ihn zur Nachtwache an¬ 
zuhalten. 

Sch. stellt früheren unsittlichen Verkehr mit W. entschieden 
in Abrede, behauptet, W. habe ihn in der Nacht vom 6. auf den 
7. August 1893, als er an dessen Wohnung vorüberging, zu 
verführen gesucht, geschlechtlich mit ihm zu verkehren, was 
Sch. mit Entrüstung abgelehnt habe. Er habe dies den Gen¬ 
darmen, als sie in jener Nacht ihn noch über sein Verweilen bei 
W. ausfrugen, aus Schonung für diesen verschwiegen. W. 
sei damals schwer betrunken gewesen und habe, als er ihn 
über sein Rencontre mit den Gendarmen am folgenden Morgen 
coramirte, gar nicht gewusst, was er in seinem Rausche zu diesen 
gesagt habe. 

Sch. verweist bei seiner Vernehmung darauf, dass er 
8 Kinder im Alter von 2 bis 15 Jahren habe und seine Frau 
gerade wieder schwanger sei. Er weist die Anwürfe des W. ent¬ 
rüstet zurück. W. hat sich am 15. August 1893 durch Ertränken 
entleibt. 

Da W. den Gendarmen gegenüber angab, der sexuelle Ver¬ 
kehr mit Sch. sei ihm höchst zuwider gewesen, lässt sich an¬ 
nehmen, dass er der Verführte, Genöthigte, jedenfalls nicht 
conträr sexual war. 

Am 19. August 1893 kam eine Gendarmeriemeldung, 
wonach Sch. schon früher mit seinem Knecht St. unsittliche 
Handlungen vorgenommen habe. 

St. gestand, dass Sch. im Herbst 1891 zweimal, als Sch 
Nachts aus dem Wirthshause heimkehrte und St. ihm die 
Hausthür öffnete, ihn an die Wand gedrückt und Coitum inter 
femora an ihm vollzogen habe. Aus diesem Grunde habe er dem 
Sch. den Dienst gekündigt. 

Ganz dieselbe Anzeige gegen Sch. erfolgte am 30. August 1893 
bezüglich seines Dienstknechtes M. Auch die Thatumstände sind 
die gleichen, insofern Sch. bezecht heimgekommen war. 

Auffallend ist, dass damals in der Gesindestube ein anderer 
Knecht anwesend war. Dieser, G., rief den hinter dem Ofen lie¬ 
genden M. ab, so dass Sch. sich auf Manustupration des 17jährigen 


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314 


R. t. Krafft-Ebing. 


M. beschränken musste. Auch in der Folge (1891) soll Sch. 
wiederholt noch Morgens früh, wenn er den M. weckte, Angriffe 
auf diesen gemacht haben, die M. aber abwehrte. 

St. und M. behaupten auch, dass Sch. zweimal an 6. un¬ 
sittliche Handlungen begangen habe. St gibt ferner an, dass, 
als er mit Sch. von einem Ochsentransport vor 2 1 /* Jahren einmal 
heimkehrte und beide berauscht waren, Sch. an ihm Coitum 
inter femora vollzog. Sch. erinnert sich bloss, dass St ihm Elogen 
machte, er sei ein so braver Bauer, worauf die .Berauschten 
einander abgeküsst hätten. 

G. bestätigt bei seiner Vernehmung, dass, als er noch 
Knecht bei Sch. war, dieser einmal bezecht Abends heimkam 
und an ihm ein unsittliches Attentat verüben wollte, was G. 
aber abwehrte. Der Leumund des Sch. war bisher ein tadelloser 

Gegen Sch. wurde wegen drei an W. und zwei an St aus §. 175 
(deutsches Strafgesetzbuch) begangener Delicte Anklage erhoben. 

In der Hauptverhandlung am 22. Januar 1894 verantwortete 
sich Sch. wie in der Voruntersuchung. Das Urtheil gegen Sch. 
lautete auf 1 Jahr Gefängnisstrafe und 3 Jahre Ehrverlust 
(St. wurde gleichfalls verurtheilt, und zwar zu 21 Tagen.) 

Die Entscheidungsgründe lauten dahin, dass die Delicte des 
Sch. an W. und an St. erwiesen seien. Auch die Zeugenaussagen 
des M. und G., obwohl in die Anklage nicht einbezogen, sind 
Hinweise auf den sittlichen Zustand des Angeklagten. 

Die Einrede der Vertheidigung, dass Sch. sexuell krankhaft 
veranlagt sei, sind hinfällig, da er, wie aus der Zahl seiner 
9 Kinder hervorgehe, einen gesunden Geschlechtstrieb besitze, 
überdies könnte eine solche perverse sexuelle Naturanlage nur 
dann in Betracht kommen, wenn die freie Willensbestimmung in 
in Bezug auf die betreffende That in Folge krankhafter Störung 
der Geistesthätigkeit vollständig ausgeschlossen wäre. 

Bei der an Sch. bekundeten unehrenhaften Gesinnung seien 
demselben die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 
3 Jahren abzuerkennen. Wegen eines Formfehlers in der gegen 
ihn abgeführten Verhandlung erzielte Sch. beim Reichsgerichte 
Revision des Verfahrens. 

Eines Tages im Sommer 1894 stellte sein Rechtsanwalt 
unter Einsendung einer Abschrift der Acten an mich das Er¬ 
suchen, seinen Clienten zu exploriren. 


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Unzucht wider die Natar. 


315 


Wenn auch das Studium der Acten mich sehr skeptisch be¬ 
züglich der Angaben des Sch., er wisse absolut nichts von den incri- 
minirten Facten und habe nie geschlechtliche Neigung zu Männern 
gehabt, gemacht hatte, so lehnte ich das bezügliche Ersuchen doch 
nicht geradewegs ab, antwortete vielmehr, wenn Sch. ein gutes 
Gewissen habe und einem medicinischen Kreuzverhöre Stand 
halten könne, möge er sich zur Exploration stellen. 

Am 6. September 1894 kam Sch. nach Wien. Ich unter¬ 
suchte ihn an diesem Tage sowie am folgenden durch mehrere 
Stunden und musste bald mein Misstrauen aufgeben, da höchst 
bemerkenswerthe wissenschaftliche Thatsachen sich ergaben, 
welche die Perversion seines geschlechtlichen Fühlens und sein 
Nichtwissen von den angeschuldigten Facten zu erklären geeignet 
waren und die grosse Wahrscheinlichkeit für sich hatten, dass 
die Delicte im Zustande sogenannter krankhafter Bewusstlosigkeit 
begangen worden seien. 

Ergebnisse der ärztlichen Exploration am 6. und 
7. September 1894. 

Explorat, 45 Jahre alt, hat einen abnormen Schädel, inso¬ 
fern derselbe plagiocephal ist und das linke tuber frontale stärker 
hervorragt als das rechte. Der Horizontalumfang des Schädels 
beträgt 560 mm. Zeichen von rhachitischem Misswachs finden sich 
nirgends am Skelet. 

Auf dem rechten Schläfenbein existirt eine über dem proc. 
zygomaticus beginnende, 6 cm weit gerade nach oben sich er¬ 
streckende, breite, glänzende, verschiebbare, am 6. September 
nicht, am 7. in ihrer unteren Hälfte sehr druckschmerzhafte 
Narbe, die Explorat laut ärztlichem Zeugniss 1886 anlässlich 
einer Verwundung durch eine auf ihn herabgefallene Sense davon¬ 
getragen hat 

Nach Angabe des Sch. mussten damals Arterien unter¬ 
bunden werden. Zeichen einer Verletzung des Knochens an der 
Stelle der Narbe finden sich nicht vor. Explorat erklärt, von 
gesundem Vater zu stammen, der an Alterschwäche, 78 Jahre 
alt, gestorben sei Ein Vatersbruderssohn sei irrsinnig und eine 
Zeit lang in der Irrenanstalt internirt gewesen. Seine Mutter 
sei jung gestorben und einige Jahre lang bis zu ihrem Tode 


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316 


R. t. Krafft-Ebing. 


gelähmt gewesen. Zwei seiner Schwestern seien an Lungen- 
schwindsncht gestorben, einer seiner Brüder sei schwachsinnig. 
Bis zur Verwundung 1886 will Sch. immer gesund gewesen 
sein. Ob er als Kind an Convulsionen gelitten habe, vermag er 
nicht zu beantworten. 

Schwere Krankheiten, Ausschweifungen, Beschädigungen 
des Kopfes vor 1886 stellt er in Abrede. Ausser geringer Toleranz 
für Alkohol und leichter gemüthlicher Erregbarkeit weiss er bis 
zu diesem Zeitpunkte neurotisch und charakterologisch nichts 
Auffälliges zu berichten. 

Sein Geschlechtsleben sei durchaus normal gewesen. Er 
habe nie onanirt, bis zu seiner Verheiratung nie coitirt, seit 
seiner 17jährigen Ehe nur mit seiner Ehefrau den Beischlaf 
gepflogen. Er verkehre noch ehelich mit dieser, etwa wöchentlich 
einmal, sei davon völlig befriedigt und noch ganz potent, ln 
seiner Ehe habe er 9 Kinder gezeugt, von denen das jüngste 
6 Monate alt sei. 

Perversionen seines geschlechtlichen Lebens stellt er in Ab¬ 
rede. Nie habe er in wachem Zustande sich geschlecht¬ 
lich zu Männern hingezogen gefühlt. 

Sehr bemerkenswerth ist aber, dass Sch. gelegentlich 
nächtlicher Pollutionen ab und zu von Umarmung männ¬ 
licher Personen träumte. 

Die Genitalien des Exploraten sind ganz normal. 

Sch. erklärt, seit jener Verwundung (1886) sich nicht mehr 
wohl zu befinden. 

Er fühle sich nicht mehr als der Alte, ertrage geistige und 
körperliche Anstrengungen nicht, sei zerstreut, vergesslich, so 
dass er als Bürgermeister eigentlich nur unterschreiben konnte 
und dem Gemeindeschreiber die Amtsführung überlassen mnsste. 

Wenn er sich im Geringsten anstrenge, bekomme er gleich 
Druck im Kopfe, desgleichen im dumpfen Zimmer; im Freien sei 
ihm viel wohler. 

Seine Frau finde ihn in den letzten Jahren auffallend ge- 
müthsreizbar, oft geradezu jähzornig. Auch sein Gedächtniss 
habe gelitten. Thatsächlich passiren ihm im Verlaufe der Exploration 
oft Bechenfehler. Als man ihn nach dem Alter seiner Fran fragt, 
rechnet er heraus, dass sie mit 22 Jahren heiratete, 17 Jahre 
verheiratet sei, somit 36 Jahre alt. 


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Unzucht wider die Natur. 


317 


Seit der Verwundung vertrage er geistige Getränke, be¬ 
sonders Bier sehr schlecht; gleichwohl erleichtere ihm Biergenuss 
momentan nervöse Beschwerden, besonders Kopfdruck, so dass 
er sich ab und zu verleiten lasse, mehr als zwei Glas zu trinken. 
So lange er Bürgermeister gewesen, sei er oft in die Lage ge¬ 
kommen, mehr zu trinken, als für ihn gut war, d. h. 4 bis 6 Glas 
Bier. Seitdem er vom Amte suspendirt sei, trinke er sehr mässig 
und da gehe es ihm viel besser. 

Sch. klagt ausserdem über unruhigen, unerquicklichen 
Schlaf, rasche geistige und körperliche Ermüdung. Seine Pupillen 
sind über mittelweit, von prompter Reaction, der Patellarreflex 
ist gesteigert. Er ist sehr emotiv, geräth gelegentlich selbst 
ins Weinen. 

Alle diese Symptome lassen sich unschwer als solche einer 
neurasthenischen. und, mit Rücksicht auf die Ursache, als solche 
einer traumatischen Neurose deuten. 

Von grosser Bedeutung ist weiter Sch.’s Angabe, dass er 
seit der Verletzung Anfälle von Sinnesverwirrung, beziehungs¬ 
weise krankhafter Bewusslosigkeit habe, die anlässlich von 
Gewittern, raschem Witterungswechsel, ganz besonders aber 
nach reichlichem Biergenuss sich einstellen. 

Sie beginnen mit Schmerz in der Narbe auf dem rechten 
Schläfenbein, der sich über den Kopf verbreite. Es werde ihm 
dabei wirr im Kopfe, schwindlich, er wisse in diesem bis zu 
15 Minuten dauernden Zustande nicht mehr, was er thue und habe 
von allem während dieser Zeit Vorgefallenen nicht die mindeste 
Erinnerung. 

Wenn dieser Anfall ihn heimsuche, gerathe er in grosse 
geschlechtliche Erregung, während er sonst geschlechtlich gerade 
nicht bedürftig sei. Ganz besonders wenn der Anfall durch Bier¬ 
genuss erfolge, suche ihn die grosse Libido heim. Seine Frau 
habe sich oft ihm gegenüber beschwert, dass er nur im an¬ 
geheiterten Zustande den Coitus von ihr begehre. Er habe in 
solchen Fällen jeweils erst hinterher von der Frau erfahren, 
dass er ihr beigewohnt habe. Selbst sei er sich dessen nicht 
bewusst gewesen. 

Nachforschungen nach anderweitigen Erscheinungen von 
Epilepsie und sonstigen epileptischen Ausnahmszuständen ergaben 
ein negatives Resultat. 


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318 


R. y. Krafft-Ebing. 


Aut die Frage, warum er seine Anfälle verheimlicht habe, 
erklärt er, er habe dies gethan aus Scheu, für verrückt gehalten 
zu werden. 

Seine Frau wisse von diesen Anfällen. Man mache ihm 
daheim, wenn er von ihnen befallen werde, kalte Umschläge anf 
den Kopf und da gehe es rascher vorüber. 

So oft man auch mit Sch. auf seine incriminirten Handlungen 
zu sprechen kommt, erklärt er mit Entschiedenheit und in grosser 
Emotion, er wisse davon absolut nichts. Wenn er sich derlei 
habe zu Schulden kommen lassen, so müsse es unbewusst ge¬ 
wesen sein. 

ln den mehrstündigen Explorationen gelang es nicht, in 
den Reden des Sch. eine Unwahrheit nachzuweisen, oder auch 
nur einen Widerspruch. Von körperlichen Erscheinungen fanden 
sich noch an ihm ein chronischer Kehlkopfkatarrh und eine 
leichte Dämpfung auf der linken Lungenspitze. 

Wissenschaftliche Schlussfolgerungen aus obigem 

Befunde. 

1. Explorat ist durch Schädelanomalie und wahrscheinlich 
auch durch hereditäre Einflüsse von neuropathischer Constitution. 
Eine sonst latente, nur im Traumleben gelegentlich sich manifesti- 
rende homosexuelle Triebrichtung ist darauf beziehbar. 

2 . Explorat hat durch ein mechanisch-psychisches Trauma 
1886 eine schwerere und dauernde Schädigung seines Nervenlebens 
im Sinne einer Neurasthenie erfahren. 

3. Ausserdem werden zeitweise von der Kopfnarbe aus Zu¬ 
stände krankhafter Bewusstlosigkeit vermittelt, die wissenschaftlich 
sich als psychisch epileptische Ausnahmszustände ansprechen 
lassen. 

Damit wird es aber ganz begreiflich, dass Explorat Er¬ 
innerungslücken für die Dauer dieser Zustände bietet. 

Auch die Thatsache, dass anlässlich solcher epileptischer 
Ausnahmszustände auffallend häufig der Geschlechtstrieb mächtig 
erregt wird und rücksichtslos Befriedigung sucht, ist wissen¬ 
schaftlich längst bekannt und durch zahlreiche Beispiele in 
meiner „Psychopathia sexualis”') ausgewiesen. Die bezüglichen 


') 9. Auflage, p. 328—333; 349-351. 


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Unzucht wider die Natur. 


319 


Angaben hinsichtlich des Coitns m&rit&lis inscins müssen sich 
durch die Einvernahme der Ehefrau leicht controliren lassen. 

Auch der Umstand, dass eine nnr im unbewussten oder 
im Traumleben des Sch. vorfindliche homosexuelle Triebrichtung 
anlässlich des Auftretens unbewusster krankhafter seelischer 
Zustände sich zeigt und den krankhaft Bewusstlosen mit dem 
Strafgesetze in Conflict bringt, findet unter obiger Annahme 
seine Erklärung. 

Von nicht geringer criminal-psychologischer Bedeutung für 
die Richtigkeit der Annahme krankhafter Bewusstlosigkeit 
tempore delictorum ist auch die Thatsache, dass Sch. sogar vor 
Zeugen (Affaire M.) delictuös vorging. 

Bemerkenswerth ist endlich, dass die Ausschreitungen gegen 
§ 175 regelmässig, wenn Sch. getrunken batte, also Bedingungen 
für das Auftreten seiner Anfälle gegeben waren, sich er¬ 
eigneten. _ 


Am 1. August 1895 stand Sch. zum zweitenmale vor 
seinen Richtern. Er verantwortete sich genau so wie das erste¬ 
mal. Auch die Zeugen aus der ersten Verhandlung deponirten 
wie früher. Sie wollen anlässlich der Delicte, ausser Angetrunken¬ 
heit (Zeuge St.) an Sch. nichts psychisch Auffälliges bemerkt haben. 

Anders lautet die Aussage eines weiteren Zeugen, Br., 
eines jungen Burschen, an dem der Verurtheilte auf dem Heim¬ 
wege aus dem Wirthshause am Eirchweihabend im October 1894 
ein neuerliches unsittliches Delict zu verüben versucht hatte. 
Sch. war dabei „ganz wild, schäumte förmlich”, als er nach 
des Zeugen Genitalien griff. Er kam dem Zeugen „ganz weg” 
(also von Sinnen) vor und schien am anderen Tage von 
dem Vorfälle nichts zu wissen. 

Verschiedene andere Zeugen bestätigten, dass Sch. alkohol¬ 
intolerant sei, dass er seit der Verwundung am Kopfe noch 
weniger vertrage, wenn angetrunken „rappelig,” sei, seit der 
Verletzung oft über Schmerz an der Narbe klage, allmählich 
jähzornig geworden sei und eine noch grössere Vergesslichkeit 
als früher geboten habe. So habe er z. B. am anderen Tage 
nichts mehr von von ihm geleisteten Zahlungen gewusst 

Die Ehefrau des Sch.(leider unbeeidigt) schildert deutlich psy- 
chisch-epileptische Anfälle mit heftigem Kopfschmerz, 


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320 


B. t. Krafft-Ebing. 


ausgehend von der Narbe, mit Gesichtsblässe, ganz sinn¬ 
losem Zustande und completer Amnesie für die Dauer 
dieser Anfälle. 

Sie bestätigt auch Coitum incisum und macht die 
Bemerkung, ihr Mann sei dann ganz „wild”, d. h. anders 
als wenn er in normalem Zustande ihr beiwohntet 
gewesen. 

Auch alle übrigen Angaben des Sch. finden durch die 
Zeugenaussagen Bestätigung. 

Arzt Dr. B., welcher Sch. anlässlich der Kopfverletzung 
behandelte, erinnert sich, dass ein heftiger Blutverlust damals 
stattfand und Arterienunterbindung nothwendig war. Es war 
diesem Zeugen auffällig, dass Sch. lange Zeit darnach noch über 
Kopfschmerz und Schwindel klagte, sich schwer erholte, nerven¬ 
schwach, ängstlich, emotiv blieb, jammerte, dass er nicht der 
Alte sei. Thatsächlich sei Sch. auffallend psychisch gedrückt 
gewesen. 

Der von der Staatsanwaltschaft leider erst zur Haupt¬ 
verhandlung beigezogene Sachverständige, ein namhafter Fach¬ 
mann, gab das Bestehen von traumatischer Neurose und von 
epileptoiden Zuständen zu, fand es aber höchst auffällig, dass 
solche nur immer zur Zeit der Delicte stattgefunden haben 
sollten und konnte nicht zur Ueberzeugung gelangen, dass die 
Delicte, mit Ausnahme etwa des letztvorgekommenen, in die 
Zeit solcher psychischer Ausnahmszustände gefallen seien. 

Als Sachverständiger von Seiten der Vertheidigung geladen, 
sprach ich meine gegentheilige Ueberzeugung aus und versuchte 
sie im Sinne meiner obigen wissenschaftlichen Schlussfolgerungen 
zu begründen, unter Heranziehung der bei der zweiten Ver¬ 
handlung erhobenen, für krankhafte Bewusstlosigkeit sprechenden 
Thatsachen. 

Der Gerichtshof sprach „schuldig,” aber unter Annahme 
geminderter Zurechnungsfähigkeit und verurtheilte Sch. zu 
3 Monaten Gefängniss. Sch. erhob keine Einsprache. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 

Von 

Dr. Josef Adolf Hirschl, 
klinischem Assistenten. 

(Ans der psychiatrischen Klinik des Herrn Hofrath es Freiherrn v. Krafft-Ebing 

in Wien.) 

Eine fast überall da, wo menschliche Civilisation besteht, 
als feststehend geltende Erfahrung ist die der bedeutenden 
Zunahme der progressiven Paralyse. 1 ) Wenn es nun auch 
feststeht, dass geradezu proportional mit der Entwickelung 
derCultur die Fälle von progressiver Paralyse sich häufen, 
so ist doch damit der Weg nur angedeutet, auf welchem die 
Ausbreitung der Cultur die Entwickelung dieser unheilvollen 
Krankheit begünstigt. 

Ist es wirklich die Complicirtheit der Existenz¬ 
bedingungen der Menschen, der blosse Kampf ums Dasein, 
welcher allein einen so schweren anatomischen Process vermitteln 
kann, oder fehlt in dieser Kette von Ursache und Wirkung 
ein wichtiges ätiologisches Moment, das uns das Ver¬ 
ständnis gewinnen lässt, warum nur Einzelne an dieser schweren 
Erkrankung zugrunde gehen, während Andere auf den erschwerten 
Kampf um ihre Existenz gar nicht oder in anderer Weise 
reagiren? 

Nachdem die Strapazen an und für sich, das Trauma, ins¬ 
besondere das Kopftrauma, überstandene acute Infectionskrank- 
heiten, Vergiftungen mit Alkohol und Blei und hereditäre Be¬ 
lastung als ätiologische Factoren für die Paralyse verdächtigt 


J) R. v. Krafft-Ebing, Ueber Zunahme und Ursachen der progressiven 
Paralyse. Internationale Klin. Rundschau, Nr. 36, 1894. 


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322 


Dr. Josef Adolf Hirechl. 


and bei Weibern aach das Klimacterium and schwere Gebarten 
als Präcedens der Erkrankung ermittelt wurden, hat sich nach 
und nach die Erkenntniss Bahn gebrochen, dass die-Syphilis 
in den meisten Fällen zur Paralyse in ätiologischer 
Beziehung stehe; und diese Erkenntniss ist von manchen 
Autoren zu einem System ausgebaut worden, so dass Möbins, 
den Ausspruch Kjelberg’s wiederholend, die Existenz der 
Dementia paralytica ohne vorhergegangene Syphilis bestreitet. 

Eine grosse psychiatrische Klinik, wie die Wiener Klinik 
des Allgemeinen Krankenhauses, hat die Pflicht, zur Lösung der 
Frage der Aetiologie der Paralyse nach Möglichkeit beantragen, 
und deswegen erging an mich von Seiten meines hochverehrten 
Chefs, des Herrn Prof. v. Krafft-Ebing, die Aufforderung, 
eine Reihe von Fällen statistisch-ätiologisch zu bearbeiten. Es 
sei gleich hierorts der Dank ausgesprochen für die reiche För¬ 
derung dieser Arbeit durch Rath und That, die mir von Seiten 
des Herrn Prof. v. Krafft-Ebing zutheil wurde. 

Ich habe zunächst, nachdem ich mich einige Zeit an die 
anamnestische und an die klinische, sowie pathologisch-anatomische 
Bearbeitung einiger Fälle gemacht hatte, es für nothwendig 
gefunden, die Frauenparalyse vorläufig aus den Nach¬ 
forschungen über die Aetiologie auszuschliessen. Dafür 
waren mehrere Gründe vorhanden. Zunächst war die Anamnese 
der kranken Frauen in den meisten Fällen sehr schwer, in 
vielen gar nicht zu erheben, weil einige Frauen gar keine An¬ 
gehörigen hatten, andere wiederum solche, die vom Vorleben der 
Frau nicht unterrichtet waren. Wird noch hinzugefügt dass die 
Frauen in unserer Stadt über die luetische Infection gegenüber 
den Männern nur höchst mangelhaft unterrichtet sind, ja selbst 
Aborte der Beobachtung vieler Frauen entgehen, so ist bei der 
Thatsache, dass die Syphilis oft an dem Menschen, den sie heim¬ 
gesucht hat, keinerlei diagnostische Zeichen hinterlässt, die An¬ 
nahme eine begründete, dass die Beziehungen zwischen Syphilis 
und Paralyse unter diesen Umständen bei Frauen nicht mit der 
nöthigen Klarheit beleuchtet werden können. 

Wir haben deshalb nur Männer als Object unserer Unter¬ 
suchung benützt, und zwar jene 200 Männer mit progressiver 
Paralyse, welche vom 15. October 1894 bis zum 20. August 
1895 in klinischer Beobachtung standen. Obzwar unser 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


323 


grosses ambulatorisches Material reich ist au Paralytikern, oft 
an solchen, in denen die ätiologischen Beziehungen in grösster 
Klarheit und Präcision sich entwickeln lassen, haben wir 
auf die Bearbeitung des ambulatorischen Materiales principiell 
verzichtet. 

Dass die objectiv aufgenommene Anamnese eines Paralytikers 
mit Einberufung eines Theiles seiner Angehörigen, mit Citirung 
seiner Jugendfreunde und Genossen sexueller Vergnügungen eine 
sehr schwierige Arbeit ist, ist bereits von Siemerling und 
Thomson in den Charitdstatistiken betont worden. Trotzdem 
keine Mühe gescheut wurde, um die Antecedentien unserer Para¬ 
lytiker zu eruiren, sind wir doch bei einer Anzahl von Fällen 
über Manches im Unklaren gebheben. In 25 Fällen, in denen 
Angehörige zum Theile nicht vorhanden, zum Theile zu Aus¬ 
künften nicht bereit waren, haben wir auf die Anamnese ver¬ 
zichten müssen. 

Wir haben die Ergebnisse der Untersuchungen in Tabellen 
aufgenommen, welche neben einer laufenden Nummer die Journal¬ 
nummer des Allgemeinen Krankenhauses, das Datum der An¬ 
kunft, das Datum und die Art des Abganges, den vollen Vor¬ 
namen, den Anfangsbuchstaben des Familiennamens, Con- 
fession, Alter, Stand und Beruf der Kranken enthalten. Die 
Person, durch die die Anamnese ergänzt und bestätigt wurde, 
ist in einer nächsten Rubrik genannt. Die Angaben, die 
sich in der Rubrik über objective Symptome bestehender 
oder abgelaufener Syphilis finden, sind durch Syphilidologen 
controlirt worden; desgleichen ist in jenen Fällen, in denen 
über früher bestandene venerische Affectionen Unklarheit 
herrschte und die Erforschung der Art des Leidens im Bereiche 
der Möglichkeit lag, die Klarstellung der überstandenen Krank¬ 
heit zum mindesten versucht worden. 

Es folgen nun die Tabellen; die ersten 175 Fälle betreffen 
die Kranken mit genauen Anamnesen, die 25 letzten Fälle jene, 
bei denen auf eine Anamnese verzichtet werden musste. 


Jahrbücher f. Psychiatrie and Neurologie XIV. Bd 


22 


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324 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Tabelle I. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

q 

3 

ti. 

Um 

« 

Name, Alter, „ 

Confession, | ü 1 

Stand, Beruf. g 'S 

5 

G 

O 

s 

Neuro - 
pathisclie 
Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 

L-- 

Ueberstandene 
venerische AfFee- 
tionen: 

1 

18921 

JosefT.,37 J., Die 

Vatersbruder 

Nor¬ 

1877 Gonorrhoe. 


1. Oct. 1894 

katholisch, Frau. 

starb in einer 

mal. 



18. Oct. 1894 

verheiratet, 

Irrenanstalt. 




gegen Revers. 

Kaufmann. 




2 

19338 

Karl H., 40 J., Die 

Zwei Brüder 

Rhach. 

1873Ulcus durum. 


8. Oct. 1894 

katholisch, Frau 

starben gei¬ 


sechs Wochen 1 


19. Oct. 1894 

verheiratet, und 

steskrank, da¬ 


später Exanthem 


Irrenanstalt 

Ingenieur. ein 

von einer 


(Klinik Neumann) 


Wien. 

lang- 

durch Selbst¬ 


Schmiercur. 1 



jähri¬ 

mord, ein 





ger 

Bruder lebt, 





Freund. 

ist Alkoholi¬ 






ker, neuro- 






pathisch. Er 






selbst stets 






jähzornig, 






reizbar. 



j 3 

20086 

Heinrich K., Frau 

_ 

Nor¬ 

1876 Gonorrhoe, 


00 

o 

Qs 

39J.,mosaisch, und 


mal. 

l877Ulcus durum, 


19. Oct. 1894 

j verheiratet, Freund. 



Schmiercur. Spä¬ 


gegen Revers 

Conducteur. 



ter Papeln und 






Psoriasis palraa- 






ris. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


3*25 


Tabelle I 


Däner der 
Ehe, 

Descendenz: 


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Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insalte: 


Complicatio- 

nen: 


Seit Jan. 1880. 

I . 1880Abortus 

II. 1881 f nach 
9 Wochen an 
Fraisen 

III. 1883 Abortusl 

IV. 1884 lebt, ge 
snnd. 

Seit Jan. 1894. 

I. Abortns im 2. 
Monate 1894. 


Keine. 


Keine. 


Seit 1879. 

112 Jahre alt,| 
an Scharlach 
V.f5 Wochen alt, 
an Fraisen 

VII. t 3 Jahre alt, 
an Masern 

VIII. todt geboren 

ft. ra., IV., VI., 

IX. leben and 
sind gesund. 


Narben 
am wei¬ 
chen Gau¬ 
men. 


Seit 

1886 

Pota¬ 

tor. 


Pota¬ 

tor. 


1886 Pneu¬ 
monie und 
Typhus, an¬ 
geblich seit¬ 
her reizbar, 
jähzornig. 


1877. Krieg in 
Bosnien. 


Seit 1882 
Tramway¬ 
dienst als Con- 
ducteur. 


Seit 1893. 
Demente 
Form 

der Paralyse, 
Schwindel¬ 
anfälle. 


März 1894. 
Classische 
Form. 


1894. 
Demente 
Form. 
Epileptiforme 
Anfälle. 1 


Alkoholis¬ 

mus. 


Alkoholis¬ 

mus. 


Alkoholis¬ 

mus. 


22 * 


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Google 





326 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter. 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium 

Ueberstandene 
venerische Affec 
tionen: 

4 

19147 

Josef K.,38 J., 

Frau. 


Rhacli 

_ 


4. Oct. 1894j 

mosaisch, ver- 






25. Oct. 189J 1 

heiratet, 






gegen 

Hausirer. 






Revers. 






5 

12600 

Johann B., 

Frau. 


Nor- 

Sicher eine 


21. Juni 1894 

44 J., evan¬ 



mal. 

venerische 


1. Nov. 1894 

gelisch, ver¬ 




i Affection mit 


Irrenanstalt in 

heiratet, Mon¬ 




' lange dauernder 


der Schweiz. 

teur 




Allgemeinbehand- 



(St. Gallen). 




long. 





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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


327 



Däner der 
Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

o 

JS 

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O Q 00 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 


Seit 1880. 

I. 1881 Abortus 
im dritten 
Monate 

II. 1882 angeb¬ 
lich im ersten 
Lebensjahre 
Pemphigus 
syphiliticus 

III. 1683 gesund 

IV. 1884 gesund 

V. 1886 starb, 
sechs Jahre 
alt,an Fraisen 

VI. 1888 gesund. 


Pota¬ 

tor. 


Mai 1894. 
Demente 
Form. 

Alkoholis¬ 

mus. 


Concubinat seit 

1874 (Ehe seit 
1892;. 

I. 1877 f ftnf 
Jahre alt, an 
Hydrocepha- 
lus und Frai¬ 
sen 

II. 1879, lebt, 
hatte Fraisen 

DI. 1880 starb, 
sieben Mo¬ 
nate alt, an 
Fraisen. 



Am 31. Mai 
1894 fiel ihm 
eine sehr 
schwere 
Kurbel auf 
den Kopf; Be¬ 
wusstlosigkeit 
durch mehre¬ 
re Stunden. 
Nach kurzer 
Arbeitsfähig¬ 
keit epilepti- 
former Anfall 
durch fünf 
Minuten am 

8. Juni 1894; 

am selben 
Tage ein zwei¬ 
ter Anfall; 
nachher Ver¬ 
blödung. 

Dement. 
Zwei epilepti- 
forme Insulte. 

i 



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328 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 


£ 5 

3 


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Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 


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Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 


E 

3 

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CQ 


Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


20495 
(23. Oct. 1894| 
l. Nov. 1894 
Igegen Revers.' 


19981 
IG. Oct. 1894' 
4. Nov. 1894 + 
Sectionsergeb- 
niss: Atrophia 
cerebri; End- 
arteriitis 
chron. aortae, 
Insufficientia 
lev. gradus j 
valv. aortae, ' 
Stenosis ostii 
jarteriae coro-, 
nariae sin. 
Concretiopul- 
monis dextri, 
Oedema pulm. 
acut.,Hydrops| 
universalis, 
Ulc. cruris 
sinistri 
(Kolisko). 


[Franz S., 45 J., 
katholisch, 
verheiratet, 
Goldarbeiter. 


Thomas J., 
52 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Stein¬ 
metzgehilfe. 


Frau. 


Frau. 


Rhach. 1874 Sklerose roitl 
hydro- grauem Pflaster 
kephal. behandelt, keine 
Secundärerschei- 




nungen. 


1864Ülcus durum. 
Angeblich keine 
Secundärerechei- 
nungen. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


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Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Complicatio- 


Seit 1881. 
Keine Kinder. 


Demente 

Form. 


Tabes 

dorsalis. 


Seit 1873. Narbige ! 

I., II., III. ge* Zerstö- 

sund rung des 

IV. Abortus weichen 

V. starb nach Gaumens, 

13 Tagen an besonders 
allgemeiner rechts. 

Schwäche 

VI. starb nach 
fünf Monaten 
an Schwäche 

VII. , VIII. gesund.; 


Hypochondri¬ 
sche Form 
seit 1892. 


Aorten- 

insufficienz. 


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330 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr 


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21268 

|S. Nov. 18941 
[7. Nov. 1894 
gegen Revers. 


Name, Alter, 
Confession. 
Stand, Beruf. 


Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 


es 

-3 


Ignaz H., 44 J., Frau, 
mosaisch, ver¬ 
heiratet, Gast- 
j wirth. 


9 18152 PeterS., 36J., 1 Frau. 

|20. Sept. 1894 katholisch, 

7. Nov. 1894! verheiratet. 
Irrenanstalt Kupfer- 

Troppau. schmied. 




Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


1876 Gonorrhoe, 
sonst keine vene 
* rische Affection. 


1878 Gonorrhoe. 
1886 örtlich be¬ 
handeltes Ge¬ 
schwür, drei Wo¬ 
chen Krankheits- 
dauer (in Bra¬ 
silien!). Keine 
secundären Er¬ 
scheinungen. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


331 





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Dauer der 

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Geistige Ueberanstr 
psychische Trau 
Traumen, Strap 
Durchnässungen, E 
gen, überstandene 
tionskrankheit 

Alter, Form 

Ehe, 

Descendenz: 

t>v Ö 

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11-2 

ieationen 

Blei) 

der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


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HH 


Seit 1877. 



Sturz auf den 

Demente 

I. 1880 starb, 



Kopf im April 

Form. 

37i Jahre alt, 



1894 mit 


anPneumonie 



nachfolgender 


II. 1881 starb, 



Bewusst! osig- 


sechs Wochen 



keit; im An- 


alt, an Fraisen 



Schluss daran 


DI. 1883Abortus 



angeblich ab- 


im dritten 



nehmende 


Monate 



Intelligenz. 


IV. 1884 lebt 

V. 1886 lebt 

VI. 1887 starb, 





ein Jahr alt, 
an Fraisen 





VII. 1890 Abortns 

VIII. 1891Abortüs 

IX. 1893 Abortns. 





Seit 1888. 

„Keine 

— 

Strapazen in 

SeitDeoember 

I. 1890 gesund 

manifesten 


Brasilien 

1893. 

II. 1891 gesund 

Zeichen 


1879 bis 1888. 

Demente 

III. 1891 gesund. 

von Lues; 



Form. 

letztere je¬ 



4. November 


doch nicht 



paralyt. Insult 


unwahr¬ 



mit nach¬ 


scheinlich. 



folgender 


Multiple 



rechtseitiger 

1 

indolente 



Extremit&ten- 


Leisten- 
u. Crural- 



schwäche. 


drüsen- 

achwel- 





lung” (Kli¬ 
nik Neu¬ 





mann). 





Complicatio- 

nen: 


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332 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 



Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


10 

20998 

30. Oct. 1894 
6. Nov. 1894 
gegen Revers. 

JosefS., 35 J., 
katholisch, 
verheiratet, 
Eisendreher¬ 
gehilfe. 

Frau. 


Rhach. 

1882 Sklerose 
mit nachfolgen¬ 
dem Exanthem; 

Schmiercur 

(WienerAllgemei* 

nesKrankenhausj 


11 

19650 

12. Oct. 1894 
9. Nov. 1891 
gegen Revers. 

Gustav B., 
142 J., katho¬ 
lisch, geschie¬ 
den, Beamter. 

Mutter, 
Schwe¬ 
ster u. 

ge¬ 

schie¬ 

dene 

Frau. 

Ein Bruder 
starb in der 
Klinik an Pa¬ 
ralyse nach 
LuCs. Zwei 
Schwestern 
gesund. Sonst 
keine Ge- 
Geschwister; 

der Vater 
starb an Apo¬ 
plexie, die 
j Mutter ist 
gesund. 


1869 Ulcus moile 
(Klinik Zeissl). 
1884 Ulcus durum 
(Doc. Dr. Fin¬ 
ger), Papeln im 
Munde, Psoriasis 
palmaris. Hg-cur. 
1884 wurde die 
Frau von ihm mit 
LuCs inficirt, des¬ 
wegen Scheidung. 


12 

21446 

5. Nov. 1894 
13. Nov. 1894 
Irrenanstalt 
Wien. 

Edmund G., 
!32 J., katho- 
lisch, Witwer, 
Gymnastiker. 

Schwe¬ 

ster. 



1881 Sklerose mit 
nachfolgendem 
Exanthem. Hg- 
Cur. Krankenhaus 
Wieden. 


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Die Aetiologie der progressiren Paralyse. 


333 


Dauer der 

Ehe, 

De8cendenz: 

Objectnre Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 

psychische Traumen, 

Traumen, Strapazen, 

Durchnässungen, Erkältun¬ 

gen, öberßtandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 


Seit 1881 

1.1888 f 6 Jahre 
alt, an Menin¬ 
gitis (luetica?). 




Seit October 
1894. 
Demente 
Form. 



Seit 1878 

I. 1879 gesund 

II. 1881 gesund 

III. 1884 Abortas 

IV. 1884 Abortus 
1886 Schei¬ 
dung der Ehe. 

Psoriasis 
linguae. 
Plaques 
an der 
Wangen¬ 
schleim¬ 
haut (Kli¬ 
nik Neu¬ 
mann). 



Seit August 
1898. 
Demente 
Form. 

Septemb. und 
Oct 1894 je 
ein paralyti¬ 
scher Anfall, 
nach dem 
zweiten linke 
Extremitäten- 
l&hmung und 
linke Hemi¬ 
anopsie. 

Psoriasis lin¬ 
guae syphi¬ 
litica. 


Seit 1887 

I. 1885 gesund 
II. 1887 starb 
jung, an Frai¬ 
sen 

m. 1891 gesund 
IV. staib an Frai¬ 
sen 

V. Abortus 

VI. starb an Frai¬ 
sen 

(IV., V., VI. Ge¬ 
burtsjahr nicht 
festzustellenj. 



Kopfsturz 
1881, seither 
kopflei¬ 
dend (?). 

Seit August 
1891. 
Demente 
Form. 


1 


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334 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 


13 


14 


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B § 

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Name, Alter. -2 
Confession, | 'S 

Stand, Beruf. g ^ 


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Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 


C5 




21284 
18. Nov. 1893 
14.Nov.l894fj 
Vorläufiger 
Sectionsbe- 
Iriclit: diffuse| 
Sklerose der 
Hirnrinde, 
Leptomenin- 
Igitis chronica. 


15 


|Emil S., 20J.. Schwe- Stets geistig Rha- 
mosaisch, ster. zuriickgeblie- chi- 
ledig, ohne ben. tisch- 

Beruf. ! hydro* 

cephal. 


20299 Julius W., 
21. Oct. 1894 35 J., katho- 


14. Nov. 1894 
gegen Revers. 


lisch, ledig, 
Pharmaceut. 


Mutter 

(de¬ 

ment). 


Vater starb, 
57 Jahre alt, 
dement, unter 
Lähmungs¬ 
erscheinun¬ 
gen. Mutter 
dement, Pat. 
stets reizbar, 
jähzornig. 


21693 | Anton W., Frau. 

[8. Nov. 1894 56 J., katho- 


Rhach. 

Rha- 

chitis- 

mus 

univer- 

salis. 


Rhach. 


13. Nov. 1894 
Irrenanstalt 
Brünn. 


lisch, verhei¬ 
ratet, Fleisch* 
selcher vom 
Lande. 


Ueberstandene 
venerische Alfec- 
tionen: 


Keine venerische 
Affection. 


Keine Angabe 
wegen Demenz 
des Kranken. 


Nach Angabe der 
Frau vor der 
Ehe eine Genital* 
affection unbe¬ 
kannter Art 




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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


335 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


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Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Complicatio- 

nen: 


l Vater ermordet, 
Mutter im Wo- 
i chenbett gestor¬ 
ben. In erster Ehe 
des Vaters fünf 
gesunde Kinder 
und zwei, die an 
Tuberculose der 
Lungen starben; 
in zweiter Ehe 
zwei gesunde 
Kinder, als drittes 
der Kranke Emil 
S.; nachher pwei 
Todtgeburten. 


Frühjahrl892. 
| Juvenile 
Form 

der Paralyse. 


jSeit Septemb. 
I 1894. 

I Demente 
' Form. 


Seit 1884 
I. 1884Abortus 
im zweiten 
Monate 

II. 1885Abortus 
im zweiten 
Monate 

ID. 1886 lebt, ge¬ 
sund 

IV. 1889Abortus 


Seit Juli 1894. 
1891 ein 
Schlagan¬ 
fall (?). 

| Demente 
Form. 


Digitized by 


Google 





336 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nh 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 

durch: 

Neuro- 
pathische 
Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 

16 

20760 

Josef B., 42 J., 

Frau. 

_ 

_ 


26. Oct. 1894 

katholisch, 





16. Nov. 1894 

1 verheiratet, 





Irrenanstalt 

Taglöhner. 





Brünn. 





17 

21021 

Johann W., 

Frau. 




30. Oct. 1894 

47 J., katho¬ 





L7. Nov. 1894 

lisch, verhei¬ 





Irrenanstalt 

ratet, Bierab- 





Wien. 

trager. 




18 

18875 

Johann P., 

Frau 

Onkel 

Rhach. 


1. Oct. 1894 

32 J., katho¬ 

(frühe- 

schwach¬ 

Cra- 


18. Nov. 1894t 

lisch, verhei¬ 

reCon- 

sinnig. Ein 

nium 


Section: Atro- 

ratet, Kellner. 

cubine) 

Bruder endete 

und 


phia cerebri, 


imbe- 

durch Selbst¬ 

Zähne. 


Leptomenin- 


cill, 

mord, eine 



gitis chronica, 


keine 

Schwester 



Ependymitis 


präcise 

neuropathisch; 



granularis, 


Aus¬ 

er selbst stets 



Hydrocepha- 


kunft. 

jähzornig, 



lus chron. int. 



reizbar. 



et ext. Pneu- 






monia crou- 






posa 






j 

Ueberstandene , 
venerische Affec- 
tionen: t 


Angeblich keine. 


(Sicher eine vene¬ 
rische Affection 
1882. 


Angeblich keine. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


337 



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O Q ** 


Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Seit 1887 
I. 1888 gesund 
II. 1885 gesund 
EU. 1889 starb, 
sieben Mo¬ 
nate alt, an 
Meningitis u. 
Krämpfen 
IV. Abortus im 
dritten Mo¬ 
nate. 


(1890 Sturz October 1894. 
aus grosser Demente 

Höhe von Form, 
inneren Ver¬ 
letzungen ge¬ 
folgt). 



Tabes 

dorsalis. 


Seit 1888 
Keine Gravidität.! 


Unbekannt 
seit wann. 
Demente 
Form. 


Seit 1881 Con- 
cubinat (1889 
Ehe) 

I. 1881 Abortus. 


(1892 Vermö- 
gensverlust, 
indem er sich 
in leichtsinni¬ 
ge Specu- 
lationen ein- 
liess. Viel¬ 
leicht schon 
krank!) 

1893 

Influenza. 


I Seit März 
1894 (?). 
Seit 1893 
Schwächean- 
flüle. 

Hypochon¬ 
drische Form. 


Digitized by Google 










338 


Dr. Josef Adolf Hirsch!. 


Nr. 


— 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Bemf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit desCranium. 

Ueberstandeue 
venerische Affec* 
tionen: 

22222 

Carl L., 41 J., 

Frau. 

Schwester- 

_ 

Keine. 

15. Nov. 1894 

katholisch, 


sohn geistes- 



19 Nov. 1894t 

verheiratet, 


krank. Bruder 



Section: Car- 

Glasergehilfe. 


Alkoholikerin 



cinoma ventri- 



der Wiener 



culi und Meta- 



Irrenanstalt. 



stasen in der! 



Patient 



Leber. Gerin- 



stets sehr 



ge Hirnatro-1 



emotiv, 



phie mit frag- 



reizbar. 



licher Bethei-j 






ligung der MeH 






ningen (uner- 






öffnetes Ge-1 






hirn). 






21675 

Franz K., 39 J., 

Concu- 

Nein. ( 

Rhach. 

Sicher eine vene¬ 

8. Nov. 1894 

katholisch, 

bine. 


hydro- 

rische Affection 

19. Nov. 1894f 

ledig, Metall¬ 



cephal 

1877. 

Section: Me- 

dreher. 






19 


20 


|ningitistuber-1 
culosa, alte 
Lungentuber- 
|culose, acuter 
Milztumor; 
|Stirnhirnatro- 
phie, schwer 
abziehbare 
Hirnhäute, 
Ependymitis 
granularis, 
Hydrocepha- 
lus chronic, 
int. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


339 


Däner der 
Ehe, 

Descendenz; 


L 


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O Q 06 


Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


ComplicatiO' 


Seit 1884 
I. 1885 gesund 

II. 1886 starb 
drei Wochen 
alt an Darm¬ 
verwickelung 

III. 1889 gesund 

IV. 1892 starb 
iy 4 Jahre alt 
an Diphthe- 
ritis. 


Seit 1879 Concu- 
binat. 
Keine Gravidität. 


Alko¬ 

holiker. 


! Seit kurzem. 
Classische 
Form. 


1878 Feldzug 
(Bosnien). 


November 

1894. 

Am 4. Nov. 
1894 epilepti- 
fonner Anfall, 
nachher starke 
Sprachstö¬ 
rung. 
Demente 
Form. 


Jahrbficber f. PaychiaftrU and Neurologie. XIV. Bd. 


Carcinoma 

ventriculi; 

Alcoholismus 

chronicus. 


Meningitis 

tuberculosa. 


23 


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340 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 


e 

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Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 


ff 

5 


Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 


o 


pC 

c 


5a 


Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


21 


16935 Josef E., 42 J. 

31. Aug. 1894 mosaisch, ver- 
21. Nov. 1894t) heiratet, 
Section: Atro- 


22 


phia cerebri, 
Leptomenin- 
gitis stärkeren 
Grades, beson-; 
ders an der 
Convexität; 
kleine Seiten-| 
Ventrikel, 
Ependyraitis, 
stark hyper- 
ämisches Ge-| 
hirn. Pneu- 
monia lob. inj 
den Unter¬ 
lappen, 1. > r. 

17004 1 

2. Sept. 1894 
21. Nov. 1894 
Irrenanstalt 
Dobran 


Agent. 


Gottlieb K., 
|38 Jahre, ka- 
|tholisch, ver¬ 
heiratet, 
Kellner. 


23 


19010 

2. Oct. 1894 ! 
21. Nov. 1894 
Irrenanstalt 
Dobfan. 


Rudolf T., 
|33 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Speng¬ 
lergehilfe. 


Frau. 


Frau. 


Frau. 


Ein Bruder Rhach. 
starb geistes- 
l krank, ein 
Bruder endete 
durch Suicid. 

Patient stets, 
reizbar, jäh¬ 
zornig. 


1873 Sklerose 
ohne Allgemein- 
behandlnng. 


Vater starb 
1860 an Para¬ 
lyse; Mutter 
an Cholera 
1866.EinBru- 
der,40J. alt, in 
I.-A. Prag, lei¬ 
det an Paraly- 
se.ZweiSchwe- 
i stern gesund. 


— Rhach 


1891 Sklerose mit 
nachfolgendem 
Exanthem. Keine 
Allgemein¬ 
behandlung. 


1885 Ulcus du¬ 
rum mit secun- 
dären Erschei¬ 
nungen. Hg-Cur 
im Wiener Rudolf- 
Spitale 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


341 



Dauer der 

Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge- 
lanfener Syphilis. 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). ; 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 



Seit 1882. 

I. 1882 Abortus 
im zweiten Mo¬ 
nate. 

1 

. 


Sorgen wegen 
Entlassung 
aus seiner 
Stellung, Ja¬ 
nuar 1894. 
Schon krank. 

Decemb.1893. 
Sehr viele An¬ 
fälle mit klon. 
Krämpfen, 
tagelang 
dauernd, starb 
in einem sol¬ 
chen Anfalle. 
Demente 
Form. 




Seit 1884. 
Keine Kinder. 

Narbe am 
Penis, 
nicht als 
sicheres 
Zeichen 
fttr über¬ 
standene 
Lu6s auf¬ 
zufassen. 

Potator 

stre- 

nuus. 

— 

Mitte 1893. 
October 1894 
epileptifor- 
mer Anfall. 
Demente 
Form. 

• 

Alcoholißmus 

chronicus. 

1 

I 


Seit 1891. 

1. 1891Abortu8 
im vierten 
Monate 

II. 1892Abortas 
im dritten 
Monate. 




Seit Septem¬ 
ber 1894. 
Demente 
Form. 


i 

! 

i 


23* 


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342 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


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Nr. g * Confession, 

£ 's Stand,Beruf. 

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8 t pathische 

g ^ Veranlagung. 

G « 

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u- 23 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen. 

24 21823 Carl F., 51J., 

Frau. — — 

Eine venerische 

10. Oct. 1894, katholisch, 


Affection, unbe- 

23. Oct. 1894 verheiratet. 


kannt wann. 

Irrenanstalt 1 Gastwirth. 



Wien 



25 19301 [Carl P.,54 J., 

Schwe- Eltern reizbar. Rhach. 

1867 Sklerose 

7. Oct. 1894 katholisch, 

ster, zornraüthig; 

mit Exanthem. 

24.Nov.l894f Witwer, 

nicht Vatersbrüder 

(Inunctdonscur) 

Obduction: Schriftsetzer. 

genau i u I.-A.; drei 

Klinik Siegmnnd, 

Atrophia cere- 

infor- lebende Ge- 

1882 Iritis luetica, 

bri, Leptome- 

mirt- Ischwister ex¬ 


ningitis chro¬ 

quisit neuro- 


nica. Degene- 

pathisch. Pat. 


ratio grisea 

! stets unge- 


fun.post.med. 

1 • 
mein reizbar. 


spinalis.Bron¬ 

neuropa- 


chial carci- 

thisch. 


nom; Fractur 



des r. Unter¬ 



kiefers. 



26 19380 Wenzel K., 

Frau. — — 

War einmal 

8. Oct. 1894 37 J., katho- 


infteirt. 

25. Nov. 1894f lisch, verhei- 



Obduction: ratet, Ge- 



Atrophiacere- schäftsdiener. 



bri, Leptome- 



ningitis ehr.. 



H} T drocepha- 



lus ehr. int. et 



extern. Pneu- 



monia lobul., 



Sephthaemia. 




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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


343 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


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Alter, Form 

der Paralyse, Coraplicatio- 
paralytische nen: 
Insulte: 


Seit 1887. 

— _ 

(Juni 1894 

Juni 1894 (?). 


I. 1889 Todt- 


trostlos durch 

Demente 


gebürt 


den Tod des 

Form. 


II. 1890 Todt- 


Kinde8,im8el- 



gebürt 


ben Monate 



III. 1892 t zwei 


Sturz auf den 



Jahre alt, an 


Kopf); schon 



Diphtheritis. 


vorh. vergess- 





lieh, reizbar. 



Ehe 1875bis 1883. 

— Schrift- 

_ 

Seit Ootober 

Tabes dor- 

I. starban Diph- 

setzer 


1894. 

salis. 

theritis, acht 

seit 


Demente 

Lungen- 

Monate alt 

mehr 


Form. 

carcinom 

II. starb zwei 

1 als 30 



und Fractur 

Jahre alt 

! Jahren. 



des rechten 

III. starb drei 

Keine 



Unterkiefers 

Jahre alt 

Intoxi- 



bei Carcinom- 

IV. starb sechs 

cati- 



metastase. 

Monate alt, 

onser- 




angeblich alle 

schei- 




anDiphteriti8 

nun- 




V. 1880schwäch¬ 

gen. 




licher Knabe, 





lebt. 





Seit 1887. 

— — 

— 

Seit Sommer 

— 

I. 1885 gesund 



1893. 


II. 1886 starb 



Demente 


3*/ 2 Jahre alt 



Form. 


an Wasser¬ 




i 

kopf, Fraisen. | 




I 

III. 1891Abortusj 




i 

IV. 1892 lebt, 





hjdrocephal. 


- 


j 


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344 Dr. Josef Adolf Hirsch!. 


1 

Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 

durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung, 

Beschaffenheit des Craniura. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen. 

27 

17090 

3. Sept. 1894 
27. Nov. 1894t 

Vorläufiger 
Obductions- 
bericht: Typi¬ 
scher Befund 
der progres¬ 
siven Paralyse. 

Albert S., 

16 J., katho¬ 
lisch, ledig, 
ohne 

Beschäftigung 

Eltern. 


Rhach 

*| 

1 

28 

22189 

15. Nov. 1894 
28. Nov. 1894t 
Obduction: 
Typischer Be¬ 
fund, Pneu- 
monia crou- 
posa. 

Johann K., 
33 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Maurer 
vom Lande. 

Frau 

schwach¬ 

sinnig. 


Rhach. 

Keine Angaben ( 
wegen hochgradi¬ 
ger Demenz. 

1 

29 

10244 

19. Mai 1894 
1. Dec. 1894t 
Obduction: 
TypischePara- 
lyse, Tuber- 
culose der 
Lungen. 

Jacob W., 
43 J., mo¬ 
saisch, ledig, 
Buchhalter. 

Keine 

Angehö¬ 

rigen. 


i 

! 

I 

Stand bereits frü¬ 
her in hierortiger 
Behandlung; da¬ 
mals wurde sicher 

ü b erstandeneLu& 

constaürt 

30 

, 

21135 

1. Nov. 1894 
5. Dec. 1894t 
Obduction: 
TypischePara- 
lyse, Phleg¬ 
mone, Seph- 
thaemia. 

Paul K., 35 J., 
katholisch, 
ledig, Kellner. 

Keine 

Ange¬ 

hörigen. 



Vor circa 10 Jah¬ 
ren Sklerose mit! 
Exanthem. 
Schmierern* im 
Allgemeinen 
Krankenhaose 

Wien. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


345 


Dauer der 

Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstiengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infee- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 

Kinder der Eltern 

I. f 19 Jahre 
alt an Tuber- 
culose 

II. Todtgeburt 

III. f 15 Tage alt 

IV. Patient 

V. u. VI. gesund 
VII. Todtgeburt. 



1892 fieber¬ 
hafte Erkran¬ 
kung von 
achttägiger 
Dauer 

Seit 1892 (?) 
Juvenile 
Form. 

26. August 
1894 epilepti- 
former Anfall. 

Atrophia nervi 
optici utrius- 
que. 

Seit 1884. 

1. 1880 starb 

14 Tage alt 
II. 1882 starb 
vier Monate 
alt an Fraisen 
m., IV., V., VI., 
VII., VIII. ge¬ 
sund ohne 
Fraisen. 




Seit Mai 1894. 
Demente 
Form. 






Seit ca. 1893 
80. October 
1894 epilepti- 
forme Anfälle. 
Demente 
Form. 






Seit Anfang 
1894. 21. No. 
vember para- 
lyt. Insult mit 
rechtsseitiger 
Extremitäten¬ 
lähmung. 
Demente Form. 



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346 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen. 

31 

| 21354 

Hyacinth K., 

Schwie- 

Sechs Ge- 

___ 

Nicht eruirbar. 


5. Nov. 1894 

47 J., katho- 

gersohn 

sch wister reiz- 




iO.Dec. 1891t 

lisch, verhei- 


bar, zornig, 




Obduction: 

ratet, akadem. 


eine Schwes- 




Starke Hirn- 

Maler aus 


ter in I.-A. 




atrophie, be- 

Ungarn. 


Patient stets 




sonders in den 



zornig, streit- 




Stirnlappen; 



süchtig, un- 




Hydrocephal. 



verträglich. 




externus. 







Pneumonia 







lobularis. 






32 

17666 

Leopold K., i 

Frau 



Soll zur Zeit der 


12. Sept. 1894 

56 J., mosa¬ 




Geburt seines 


13. Dec. 1894 

isch, verhei¬ 




Kindes venerisch 


Irrenanstalt 

ratet, Agent 




inficirt gewesen 


Kulparkow. 

aus Galizien. 




sein. 

' 33 

19422 

Carl S., 37 J., 

Concu- 


Rach. 

Angeblich keine. 


8. Oct. 1894 

katholisch. 

bine, 





13. Dec. 1894 

ledig, Drechs¬ 

schwach¬ 





Irrenanstalt 

lergehilfe. 

sinnig. 





Kulparkow. 





• 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse- 


347 



Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis. 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 



Seit 1866 (mit 
19 Jahren) 

I. 1866 gesund, 
hatte Fraisen 

II., m. starben 
nach wenigen 
Tagen an 
Fraisen 

IV. 1878 lebt, 
Fraisen 

V. starb kurz 
nach der Ge¬ 
burt an Frai¬ 
sen 

VI. 1878 lebt. 
Fraisen 

VH., Vin. star¬ 
ben kurz nach 
derGeburtan 
Fraisen. 


Potator 

stre- 

nuus. 

1866 Feldzug, 
1888 Malaria 

SeitDecember 

1893. 

Demente 

Form. 

Alcoholismus 

chronicus 



Seit 1878. 

I. 1879 lebt, 
gesund, 
seither steriL 


— 

— 

August 1894. 
Demente 
Form. 

— 



2 Abortes der 
Concubine. 


— 


? 

Demente 

Form. 

— 



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348 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 



Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 

~T 

Ueberstandene 
venerische Affec* 
tionen: 


84 

! 

21768 

9. Nov. 1894 
15. Dec. 1894 
gegen Revers. 

i 

| 

Carl R., 43 J., 
katholisch, 
verheiratet, 
Spengler¬ 
gehilfe. 

Frau 



1867 Schanker 
ohne Spitals¬ 
behandlung. 

i 


35 

5113 

10. März 1894 
16. Dec. 1894 
Irrenanstalt 
Pest. 

Aladar v. M., 
29 J., katho¬ 
lisch, ledig, 
Privatier. 

Keine 

Ange¬ 

höri¬ 

gen; 

schrift¬ 

licher 

Be¬ 

richt. 

ZweiBlutsver. 
wandte in 
Irrenanstal¬ 
ten. 

Patient stets 
neuropathisch 


1885 Sklerose und 
Exanthem. Inunc* 
tionscor. 

: 

36 

i 

18904 

1. Oct. 1894 
17. Dec. 1894 
gegen Revers. 

\ 

Wenzel K., 
28 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Schuh- 
jmachergehilfe 

Frau 
ist mit 
Luösin 
Be¬ 
hand¬ 
lung. 


i 

1888 infieirte er 
die Frau mit Lu5s- 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


349 



Däner der 

Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 



Seit 1881. 

I. 1882 starb 5 
Monate alt an 
Blattern 

II. 1883 gesund 

III. 1884 starb 
post partum. 

IV. 1885 im 7. 
Monate todt 
geboren 

V. 1889 Abor- 

tU8 

VI. 1890 starb 
2 Jahre alt 
an Lungen¬ 
entzündung. 




Seit Januar 
1894. Mehrere 
apoplecti- 
forme Anfälle. 
Demente 
Form. 




Concubinat seit 
1889. Steril. 




Seit 1893. | 
Demente 
Form. 

i 

| 



Concubinat seit 
1888. Ehe seit 
1892. 

I. 1888 unzei¬ 
tige Geburt 
im 6. Monate. 

i 

i 

1 

““ 

Seit Mai 1894. 
August 1894 
apoplectifor- 1 
merlnsult mit 
rechtsseitiger 
Extremitäten - 
lähmung, 
Sprachstö¬ 
rung. 
Demente 
Form. 

i 

i 



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350 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 


.G 

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-3-S 
£ -< 


37 


24302 

14. Dec. 1894| 


Johann R.. 
31 J., katho- 


18. Dec. 1894+11 lisch, ledig, 
Obduction: Schuhmacher- 
Myocarditis gehilfe. 
mit Stauungs¬ 
erscheinungen 
in Milz, Leber. 

Lunge und 
Magen; typi¬ 
scher Befund 
der Paralyse. 


Ge- 

liebte. 



N 

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Name, Alter, 


Neuro- 

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Ueberstandene 

Confession, 

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pathische 

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venerische Affec- 

Stand, Beruf. 

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Veranlagung. 

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CQ_ 

tionen: 


38 

15951 

Jakob T., 

Frau 


16. Aug.1894 

44 J., katho¬ 

und 


23. Dec. 1894 

lisch, verhei¬ 

ein 


wegen Decu¬ 

ratet, Schuh¬ 

Ju¬ 


bitus in die 

macher. 

gend¬ 


Wasserbett¬ 


freund. 


abtheilung 

transferirt. 



39 | 

22898 

iCarl S., 58 J., 

Frau. 


24. Nov. 1894] 

katholisch. 



23. Dec. 1894 

verheiratet, 



Igegen Revers. 

Claviervirtuos 


40 

21076 

Josef K., 33 J , 

Frau. 


31. Oct. 1894 

katholisch, 



p24. Dec. 1894 

verheiratet. 



gegen Revers 

Musiker. 



Rhach. 


Nicht eniirbar. 


1883 venerisch 
afficirt 


1874 Sklerose. 

Inunctionscur. 


1883 Sklerose und 
Exanthem. 


Digitized by 


Google 




Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


351 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 

Objecüve Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicatiouen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

! 

* 

i 

1 

Complicatio- 

nen: 


Seit 1882 Con- 
cubinat Steril. 

! 

i 

! 

i 



Seit Novemb. 
1894. 

1 Gehäufte 

1 epileptiforme 
Anfalle. 
Demente 
Form. 



Concubinat seit 

1880. Ehe seit 
1887. 

I. 1881 lebt, ge¬ 
sund 

D. 1888 Todt- 
geburt 

DI. 1885 Todt- 
geburt. 

— 


— 

Seit Januar 
1893. Wieder¬ 
holt epilepti¬ 
forme Anfälle.. 
Demente 
Form. 

| 

i 

Seit 1863. 

I. 1868 Abortu8 

II. 1869 starb 4 
Monate alt an 
Pneumonie. 

8eitl883Concubi- 
nat. Ehe seit Mai 
1894. 

I. 1891 gesund 

II. starb 2 Monate 
alt an Fraisen 
1892 

HI. 1894 Abortus. 

% 

— 

1892 

Influenza. 

SeitDec.1893. 
Paral. Anfalle 
m. vorübergeh. 
Lähmungen. 
Class. Form. 

Seit October 
1894. 
Demente 
Form. 

— 



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352 


Dr. Josef Adolf Hirsch). 


Nr. t | 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

- : - 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit desCranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

Ui 

24247 

Carl K., 

Frau 

_ 

Rhach. 

1879 Schanker 


13. Dec. 1894 

39 J., katho- 




mit grauem Pfla- 


26. Dec. 1894 

lisch, verhei- 




ster und innerh- 


Versorgungs- 

ratet, Steuer- 




ehern Medieament 


anstalt in 

mann. 




behandelt (Spital 


Wien. 





der barmherzigen 







Brüder, Wien.) 

42 

20631 

Johann P., 

Ge- 



1854 Schanker. 


25. Oct. 1894 

59 J., katho- 

liebte, 





28. Dec. 1894 

lisch, verhei- 

wenig 





Irrenanstalt 

ratet, Tag¬ 

intelli- 





Sternberg. 

löhner. 

gcnt. 




43 

20216 

Valentin S., 

Frau. 



1867Sklerosemit 


19. Oct. 189446 J-, katho- 




Exanthem. 


28. Dec. 1894 

lisch, verhei- 




Pillen- 


Irrenanstalt 

ratet, Friseur. 




behandlung. 


Sternberg. 

II 






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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


353 


I 

Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge- 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 


Seit 1888. 

_ 

_ 

1890 

Seit Novemb. 



1.1888 gesund 



Influenza 

1893. 



11.1889 Abortus 




Demente 


| im 2. Monate 




Form. 



IO. 1890 gesund 







IV. 1891 starb 19 







Tage alt an 







Fraisen. 







Ehe 1870-1873, 

_ 

_ 


Seit Anfang 

Tabes dorsa- 

steril. Concubinat 




1893. 

lis. 


seit 1874. 




Demente 



I., D., UI.,IV., VI. 




Form. 



| starben klein ohne 






1 Fraisen. V. 1884 






lebt, gesund. 





t 

Seit 1879. 

_ 

_ 

(Ende 1892 

Seit Ende 



1 1.1880 starb 4 



ging sein Ge- 

1892? 



i Jahre alt an 



schäft zu- 

Demente 

i 

Fraisen (Hy- 



gründe; wahr- 

Form. 


drocephalus) 



8cheinlich war 



U. 1881unzeitige 



S. schon 



Geburt im 6. 



krank.) 



Monate 






UI. 1882 starb 1 






Jahr alt an 






Fraisen 






IV. 1885 starb 4 






Monate alt an 






Fraisen 






V. 1886 schwäch¬ 






liches Mäd¬ 






chen, lebt. 







Digitized by L^ooQLe 



354 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


|| 5 -ä 

■B ^ 

1 ö ^ 

& 'g » I Name, Alter, 
Nr. | 53 g 5 Confession, 

J? “c §o Stand, Beruf. 1 

1-3 

1 s 

<-a 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

S5 g. 

f Fi 

S 3- ? 

OK) 

Beschaffenheit des Cranium 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

44 22455 Josef G., 44 J, 

Ge- — - 

Venerische Er- 

19. Nov. 1894 katholisch, le- 

liebte. 

krankung sicher 

28. Dec. 1894 dig, Kammer- 


überstanden. 

Irrenanstalt diener. 



Niederhardt. 



45 24259 Sylvester G., 

Frau, — — 

Keine Angaben. 

14. Dec. 1894 54 J., verhei- 

de- 


1. Jan. 1895f ratet, Maurer. 

ment. 


Pneumonie; 



typischer Be- 



fund der 



Paralyse. 



46 24922 Valentin M., 

Frau. — — 

1892 eine vene¬ 

B5. Dec. 189437 J., katho- 


rische Erkran¬ 

6. Jan. 1895* lisch, verliei- 


kung. 

Irrenanstalt ratet, Kellner 



Wien. (Claqueur). 



47 21989 Adalbert P., 

Frau. — — 

Häufig Hautaus¬ 

27. Dec. 1894 45 J., katho- 


schläge (?) 

7. Jan. 1895f lisch, verhei- 



Obduction: ratet, Beamter 



Hyperaemia 



cerebri et me- 



ningura;bron- 



chitis cat. 



capill. acut. 



(Influenza). | 



48 24637 Benedikt M , 

, Frau — — 

1889 waren beide 

20. Dec. 1894 33 J., kathc- 

und 

Ehegatten lue¬ 

9. Jan. 1895 lisch, verhei- 

• Ge- 

tisch, Eheschei¬ 

gegen Revers, ratet, Lackie¬ 

■ liebte 

dung deswegen. 

rermeister, 




J 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


355 


— 

Dauer der 

Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge- 

laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

bt> • , 

p S 6 

p _r -2 

§ I «3- g 

£ | Alter, Form 

w os Sfw a *53 

g'Sjj der Paralyse, Complicatio- 
% 'S * § % 2 paralytische nen: 

IO © OJ H 

Insulte: 

2 BÖ O 

••S SS* S-g .-0 

.2 pH g P 

Ö Q * 

Seit 1888. 

_ 


— Seit Mai 1894. — 

Concubinat, 



Demente 

steril. 



Form. 

Seit 1864. 



— Seit August — 

1.1865 gesund 



1894. 

IL, III., IV., V. 



Demente 

starben bald 



Form. 

naohd.Geburt 




VI. 1874 Todtge- 




burt. 




Seit 1889. 

— 


— Seit Septem-! — 

1.1890 gesund 



her 1894. 1 

II. 1892 gesund. 



Demente 




Form. 

Seit 1871. 

_ 

_ 

— Seit Juli — 

1.1872 gesund 



1894. 

II. 1875 gesund 



Demente 

III. 1877 gesund 



Form. 

(keines der Kin¬ 



i 

der Fraisen). 



i 

! 

Ehe 1884-1889, 


Bleibe- 

1891 Bheuma- Seit Decem- — 

Concubinat seit 


schäfti- 

tismus art. ber 1894. 

1892. 


gnng 

acutus. Demente 

Keine Gravidi¬ 


ohne 

Form. 

täten der Frau 


Symp¬ 


n. der Geliebten. 


tome d. 




Pb- 




Vergif- 




tung. 



Jahrbücher f. Psychiatrie and Neurologie XIV. Bd. 24 


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Dr. Josef Adolf Hirschl 


Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

N 

C 

M 

ff 

Name, Alter, .2 £ Neuro- 

Confession, | E pathische 

Stand, Beruf. | 'o Veranlagung 

c£ 

C 

< 

•- 

Beschaffenheit des Cranium 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

25251 

i 

Josef K., 47 J., Frau. — 

— 

Nicht eruirbar. 

29. Dec. 1894 

katholisch, nicht 



||10. Jan. 1895 

verheiratet, | intelli- 



1 Irrenanstalt 

Maurer. 1 gent. 



Wien. 




25166 

Franz L., 37 J., Frau 


Beim Militär 

|28. Dec. 1894 

katholisch, und 


1877 Sklerose 

11. Jan.1895t 

verheiratet, Ju- 


und Exanthem. 

Obduction: 

Buchhalter. gend- 


Inunctionscur; 

Pneumonia 

freund 


später (?) Gam¬ 

crouposa, 



men der Zunge. 

sonst typi- 




scher Befunc 




der Paralyse. 




18544 

GezaB., 41J., Freund — 

_ 

1873 Ulcus du¬ 

25. Sept. 1894 

'mosaisch, ver- 


rum mit Eian- 

11. Jan. 1895*1 

■ heiratet, Pho¬ 


them; nur lo¬ 

Obduction: 

tograph. 


cale Behandlung 

Pneumonia 



(auf dem Lande in 

| crouposa cum 


Ungarn). 

rneningitide 




purulenta. 




Atrophiacere 




bri cum lepto 




rneningitide 




chronica, 




Ependymitis 




granularis 





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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


357 



Dauer der 

Ehe, 

1 Descendenz: 

1 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, flberstandene Jnfec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 



Seit 1870 Con- 
cubinat, 1881 
Ehe. 

I. 1870 gesund 

II. 1871 gesund. 
Ueberdies leben 
noch 4 jüngere 
Kinder, 7 Kinder 

starben ganz 
klein. 




Seit 1892. 
Demente 
Form. 



i 

Seit 1892. 

I. 1892 gesund. 

1 ! 

! 1 

l 




Seit Sommer 
1894. 
Demente 
Form. 

i 



' Seit 1876. 

2 gesunde Kin¬ 
der (?). 


i 

j 


Seit Anfang 
1893. 
Classische 
Form. 

“ ! 

! 



24* 


Digitized by L^ooQLe 



358 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

5 A 

5 << 

aS 

^ CO 

o *§ «i Name, Alter, 

§ * f Confession, 

'S 5. Stand, Beruf. 

C3 C 
£ < 

=3 Vh 

o o> 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

1 1 

2 

O 

Neuro- 8 

pathische 
Veranlagung. *~ 

lg 

s 

f. 

0? 

X 

Ueberstandene 
venerische Aflfec- 
tionen: 

52 1 

424 Hermann K., 1 

Ge- 

— Rhach. 

1870 Gonorrhoe. 

6. Jan. 1895 52 J., raosa- 

liebte. , 



11. Jan. 1805 isch, verhei- 




dgegen Revers.! Iratet, Reisen- 





der. 




53 

22644 Heinrich L.. 

Brüder. 

Neuropa- Rh ac h. 

1880 Ulcus mit 

21. Nov. 1894!! 35 J., mosa- 


thisch. 1879 

Bubo; locale ßn 

16. Jan. 1S95|! isch, ledig, 


Melancholia. 

handlung und 


gestorben. Agent. 



Operation des 


Obduction: 



Bubo (Dr. Gold¬ 


Pneumonia 



schmied). 

lobularis cort- 




fluens pulmo- 




nis utriusque 




Hcumpleuritide 




acuta lateris 





dextri. 





Typischer 1 





Hirnbefund | 




mit sehr star-l 




ker Leptome- 




ningitis an der 1 





Convexität. 





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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


359 



Digitized by Google 



360 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung 

Beschaffenheit des Craniuin. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

54 

19667 

Franz T., 

Frau. 

__ 

Rhach. 

Gonorrhoe vor 


12. Oct. 1894 

39 J., katho- 




Jahren. 


18. Jan. 1895j 

lisch, verhei- 






gestorben. 

ratet, Tag- 






Typischer Be- 

löhner. 






fund am Hirn 






55 

299 

Carl T., 47 J., 

Frau. 


Rhach. 

1883 mehrmonat¬ 


4. Jan. 1895 

katholisch, 




liche Behandlung 


25. Jan. 1895 

verheiratet, 




wegen Ge¬ 


gestorben. 

Beamter vom 




schlechtskrank¬ 


Obduction: 

Lande. 




heit. 


Pleuritis sup- 







purativa;sonst 







typischer 







Hirnbefund. 






56 

1790 

Johann P., 

Frau. 


- 

Negirt. 


23. Jan. 1895 

38 J., katho- 






27. Jan. 1895 

► lisch, verhei¬ 






gegen Revers. 

ratet, Handels¬ 







mann. 





57 

24968 

Johann F., 

Ge- 


_ 

1880 Schanker u. 


p6. Dec. 1891 

- 37 J., evange- 

liebte. 



Exanthem. 


i30. Jan. 189c 

> lisch, ledig, 




Schmiercur ira 


gegen Revers. Ißäckergehilfe 




Garnisonsspitale.j 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


361 


Däner der 
Ehe, 

Descendenz: 


8 

g ja w 

O efi tri 
P* n £ 

1 ft 

gl 6 

| g J 

•S.'S 8 

rO -*8 

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■t&|| . 

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© 8 © 


8 © 


Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Seit 1887. 

I. 1887 gesund 

II. 1888 gestor¬ 
ben an Croup, 
4 Wochen alt 

IH. 1889 6 Mo¬ 
nate alt an 
Pneumonie 
gestorben 
IV. 18908tarb2V 2 


Seit August 
1894. 

August 1894 
epileptiformei 
Anfall. 
Demente 
Form. 


Jahre alt an 
Meningitis u. 
Fraisen 

V. 1891 lebt, ist 
rhachitisch. 


Complicatio- 

nen: 


Seit 1878. 
1.1879 lebt 
n. 1882 lebt 
IIL 1886 lebt 


Seit März 
1894. 

Hypochondri 
sehe Form. 


Seit 1880. 
Steril. 


Lympha¬ 
denitis 
sclerotica 
in inguine 
et nucha. 
Narbe am 
Penis. 


Seit 1885 Con- 
cubinat. 

I. 1887 gesund 
n. 1894 gesund. 


Seit Januar 
1895. 
Demente 
Form. 


Seit 1892. 
Hypochondri 
sehe Form. 


Digitized by L^ooQLe 



362 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro* 

pathische 

Veranlagung 

£ 

'S 

2 

o 

00 

m 

T3 

4* 

’o 

Ja 

0 

,<a> 

OB 

2 

00 

<u 

ca 

Ueberstandene 
venerische Affec* 
tionen: 

58 

1150 

Franz K., 

Ge- 

_ 

_ 

Gegenwärtig Go- 


16. Jan. 1895 

38 J., katho- 

liebte. 



norrhoe; 1880 


1. Febr. 1895 

lisch, geschie- 




Sklerose, 


Irrenanstalt 

den, Trainer. 




Schmiercur. 


Wien. 






59 

17573 

Adolf W., 

Frau. 

Mutter in Ir- 


Keine Angabe. 


10. Sept. 1894 

46 J., mosa- 


renanstalt ge- 




1. Febr. 1895j 

isch, verhei- 


storben, Mut- 




gestorben. 

ratet, Kauf- 


terbruder Ta- 




Obduction: 

mann. 


bes - paralyse. 




Pneumonialo- 



Ein Bruder 




bularis; Para- 



neuropathisch 




lysis progres- 



Pat. reizbar. 




siva cum tabe.l 



zornig, j 







schreckhaft. 



60 

25000 1 

Emil R., 40 J., 

Bru- 


Rhach. 

Gonorrhoe 1880, 


27. Dec. 189* 

mosaisch, le¬ 

der. 



Lu2s negirt. 


1. Febr. 1895 

dig, Buchhalt. 






Irrenanstalt 







Wien. 






61 

2186 

Adolf M., 

Mut¬ 


Rhach. 

Keine Angabe. 


29. Jan. 1895 

39 J., katho¬ 

ter 





2. Febr. 1895 

lisch, verhei¬ 






gegen Revers.^ 

ratet.Beamter. 


1 




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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


363 



1 

Dauer der 

Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, | 

Blei). | 

Geistige Ueberanstrengung, 

psychische Traumen, 

Traumen, Strapazen, 

Durchnässungen, Erkältun¬ 

gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 



Ehe 1880—1888 
seither Concubi- 
nat. 

Steril. 

! 

| 

Pota-I 

tor. 


Seit Ende 
1894. 

| Classische 

j Form. 

! 

Alcoholismus 

chronicus. 

¥ 


Seit 1878. 

I. 1879 lebt. 


1 


Seit langer 
Zeit. 

1 1885 Augen- 
mUskell&h- 
mung. 
Demente 
Form. 

Tabes dorsa- 
lis. 

i 


— 

— 

— 

— 

Seit Decem- 
ber 1894. 
Demente 
Form. 

— 

| 

| 

| 


Seit 1882. 
1.1883 starb 1 
Jahr alt an 
Fraisen 

n.1885 starb 6 
Monate alt an 
Pneumonie 

IIL1887 Abortus 
IV. 1891 Todtge- 
burt. 



1890 

i Influenza. 

j 

Seit Juli 1893. 
Demente 
Form. 




Digitized by L^ooQLe 







364 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 

durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 9 

62 

96 

Carl S., 40 J., 

Schwfi- 

_ 

_ 


2. Jan. 1895 

katholisch, 

gerin. 




2. Febr. 1895 

verheiratet, 





gegen Revers. 

Taglöhner 






vom Lande. 




63 

2019 

Johann B., 

Frau. 




26. Jan. 1895 

41 J., katho- 





4. Febr. 1895 

lisch, verhei- 





gegen Revers. 

ratet, Ge- 




i 


schäftsdiener. 




j 

! 

1 

i 

64 1 

2170 

Wilhelm R., 

Ge- 



| 

28. Jan. 1895 

49 J., katho¬ 

liebte. 




6. Febr. 1895 

lisch, ledig, 




| 

gegen Revers. 

Ciseleur. 




65 

22175 

Anton K., 

Frau, 


Rh ach. 

1 

14. Nov. 1894 

61 J., katho¬ 

de¬ 



i | 

8. Febr. 1895 

lisch, verhei¬ 

ment. 



i 

Irrenanstalt 

ratet, Gast- 




i 

Wien. 

wirth. 

i 



i i 


Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


Keine Angabe. 


Vor vielen Jahren 
Schanker. 


1882 eine vene¬ 
rische Affection. 
Lange Behänd - 
lnngsdaner. 


Keine Angaben. 


Digitized by L^ooQLe 










Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


365 


1 

I 

1 

! 

Dauer der 

Ehe» 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
DurchnäsBungen, Erkältun¬ 
gen, öberstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insnlte: 

Complicatio- 

nen: 

i 


Seit 1890. 

I. 1891 lebt. Hy- 
drocephalna. 



Sturz vom 
Pferde mit 
nachfolgender 
kurzer Be¬ 
wusstlosig¬ 
keit 1888. 

Seit August 
1894. 
Demente 
Form. 

| 

i 


Seit 1885. 

I. 1884 (iraCon- 
cubinate) 
starb 10 Mo¬ 
nate alt an 
Pneumonie 

II. 1886 starb 6 
Monate alt an 
Masern 

III. 1888 starb 8 
Monate alt an 
unbekannter 
Krankheit. 



1884 Sturz 
auf den Kopf 
in den Keller 
ohne Folge¬ 
erscheinun¬ 
gen. 

Seit 1891. 
Demente 
Form. 




Concubinat seit 
1881. 

I. 1882 gesund. 

II. —IX. starben 

klein an Rha- 
chitig und 
Fraisen. 



1866 Feldzug. 

Seit Januar 
1895. 
Demente 
Form. 

1 




Seit 1882. 

1.1882 lebt 

U. 1883 Abortus 
III. u. IV. gleich¬ 
falls Abortus. 


Pota¬ 

tor. 


Seit Juli 1894. 
ClassiBche 
Form. 




Digitized by L^ooQLe 



366 


Dr. Josef Adolf Hiischl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 
pathische 
Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. l 

66 

2839 

6. Febr. 1895 
lO.Febr. 1895 
gegen Revers. 

Ernst G., 48 
J., katholisch, 
verheiratet, 
Bahnbeamter. 

Frau. 



67 

2961 

B. Febr. 1895 
13. Febr. 1895 
gegen Revers. 

Josef E., 43 
J., katholisch, 
verheiratet, 
Musiker. 

Frau. 

(Schwester 

Epilepsie.) 

— 

68 

24967 

|26. Dec. 1894 
15. Febr. 1895 
| gestorben. 

| Obduction: 
j Pneumonia 
crouposa. 
Typischer 
Hirnbefund. 

Friedrich Z., 
37 J., evan¬ 
gelisch, ver¬ 
heiratet, Con- 
ducteur. 

Frau. 



69 

24977 

27. Dec. 1894 
19. Febr. 1895 
gegen Revers. 

Carl Z., 46 J., 
katholisch, 
verheiratet, 
Fleischhauer¬ 
gehilfe 

i 

Frau. 




Digitized by 


Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


1874 Sklerose. 
Schmiercur; spä¬ 
ter Exanthem. 


i 

!1879 Ulcus molle 
! (Klinik Sieg- 
I mnnd). 


Keine Angaben. 




Vor 22 Jahren 
Schanker. 


i 


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3E 


Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


367 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


© V 

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O cj y 

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in 

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•-8J M 

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S*-S JS 

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^3 

o 




I 


Seit 1878. 



3 


4 lebende Kinder, 
4 Abortus und 
3 Todtgeburten. 

(Die lebenden 
Kinder hatten alle 
Fraisen.) 



is 5 Sa « 
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Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Complicatio 

nen: 


1866 Schuss¬ 
verletzung, 
Feldzug, 
Königgrät z. 


Seit März 
1894. 

Schwindel- 

anfälle. 

Demente 

Form. 


Opticus¬ 

atrophie. 


Seit 1887. Narbe am 
Steril. Penis. 


Seit 1886. 

1.1886 lebt 
H. 1888 f klein 
an Fraisen 
IH. 1889 lebt 

IV. 1890 lebt 

V. 1891 unzeitige 
Geburt im 6. 
Monate. 


SeitMärzl894 
Apoplecti- 
forme Anfälle. 
Demente 
Form. 

Seit 1892. 
Demente 
Form. 


Seit 1870. 

I. 1872 nach der 
Geburt an 
Tuberc.(?) ge¬ 
storben 

II. 1876 rhachi- 
tisch, Fraisen 
1885 gesund 
188715Mona¬ 
te alt an Frai¬ 
sen gestorben 

V. 188913 Mona¬ 
te alt an Frai¬ 
sengestorben. 


Seit Septem¬ 
ber 1894. 
Demente 
Form. 


Digitized by L^ooQLe 



368 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

1 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

1 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 
pathische 
Veranlagung. 

Beschaffenheit des Craniam. | 

Ueberstandene 
venerische Affec- 1 
tionen: 

70 

i 

2781 

6. Febr. 1895 
22. Febr. 1895 
gegen Revers. 

Carl 8., 37 J., 
katholisch, 

1 verheiratet, 
B&ckergehilfe. 

Frau. 



t 

1878 Urethritis, 
Condylomata 
acuminata (Wie-! 
ner Allgemeines 
Krankenhaus). 

i 

i 

71 

21832 

10. Nov. 1894 
26. Febr. 1895 
gestorben. 
Obduction: 
Sephtbaemia, 
sonst typi¬ 
scher Hirn- 
befund. 

Markus K., 
48 J., mosa¬ 
isch, verhei¬ 
ratet, Kauf¬ 
mann. 

J 

Frau. 

i 


1879 Ulcus du¬ 
rum, Exanthem, 
Papeln an der 

Zunge und Wan¬ 
genschleimhaut, 
Inunctionscur. | 

i 

! 

72 j 

2595 

4. Febr. 1895 
18. Febr. 1895 
gestorben. 
Obduction: 
Pneumonia 
lobularis, 
Bronchitis pu- 
rulenta. 
Typischer 
Hirnbefund. 

Berthold F., 
37 J., mosa¬ 
isch, verhei¬ 
ratet, Beamter. 

fc 

Frau. 



Venerische Er- j 
krankung sicher 
Überstunden, 
wahrscheinlich 
Syphilis. 


Digitized by L^ooQLe 






Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


369 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, H 
Blei). 1 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 

i 

j 


Seit 1882Concu- 

_ 

___ 

1891 

Seit Mai 1891. 



binat. Ehe seit 



Influenza. 

Demente 



1891. 




Form. 



1.1881 (aus frü- 







herein Concu- 







binat) gestor- 







ben nach 4 





1 

Monaten an 






Fraisen 





i 

n. 1885 Abortus 






im 8. Monate. 







Seit 1877. 

— 

— 

_ 

Seit 1891. 



1.1881 nach 7 




7. November 



Jahren ge¬ 




1894 


storben an 




apoplecti- 



Gehirntuber- 




forraer Anfall 



culose 




mit rechts¬ 



II. 1885 Abortus 




seitiger Extre- 



im 2. Monate 




mit&tenläh- 



IE. 1886 Abortus 




mung und 



im 4. Monate 




Sprach¬ 

i 


IV. 1886 Abortus 




störung. 


im 2. Monate. 




Demente 

i 





Form. 

, 

Seit 1886. 

— 

— 

Seit 1892 

Seit 1892 (?). 

— 

Steril. 



grössere An¬ 

Frühjahr 1894 





strengungen 

apoplecti- 

t 




beim Rech¬ 

forraer Anfall. 

' 




nen (wahr¬ 

Demente 





scheinlich 

Form. 





schon krank). 

i 

f 

i 



Digitized by L^ooQLe 




370 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


tz; 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession. 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 
pathische 
Veranlagung. 

Begohlffankdt des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

; 73 I 1933 

Franz R., 45 

Frau. 

_ 

_ 

1886 Schanker. 

25. Jan. 1895 

J., katholisch, 




Locale Behänd- 

1. März 1895| 

verheiratet, 




lung am Lande. 

gegen Revers. 

Taglöhner 






vom Lande. 





74 20463 

Jakob W., 

Frau 

Seit jeher jäh- 


1873 oder 1874 

23. Oct. 1894 

51 J., evan- 

und 

zornig. 


im Mariahilfer 

15. März 1895 

1 gelisch, ver¬ 

Sohn 



Ambulatorium 

gestorben. 

heiratet, An¬ 

aus 



mit einem Ge¬ 

Obduction: 

streicherge¬ 

erster 



schlechtsleiden in 

Atrophiacere- 

hilfe. 

Ehe. 



Behandlung(nach 

bri, inerassa- 





Angabe des Soh 

tio et oedema 





nes Gonorrhoe). 

meningum. 






Pneumonia 






lobularis bi- 






lateralis prae- 






cipue sinistra. 






Bronchitis pu- 






rulenta. 






Chemische 






Untersuchung: 






Im Gehirn und 






in den Nieren 






Spuren von 






Blei; die Le¬ 






ber enthielt in 






300 Gramm 






00098 Gramm 






Blei. 

| 



; 



Digitized by Google 






Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


371 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


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00 pH © 

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Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Complicatio- 

nen: 


Seit 1883. 

I. 1882 gesund 

II. 1883 gesund 

III. 1886 gesund 

IV. 1887 starb 4 
Monate alt an 
Fraisen 

V. 1889 starb 3 
Monate alt an 
Fraisen 

VI. 1891 schwäch¬ 
lich 

VII. 1892 schwäch¬ 
lich. 


Seit 1894. 
Demente 
Form. 


Seit 1870. 

I. (aus 1. Ehe) 
1865 gesund 

II. 1871 gesund 

III. 1873 gesund 

IV. 1874 Abortus 
im 3. Monate 

VI. 1883 Abortus 
im 3. Monate. 


Seit 

1885 

mehr¬ 

fach 

Blei¬ 

koli¬ 

ken. 


Seit 1892. 
April 1894 
apoplecti- 
former Anfall 
mit nachfol¬ 
gender Läh¬ 
mung der 
linken oberen 
Extremitäten. 
Demente 
Form. 


Chronische 

Bleivergif¬ 

tung. 


Jehrbftcher f. Pajchtatrle und Neurologie XIV. Bd 


25 


Digitized by LaOOQle 



372 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 



1 

Nr., 

i 

! 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 
pathische 
Veranlagung. 

Beschaffenheit des Craniuni. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 



75 i 

21801 

Wilhelm K., 

Frau. 

2 Schwestern 

_ 

1882Ulcus durum 




10. Not. 1894 

34 J M mosa- 


hysterisch, 


Inunctiooscur; 



16. März 18951 

i8cb, verhei- 


eine Morphi- 


1889 zweimal 



Irrenanstalt 

ratet, Reisen- 


nistin. 


gummöse Er- 

1 


in Rumänien. 

der aus Ru- 


Pat. stets neu- 


krankung <änt- 

j 



mänien. 


ropathisch. 


licher Bericht. 


7‘> 

6278 

Albert J., 41 

Freund 

_ 

— 

1886 Ulcu 8 du- 

i 


10. März 1895 

J., katholisch, 




rum mit Exau- 



16. März 1899 

ledig, Mecha- 




them, Inunctions- 

i 


gestorben. 

nikergehilfe. 




cur. 

i 


Obduction: 





Später zweimal 

i 

| 

| 

Typischer 





Iritis luetica 



Hirnbefund; 






i 


acutes Hirn- 



i 



! 


ödem. 







77 

5533 

Mathias B., 

Freund. 

— 

Rhach. 

Soll früher sicher 



12. März 1895 

36 J., katho¬ 

über 



syphilitisch ge¬ 

* 


20. März 18951 

lisch, Wit¬ 

Kinder 



wesen sein, j 

i 


Irrenanstalt 

wer, Binder¬ 

nicht 



Inunctionscur. i 



Wien. 

gehilfe. 

genau 



1 





infor- 




! 




mirt. 





:s 

12494 

Gustav W., 

Frau. 

Vater nervös, 

— 

1886 Sklerose und 



29. Juni 1893 

38 J., mosa¬ 


Mutter Puer¬ 


Exanthem. 



23. März 1895 

isch, verhei - 


peralpsycho¬ 


Inunctionscur. 



gestorben. 

rater, Kauf¬ 


sen. 4 neuro- 



i 


Obduction: 

mann. 


pathische Ge¬ 





Decubitus, 



schwister, da¬ 




| 

typischer 


i 

von 2 gestor¬ 




1 

i 

Hirnbefand, 


i 

ben. 




1 

Tabes dorsa- 



Pat. selbst 





Ü8. 



neuropathiscl 

i 



Digitized by L^ooQLe 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


Seit 189 t. 
Steril. 


, Vier Kinder leben, 
davon eines eine 
Frühgeburt 

i 

i 


| Seit 1887. 
j Steril. 

! 


i 


Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 373 


| Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 

| psychische Traumen, 

i Traumen, Strapazen, 

Durchnä88ungen, Erkältun- 
j gen, überstaadene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 

— 

_ 

_ 

Seit 1892 (?) 





Hypochondri- 





sehe Form. 



— 

— 

? 

Starb im 





Insult. 


Lympha- 



Seit 1891. 


denitis 



Demente 


inguinalis 



Form. 


et nucba- 





lis syphi- 





litica. 





__ 

_ 


1890. 

Tabes dor- 




1. Aufnahme 

salis; spon¬ 




I mit Paralyse. 

tane Ober- 




Demente 

schenkel- 


i 

I 

i 


Form. 

i 

! 

fractur. 





25* 


Digitized by L^ooQLe 




374 


Dr. Josef Adolf HirschL 


Nr. 


g J> 

B < 

J? 00 
O V 

r O 

5 

c 5 w 

i 1 | 

51 & 

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*-5 


Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 


! & 


Neuro- 
pathische 
Veranlagung. 


o 


•s 

£ 

eS 

ja 


CQ 


79 


8779 
30. April 1894 
24. März 189^ 
Irrenanstalt 
Pest. 


|CarlD,48 J., 
katholisch, 
verheiratet, 
Tapezierer¬ 
gehilfe. 


Frau. 


Vater in der 
Irrenanstalt 
gestorben, Al¬ 
koholiker; ein 
Bruder origi¬ 
när schwach¬ 
sinnig, einer 
gesund. 
Pat. über¬ 
spannt, neuro- 
pathisch. 


Rhacli. 


80 


5145 

|8. März 189511 
[25. März 1885|| 
gestorben. 
Obduction: 
Pneumonia 
[lohularis con-j 
fiuens lobi 
sup. deztri. 
Typischer 
Hirnbefund. 


Josef P., 34 
J., katholisch 
ledig, Klavier¬ 
stimmer. 


Ge¬ 

liebte. 


Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


Gibt an, syphili¬ 
tisch erkrankt 
gewesen zu sein: 
Inunctionscur. | 
Zeit nicht zu 
eruiren. 


1884 Garnisons¬ 
spital Brünn: 
Sklerose mit 
Exanthem. 
Hg-Pillen. 


Digitized by L^ooQLe 







Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


375 


Dauer der 

Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 

psychische Traumen, 

Tranmen, Strapazen, 

Durchnässungen, Erkältun¬ 

gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 

Seit 1874. 

I. 1872 gesund 

II. 1875 rhachi- 
tisch 

III. 1876 f mit 
8 Jahren an 
Wasserkopf 
und Fraisen. 

IV. , V.,VI.Abor- 

tus im 2. 
Monate 

VII. starb 1 Mo¬ 
nat alt an 
Lebens¬ 
schwäche 

VIII. starb im 1. 
Monate an 
Lebens¬ 
schwäche 

IX. , X., XL, XII, 

XIII., XIV. 
Abortus 
(letzter 1890). 
(Im Ganzen 9 
Abortus.) 




Seit 1893. 
Classische 
Form. 


Seit 1886 Con- 
cubinat. 
Steril. 

i 

i 



1890 

Influenza. 

Seit Decem- 
ber 1894. 
Demente 
Form. 



Digitized by L^ooQLe 





376 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


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fc ^ w Name, Alter, 

Nr. | ^ c c Confession, 

3 c Sd Stand, Beruf. 

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Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

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1 fr? 

1* 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec 
tionen: 

81 12146 Josef B„ 45 

Frau. — — 

Venerisehe Er- 

15. Juni 1894 J., katholisch, 


krankung sicher 

27. März 1895 verheiratet, 


überstanden. 

liegen Revers. Abträger. 


wahrscheinlich 



Syphilis. 

82 4236 Carl S., 53 J., 

Frau. — — 

Negirt. 

26. Febr. 1895 katholisch, 



27. März 1895 verheiratet, 



gegen Revers! VVerkführer. 



83 1698 Carl H., 50 J., 

Frau. — — 

Frau gibt an, er 

28. Jan. 1895 katholisch. 

Unge¬ 

habe an Syphilis 

27. März 1895, ! verheiratet, 

naue 

gelitten. 

Irrenanstalt Staatsbahn- 

Anga¬ 


Dobfan. beamter. 

] | 

ben. 

i 

* ' 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 377 


Dauer der 

Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkält un 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: • 

Seit 1885. 

_ 

Pota- 

1890 

Seit Februar 

Alcoholismus 

1.1886 Abortus 


tor. 

Influenza. 

1894. 

chronicus. 

im 2. Monate 




Demente 


II. 1887 Abortus 




Form. 


im 3. Monate 







III. 1889 Abortus i | j I 

im 3 Monate! I j 

IV. 1891 Frühge- j 

burt, Todtge- 

burt im 8 
Monate. 

8eit 1868. — Pota- — Seit Ende Alcobolismus 

I. 1869 gesnnd tor. 1893. chronicus. 

II. 1871 Abortus Demente 

im 3. Monate 1 Form. 

1H. 1872 todte 
Frühgeburt 
im 8. Monate 

IV. 1873starb ’/ 2 
Jahr alt an 

Fraisen I 

V. 1879 gesund i 

VI. Abortus im | 

8. Monate 

1880 i 

VII. 1881 starb 
post partum 

an Lebens- i 

schwäche. i 


Seit 1883. - Pota- 

Feldzüge 1858 

Seit Januar Alcoholismus 

1.1884 starb 11 tor. 

und 1866. 

1894. chronicus. 

Monate alt an 

Strapazen im 

Classische 

unbekannter 

Bahndienste 

Form. 

Krankheit j 

seit 14 Jahren 


II. 1885 gesund 

(Nachtdienst). 


III. 1890 gesnnd ! 




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378 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro - 
pathische 
Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Aflec* 
tionen: 

84 

3736 

19. Febr. 1895 
27. März 1S95 

Heinrieh T., 
45 J., katho¬ 
lisch, ledig. 

Bruder 

und 

Schwe- 

— 

Rhach 

1885 Ulcus du¬ 
rum mit Secun- 
därerscheinungeu 


gegen Revers J 

Feuerbursch. 

ster. 



Inunctionscur. 
(Wiener allge¬ 
meines Kranken 
haus). 

85 

5485 

12. März 1895 
30. März 1895 
(gegen Revers. 

Moriz K., 33 
J., katholisch, 
ledig, 
Kutscher. 

Vater. 


Rhach 

1979 Ulcus du¬ 
rum mit Exan¬ 
them. Inunctions- 

cur. 

86 

5641 

14. März 1895 
30. März 1895 
Irrenanstalt 
Wien. 

Heinrich L., 
41 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Schlos¬ 
sergehilfe. 

Frau. 



Negirt. 


Digitized by 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


379 


Dauer der 

Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 

_ 

_ 

___ 

_ 

Seit 1893. 

. 





Demente 






Form. 






t 

Seit Decem- 






her 1894. 






Demente 






Form. 


Seit 1886. 



28. December 

Seit Novem¬ 


1.1886 gesund 



1894. Sturz 

ber 1894. 


II. 1887 starb 



auf den Kopf 

Impotent, zer¬ 


klein an Ma¬ 



mit Sympto- 

streut, auf¬ 


sern 



men der Com- 

fallendes Be¬ 


III. 1891 gesund 



motio cerebri, 

nehmen. 


IV. 1895 gesund. 



seither ver¬ 

Demente 


i 



blödet. 

Form. 



Digitized by Google 




380 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter. 
Confession, 

1 Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung 

Beschaffenheit des Cranium 

Ueberstandene 
venerische A ffec- 
tionen: 

87 

4315 

Heinrich K., 

Frau. 

_ 

_ 

1875 Sklerose, 


'27. Fcbr.1895 

45 J., mosa¬ 




Exanthem, La- 


30. März 1895 

isch, verhei¬ 




rynxerschei- 


gestorben. 

ratet, Agent. 




nungen. Inonc- 


Obduction: 





tion?cur (Prof. 


Pyaemia cry- 





Reder>. 

1 

ptogenetica; 







typischer 






1 

Hirnbefund. 






88 

22452 

Johann G., 

Ge¬ 



1874 Sklerose 


19. Nov. 1894 

43 J., katho¬ 

liebte. 



und Exanthem 


31. März 1895 

lisch, ledig, | 




(in Berlin; er 


gegen Revers.! 

Kellner. 




verweigerte die 







Behandlung). 


Digitized by 


Google 







Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


381 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


g . .3g 

bcF 

o c> «a c I 

s N ^ ® 

£ 3 S« ^ ter > Form | 

§ £ J g ■’S 5 der Paralyse, ( 

S fee® C 


i eii r 

O O 00 


Seit 1879. 

I. 1879 starb 1 
Monat alt an 
Fraisen 

II. 1880 gesund 

III. , IV., V. star¬ 
ben klein an 
Fraisen 

VI. 1884 gesund 

VII 1885 starb 
klein an 
Fraisen 

; VIII. 1888 Abor- 
tus 

IX., X. starben 
klein an 
Fraisen. 

| XI. 1894 Abor- 
tus. 

Seit 1890 

Concubinat. 

I. 1890 Abortus 

II. 1891 Abortus 

III. 1892 Abortus 

stets im 2. Mo¬ 
nate. 


SeitDecember 

1894. 

Januar 1895 
ein Ohn¬ 
machtsanfall. 
Hypochondri¬ 
sche Form. 


Seit October 
1894. 
Classische 
Form. 


Digitized by Google 



382 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 



Name, Alter, -2 .. Neuro - 
Confession, | g pathische 
Stand, Beruf. g 'S Veranlagung. 


6743 

August W., 

Schwa¬ 

Mutterschwe¬ 

15. März 1895 

56 J., katho¬ 

ger 

ster acuter 

1. April 1895 

lisch, verhei¬ 

(Regi¬ 

Wahnsinn; 

Irrenanstalt 

ratet, Oeko- 

ments¬ 

ein Bruder 

Brünn. 

nom. 

arzt, 

Paranoia reli- 



der 

giosa; ein 



seine 

zweiter Bruder 



Lues 

mit Paranoia 



behan¬ 

in der Irren¬ 



delte). 

anstalt Bres¬ 




lau. 


Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


1888 Sklerose 
und Lu£s, In- 
unctionscur. 


23. Febr. 1895 katholisch, 
4. April 1895 verheiratet, 
gegen Revers. Harmonika¬ 
macher. 


CarlR., 43 J., Mutter. Vater Potator, 
katholisch, Vatersbruder 

verheiratet, Epileptiker, 

Harmonika- endete durch 

macher. Selbstmord. 

Pat. stets neu- 
ropathisch. 


91 6681 Georg H., 54 Fra 

26. März 1895 J., katholisch. 

>. April 1895 verheiratet, 
fegen Revers. Privatier. 


1875 Sklerose 
und Secondärer- 
scheinungen. [ 
Inunctionscur. - 


1865 Sklerose 
und Exanthem, | 
Schmiercur. j 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


383 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


+* Q> 

EcJ o) 

^ P ‘cd 
C „2 ,£= 
a> T 3 M 
<o © tcQ 5 

f**> tm •> P CQ 

a> o S ö to t 

.P a ao q> co 

© ja 5 w js p 
bc w 2 P «fl ° 

Ö O ÖD 


Alter, Form 

der Paralyse, Complicatio- 
paralytische nen: 
Insulte: 


Seit 1864 1. Ehe 
seit 1876 2. Ehe. 

I. 1864 starb 3 
Jahre alt 

II. 1865 gesund 
.1869 gesund 
. 1873 gesund 
.1878 starb er¬ 
wachsen an 
acuter Infec- 
tionskr&nk- 
heit 

VI. 1883 Todtge- 
geburt. 

Seit 1888. 

I. 1888 Abortus. 


Seit Februar 
1895. 
Classische 
Form. 


Seit Novemb. Alcoholismu 
1894. chronicus. 
Demente 
Form. 


Seit 1871. 
Steril. 


Seit Novemb. 
1894. 

Novemb. 1894 
apoplectifor- 
mer Anfall. 
Demente 
Form. 


Digitized by 




384 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


tzj 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

'S g 

tL 3 

* 1 5 

.23 £ Neuro- % 

| Ü pathische 

5 ^ Veranlagung. *§ 

9 

- — 

■< j= 

« MJ 

w 

a cq 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

<J2 6415 

Peter M., 51 

Frau. — — 

Oft Halsleiden, 

22. März 1895 

J., katholisch. 

de- 

dasmitJodkalinn 

]6. April 1895 

verheiratet, 

ment. 

behandelt wurde 

1 Irrenanstalt I 

Briefträger. 


(Unterschrift 

Wien. 



der Reeepte 




nicht leserlich.) 

93 7207 

Mathias V., 

Freund — Rhach 

1884 Sklerose 

1. April 1895 

36 J., katho- 


und Exanthem. 

6. April 189fJ 

lisch, ledig, 


Inunctionscur 

Irrenanstalt 

Schmied¬ 


(Rudolfspital). 

Wien. 

gehilfe. 


1894 Papeln, 




Pharyngitis syph 

94 6973 

Wilhelm P., 

i Frau. 

Negirf. 

30. März 1895 

35 J., katho¬ 



9. April 1895 

lisch, verhei- 



gegen Revers. 

* ratet, Haus¬ 




besitzer. 



95 7267 

Lorenz R., 

Bruder. — — 

1875 Garnisons¬ 

2. April 1895 

41 J., katho¬ 


spital Wien: 

13. April 1895 

lisch, ledig, 


Sklerose und Se- 

Irrenanstalt 

Tischler¬ 


cundftrerschei- 

Wien. 

meister. 


nungen. Inunc¬ 



1 

tionscur. 


Digitized by Google 


Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


385 


1 

1 

Dauer der 

i Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 


1. Ehe 1871 bis 
1878. 2. Eheseit 
, 1874. 

I. 1872 gesund 

II. 1878 starb 6 
Wochen alt 
ohne Fraisen 

III. 1874 gesund 

IV. 1876 gesund. 




Seit 1892. 
Seitl892öfter 
Ohnmachts¬ 
anfälle. 
Demente 
Form. 




Lympha¬ 
denitis in 
guinalis et 
nuch. 
syphilitica. 
(Narbe am 
Penis.) 



Seit 1894. 
Hypochondri¬ 
sche Form. 


i 

Seit 1886 

I. 1887 gesund 

II. 1888 gesund 

i III. 1891 gesund. 

Lympha¬ 
denitis 
universale 
syph. 
Narben am 
Penis. 
(Sklerose 
vor nicht 
langer 
Zeit?) 



Seit Anfang 
189B. 

28. März 
1895 epilepti 
former Anfall. 
Demente 
Porm. 


1 

i 

i 



1 

Seit Mai 1894. 
Demente 
Form. 

i 

i 

i 


Digitized by L^ooQLe 



386 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 



Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Craniuni. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


96 

7760 

9. April 1695 
17. April 18951 
Irrenanstalt 
Wien. 

August v. E., 
42 J., katho¬ 
lisch; ledig, 
Postbeamter. 

Vetter, 
Pri¬ 
mar¬ 
arzt in 
Wien. 

2 Brüder psy¬ 
chotisch, Pat. 
neuropathisch 

Rhach. 

1881 Ulcus niolle 


97 

8128 

15. April 1895 
18. April 1895 
Irrenanstalt 
Wien. 

Johann L., 
39 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, 
Kutscher. 

Frau. 



Venerische Affec- 
tion vor Jahren. 
Schmiercur. 


98 

8141 

16. April 1895 
22. April 1895 
Irrenanstalt 
Wien. 

Josef R., 29 
J., katholisch, 
ledig, 
Kutscher. 

Ge¬ 

liebte. 


Rhach. 

Negirt. 


99 

6279 

21. März 1895 
28- März 1895 
gegen Revers. 

Carl H., 45 
J., mosaisch, 
verheiratet, 
Bürstenbinder 
in Ungarn. 

Frau. 

— 


1874 harter 
Schanker ohne 
Behandlung, am 
Lande in Ungarn. 


100 

9067 

25- April 189c 
1. Mai 1895 
Irrenanstalt 
Wien. 

Carl L., 45 
J., katholisch, 
verheiratet, 
Buchhalter. 

Frau. 



1868 Garnisons¬ 
spital: Sklerose 
und Exanthem. 
Schmiercur. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


387 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


*43 


V 

.. 

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1 * 3 

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-o -fl a § 'S " 

®s §3 £-* 

?a !«1 

IW? 

© o ® 

O Q *> 


Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Complicatio- 

nen: 


Seit Beginn 
1895. 
Demente 
Form. 


Seit 1889. 
Steril. 


Seit April 
1895, 
Demente 
Form. 


Tabes dor- 
s&lis. 


Seit 1892 Con- 
cubinat 

I. 1893 gesund 

II. 1894 starb 6 
Monate alt an 
Schwache. 


Seit Ende 
1894. 
Demente 
Form. 


Seit 1881. 
Steril. 


Seit Mai 
1894. 
Classische 
Form. 


Atrophia nervi 
optici 
utriusque. 


Seit 1882. 
1.1883 gesund 

II. 1885 gesund 

III. 1886 gesund. 


Seit Beginn 
1895. 
Demente 
Form. 


Jafcrbdober f. Psychiatric and Ksarologis. XIV. Bd. 


26 


Digitized by LaOOQle 




388 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


g'S 5 

1 = ä 

S ^ c 


i Name, Alter. 
Confession, 
Stand, Beruf. 


Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 


Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen. 


8853 Ludwig A., j Schwe¬ 
iß. April 1895 48 J., katho- ster. 
2. Mai 1895 lisch, Witwer, 
gestorben. Privatier, i 
Obduction: 

Pneumonia 
lobularis lobi 
inferioris pul- 
monis utrius- 
queet lobime- 
dii et superio- 
ris pulrnonis 
dextri. Bron¬ 
chitis diffusa 
purulenta. 

Tumor lienis 
subacutus. 

Typischer 
Hirnbefund 
mit starker 
Leptomenin- 
gitis. Glatte 
Atrophie 
desZungen- 
grundes. 


— Keine Angaben. 


102 7308 Ignaz J., 

7. April 1895 50 J., evan- 

5 g estorbe? ge- 

Obduction: schieden, 

Insuffici- Tischler- 

enz der Aor- gehilfe. 
tenklappen. 

Hydrops uni- 
versalis. 

Typischer 

Hirnbefund. 


Freund 


Keine Angaben. 
Die Frau ist eine 
Prostituirte. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 389 

[ 

i 

Dauer der 

1 Ehe, 

Descendenz: 

i 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis. 

In toxi cationen (Alkohol, 
Blei). 

£ - j $ 

5.S Sa*S • 

g s§3 ® g 

£ 2 c *5 Alter, Form 

g ® w Si'o'c der Paralyse, Complicatio- 
•1 'S o § ■§ 2 paralytische nen: 

ö||3|| Insulte: 

.3 Sj f a 

<3 ö ® 

O Q 

1. Ehe 1874 bis 

Obdoction: 

_ 

" ' r - - - = 

1 Seit Mai 1893. - 

1878. 

Glatte 


Hehrere epi- 

1.1869 gesund 

Atrophie 


leptische An- 

II. 1875 gesund 

des Zun- 


fälle ante exi- 

. III. 1878 nach 10 

gengrun- 


tum. 

Wochen ge- 

des. 


Demente 

storben an 



Form. 

1 Schwäche. 




2. Ehe 1882 bis 




| 1883. 




Steril. 



i 

i : 

i 

Seit 1878. 

(Insuffi- 

Pota¬ 

! t 

— Seit Anfang Insnfficienz 

Steril. 

cienz der 

tor. 

1895. der Aorten- 


Aorten¬ 


Demente klappen. 


klappen?) 


Form. Alkoholis¬ 




mus chroni- 

i 




CU8. 

j 


i 

! 

1 

' 1 

26* 


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390 


Dr. Josef Adolf Hirscbl. 


= 'S £ 

= < :p •§ 

j? 60 1 uF 08 

Q © i © •— 

^ ° 

© 'g w Name, Alter, •« ^ Neuro- © 

Nr. I: | Confession, | 2 pathische 

^ c S) Stand, Beruf. 2 ^ Veranlagung. 

■al i £ 

s < < J 

J £ s 1 i 

*T3 Q ' cS 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

103 8292 Rudolf»!., 28 Vater. — 

1885 sichere 

17. April 1895 J., mosaisch, 

Sklerose mit 

1 5. Mai 1895 ledig, Kauf- 

Secundärerschei- 

gegen Revers. 1 mann. 

nungen. 


Therapie: Injec- 


tionen mit einem 


Hg-Pr&parat 


(Krankenhaus 


in Odessa). 

104 8452 Hubert F., 40 Schwe- — Rhach. 

1885 »lilitir- 

18. Apr. 1895 J., katholisch, ster. 

spital: Papulöses 

8. Mai 1895 ledig, Finanz- 

Exanthem, In- 

gegen Revers, wachoberauf- 

unctionscur. 

seher i. P. 


105 9019 Johann P., 48 Ju- — — 

1870 Garnisons¬ 

25. April 1895 J , katholisch, gend- 

spital : Ulcus du¬ 

10. Mai 1895 verheiratet, freund. 

rum. Inunctions- 

Irrenanstalt Ringelspiel- 

cur. 

Wien. besitzer vom 


Lande. 


106 8809 Ignaz L., 44 Frau. — — 

1 

Vor Jahren eine 

23. April 1895 J., katholisch, 

venerische Affec- 

10. Mai 1895 verheiratet, 

tion. 

gegen Revers. Uhrmacher 


am Lande. 



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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


391 


Dauer der 

Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis. 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 





Seit April 
1894. 
Classische 
Form. 


— 


— 


Seit Novemb 
1894. 

Hypochondri¬ 
sche Form 

| 

i 

i 

i 

I 

Seit ? 

Steril. 




Seit April 
! 1894. 

Classische 
Form. 

1 

! 

| 

! 

Seit 1882. 

I. 188SAbortus 

II. 1885 f 1V 2 
Jahre alt an 
Lungenent- 
zündnng 

III. Aborten ira 6. 
Monate wäh¬ 
rend eines 
Typhus der 
Frau. 




Seit Juli 1894. 
Demente 
Form. 

i 

i 

j 

i 


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392 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

1 _ 1 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

i -M 

S 

M 

r 

Name, Alter, -2 - 
Confession, 2 2 
Stand, Beruf. 5 ^ 

i 

i 

Neuro- 
pathische 
Veranlagung. , 

Reschaffenheit desCranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

i 107 

I 

9912 

i 1 

Ludwig P., Frau 

Vater und 

Rhach 

1881 Ulcus durum 


6. Mai 1895 

43 J., katho- und 

Mutter Pota- 


und Lyraphade- 


10. Mai 1895| lisch, verhei- Ju- 

toren ; Mut- 


nitis suppurativa. 


gestorben. 

ratet, Beamter, gend- 

tersschwester | 


Später Exanthen 


öbduction: 

' freund. 

originär blöd- 


und Inunctions- 


Pneumonia 


sinnig. 


cur im allge- 


lobularis lobi 


1 Bruder Ver- 


meinen Kranken 


linferioris pul- 


1 brecher. Pat. 


hause. 


raonis utrius- 


selbst stets 




que cum 


neuropathisch. 




bronchitide 






purulenta dif- 






fusa. 






Typischer 






Hirnbefund. 





108 

7110 

Engelbert N., Frau. 



Negirt. 


1. April 189c 

>||40 J., katho- 





14. Mai 189c 

> lisch, verhei¬ 





Irrenanstalt 

ratet, Schnei- 



* 


Dobfan. 

: dergehilfe. 





Digitized by L^ooQLe 




Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


393 


Däner der 
Ehe, 

Descendenz: 


ff § g 
rl §32,5 

M J all 


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f&gjr.S 

•8 *** S 8 

O e «* 


Alter, Form 

der Paralyse, Complicatio- 
paralytische nen: 
Insulte: 


Seit 1880. 

I-1881 Abortus 
II. 1883Abortu8. 


Seit März 
1895. 
Coma. 


Alkoholis- 


Seit 1886. 

1.1889 Abortus 
IL und III. Zwil- 
j linge 1890; 
8tarbennach8 
n. 10 Wochen 
an Lebens- 
schwäche. 


Seit Ende 
1894 

Hypochon¬ 
drische Form. 


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394 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

+* 

N 

f 

Name, Alter, iS •• Neuro- 

Confession, « £ pathische 

Stand, Beruf. | *§ Veranlagung. 

B 

© 

Q 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen. 

6565 

JosefH.,44 J., Frau — 

_ 

Leugnet 

26. März 1895 

katholisch, (defec- 



14. Mai 1895 

verheiratet, tes Ge- 



Irrenanstalt 

Schmied- dacht- 



Dobran. 

gehilfe. niss). 



9823 

Franz D.,49J., Frau. — 


Leugnet. 

6. Mai 1895 

katholisch, 



14. Mai 1895 

verheiratet, 



Irrenanstalt 

Taglöhner. 



Dobran. 




9690 

Vincenz S., Frau — 

; 

1884 Klinik Zeiss) 

4. Mai 1895 

37 J., katho (de- 


mit Lues; Inunc 

15. Mai 1895 

lisch, verhei- ment). 


tionscur. 

gestorben. 

ratet, Haus¬ 



Obduction: 

besorger. 



Pneumonia 




tobularis lobi 




inf. pulraonis 




sin. Enteritis 




chronica. 




Typischer 




I Hirnbefund. 





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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


bß es • 

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g 2 g J3 Alter, Form 

§•§ S der Paralyse, Coinplicatio- 


c -f-S g 

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«43 5 Kt ja c 
g)o 2ßö,o 

•fl >> 2 


gestorben 

IV. 1886 nach 11 
Tagen an 
Lungenent¬ 
zündung ge¬ 
storben 

V. 1886 lebt 

VI. 1889 lebt 

VII. 1892 lebt 

VIII. ? jedenfalls 
nicht lebend. 


© 43 5 *5 -Q 

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O Q ** 


paralytische 

Insulte: 


i Seit 1878. 

— 

Pota- 

— Seit Januar 

| I. 1880 gesund 


tor 

1895. 

n. 1883 2 Jahre 


stre- 

Demente 

alt an Blat¬ 
tern gestorben 


nuus. 

Form. 

III. 1884 V/ 2 J. 




1 alt, an Sepsis 



I 


] Seit 1874 sterile — 
Ehe, vorher Con- 
cubinat 

I. 1871 gesund 

II. 1872 Abortus 


Seit 1893. 
Demente 
Form. 


| 7 Graviditäten; 
mehrere Abortus, 
mehrere Kinder 
starben ganz 
klein. 


1881 Seit 1893. 
Starz ans einer Mai 1893 
Hohe von 18 epileptiformer 
Klaftern. Anfall. 

Coma. I 


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396 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 

1 der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

’S 

a 

:c3 

: 

•2 ^ Neuro¬ 
tt £ pathische 

<V P i r 

| Veranlagung. 

s 

«u 

o 

5 1 _ 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

112 

7542 

MorizG.,54 J., 

Freund. — 

__ 

1886 Ulcus durum 


5. April 1895 

mosaisch, 



(Wiener Allge¬ 


•21. Mai 1895 

ledig, Agent. 



meines Kranken¬ 


Irrenanstalt 




haus). 


Brünn. 





113 

9917 

Josef W., 

Frau 

— 

1879Ulcus durum. 


6. Mai 1895 

42 J., mo- 

und 


mit Secundär- 


23. Mai 1895 

l saisch, ver¬ 

Arzt 


ersch ein ungen. 


gestorben. 

heiratet, 

(Doc. 


Inunctionscur. 


Obduction: 

Kaufmann. 

Dr. 




Peritonitis 


Freud). 




diffusa icho- 
rosa ex per- 
foratione ve- 
sicaeurinariae 
J (Katheter). 

I Typischer 
Hirnbefund. 


114 


11008 

19. Mai 1895 
25. Mai 1895 
Irrenanstalt 
Wien. 


Eduard G., 
,55 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Instal¬ 
lateur. 


Frau. 


1865 Ulcus skle- 
roticura mit nach¬ 
folgendem Exan¬ 
them, ärztlich ah 
Syphilis bezeich 
net. Keine Allge¬ 
meinbehandlung. 


115 9992 Ignaz G.,46 J., Frau 

7. Mai 1895 katholisch, (de- 

26. Mai 1895 verheiratet, ment) 

gegen Revers Goldarbeiter¬ 
gehilfe. 


Negirt. 




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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


397 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


Uneheliche 

Kinder. 

L starb an Diph- 
theritis 
IL 1880 lebt. 


Seit 1882. 
Steril. 



o 

43 


§ 2 
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Decemb. 1893 
schwere 
Influenza. 


Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Complicatio- 

nen: 


Demente 

Form. 


Decemb. 1893. 
Epileptiforme 
Anfälle. 
Demente 
Form. 


Seit 186a 
L1869 Abortus 
II. 1870 Abortus 
UI. 1871 Todt- 
geburt 

;nr., v.,vi., m, 

| VIII. (188 0) 
i leben und 
sind gesund. 

Seit 1889. 
Steril. 


Seit Ende 
1894. 
Demente 
Form. 


Seit Anfang Tabes 
1895. dorsalis. 

Dement. 


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398 


Dr. Josef Adolf Hirsch!. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Affee- 
tionen. 

116 

10670 

15. Mai 1895 
27. Mai 1895 
Irrenanstalt 
Wien. 

Carl L, 30 J., 
katholisch, 
verheiratet, 
Hilfsarbeiter. 

Frau 


Rha- 

chi- 

tisch- 

tiydro- 

cephal. 

Negirt 

117 

5842 

16. März 1895 
27. Mai 1895 
gestorben. 
Obduction: 
Pneumonia 

crouposa. 

Typischer 

Hirnbefund. 

Josef D., 

51 J., katho¬ 
lisch, ledig, 
Schweizer. 

Ju¬ 

gend¬ 

freund. 


Rhach. 

Hat sicher Syphi¬ 
lis durchgemacht 
Schmiercnr im 
Garnisonsspitale 

118 

11494 

25. Mai 1895 
28. Mai 1895 
Irrenanstalt 
Wien. 

Johann C., 39 
J., katholisch, 
ledig, 
Marqueur 

Ju¬ 

gend¬ 

freund. 



1880 Sklerose 
und Eianthem 
(Dr. Grass, Wien) 

Verweigerung der 
Behandlung. 

119 

11228 

21. Mai 1895 
SO. Mai 1895 
I Irrenanstalt 
Wien. 

Eduard H., 
35 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Gold¬ 
arbeiter¬ 
gehilfe. 

Frau 

und 

Ju¬ 

gend¬ 

freund. 



1885 Sklerose 
und secundäre , 
Erscheinungen, j 
Schmiercnr. 


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Die Aetlologie der progressiven Paralyse. 399 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tiooskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 


Seit 1890. 
Steril. 



März 1893. 
Influenza. 

Seit März 
1895. 

Im März epi- 
leptiforme An¬ 
fälle. 
Demente 
Form. 



— 

— 

_ 


? 






1 

Demente 

Form. 



— 



— 

Seit Ende 
1894. 
Demente 
Form 

i 

1 


8eit 1890. 

I. 1891 gesund 

U. 1894 gesund. 

| 



Seit Herbst 
1894. 
Demente 
Form. 

i 

1 

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1 


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400 


Dr. Josef Adolf HirsehL 



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Neuro- 

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Ueberstandene 

Nr. 

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Confesaion, 

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venerischeAffec- 


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Stand, Beruf. 

1- 

Veranlagung 

ß 

tionen: 


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120 


121 


20628 
1*25. Oct. 1 
10. Juni 1895) 
gestorben 
Obduction 
Pachymeni 
Igitis haemor-! 
rhagica chro 
nica cum hae- 
morrhagia 
recente. Scle- 
rosis cerebri 
diffusa prae- 
cipue loborum 
Icentralium ei 
atrophia ce¬ 
rebri. 

Hypertrophia 
et degeneratic 
cordis. Hyper 
lemia passiv* 
organorum. 


3498 


Irrenanstalt 

Wien. 


Gustav S., 45 

Ge- 

_ 

., 

Keine Angab 

J., katholisch. 

liebte. 




ledig, Schnei- 





dermeister. 





Cornel K., 

Frau 



1885 Lues, 

36 J., katho¬ 

und 



Inunctionscur. 

lisch, verhei¬ 

Arzt, 




ratet, Privat- 

der 




! beamter (vom 

seine 




Lande in Un 

Lues 




garn). 

behan¬ 





delte. 





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Google 







Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


401 



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402 


Dr. Josef Adolf Hirsch!. 


Nr. 


£ 5 

a 


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£ ^ 


5 c 
£ -S 
§ k 


Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 


© 'S 


a 


Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 


§ 

B 

o 


cs 


Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


122 


6597 
[25. März 1895 
|l3. Juni 1895| 
gegen 
Revers. 
Publicirt in 
der Wiener 
klinischen 
Rundschau 
1895, Nr. 31. 


Carl K., Mutter 
[22 J., katho¬ 
lisch, ledig, 
Eisendreher¬ 
gehilfe. 




Rhach. Vater zur Mili¬ 
tärzeit (1867) 
sicher luetisch 
inficirt, lag mit 
Initialsklerose 
und nachher mit 
einem papulösen 
Exanthem im 
Garnisonsspitale 
zu Brünn; 
Schmiercur Die 
Mutter wurde 
von ihm extra¬ 
genital mit Luös 
inficirt und hatte 
gleichfalls ein 
luetisches Eian* 
them. 

Pat. hatte bis 
jzum 7. Jahre ein 
Exanthem im 
Gesicht (?). 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


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404 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 



Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


123 

11957 

1. Juni 1895 
14. Juni 1895 
gestorben. 
Obduction: 
Atrophia ce- 
rebri levioris 
gradus prae- 
cipue lobi 
frontalis utri- 
usquejpneu- 
monia lobi in- 
fimi pulmonis 
deitri ex aspi- 
ratione. Dege- 
neratio grisea 
funiculorum 
posteriorum 
meduilae spi- 
nalis. 

Alois M., 37 J., 
katholisch, 
verheiratet, 
Beamter. 

Frau. 



Keine Angaben. 


124 

1 

23764 

7. Oct. 1894 
15. Juni 1895 
Irrenanstalt 
Pest. 

Rudolf F., 
39J.,mosaisch, 
verheiratet, 
Tapezierer¬ 
gehilfe. 

Frau. 

Ein Bruder 
Suicid; eine 
Schwester 
Diabetes. 
Pat. stets neu- 
ropathisch. 

Rhach. 

Negirt. 





Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


405 







406 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 



Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Cqnfession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 
pathische 
Veranlagung. 

| ' 
5 

•'S 

i 

1 

$ 

GQ 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 



125 

11282 

22. Mai 1895 
16. Juni 1895 
gegen Revers. 

Josef C, 41J M 
katholisch, 
verheiratet, 
Maurerpolier. 

Frau. 


Rhach. 

1880 Elinik 
Auspitz. Ulcus 
sderoticum und 
Exanthem (Zit- 
mann'sches 
Decoet). 



126 

10954 

18. Mai 1895 
I7e Juni 1895 
Irrenanstalt 
Wien. 

Johann S., 
48 J., katho¬ 
lisch, ledig, 
Beamter. 

Bruder. 

— 

— 

1875 Ulcus. 
Eeine Secundlr- 
erscheinungen. 

i 


127 

18242 

18. Juni 1895 
26. Juni 1895 
Irrenanstalt 
Wien. 

Earl S., 

40 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Commis. 

Frau. 



1875 Ulcus, nach¬ 
her Exanthem 
und Inunctions* 

cur. 



128 

8198 

16. April 1895 
26. Juni 1895 
Versorgungs¬ 
anstalt Wien. 

Emil E«, 38 J., 
katholisch, 
verheiratet, 
Taglöhner. 

Freund. 


Rhach. 

Leugnet veneri¬ 
sche Affectiön. 



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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


407 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


Seit 1885. 

1.1886 f nach 
8 Monaten an 
Fraisen 

ü. 1887 starb 
nach 7 Mona¬ 
ten an Le- 
bensschw&che 

III. 1889 gesund 

IV. ,V. 1889Zwil¬ 
linge starben 

4 und 5 Wo¬ 
chen alt an 
Schw&che 

VI. 1891 Abortns 
im zweiten 
Monate 

VII. 1898 Abortus 
im dritten 
Monate. 


Seit 1885. 
Steril. 

In erster Ehe ein 
Kind, das 7 Wo* 
chen alt starb. 

8eit? 

I. Abortus 
II. Todtgebort. 


Objectiye Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 1 
Blei), U 

bo ö • 

Uf**l 

«•§ g*§fjö 

ä>3 §35 S 

bß © © 

•43 fi 3 *43 

.3 aH g ß 

Alter, Form, 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 

— 

Pota¬ 

tor. 

— « 

Seit M&rz 
1895. 

Alkoholis¬ 
mus chroni- 


. l * III. IV. * VI. VII. > 

- I. 

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Demente 
’ Form. - 

CU8. 




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Seit Anfang 
1894. * 

• Demente * 
Form. j 

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^ 1 !-.V-7 

1 

T $Öit April 
1895. 

Hypochondri¬ 
sche Form. 





Seit Anfang 
1894. 
Demente 
Form. 



Digitized by 


Google 










408 


Dt. Josef Adolf Hirschl. 



Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 
pathische 
Veranlagung. 

Beschaffenheit des Craniura. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


129 

17801 

13. Sept. 1894 
26. Juni 1895 
Versorgungs¬ 
anstalt Wien. 

Nathan D., 
49 J., mosa¬ 
isch, verheira¬ 
tet, Agent. 

Frau 

und 

Schwe¬ 

ster. 

Vaters- 
Schwester 
geisteskrank; 
deren Sohn 
starb an einer 
Psychose. 
Eine Schwest. 
hatte Puerpe¬ 
ralpsychose, 
zwei Schwe¬ 
stern sind 
neuropa« 
thisch. 

Rhach. 

1869. Klinik 
Siegmund: Lues. 
Exanthem, La¬ 
ryngitis, Inunc- 
tionscur. 


130 

13330 

18. Juni 1895 
30. Juni 1895 
Irrenanstalt 
Wien. 

Anton B., 37 
J., katholisch, 
verheiratet, 
Bäcker¬ 
meister. 

Bruder, 

Frau. 



Keine Lues und 
keine Gonorrhoe 
zugegeben. 
Epididymis 
gonorrhoica (Dr. 
Waldmann Wien)!) 


131 

9689 

4. Mai 1895 
3. Juli 1895 
gegen Revers. 

Martin B., 
35 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Blumen¬ 
händler am 
Lande in Un¬ 
garn. 

Freun¬ 
de (un¬ 
genaue 
Aus¬ 
kunft 
bezügl. 
der 
Kin¬ 
der). 



1880. Beim Mili¬ 
tär Schmiercur 
wegen Genital- 
affection. 


132 

13627 

22. Juni 1895 
3. Juli 1895 
Irrenanstalt 
Wien. 

David F., 

35 J., mosa¬ 
isch, verhei¬ 
ratet, Schuh- 
waarenhänd- 
1er. 

Frau 

und 

Schwa¬ 

ger. 

i 


Rhach. 

1883 Sklerose. 
Exanthem, 
Schmiercur. 

1 






Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


409 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


1 -f « 

III 

OQ 00 


Seit 1878. 

L 1879 Fraisen 

II. 1880 gesnnd 

III. 1888 gesnnd. 


Erste Ehe 
1892-1898. 

I. 1893 gesnnd. 
Zweite Ehe seit 
1894. 

Frau gegenwärtig 
gravid. 

Seit 1886. 

I. gestorben 

II. gesnnd 

III. gesnnd 


Seit 1886. 

L 1886 Abortns 
im 2. Monate 
IL 1888 gesnnd 
m. 1890 gesnnd 

IV. 1892 gesnnd 

V. 1893 gesnnd 

VI. 1894 Fraisen 




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410 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

133 

7909 

Georg D., 

Frau 

— 

_ 

1880 G&misons- 


11. April 1895 

38 J., katho- 

und 



spital mit Geni- 


4. Juli 1895 

lisch, verhei- 

Freund 



talaffection; Ope- 


gestorben. 

ratet, Binder- 




ration einer 


Obduction: 

gebilfe. 




Lymphadenitis 


Pneumonia 





suppurativa. 


lobularis. 







Typischer 







Hirnbefund. 







Tabes dorsa- 







lis. 






134 

14354 

Samuel St., 

Frau 

_ 

_ 

Venerische Affec- 


2. Juli 1895 

43 J«, mosa¬ 

und 



tion vor langer 


6. Juli 1895, 

isch, verhei¬ 

Sch wie- 



Zeit, wahrschein¬ 


Irrenanstalt 

ratet, Kauf¬ 

ger- 



lich Syphilis. 


Wien. 

mann. 

vater. 





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j 




Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


411 


ss 

Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 

Objectire Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 1 
Blei). | 

Geistige U eberan strengung, 

psychische Traumen, 

Traumen, Strapazen, 

Durchn&ssungen, Erkältun¬ 

gen, Überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 


Seit 1886. 

1.1887 gesund 

D. 1889 Todtge- 
bart im 8. Mo¬ 
nate 

HL 1890 Todtge- 
burt im 8. Mo¬ 
nate 

IV. 1891 gesund 

V. 1894 gesund. 

Lympha¬ 

denitis 

sclerotica 

universa- 

lis. 



Seit April 
1898. 
Demente 
Form. 

Tabes dorsa- 
lis. Ophthal- 
moplegia. 


Seit 1882. 

I. 1888 gesund 

II. 1884 gesund 

III. 1885ge8und 

IV. 1888 starb 
3 1 /« Jahre 
als an Diph- 
theritis 

V. 1889 starb 
19Monatalt 

1 an Diphthe- 

ritis 

VI. 1891 starb 
28 Monate 
alt an Ty¬ 
phus abdo¬ 
minalis 

VII. 1892gesund 
Vin. 1893gesund 
IX. 1894gesund. 




Seit 1892. 
Demente 
Form. 



Digitized by L^ooQLe 













412 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

135 

9531 

1. Mai 1895 
10. Juli 1895 
gegen Revers. 

Leopold L., 
31 J., mosa¬ 
isch, verhei¬ 
ratet, Uhr¬ 
macher. 

Frau 

(Eltern 

verwei¬ 

gern 

das 

Exa¬ 

men). 

Bruder starb 
1893 an P. p. 
(Luös nicht 
erweisbar). 

Rhach. 

Negirt 

(Mutter hat ein¬ 
mal abortirt, 8 
Kinder am nor¬ 
malen Schwan¬ 
gerschaftsende 
geboren.) 

136 

12154 

4. Juni 1895 
15. Juli 1895 
gestorben. 
Obduction: 

Atrophia eximia 
cerebri ex acle- 
rosi diffusa prae- 
cipue gyrorum 
frontalium cum 
leptomeningitide 
chronica, hydro- 
cephalo interno 
et externo et 
ependymitide 
granulari. Cysto - 
pyelonephritis 1 
purulcnta. Pneu- 
monia lobularls 

lobi inferioris 
pulrnonis sinistri 
cum pleuritide 
purulento-fibri- 
nosa recente. 
Cor adiposum. 
Publicirt in der 

Wiener klini¬ 
schen Rundseh. 
Nr. 31, 1895. 

Wenzel K., 
65 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Gast- 
wirth. 

Frau. 


i 

Wahrscheinlich 
luetische Infec- 
tion vor 5 Jahren 
seit dieser Zeit 
sexuelle Absti¬ 
nenz. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


413 


Dauer der 
Ehe t 

Descendenz: 


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Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Complicatio- 


Seit 1888. 

I. 1887 (im Con- 
cubinat)Abor- 
tus. 

II. 1888 gesund 

III. 1889 starb 14 
Monate alt an 
Diphtheritis. 

IV. 1891 starb 14 
Wochen alt 
an einem 
Eianthem. 

V. 1892 starb 
nach 7 Tagen 

VI. 1894 gesund. 

Seit 1870. 

I. 1873 gesund 

II. 1874 gesund 

III. 1876 gesund 

IV. 1880 gesund. 


1890 und 1893 Seit Anfang 
Influenza. 1893. 

Demente 

Form. 


Seit Novem¬ 
ber 1894. 
November 
1894 ein Ohn- 
raachtsanfall. 
Demente 
Form. 


Digitized by Google 







414 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

137 

12551 

Georg G., 

Frau. 

_ 

_ 

1881 Ulcus scle- 


8. Juli 1895 

38 J., griech.- 




roticum (Pest), 


16. Juli 1895 

Orient., ver- 




1882 Klinik Neu- 


gegen Revers. 

heiratet, 




mann, papulöses 



Friseur. 




Exanthem. 

138 

15121 

Carl L., 35 J., 

Freund. 



Vor Jahren 


13. Juli 1895 

katholisch, 




Schanker mit lan- 


16. Juli 1895 

ledig, Stahl- 




ger Spitals- 


Irrenanstalt 

dreher. 




behandlung. 


Wien. 






139 

14188 

AdamK.,32J., 

Frau. 

_ 

_ 

Venerisch afficirt 


30. Juni 1895 

katholisch, 




vor Jahren. 


19. Juli 1895 

verheiratet, 






gegen Revers. 

Schuhmacher. 





140 

14352 

Josef R., 

Freund. 



1867 Schanker, 


2. Juli 1895 

56 J., katho¬ 




Exanthem und 


20. Juli 1895 

lisch, ledig, 


, 


Papeln; ohne 


Irrenanstalt 

Schlosser¬ 




Behandlung. 


Troppau. 

gehilfe. 





141 

9003 

Salomon M., 

behan¬ 

_ 

— 

1885 Lues mit 


24. Apr. 1895 

57 J., mosa¬ 

deln¬ 



Inunctionscur. 


21. Juli 1895 

isch, ver¬ 

der 





Irrenanstalt 

heiratet, 

Arzt. 




1 

Pest. 

Agent. 










Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


415 




Digitized by Google 













416 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

142 

12604 

Raimund B., 

Frau 

_ 

_ 

1883 Papeln ad 


10. Juni 1895 

35 J., katho- 

und 



anum (Görzer 


25. Juli 1895 

lisch, verhei- 

Freun- 



Spital). 


Irrenanstalt 

ratet, Monteur 

de. 





St. Peter, 

(vom Lande). 






Görz. 






143 

13678 

Gustav W., 

Bruder. 

_ 


Vor der Ehe 


24. Juni 1895 

38 J., katho- 




luetische Affec* 


25. Juli 1895 

lisch, verhei- 




tion. 


Irrenanstalt 

ratet,Beamter. 






Salzburg. 







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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


417 



Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 

Objecthre Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 1 
Blei). | 

Geistige Ueberanstrengung, 

psychische Traumen, 

Traumen, Strapazen, 

Durchn&ssungen, Erkältun¬ 

gen, ttberatandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 


Seit 1885. 
1.1886 Abor- 
tus. 




Seit April 
1895. 
Classische 
Form. 



Seit 1880. 

L1881 Abor- 
tus im 6. Mo¬ 
nate 

ü. 1882 Todt- 
geburt im 7. 
Monate 

ÜI.1888 Todt- 
gebnrt im 8. 
Monate 

IV. 1885 Todt- 
geburt 

V. 1886 Todt- 
gebürt im 8. 
Monate 

VI. 1887 gesund 
VII. 1889 gesund 
VUI. Todtgeburt 

im 8. Mo¬ 
nate (?) 

IX. Todtgeburt 

X.1894 Abor- 
tusim2. Mo¬ 
nate 

XI. 1895 gesund. 


; 


Seit Anfang 
1895. 
Demente 
Form. 

i 

1 


Digitized by L^ooQLe 









1 


418 


Dr. Josef Adolf Hinchl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 

durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

B 

3 

na 

4 » 

*3 

ja 

1 

1 

© 

CQ 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 

P 

144 

11395 

24. Mai 1895 
30. Juli 1895 
Irrenanstalt 
Brünn. 

Jonas S., 

39 J., mosa¬ 
isch, verhei¬ 
ratet, Hau- 
sirer. 

Frau. 



1876 Ulcus du¬ 
rum mit conse- 
cutivem Exan¬ 
them. 

(Wiener Allge¬ 
meines Kranken¬ 
haus.) 

Inunctionscur. 


145 

15931 

26. Juli 1895 
5. Aug. 1895 
Irrenanstalt 
Wien. 

Alois F., 45 
J., katholisch, 
verheiratet, 
Locomotiv- 
ftthrer. 

Frau. 

— 

— 

1877 Schanker 
ohne Exanthem. 


146 

15660 

21. Juli 1895 
6. Aug. 1895 
gegen Revers. 

Heinrich K., 
36 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Blumen¬ 
händler. 

Brü¬ 

der. 


— 

1880 Garnisons¬ 
spital: Sklerose 
und Papeln, 
Schmiercur. 


147 

16191 

30. Juli 1895 
8. Aug. 1895 
gegen Revers. 

MorizK.,42 J., 
mosaisch, le¬ 
dig, Bör- 
seaner. 

Schwe¬ 

ster. 



1876 Ulcus do- 
rum(Dr.Knmer), 
keine Allgemein* 
behandlnng. 



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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


419 


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Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 

o. fr* 

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toxieationen (A 
Blei). 

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Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte : 

Complicatio- 

nen: 




1 Ut 





Xi 


O (§ 0® 




Seit 1882. 


_ 


Seit Februar 

_ 


1.1883 starb 14 




1894. 



Tage alt an 




Februar 1894 


Fraisen 




apoplectifor- 


i II. 1885 gesund 




mer Insult, 



III. 1886 gesund 




rechtsseitige 



IV. 1888 gesund 




Extremitäten- 



V. 1892 gesund 




lähmung. 



VI. gegenwärtige 




Demente 



Gravidität 




Form. 



Seit 1883. 

— 

_ 

_ 

Seit Sommer 

— 


1.1884 Todtge- 




1894. 


burtim 7. Mo- 




Damals vor¬ 


| nate 




übergehende 


I II. 1886 gesund 




rechtsseitige 


| III. 1887 gesund 




Lähmung. 


! IV. 1889 gesund 




Demente 


j V. 1894 gesund. 

I 




Form. 



Seit 1886. 




Seit Juni 



1. 1887 starb 7 




1895. 



Woeben alt an 



■ 

i . Demente 



Schwäche 




Form. 



II. 1888 gesund 

III. 1889 Abortns. 






1 




Seit Mai 1891 


i 




C lässig ehe 


i 

1 

1 

t 

1 

1 




Form. 

i 


Jahrbücher f. Paycbiatrla and Neurologie. XIV. Bd. 28 


Digitized by LaOOQle 




420 


Dr. Josef Adolf Hinchl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

B eschaffenheit des Cranium. 

148 

15575 

Ludwig P., 43 

Frau. 

_ 

_ 


20. Juli 1895 

J., katholisch, 





10. Aug. 1895 

verheiratet, 





Irrenanstalt 

Beamter. 





Wien. 





149 

16488 

AntonS.,45 J„ 

Frau. 


Rhach 


5. Aug. 1895 

katholisch, 





12. Aug. 1895 

verheiratet, 





Irrenanstalt 

Wachmann. 




i 

i 

i 

Wien. 

: 





150 

4964 

[gnazM.,44 J., 

Frau. 


Rhach. 


14. März 1893 

mosaisch, ver¬ 





12. Aug. 1895 

heiratet, Rei¬ 





Versorgungs- 

sender. 





anstalt Wien. 






Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


1881 Ulcus du¬ 
rum, Exanthem; 
1894 Schmierern 
(Klinik Kaposi). 


1873 Sklerose 
und Exanthem. 
Inunctionscur im 
6arni8on88pitale 
Nr. 2. 


1878 Sklerose 
mit Exanthem, 
Schmierern 
(Klinik Sigmund). 


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Die Aetiölogie der progressiven Paralyse. 


421 



Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis. 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnäs8ungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 



Seit 1888. 

1.1883 Abortus 
im 6. Monate 

I II. 1886 Abortus 
im 6. Monate 
HL 1893 Frühge- 
bnrtim 8. Mo¬ 
nate. 




Seit Mitte 
1894. 

Juli 1894 
mehrere 
apopleoti- 
forme Anfälle. 
Demente 
Form. 




Seit 1882. 

I. 1883 starb 

14 Tage alt 
an Fraisen. 



Feldzug in 
Bosnien 1878. 

Seit Juni 
1895. 
Demente 
Form. 



1 

i 

i 

1 

I 

i 

1 

i 

j 

Seit 1880. 
Steril. 

Narbige 
Zerstö¬ 
rung der 
Gaumen¬ 
bögen. 



Seit October 
1892. 
Demente 
Form. 




28* 


Digitized by L^ooQLe 







422 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 1 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium 

Ueberstandene 
venerische Affec- 
lionen: 

151 

14130 

Michael S., 

Concu- 

Vater Potator; 

Rhach. 

Sichere Lufs, 


29. .Juni 1895 

54 J., katho- 

bine 

Bruderkinder 


Zeit nicht fest- 


15. Aug. 1895 

lisch, Witwer, 

(Ine- 

epileptisch, 


stellbar. Lueti- 


Irrenanstalt 

Agent. 

tisch). 

ein Bruder- 


sehe Affectionen 


K lagen furt. 



sohn pervers- 


in Kehlkopf und 





sexual. 


Nase. Frau und 





Kinder, siehe 


Concubine wur- 





Descendenz. 


den von ihm in- 







ficirt und mach- 







ten Inunctions- 







euren durch. 

1 152 

| 16638 

EisigW.,42 J., 

Freun¬ 



Soll sicher lue¬ 


7. Juli 1895 

mosaisch, 

de. 



tisch inficirt ge¬ 


17. Aug. 1895 

verheiratet, 




wesen sein. 


Heilanstalt 

Kaufmann aus 






Inzersdorf. 

Russland. 








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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


423 


Dauer der 

I Ehe, 

| Descendenz: 

! 

i 

Objective Symptome 
bestehender oder abge- 
lanfener Syphilis. 

Intoxicationen (Alkohol, I 
Blei). I 

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Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 


j Seit 1870.1. Ehe. 

! 3 Kinder. 

| die bald nach der 

1 Gebart starben. 
Seit 1875 2. Ehe. 
j 1.1878 starb 
j 7 Standen 

1 nach der 

| Gebart 

j II. 1879 Abor- 
' tus im 6. 

! Monate 

i IN. 1880 starb 
| einige Stan¬ 

den nach der 
Gebart 

IV. 1888 blöd- 
sinnig 

! V. 1884 meh¬ 
rere Tenta- 
minasoicidii 
VI. 1886ge8und 
] VN. 1889 blöd- 
i sinnig 

VHI. 1890 atarb 8 
Monate alt 
Concubinat steril. 


Potator 

stre- 

nnns. 

1892 and 1895 
Inflaenza. 
(1895 Starz 
aaf einer 
Stiege, Kopf¬ 
trauma, schon 
krank.) 

i 

Seit Mitte 
1894. 

Seit dieser 
Zeit epilepti- 
forme Anfälle. 
Demente 
Form. 

Alcoholismas 

chronicus. 

. 

i 

1 

1 

I 

| 


Seit langer Zeit 
verheiratet; über 
Kinder keine 
Aaskanft erhält¬ 
lich. 

Alopecia 

syphili¬ 

tica? 

(Klinik 

Nenmann) 


— 

Seit Anfang 
1894. 

Demente Form. 

i 

! 



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424 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 


153 


£ 5 

<5 00 

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£ < 
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*5 £ 


154 


16742 

9. Aug. 1895 
[20. Aug. 1895| 
Irrenanstalt 
Wien. 


Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 


a 

tr 


« 3 


c 

«< 


Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 


a 

2 

o 


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c 


CQ 


12805 
11. Juni 1895 
[21. Aug. 1895 
Irrenanstalt 
Hall in Tirol 


^IosefP.,50 J., 
katholisch, 
verheiratet, 
Magazineur. 


Frau. 


Franz L., 36 J., 
katholisch, 
verheiratet, 
Agent. 


Frau. 


Ueberstandene 


venerische Affee- 
tionen. 


Leugnet jede 
venerische Affec-| 
tion. 


Leugnet Loes. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


425 


Dauer der 
Ehe, 

Desoendenz: 


Seit 1870. 

1. 1872 gesund, 
II. 1873 gesund. 


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J ö.2 


O 50 


Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Complicatio- 

nen: 


.Narbe ai 
Penis, 
rechts 
Narbe 
nach 
Lymph- 
drüsen- 
operation 
in inguine. 
Zur Cha¬ 
rakteristik 
der An¬ 
gaben! 


1866 Feldzug. 


Seit Anfang 
Juli 1895. 
Demente 
Form. 


Seit 1891. 

I. 1892 7-Mo- 
natkind, 
starb 11 Mo¬ 
nate alt an 
Fraisen] 

II. 1893 7-Mo- 
natkind, ge¬ 
sund 

DI. 1894 Todt- 
geburt im 8. 
Monate 

IV. 1895 gegen¬ 
wärtige Gra¬ 
vidität. 


SeitMai 1895 
! Hypochondri¬ 
sche Form. 


i 


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426 


Dr. Josef Adolf Hirsch!. 


*3 

71 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

M 

1 

<V 

Name, Alter, -2 ^ 

Confession, | ’S 

Stand, Beruf. S £ 

5 

C 

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3 

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Neuro- S 

pathische .ts 

Veranlagung. -g 
£ 

1 

V 

GO 

O) 1 

n 

Ueber 8 tandene 
venerische Atfec- 
tionen: 

155 14551 

Johann S., 45 Frau. 

— Rhach. 

Vor vielen Jahren 

4. Juli 1895 

J., katholisch, 

hydro- \ 

Ulcus durum und 

21. Aug. 1895 

verheiratet, 

loephal. 

Exanthem. Keine 

gestorben. 

Agent. 


Behandlung. 

Obduction: 




Phlegmone 




extremitatis 




superioris 




dextrae. Atro- 




phia cerebri 




praecipue lo- 




borum fron- 




talium eximii 




gradus. Lepto- 




meningitis 




chronica. 




156 14131 

Jakob A., 40 Frau. 

_ _ 

1887 eine vene¬ 

29. Juni 1895 

J., mosaisch, 


rische Affection. 

Dieser Kranke 

verheiratet, 


von der Frau als 

und die fol- 

Agent. 


Syphilis bezeich¬ 

genden sind 



net. 

noch in der 



t 

psych. Klinik 




in Behänd- 




lung. 




157 25302 1 

David B.. 38 jJ Nicht 

— Rhach. 

Vor Jahren har¬ 

30. Dec. 1894. 

mosaisch, intelli- 


ter Schanker und 


verheiratet, gente 


Exanthem. 


Kaufmann aus p rau 


Schmiercur in 


Tarnopol. un j 


Tarnopol. 


Mutter. 

1 1 




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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


427 


Däner der 
Ehe, 

Descendenz: 


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| 2 m 
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O? ° Cö 

s 41 § 

3 g s 
© ,S 'S 

53* 


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ag gä^s • 
I § a?~s 


Alter, Form 

| H aj || der Paralyse, Complicatio- 


Seit 1892. 

I. 1876 unehe* 
lieh, gesund 
n. 1892 starb 7 j 
Monate alt an 
Fraisen. 


«18 2 2.5 

Ö.2 § S © g 

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CD Q 00 


paralytische 

Insulte: 


Seit 1891 (?) Tabes doraa- 


Inflnenza. 80. Juni 1895 
1879 2 Jahre epilepüformer 
schweren Anfall. 

Kerker wegen Demente 
Defraudation. Form. 


Seit 1882. 

I. 1888 gesund , 

II. 1885 starb 7 
Monate alt an 
ßlattem. 

III. 1887 gesund 

IV. 1889 gesund. 


1889 

Influenza. 


Seit Juni 
1894. 
Demente 
Form. 


Seit 1877. 
Frau öfters Blu- 
1 tungen, ärztlicher¬ 
seits als Aborte 
bezeichnet. 

1.1878 gesund 1 
! II. 1882 gesund j 
III. 1892 gesund. I 


Seit Novemb. Tabes dor- j 
1894. salis. 

Classische | 

Form. I 


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Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 



Ueberetandene 
venerische Affec- 
tionen: ! 


Richard B., 
15 J., katho¬ 
lisch, ledig, 


■ 


Hereditire Sy¬ 
philis nicht nach 


sehe Rund¬ 
schau Nr. 31, 
1895. 


15508 Franz C., 
19. Juli 1895. 47 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Ziegel¬ 
deckergehilfe. 


— Rhac 


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Die Aetiolögie der progressiven Paralyse. 


429 


Däner der 
Ehe, 

Descendenz: 



Alter, Form 

der Paralyse, Complicatio- 
paraly tische nen: 

Insulte: 


Vater verheiratet 

1. Ehe 1872 bis 

1889. 

2. Ehe 1890 bis 

jetzt 

Ans 1. Ehe: 

I. 1878 starb 14 
Tage alt an 
Brechdurch¬ 
fall 

II. 1874 starb 
2 Jahre alt, 
Trauma,Frai¬ 
sen 

ID. 1875 gesund, 
Puella pu¬ 
blica 

IV. Patient 

2. Ehe steril; in¬ 
fantiler Uterus 
der Frau. 


August 

1894 
bis Fe¬ 
bruar 

1895 
Schrift 

gies- 


(Februar 
1895 Fall 
auf den Kopf 
beim Eis¬ 


läufen, schon 
krank.) 


ser- 

lehr- 

ling. 

Keine 


Seit Septem¬ 
ber 1894. 

Mehrere epi- 
leptiforme 
Insulte im 
August. 
Demente 
Form. 


Er- 

schei- 

nungen 

derPb- 

Vergif- 

tung. 


Seit 1875. 
Steril. 


Pota¬ 

tor. 


Seit Mitte Alcoholismus 
1894. chronicus. 
Epileptiforme 
Insulte Nachts 


April 1895. 
Demente 
Form. 


i 


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430 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 


160 


£ 3 

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i: _ 

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Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 


| 

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Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 


£ 

9 

*£ 

2 

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1 


3192 
12. Febr.1895 


161 


Julius D., 
45 J. f katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Priva- 
tier. 

Perchtolds- 

dorf. 


Frau. 


15453 
18. Juli 1895.1 


Berek F., 
30 J., mosa¬ 
isch, verhei¬ 
ratet, Kauf¬ 
mann. 


Frau 

und 

Vetter. 


Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen. 


Leugnet. 


1883 sichere Ln<> 
mit secnndAren 
Erscheinungen 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


431 


Dauer der 
Ehe, 

j Descendenz: 

1 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 1 
Blei). I 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durcbnäs8ungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 



Seit 1872 Con- 
cubinat, seit 1880 
Ehe. 

I. 1872 starb 
klein an 
Scharlach 

II. 1874 lebt 
ID. 1875 Todt- 

| gebart 

( IV. 1878 lebt 

V. 1879 Todt- 
gebart 

VI. 1880gesand 
Vn.1883 starb 

kurz nach 
der Geburt 
VIII. 1884ge8una 
IX. 1885 Abor- 
tus im 2. 
Monate. 



1891 Sturz 
auf den Kopf 
nach einer 
grossen Er¬ 
regung, ohne 
Bewusstlosig¬ 
keit 

Seit Januar 
1894. 
Classische 
Form. 

1 

1 

i 

[ 

Spastische 

Spinalpara¬ 

lyse. 


Seit 1884. 

I 1884 Abor- 
tus im 4 
Monate 

II. 1885gesund 

III. 1887gesund 

IV. 1888 starb 
klein an Ma¬ 
sern 

V. 1889 starb 
ebenso 

VI. 1890ge8und 
Vn.1883 starb 

1 Monat alt 
VIII. 1893gesund. 




Seit 1898. 
1893 apoplec- 
tiforraer In¬ 
sult mit nach¬ 
folgender vor¬ 
übergehender 
Aphasie und 
Lähmung der 
rehten oberen 
Extremität. 

Demente 

Form. 

Tabes dor- 
salis. 

i 

j 



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432 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit desCranium. 

Ueberstandene 
venerische AJTec- 
tionen. 

162 

17140 

16. Aug. 1895. 

Alois 6., 

33 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet,Commis. 

Frau 

und 

Bruder 



1880 Ulcus du¬ 
rum, Exanthem, 
Schmiercur, spä¬ 
tere?) ein Gumma 
der Haut des 
Oberschenkels. 

163 

15332 

16. Juli 1895. 

Daniel G., 
33 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Tag¬ 
löhner. 

Frau. 



1877 (mit 15 
Jahren)Schanker. 
Localbehandlung. 
Operation in in- 
guine. 

164 

15411 

17. Juni 1895. 

Johann H., 37 
J., katholisch, 
ledig, Drechs¬ 
lergehilfe, 
vom Lande 
aus Böhmen. 

Ge¬ 

liebte. 

— 

Rhach. 

1877 Ulcos, keine 
Schmiercur. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


433 


Däner der 
Ehe, 

Descendenz: 


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Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Complicatio« 

nen: 


Seit 1888. 


Seit Ende 


I. 1890 gesund 
II. 1891 gesund. 


1894. 

Classische 

Form. 


Seit 1881 Zusam¬ 

(Am Penis 

menleben. 

und in 

Steril. 

inguine 


Narben; 


für Lues 


nichts 


Charakte¬ 


ristisches.) 


Seit 1880 Con¬ 
en binat 

1.1881 Abor- 
tns im 4. 
Monate 

H. 1882 f 18 
Monate alt 
an Lungen¬ 
entzündung 

III. 1883 Abor- 
tus im 3. 
Monate 

IV. 1887 lebt, 
gesund 

V. 1888 starb 
3 Monate alt 
an Darm¬ 
katarrh 

VI 1889 gesund 

VII. 1890 starb 
5 Monate 
alt an Darm¬ 
katarrh. 

VIII 1891ge8und 

11.1894 starb 
7 Monate alt 
an Fraisen. 



Seit 1893. 
Novemb. 1894 
3 Anfälle von 
vorübergehen¬ 
dem Sprach- 
verlust (Dauer 
je 2 Tage). 

Demente 

Form. 

1878 bosni¬ 

Seit 1894. 

scher Feld¬ 

Classische 

zug. 

Form. 


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434 


Dr. Josef Adolf Hirsch!. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit desCranium. 

Ueberstandeue 
venerische Affec- 
tionen: 

165 

13513 

Carl H.,44J., 

Freund 

_ 

Rhach. 

1882 Sklerose 


26. Juni 1895 

evangelisch(V) 



hydro- 

und Lues; im 



ledig(?), Zau- 



cephal. 

Allgemeinen 


j 

berer. 




Krankenhause in 







Wien, Schmier- 







cur. 

166 

15431 

Moriz H., 42 

Frau 

_ 

_ 

1874 Garnisons- 


17. Juli 1895. 

J., mosaisch, 

und 



spital in Krakau: 



verheiratet, 

Bruder 



Sklerose mit In- 



Agent. 




unctionscur und 







Jodkali behandelt 

167 

14180 

JosefH.,48 J., 

Frau. 

Bruder starb, 


1868 Sklerose 


30. Juni 1895. 

katholisch, 


53 Jahre alt, 


und secund&re 



verheiratet, 


in der Irren¬ 


Erscheinungen. 



Tischler¬ 


anstalt Do- 


Schmiercur, Kli¬ 



gehilfe. 


bran, Alko¬ 


nik Neumann. 





holiker. 



168 

12478 

Wilhelm K., 

Neffe 



1870 Sklerose. 


7. Juni 1895. 

52 J., katho¬ 

und 



Exanthem und 



lisch, ledig, 

Ge¬ 



Bubo inflamma- 



Pfarrer vom 

liebte. 



tus; Schmiercur 



Lande. 




und Operation. 

169 

14567 

Klement K., 

Frau u. 

— 

— 

1870 Garnisons¬ 


4. Juli 1895. 

47 J., katho¬ 

Sohn 



spital: Sklerose. 



lisch, verhei- 

beide 



Exanthem, 



| ratet, Vieh¬ 

wenig 



Schmiercur. 



treiber. 

intelli¬ 





!l 


gent. 





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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


435 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Intoxicationen (Alkohol, 
Blei). 

Geistige Ueberanstrengung, 
psychische Traumen, 
Traumen, Strapazen, 
Durchnässungen, Erkältun¬ 
gen, überstandene Infec- 
tionskrankheiten. 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 

Complicatio- 

nen: 





Seit 1894. 
Epileptiforme 
Insulte. 
Demente 
Form. 


Seit 1880. 

I. 1881 gesund 
II. 1882 gesund 

— 

— 

— 

Seit 1893. 
Demente 
Form. 


UI. 1885 gesund. 






Seit 1887. 

I. 1888starbl l /j 
Jahre alt an 
Tuberculosis 
pulmonum 

II. 1891 gesund 
III. 1894 gesund. 


1883 
3mal 
Blei¬ 
kolik 
(1877 
bis 
1883 
Poli¬ 
turen 
schwar¬ 
zer Fä¬ 
cher). 


SeitMai 1895. 
Demente 
Form. 


Concubinat seit ? 
1.1892 gesund 

II. 1895 gesund. 




Seit März 
1895. 
Classische 
Form. 


Seit 1872. 

4 lebende Kinder, 

7 klein gestorben, 
dazwischen 2 Ab- 

— 

Pota¬ 

tor. 


Seit Anfang 
1895. 
Demente 
Form. 

Alcoholismus 

chronicus. 

ortus. 






Jahrbtteher f. Piychlal 

ii« und Keur« 

•logt«. XIV 

’. Bd. 


29 


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436 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 

Die Anamnese ist ergänzt 
durch: 

Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 

Beschaffenheit des Cranium. 

Ueber8tandene 
venerische Affec- 
tionen: 

170 

20335 

21. Oct. 1894. 

Anton L., 

49 J., katho¬ 
lisch, verhei¬ 
ratet, Gärtner 
in Mauer. 

Frau. 



Keine Angaben. 

171 

16128 

29. Juli 1895 

Abraham P., 
38 J., mosa¬ 
isch, verheira¬ 
tet, Commis. 

Frau. 


Rhach. 

1893 mit einem 
luetischen Exan¬ 
them in Behand¬ 
lung. 

Initialaffect nicht 
eruirbar. 

172 

11294 

22. Mai 1895. 

Friedrich S., 
39 J., katho¬ 
lisch, Witwer, 
Ingenieur aus 
Galizien. 

Bruder 

und 

Mutter 



Vor Jahren ge- 
schlcchtskrank. 
Hautausschläge. 
Inunctionscnr. 

173 

, 11956 

1 . Juni 1895. 

Josef S.,44 J., 
katholisch, 
verheiratet, 
Anstreicher¬ 
gehilfe. 

Frau, 

Dienst¬ 

geber. 


Rhach. 

1873 Ulcus, keine 
secundären Er¬ 
scheinungen. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


437 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


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Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Complicatio- 


Seit 1875. 

I. 1876 Abortus. 


Seit October 
1894. 


Tabes dorsa- 
lis. 


Seit 1879 epi- 
leptiforme 
Anfälle. 
Classische 
Form. 


Seit 1893. 
Steril. 


1887 bis 1890 
ein oder zwei 
Abortus. 

1889 starb s / 4 
Jahre nach der 
Geburt 


Seit 1892. 
(Früher Concu- 
binat.) 

I. 1883 gesund. 


1889 

Influenza. 


Seit Anfang 
1895. 
Demente 
Form. 


Seit April 
1894. 
Classische 
Form. 


Tabes dorsa- 
lis. Atrophia 
nervi optici 
utriusque. 
Ophthalmo- 
plegia. 


Seit 

1872 

An¬ 

strei¬ 

cher 

1894 

Koli¬ 

ken. 


Seit 1894. 
Hypochondri¬ 
sche Form. 


29* 


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438 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 


S 4 

1 < 

Q J 

«f -g 

I § 

S3 «C 

S 

1" 

£ <s 


Name, Alter, 
Confession, 
Stand, Beruf. 


I- 


Neuro- 

pathische 

Veranlagung. 


CQ 


Ueberstandene 
venerische Affec- 
tionen: 


174 


16253 
Öl. Juli 1895 


175 


Anton S., 1 
|32 J., katho-! 
lisch, verhei-, 
|ratet, Schnei-' 
dergehilfe. | 


17320 

19. Aug 1895 


Frau. 


Paul S, 

47 Jahre, ka¬ 
tholisch, ver¬ 
heiratet, 
Marqueur. 


Frau 

(alco¬ 

holica) 

und 

Sohn. 


1883 Sklerose 
und secundäre 
Erscheinungen. 
Schmiercur. (Kli 
nik Neumann.) 


In der Zeit um 
das 25. Lebens-- 
|jahr geschlechts¬ 
krank. Spitals¬ 
behandlung. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


439 


Dauer der 
Ehe, 

Descendenz: 


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© 3 © 

Q tUD 


Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insulte: 


Complicatio- 


Seit 1892. 
(Vorher Concu- 
binat.) 

1.1889 Abortus 


Seit 1895. 
Hypochondri- 
I sehe Form. 


II. 1890 gesund 

III. 1891 Frühge¬ 
burt, Todtge- 
burt 

IV. 1892 Frühge¬ 
burt 

V. 1895 gesund. 

Seit 1882 Zusam¬ 
menleben. 

1.1884 hatte 
Fraisen 

II. 1885 gesund 

III. 1886 hatte 
Fraisen. 


Seit Mitte 
1893. 

Epileptiforme 
Insulte Mitte 
1893, am 7. 
August 1895. 
Demente 
Form. 




i 


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440 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 

Stand, Beruf. 

176 

19615 

11. Oct. 1894 — 21. Nov. 1894 
Irrenanstalt Dobian. 

Mathias P., 56 J., katho¬ 
lisch, verheiratet, Bahn¬ 
arbeiter. 

177 

20169 

28. Oct 1894 - 23. Nov. 1894 
Irrenanstalt Niederhardt. 

Georg R., 55 J., katho¬ 
lisch, ledig, Hausdiener. 

178 

21738 

9. Nov. 1894 — 28. Nov. 1894 
gestorben. Obduction: Tuberculo¬ 
sis chron. pulmonum; typischer 
Hirn- und Rückenmarksbefund. 

Moriz G., 38 J., mosaisch, 
ledig, Kaufmann. 

179 

23920 

10. Dec. 1894 — 14. Dec. 1894 
Irrenanstalt Wien. 

Rudolf Z., 44 J., katho¬ 
lisch, ledig, Taglöhner. 

180 

353 

5. Jan. 1895 — 6. Jan. 1895 
Irrenanstalt Wien. 

Ferdinand W.,85 J., katho¬ 
lisch, ledig, ohne. 

181 

i 

4266 

27. Febr. 1894 - 13. Jan. 1895 
gestorben. Pneumonia lobularis. 
Typischer Hirnbefund. 

Franz H., 42 J., katho¬ 
lisch, Witwer, Möbelpacker. 

182 j 

1 

881 

12. Jan. 1895 — 16. Jan. 1895 
Irrenanstalt Wien. 

Simon P., 38 J., katho¬ 
lisch, verheiratet, Taglöhner. 

| 183 

i 

637 

9. Jan. 1895 - 2. Febr. 1895 
Irrenanstalt Wien. 

Heinrich K., 36 J., katho¬ 
lisch, ledig, Metall Schläger. 

184 

: 

1 ! 

2299 

30. Jan. 1895 - 17. Febr. 1895 
gestorben. Pneumonia lobularis. 
Typischer Hirnbefund. 

Wilhelm H., 48 J., katho¬ 
lisch, verheiratet (?), Con- 
ducteur. 

i 

i 


Digitized by L^ooQLe 


. , Die Anamnese ist ergänzt 

Keine Angehörigen. durch: 







Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


441 


Beschaffenheit des Craninm. 

Objective Symptome 
bestehender oder abge¬ 
laufener Syphilis: 

Alter, Form 
der Paralyse, 
paralytische 
Insnlte: 

Coraplic&iio- 

nen: 

Rhachitisch. 


Demente Form. 

— 

— 

Delirium tremens. 
Cirrhosis hepatis. 

Demente Form. 

Alcoholismus chro¬ 
nicus. 

Rhachitisch. 


Demente Form. 

Tabes dorsalis. 

— 

— 

Demente Form. 

— 

Rhachitisch. 


Demente Form. | 

— 

! 


i 

Seit 17. Dec. 1891 
gehäufte Insulte. 
Demente Form. 

— 

— 

— 

Demente Form. 

- 

j Rhachitisch. 

- 

Clas8i8che Form. 

— 

Rhachitisch. 

i 

— 

Demente Form. 

1 

— 


Digitized by 


Google 





442 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Nr. 

Journal-Nummer, Datum 
der Ankunft und des Ab¬ 
ganges. 

Name, Alter, 
Confession, 

Stand, Beruf. 

185 

8236 

12. Febr. 1895 — 21. Febr. 1895 
Irrenanstalt Wien. 

Adolf B., 41 J., katho¬ 
lisch, ledig, k. u. k. Haupt¬ 
mann. 

186 

4816 

4. März 1895 — 9. März 1895 
Irrenanstalt Wien. 

Leopold G., 35 J., katho¬ 
lisch, verheiratet, Maurer. 

187 

1094 

15. Jan. 1895 - 12. Febr. 1895 
Irrenanstalt Dobran. 

Anton H., 37 J., katho¬ 
lisch, verheiratet, Hut¬ 
macher. 

188 

4595 

1. März 1895 — 12. März 1895 
gestorben. Typischer Himbefund. 
Hyperaemia cerebri. 

Alexander S., 48 J., katho¬ 
lisch, Schneidergehilfe. 

189 

6095 

19. März 1895 — 30. März 1895 
Irrenanstalt Wien. 

Franz K., 32 J., katho¬ 
lisch, verheiratet, Kutscher. 

190 

6050 

18. März 1895 - 13. April 1895 
Irrenanstalt Wien. 

Michael N., 35 J., katho¬ 
lisch, verheiratet, Möbel-; 
packer. 

191 

11649 

9. Juni 1894 — 7. Apr. 1895 
Irrenanstalt Pest. 

Andreas T., 37 J., katho¬ 
lisch, ledig, Bäckergehilfe. 

192 

’ 10310 

11. Mai 1895 - 21. Mai 1895 
Irrenanstalt Wien. 

Ignaz G., 37 J., katho¬ 
lisch, ledig, Taglöhner. 

193 

j 

11879 

30. Mai 1895 — 5. Juni 1895 
Irrenanstalt Wien. 

Josef G., 42 J., katho¬ 
lisch, ledig, Kellner. 


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Die Anamnese ist ergänzt 

Keine Angehörigen. durch: 










Beschaffenheit des Craninm. 


Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 443 


• 

4) O) 

i-fä 



§• 53 2 

Alter, Form 


&-S g; 

(5* ° M 

der Paralyse, 

Complicatio 

® ® V. 

*43 e fi 

o J 

Xi 

paralytische 
Insnlte: 

nen: 


Bhachitisch. 1 — Demente Form. I Tabes dorsalis. 


Demente Form. | 


Bhachitisch. — Demente Form. 


Demente Form. 
Tod im Insult. 


Demente Form. 


Demente Form. Alcoholismns chro 
nicns. 


Demente Form. 


Demente Form. 


Demente Form. 


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444 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Jouraal-Nummer, Datum Name, Alter, 

Nr. der Ankunft und des Ab- Confession, 

ganges. Stand, Beruf. 


I 


S 194 

5698 

14. März 1895 — 15. Juni 1895 
Irrenanstalt Pest. 

Alexander K., 43 J., mo¬ 
saisch, Witwer, TaglOhner. 

' 195 

6001 

18. März 1895 — 18. Juni 1895 
Irrenanstalt in Deutschland. 

Bernhard M., 41J., katho¬ 
lisch, verheiratet, Buch¬ 
händler. 

196 

13990 

27. Juni 1895 - 2. Juli 1895 
gestorben. Tuberculosis pulm.; 
typischer Himbefund. 

Johann A., 61 J., katho¬ 
lisch, verheiratet, Tischler¬ 
gehilfe. 

197 

15109 

12. Juli 1895 — 14. Juli 1895 
Irrenanstalt Wien. 

Simon S., 60 J., mosaisch, 
verheiratet, Kaufmann. 

198 

16029 

28. Juli 1895 — 2. Aug. 1895 
gestorben. Tuberculosis chronica 
pulm.; typischer Himbefund. 

Eduard K., 40 J., mosaisch, 
verheiratet, Kaufmann. 

199 

16391 

3. Aug. 1895 — 17. Aug. 1895 
Irrenanstalt Wien. 

t 

Leopold H., 40 J., katho¬ 
lisch, ledig, Maler. 

200 

15866 

24. Juli 1895, noch in der Klinik. 

Eduard G., 34 J., griechisch- 
orientalisch, verheiratet, 
angeblich Universitäts¬ 
professor. j 




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v . . ... Die Anamnese ist ergänzt 

Keine Angehörigen. durch* 










Beschaffenheit des Cranium. 


Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


445 





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02 02 

Alter, Form 
der Paralyse, 

Complicatio- 

« «J M 
► © 

paralytische 

nen: 

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o 'S 48 

Insulte: 


.o 


i 



Demente Form. 


Atrophia nervi op 
tici ntriusqne 


Classische Form. 


Demente Form. 


Atrophia nervi op¬ 
tici utriusque. j 


Classische Form. 


Demente Form. 


i 


Demente Form. 


— i Demente Form. 

i 

! 

I 


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446 


Dr. Josef Adolf Hirsohl. 


Aus der Zusammenstellung des in den Tabellen enthaltenen 
Thatsachenmateriales ergibt sich Folgendes: 


Alter. 

TabeUe II. 



2 j 61 n 65 * „ 


Die meisten Kranken (54) erkrankten zwischen dem 36. 
und 40. Lebensjahre. Diese Thatsache stimmt mit den Er¬ 
fahrungen MendeTs überein. Das durchschnittliche Lebens¬ 
alter betrug 40*45 Jahre. 

Vier der Erkrankten waren im Beginne der Paralyse noch 
nicht 20 Jahre alt. Zwei davon erkrankten im 14. Lebens¬ 
jahre. 

I. Der eine, Albert S. (Fall 27), hatte ein rhaehitisches Craninm und hatte 
kurz vor seiner Erkrankung eine fieberhafte Affection von achttägiger Dauer so 
iiberstehen. Bei ihm war weder acquirirte, noch hereditäre Syphilis naohzuweisen. 
Seine Mutter war siebenmal gravid: das erste Kind starb, 19 Jahre alt, an Tuber- 
culose, das dritte Kind starb, 15 Tage alt, an unbekannter Krankheit, das fünfte 
und sechste Kind sind gesund, die zweite und siebente Gravidität endete mit einer 
Todtgeburt Unser Kranker war das vierte Kind. Seine Paralyse war mit 
beiderseitiger Opticus-Atrophie combinirt 

U. Der Zweite, der im 14. Lebensjahre erkrankte, Richard B. (Fall 158). 
hatte gleichfalls ein rhaehitisches Cranium. Auch bei ihm liess sich weder he¬ 
reditäre, noch acquirirte Syphilis nachweisen. Sein Vater, ein Arbeiter von geringer 
Intelligenz, ist 49 Jahre alt, war seit dem Jahre 1872 mit der Mutter des Kranken 
verehelicht, die 1889 an den Folgen eines Herzfehlers in häuslicher Verpflegung 
starb. Die Mutter soll stets gesund gewesen sein, nie an einer Genitalerkrankung, 
einem Hantausschlage oder Heiserkeit gelitten haben. Der Vater selbst, zu ver¬ 
schiedenen Zeiten und eindringlichst examinirt, leugnet eine venerische Aflection 
auf das entschiedenste. Eine genaue somatische Untersuchung ergibt an ihm kein 
Zeichen überstandener Lues. Aus der Ehe des Vaters gingen vier Kinder hervor: 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


447 


1873 eia aasgetragenes Kind ohne Exanthem, das naeh 14tägiger Lebensdauer 
an Cholera nostras starb, 1874 ein Kind, das zunächst gesund war, nie Fraisen 
hatte und am Ende des zweiten Lebensjahres nach einem Traume (?), der von 
Fraisenanfallen gefolgt war, starb; 1875 ein gesundes Mädchen, das gegenwärtig 
seit etwa 1*A Jahren Paella publica ist und nicht schwachsinnig sein soll; endlich 
1880 unser Patient.' Der Vater ist seit 1890 in zweiter Ehe vermählt, die Frau 
hat nie abortirt, nie geboren. Als Ursache dieser Sterilität ist ein infantiler Uterus 
anzusehen. Der Intelligenzgrad des Vaters unseres Kranken lässt die Möglichkeit 
annehmen, dass dieser eine eventuell durohgemaohte Lugs nicht beob¬ 
achtet haben könnte. Von sonstigen ätiologischen Momenten käme noch die 
Beschäftigung des Kranken als Sohriftgiesserlehrling vom August 1894 bis zum 
Februar 1895 und ein Sturz auf den Kopf beim Eisläufen im Februar 1895 in 
Betracht, doch hat der Kranke nie irgend ein Symptom von chronischer Blei¬ 
vergiftung gezeigt, und das Kopftrauma fiel bereits in die Zeit seiner Erkrankung. 

III. Der dritte unserer juvenilen Paralytiker (Fall 13), dessen Erkrankung 
im 19. Lebensjahre bemerkt wurde, soll stets als geistig zurückgeblieben gegolten 
haben; er hatte ein rhachitisch-hydrocephales Cranium. Sein Vater wurde ermordet, 
seine Mutter starb im Wochenbette. Der ersten Ehe des Vaters entstammten 
fünf gesunde Kinder und zwei, die an Tuberoulose der Lungen starben; aus der 
zweiten Ehe gingen zunächst zwei gesunde Kinder hervor, als drittes wurde der 
Kranke geboren; nachher folgten noch zwei Todtgeburten. 

IV. Der vierte der jugendlichen Paralytiker (Fall 122) war im Beginne 
seiner Erkrankung 19 Jahre alt und hatte gerade einen leichten Influenzaanfall 
uberstanden Sein Vater war zur Militärzeit sicher luetisch infioirt, 
lag mit Initialsklerose und nachher mit einem papulösen Exanthem im Garnisons- 
spitale zu Brunn und wurde daselbst einer Schmiercur unterzogen. Dessen Ver¬ 
lobte, die Mutter K.’b, wurde durch angeblich bloss extragenitalen Verkehr (Küsse) 
mit Lues infioirt und kam mit einem luetischen Exanthem in ärztliche Be¬ 
handlung. Aus der im Jahre 1868 geschlossenen Ehe der Eltern des Kranken 
gingen zunächst vier Abortus hervor (1868, 1869, 1870, 1871). Im Jahre 1873 
wurde der Kranke Carl K. am normalen Ende der Schwangerschaft geboren; 
1875 brachte die Mutter ein gesundes Kind zur Welt, das im Alter von 4 Jahren 
an Diphtheritis starb. Ein sicheres Zeichen hereditärer Lugs bot der Kranke nicht. 
Er hatte bis zum 7. Lebensjahre ein Exanthem im Gesichte, das nach der Be¬ 
schreibung nicht mit Sicherheit als luetisches Exanthem aufgefasst werden muss. 
Sein Cranium war gleichfalls rhaohitisoh. 

Zwei Paralytiker erkrankten im Alter von über 
60 Jahren. Der eine (Fall 196) hatte gleichzeitig eine beider¬ 
seitige Opticusatrophie; da er keine Angehörigen hatte, Hessen 
sich bei ihm ätiologische Momente nicht eruiren. 

Der Zweite (FaU 136), der im 61. Lebensjahre erkrankte, 
war wahrscheinlich vier Jahre früher luetisch inficirt. 


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448 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Geschlecht. 

Während der Zeit vom 15. October 1894 bis zum 20. 0c- 
tober 1895 standen neben den 200 männlichen 65 weibliche 
Par&lyticae in Behandlung. Es kommen also auf eine kranke 
Frau 307 kranke Männer. Daraus ergibt sich, dass in den 
letzten 10 Jahren die Frauenparalyse gegenüber der Männer¬ 
paralyse am Materiale der II. psychiatrischen Universitätsklinik 
um ein geringes zngenommen hat, da Meynert aus seiner 
Statistik in derselben Klinik das Verhältniss 1 zu 3 4 berechnete. 


Stand. 

Von unseren 200 Kranken waren 139 verheiratet, 8 ver¬ 
witwet, 3 geschieden und 50 ledig. Mendel hebt in seiner 
Monographie über die Paralyse hervor, dass von seinen 250 Pa¬ 
ralytikern 57 ledigen Standes waren, eine Zahl, die er mit Rück¬ 
sicht auf das Alter, in dem sich die Paralyse in der Regel 
findet, als eine abnorm hohe bezeichnet. 


Bernf. 

Unter unseren Kranken fanden sich: 

Tabelle III. 


Gelehrte und Künstler. 

Officiere. 

Geistliche . .. 

Beamte. 

Kaufleute. 

Handwerker. 

Gewerbetreibende. 

Diener. 

Taglöhner .. 

Ohne Beschäftigung (inclusive Private) 


5 

1 

1 

16 

35 

67 

20 

30 

16 

9 


Die von vielen Autoren hervorgehobene Thatsache, dass 
sich die Paralyse in höheren Ständen relativ häufiger findet als 
in den niederen Ständen, kommt wohl in dieser statistischen 
Zusammenstellung nicht gut zum Ausdrucke. 

Kundt und Bouchaud hoben die ausserordentliche Selten¬ 
heit der Paralyse bei den katholischen Geistlichen hervor. 
Ersterer hatte in seiner Anstalt unter 1090 Aufnahmen 17 ka¬ 


tholische Geistliche, von denen kein einziger an Paralyse litt; 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


449 


Bouchaud fand in drei französischen Irrenanstalten unter 
288 katholischen Geistlichen 7 Paralytiker, das ist 2-43 Pro¬ 
cent. Der katholische Geistliche (Fall 168), welcher mit Paralyse 
in unsere Klinik aufgenommen wurde, hatte im Jahre 1870 eine 
Sklerose mit Exanthem und eine Lymphadenitis suppurativa; 
er machte damals eine Inunctionscur durch, seine Lymphadenitis 
wurde operirt. 

Confession. 

Unter den 200 Paralytikern waren 152 katholischer, 
6 evangelischer, 2 griechisch-orientalischer und 40 mosaischer 
Confession. Auffällig ist, dass die Jnden mit 20 Procent 
sich an der Paralyse betheiligen; allerdings ist bei 7 Juden 
hereditäre Belastung erwiesen worden; die Juden machen un¬ 
gefähr ein Drittel der Gesammtsumme der erblich neuropathisch 
belasteten Paralytiker aus. Wenn wir jedoch die 7 Belasteten 
von der Summe der 40 Erkrankten subtrahiren, so bleiben 
immer noch 33 hereditär neuropathisch nicht belastete 
Juden, welche an Paralyse erkrankten. 

Da nun die Luös bei Juden nicht häufiger vorkommt als 
bei denen, die einer anderen Confession angehören, nnd trotz¬ 
dem die Zahl der Paralytiker eine auffallend hohe ist, die ge¬ 
wöhnlichen als ätiologischen Momente verdächtigen Factoren 
wie Kopftrauma, Alkohol, acute Infectionskrankheiten etc., sich 
jedoch nicht häufiger in der Vorgeschichte nach weisen lassen, 
muss diesem Verhalten der Paralyse ein besonderer 
Grund entsprechen, auf den noch zurttckgekommen werden soll. 

Erbliche Belastung. 

In Bezug auf die erbliche Belastung weichen die Angaben 
der Beobachter insofern voneinander ab, als die Procentzahl 
der erblichen Belastung zwischen 5*4 Procent und 56'5 Procent 
schwankt. In Uebereinstimmung mit den meisten Autoren con- 
statirte jedoch schon Mendel, dass die hereditäre Anlage 
bei der progressiven Paralyse keine so erhebliche 
Bolle spiele wie bei den primären Geistesstörungen. 
Eine kleine Tabelle mag die von den Autoren gefundenen 
Procentzahlen festhalten: 


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450 


Dr. Josef Adolf Hirsohl. 


Tabelle IY. 


| Name des Antors 

i 

Erbliche Be¬ 
lastung bei 

1 j 

A. Westphal. 

5-4 % 

1 Bjoemstroem. 

8-0 »/,, 

Siemerling. 

110 % 

Obersteiner. 

115 % 

v. Krafft-Ebing. 

15—20 % 

Oebeke . 

22-46% 

Eickholt. . . 

24*0 % 

Reinhard. 

24 5 % 

Giraud. 

28-0 

Ullrich. 

300 % 

I Ascher. 

31*0 % 

! Calmeil .. 

330 % 

König. 

330 % 

Simon. 

33 0 % 

Jung. 

390 % 

Pontoppidan. 

41-33% 

Graf. 

41*6 % 

Gndden. 

42*8 % 

Lange . 

43 0 % 

Ziehen. 

450 % 

Bayle .. 

500 % 

Arnaud . 

530 % 

Mendel .. 

56-5 % 


Wir konnten nur bei 22 von jenen 175 Kranken, tob 
denen genaue Anamnesen zu erhalten waren, schwere here¬ 
ditäre Belastung nachweisen. Die Art derselben ist in der 
Tabelle I genau beschrieben. Die von Ball und Mendel be¬ 
richtete Erfahrung, dass auffallend häufig bei der Ascendenz 
von Paralytikern Neigung zu Hirncongestionen, ferner Apoplexien 
und anderen Herderkranknngen angetroffen werde, konnten wir 
nicht bestätigen. Von den 22 erblich Belasteten hatten 13 mit 
Sicherheit Syphilis durchgemacht, bei 3 war Syphilis 
mit grosser Wahrscheinlichkeit vorhergegangen, bei 6 konnte 
überstandene Syphilis nicht nachgewiesen werden. 

Von sämmtlichen 200 Kranken hatten 60, d. i. 30 Procent 
ein rhachitisches Cranium. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


451 


Psychische Ursachen. 

Mendel macht bereits darauf aufmerksam, dass die 
Statistik über psychische Ursachen als veranlassendes 
Moment für die Entstehung der Paralyse kaum sichere 
Zahlen geben kann, dass diese mehr oder minder als will¬ 
kürliche bezeichnet werden müssen. Trotzdem finden sich in der 
Literatur reichlich statistische Angaben unter dem Titel: „Geistige 
Ueberanstrengung, Gemüthsbewegungen, ungünstige sociale Ver¬ 
hältnisse und sonstige ungünstige Einwirkungen” u. s. w. 

Clouston sah in 32 von 108 Fällen in geistiger Anstrengung 
und Gemüthsbewegungen die Ursache der Paralyse. Nach Behier 
hatten von 300 Paralytikern 116 Berufe mit geistiger An¬ 
strengung. Lefebre macht moralische Ursachen für die Häufig¬ 
keit der Paralyse verantwortlich. Austin und Burman sehen 
einen acuten schmerzhaften Eindruck auf das Gemüth für die 
gewöhnlichste Ursache der Paralyse an.Geistige Ueberanstrengung 
in Verbindung mit Emotionen spielen nach Oebecke in 42 Pro¬ 
cent seiner Fälle eine Rolle. Reinhard macht den gesteigerten 
Kampf ums Dasein und die zunehmenden Auswüchse und 
Schattenseiten des socialen Lebens in erster Linie verantwort¬ 
lich für die Entstehung der Paralyse. Auch Lange, der die 
Syphilis als ein bedeutungsvolles ursächliches Moment der Pa¬ 
ralyse bezeichnet, hält an der ursächlichen Wichtigkeit von 
Nahrungssorgen, geistiger Ueberanstrengung, verletzenden Krän¬ 
kungen und langdauerndem Aerger fest; er fand diese „psychi¬ 
schen Momente” neunzehnmal in84 Fällen. Kiernan sah im Cook- 
Connty-Hospital am meisten Irländer und Neger, die in Chicago 
sehr lebhaft am Kampf ums materielle Leben theilnahmen, pa¬ 
ralytisch erkranken. Er betont, dass erst seit der Sklaven- 
emancipation, also erst seitdem die Neger selbständig in den 
Kampf ums Dasein haben eintreten müssen, Paralysen bei ihnen 
häufiger geworden sind. Siemerling führt bei 13’6 Procent 
seiner weiblichen Paralytiker ungünstige sociale Verhältnisse 
und sonstige psychische Einwirkungen als ursächliches Moment 
an, und A. Westphal, der Siemerling’s statistische Unter¬ 
suchungen in der Charitd fortsetzte, findet nur in 4 Procent 
der Erkrankungen diese Ursachen. Obersteiner erwähnt in 
den Anamnesen von 15-4 Procent seiner Kranken geistige 

Jahrbücher f. Psychiatrie und Nenrologie XIV. Bd 30 


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452 


Dr. Josef Adolf Hirsohl. 


Ueberanstrengung, Verluste und andere deprimirende Ur¬ 
sachen. 

Meilhon sah unter 498 geisteskranken Arabern, die in 
der Anstalt zu Aix in Algier untergebracht waren, 13 Fälle 
von Paralyse; er betont, wie Kiernan bei den Negern, den Ein¬ 
fluss der Civilisation und des Eintrittes in den Kampf um die 
Existenz bei der Erkrankung der Araber und führt zum Be¬ 
weise dessen die Berufsarten der Erkrankten an: 3 der Pa¬ 
ralytiker waren Taglöhner, 1 Soldat, 1 Kaffeewirth, 1 Dolmetsch, 
1 Officier, 1 Beamter, 1 Student, 1 Lastträger, 1 ohne Beruf, 
und 2 der Erkrankten waren Frauen. Auch Rabow sieht im 
Kampfe um die Existenz die wichtigste Ursache der Paralyse; 
dieselbe macht im Canton Wallis nur 4 Procent der Psychosen 
aus, und wenn man die ausserhalb des Cantons herstammenden 
Paralytiker subtrahirt, nur 1*1 Procent der gesammten Geistes¬ 
krankheiten. Dazu bemerkt noch Rabow, dass drei Viertel der 
eingeborenen Paralytiker ihr Leben in den grossen Städten des 
Auslandes zugebracht haben, v. Krafft-Ebing betont in seiner 
Arbeit über die Zunahme der Paralyse gleichfalls die Wichtigkeit 
sociologischer Factoren, macht aber auf den Parallelismns 
zwischen Häufigkeit der Syphilis und der Paralyse besonders 
aufmerksam. 

Wir konnten in keinem unserer Fälle eine psychische 
Ursache oder geistige Ueberanstrengung als Ursache der 
Paralyse annehmen. Wenn man die Tabelle, welche unsere 
Kranken nach ihrem Berufe sondert, überblickt, so sieht man, 
dass die sogenannten niederen Stände die weitaus grössere Zahl 
unserer Paralytiker ausmachen; bei diesen kann ja von geistiger 
Ueberarbeitung nicht die Rede sein. Missliche materielle Ver¬ 
hältnisse waren in einer grossen Zahl von Fällen zu constatiren, 
konnten jedoch meist als ursächliche Momente nicht angesprochen 
werden, da sie zum Theile schon sehr lange vorher ohne irgend¬ 
welche Reaction der Betroffenen bestanden hatten, zum Theile 
deutlich als Folgen der bereits vorliegenden Erkrankung er¬ 
kannt wurden. 

In vier Fällen machten sich in der Anamnese unserer Kranken 
die sogenannten psychischen Ursachen besonders bemerklich. 

I. Der Kellner Johann P. (Fall 18) erlitt 1892 durch leicht¬ 
sinnige Speculationen an der Börse grosse Verluste, so dass 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


453 


er am Ende des Jahres, vollkommen verarmt, um seine Existenz 
kämpfen musste. Im Jahre 1893 erkrankte er an Influenza und nach 
den Angaben seiner Frau, welche imbecill ist, zeigte er erst im 
März 1894 Symptome einer Geistesstörung. Nachdem zunächst 
„Schwächeanfälle” als seit 1893 bestehend angegeben wurden, 
war der Bericht seiner Collegen von hohem Werthe, dass der 
Kranke, der bis 1892 ein sparsamer, mit seinem Gelde äusserst 
vorsichtig manipulirender Mann gewesen war, plötzlich grosse 
Ausgaben machte und ohne irgendwelche Verbindung oder 
irgendwelchen kaufmännischen Rath diese Ausgaben durch 
Börsespeculationen zu decken versuchte. Es ist wohl gerecht¬ 
fertigt, anzunehmen, dass die Erkrankung bereits im Jahre 1892 
vorlag, jedoch von der imbecillen Frau nicht gemerkt wurde. 
Aus dem Zusammenleben mit seiner Frau, das von 1881 bis 
1894 währte, ging 1891 ein Abortus hervor; seither war die 
Frau steril. 

II. Josef E., ein 42jähriger Agent (Fall 21), soll nach dem 
Parere über der Sorge wegen Entlassung aus seiner Stellung 
im Januar 1894 geisteskrank geworden sein; diese Angabe 
wurde später durch seine Frau dahin richtiggestellt, dass er 
bereits im December 1893 deutliche Erscheinungen der Demenz 
zeigte, deshalb nicht mehr arbeitsfähig war und aus dem Ge¬ 
schäfte entlassen wurde. Es war also in diesem Falle die Ent¬ 
lassung aus dem Dienste nicht die Ursache, sondern die Folge 
der Paralyse. Die Sklerose, die der Kranke im Jahre 1873 
durchmachte, und die wahrscheinlich zur Folge hatte, dass die 
Frau nach einmaligem Abortus im Jahre 1882 steril blieb, 
ist wohl hier ätiologisch wichtiger als das psychische Trauma. 

HI. Der 51jährige Gastwirth Karl F. (Fall 24), der im 
Juni 1894 im Anschlüsse an den Tod eines Kindes paralytisch 
erkrankt sein soll, war nach Angabe seiner Frau und seiner 
Verwandten schon vorher vergesslich, reizbar. Auch hier ver¬ 
dient die Thatsache hervorgehoben zu werden, dass seine Frau, 
mit der er seit 1887 lebte, erst nach zwei Todtgeburten 
(1889 und 1890) im Jahre 1892 ein gesundes Kind zur Welt 
brachte, dessen Tod im zweiten Lebensjahre die scheinbare Ur¬ 
sache für den Ausbruch der Paralyse unseres Kranken abgab. 

IV. Der Friseur Valentin S. (Fall 43) soll, nachdem Ende 
1892 sein Geschäft zugrunde gegangen war, an Paralyse er- 

30 * 


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454 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


krankt sein. Die Frau gibt als Grund für den Ruin des Ge¬ 
schäftes an, dass die Gäste ihres Mannes mit seinem Rasiren 
nicht zufrieden waren, weil ihm öfter das Malheur passirte, 
sie zu schneiden. Da der Kranke sofort nach dem Zugrunde¬ 
gehen des Geschäftes bereits die Zeichen der Paralyse erkennen 
liess, ist es gerechtfertigt, anzunehmen, dass er, bereits vorher 
krank, in Folge seiner motorischen Störungen die Unzufrieden¬ 
heit seiner Gäste bewirkte und so seinen Ruin herbeiführte. 
Auch hier scheint also der Existenzverlust Folge und nicht 
Ursache der Paralyse gewesen zu sein; ätiologisch wichtiger 
ist die im Jahre 1867 überstandene Sklerose mit Exanthem, 
die mit Pillen behandelt wurde; aus der Ehe des Kranken 
gingen neben einem Abortus drei Kinder hervor, die nach 
kurzer Lebensdauer unter Fraisen starben; ein 1886 ge¬ 
borenes Mädchen lebt, ist schwächlich. 

Alle diese vier Fälle, welche die einzigen waren, die man 
auf „psychische Ursachen” hätte zurückführen können, haben 
sich bei genauerer Nachforschung als von der psychischen Ursache 
nicht bedingt erwiesen; wir müssen deshalb nach unseren 
Erfahrungen die „psychischen Ursachen” aus den ätiolo¬ 
gischen Momenten für die Paralyse ausscheiden. 

Es sei, um Missverständnissen vorzubeugen, gleich hier 
bemerkt, dass die psychischen Ursachen, die sich als ätiologi¬ 
sche Factoren der Paralyse ausschliessen lassen, als grob 
anamnestisch nachweisbare psychische Ursachen ver¬ 
standen werden müssen. Es muss auch darauf hingewiesen 
werden, dass die vorliegenden ätiologischen Erwägungen sich 
nur auf die vorliegenden 200 Fälle beziehen. 

Es gibt gewiss feine psychische Ursachen im Sinne 
der Sorge, im Sinne der geistigen Ueberarbeit, die sich der 
anamnestischen Nachforschung überhaupt entziehen, 
oder die vielleicht bei einem anderen Materiale anamnestisch 
nachweisbar wären. Diese feineren psychischen Ursachen, deren 
anamnestische Feststellung deshalb so enormen Schwierigkeiten 
begegnet, weil Krankheitsbeginn und psychische Ueberleistung 
sich nicht zeitlich abgrenzen lassen, können bei der Dementia 
paralytica eine Rolle spielen; in welcher Weise ich mir diese 
Rolle vorstelle, darüber soll am Schlüsse dieser Erwägungen 
Mittheilung gemacht werden. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


455 


Dass die psychischen Ursachen, die sich anamnestisch er¬ 
weisen lassen, zur Entwickelung der Paralyse nicht nothwendig 
sind, dafür spricht zur Genüge der Umstand, dass sie einfach 
in der grossen Mehrzahl der Anamnesen sich nicht vorfinden. 
Immerhin wird man eingedenk sein müssen, dass die psychi¬ 
schen Ursachen zu trennen sind in grob anamnestisch nach¬ 
weisbare und solche, die im Allgemeinen anamnestisch nicht 
nachweisbar vielleicht bei einer intelligenteren Umgebung des 
Kranken wenigstens mit Wahrscheinlichkeit eruirt werden könnten. 

Körperliche Strapazen. 

Körperliche Strapazen, welche gleichfalls häufig als 
ätiologisches Moment für die Paralyse betrachtet worden sind, 
konnten in unseren Fällen nur selten nachgewiesen werden 
und schienen da mit der Erkrankung nicht in ursächlicher 
Verbindung zu stehen. Körperliche Ueberanstrengung mit viel¬ 
fachen calorischen Schädlichkeiten, mit Arbeit in wech¬ 
selnden Temperaturen, liess sich bei 7 Kranken feststellen. 
(Fälle 3, 9, 10, 23, 68, 83, 93.) Bei allen diesen Kranken 
schienen andere ätiologische Momente von grösserer Wichtig¬ 
keit zu sein: Sechs Fälle hatten Syphilis überstanden und 
in einem Falle (Fall 68) war überstandene Syphilis wahr¬ 
scheinlich. 

Feldzüge. 

Nasse, Jolly,Huppert, Schroeter, Arndt und Löcher 
hoben die relative Häufigkeit der Paralyse nach Feld¬ 
zügen hervor. Elf unserer Fälle hatten an Feldzügen theil- 
genommen; da jedoch der letzte in Betracht kommende Feld¬ 
zug in das Jahr 1878 fällt und unsere Kranken nach den 
Strapazen des Feldzuges durch lange Zeit vollkommen normales 
Verhalten zeigten, ist die ätiologische Bedeutung der Theil- 
nahme an Feldzügen für unsere Fälle abzulehnen. 

Insolation. 

Diese Schädlichkeit, deren ursächliche Bedeutung Meyer 
mit 3*3 Procent beziffert, wurde bei unseren Kranken nicht 
beobachtet. 

Trauma. 

Progressive Paralyse im Anschlüsse an Schädelverletzungen 
beschrieben Flemming, Schlager, Skae, Krafft-Ebing u. A. 


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456 


Dr. Josef Adolf Hirachl. 


Mendel weist darauf bin, dass verhältnissmässig selten 
der Zusammenhang zwischen ätiologischem Moment and Krank¬ 
heit durch die schnelle Aufeinanderfolge beider über jeden 
Zweifel erhaben ist. So in dem Falle von Meyer: Aufschlagen 
des Hinterkopfes, Betäubung, Ausfluss eines serösen Fluidums 
aus dem rechten Ohre, Harthörigkeit, nach einigen Wochen 
epileptiforme Anfälle, dann allgemeine Paralyse, in der der Tod 
nach 4 Jahren eintrat; dann ein zweifelhafter Fall von Bail 1 arger. 
Weitaus in der Mehrzahl der Fälle sei die Entwickelung der 
Erankheit nach Kopfverletzung sehr schleichend, in der Regel 
kommen wohl auch andere Momente hinzu, die auf das Gehirn 
einwirken. Das Gehirn sei durch die erlittene Schädelverletzung 
der locus minoris resistentiae; so erkläre es sich, dass bei 
dieser gegebenen Prädisposition die Erkrankung auch leichter 
dort eintrete. Es werde nicht selten von einem Zwischenräume 
zwischen Verletzung und ersten deutlichen Zeichen der Paralyse 
von 3, 4 und mehr Jahren berichtet. Mendel konnte bei 3 Pa¬ 
ralytikern den Ausgangspunkt der Paralyse in einer Kopf¬ 
verletzung nachweisen. 

Hartmann erwähnt die Häufigkeit der Paralyse nach 
Kopfverletzungen; darauf habe auch Schuele und Bergmann 
hingewiesen. Letzterer fand bei 60 Paralytikern des Hamburger 
Krankenhauses elfmal und bei 16 Paralytikern der Göttinger 
Anstalt viermal Kopftrauma als Ursache. 

Lange hebt in drei seiner Fälle Contusion des Kopfes als 
Ursache hervor. 

Mabille berichtet über die Obduction eines Mannes mit 
Asymmetrie des Schädels und einer alten Bruchstelle am 
Cranium, die von einem in früher Kindheit erlittenen Falle her¬ 
rührte. Die Hirnsubstanz gegenüber der Bruchstelle war ge¬ 
schwunden, daselbst befand sich eine Cyste. Mabille hält den 
ursächlichen Zusammenhang zwischen Trauma und der späteren 
Paralyse für erwiesen und bezeichnet es als nicht unmöglich, 
dass eine Wachsthumshinderung des Hirnes durch Druck der 
rauhen Callusmassen, in einer Art von Fremdkörperwirkung, 
den Hirndefect hervorgerufen hätte, von welchem aus sich eine 
allgemeine Alteration der Hirnrinde und der Häute verbreitet 
haben dürfte. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


457 


Ball, der drei Fälle von Paralyse traumatischen Ursprunges 
beschreibt, ist der Ansicht, dass die Traumen im Allgemeinen 
bei vorher disponirten Personen den Ausbruch der Krankheit 
beschleunigen, in einigen Fällen seien die Verletzungen die 
einzige Ursache des Gehirnleidens. 

Christian, welcher 100 Fälle von Geistesstörungen nach 
Kopftraumen zusammenstellt, berichtet über 43 Fälle von Pa¬ 
ralyse nach Trauma. Er berichtet über eine Geistesstörung, der 
das Schädeltrauma ein eigenthümliches Gepräge verleiht, aber 
nur dann, wenn das Trauma die unmittelbare Ursache der Psy¬ 
chose ist So beobachtete er mehrere überaus ähnliche Fälle, 
in welchen nach einem Kopftrauma zunächst Kopfschmerzen, 
Schwindelanfälle und Gedächtnisstörungen, dann ein an pro¬ 
gressive Paralyse erinnernder maniacalischer Exaltationszustand 
mit Grössenideen, aber ohne Sprachstörung eintrat; das Leiden 
blieb dann völlig stationär, der progressive Charakter der Pa¬ 
ralyse fehlte. Christian scheidet diese Fälle von der pro¬ 
gressiven Paralyse ab und bezeichnet sie als chronische 
Encephalitis traumatischen Ursprunges. 

Oebeke findet Trauma capitis als Ursache für die Paralyse 
in 5 Procent seiner Fälle, Ascher in 9 Procent, Meyer in 
18 Procent; Siemerling und A. Westphal haben beim 
Materiale der Charitd nur in 1*4 Procent der Paralyse Trauma 
verzeichnet. Krafft-Ebing berichtet von einem Falle von 
traumatischer Paralyse, die durch eine Lawine vermittelt 
wurde. 

Gudden erwähnt 64 Fälle von Paralyse, darunter drei jugend¬ 
liche, bei denen der Einwirkung eines Traumas eine besondere 
Bedeutung zuerkannt werden müsste. Er ist der Ansicht, dass 
die Paralyse bei den Fällen traumatischer Aetiologie in 
einem früheren Lebensstadium einsetzt, als sie es ge¬ 
wöhnlich zu thun pflegt. Dieser Umstand, im Vereine mit der 
bei der Paralyse traumatischer Grundlage von ihm nach¬ 
gewiesenen hervorragenden Rolle der Belastung, sei dieselbe 
angeboren oder erworben, und der ausserordentlich häufigen 
Combination von Hirn- mit ausgeprägter Rückenmarkserkrankung 
dränge zu der Annahme, dass in der Mehrzahl der Fälle für die 
Entstehung der traumatischen Paralyse, abgesehen von dem 
Trauma, noch eine besondere Disposition des Individuums voraus- 


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458 


I)r. Josef Adolf Hirschl. 


gesetzt werden muss, wie sie in erster Linie durch die Here¬ 
dität und durch die Acquisition der Lues geliefert wird. 

In unseren 175 Fällen, die durch eine Anamnese 
geklärt wurden, fanden sich nur dreizehnmal, d. i. in 7*4 
Procent Beeinflussungen der Erkrankungen durch ein 
Trauma. Die 13 Fälle sind in der Tabelle V, Seite 459, 460 
zusammengestellt. 

In den Fällen 12, 16, 62, 63, 66, 111, 124 und 160 liegt 
ein Zeitraum von 3 bis 28 Jahren zwischen Trauma und Er¬ 
krankung. Da mit Ausnahme eines einzigen Falles (Fall 12), 
welcher seit einem Kopfsturz 1881 kopfleidend war und als 
genügendes ätiologisches Moment Syphilis acquirirte, die anderen 
Kranken zwischen Trauma und Ausbruch der Paralyse 
durch lange Zeit ein vollkommen normales Verhalten 
darboten, ist die Annahme einer ursächlichen Bedeutung des 
Traumas in diesen Fällen nicht gerechtfertigt. 

Fall 151 und Fall 158 waren zur Zeit des Traumas 
sicher schon krank; da im Anschluss an das Trauma eine 
plötzliche Steigerung der Demenz dieser Kranken berichtet 
wird, gewinnt das Trauma in den beiden Fällen den bedeutenden 
Einfluss eines paralytischen Insultes. 

Fall 86, welcher nach einem Sturze auf den Kopf die 
Symptome einer vorgeschrittenen Paralyse bot, war schon einen 
Monat vor dem Trauma zerstreut, auffallend im Benehmen und 
sexuell impotent; auch bei ihm dürfte die Paralyse bereits be¬ 
standen haben und erst durch das Trauma seiner Umgebung 
erkennbar geworden sein. 

Die Fälle 5 und 8, bei denen ungefähr eine Woche, re- 
spective einen Monat nach dem Trauma ausgesprochene Paralyse 
mit schnellem Eintritt vorgeschrittener Demenz ausbrach, welche 
sich dann durch Mangel an Progression der Erkrankung aus¬ 
zeichnete, scheinen Fälle von Paralyse zu sein, die sich ähnlich 
wie die Fälle von Christian verhalten. Allerdings Hessen sie 
die typische Sprachstörung der Paralytiker nicht vermissen; 
bei beiden war überstandene Syphilis wahrscheinlich. 

Die Erfahrung Gudden’s, dass das Trauma die Ent¬ 
wickelung der Paralyse in einem früheren Lebensstadium, als 
es der Norm entspricht, begünstige, konnte durch unsere Fälle 
nicht bestätigt werden. Das Durchschnittsalter der 13 trau- 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


459 


matischen Fälle betrag allerdings 38‘8 Jahre; nach Abrechnung 
des juvenilen Paralytikers (Fall 158), dessen Trauma eine ganz 
zufällige Episode in seiner bereits ausgebildeten Erkrankung 
bildet, stellte sich das mittlere Lebensalter auf 40*8 Jahre 
gegenüber 40-45 Jahren als dem Durchschnittsalter sämmtlicher 
200 Paralytiker. 


Tabelle V. 



i 

Im 

Ul ® 
© =2 
3 ® 

s-S 

Zwischenzeit 
zwischen Trauma 
und Erkrankung: 

Besiduen des 
Traumas: 

Art des Traumas: 

Sonstige ätiologische Mo¬ 
mente für die Paralyse; 
Art derselben: 



5-| 

L Woche? 

_ 

jAm 31. Mai 1894 fiel ihm 

Wahrscheinlich Llös. 



1 

1 



leine sehr schwere Kranich- 

Schleppender Verlauf; 






kurbel auf den Kopf; Be- 

Fehlen der Progression nach 






| wusstlosigkeit durch mehrere 

schnellem Eintritt der 






Stunden. Nach kurzer Ar- 

Demenz. 






|beitsföhigkeit epileptiformer 

! 






| Anfall durch fünf Minuten 


i 


| 



am 3. Juni 1894; am selben 







Tage ein zweiter Anfall; 







nachher Demenz. 




8. 

circa 

_ 

Sturz auf den Kopf im 

Wahrscheinlich Luös. 




1 Monat. 


April 1894 mit nachfolgen¬ 

Schleppender Verlauf; 






der Bewusstlosigkeit; im 

Fehlen der Progression nach 



! 



Anschluss daran abnehmende 

schnellem Eintritt der De¬ 






Intelligenz. 

menz. 



12. 

10 Jahre. 

— 

Kopfsturz 1881, seither 

Syphilis 1881; demente Form 






kopfleidend. 

der Paralyse, sehr lang¬ 







samer Verlauf. 


; i6. 

4 Jahre. 

_ 

Sturz aus grosser Höhe, 

Wahrscheinlich Luös; 


I 



von inneren Verletzungen 

demente Paralyse mit Tabes. 





gefolgt, 1894. 



i 62 

6 Jahre. 

— 

1888 Sturz vom Pferde mit 

Demente Form der Paralyse. 


| 



nachfolgender kurzer Be¬ 






wusstlosigkeit. 



! 63 

7 Jahre. 

— 

1884 Sturz auf den Kopf 

Wahrscheinlich Luös; 


i 



in den Keller ohne Folge¬ 

demente Form, bereits 


i | 



erscheinungen. 

4 Jahre bestehend, schlep 





1 

i 

pender Verlauf. 



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460 


Dr. Josef Adolf Hirsohl. 


U4 

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fl 

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S 

’S 

N 

G 

G 

66. 

28 Jahre. 


o 5 

Ä 


Art des Traumas: 


Sonstige ätiologische Mo-1 
mente für die Paralyse; j 
Art derselben: 


86 . 


111 . 


124. 


i:>i. 


! öS. 


160 . 


Depression] 
über der 
Mitte d. r. 
Coronar- 
naht; alte] 
Schädel 
fractur. 


12 Jahre. 


14 Jahre 


Knochen¬ 
rinne am 
linken 
Seiten¬ 
wandbein. 


3 Jahre. 


1866 Schussverletzung im 
Feldzug (Königgrätz). 


1874 Syphilis.Demente Form 
der Paralyse mit Opticus- 
ätrophie. 


23. December 1894 Sturz] 
auf den Kopf mit Sympto¬ 
men der Commotio eerebri, 
seither dement. 


Sturz auf den Kopf aus] 
einer Höhe von 18 Klaftern 
1881. 

Säbelhieb auf den Kopf im 
bosnischen Feldzug mit 
kurz dauernder Bewusst¬ 
losigkeit (1878). 


1895 Sturz aut den Kopf| 
auf der Treppe (schon krank; 
darauf vollständige Ver¬ 
blödung). 

Februar 1895 Fall auf den 
Kopf beim Eisläufen, dar 
nach Progression (schon 
krank). 

1891 Sturz auf den Kopf, 
nach grosser Erregung, 
ohne Bewusstlosigkeit; 
nachher wieder normal. , 


Demente Form; schon mij 
November 1894 zerstreut, 
auffallend durch sein Be¬ 
nehmen ; im November 1894] 
impotent. 

1884 Syphilis. 

Coraa (vorher dement). 

Belastung und Feldzugs- * 
Strapazen (1878). Demente 
Form mit classischen Epi¬ 
soden ; schleppender Ver¬ 
lauf, bereits über 3 Jahre) 
bestehend. 

Hereditäre Belastung, Sy-j 
philis, Alkohol und zwei^ 
mal Influenza. Demente 
Form der Paralyse. 

Demente Form der Paralyse 


Classische Form der Para-; 
lyse mit spastischer Spinal-; 
paralyse. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


461 


Wir können das Trauma nach unseren Erfahrungen 
als ursächliches Moment der Paralyse nicht anerken¬ 
nen, müssen aber hervorheben, dass es als veranlas¬ 
sendes Moment bei syphilitisch inficirt Gewesenen die 
Paralyse einleiten könne; bei bereits paralytisch Erkrankten 
hat es den Einfluss eines paralytischen Insultes und bewirkt 
rasches Eintreten der Demenz. 

Auf die Würdigung ganz geringfügiger Traumen, die 
sich überhaupt dem anamnestischen Nachweise entziehen, soll 
später kurz eingegangen werden. 

Acute Infectionskrankheiten. 

So häufig sich im Allgemeinen Psychosen an acute In¬ 
fectionskrankheiten anschliessen, so selten scheint dies bei der 
Paralyse der Fall zu sein (Mendel). Delasiauve sah Paralyse 
nach Typhus, Nasse konnte jedoch bei einem grossen Beob¬ 
achtungsmaterial dieses ätiologische Moment nie finden, eben¬ 
sowenig Hemkes, der sonst alle Formen von Geistesstörungen 
nach Typhus entstehen sah. 

Mabille beschrieb einen Fall von Paralyse, der sich an 
eine Yariola anschloss. 

Gontesse beschrieb Fälle von Paralyse nach acutem Ge¬ 
lenkrheumatismus. 

Während Mendel darauf aufmerksam macht, dass sich 
unter den vielen Geisteskrankheiten nach Pneumonie nie eine 
Paralyse findet, hat Lange später zweimal Paralyse im Ge¬ 
folge der Pneumonie auftreten sehen. 

Im Feldzuge 1870 sah man häufig nach Dysenterie Para¬ 
lysen auftreten. 

König führt einen Fall von Paralyse nach Cholera, 
Foville einen Fall nach diphtheritischer Lähmung an. 

Baillarger und Chdron nehmen Erysipelas faciei als ein 
ätiologisches Moment der Paralyse an. 

Obersteiner machte auf Intermittens als Ursache der 
Paralyse aufmerksam. 

Nachdem in letzter Zeit Influenza eine so häufige Erkrankung 
geworden ist, konnte sie natürlich als ätiologisches Moment 
nicht vermisst werden. Ich erwähne nur die bezüglichen Berichte 
von Krypiakiewicz und Althaus. 


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462 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


Wir Ermittelten in der Vorgeschichte unserer Kranken: 


Influenza . 

17mal, 

Typhus . 

lmal, 

Pneumonie. 

lmal, 

acuten Rheumatismus 

lmal, 

Malaria. 

lmal und eine Infectionskrankheit 

unbekannter Art . . 

lmal. 


Nachstehende Tabelle würdigt das Verhältniss der In- 
fectionskrankheiten zur paralytischen Erkrankung: 


Tabelle VI. 


Nr. der 
Tabelle I. 

Art der acuten Infections¬ 
krankheit : 

Trat auf 
im Jahre: 

Beginn der 
Paralyse: 

Bemerkungen: 

I ! 

Pneumonie und Typhus 

1886 

1893 

Lues wahrscheinlich 

; 18 

Influenza 

1893 

1892 

Lugs wahrscheinlich 

f 27 

Fieberhafte Erkrankung 

| 1882. 

1892 

Lugs wahrscheinlich 

31 

Malaria 

! 1888 

1893 

Lugs wahrscheinlich 

40 

Influenza 

1892 

1894 

Lußs sichergestellt | 

41 

Influenza 

1890 

1893 

Lugs wahrscheinlich 

, 48 

Acuter Gelenkrheumatismus 

1891 

1894 

Lugs sichergestellt 

61 

Influenza 

1890 

1893 

Lugs wahrscheinlich 

70 

Influenza 

1891 

1894 

Lugs wahrscheinlich 

80 

Influenza 

1890 

1894 

Lugs sichergestellt , 

! 81 

Influenza 

1890 

1894 

Lugs sichergestellt 

! 113 

Schwere Influenza 

1893 

1893 

Lugs sichergestellt 

116 

Influenza 

1895 

1895 

Sterile Ehe 

122 

Influenza 

1891 

1892 

Lugs sichergestellt 

123 

Influenza 

1892 

1894 

Tabes complicirend 

129 

Influenza 

1890 

1892 

Lugs sichergestellt 



(1890) 



135 

Influenza 

<und> 

1893 

Lues wahrscheinlich 



(l893j 





(1892) 



: i5i 

Influenza 

<und> 

1894 

Lugs sichergestellt 



(1895J 



155 

Influenza 

1892 

1891 

(Lugs sichergestellt, 





\ Tabes dorsalis 

156 

Influenza 

1889 

1894 

Lugs sichergestellt 

172 

Influenza 

1889 

1894 

fLugs sichergestellt, 




i 

\ Tabes dorsalis 




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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


463 


Bei jenen Kranken, welche ihre Infectionskrankheit lange 
vor Beginn der Paralyse hatten und bei denen die Recon- 
valescenz der Infectionskrankheit vom Ausbruche der Paralyse 
durch völliges Wohlsein getrennt war, lässt sich eine Einfluss¬ 
nahme der acuten Krankheit auf den paralytischen Process 
nicht gut denken. Ebenso kommt die fieberhafte Erkrankung 
dort, wo die Paralyse bereits vorlag, als ätiologisches Moment 
nicht in Betracht. 

Die Fälle 27, 113, 116, 122 und 135 zeigen ein zeitliches 
Zusammenfallen der acuten Infectionskrankheit und 
des Ausbruches der Paralyse. Während es sich im Falle 27 
(juvenile Paralyse) um eine Infectionskrankheit handelt, deren 
Charakter unserer Erkenntniss verschlossen blieb, da wir keine 
näheren Angaben erlangen konnten, bandelt es sich in den 
anderen vier Fällen um Influenza. Diese vier Fälle bilden 
2 Procent unserer 200 Paralytiker. 

Bei der ungeheuren Ausbreitung, welche die Influenza in 
der letzten Zeit aufzuweisen hat — man sagt, dass die halbe 
Einwohnerschaft von Wien an Influenza erkrankte — ist die 
Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass es sich bei den vier Fällen 
um zufällige Erkrankung vor Ausbruch der Paralyse 
gehandelt habe. Immerhin sei die Möglichkeit zugegeben, dass 
die Influenza den Ausbruch der Paralyse beschleunigt habe; 
erweisen wird sich diese Möglichkeit nicht lassen. 

Bei allen jenen, die eine Infectionskrankheit durchgemacht 
haben, war Syphilis sichergestellt oder wenigstens wahrschein¬ 
lich; sieht man die Syphilis als ursächliches Moment für die 
Paralyse an, so kann man der Influenza vielleicht die 
Bedeutung eines veranlassenden Momentes zuerkennen; 
die anderen acuten Infectionskrankheiten kommen in 
unseren Fällen weder als ursächliche, noch als ver¬ 
anlassende Momente in Betracht. 

Intoxicationen. 

a) Alkohol. 

Mendel bezeichnet den Alkoholmissbrauch als eine un¬ 
zweifelhafte, häufige Ursache der Paralyse. Die verschiedenen 
Statistiken weisen zwischen 3 4 und 75 Procent Alkoholmiss- 


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464 


Dr. Josef Adolf Hirschl. 


brauch in der Anamnese der Paralytiker nach. Die folgende 
Tabelle enthält die Ergebnisse von zehn Statistiken. 

Tabelle VII. 


Westphal. 

34°/ 0 

Alkoholismns 

(bei Frauen) j 

Siemerling. 

5-0'Vo 

n 

n n 

Lange . 

17-0»/ 0 

» 

1 

Ziehen . 

17'0°/o 

n 


Björnström. 

21*6 0 /o 

1 * 


Stark . 

2270/0 

n 


Eiekholt. 

24 0% 

fl 


Ascher . 

37-0»/„ 

n 


Oebeke. 

43-0»/o 

» 


Macdonald. 

75-0% 

n 



Interessant ist die Statistik Stark’s, nach welcher nur 
22*7 Procent seiner Paralytiker Alkoholiker waren, während 
unter den anderen Geisteskranken seiner Beobachtung 29-4 Pro¬ 
cent früher dem Alkohol gefröhnt hatten. 

In vielen alten Statistiken ist die alkoholische heilbare 
Demenz in die progressive Paralyse einbezogen, und so erklärt 
sich die hohe Bedeutnng, die man früher dem Alkoholismus als 
ursächlichem Moment für die Paralyse beilegte. 

Nach Dörr fand zuerst Hoffmann die günstige Prognose 
der Alkoholdemenz, Nasse studirte die Differentialdiagnose dieser 
Krankheit, Moreanx bezeichnete den Ansbrnch der Alkohol¬ 
paralyse als einen plötzlichen, während Dörr im Gegensätze zn 
Moreanx häufig allmähliche Entwickelung wie bei progressiver 
Paralyse constatirte. Er gibt zur differentiellen Diagnose an, 
dass häufig ein sehr ausgeprägter Tremor, ausgedehnte Anästhe¬ 
sien der unteren Extremitäten, alkoholische Hallucinationen, 
Eifersuchtswahn, Fehlen des progressiven Charakters und häufige 
Remissionen und Heilungen diesen Process von der Dementia 
paralytica scheiden. 

Falret, Brosius, Camuset, Baillarger, Rögis, Fri- 
gerio und Garnier liefern werthvolle Beiträge zur Dementia 
alcoholica. 

Bei unseren Kranken war nur in 19 Fällen, d. i. in 
8*5 Procent, Alkoholismus der Paralyse vorangegangen. 
Es ist selbstverständlich, dass die Alkoholdemenz, die ja mit 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


465 


der progressiven Paralyse nichts zu thnn hat, ans unseren 
statistischen Untersuchungen ausgeschieden wurde; auch jene 
Fälle, in denen die Paralytiker episodisch Alkoholexcesse ver¬ 
übten, wurden als durch den Alkohol ursächlich nicht beeinflusst 
bezeichnet 

Da nun unsere anderen männlichen Geisteskranken 
im Durchschnitte circa 40 bis 50 Procent alkoholische 
Geistesstörungen bieten, so liegt nach unseren Er¬ 
fahrungen kaum ein Anlass vor, dem Alkoholismus 
ätiologische Bedeutung für die progressive Paralyse 
zuzusprechen. 

In diesem Sinne habe ich auch den Alkoholismus chronicus 
in Tabelle I stets als Complication der Paralyse angeführt. 

b) Blei. 

Seit Tanquerel des Planches ist der Einfluss der 
chronischen Bleivergiftung auf die Entstehung von Geistes¬ 
krankheiten in sehr zahlreichen Schriften erörtert worden. Der 
convulsivischen, deliranten und comatösen Form der Encephalo- 
pathia saturnina Tanquerel’s stellte bereits 1851 Delasiauve 
eine allgemeine saturnine Pseudoparalyse an die Seite; Delasiauve 
spricht bereits davon, dass diese Erkrankung eine Paralyse nur vor¬ 
täuscht. Devouges und Marcö betonen, dass die Unterschiede 
zwischen der saturninen Pseudoparalyse und der allgemeinen pro¬ 
gressiven Paralyse nur sehr geringe sind, während Falret be¬ 
reits die saturnine Demenz von der Paralyse vollkommen scheidet. 

Mendel berichtet, dass es eine Form von Bleiparalyse 
gebe, die in Heilung übergehen könne, bei welcher neben hoch¬ 
gradiger Ausbildung der motorischen Symptome die Störung 
der Intelligenz und des Bewusstseins nicht in dem Grade wie 
bei der echten Paralyse vorhanden ist. 

Monakow berichtet in einer Arbeit „Zur pathologischen 
Anatomie der Bleilähmung und der saturninen Encephalopathie” 
die Krankengeschichte eines 56jährigen Paralytikers, dessen 
Paralyse er als durch Bleivergiftung bedingt ansieht und als 
Paralysis progressiva saturnina bezeichnet. Der 56jährige Kranke, 
welcher seit circa 40 Jahren Maler war, hatte mit seiner ge¬ 
sunden Frau fünf Kinder, die alle vor dem zweiten Altersjahre 
an Krämpfen starben. Auch diese Thatsache bringt Monakow 


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466 


Dr. Josef Adolf Hirsohl. 


mit der chronischen Bleivergiftung in ursächlichen Zusammen¬ 
hang. Es sei an dieser Stelle constatirt, dass es keinem Zweifel 
unterliegt, dass bei Schwangeren, die an chronischer Blei¬ 
vergiftung leiden, Tod der Frucht und Abortus einzutreten 
pflegt. Dagegen bezieht sich die Ansicht, dass Erkrankungen 
des Eies und zahlreiche Aborte auch dann constatirt werden, 
wenn der Mann bleikrank, die Frau hingegen vollständig ge¬ 
sund ist, nur auf Erfahrungen der Jahre 1860 bis 1867; diese 
Erfahrungen sind einer Nachprüfung dringend bedürftig. Mir 
erscheint der Fall Monakow’s trotz seiner ausgezeichneten prä- 
cisen Darstellung ätiologisch nicht geklärt. 

Bartens, Ulrich, Snell, Krafft-Ebing, Obersteiner. 
Vallon berichten über Fälle von Dementia paralytica nach 
Bleivergiftung, indem sie die chronische Bleivergiftung als Ur¬ 
sache des Ausbruches der Paralyse bezeichnen. 

Von unseren 200 Fällen hatten nur sechs eine inten¬ 
sive Beschäftigung mit Blei. 

I. Fall 25 war seit mehr als 30 Jahren Schriftsetzer, hatte 
jedoch nie Intoxicationserscheinungen. Er war neuropathisch be¬ 
lastet, hatte 1867 eine Sklerose mit Exanthem, machte da¬ 
mals in der Klinik Sigmund eine Inunctionscur durch, er¬ 
krankte 1882 an einer Iritis luetica und kam 1894 mit Tabes 
und Paralyse in die psychiatrische Klinik. Es ist in diesem 
Falle wohl zweifellos, dass die Beschäftigung mit Blei hier ohne 
Einfluss auf den Ausbruch der Paralyse war. 

II. Fall 48 war gegen 20 Jahre Lackirer, hatte jedoch nie 
Symptome der Bleivergiftung. 1889 war er und seine Frau 
luetisch. Auch hier scheint die Beschäftigung mit Blei keinerlei 
Zusammenhang mit der Entwickelung der Paralyse zu haben. 

III. Fall 74 war seit langer Zeit (über 30 Jahre) An¬ 
streicher, hatte seit 1885 mehrfach Bleikolik. Im Jahre 1873 
oder 1874 hatte er ein Geschlechtsleiden, dessen Natur sich 
nicht sicher feststellen liess. Aus seiner Ehe waren bisher drei 
gesunde Kinder hervorgegangen, nach seiner venerischen 
Affection abortirte die Frau dreimal. Seit 1892 litt er an 
progressiver Paralyse. 

Interessant ist das Ergebniss der chemischen Untersuchung 
seiner Organe, verglichen mit den bezüglichen Ergebnissen 
zweier Fälle von Encephalopathia saturnina. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


467 


Tabelle VIII. 



Fall W., Paralyse 

Fall K., Encephalop. sat. 

Fall Qu. Encephalop. 
saturn. 

Gehirn 

In 300 Gramm Gehirn 
Sparen 

In 300 Gramm Gehirn 
0 00251 Gramm Pb. 

200 Gramm Gehirnrinde 
0 0136 Gramm Pb. 
200 Gramm Hirnmark 

0 013 Gramm Pb. 

Leber 

In 300 Gramm Leber 

0 0098 Gramm Pb. 

In 300 Gramm Leber 

0 00673 Gramm Pb. 

In 200 Gramm Leber 
0*015 Gramm Pb. 

1 Milz 

l 

l 

Nicht untersucht 

Negativ in 120 Gramm 
Milz 

Spuren in 200 Gramm 
Milz 

Niere 

Spuren in 150 Gramm 
Niere 

Spuren in 150 Gramm 
Niere 

Spuren in 200 Gramm 
Niere 

1 Darm 

Nicht untersucht 

Nicht untersucht 

0 0078 Gramm Blei in 
200 Gramm Darm 


Während sich aus der Gehirnsubstanz der an 
Encephalopathia satnrnina Verstorbenen quantitativ 
feststellbare, ziemlich erhebliche Mengen von Blei dar¬ 
stellen liessen, fanden sich in 300 Gramm des Para¬ 
lytikerhirnes nur qualitativ nachweisbare Spuren von 
Blei. 

IV. Fall 158 betrifft den schon öfter erwähnten juvenilen 
Fall, der erst einen Monat vor Ausbruch der Erkrankung als 
Schriftgiesserlehrling beschäftigt war. Niemals war bei ihm ein 
Symptom der chronischen Bleivergiftung wahrzunehmen. 

V. Fall 167, Tischlergehilfe, war 1877 bis 1883 mit dem 
Politiren schwarzer Fächer beschäftigt, hatte 1883 dreimal 
Bleikoliken; 1868 lag er mit Sklerose und secundären Er¬ 
scheinungen in der Klinik Neumann, und wurde daselbst mit 
Inunctionen behandelt. 

VI. Fall 173 ist seit 1872 Anstreicher, hatte 1894 kurz 
vor Ausbruch der Paralyse Bleikoliken. Er hat angeblich keine 
Luös überstanden; 1873 hatte er ein Ulcus ohne Secundär- 
erscheinungen, 1883 brachte seine Frau ein gesundes Kind 
zur Welt. 

J*brbQch«r t. Pqreblilr!. and N.arologie XIV. Bd. 31 


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468 


Dr. Josef Adolf Hirsehl. 


In diesem Falle war die Diagnose eine äusserst schwierige, 
so dass wir anfangs schwankend zwischen der Diagnose Pseudo- 
paralysis satnrnina und Dementia paralytica, im Hinblicke anf 
die für Syphilis negative Anamnese zur Meinung hinneigten, es 
liege hier eine saturnine heilbare Demenz vor. Der Verlauf 
vermittelte uns die Erkenntniss dieses Falles als eines Falles 
von progressiver Paralyse. 

Ich werde mir erlauben, in einer nächsten Mittheilnng auf 
diese Fälle zurückzukommen; ich glaube, dass das Blei bei 
der Paralyse genau dieselbe Rolle spielt wie der Al¬ 
kohol. Das Blei erzeugt der Paralyse ähnliche Geistes¬ 
störungen, niemals aber progressive Paralyse. 


Die Beziehungen zwischen Syphilis und progressiver 

Paralyse. 

Geschichte. 

Nach La ehr (die Literatur der Psychiatrie und Psy¬ 
chologie im 18. Jahrhundert), war der Zusammenhang zwischen 
Syphilis und progressiver Paralyse schon im vorigen Jahrhundert 
bekannt. 

Essmarck und Jessen haben 1857 Syphilis als die ein¬ 
zige Ursache der Paralyse bezeichnet. 

Kjelberg äusserte 1868 und 1868, dass die Paralysis 
generalis sich nie in einem Organismus entwickle, der voll¬ 
kommen frei von hereditärer oder acquirirter Syphilis sei. 

Mendel betont in mehreren Publicationen die ungemein 
grosse Häufigkeit der Syphilis in der Anamnese der Paralytiker. 
Er räumt der Syphilis einen grossen Einfluss auf die Erzeugung 
der Paralyse ein und stellt sich diesen Einfluss in zweierlei 
Weise vor: 1. Die Syphilis könne direct eine interstitielle En¬ 
cephalitis erzeugen und 2. eine syphilitische Disposition des 
Gehirnes, die latent war, könne durch eine andere Schädlichkeit, 
die auf dasselbe einwirke, geweckt werden. Er glaubt endlich, 
dass gewisse Schädlichkeiten, die überhaupt Paralyse hervor¬ 
zubringen im Stande sind, in einem durch die Diathese der 
Syphilis afflcirten und weniger resistenzfähigen Organismus die 
Paralyse leichter hervorrufen werden als in einem gesunden. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


469 


Obersteiner, welcher in 21-6 Procent seiner Paralytiker 
äberstandene Syphilis nachwies, während die anderen Geistes¬ 
kranken seiner Anstalt nur in 4*1 Procent der Fälle Syphilis 
durchgemacht hatten, scheidet eine luetische Paralyse von der 
gewöhnlichen Dementia paralytica ab; er nimmt, abgesehen vom 
Nachweise der früheren Syphilis, luetische Paralyse dann an, 
wenn die Erkrankung vor dem 35. Lebensjahre ausbricht, wenn 
Erweiterung einer oder beider Pupillen besteht, und wenn eine 
antiluetische Cur schnell Besserung bringt. Zum Beweise, dass 
der anatomische Process dieser Paralyse eine Spätform der Sy¬ 
philis sei, führt er die Analogie mit der syphilitischen Hepatitis 
an und macht darauf aufmerksam, dass sich diese Paralyse in 
ihrem zeitlichen Auftreten der Initialsklerose gegenüber ebenso 
verhalte wie die tertiären Symptome der Syphilis. 

Strümpell hält einen grossen Theil der Paralysen für 
eine nervöse Nachkrankheit der Syphilis. Wie die Natur der 
anatomischen Erkrankung in den Nerven bei den diphtheritischen 
Lähmungen grundverschieden von der ursprünglichen Schleim¬ 
hauterkrankung ist, so sei anch die anatomische Erkrankung 
bei der Paralyse grundverschieden von der specifisch syphiliti¬ 
schen Neubildung; er hält die Stoffwechselproducte, welche sich 
nach der syphilitischen Infection im menschlichen Körper bilden, 
die Syphilistoxine, für die Vermittler zwischen Syphilis 
und Paralyse. Strümpell glaubt nicht, dass alle Fälle von De¬ 
mentia paralytica aus der Syphilis hervorgehen; er ist der An¬ 
sicht, dass vielleicht auch der Alkohol progressive Paralyse er¬ 
zeugen könne. 

Moebius bezeichnet die Tabes und die Dementia paralytica 
als den metäsyphilitischen Nervenschwund; es handle 
sich bei diesen beiden Krankheiten um „Nachkrankheiten”, d. h. 
um anatomisch und symptomatisch selbstständige Krankheiten, 
deren conditio sine qua non das Vorausgehen der Syphilis 
ist. Vielleicht entstehe durch die Infection und nach der In¬ 
fection ein fermentartiges Gift im Körper, das unter günstigen 
Bedingungen gewisse, ihm wahlverwandte Nerventheile zum 
Schwunde bringe. Wenn auch niemand an Tabes oder pro¬ 
gressiver Paralyse erkranke, der nicht früher Syphilis gehabt 
hat, so seien doch offenbar Nebenbedingungen erforderlich. 
Deren wichtigste scheine Ueberreizung des Gehirnes und des 

31* 


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470 


Dr. Josef Adolf Hirsehl. 


Rückenmarkes zu sein. Besonders bei der Paralyse spiele offen¬ 
bar das Uebermass an intellectueller und gemüthlicher An¬ 
strengung eine Rolle, daher sie vielfach als eine Art von Ma¬ 
rodeur der Civilisation betrachtet worden ist. 

Während Fournier 1879 bestritt, dass die Syphilis als 
ein ätiologisches Moment der Paralyse zu betrachten sei, und 
auch die grosse Häufigkeit vorangegangener Syphilis bei der 
Dementia paralytica in Zweifel zog, nennt er die Paralyse jetzt 
eine, parasyphilitische Affection. Unter einer parasyphiliti¬ 
schen Affection versteht er eine häufig durch Syphilis hervor¬ 
gerufene Erkrankung, die 1. auch durch eine andere Aetiologie 
begründet sein kann, und auf die 2. Quecksilber und Jod nicht 
in der Weise wirkt wie auf die Syphilis. 

Die Theorie Hitzig’s, die sich zwar vorläufig nur auf 
die Entwickelung der Tabes bezieht, sei hier noch erwähnt: 
Sowohl die unitarische als die dualistische Lehre der venerischen 
Infectionen sind in ihrer Absolutheit unrichtig. Bei der venerischen 
Infection werden vielmehr mehrere Gifte entweder von vorn¬ 
herein geimpft, oder doch schon in den ersten Stadien der In¬ 
fection producirt. Ein Gift, welches zunächst bei der primären 
Sklerose vorhanden ist, oder seine Abkömmlinge, führt zu secnn- 
dären und tertiären Spätformen der Syphilis. Ein anderes 
Gift, welches in dem gleichen syphilitischen Geschwüre vorhan¬ 
den sein kann, aber nicht vorhanden zu sein braucht, oder 
seine Abkömmlinge, wird die Ursache einer eigenartigen 
krankhaften Veränderung der Blutmischung, die nach 
jahre- und jahrzehntelangem Fortbestände des Lebens zu degene- 
rativen Veränderungen des gesammten Nervensystemes — aller¬ 
dings in einer gewissen Stufenfolge der einzelnen Provinzen — 
disponirt. Das gleiche Gift kann nicht nur in dem syphilitischen 
Primäraffect, sondern ebensowohl in dem Schankergeschwür, 
und zwar in beiden in grösserer oder geringerer Virulenz, ent¬ 
halten sein. 

Es ist nicht möglich, im Rahmen einer statistischen Studie 
alle Ansichten der verschiedenen Forscher zu erwähnen; es mag 
genügen, die Angaben der verschiedenen Antoren über den Pro¬ 
centsatz vorhergegangener Syphilis bei der Paralyse in einer 
Tabelle zusammenzufassen. Es ist natürlich selbstverständlich, dass 
die Tabelle auf Vollständigkeit keinen Anspruch erheben kann. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 
Tabelle IX a. 


471 


p 

' Autor. 

i 

Procentsatz 
der überstan- 
denenSyphilis 
bei Paralyse. 

1 

Anmerkung. ^ 

1. Siemerling... . 

n-i% 

Bei Frauen 

2. Ziehen.. 

30 bis 46% 

n * 

3. Westphal A. 

39-8% 

n n 

| 4. Gudden. 

45-30/# 

f> » 

| 5. Sioli. 

' BO»/, 

n n 

i 6. Wollenberg. 

68% 

n » j 

I 7. Idanow.. 

68% 

» n 


Tabelle IX b. 


Autor. 

Syphilispro- 
cent bei Para¬ 
lyse. 

Syphilispro- i 
cent bei den 
anderen Psy¬ 
chosen. 

1. Eiokholt. 

n% 


2. Enudt. 

11*6 bis 12 7% 


3. Obersteiner. 

21-60/# 

41% * 

4. Björnström. 

24% 


5. Brie. 

31% 


6. Fürstner. 

32 bis 40% 


7. Lange. 

33 bis 51% 

2% 

8. Goldsmith. 

33»/, 


9. Rieger. 

33 bis 45% 


10. Ascher. 

34-7»/, 


11. Nasse. 

35»/, 

l°/o 

12. Renaud. 

35% 


13. Eorsakow. 

40 bis 72% 


14. Cullere. 

42% 


15. Jacobsen. 

43 bis 62»/, 


16. Graf .. 

44% 


17. Eo8henikow. 

45-16 bis 60»/, 

1 

| 

18. Eiernan. 

46% 


19. Wahrendorf. 

60% 


20. Binswanger. 

50 bis 64»/, 

12% 

21. Burkhardt. 

60% 


1 22. Goldstein. 

50«/, 


23. Gerlach . 

50-60/, 


24. Jastrowitz.. 

61% 


25. Pontoppidan. 

52% 



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472 


Dr. Josef Adolf Hirechl. 


Autor. 


Syphilispro- 
cent bei Para¬ 
lyse. 


Syphilispro¬ 
cent bei den 
anderen Psy¬ 
chosen. 


26 FSlliatre. 

; 27. De Senna. 

! 28. Mierzejewski .... 

29. Peterson. 

80. Pierson . 

31. Dietz. 

82. Oebeke. 

83. Thomson. 

34. Folsom. 

35. Hirt. 

36. Bonnet . .. 

' 37. ßannister . 

I 38. Spillmann und Dengler 
! 39. Sokolowski. 

40. Reinhard. 

41. Cuylits. 

, 42. Snell. 

j 43. Mendel. 

44. Hougberg. 

j 45. Rohraell. 

46. Jespersen. 

47. Geill. 

48. Rumpf. 

49. Mac Dowall .... 

50. Savage. 

| 51. Anglade. 

52. Minor. 

53. Kowalew8ky. 

54. Dengler. 

55. Rdgis. 


55 % 

56*2% 

60% 

60 bis 70% 
i 60-5% 

| 61-4% 

62% 

•62% • 
66 % 
661% 

66-6bis80-2% 
72 bi* 88% 

72 bi* 89% 

73 bi* 83% 
73 3 bis 80% 

75% 

75% 

75% 

75-7 bis 86 9% 
772bi*768% 

77- 2% 

78- 41 % 

80% 

80% 

80% 

81-8 bis 934% 
86 % 
86-70/q 

93% 

94% 


12 - 50/0 


18% 

4-240/o 


Man sieht aus der Tabelle, dass die grosse Mehrzahl der 
Autoren in mehr als der Häfte der Fälle vor Paralyse über¬ 
standene Syphilis constatirt hat. Die seitlichen Vergleichszahlen, 
die dem Procentsatze überstandener Syphilis bei den anderen in 
derselben Verpflegung befindlichen Geisteskranken entsprechen, 
illustriren in charakteristischer Weise die relativ grosse Häufig¬ 
keit der Lues in der Vorgeschichte der Paralytiker. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 473 

Constatirung der Syphilis bei Paralytikern. 

a) Constatirung bestehender Syphilis. 

Die Constatirung bestehender Syphilis bei Paralytikern be¬ 
zieht sich zumeist auf Constatirung von Spätformen der Sy¬ 
philis. Mir ist kein Fall von Initialsklerose oder einem secun- 
dären luetischen Exanthem bei Paralyse bekannt. Ist man ge¬ 
neigt, die Paralyse als Folge einer syphilitischen Infection zu 
betrachten, so gewinnt eine Initialsklerose bei Paralyse die 
Bedeutung der Reinfection. 

Aber auch die Complication gummöser Processe 
mit der Paralyse ist nicht häufig, allerdings nicht so 
selten, dass man die Berechtigung hat, das Gesetz 
aufzustellen, nur eine leichte Syphilisinfection, die 
nie schwere Erscheinungen gemacht habe, könne Pa¬ 
ralyse erzeugen. 

Die ältesten anatomischen Befunde dieser Art beziehen sich 
auf Erkrankungen der Gefässe. 

Essmarck und Jessen fanden bei einem 30jährigen 
Paralytiker mit alter Luös die Arteria cerebri profunda und 
die Arteria basilaris atheromatös degenerirt und den rechten 
Nervus oculomotorius, sowie den linken knotig, in eine homogene 
speckige Masse von dreifacher Dicke verwandelt. Auch der linke 
Trigeminus und Abducens zeigten ähnliche Veränderungen(Rumpf). 

Meyer hat von den grossen Gefässen die Carotis endarte- 
riitisch erkrankt gefunden. 

Mendel fand zweimal an der Basilaris Heubner’sche Ar¬ 
terienerkrankung. 

Chwostek fand syphilitische Endarteriitis der Arteria 
basilaris und der rechten Arteria profunda cerebri, ausserdem 
aber sämmtliche Arterien der Basis atheromatös. 

Albutt fand Verdickung der Hirnarterien und in den 
perivasculären Scheiden gummöse Massen. 

Schulz berichtet von einem 53jährigen Manne, der 10 Jahre 
ante mortem eine specifische Chorioiditis hatte; bei der Ob- 
duction fand sich neben der Atrophia cerebri luetische Erkrankung 
der Hirngefässe. 

Rumpf berichtet von einer gummösen Neubildung der 
Arteria basilaris bei einem Paralytiker. 


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474 


Dr. Josef Adolf Eirsohl. 


Man hatte aber auch Gelegenheit, syphilitische Processe bei 
Paralyse an entfernteren Organen bei derObduction nachzuweisen. 
So fand Siemerling bei einer 47jährigen Frau eine Periostitis 
syphilitica tibiae sinistrae, Richter eine Meningitis spinalis 
syphilitica neben dem typischen Befunde der Paralyse, Nolan 
bei einem 18jährigen Manne eine grosse gummöse Geschwulst 
der rechten Pleura und bei einem 45jährigen Paralytiker unter 
dem rechten Stirnlappen einen bimförmigen, in die Hirnsubstanz 
eingebetteten harten Tumor, welcher den Tractus olfactorius an 
seiner Wurzel umfasste. Dieser Tumor erwies sich als ein Gumma. 

Binswanger beschreibt zwei gummöse Befunde im Hirne 
zweier Paralytiker; einmal handelte es sich um ein Gumma im 
rechten Oculomotorius, das anderemal um einen syphilitischen 
Knoten der Fall. 

Damit sind die Befnnde syphilitischer Processe bei der 
Obduction von Paralytikern keineswegs erschöpft, doch mögen 
diese Fälle genügen, um zu beweisen, dass das Zusammentreffen 
von Spätformen der Syphilis mit dem paralytischen Processe 
kein allzu seltenes Vorkommniss ist. 

Seltener constatirt man das Vorkommen syphilitischer Spät¬ 
formen am lebenden Paralytiker; obzwar es gewiss zahl¬ 
reiche Fälle dieser Art gibt, ist ziemlich wenig in der Literatur 
darüber berichtet. 

Nobl, Assistent der Abtheilung Lang, stellte in der 
Sitzung vom 7. Februar 1894 der Wiener dermatologischen Ge¬ 
sellschaft einen 35jährigen Schriftsetzer vor, der angeblich nie 
eine Initialsklerose hatte. Derselbe war 1889 mit einem papulösen 
Exanthem in Behandlung der Poliklinik, lag 1890 mit RecidiT 
des Exanthems, Plaques im Munde und Papeln an den Stimm¬ 
bändern in der Abtheilung des Herrn Professor Lang, hatte 
1891 abermals ein Recidiv des papulösen Exanthems und kam im 
Sommer 1893 mit serpiginösen gruppirten Papeln wiederum 
in die Abtheilung Lang. 1894 brach plötzlich eine progressive 
Paralyse bei dem Patienten aus, die durch intensive antisyphi¬ 
litische Behandlung bald so gebessert wurde, dass die Remission, 
die nach der Behandlung eintrat, noch heute (September 1895) 
anhält. 

Ausser diesem Kranken stehen gegenwärtig in der Ab¬ 
theilung des Herrn Professor Lang noch zwei Fälle von Pa- 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


475 


ralyse in Beobachtung, die gleichzeitig an gummösen Pro¬ 
cessen leiden: Ein Mann mit Gummen an der Unterlippe und eine 
Frau mit Hautgummen und gummösen Geschwüren im Kehlkopfe. 

Bei der relativen Seltenheit, mit welcher einer¬ 
seits das Gumma, andererseits die progressive Paralyse 
der syphilitischen Infection folgt, müssen diese Er¬ 
weise des Zusammentreffens der beiden Processe ge¬ 
nügen; es ist sicher, dass oft genug durch die getrennte 
fachmännische Beobachtung hier eine beginnende Pa¬ 
ralyse und dort eine specifische Affection übersehen 
wird. Schreitet die Paralyse fort und vernarbt ein 
complicirender gummöser Process in nicht auffallend 
charakteristischer Weise, so wird in der nothwendig 
gewordenen psychiatrischen Beobachtung nichts, mehr 
vom gummösen Antecedens zu eruiren sein. 

b) Constatirung vorhergegangener Syphilis. 

Die Constatirung der Paralyse vorangegangener Syphilis, 
vielleicht richtiger latenter Syphilis, ist eine ungleich schwerere 
Sache als die bestehender Syphilis. Sie ist auf zwei Wegen 
möglich, erstens durch Beobachtung objectiver Residuen der 
Syphilis und zweitens durch anamnestische Nachforschung. 

Als objective Residuen der Luös kommen in Betracht: 

1. Die Skleroseresiduen. Da die Induration der Sklerose 
meist zwei Monate nach dem Auftreten der cutanen Erscheinungen 
schwindet, so ist gewöhnlich bei der Paralyse, die doch stets ein 
längerer Zeitraum von den cutanen Erscheinungen trennt, nichts 
mehr von Härte an der Infectionsstelle zu constatiren. Immerhin 
sind langdanernde Indurationen (ein Fall von Ricord trug 
30 Jahre nach der Infection noch die Induration, ein Fall von 
Lang über 50 Jahre) theoretisch noch im Stande, die Paralyse 
zu compliciren. 

2. Die Skleradenitis. Dieselbe dauert zwar gewöhnlich nur 
Jahresfrist, ist aber hie und da noch nach Decennien, allerdings 
in weniger charakteristischer Weise, zu finden. Bei unseren Pa¬ 
ralytikern fand sich in den Fällen 9, 56, 77, 93, 94, 133 Skler¬ 
adenitis, die nach fachmännischer Untersuchung (Dr. Rille) mit 
Wahrscheinlichkeit für Skleradenitis syphilitica erklärt wurde. 
In drei Fällen liess sich der Zeitpunkt der Initialsklerose nicht 


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Dr. Josef Adolf Hirschl. 


mehr bestimmen, in zwei Fällen waren 8 Jahre, in einem 
Falle 15 Jahre nach der Infection vergangen. 

3. Die charakteristischen Narben nach gummösen 
Geschwüren der Haut. Sassen diese gummösen Geschwüre 
auf der Kopfhaut, so haben sie eine Alopecie zur Folge. Wir 
konnten in unseren 200 Fällen nur einmal solche Narben am 
Kopfe mit Alopecia nachweisen (Fall 152). 

4. Die Atrophia laevis baseos lingnae. Dieselbefand 
in der jüngsten Zeit durch Lewin und Heller eingehende 
Würdigung. Wir fanden sie einmal bei der Obduction des Falles 
101. Die Untersuchung auf glatte Atrophie des Zungengrundes 
am Lebenden gestaltet sich in vielen Fällen wegen der Reizbar¬ 
keit der Paralytiker zu einer sehr schwierigen. 

5. Narben und Defecte nach ulcerösen Processen 
im harten und weichen Gaumen, an der Uvula, an der 
hinteren Rachenwand, Perforation des harten Gaumens, Per¬ 
foration des weichen Gaumens, narbige Membranen als Scheide¬ 
wand zwischen Cavum pharyngo-nasale und Cavum pharyngo- 
orale. Wir haben narbige Zerstörung des weichen Gaumens in 
den Fällen 3, 7, 150 constatiren können. 

6. Mastdarmstrictnr nach ulcerösen Processen. Diese 
haben wir bei keinem unserer 200 Fälle beobachtet. 

7. Leucoderma nuchae. Neumann hat Leucoderma sy¬ 
philiticum in 3 Fällen von tertiärer Luös gesehen, einmal 
12 Jahre nach der Infection. Auch wir haben in sehr 
wenigen Fällen ein Leucoderma syphiliticum bei der Paralyse 
constatiren können; diese Fälle betrafen ambulante Kranke, 
über die wir keine genaueren Aufzeichnungen besitzen. Unter 
den 200 in Rede stehenden Fällen hatte keiner ein Leucoderma 
syphiliticum. 

8. Verdickung des Periosts oder Tophi am Knochen¬ 
system. Diese Veränderungen wurden in unseren Fällen von 
Paralyse nicht constatirt. 

9. Narbige Schrumpfungen eines oder beider Te- 
stikel nach Sarcocele syphilitica. 

Damit ist, wie ich glaube, die Zahl der objectiven Kenn¬ 
zeichen überstandener Lues erschöpft. 

Es ist noch hinzuzufügen, dass Fall 11 mit Psoriasis 
linguae und progressiver Paralyse von der Klinik des 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


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Herrn Hofrathes Neumann in unsere Klinik transferirt wurde. 
Wir hatten also mit diesem Kranken unter 200 Fällen 12 Kranke 
(d. i. 6 Procent) mit objectiven Kennzeichen der Syphilis. 

Der anamnestischen Nachforschung stellen sich bei 
der Paralyse oft solche Hindernisse entgegen, dass Fournier 
die Anamnesen der Irrenanstalten und psychiatrischen Kliniken 
für nahezu werthlos erklärt. Immerhin glaube ich, dass bei ge¬ 
nauer Nachforschung, bei Berücksichtigung der Spi¬ 
talsbehandlungen, bei genauer und objectiver Beur- 
theilnng der Graviditäten der Frau des Kranken, so¬ 
wie bei eventueller körperlicher Untersuchung der 
Frau und derKinder desKranken in besonderswichtigen 
Fällen, sich genug der Anhaltspunkte ergeben, die eine über¬ 
standene Syphilis zur Gewissheit machen. In anderen Fällen 
wird eine vorangegangene Lues wahrscheinlich erscheinen; 
Luös auszuschliesse n ist wohl in keinem Falle möglich, 
da wir den Zustand eines Menschen nach überstandener Sy¬ 
philis und eine Restitutio ad integrum nach irgend einer anderen 
Krankheit bisher nicht auseinanderhalten können; in vielen 
Fällen tritt thatsächlich nach Syphilis eine Restitutio ad in¬ 
tegrum ein. 

Die Aussagen der Kranken werden nur dann zu ver- 
werthen sein, wenn er nicht hochgradig dement ist; auch ma¬ 
nische und depressorische Formen werden sich nicht zu allen 
Zeiten für das Examen über Syphilis eignen. Man wird also 
mit dem Kranken nur dann über vorangegangene Syphilis ver¬ 
handeln, wenn man ihn verhältnissmässig ernst und zu Aus¬ 
künften bereit findet. Jedesfalls wird eine genaue Beschreibung 
der venerischen Aifection und eine eingehende Schilderung der 
Behandlung verlangt werden müssen, damit der Arzt sich über¬ 
zeuge, dass nicht bloss eine Renommage des Patienten oder eine 
eingebildete Krankheit vorliege. Das Gedächtniss für diese ge¬ 
wöhnlich Jahre zurückliegende venerische Aifection ist ja bei 
nicht za sehr vorgeschrittener Paralyse noch vorhanden. 

Sehr in Betracht zu ziehen ist die Art und der Beruf des 
Kranken. Der Arbeiter, der drei Jahre beim Militär gedient hat, 
mit verschiedenen Luesattaquen in den Garnisonsspitälern ge¬ 
legen ist und stets durch die ärztliche Behandlung wieder in 
den Besitz seiner Gesundheit gekommen ist, sieht keinen Grund, 


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Dr. Josef Adolf Hirschl. 


seine durchgemachten venerischen Erkrankungen zu verschweigen. 
Der kleine Mann der Gressstadt hat sich durch den Umgang 
mit leichtlebigen Individuen, die gewissermassen prahlen mit 
ihren venerischen Infectionen, um das Renommd eines Schwere- 
nöthers zu erwerben, eine relativ gute Kenntniss der venerischen 
Erkrankungen erworben und beobachtet peinlich etwaige patholo¬ 
gische Veränderungen an seinen Genitalien; auch dieser wird also 
eine überstandene Lues anzugeben wenigstens in der Lage sein. 

Anders der Taglöhner vom Lande und der in miss¬ 
lichen Verhältnissen aufgewachsene Bauer. Diese haben 
oft keiue Kenntniss von venerischen Affectionen überhaupt; sie 
sind oft in Schmutz und Parasiten anfgewachsen, haben jahre¬ 
lang ihr Ekzem nicht verloren, das ihnen in seinem späteren 
Bestände nur mehr wenig Beschwerden macht. Solche Leute 
merken wohl eine Initialsklerose nicht, die sich ja 
nicht sonderlich abhebt von den impetiginösen Stellen, 
zumal da sie nicht schmerzhaft ist und in einigen 
Wochen abläuft. Dabei täuscht auch die oft ohne Co- 
habitation verlaufene Incubationszeit Zusammenhang- 
losigkeit dieser Sklerose mit dem Coitus vor. Secundäre 
Zustände und tertiäre Processe werden diesen Individuen auch 
nicht weiter bemerkbar. So ist von ihnen kein Zugeständnis» 
der Syphilis zu erwarten und deshalb sehen wir häufig solche 
Leute mit Gummen oder mit Paralyse hartnäckig ihren Initial- 
affect leugnen. 

Dazu kommen endlich Leute aus Gegenden, die weit und 
breit keinen oder einen mit der Lues nicht vertrauten Arzt 
haben. Diese erinnern sich manchmal an Affectionen, die mit 
Theeumschlägen behandelt worden sind. Da der Arzt auf diese 
Erkrankungen kein Gewicht gelegt hat, werden sie auch oft 
vergessen, zumal von Paralytikern. 

Sehr oft wird ein behandeltes Ulcus, das vom Träger ge¬ 
kannt wurde, nach langen Jahren schwerer Arbeit und Familien¬ 
sorge einfach vergessen, gerade so wie wir Aerzte einen durch¬ 
gemachten Furunkel vergessen, dem wir ebensowenig Bedeutung 
für die Zukunft beilegen, wie der Kranke seinem Ulcus. 

Verschweigen der Syphilis aus Scham denAerzten 
gegenüber ist bei Männern gewiss eine seltene Sache; 
im Spitale wohl noch seltener als in der Privatpraxis. 


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Die Aetiologie der progressiven Paralyse. 


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Die Frau des Kranken ist nur selten im Stande, über 
Torangegangene Syphilis des Mannes Auskunft zu geben; in den 
meisten Fällen war der Mann vor der Ehe syphilitisch inficirt. 
Die Einvernehmung der Frau ist